Beiträge mit dem Schlagwort ‘Stadtleben’

Eine Glacegeschichte (3)

Thomas Wyss am Samstag den 15. Juli 2017

Bevor wir hier weitermachen mit der Zürcher Glacekultur, noch eine wichtige Mitteilung in fremder, aber irgendwie doch auch in eigener Sache. Es geht um Wurstsalat. Und darum, dass am kommenden Samstag auf dem Golfplatz Frick im Aargau die 5. Wusa-WM (das ist die Kurzform für Wurstsalat-Weltmeisterschaft) stattfindet. Und dabei um die sehr, sehr beschämende Tatsache, dass Zürich an diesem Wettkampf noch nie den Titel geholt hat (wenn ich recht informiert bin, reichte es nicht mal für Silber oder Bronze).

Bei der Premiere gewannen Anja und Julia Müller aus Basel. 2014 wars Metzger Schmid aus dem Fricktal, 2015 Stefan Buser aus dem Oberbaselbiet, und im letzten Jahr setzte sich Daniel Felice aus Gipf/Oberfrick gegen eine 38-köpfige Konkurrenz durch.

Hallooo??? In unserer Stadt wird Food aus der ganzen Welt aufgetischt, etliche Cracks schwingen hier den Kochlöffel, auch bei der währschaften Küche sind wir erstklassig aufgestellt, man denke nur an die Schützenruhe, ans Muggenbühl oder Burgstein’s Gasthaus Penalty. Und trotz diesem Gastropotenzial kriegen wir keinen begeisternden Wurstsalat hin? Sorry, aber das ist doch nicht zu glauben!

Darum ist dies hier irgendwie auch ein Aufruf an Zürcher Wusa-Spezialisten, am 22. Juli an diesem Titelkampf unsere blau-weissen Farben zu vertreten (es geht auch als Team, Infos findet man unter www.wurstsalat-weltmeisterschaft.ch). Das Startgeld beträgt 10 Franken, man bringt 200 Gramm Wurstoder Wurst-Käse-Salat mit (da machen die Veranstalter keinen Unterschied), bewertet werden das Aussehen, der Geruch, der Geschmack, die Verarbeitung und letztlich der Gesamteindruck.

Wem das zu kompetitiv ist, kann ja beim sogenannten Publikumspreis mitmachen, in dieser Kategorie wird allein die Kreativität bewertet. Sollte, was wir eigentlich erwarten, jemand aus Zürich – der Kanton gilt ausnahmsweise auch – in die Ränge kommen, würden wir das in dieser städtischen Gebrauchsanleitung gross abfeiern! (Yep, die Sache ist uns tami wichtig.)

So, damit zum eigentlichen Thema. Und da lösen wir jetzt das letzten Samstag gegebene Versprechen ein und verraten (kostenlos!) das famose Eiskaffeerezept aus dem ehemaligen Restaurant Aeschlimann in Wollishofen: Man nehme eine grosse Schüssel (kein Plastik!), gebe dreieinhalb Kugeln Kaffeeglace hinein, danach schöpfe man so viel Schlagrahm (nicht aus dem Bläser, selbst gemacht) dazu, dass die Kugeln rundherum zugedeckt sind. Nun vermenge man Glace und Rahm mit einem nicht zu grossen Schwingbesen sanft, aber doch druckvoll zu einer dickflüssigen Glacecreme. Womöglich denken Sie jetzt: So what? Wegen dieses banalen Gemischs macht der Typ so ein Gschiss?

Nein, macht der Typ nicht. Die wichtigste «Zutat», die wurde nämlich noch gar nicht genannt – der eisgekühlte Silberbecher! In diesen lässt man sorgfältig die Creme einfliessen und garniert sie mit einem adretten Gupf Rahm, drapiert eine stolze Kaffeebohne oben drauf – voilà!

Am nächsten Samstag, in Teil vier, gibts noch ein paar Variationstipps plus weitere tolle Kapitel der langjährigen Zürcher Glacekulturgeschichte.

Eine Glacegeschichte (1)

Thomas Wyss am Samstag den 1. Juli 2017

«Gibt es Orte oder Momente, die sozusagen exemplarisch die Zürcher Mentalität zeigen?» So lautete die TA-Frage an Andri Rostetter, den Leiter der Regionalredaktion des «St. Galler Tagblatts», der mit seiner Journalisten-Crew Ende Mai eine Woche im Zürcher Exil verbracht hatte. Rostetters Antwort ging (im Kern) so: «Das Phänomen der ‹Gelateria di Berna› ist für mich typisch. Da geht irgendwo in Zürich ein angesagter Glaceladen auf – und es bildet sich sofort eine Schlange. Der St. Galler sagt sich in solchen Fällen: ‹Vielleicht gehe ich dann im Sommer mal hin.›»

Eine volltreffende Feststellung. Die aber natürlich viel, viel, viel zu höflich formuliert war. Fakt nämlich ist, dass man in den letzten Wochen hätte meinen können, etliche Horden und Sippen unserer Eingeborenen – neugierige Fremdlinge inklusive – hätten erstmals überhaupt in ihrem irdischen Leben Körperkontakt mit Eiscreme gehabt. Ja, das ganze «Gelateria di Berna»-Gschtürm wirkte bisweilen so grenzenlos surreal, dass man sich a) an Szenen aus dem Jean-Jacques Annaud-Film «La guerre du feu» (1981) erinnert fühlte – vorab an die Sequenz, in der Naoh und Ika dem Stamm der Ulamm zeigen, wie man Feuer macht, was in eine Art Ekstase mündet –, und dass b) jüngst erste Wiediker Zyniker verlauten liessen, wenn das scheisstrendige Getue im Kreis 3 nicht bald ein Ende nehme, würden sie mittels Petition die alte Weststrasse mitsamt damaligem Quartier-Status-quo zurückfordern.

Intermezzo: Es geht ja bei solchen Themen weder um «in» oder «out» und schon gar nicht um die Qualität des Produkts, interessant ist einzig die Frage, wann genau der Kulminationspunkt des Wahnsinns erreicht ist: Wir meinen, dass dies beim «Berna»-Hype an jenem Morgen der Fall war, als sich der «Ron Orp»-Newsletter, der nun wirklich jeden einigermassen lässigen Gugus marktschreierisch in die City hinaustrompetet (oje, stimmt, ein übel missratenes Sprachbild, shit), plötzlich veranlasst sah, in die Rolle der Vernunftsinstanz zu schlüpfen und daran zu gemahnen, dass es in Zürich noch acht andere Anbieter gebe, die ganz passable Eiscremes fabrizieren. Intermezzo Ende.

Das soll keinesfalls heissen, dass dieser Einwand von «Ron Orp» (der, wie man von Brupbacherplatz-Anwohnern hört, durchaus Wirkung erzielte) nicht berechtigt war. Doch was dem Votum fehlte, war der erweiterte Horizont; eine historische Einordnung, die zeigt, dass in dieser Stadt immer schon eine gute Glacekultur existierte. Mehr noch: Wie es möglich ist, anhand der Gletscherschmelze ziemlich präzise Aussagen über den globalen Klimawandel zu machen, wäre es durchaus möglich, anhand der hiesigen Glaceschmelze ziemlich präzise Aussagen über den Zürcher Gesellschaftswandel zu machen – bloss interessiert das niemanden! (Deshalb dazu nur das: Es gab Zeiten, da waren auch wir mal so angenehm trendresistent, wie es die St. Galler heute sind.)

Seis drum: Jedenfalls werden wir Teil 2 dieses Beitrags am kommenden Samstag die genannte Zürcher Glacekultur anhand einer sehr persönlichen Erzählung würdigen – das ist, wie bei allen «Schicksalsgeschichten», zwar nur bedingt repräsentativ, dafür aber doll lecker zu lesen, versprochen.

Der letzte Eindruck

Thomas Wyss am Samstag den 3. Juni 2017

Im Geschäftsleben, heisst es, habe man keine zweite Chance, um einen ersten Eindruck zu machen. Stimmt wohl. Selbe Regel sollte aber auch am anderen Ende der Skala gelten – also beim letzten Eindruck, dem Adieu beim Stellenwechsel oder Erreichen des Rentenalters. Dieser Abgang sollte stilvoll und adäquat, sprich den kulturellen und sozialen Umständen angepasst sein.

Wir nehmen an, dass jetzt vielerorts zustimmend genickt wird (wir können das nicht überprüfen, wir sind drum im Piemont, wo wir heute Abend beim Genuss eines fantastischen Achtgängers zusehen werden, wie in Cardiff eine elegante «Alte Dame» einer Gang von Lackaffen die Gelfrisuren zerzausen wird… o ja, bitte-bitte-bitte, grosser Fussball-Manitu, lass es so sein, lass uns gewinnen! Ich werde zum Dank die nächste Saison nichts Herablassendes über Basel und die Bayern schreiben, heiliges Ehrenwort! Oder wenigstens in der Vorrunde, das schaff ich!); da und dort wird nach diesem Intro aber bestimmt auch einer maulen: «Also echt jetzt, das versteht sich doch von selbst, diese Züricher Gebrauchsdingens hier ist auch nicht mehr, was sie mal war, und dafür bezahlt man teures Abogeld! Damit könnten wir uns auch Gescheites leisten, vielleicht Sylt, oder einen Jahresvorrat Spreewald-Gurken, es gäbe da zweifellos gute Optionen.»

Wir erwidern darauf: Diese Züricher Gebrauchsdingens hier war noch nie richtig gut (und darum früher auch kaum je besser), doch wahrscheinlich war sie noch nie so wichtig wie heute! Weil sie heute – siehe PS – wirklich Wichtiges zu verkünden hat. Weiter erwidern wir, dass sich das tatsächlich von selbst verstehen müsste, dass die Realität (die folgenden drei Beispiele sind nämlich wahrhaftig passiert!) jedoch dramatisch anders aussieht.

Wenn eine kleine Angestellte über die Hälfte des Essens, das sie für ihren Abschiedsapéro kaufte, zur Heilsarmee tragen muss, weil über die Hälfte der angekündigten Kolleginnen und Kollegen unentschuldigt fernbleibt, ist das – sorry – beschissen. Wenn sich ein KMU-Manager etwa zwei Monate nach der freiwilligen Kündigung von Mitarbeiter XY beim Personalchef erkundigt, wies eigentlich um Mitarbeiter XY bestellt sei, er habe den länger nicht mehr gesehen, ist das – nochmals sorry – nochmals beschissen. Und wenn man einer treuen Seele, die 42 (!) Jahre im Unternehmen tätig war, das Dienstaltersgeschenk in Form des doppelten Lohnes verweigert, bloss weil der Verwaltungsrat knapp zwei Wochen vor der Pensionierung der treuen Seele die Abschaffung solcher Geschenke beschlossen hat, ist das… ach, echt.

Auch unsere Zeitung hat was abgeschafft, nämlich die Erwähnung «Mit diesem Artikel verabschiedet sich…». Die ultimative Würdigung passte wohl einfach nicht mehr so zu unserem hektisch fluktuierenden Zeitgeist, schade ist es allemal. Tja.

PS: Mit diesem Artikel möchten wir unsere liebe Kollegin Denise Marquard verabschieden, sie geht in den sehr verdienten Ruhestand, und wir werden sie sehr vermissen.

PPS: Ich hatte das schon mal publik gemacht, aber ein Reminder schadet nie: Möchte man mir dann bei meinem Abschied einen guten letzten Eindruck machen, schenke man mir am besten einen Chariot de Fromage. Mässi.

Sehen und übersehen werden

Thomas Wyss am Samstag den 27. Mai 2017

Der Mensch, das liest man nun, da die künstliche Intelligenz ihren Latschen ins globale Torportal gestellt hat, auffallend oft, sei die beste und komplexeste Maschine, die seit Menschengedenken konstruiert worden sei (vielleicht hegen die, die es schreiben, die Hoffnung, es wirke wie autogenes Baldrian und würde unsere geplante Meuterei gegen die Algorithmen verhindern oder so).

Und wenn das für Menschen ganz allgemein gilt, gilt das für Zürcher Menschen selbstverständlich im Besonderen – als Stadt mit der zweithöchsten Lebensqualität verfügen wir über die schlicht optimalen Triple-B-Reproduktionsbedingungen: Bio-Natura-Fleisch (mit vielen feinen Proteinen für die Virilität), Bico-Matratzen («für ä tüüfä gsundä Biischlaaf») und Bugaboos (für genügend Frischluftzufuhr; mit diesen Kinderwagen können die Dadster die gedeihende Brut gar joggend ins Lieblingscafé und zurück in den gentrifizierten Loft verfrachten).

Dennoch, wir wollen das nicht beschönigen, ist selbst die formidable Zürcher Menschmaschine bisweilen überfordert (zumindest jene in der Standardausführung) – und wenn das passiert, dann oft in Situationen wie am vergangenen Mittwoch an der fidelen Geburtstagsfeier der Rio-Bar.

Denn die famose Rio-Bar ist eines der wenigen lokalen Lokale, dessen Partys man (und frau, die Damen sind bei uns immer mitgemeint, Ehrensache!) selbst dann nicht verpasst, wenn man nicht mal eingeladen ist. Darum hat es an diesen Sommerfeten stets entsprechend viel Volk, darum gibt es da entsprechend viel zu sehen: Achseln, Bäuche, Chnüü, Décolletés, Ellen, Füsse, Glatzen, Hintern, Iriden, Jesussandalen, Knorpelschäden, Lippen (mit Botox, Gloss oder Herpes), Muskeln, Nasen, Ohren, Patellasehnen, Rücken, Schnäuze, Taillen, Unterschenkel, Verstauchungen, Wangen, X-Beine, Yin- und-Yang-Tattoos, Zähne (notabene häufig in exzellenter Ausführung) – und all die fancy Kleider, Smartphones, Velos und so weiter und so fort sind da noch nicht einmal inbegriffen!

Entweder ist man im Augenblick dieses Anblicks bereits entspannt betrunken und bekommt all das nur noch ungefähr mit. Oder man gehört zum inneren Kreis, hat schon vier bis fünf Rio-Geburtstage mitgemacht und weiss, wie man sich in einem solchen Menschenmeer psychisch wie optisch über Wasser hält (zu diesem Thema gibt es dann in unserer Gebrauchsanleitung mal noch einen Sonderbeitrag). In allen anderen Fällen jedoch erleidet man dasselbe Schicksal wie einst der Flipperkasten, dem man aus Wut über den Kugelverlust in die Seite trat, nämlich den Tilt, das ins Gesicht geschriebene «Game over». Weshalb das Los des Abends fortan «sehen und übersehen werden» lautet; so sind sie, die ungeschriebenen Gesetze des Zürcher Ausgangs.

Was tun? Schwierig, auf diese Frage einen nachhaltigen Rat zu geben (wir empfahlen bislang immer, in solchen Schieflagen einfach so zu tun, als würde man sich bestens amüsieren, aber eine souveräne Lösung ist das natürlich nicht). Dafür war am Mittwoch in der Rio-Bar mitzuerleben, was eher nicht getan werden sollte: Ein Menefreghista im Sommeranzug meinte, er könne mit dem Spruch «Ich bin ein VIP» die überlange Schlange zu den Toiletten ignorieren. Als er vom Klo zurückkam, sagte eine Frau: «Hey, würdest du ein Shirt mit der Aufschrift ‹Ich bin auch ein arrogantes Arschloch› tragen, wär Deine Aktion eben fast noch originell gewesen.» Hohn und Spott der Umstehenden war derart immens, dass der «VIP» dann rasch das richtig Weite suchte. Ja, in solchen Momenten ist unsere friedliche kleine Stadt gnadenloser, als es der sagenumwobene Wilde Westen war.

Der lokale Lauschangriff

Thomas Wyss am Samstag den 20. Mai 2017

Wir kennen das ja alle: Hocken am Samstagnachmittag mit den Eltern im Honold, mampfen Butterbretzeli, Lachscanapés, Mohrenköpfe (ist es nicht seltsam, dass man diverse Kinderbuch-Klassiker wegen Rassismus umgeschrieben hat, diesen Patisserie-Klassiker-Rassismus aber locker ignoriert, so à la «Isch doch wurscht, Hauptsach, d Vanillefüllig isch fein!») und anderes Köstliches, das der Hausarzt nicht eben wärmstens empfiehlt, und klagt dabei laut über Gott und die Welt, im Stile von «Ich sage euch, unsere Firma wird immer knausriger, jetzt machen die sogar auf ‹Ich bin auch ein Tram›, sprich, die haben uns die Abfallkübel weggespart – und glaubt man dem jüngsten Gericht, ääääh, Gerücht, wirds bald noch vernichtender» (Anmerkung: Das Zitat ist frei erfunden, etwaige Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten wären rein zufällig), und während die Eltern bedächtig nicken – sie haben solchen Quatsch schon oft genug gehört –, werden die Ohren an den Nebenplätzen im selben Verhältnis grösser, wie der Monolog an Brisanz zulegt.

Yep, wir sind beim Thema Lauschangriff – was einerseits eine üble Zürcher Saumode beschreibt und andrerseits eine faszinierende Zürcher Band war. Die vor zehn Jahren am Taktlos-Festival in der Roten Fabrik spielte. In der Vorschau war zu lesen: «Trickreiche und abgefahrene Psychedelik kann in eine Persiflage von Björk münden.» Oder: «Sie fräsen durch ungerade Metren, lassen die Musikgeschichte ungehobelt vorbeiziehen und zerdehnen die Beats wie einst Captain Beefheart und seine Magic Band.» Was zeigt, dass man a) diese Band unbedingt mal hätte live erleben müssen, und dass man b) hierzulande einst ganz ordentlichen Journalismus fabrizierte.

Damit zum Lauschangriff als Unsitte. Die nicht allein im Honold zu beobachten ist, nein: Davon betroffen sind alle In-Bars, Plaudertaschen-Cafés, Gartenbeizen, Szene-Badis, Nobelrestaurants etc. auf Stadtgebiet mit tendenziell leiser Grundgeräuschkulisse, tendenziell interessantem Publikum und tendenziell enger Tischordnung (im Kanton, dies als Randbemerkung, sind Lauschangriffe kaum bekannt; da sorgen Buschtelefone und Stammtische dafür, dass heisses Zeugs die richtigen Empfänger findet). Bene, kommen wir zu vier zentralen Aspekten im Kontext des Zürcher Lauschangriffs.

1. Je teurer und/oder trendiger das Lokal, desto besser die Infos. Konkret: In der Kronenhalle ergattern Lausch­angreifer meist qualitativ guten Gossip; lohnenswerte Lokale sind derzeit auch das Co Chin Chin im Kreis 5 und das Binz & Kunz an der Räffelstrasse.

2. Nicht mehr neu, aber noch immer in 93 von 100 Fällen erfolgreich: Wenn man beim Fremdhören so tut, als sei man grad mit einem guten Kumpel mitten in einem Handygespräch.

3. Früher fragte man enttarnte Lauscher: «Und, alles verstanden? Oder soll ich Ihnen eine Zusammenfassung schicken? Falls ja, bräuchte ich einfach die Adresse.» Heute ists leider gang und gäbe, dem in flagranti ertappten «Sünder» die halbe Zuckerdose übers Cordon bleu zu kippen (souveräner wäre es, sofort nach dem Bemerken Hugo Balls Lautgedicht «Gadji beri bimba» oder Ähnliches zu rezitieren).

4. Menschen, die sichtbar angestrengt in der Gegend rumhorchen, sind im Normalfall keine Lauschangreifer, sie haben wahrscheinlich bloss das Hörgerät zu Hause vergessen.

This socks!

Thomas Wyss am Samstag den 13. Mai 2017

Ob Fetisch, Spleen oder Tick lassen wir dahingestellt, das ist letztlich bloss ein Begriff, also eine Frage der Interpretation. Fakt aber ist, dass der hier vorgestellte Fetisch-Spleen- oder-Tick ein reines (oder sagen wir aus Rechtsschutzgründen: ein nicht allzu schmutziges) Frauending ist. Welches – und das macht es für uns interessant – in dieser Stadt offenbar gross im Kommen ist.

Darauf lässt zumindest die aus Lesern dieser Gebrauchsanleitung gebildete Klagemauer schliessen. Von einem dieser Kerls stammt übrigens auch der Titel «This socks!», was kein Vertipper ist, sondern auf originelle Weise andeutet, dass die Problemzone für einmal markant unter der Gürtellinie liegt – es geht, haargenau!, um Socken (abgeleitet vom lateinischen Wort «soccus», was den Schlupfschuh bezeichnete, den Komödiendarsteller im alten Rom auf der Bühne trugen).

Und dabei um die verblüffende männliche Behauptung, dass Zürcher Mittdreissigerinnen in der sogenannten Beuteschemaphase nicht mehr zuerst die Bauchregion (wo übrigens das «Sixpack» gegenüber dem «Dad Bod» weiter an Terrain eingebüsst hat – was witzigerweise vor allem Sixpack-Trinker freuen dürfte), das Gemächt oder den Hintern, sondern eben tatsächlich die Strümpfe abchecken würden… die Gewieftesten, munkelt man, könnten diesen Wäschestücken bereits ähnlich viele Infos entlocken, wie der chinesische Medizinmann bei der Diagnostik der Ohrmuschel.

Unheimlich. Noch unheimlicher jedoch ist, wie perfid die Zürcher Frau bei der Triebbefriedung (Englisch: sock lust) vorgeht. Ein Beispiel: Scheinbar tollpatschig lässt sie das Kafilöffeli oder Zuckersäckli fallen, worauf sie dezent errötend lächelt (was jeden einigermassen normalen Typ aus der Façon bringt), sich runterbückt und so tut, als müsste sie den Löffel oder Zucker suchen – wobei sie da unter dem Tisch nichts anderes tut, als die Socke des Vis-à-vis exakt zu analysieren – notfalls auch, indem sie das Hosenbein hochhebt und dies mit einem «Uiii, tschuldigung!»-Kreischli als weitere süsse Tolpatschigkeit verkauft.

Ja, gegen die gottgegebenen Waffen der Frau ist kein Kraut gewachsen, kein Schild gut genug. Was in seltenen Fällen helfen kann, ist die subtile Prävention. Hier das Wichtigste dazu:

1. Schwarze Socken sind (selbstredend aus Sicht der Frauen) längst nicht mehr Sinnbild für unbeirrbare, klassische Coolness; sie charakterisieren heutzutage vielmehr das, wofür einst der graue Zweireiher stand: saturiert schnarchende Langweile.

2. Bunt ja, aber kein aeschbachersches Grell-Pastell! Und: Originelle Muster sind okay, doch strictly abstract! (also keine Ferrari, keine Banksy-Moral, kein «Che» oder Gandhi!

3. En vogue sind a) Socken mit Löchern (solange sie nicht von Motten stammen, sondern, wie bei den Jeans, artifiziell erzeugt sind) und b) Berliner Arbeitersocken… die das Handicap haben, dass man sie wegen des engen Schnitts nicht schnell vom Fuss bringt; Quickie-tauglich sind sie also nicht.

4. Anders als zu Grossvaters Zeiten sind Stinksocken inzwischen sehr tabu. Da man sie von Auge kaum erkennt, verlangen Frauen beim Hausbesuch die Schuhentfernung. Be prepared! (Das Fuss-Deo gehört fix in den Rucksack.)

Das Glossar zum 1. Mai

Thomas Wyss am Samstag den 29. April 2017

Das mag erstaunen, doch in diesem Beitrag geht es tatsächlich um Respekt. Sogar um die De-luxe-Variante, den sogenannten «gegenseitigen Respekt». Auf der einen dieser Gegenseiten steht die Polizei (respektlos auch Bullen, Polente, Tschugger etc. genannt), auf der anderen die Demonstranten des Schwarzen Blocks (respektlos auch Cha- oder Idioten, Gesindel, Luusbuebe etc. genannt).

Wer sich jetzt sorgt, sei beruhigt: Natürlich greift das Gebrauchsanleitungsteam nicht aktiv in den 1.-Mai-Strassenkampf ein (weder mein Kollege Brusa noch ich verfügen über genügend Shaolin-Kung-Fu-Skills, auch sind wir beide keine Moses-ähnlichen Erscheinungen, die Massen beruhigen und Wasser teilen könnten), nein, wir möchten durch Worte – siehe Glossar – Hand bieten, damit sich die Rivalen die Hände reichen können, wenigstens verbal.

Oder ganz ohne Pathos: Es ist kaum ein Nachteil, wenn der Demonstrant den offiziellen Namen des Polizeifahrzeugs kennt, das ihn über den Haufen fährt (damit er es dann korrekt verfluchen kann, und nicht fälschlicherweise einen Gitterwagen mit «Du Scheiss-MTW-Karre!» anschreit). Und wenn der Polizist dem Kärli, der dem ungünstig parkierten BMW grad die Frontscheibe zertrümmert, zuruft: «Das gibt fünf Ultra-Punkte, Bro!», zeichnet das allenfalls ein mildes Lächeln aufs vermummte Gesicht.

So, und hier nun das Glossar

Gemeine Kabelbinde: Synonym für Plastik-Handschellen.
Gitterwagen: Polizeijeep mit Gitter.
Greifer: Speziell geschulte Polizisten, die gezielt Demonstranten aus dem Schwarzen Block herausholen.
– Gummischrot: Hartgummimunition, kann Augen zerstören.
– Kessel: Mediale Bezeichnung für eine Polizeiumzingelung. Berühmt ist der «Kessel von Altstetten», bei dem 2004 427 FC-Basel-Fans am Bahnhof Altstetten eingekesselt wurden (die Allschwil-Posse hat darüber einen Rap gemacht).
Konservativer Abbau: Ironisch angelehnt an Revolutionärer Aufbau; meint die von Entsorgung & Recycling nach der Strassenschlacht mit Besen, Kehrichtwagen etc. geleistete Müll- und Scherbenbeseitigung.
Mehrzweckwerfer: Waffe für Gummischrot und Tränengas.
– MTW: Mannschaftstransportwagen, er bringt grössere Polizeieinheiten zum Einsatzort.
Neptun: Polizei-interner Funkbegriff für den Wasserwerfer.
Revolutionärer Aufbau: Eine antikapitalistische, marxistisch-leninistische Organisation. Vereinfacht gesagt: das politische Fundament des Schwarzen Blocks.
Reizstoff: Euphemismus für das nicht wirklich freudige Tränengas.
Rote Welle: Die auf Radio Lora ausgestrahlte monatliche Sendung des Revolutionären Aufbaus.
Stauffacher: a) zentraler Ort im Kreis 4, am 1. Mai oft Schauplatz von Strassenkämpfen; b) unverwüstliche Linksaktivistin, Mitgründerin des Revolutionären Aufbaus; c) Pseudonym für ältere 1.-Mai-Gaffer, angelehnt an Rütlischwur-Protagonist Werner Stauffacher.
Ultra-Punkte: Anerkennungswährung unter Ultras (beispielsweise gibts acht Ultra-Punkte, wenn man sich «FCZ» auf die Eichel tätowieren lässt). Ob am 1. Mai auch Ultra-Punkte verteilt werden (und falls ja, wofür), konnten wir bis Redaktionsschluss nicht herausfinden.
– Unfriedlicher Ordnungsdienst: Polizeibegriff für Einsätze an unbewilligten Demos.
Wawe: Kurzform für den Wasserwerfer 9000; das unrühmlich berühmte Zürcher Polizeigefährt, das es gar als Bastelauto (im Massstab 1:87) gibt, und das Vermummte mit harten Wasserstrahlen beschiesst.
Zivi: Kurzform für Zivilpolizist; er trägt fancy Outdoor-Kleidung ( Jack Wolfskin, Northface) und mischt sich gern unter die Gaffer, um von da den Kampfmonturkollegen Hinweise zu geben. Sieht VBZ-Kontrolleuren sehr ähnlich.

Wie man Promis meistert (2)

Thomas Wyss am Samstag den 15. April 2017

Am letzten Samstag konnten wir ja trotz des weiten Umwegs über die frühere Fernsehsendung «Teleboy» imposant aufzeigen, dass heutige Zürcherinnen und Zürcher oft dramatisch überfordert sind, wenn sie unverhofft einem Star nahe kommen.

Als Beweis führten wir die grundsätzlich gut geerdete Frau F. (Name d. Red. bekannt) ins Feld, die in einem Zugabteil plötzlich vis-à-vis von Stephan Eicher landete – er ist im Genre «Schöne Chansons mit Tiefgang plus fast ausnahmslos geglückte Mani-Matter-Coverversionen» ihr grösster Heroe – und darob so sehr die Bodenhaftung verlor (sitzend!, und übrigens in der 2. Klasse, was wiederum zeigt, dass Eichers Bodenhaftung absolut intakt ist), dass sie einer Freundin eine «SOS!»-SMS zukommen lassen musste.

Diese schlug F. vor, sie solle doch Eichers Lied «Déjeuner en paix» summen (natürlich möglichst «gut», damit er tatsächlich eine Chance auf Wiedererkennung bekäme), also poetisch gesagt eine Brücke legen, auf der ihr Eicher mitsummend oder gar redend entgegenkommen könnte.

Der Schlusssatz des Beitrags versuchte dann den Cliffhanger, er lautete: «Warum der Rat doppelt bescheuert war, und wie man solche und ähnlich ‹heisse› Situationen souverän meistert – also Promibegegnungen unbeschadet übersteht –, lesen Sie am Ostersamstag». Das ist heute, genau. Damit sind wir jetzt buchstäblich up to date und können fortfahren. Und das tun wir mit der durchaus bemerkenswerten Bemerkung, dass man im Journalismus – anders als in der Literatur – ersten und letzten Sätzen nie zu viel Bedeutung beimessen sollte. Weil sie häufig mehr versprechen, als sie letztlich einzulösen vermögen. In unserem Fall ist das aber erfreulicherweise grad andersrum: Es wird nämlich noch viel besser, als wir (und Sie!) erwartet hätten!

Grund dafür ist der von uns hochgeschätzte Jack Stark. Wem der Name kein Begriff ist: In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1967 – vor präzis 50 Jahren! – führte Jack die Rolling-Stones-Member Mick Jagger und Brian Jones, die nach ihrem wilden Gig im Hallenstadion noch den Drang nach Party verspürten, zum Privatclub High-Life an der Lessingstrasse. Dort amtete der ältere Securitas Stöckli als Türsteher; die Stones kannte er nicht, doch er wusste, wie Anstand aussieht – weshalb er dem für seinen Geschmack viel zu exzentrischen Jüngling (also Jagger) den Eintritt verwehrte, die attraktive «Blondine» mit Federboa und Schlapphut (also Jones) jedoch passieren liess.

Der hübschen Episode kurzer Sinn: Dr. iur. Herbert «Jack» Stark, der damals als erster Schweizer People-Journalist und Promikenner wirkte, hat spontan zugesagt, uns zu berichten, mit welchen Tricks er sich die Jetsetter und Stars für ein offenes Gespräch oder Interview «gewogen» machte. Es sind wenige goldene Regeln, doch wer sie befolgt, kann jeden Promi meistern.

Dazu aber mehr nächste Woche in Teil 3, hier gibts jetzt die Auflösung des Rätsels, wieso der Rat der Freundin an Frau F. «doppelt bescheuert» war.

1. Eicher trug Kopfhörer, er hätte das Summen also gar nicht gehört.

2. Wenn schon summen, dann sicher keinen seiner Hits (das ist anbiedernd), sondern vielmehr eines der nach wie vor eher unbe- bis ver-kannten Stücke, beispielsweise «Ce soir (je bois)».

Wie man Promis meistert (Teil 1)

Thomas Wyss am Samstag den 8. April 2017

Damals, als die Welt noch friedlich und niedlich analog war, gab es im Schweizer Fernsehen eine Unterhaltungssendung namens «Teleboy». Sie war beliebt, und am 13. September 1975 war sie gar unfassbar beliebt – an jenem Samstagabend erreichte sie mit 2 073 000 Fraue und Manne nämlich die höchste je gemessene Zuschauerzahl in der Schweiz.

Diese Popularität kam natürlich nicht von ungefähr, sie hatte viel mit dem Pioniergeist des Machers und Moderators Kurt Felix zu tun. Durch die «versteckte Kamera» etablierte er eine national anerkannte Schadenfreude (wobei das Gipfelitunken und die «Söll emal cho!»-Episode längst in der Hall of Fame des Schweizer ­Humors verewigt wären, wenn es die gäbe). Mit dem in jeder Sendung herunterfallenden Kalenderblatt (bei der Bekanntgabe des Einsendeschlusses für die Zuschauerfrage) präsentierte er hierzulande den allerersten Running Gag. Zudem lancierte er Kliby & Caroline und brachte damit kleine Buben um den Schlaf, weil eine Geräusche machende oder gar sprechende Puppe – egal, wie beknackt sie aussieht –, etwas vom Gfüürchigsten ist, was man einem kleinen Buben vorsetzen kann (das hat angeblich mit der zweitletzten pränatalen Phase zu tun, genauer weiss ich es auch nicht, doch bei kleinen Mädchen ist das dezidiert anders, deshalb auch der in jeder Beziehung unheimliche Erfolg dieser schlimmen Kreatur namens Baby Annabell).

Genauso war das. Doch darum gehts eigentlich gar nicht. Nein, was mir neben der Caroline-bedingten Schlaf­losigkeit vom «Teleboy» blieb – mindestens erinnerungsschwadenhaft –, war diese eine Ausstrahlung im Winter, in der ein Mitspielerteam die Aufgabe erhielt, im Laufe der Livesendung in Zürich prominente Persönlichkeiten ausfindig zu machen. Also strebten die Suchenenden zur Kronenhalle beim Bellevue, wo sie dann, wenn ich mich recht entsinne, brav und schlotternd draussen warteten, bis die eine oder andere Bekanntheit aus dem fürstlichen Lokal heraustorkelte.

Was ich damit aufzeigen will: ­Damals war die Promidichte in Zürich geringer als die derzeitige Häuserdichte im Bleniotal. Und das lag primär an der Promiqualität; das VIP-Etikett wurde, ganz anders als heute, in jenen Tagen enorm selektiv verteilt, sogar vom «Blick» und von der «Schweizer Illustrierten».

All dies führt nun viele Jahrzehnte später zur verblüffenden Tatsache, dass selbst weltoffene junge Menschen heutzutage heillos überfordert sind, wenn sie mal einer genuin berühmten Persönlichkeit nahekommen.

Wie kürzlich Frau E. F. (Name d. Red. bekannt), die im Zugabteil plötzlich und unabsichtlich vis-à-vis von Stephan Eicher sass. Der – das ist eigentlich gut, war in jenem Moment aber blöd – zu ihren musikalischen Helden zählt. Weshalb E. F., sonst durchaus geerdet, völlig die Fasson verlor. Sollte sie spontan in Ohnmacht fallen? Einfach mal laut loskreischen? So lange erröten, bis er es bemerken würde? Sie schrieb einer Freundin ein «SOS!»-SMS und bekam als Antwort: «Summe sein Lied ‹Déjeuner en paix›!»

Warum der Rat doppelt bescheuert war und wie man solche und ähnlich «heisse» Situationen souverän meistert – also Promibegegnungen unbeschadet übersteht –, lesen Sie am Ostersamstag.

Hier gibts Lebensgefühle!

Thomas Wyss am Samstag den 1. April 2017

Kaum streckt uns der Frühling erste Knospen entgegen, kaum sehen die Bäume nicht mehr aus wie Magermodels, kaum fangen die Allergiker an zu keuchen und zu niesen, reden sie hier wieder alle und überall vom «neuen Lebensgefühl», das sie plötzlich spüren, angeblich sogar von früh bis spät, also vom Kaffee bis zum Koitus (wers glaubt, wird selig).

Und dieses neue Zürcher Lebens­gefühl, heisst es – auch da scheint man sich verblüffend einig – komme heuer aus Bern (was die einen hinter vor­gehaltener Hand mit «nöd guet, aber immer no besser als us em Ussland» ergänzen), nämlich von der Band Jeans for Jesus (die hysterische Fans bereits in «Jeans für alli!» umgetauft haben), konkret vom Stück «Wosch no chli blibä», das ebenso zum kollektiven Glückshüpfen animiere wie anno dazumal Pharell Williams’ «Happy».

Nun, wir von der städtischen Gebrauchsanleitung stehen der Sache, die irgendwie Hype und irgendwie Phänomen und irgendwie doch auch ziemlich irrelevant ist, etwas ratlos gegenüber.

Nichts gegen diese junge Band, die passt schon, wie die Kollegen von der Wiener Gebrauchsanleitung an dieser Stelle sagen täten. Doch unter dem Begriff Lebensgefühl verstehen wir Nachhaltigeres und Zeitloseres. Etwas, das zwar praktisch schon ewig existiert, das aber dank einem Kreativ­organismus, der sich quasi vorzu selbst bespringt und befruchtet und dabei Woche für Woche immense Ideen­mengen erzeugt, eben doch jedes Mal wieder einzigartig wirkt.

Wer nun gerade mitten in der Lektüre fast zu laut gerufen hat: «Hey, die meinen doch die Boschbar!», dem rufen wir anerkennend zu: «Aha, ein Habitué!» Wer die Boschbar nicht kennt – sie findet jeden Montagabend im Provitreff statt, kostet fünf Stutz und offeriert in der Regel irrwitzige Konzert- und trippige Disc-Jockey-Musik –, der soll die folgenden fünf Punkte bitte genau lesen – und genau befolgen.

1. Anders als in den bisherigen Beiträgen geht es das erste Mal nicht um die Frage, wie man sich verhalten soll, um nicht (oder mindestens nicht unangenehm) aufzufallen, nein: In der Boschbar sind «verhaltensauffällige» Menschen herzlich willkommen. Weil die Philosophie der Boschbar ähnlich ist wie die Philosophie von Lars von Triers Dogmafilm «Idioten»: Echte und falsche Hemmungen, Rollenzwänge, den inneren «Coolio» etc. deponiert man hier an der Garderobe.

2. Wer in der Boschbar tanzen will wie ein Hippie oder wie Kermit, tanzt wie ein Hippie oder wie Kermit. Wer laut ein Buch lesen will, liest laut ein Buch. Wer Bier mit Cola mischen will, sagt an der Bar, er wolle Bier mit Cola mischen. Wer weinen will, weint. Die Freiheit ist hier noch grenzenloser als über Reinhard Meys Wolken.

3. Dennoch gibt es Regeln. a) Wer am Töggelikasten fordert, muss das Spiel beherrschen. b) Beim DJ «Jeans für alli!» (oder sonst eine Lebens­gefühlsband) zu wünschen? Ein No-Go! c) Die Würde der Boschbar ist unantastbar (Aggressionen sind strikt tabu).

4. Nein, in diesem Artikel wurde weder geschrieben noch angedeutet, Boschbar-Besucher seien Idioten.

5. Nein, dies ist kein expliziter Aufruf für einen Besuch der Boschbar, es ist ein etwas anderer Erklärungsversuch für den Begriff «Lebensgefühl».