Beiträge mit dem Schlagwort ‘Street-Parade’

Wieder mehr Rave und weniger Fasnacht

Alex Flach am Montag den 15. August 2016
Einfach tanzen.

Einfach tanzen.

2008 war ein entscheidendes Jahr in der Geschichte der Street Parade. Damals hat der Stadtrat die Sonderbewilligung für Outdoor-Bars und Musikanlagen im Freien während der Street Parade aufgehoben. Nach einer vierjährigen Beobachtungsphase hat Stadtrat Daniel Leupi im März 2012 entschieden auch weiterhin keine Outdoor-Bars zuzulassen. Eine entsprechende Bewilligung würde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wieder zu einem deutlichen Anstieg von verletzten Personen führen: Seit 2008 seien sowohl die Anzahl der Körperverletzungen als auch der Behandlungen durch Schutz & Rettung markant zurückgegangen.

Jedoch hat die Verweigerung dieser Sonderbewilligung auch Schattenseiten. War zuvor die ganze Stadt ein einziger Dancefloor und bereits der Gang zur Strecke Bahnhofstrasse oder das Limmatquai hinunter ein Bass-unterlegtes Happening, gleicht der Zug der Raver zum See heute einem Schweigemarsch, begleitet von kleinen Partyreisegruppen die sich in Seitengassen verstecken um die Drogen für den Tag unter sich aufzuteilen.

Zudem hat sich das Nachtleben mit der Verweigerung der Sonderbewilligung endgültig vom Umzug verabschiedet: Wegen der hohen Kosten, der vielen Auflagen und des enormen Personalaufwands für das Stellen eines Love Mobiles verzichteten circa seit der Jahrtausendwende immer mehr Zürcher Clubs und Veranstalter auf einen eigenen Lastwagen und fokussierten sich stattdessen auf die einträglichen Afterpartys und auf die Organisation von Outdoor-Partys wie jener im Rosenhof am Limmatquai.

Als 2008 diese innerstädtischen Club-Präsenzen während des Umzugs plötzlich keine Bewilligung mehr erhielten, wurde aus der Street Parade der Clubber endgültig ein Karneval für die ganze Familie. Zwar hat das Organisationskomitee diese Entwicklung mit diversen Soundstages etwas dämpfen können, aber es war und ist nicht mehr dasselbe.

Durch die 25. Parade wehte jedoch der leise Hauch von Umkehr. Es waren weniger Familien mit Kindern auszumachen und auch der Anteil an Verkleideten war deutlich kleiner als in früheren Jahren. Dass weniger Familien an der Strecke waren hing sicher mit der Angst vor einem Terroranschlag zusammen – die schrecklichen Bilder aus Nizza gingen wohl auch den 900‘000 Furchtlosen an der Strecke bisweilen durch den Kopf.

Warum sich hingegen immer weniger Leute verkleiden, liess sich gut an einem kleinen Zwischenfall abseits der Strecke ablesen: Als sich einer aus einer Gruppe mit blauen Perücken und ebensolchen Röcken bewehrter Männer im fortgeschrittenen Alter laut wunderte, dass nur vereinzelt andere Fasnächtler auszumachen sind, entgegnete ihm ein vorbeigehender Raver lapidar, dass sich halt nur Deppen verkleiden würden.

Es wäre schön, wenn die kommende Clubber-Generation aus dem Fasching für Jung und Alt wieder ein Anlass der elektronischen Musik machen würde. Jedoch müssten dann die Love Mobiles bezüglich Soundqualität nachziehen: Die schwankte auf vielen Lastwagen auch in diesem Jahr zwischen nervtötend und nicht vorhanden und einfach nur Insomnia von Faithless mit 160 BPM abspielen ist nicht die Art von repräsentativem Beitrag den die Street Parade als grösste Technoparty der Welt zur Musik leisten sollte.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Keine Liebe für Lovemobiles

Alex Flach am Sonntag den 7. August 2016
DJs, die nicht vom Motorengeräusch zu unterscheiden sind: Keine Seltenheit an der Street Parade.

DJs, die nicht vom Motorengeräusch zu unterscheiden sind: Keine Seltenheit an der Street-Parade.

Hierzulande kann man immer häufiger zu Sets von Frauen wie Patrischa, Eli Verveine, Honorée, Frau Hug oder Vanita tanzen. Sie alle spielen in den besten Clubs mit subkultureller Programmierung wie der Friedas Büxe, dem Basler Nordstern oder dem Supermarket. Auch die Bernerin Carol Fernandez vermag sich seit längerer Zeit in der Männerdomäne DJing zu behaupten. Im Unterschied zu den Genannten ist sie aber in sehr kommerziellen Gefilden zuhause, samt Gastauftritten bei der SRF-Sendung Glanz & Gloria. Ähnlich wie die Ostschweizerin Tanja La Croix vermarktet sie sich denn auch nicht primär über ihre Musik, sondern mit peppigen Modelfotos.

An der Street-Parade vor zwei Jahren hat Fernandez ein Zeichen gesetzt, das man trotz Absenz von Absicht als Statement interpretieren kann, und hat den ehemaligen Sidekick von Harald Schmidt und heutigen Ballermann-DJ Oliver Pocher auf ihr Lovemobile gebucht. Klar… dieses Booking war wohl eher das Resultat einer enormen Fehleinschätzung der Ansprüche leidenschaftlicher Raver, aber trotzdem hat sie damit die Entwicklung auf den Punkt gebracht, welche die Zürcher Clubs von der Street-Parade fernhält: Die Musik die von den Lastwagen runterdonnert ist mehr Tortur als Kunst und hat nichts mit dem zu schaffen, was beispielsweise in einem Club Zukunft läuft – dort würde man Pocher und Fernandez wenn nötig mit Gewalt von den Plattentellern fernhalten.

Auch in diesem Jahr lässt einen die Durchsicht der Lovemobile-DJs erschaudern. Klar gibt es Ausnahmen wie beispielsweise das «Mimmo & Friends»-Lovemobile mit DJs wie Dario D’Attis oder Mirco Esposito oder das „Black & White Lovemobile“ auf dem unter anderem das Mad Katz DJ Team zugange ist. Aber alles in allem wünscht man sich bei den meisten Lovemobiles die Motoren wären lauter als das Soundsystem. Ganz anders sieht es hingegen auf den Bühnen aus: Der Street-Parade-Booker Robin Brühlmann hat ganze Arbeit geleistet und seine acht Stages hochkarätig besetzt. Loco Dice, Mind Against, Martin Buttrich, Pan-Pot und Steve Lawler sind nur ein paar der grossen DJs die da spielen.

Vor diesem Hintergrund ist die Idee zu sehen, die neulich in den sozialen Medien aufgetaucht ist, man könnte doch die Lovemobiles abschaffen und die Street-Parade zum elektronischen Festival umbauen. Dieser Gedanke ist nicht neu und es waren bereits zögerliche Ansätze zu beobachten aus der Parade ein mehrtägiges Happening analog der Sonàr in Barcelona zu machen. Jedoch sollte auch dann keinesfalls auf den Lastwagen-Umzug verzichtet werden: Auch wenn der Zürcher die Lovemobiles nur noch als akustisches Ärgernis sieht, so sind doch sie es, die die Street-Parade so einzigartig machen. Egal wie scheusslich der Sound bisweilen ist: Die Lastwagen sind als Herzstück und ultimativer Wiedererkennungswert der Street-Parade nicht ausklammer- oder abschaffbar. Egal wie man’s dreht und wendet: Soll sich was ändern müssen die Clubs mit eigenen Lastwagen zurück an die Strecke. Je früher desto besser.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Die Afterpartys

Alex Flach am Montag den 25. Juli 2016

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Am 13. August darf das Organisationskomitee der Street-Parade um seinen Präsidenten Joel Meier die bereits 25. Ausgabe seines Umzuges feiern. Exakt ebenso lange währt die Tradition der Afterpartys nach der Street-Parade, die bisweilen bis in den Montagmorgen hinein dauern. Einer der ältesten und bekanntesten dieser Raves, die Energy im Hallenstadion, findet seit 2013 nicht mehr statt und auch in diesem Jahr wird die veranstaltende Glamourama GmbH um Arnold Meyer von einer Durchführung absehen.

Meyer beteiligt sich stattdessen an der Organisation der Electric City auf dem Maag Areal, die seine Energy als grösste Afterparty abgelöst hat. Dennoch werden an der Electric City deutlich kleinere Brötchen gebacken als bis vor drei Jahren an der Energy: Mit bekannten ausländischen Headlinern wie Chris Liebing, Kollektiv Turmstrasse und Len Faki und Schweizer Talenten wie DJ Definition ist das Line Up zwar grundsolide besetzt, jedoch fehlt die grosse Überraschung, ein Name mit Wow-Effekt. Einen solchen findet man hingegen im Kaufleuten: Dort wird Carl Cox, der ehemals bestverdienende DJ der Welt, nach seinem Set an der Street-Parade-Strecke ein weiteres Mal auflegen. Dies dürfte vor allem die erfahrenen Raver freuen, die sich an das letzte Kaufleuten-Gastspiel des britischen Meisters in den 90er Jahren erinnern mögen.

Weitaus häufiger nach einer Street-Parade anzutreffen ist der Der Dritte Raum. Der deutsche Live-Act wird in diesem Jahr im Blok Club musizieren, zusammen mit Schweizern wie beispielsweise Nici Faerber oder Manon. Ansonsten bieten die Clubs mehrheitlich ein Programm, das (wenn überhaupt) nur bezüglich Anzahl der DJs von ihrem üblichen abweicht: Im Hive spielen unter anderem Einmusik, André Hommen und Pele & Shawnecy, in der Zukunft Adriatique, Jimi Jules und Kalabrese, im Stall 6 gibt’s Drum’n’Bass vom Zürcher Label Divercity zu hören, im Plaza spielen Richard Judge, Deepend und Lovra breitentauglichen Deep House, in Friedas Büxe sind André Butano und der Bar 25-Plattenlabelbetreiber Danny Faber zugange und im Lexy Barem. Der bekannteste Name prangt im Line Up des Supermarkets: An der dortigen Cityfox werden die DJs vom Innervisions-Chef Dixon angeführt und der stand in den meisten global wichtigen und subkulturell orientierten DJ-Rankings der letzten paar Jahre ganz zuoberst.

Wer es auch nach der Street-Parade musikalisch unorthodox mag, der kann sich vertrauensvoll an die Macher der Lethargy um den DJ und Veranstalter Petar P. Bell halten: Am mehrtägigen Festival in der Roten Fabrik spielen beispielsweise die Westschweizer Electronica-Pioniere The Young Gods und auch Acid Tribe feat. Acid Pauli wird dort zu hören sein (beide jeweils am Abend vor der Street-Parade). Alternativ dazu ist auch der Gang in die Amboss Rampe zu empfehlen: Der Kasheme-Macher Nick Mazrekaj hat dort ein anspruchsvolles Feinschmecker-Line Up mit Artisten wie Masomenos, San Proper & D., Adil Hiani und Margaret Dygas zusammengestellt. Wer hingegen auch an der 25. Street-Parade einen Bogen um House und Techno machen möchte, der hält sich ans Gonzo: Dort spielen Nasty Naas und Jay Boogie 80s, 90s, Funk und Pop.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Die 25. Street-Parade

Alex Flach am Montag den 11. Juli 2016
Als die Street Parade noch nicht Massenfasnacht war: 1992 (Bild: Tom Kawarra)

Als die Street-Parade noch ein Kleinkind und kein Mittzwanziger war: 1992 (Bild: Tom Kawara)

Am 13. August zuckeln zum 25. Mal die Lovemobiles durch Zürich und selbst der Street-Parade-Gründer Marek Krinsky hätte sich 1992 wohl nicht träumen lassen, dass sein Umzug 24 Jahre später die Raver noch immer in Massen zu mobilisieren vermag. Dies ist beileibe keine Selbstverständlichkeit, denn die grösste Techno-Party der Welt war zeit ihres Bestehens stets von Feinden umzingelt und stand bereits 1994 das erste Mal vor dem Aus, als der damalige Stadtrat Robert Neukomm sich weigerte, sie ein weiteres Mal zu bewilligen: Sie sei zu laut, sie verschmutze die Strassen und die Innenstadt sei für solche Grossanlässe völlig ungeeignet.

Zudem seien die Initianten ein «unwichtiges Grüppchen» und man könne diesen Umzug doch auch in Basel oder Bern durchführen. Glücklicherweise darf man in der Schweiz irrenden Politikern die Meinung geigen und so machte der Stadtrat nach anhaltenden Protesten der Bevölkerung und der Clubszene einen Rückzieher.

Ironie der Geschichte: Ein Vierteljahrhundert später wird der Stadtrat nicht müde zu betonen, wie wichtig die Street-Parade für das Image Zürichs ist, derweil ihr die Szene demonstrativ den Rücken zukehrt. Selbst anlässlich ihrer diesjährigen Jubiläumsausgabe verweigern ihr die Nachtleben-Macher die Zuneigung: Kein einziger Zürcher Club mit Renommee wird mit einem Lovemobile am Umzug teilnehmen, derweil bis zur Jahrtausendwende noch Rangeleien um die besten Startplätze zu beobachten waren.

Heutzutage wird man auf der Suche nach gewichtigen Zürcher Nightlife-Namen lediglich bei den DJs fündig. Neben international bekannten Star-DJs wie Carl Cox, Chris Liebing, Loco Dice, Mind Against, Martin Buttrich, Steve Lawler, Felix Kroecher, Nic Fanciulli, Pan-Pot und Art Department, werden auch bekannte Zürcher DJs aus (beinahe) sämtlichen bekannten elektronischen Clubmusik-Genres auflegen – und zwar ohne dass der Street-Parade-Booker Robin Brühlmann dafür einen Rappen Gage in die Hand nehmen muss.

Die Turntable-Grössen, die in- wie auch die ausländischen, werden mehrheitlich nicht auf den Lovemobiles ihrem Tagwerk nachgehen, sondern auf einer der acht verschiedenen und entlang der Strecke positionierten Bühnen. Vor allem eine dieser Stages dürften die Herzen der Techno-Nostalgiker höher schlagen lassen und zwar die 25 Years Jubilee Stage mit dem Berliner Loveparade-Gründer Dr. Motte und den Street-Parade-Veteranen Styro 2000, Gogo, Mas Ricardo, Art of Etienne, Cut A Kaos, Madness und Viola.

Trotz der abermaligen Absenz der Zürcher Clubs ist es dem Street-Parade-OK um seinen Präsidenten Joel Meier gelungen, ein beeindruckend besetztes und äusserst vielseitiges Programm auf die Beine zu stellen. Wer weiss: Vielleicht animiert dies doch den einen oder anderen Clubbesitzer sich heimlich an die Street-Parade zu stehlen und Meier zum Jubiläum die Hand zu schütteln. Und selbst wenn nicht: Für ihn und seine Kollegen wird der 13. August wohl trotzdem ein sehr erfolgreicher und schöner (wenn auch anstrengender) Tag. Zum Jubiläum jedenfalls nur das Beste, liebe Street-Parade.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Wem gehört die Stadt?

Réda El Arbi am Freitag den 8. April 2016
Die 24-.Stunden-Spassgesellschaft geht auf Kosten der Anwohner.

Die 24-.Stunden-Spassgesellschaft geht auf Kosten der Anwohner.

Das Züri-Fäscht steht wieder an und wieder steht die Frage im Raum, ob die Anwohner in der Innenstadt einfach mit dem Ausnahmezustand bei Grossanlässen leben müssen.

Natürlich ist es in den Jahren, in denen die Zürcher sowohl Street Parade wie auch das Züri-Fäscht aushalten müssen, speziell unangenehm. Aber das ist ja nicht die einzige Belastung. Das Seebecken ist auch ohne Grossanlässe jedes Wochenende die Freiluft-Partymeile der ganzen Region. Dreck, Randale und Lärm gehören vom ersten sonnigen Tag an zum Seeufer.

Und hier stellt sich auch die grundsätzliche Frage: Wem gehört die Stadt? Wer bestimmt wie über die Nutzung und die Beschränkungen im öffentlichen Raum? Es ist übrigens nicht nur das Seebecken, auch rund um die Langstrasse findet die Diskussion statt, wie viel von den Folgen der Party-Unternehmen und der 24-Stunden-Spassgesellschaft die Anwohner mit ihrer Lebensqualität mitfinanzieren müssen. Züri Fäscht, Street Parade, Sechsiläuten, Dörflifest, Caliente – jedes für sich wäre auszuhalten. Aber alles zusammen, und die zusätzliche Belastung an jedem einzelnen Wochenende, kann zu einer Überdosis führen.

Die ziemlich arrogante Antwort «Dann zieht doch weg, wenns euch zu laut und zu dreckig ist», zeigt, wie viel Respekt den Leuten, die ihren Lebensraum mit den Spass-Wirtschaftern teilen, entgegengebracht wird.

Das Grundverständnis vom öffentlichen Raum unterscheidet sich bei den verschiedenen Interessengruppen immens: Für die Einen ist es der Vorgarten, der Heimweg, die Nachbarschaft. Bei den Anderen handelt es sich um ihre persönliche Markthalle, um den erweiterten Club, um einen Raum, den man benutzt und dann wieder verschwindet. An Grossanlässen benutzen die Besucher die Stadt als Toilette, Ballermann-Strand und Kotzmeile. Und natürlich immer als Abfalleimer – nach mir die Sintflut.

Natürlich ist die Stadt nicht nur Wohnraum. Ein Teil der Anziehung von Zürich kommt aus dem kulturellen Angebot. Aber es geht auch um das Zusammenleben. Und da die Anwohner weder an die Verkaufsstände an den Volksfesten pinkeln, noch in die ihre eigenen Vorgärten kotzen oder Flaschen und Scherben in die Clubs bringen, ist es vorallem eine Frage des Respekts.

Die Anziehung der Stadt wirkt ja nicht nur auf die Leute, die dann wirklich in die Stadt ziehen und da leben. Sie wirkt in erster Linie auf Spasspendler, auf Leute, die die Vorteile einer urbanen Umgebung nutzen wollen, aber dann wieder abdüsen und ein paar Zehnernötli und einen Haufen Dreck in der Stadt zurücklassen. Kindern würde man ein Fernsehverbot oder Zimmerarrest geben, wenn sie das gemeinsame Wohnzimmer so hinterliessen oder mit Lärm und Streit die Nachbarn stressen. Und Kinder hat man ja nicht zu Tausenden im Wohnzimmer.

Es ist natürlich auch eine Frage des steitigen Wachstums und der Verhältnismässigkeit. An einem normalen Wochenende kommen bis zu 50 000 Menschen zu ihrem Vergnügen in die Stadt, an der Street Parade sind es rund eine Million, am Züri-Fäscht bis zu zwei Millionen. Das ist einfach zu viel für eine Stadt mit 400 000 Einwohnern, vor allem wenn man bedenkt, dass vor allem zwei Quartiere die Spasslast tragen müssen.

In meinen Augen geht das Recht der Anwohner vor. Die Spasslawine mit ihrem ausufernden, negativen Impact auf die Wohnqualität sollte eingeschränkt werden.

Was meint ihr? Bin ich einfach eine Spassbremse oder hat die Lebensqualität der Anwohner wirklich Vorrang vor den konsumgeilen Spasstouristen?

Tipps für Flüchtlinge an der Street Parade

Réda El Arbi am Donnerstag den 14. Januar 2016
Wir helfen Flüchtlingen, unsere kulturellen Werte etwas besser zu verstehen: Street Parade

Wir helfen Flüchtlingen, unsere kulturellen Werte etwas besser zu verstehen: Street Parade

Luzern erarbeitet gerade für Flüchtlinge ein Merkblatt für sittliches Verhalten an der Luzerner Fasnacht. Natürlich wollen wir in Zürich dem in Nichts nachstehen. Da wir aber keine Fasnacht haben, werden wir den kulturfremden Flüchtlingen erklären, wie sie sich an der Street Parade zu verhalten haben. Das ist schliesslich auch nicht ganz einfach für Menschen aus einem weniger weltoffenen Kulturkreis, nicht? Hier die 8 wichtigsten Punkte:

Diskretion

Anstarren nur für Einheimische.

Anstarren nur für Einheimische.

Sie werden sehr viele Leute sehen, die wenig oder gar nichts anhaben. Nehmen Sie das nicht als eine Einladung, lange hinzustarren. Diese Leute wollen sich zwar zeigen, aber nicht Ihnen. Das Anstarren und Ansabbern ist nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

Konversation

Sollten Sie die Einheimischen bei ihren rituellen Gesprächen ( «Yo ey, geili Titte!» oder «Mann, dich würd i abschläcke bis nass bisch!») beobachten, versuchen Sie nicht, diese zu imitieren. Die gleichen Worte könnten zu Verwirrung führen, wenn sie nicht in einem der gängigen europäischen Dialekte ausgesprochen werden. Die Reaktion darauf könnte anders ausfallen, als Sie erwarten, und Sie könnten sich schnell in Polizeigewahrsam wiederfinden. Konversationen dieser Art sind nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

Alkohol und Drogen

Bitte zurückhaltend im Umgang mit Alkohol und Drogen.

Bitte zurückhaltend im Umgang mit Alkohol und Drogen.

Sollten ihrer Kultur die europäischen Grundwerte Alkohol und Drogen fremd sein, können Sie sich an diesem Anlass damit vertieft bekannt machen. Kosten Sie möglichst alles, aber kaufen Sie nur von einheimischen Anbietern. Und verkaufen Sie um Himmels Willen nichts weiter! Ausländer und Drogenhandel sind in der Schweiz ein heikles Thema!   Schauen Sie auch, dass Sie sich auch weiterhin beherrschen können. Die Feiernden fühlen sich durch alkoholisierte oder zugedröhnte Flüchtlinge schnell bedroht. Das Herumtorkeln ist nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

Kleidung und Auftreten

Sie werden viele Menschen sehen, die ihre sonnengebräunte Haut zeigen. Verwechseln Sie diesen Farbton nicht mit ihrer eigenen, der Ethnie geschuldeten Hautfarbe. Da die Menschen oft hart für ihre Sonnenbräune arbeiten mussten, ist es den Einheimischen unangenehm, wenn Sie ihren gratis erhaltenen, dunklen Teint zeigen. Halten Sie sich an Ihre eigene Kultur und tragen Sie eine Burka, so ist Ihnen das Mitleid der Einheimischen sicher. Das Zeigen von Haut ist nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

Die ruheplätze sind den Gästen mit europäischen Kulturhintergrund vorbehalten.

Die Ruheplätze sind den Gästen mit europäischem Kulturhintergrund vorbehalten.

Entspannen

Legen Sie sich nicht einfach irgendwo auf die Wiese. Das könnte bei Ihrer Herkunft als Landstreicherei oder «Herumgammeln» interpretiert werden. Wiesen, Strassenecken und Verkehrsinseln sind für diejenigen Raver reserviert, die sich vom harten Feiern und vom Drogenkonsum (Siehe Tipp 3) erholen müssen. Das Herumgammeln auf freien Flächen ist nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

Hilfe leisten

Sollten Sie sich Sorgen machen, wenn Sie bei einem der ruhenden Feiernden keine Atmung mehr wahrnehmen können, halten Sie sich trotzdem von ihm/ihr fern! Hilfeleistung an bewusstlosen Halbnackten könnte sehr schnell falsch verstanden werden – und Sie könnten sich schnell in Polizeigewahrsam oder einem Hospital wiederfinden. Treten Sie drei Schritte zurück und rufen Sie nach der nächsten Bürgerwehr. Die haben sich der Hilfeleistung verpflichtet und sollten das Problem schnellstens lösen können. PS: Einheimische und Gäste aus dem umliegenden Europa sind meist zu stark mit Feiern beschäftigt, um Hilfe leisten zu können.

Tanzen

Der Sinn der Street Parade ist es, in einer riesigen Menschenmenge zu tanzen. Wir raten Ihnen jedoch davon ab. Sollten Sie trotzdem aus irgendeinem Grund in die tanzende Menge geraten, nehmen Sie beide Hände über den Kopf und verschränken Sie die Beine. Körperkontakt mit Ihnen könnte von den Anwesenden falsch verstanden werden und Sie könnten sich schnell in Polizeigewahrsam wiederfinden. Körperkontakt ist nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

Sanitäre Einrichtungen

Sie könnten beim Besuch der Street Parade auf den Gedanken kommen, dass Strassenecken und Hauseingänge in unserer Kultur Synonym für «Toiletten» sind. Das ist nicht so. Bitte vermeiden Sie es, sich den Gepflogenheiten anzupassen und Ihr Geschäft auf der Strasse zu verrichten. Solch eine Geste der Integration könnte von den Anwesenden falsch verstanden werden und Sie könnten sich schnell in Polizeigewahrsam wiederfinden. Sich öffentlich zu erleichtern  ist nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

So, solange Sie sich an unsere Sittlichkeitstipps halten, sollten Sie an der Street Parade nicht in Schwierigkeiten kommen. Viel Spass bei unserem Stadtfest!

Party für alle

Alex Flach am Montag den 31. August 2015
Clubber gehen in die Badi, Badigäste offenbar an die Street Parade.

Clubber gehen in die Badi, Badigäste offenbar an die Street Parade.

«Früher war alles besser». Nirgendwo kriegt man dieses universell anwendbare Pauschalurteil öfter zu hören als im Nachtleben und wie (beinahe) überall sonst trifft es auch hier nicht zu. Der Mensch neigt dazu Vergangenes zu verklären und euphorische Momente werden im Rückspiegel und mit den Jahren immer schöner. Dazu kommt, dass Clubbing für 20jährige was Neues ist und jede Nacht in der Grossstadt eine aufregende Safari ins unbekannte Unterholz. Hat man dann die ersten fünf Jahre Ausgang hinter sich gebracht, wirkt alles kleiner und weniger spektakulär: Man kennt’s halt. Das Einzige, das man auch nach Jahren immer wieder neu entdecken kann, ist die Musik.

Was das anbelangt muss sich die Street Parade alljährlich Mutlosigkeit und einen Hang zum Ultrakommerz vorwerfen lassen. Nicht ganz zu Unrecht, zumindest was den Sound der Lovemobiles betrifft: Fans innovativer Clubmusik, wie sie beispielsweise der Club Zukunft bietet, werden hier schon lange nicht mehr glücklich. Auch in diesem Jahr war das, was an Sets von den Lastwagen dröhnte, öfter bedenklich als denkwürdig. Wer sich aber umsah kam zum Schluss, dass das eigentlich gar keine Rolle spielt: Die Street Parade der Gegenwart ist ein Karneval für die gesamte Familie (wobei wohl nicht jedes Kostüm für Kinderaugen gedacht war) und die Musik nur die akustische Untermalung zum Hedonismus der Eintagesraver. Und wenn eine Million Leute in friedlicher Einhelligkeit sich selbst und den Sommer feiern, kann auch der musikaffine und erprobte Nachtschwärmer nur schwer was gegen sagen.

Die scheinen sich seit diesem Jahr endgültig damit abgefunden zu haben, dass der Umzug nicht mehr ihnen gehört und sind ohne zu murren auf die begleitenden Partys ausgewichen wie beispielsweise die Rakete Schleudergang in der Badi Mythenquai. Dort drängten sich bereits mit Türöffnung um 17 Uhr die Massen am Eingang und bereits nach wenigen Minuten versuchten die ersten Verwegenen sich unbefugterweise Zugang zum Gelände zu verschaffen, indem sie über den Zaun kletterten. Dort trafen sie dann auf Badegäste, die einen ruhigen Tag am See geniessen wollten, was bisweilen zu skurrilen Begegnungen führte. So beschied beispielsweise ein ausländischer Badegast einem DJ, dieser möge doch bitte umgehend den Sound abschalten: Er hätte bestimmt nicht acht Franken Eintritt bezahlt um sich jetzt mit Bässen zuballern zu lassen. Der leicht irritierte DJ versuchte dem Badegast dann zu erklären, was die Street Parade ist.

Schlussendlich fand man aber doch einen gemeinsamen Nenner und am Ende war die Feier in der Badi Mythenquai ein gelungenes Beispiel dafür, wie die Unterteilung an der Street Parade auch künftig aussehen wird: Die Clubber und Städter feiern an den Partys, alle anderen an der Strecke. Wer nun in die vielen fröhlichen Gesichter geguckt, die Atmosphäre dieses spätsommerlichen Tages in sich aufgesogen und dabei seine, von längst vergangenen Erlebnissen geprägte, Nostalgie über Bord geworfen hat, der kam unweigerlich zum Schluss, dass es früher nicht besser war. Es war bloss anders.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Hassliebe Street-Parade

Réda El Arbi am Sonntag den 30. August 2015
Die alte Liebe ist tot, und lässt sich auch mit viel Alkohol nicht wiederbeleben.

Die alte Liebe ist tot, und lässt sich auch mit viel Alkohol nicht wiederbeleben.

Natürlich hassen alle, die von sich behaupten, «echte Stadtzürcher» zu sein, die Street-Parade. Sie jammern über die vielen Leute (zu Recht), behaupten von sich, dass sie an diesem Wochenende in die Berge fliehen, was – zum Glück für die Bündner und andere Fans der Zürcher – meist gelo​gen ist. Sie bemängeln die Qualität der DJs, oft, oh​ne deren Namen zu kennen. «Street-Parade ist böse» gilt als anerkanntes Hipster​-Mantra rund um die Langstras​se.

Zäh​neknirschend organisieren die Zürcher Clubs ihre Street-Parade-Specials und stecken verschämt die zusätzlichen Einnahmen dieses Wochenendes ein. Es gibt alternative Anlässe, die dem urbanen Zürcher das Gefühl geben sollen, man sei dann doch irgend​ wie anders als die anderen. Man definiert sich über die Street-Parade, so wie sich die Satanisten über die Bibel definieren.

Und witzigerweise gehen viele meiner Freunde dann doch, inkognito. Schleichen sich quasi mit bedecktem Gesicht durch die Massen und wippen ekstatisch hinter einem Baum mit dem Fuss. Trifft man sie dann an, führts zu einer peinlichen Sekunde, bevor jeder seine Entschuldigung («Ich musste eh grad quer durch die Innenstadt zum Metzger» oder «Ich zeig grad meinen Be​kannten, was wir in Zürich je​ des Jahr über uns ergehen lassen müssen») hervorbringt. Man glaubt sich und versichert sich nochmals nachdrücklich gegenseitig, dass man die Parade hasst.

Das war nicht immer so. Früher haben alle heutigen Nörgler die Street-Parade geliebt. Früher war eben alles besser. Natürlich war jeder bei der ersten Street-Para​de mit dabei. Wenn damals, am 5. September 1992, wirklich jeder um die zwei klapprigen Love-Mobiles getanzt wäre, der das von sich behauptet, wären schon damals eher 20 000 als 2000 Leute dabei gewesen.

Aber meine Generation, die Ü-40, ist sich sicher, dass der Pioniergroove, der damals herrschte, den eigentlichen Wert ausmachte, und nicht etwa das überteuerte MDMA in kleinen Kapseln mit Sonnen oder Monden drauf (das sich übrigens nach einer exzessiven und euphorischen Nacht laut einer befreundeten Apothekerin als Hustenmedikament entpuppte). Es waren auch nicht unsere eigenen Hormone, unsere eigene Selbstverliebtheit, die diesen Anlass zu einem Meilenstein in unserer individuellen Geschichte machten. Es war «die Zeit damals». Ehrenwort! Nun sind wir älter, und der Grossanlass bietet uns nicht mehr die emotionale Grösse, mit der er vor 20 Jahren unsere wach​senden Persönlichkeiten ausfüllte.

Aber eben, man schönt die ei​gene Jugend. Auch Zürcher, die erst in ihren späten Zwanzigern sind, behaupten, dass die Parade 2003 noch viel mehr «Spirit» hatte. Und wahrscheinlich wer​den die 18-Jährigen, die dieses Jahr teilnehmen, in zehn Jahren schwören, dass es 2015 noch viel spezieller war.

Es hilft, den eigenen Mythos zu erhalten, wenn man sich von der augenblicklichen Street-Para​de distanziert. Das kann man daran erkennen, dass es gerade die alten Raver und die Club-Hipster sind, die sich am klarsten vom Massenanlass abgrenzen. Weil es schmerzt, wenn sich die eigene Jugend nicht festhalten lässt und aus dem Persönlichen plötzlich «Mainstream» wird.

Überhaupt, der Pöbel spricht ja noch immer vom grössten «Techno»-Anlass (die Anführungszeichen sind beim verächtlichen Aussprechen mit den Fingern in die Luft zu malen), während die Kenner und Connaisseure von «EDM» sprechen, elektronischer Tanzmusik. Da zeigt sich der Unterschied zwischen Nightlife-Fachkräften und den Frisösen aus Süddeutschland, die sich in Bikinis auf erdölvernichtenden Riesenlastern um das Seebecken karren lassen.

Pfui.

Man feiert dieses Wochenende im engeren Kreis, also mit den gleichen 150 Leuten, die man so​ wie​ so schon jedes Wochenende im Halbdunkel der Clubs erahnen kann. Nicht, dass man morgens um Vier dann noch einen Unter​schied zwischen den beiden Arten von Feiernden ausmachen könnte. Beide sind hackedicht, und dass die einen das Dreifache für Drinks und Drogen bezahlt haben, ist nicht mehr zu erkennen.

Es ist nicht ein Unterschied der Qualität, sondern ein Unterschied des Intervalls. Während sich die einen ein ganzes Jahr zurückhalten und dann im August zwei Tage die Sau rauslassen, schwingen die anderen in einer kürzeren Frequenz, jubeln nach je​der harten Arbeitswoche «Thank God It’s Friday» und versinken dann bis Sonntagmorgen in einer elektronisch untermalten Halbwelt.

Irgend​ wie entbehrt es auch nicht einer gewissen Ironie, dass die Clubbetreiber, die ihre Nase über die Street-Parade rümpfen, nun selbst von ihren Nachbarn als «Ballermann-Partyveranstalter» kritisiert werden, weil ihre Gäste sich jedes Wochenende wie an einer endlosen Street-Parade verhalten.

Mit der Street-Parade verhält es sich ein wenig wie mit einer Ex-Freundin: Man hatte Spass mit ihr, man hat sich getrennt, und eine Weile erträgt man es nicht, wenn Neue sich an ihr erfreuen. Inzwischen ist sie älter, hat etwas zu​ genommen und wirkt in den Klamotten aus ihrer Jugend etwas vulgär. Man gönnt ihr den Spass, will aber nicht unbedingt am Strassenrand stehen und dabei zuschauen. Man wird schmerzlich daran erinnert, dass die eigene Beziehung zu ihr in eine andere Lebenszeit gehört. Oder man führt sich so peinlich auf, als ob keine Zeit vergangen wäre, und versucht, sie nochmals ins Bett zu kriegen.

Und ich? Ich mag die Street-Parade nicht. Es ist einfach nicht mehr wie früher. Aber ich mag auch die heutigen Clubs nicht, weil damals, in den illegalen Bars der 90er, war doch alles noch viel …

(Der Originaltext erschien am 30. August in der Sonntagszeitung)

Die Partys an der Parade

Alex Flach am Montag den 17. August 2015
Wer sich den Massenauflauf nicht antun will, kann in die Clubs ausweichen.

Wer sich den Massenauflauf nicht antun will, kann später direkt in die Clubs.

Am Samstag in einer Woche dürften sich wieder mal viele Zürcher fühlen wie die Römer anno 455, als die Vandalen unter König Geiserich die ewige Stadt plünderten. Seltsam gekleidete, kriegsbemalte und vom Met in Rage versetzte Horden, die unter lautem Gepauke, Getröte und Gerassel durch die Stadt ziehen, derweil sich die braven Bürger unterm Küchentisch furchtzitternd aneinanderklammern. Ja: Es ist Street Parade.

Nun kann man den Ravern vielleicht Stilverbrechen vorwerfen, aber Brandschatzungen und Plünderungen zählen nicht zu ihrem Repertoire. Im Gegenteil: Bedenkt man, wie viele Menschen bis heute an den Paraden gefeiert haben und wie wenig Gravierendes passiert ist, dann ist das rekordverdächtig.

Dennoch meiden auch viele tanzfreudige Städter den Umzug. Insbesondere emsigen Club-Besuchern ist die Street Parade zu fasnächtlich und der Sound der Lovemobiles viel zu „kommerziell“. Sie lassen den Tag vorbeiziehen und feiern am Abend lieber ausgeruht an einer der vielen Afterpartys. Mit der Electric City (Maag Areal) und der Energy (Hallenstadion) fallen zwar zwei der bekanntesten und grössten Afterpartys aus, jedoch dürfte das Zürich Openair diese Lücke zumindest teilweise schliessen: Am Samstag spielen da viele Stars der elektronischen Musik wie Paul Kalkbrenner, Skrillex, Tale Of Us und Sascha Braemer.

Wem der Weg nach Glattbrugg zu weit und der Eintagespass für CHF 92 zu teuer ist, der findet in Zürich reichlich Alternativen, beispielsweise die MFM Booking Showcase im Kaufleuten. Zwar ist der Preis für ein reguläres Ticket (CHF 59) ebenfalls ziemlich happig, dafür spielen dort mit Robin Schulz und Felix Jaehn zwei der erfolgreichsten DJs und Produzenten der Welt. Auch im Aura steht mit Lost Frequencies ein Hitparaden-Stammgast an den Geräten und das Komplex 457 schlägt mit Bassjackers, Tujamo, Flic Flac und Möwe in dieselbe Kerbe.

Wem das alles zu kommerziell ist und wer dennoch Lust auf ein Tänzchen in grossen Räumen hat, der ist mit der Doppelparty Café Gold/Volkshaus gut beraten: Art Department, Barem, Davide Squillace, Hector Couto, Martin Buttrich und Steve Lawler sorgen dort für eine etwas härtere Gangart, weitab von allzu schmusigem Deep House.

Auch die Clubs lassen sich an diesem Abend nicht lumpen: In Friedas Büxe spielt der Dritte Raum, in der Zukunft tINI, im Plaza Oliver Heldens, im Hive Oliver Koletzki, Monkey Safari und Oliver Schories, im Blok Spor und die Bananenreiferei hat mit Talla 2XLC und Taucher zwei angegraute (respektive glatzköpfige) Herren gebucht, die schon die Raver der allerersten Stunde beschallt haben.

Wer nach der Parade nicht einfach nur den Club besuchen möchte den er sonst auch immer besucht, der kann sich an die Rakete Paraden Schleudergang im Strandbad Mythenquai (mit Animal Trainer, Dario D’Attis, Jimi Jules und ab 17 Uhr), an die Drum’n’Bass-Party Divercity mit Bladerunner in der Gessnerallee oder an die Kult Party im Hotel Helvetia mit Dejan, Reto Ardour, Gallo, Ronald Grauer und Phil Z’Viel halten.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Partysommer startet

Alex Flach am Montag den 1. Juni 2015
Oberer Letten by Mandy von Zu

Oberer Letten by Mandy von Zu

Gestern Sonntag fand, nach Aufschiebungen wegen unsteter Witterung, endlich das Letten Opening statt, samt Sets der DJs Alex Dallas, Pasci, Matija, Herr Müller und Marc Feldmann. Traditionellerweise ist die Party am Fluss der inoffizielle Startschuss in den Zürcher Outdoor-Sommer, auch wenn bereits einige nennenswerte Frischluft-Events über die Bühne gegangen sind, wie beispielsweise die Uto Kulm-Party mit Solomun und Adriatique, organisiert von einem Kollektiv um Marco Diener, Arnold Meyer und Giusep Fry.

Diener und Meyer zählen auch zu den Verantwortlichen der The Lake-Party in Richterswil vom 27. Juni, an der mit Seth Troxler, Davide Squillace, Adriatique, Butch und vielen mehr ebenfalls reichlich internationale Klasse spielen wird. Der Zürcher Sommer 2015 dürfte jedoch nicht von grossen Outdoor-Events geprägt werden, auch weil das, zumindest teilweise auf elektronisch Musik ausgerichtete, Zürich Open Air und die Street Parade auf dasselbe Wochenende fallen – nicht ohne Konsequenzen für das Rahmenprogramm der Street Parade. Arnold Meyer: «Es wird in diesem Jahr weder eine Electric City noch eine Energy geben. Auf die Electric City verzichten wir weil unser Austragungsort, das Maag Areal, umgebaut wird. Die Energy im Hallenstadion lassen wir nicht zuletzt wegen des Zürich Open Airs aus: Das Risiko, dass sich die beiden Anlässe zu viele Besucher abjagen, ist einfach zu gross».

Auch in diesem Jahr dürften viele, kleine Outdoor-Partys, ob illegal oder legal, den Zauber des Zürcher Sommers ausmachen. Einige dieser Partys sind bereits über die Wiese gegangen wie die eine oder andere Spontanfete in der Allmend, an denen das gemütliche Miteinander mindestens ebenso wichtig ist, wie harte Tanzbeats. In den letzten Jahren konnte man in Zürich generell eine Tendenz zu sogenannten Daytime-Partys beobachten, Anlässen, die nicht am Samstagabend starten, sondern am Sonntagmittag.

Hier verkehren nicht etwa wie früher primär Perpetuum Mobile-Clubber, die sich nach zwei durchzechten Nächten an einer Afterhour versuchen die eingeworfenen Substanzen aus den Gliedern schütteln, sondern viele Partygänger, die am Samstagabend früh ins Bett sind und die nach dem Sonntagsbrunch etwas feiern möchten. Ein Beispiel für diese Entwicklung sind die Sonntags-Partys im Supermarket wie die Sonntagsmärkte der Bernerin Manon Maeder, die dem Club seinen xten Frühling beschert haben.

Nicht jede Location eignet sich ebenso gut für sommerliche Sonntagspartys wie der Supi, kann man sich doch hier in einem grosszügigen Aussenbereich vertun und der Geroldsgarten, einer der beliebtesten Sonnenplätze der Zürcher, ist nur ein Steinwurf entfernt. Für etliche sommerliche Partystunden dürften auch Veranstalter wie Enzo lo Conte sorgen, die ihre Gäste mit Vorliebe auf Zürichsee-Schiffen, auf Wiesen, im Wald oder am Ufer des Sees zappeln lassen. Um an die Infos zu den kleinen Partys zu kommen empfiehlt es sich auf Facebook zu stöbern. Die grossen Events werden in der Regel auf den gängigen Plattformen wie tilllate.com angekündigt.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.