Beiträge mit dem Schlagwort ‘Stadt’

Timbuktu

Miklós Gimes am Donnerstag den 16. März 2017

Letztes Jahr ist der FC Zürich abgestiegen – dieses Jahr könnte es GC erwischen. Noch ist es nicht so weit, aber schon wird wild fantasiert. «Wenn GC so weiterspielt», behauptete mein Freund aus Basel, «kommt es zur Fusion, jede Wette! In zwei Jahren gibts nur noch einen Club in Zürich.» – «Warum?», gab ich zurück. «Wir haben kein Problem, wenn GC absteigt. Der FCZ ist ja bald wieder oben.»

Fusionieren, das ist Basler Denken, eine Basler Allmachtsfantasie. Zugegeben, wer je einen der legendären europäischen Abende in Basel erlebt hat, weiss, dass guter Fussball eine Stadt glücklich machen kann. Fussball holt einen Ort aus der Anonymität der Provinz: Wer hat Donezk gekannt, bevor Schachtar aufgetaucht ist in der Champions League? Wer hat von Ludogorez gehört? Von Auxerre? Aber gleich fusionieren? Muss denn Zürich im europäischen Fussball eine Adresse sein? Der Einzige, der mir ein bisschen leidtut, ist Pierluigi Tami, der entlassene Trainer von GC. Ich mag seinen aristokratischen Akzent und seine neunmalkluge Art am Fernsehen.

Als es Tami noch gut lief, etwa vor einem Jahr, soll er Angebote aus der Bundesliga erhalten haben. Stuttgart wollte ihn. Tami hat abgelehnt. Aus Loyalität zu GC, hiess es. Es wäre die Chance seines Lebens gewesen. Jetzt macht er vielleicht einsame Spaziergänge und grübelt über den Sinn der Existenz nach. Für uns Zaungäste, die am Rand des Spielfelds stehen oder einfach nur die Zeitung lesen, ist Fussball ein endloser Roman. Eine Telenovela, die grösste Serie der Welt.

Die Geschichte von Tamis verpasster Chance erinnert mich an den Vater eines Mitschülers meiner Söhne. Wir standen kürzlich nach einer Geburtstagsparty draussen auf dem Parkplatz und warteten auf unsere Kinder. Es war einer der ersten Abende, die nach Frühling rochen, der Mond leuchtete über der Stadt. Er erzählte von seinen Reisen, wie sie als junge Leute durch den Osten der Türkei gefahren seien, mit dem Bus, in die verlassensten Gegenden, die Einheimischen hätten sie bestaunt, sie wurden eingeladen, man trug ihr Gepäck, gab ihnen warmes Essen. Es war eine Geschichte, die eine ganze Generation damals erlebt hat, vor bald dreissig Jahren.

«Heute würde ich für keine Million zurück dorthin», sagte er. Die Gegend sei zu unsicher, Reisende seien angegriffen und entführt worden. Aber damals habe er keinen Moment daran gedacht, dass sie in Gefahr sein könnten. «Die Türken sind friedliche Menschen», sagte er, noch ganz in seinen Erinnerungen, und ich sah sie vor mir, ein junges Paar, wie sie durch die Gassen gingen, stehen blieben, fragten, staunten, Dörfer voller Geheimnisse.

«Ich war auch in Marokko damals», erzählte er, er sei monatelang durchs Gebirge getrampt, und noch jetzt bereue er, dass er nicht nach Timbuktu gereist sei, als die Kameltreiber ihm den Trip angeboten hätten. 52 Kameltage durch die Wüste bis nach Timbuktu, für nichts, ein paar Hundert französische Franc. Heute sei die Strecke lebensgefährlich. «Verpasste Chance», sagte er, «auf dem Kamel durch die Wüste, sieben Wochen lang.» Er lächelte. «Das wird nie wieder kommen.» Dann hörten wir die Kinder, wie sie johlten und schrien, aufgedreht von der Geburtstagsparty.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 2. Dezember 2016

«Die neuen Schilder werden respektiert.»

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Die Stadt hat ihr Velostrassen-Pilotprojekt gestartet. Der Tages Anzeiger hat die Strecke getestet und da un dort Tücken gefunden. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

«Vollgestopfte Trams nerven mich.»

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Fabienne Louves, Sängerin und Schauspielerin, auf die Frage, wie lange es geht, bis sie sich nach den Ferien in Zürich wieder über etwas so richtig nervt. Louves tritt zurzeit im Musical «Cabaret» in Zürich auf. (Foto: Urs Jaudas)

 

«Das Chaos ist bei uns Programm.»

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Der Autor Domenico Blass hat für die Zürcher Märchenbühne das aktuelle Kindermärchen in ein «Nightmär-chen» für Erwachsene verwandelt. Dabei geht es ab und zu auf der Bühne ganz schön turbulent her und zu. Das ist allerdings beabsichtigt, denn die herzige Märchenwelt wird von den Special Guests aus dem wirklichen Leben ganz schön auf den Kopf gestellt. (Foto: PD)

 

«Oerlikon ist irgendwie ein No-go.»

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Es geht rasend schnell: Kein Zürcher Quartier verändert sich so schnell wie Oerlikon – der neue Bahnhof, der diese Woche eröffnet wurde, beschleunigt den Wandel. Altes wird rar. Charlotte Spindler zog eben vom hippen Zürcher Kreis 4 nach Oerlikon. Was die 70-Jährige mag: Es ist ruhiger. Wovon sie gerne mehr hätte: Kultur. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Als ich reich war, kaufte ich
mir einen Mercedes.»

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Stephan Remmler, der Schöpfer von «Da, da, da», teilt Fahrzeuge lieber, als sie zu besitzen. Das war früher anders. Der Musiker weilte für Dreharbeiten in Zürich. (Foto: Danila Helfenstein) Zum Artikel

 

«Alles was man falsch machen kann,
wurde falsch gemacht.»

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Teddy A. ist von mehreren Zahnärzten fehlbehandelt worden. Er kann nicht mehr richtig essen, nicht mehr gut kauen, ist depressiv und arbeitslos. Die Zahnärzte, die für den Pfusch verantwortlich sind, weigern sich aber, Schadenersatz zu zahlen. (Foto: Giorgia Müller) Zum Artikel

 

«Die Leuchtsäulen erreichen
eine hohe Beachtung.»

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Die Stadt Zürich baut das Angebot der beleuchteten Plakatsäulen auf öffentlichem Raum aus. Die Einnahmen sind beträchtlich. Die Werbewirkung auch. Das Werbeunternehmen Clear Channel betreibt zurzeit 27 Leuchtdrehsäulen in der Stadt. Franziska Givotti hofft nun auf neue Aufträge. (Visualisierung: PD) Zum Artikel

 

«Polizisten müssen sich
an den Datenschutz halten»

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Peter Mathys ist Quartierpolizist in Schwamendingen. Sein erster Krimi erzählt von einem pädophilen Zürcher Richter, den mächtige Leute im Polizeiapparat schützen. Ist das alles nur frei erfunden? (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Ich war überrascht, was wir alles entdeckten.»

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Naomi Eggli (Bild) und Donovan Gregorys Tribeka-Karte weist den Weg zur Schönheit der Stadtkreise 3 und 4. (Foto: Giorgia Müller) Zum Artikel

 

«Momente einfangen, die nicht mehr kommen.»

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Smartphones ersetzen herkömmliche Fotoapparate. Die Ausstellung «iPic» in Begegnungszentrum der HIV-Aids-Seelsorge zeigt, wie sich unser Umgang mit Fotos verändert. Kursleiter Gino Granieri staunte über die Resultate der Kursbesucher. (Foto: Roger Pitschi) Zum Artikel

«Die Stossrichtung stimmt.»

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Dauerärger am Üetliberg: Die geplante Verkehrsregeln gehen den Anwohnern zu wenig weit. Jetzt muss sich die Sicherheitsdirektion von Mario Fehr (SP) damit befassen. Margrith Gysel, Präsident des Vereins Pro Üetliberg, ist gespannt, wie es weitergeht. (Foto: Tom Kawara) Zum Artikel

Tempel des Fortschritts

Miklós Gimes am Mittwoch den 30. November 2016

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Vor ein paar Tagen realisierte ich, dass die Fraumünsterpost verschwunden ist. Wobei, es gibt sie noch als Poststelle neben der Brasserie Lipp an der Urania, im ehemaligen Feinkostgeschäft, wo der Traiteur Seiler drin war, aber es ist nicht mehr dasselbe. Die alte Fraumünsterpost war 1891 im Stil eines toskanischen Palazzo erbaut worden; man hat die Schalterhalle vollgestopft mit dem üblichen Postramsch, aber sie erinnerte irgendwie an die Zeit, als die Hauptpost einer europäischen Stadt ein Tempel des Fortschritts war, der weltweiten Kommunikation, des globalen Handels: quasi das Internet des 19. Jahrhunderts.

Meine Mutter hat dort gearbeitet, als ich klein war, im Saal mit den Rechenmaschinen, hinter dem Schalterraum, wo die Einzahlungen addiert wurden. An langen Pulten stand Rechenapparat hinter Rechenapparat, ein riesiger Galeerenraum voller fleissiger Frauen, in dem es endlos ratterte, die Musik des Kapitalismus.

Jetzt kommt dort ein Lidl hinein. Sang- und klanglos, der Auszug der Post war still. Zürich ist eine nüchterne Stadt, pragmatisch, eine Businessstadt, man schaut nach vorne. Der Geist der alten Post wird entschwinden, ins Museum, wenn mal eine Ausstellung über die Gründerzeit organisiert wird.

Dabei macht doch das Nebeneinander und Übereinander verschiedener Zeitebenen die Faszination einer Stadt aus. Der Geist der Gründerzeit gehört nicht ins Museum, sondern dorthin, wo er weiterlebt. Man muss drinstehen in der hohen Schalterhalle und seine Einzahlungen machen. So ein Gebäude ist mehr als eine Hülle, mehr als eine Fassade, bloss um die historische Bausubstanz zu bewahren. So, wie auch der Geist des Mittelalters weiterlebt in der Stimmung der Kathedralen, die noch heute zum Gottesdienst rufen.

Städte haben eine Geschichte, diese braucht Platz, um sich zu manifestieren.

Wenn aber Städte nur noch die grössten Hits der Vergangenheit bewahren, ihre Best-of-Liste, dann verliert sich das Nebeneinander und Übereinander der Zeitebenen, dann dünnen die Städte aus, es gibt nichts mehr zu entdecken. Klar kann man sagen: Megacool, so ein Lidl in der alten Post, das Leben ist Wandel, alles fliesst. Aber irgendwann ist die alte Post vergessen – wer weiss noch, dass die Apotheke am Bellevue mal ein Café war, die verschwundene Hälfte des Odeons? Und das Café Forum an der Badenerstrasse ein Kino, die grösste Revolverküche der Stadt?

Zugeben, man muss das nicht unbedingt wissen. Aber so eine Hauptpost ist das Symbol einer Epoche – was wäre Genf zum Beispiel ohne den Postpalast an der Rue du Mont-Blanc, grösser und feudaler als die Fraumünsterpost?

Übrigens, Genf. Kürzlich war ich dort, und man hat als Besucher das Gefühl, die Stadt sei etwas gemütlicher als Zürich, zugänglicher, lebendiger. Weniger durchgestylt, weniger von Trends getrieben, weniger auf Hype aus, weniger aufgeregt, weniger darauf aus, oben zu bleiben und nichts zu  verpassen, was andernorts läuft.

Aber gut, jetzt kommt Lidl. Logistisch eine gute Wahl. Der Markt am Bürkliplatz liegt in der Nähe, das wird ein lustiger Preisvergleich. Und die Lieferwagen können problemlos in den Hof der alten Post fahren, das weiss man seit dem Raubüberfall von 1997.

Provinz bleibt Provinz

Alex Flach am Montag den 7. November 2016
Machen den Stadtclubs keine Konkurrenz: Luca Hänni im Alpenrock

Machen den Stadtclubs keine Konkurrenz: Luca Hänni im Alpenrock.

Für den Stadtzürcher endet der Kanton beim Milchbuck. Hermatswil? Schleinikon? Von einer Ortschaft namens Aesch hat man zwar schon einmal gehört, aber dass es im Kanton Zürich gleich drei Dörfer mit diesem Namen gibt… da staunt der Wiediker und auch der Züribergler wundert sich. Der Städter nimmt den Kantönler nur bei Abstimmungen wahr und dann meistens als «Verhinderer», «Landei» und «Hinterwäldler».

Dabei schielt er jeweils neidisch gen Basel Stadt: «Hach… haben die ein Glück, dass sie sich die Urne nicht mit der Landbevölkerung teilen müssen». Redet man über Clubkultur, dann kennt der Stadtzürcher die Vorgänge in Berlin besser als jene in Winterthur: Le canton de zurich n’existe pas.

Es ist noch gar nicht allzu lange her, dass die kantonalen Nachtlebenmacher ihre städtischen Kollegen das Fürchten lehrten. Bis vor wenigen Jahren war man zwischen Tiefenbrunnen und Bahnhof Altstetten der Meinung, dass die städtischen Clubs durch die rasant anschwellende Konkurrenz auf dem Land in die Bredouille kämen: Nicht nur in der Zürcher Landschaft haben damals die Clubs im Monatstakt eröffnet, sondern auch im Kanton Aargau, dessen junge Bevölkerung einen guten Teil des Publikums in Zürcher Clubs ausmacht. Viele Stadtzürcher Clubbetreiber haben damals dunkle Wolken aufziehen sehen: «Wenn die einen eigenen Club vor der Haustür haben… warum sollten sie dann noch den Weg nach Zürich unter die Räder nehmen?».

Die Sorgenfalten hätten sie sich sparen können, denn so schnell wie das Nachtleben auf dem Land aufgetaucht ist, so plötzlich ist es auch wieder verschwunden. Von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen, konnten sich Clubs mit urbaner Programmierung ausserhalb der grössten und der kantonalen Hauptstädte wie Zürich, Bern oder Basel nirgendwo durchsetzen: Auf dem Land wohnende Ausgeher mit Vorliebe für zeitgenössischen House und Techno haben sich zwar über jede Club-Eröffnung in ihrer Nähe gefreut und dem betreffenden Lokal in den Anfangswochen auch die Ehre erwiesen, sind dann aber nach kurzer Zeit an den Wochenenden wieder nach Basel in den Nordstern oder nach Zürich ins Hive gefahren.

Wer heute an einem Samstagabend über die Stadtgrenzen hinausfährt, um zu gucken, was in Dübi, Effi oder Richti läuft, sollte seine Abneigung gegenüber Shisha Lounges, Pubs und auf Clubmusik machende Hitparadenmucke tunlichst zuhause lassen. Die einzigen Nachtlebenbetriebe, die sich auf dem Land zu etablieren vermochten, sind jene, die gar nicht erst versucht haben auf Stadt zu machen, deren Betreiber sich von Anfang an bewusst waren, dass sie sich an ein Publikum wenden müssen, das nicht in die Stadt fährt, weil es dem dortigen Nightlife nichts abgewinnen kann und dem man ein auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Programm bieten muss. Im Alpenrock in Dietikon läuft Musik von DJ Antoine, im Pirates in Hinwil setzt man auf Classic Rock, Schlager und 80‘s und im Evita in Wetzikon auf einen musikalischen Kessel Buntes und neuerdings auch auf Shishas.

Die städtischen Clubbetreiber können sich zurücklehnen: Ihre Welt endet wieder am Milchbuck.

alex-flach2-150x150-1Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Liebe Koch-Areal-Besetzer …

Réda El Arbi am Montag den 10. Oktober 2016
Besetzungen sind wichtig für die Stadtentwicklung.

Besetzungen sind wichtig für die Stadtentwicklung.

Liebe Besetzer vom Koch-Areal,

eigentlich sollte ich auf eurer Seite sein. Ich halte Besetzungen für sinnvoll. Und ich kenn auch einige Leute, die ihre Zeit bei euch verbringen.

Aber zur Zeit verhaltet ihr euch wie die krassesten Konsumenten im Ausverkauf. Ihr wollt möglichst viel haben, aber nichts dafür geben. Mehr Freiraum, mehr Freiheit, aber keine Kompromisse, keine Gegenleistung. Und wenn, dann nur unter massivem Druck und mit dem trotzigen Gesicht eines zu Unrecht bestraften Schülers.

Leider endet eure Freiheit da, wo die der anderen beginnt. Und damit meine ich nicht nur die Lärmemissionen bei euren Partys, ich spreche auch von Hundekot rund ums Gelände (ja, das mag spiessig sein, aber andere Hundehalter und Hunde bezahlen die Rechnung dafür), ich meine die Art, wie ihr den Anwohnern im Alltag begegnet. Einfach grundsätzlich die Art, wie ihr mit den Leuten umgeht, die eure Infrastruktur und die Polizeieinsätze bezahlen. Das sind nämlich keine Bonzen, das sind ganz normale Stadtbewohner.

Nun, mit eurer ignoranten Haltung gegenüber eurem Umfeld, gegenüber den Reklamationen, mit der lässigen Arroganz, mit der ihr Anwohner behandelt, die nicht so erfreut über eure Emissionen sind, schadet ihr euch in erster Linie selbst. Damit könnte ich leben. Handlungen haben schliesslich Konsequenzen.

Aber ihr gebt dem politischen Gegner – hier und heute der SVP und der FDP – Munition in die Hand, um jetzt und in Zukunft hart gegen Besetzungen vorzugehen. Ihr macht kaputt, was Generationen vor euch in einem harten Kampf erstritten haben. Sorry, dass ihr das verpasst habt. Aber so wie ihr den Freiraum nutzt, scheint es, als ob ihr nicht mal mit dem umgehen könnt, den euch die Gesellschaft überlässt.

Mir ist klar, dass einige eurer Köpfe nicht über euren Clan hinaus denken, dass ihr euch als kulturelle  und politische Elite versteht, die sich hart von der «Mainstream»-Gesellschaft abgrenzen muss. Mir ist klar, dass eure Solidarität in erster Linie den eigenen Genossen gilt, und dass man entweder für euch ist oder zum Feind gehört. Mir ist auch bewusst, dass eure basisdemokratische Organisation inzwischen an einzelnen, charismatischen Persönlichkeiten, die den Ton in verschiedenen Grüppchen angeben, krankt. (Natürlich will keiner von denen mit Namen und Gesicht hinstehen …)

Trotzdem liegt es heute in eurer verfluchten Verantwortung, dass leerstehende Häuser auch in Zukunft besetzt werden können, ohne dass daraus gleich Strassenschlachten entstehen. Natürlich würden sich einige unter euch über Strassenschlachten freuen. Aber glaubt mir, das sind entweder pubertäre Vollidioten oder ideologisch Verblendete. Ich erkenn das, ich war beides. Es geht hier nicht um Politik oder Kultur. Es geht hier um einen Grundanstand im Umgang mit anderen Menschen.

Aber um zum Anfang zurückzukommen: Euer Verhalten ist weder sozial noch solidarisch oder demokratisch. Euer Verhalten ist elitär und unterscheidet sich in seiner psychologischen «Wir,wir,wir»-Anspruchshaltung eigentlich nur wenig vom «Ich, ich, ich»-Verhalten einer selbsternannten, neoliberalen Elite. So schön einzelne eurer sozialen Projekte auch sind, so stark verlieren sie an Glaubwürdigkeit, wenn ihr euch eurem direkten Umfeld gegenüber wie asoziale Egoisten verhaltet.

Ihr wollt mehr Freiraum? Ok, übernehmt Verantwortung für den Raum, den ihr bereits habt. Dann könnte es sogar sein, dass es auch in Zukunft Ecken und Nischen gibt, die alternativ genutzt werden können.

Schönen Herbst wünsch ich.

PS: Und ja, diejenigen, die mich jetzt nicht mehr so gut finden, dürfen mich dafür als was auch immer bezeichnen. Aber diesmal nicht mehr anonym. Wer etwas zur Diskussion beitragen will, kann das auch anonym tun. Wer einfach nur haten will, fliegt raus. Das gilt ebenso für rechte Hetzer. Ich hab nämlich die Schnauze voll, mich von gesichtslosen Feiglingen beschimpfen zu lassen.

«Einmal Gehirnwäsche, bitte!»

Réda El Arbi am Mittwoch den 10. Juni 2015
Wir bemerken die Gehirnwäsche nicht mehr, obwohl wir sie bezahlen.

Wir bemerken die Gehirnwäsche nicht mehr, obwohl wir sie bezahlen.

Heute morgen auf meinem Weg durch die Stadt fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: mir wurde das unablässige Bombardement von Werbebotschaften, die ich sonst nicht wahrnehme, bewusst. Ich kam mir ein wenig vor wie Neo, als er sich in «Matrix» für die rote Pille entschied und aufwachte.

Ich fing an zu zählen, und in weniger als 20 Minuten kam ich auf über 600 Werbebotschaften – Plakate, Aufdrucke, Inserate, Einspielungen auf den Apps im Handy, Tragetaschen und (am allerschlimmsten!) Menschen, die grosse Werbeaufdrucke auf den Klamotten trugen, für die sie gutes Geld ausgegeben hatten.  Und ich hab sicher die Hälfte übersehen.

Es war unglaublich. Und nicht nur die Anzahl der Botschaften, auch deren Qualität. Nichts mit nachhaltiger Kundeninformation, sondern ein visuelles Geschrei mit neonfarbenem Bassbeat über ein optisches Megaphon : «Wir sind die Geilsten!» oder «Mit uns bist du der Geilste.» Glück in Tüten, wenn ich den Sch**** kaufe, den die Werbung anpreist.

Die Stadt ist zugepflastert mit Werbung. Und wir nehmen sie nicht mal mehr wahr. Das war nicht immer so. Ich kann mich an eine Zeit erinnern, in der Werbung zwar auch schon sehr präsent war, aber nicht in dieser unglaublichen Flut.

Ich mein, wer will das? Als «Orange» vor ein paar Wochen salzig wurde, haben die Agenturen uns diese Information mit einem Presslufthammer ins Gehirn gefräst. Nach zwei Tagen hab ich die neue Marke gehasst, und mit mir viele andere. Nicht wegen des neuen Namens, sondern wegen der Art, wie der Namenswechsel maschinengewehrartig kommuniziert wurde. Es gibt eigentlich nur ganz wenige Stücke aus der Werbeindustrie, die man wirklich sehen will. Sicher weniger als 0.1 Prozent des Ausflusses aus diesem Business. Aber normalerweise läuft das so:

Kampagnenverantwortlicher 1: «Wir haben mit 10 000 Plakaten und 1 000 000 Pageviews den Umsatz nur um 0.0001 Prozent steigern können. Was sollen wir tun? Sollen wir bessere Werbung machen? Sollen wir bessere Produkte verkaufen?»

Kampagnenverantwortlicher 2: «Nö, vergiss es. Lass uns einfach nochmals 50 000 Plakate aufhängen noch nochmals 5 000 000 Pageviews einkaufen.»

Niemand will Werbung. Oder kennt Ihr jemanden, der Werbung will? Für Waschmittel, Getränke, Mobilverträge? Dauernd und überall?  Niemand. Ausser natürlich die Werbeindustrie. Und weil die Werbeindustrie das weiss, macht sie Werbung, die man bewusst nicht mehr wahrnehmen soll. Eine Gehirnwäsche also.  Ein Freund, ein Werber, meinte mal : «Der Hirnfick zielt tief ins Unterbewusstsein. Du sollst Werbung gar nicht mehr bemerken.» Und wir lassen das zu. In unseren Städten, in unserem gemeinsamen, öffentlichen Raum, lassen wir uns das Gehirn weichklopfen und belohnen das, indem wir den Schrott, der uns garantiert glücklich machen soll, auch noch kaufen.

Ja, ich weiss, es hängen Arbeitsplätze an der Werbung. Leute, die eigentlich Kunst machen wollen, sitzen an Computern und benutzen ihre Kreativität, um uns Yoghurt anzupreisen. Andere Leute, die eigentlich Philosophie, Psychologie oder Soziologie studieren wollten, überlegen sich Strategien, wie man das Produkt noch besser mit Glückseligkeit einschmieren und uns noch tiefer ins Hirn pressen könnte.

Und ja, ich weiss, ohne Werbung hätte auch ich keinen Job. Journalismus lebt davon, den Leuten ein Müsli aus in Werbung eingeweichten Informationsflocken vorzusetzen.

Aber das ist keine Entschuldigung. Wenn man die Leute nur noch informieren kann, wenn man ihnen gleichzeitig irgendwelchen Schrott andreht, ist das höchstens ein Zeichen, dass bei uns etwas gewaltig schief läuft.

Vielleicht hilft das hier:

Wehret den Anfängen!

Réda El Arbi am Mittwoch den 18. März 2015
Schützt uns vor dem Untergang der Zivilisation: Sitzverbot im Bahnhof.

Schützt uns vor dem Untergang der Zivilisation: Sitzverbot im Bahnhof.

Es dauerte ein paar Sekunden, bevor ich die Botschaft des Verbotsschildes auf der Bahnhoftreppe bei Landesmuseum verstand: «Sitzen verboten». Unbedarft wie ich bin, dachte ich mir, dass es sicher einen guten Grund für das Verbot, sich auf die Treppen zu setzen, geben musste. Mir wollte nur ums Verrecken keiner einfallen. Also fragte ich bei einer Bekannten nach, die für die Bahnhofsicherheit arbeitete.

Sie meinte, es sei nicht  nur verboten, auf den Treppen zu sitzen, es gebe laut «Hausordnung» im ganzen Areal des Hauptbahnhofes ein Verbot, sich auf den Boden zu setzen oder zu legen. Damit wolle man Randständige davon abhalten, im Bahnhof herumzugammeln. Oder Jugendliche daran hindern, am Wochenende alkoholisiert im Bahnhof zu nächtigen, zu randalieren und Leute anzupöbeln. Die Hausordnung umfasst nebst «Sitzen und Liegen auf Boden und Treppen» das «Mitführen frei laufender Hunde» oder das «Füttern von Vögeln», und vor allem verbietet die Bahnhofordnung «ungebührliches Verhalten» gegenüber Reisenden oder gegenüber dem SBB-Personal.

Das scheint mir einleuchtend. Schliesslich ist das Sitzen auf Treppen der erste Schritt zu Sodom und Gomorrha. Darum auch kein Schild «Leute anpöbeln verboten», sondern eben ein «Sitzen verboten»-Schild, auf dem die «Null-Tolleranz»-Politik der SBB vollständig zum Tragen kommt. Ist ja nur konsequent. Schliesslich hatte man damals auch die Sitzbänke im ganzen Bahnhof mit Einzelsitzschalen umgebaut, damit sich Randständige nicht hinlegen können.

Wie sähe dass denn aus, wenn sich diese komischen Leute, nachdem sie ihren Fusel im Schnapsladen im Bahnhof gekauft haben, betrunken in Sichtweite der gutzahlenden SBB-Kunden herumliegen würden? Kaum würde man das zulassen, würden die wohl gleich ganze Camps aufbauen. Diesen Randständigen ist alles zuzutrauen.

Und auch die Jugendlichen, die sich im «Drinks of the World» mit Wodka und Shots in kleinen Flaschen eindecken, sollen ihren Spass woanders haben. Sie könnten ja laut werden.

Umhimmelsgottsswillen.

Es lägen auch feuerpolizeiliche Gründe vor, um die Treppen freizuhalten. Das ist gut nachzuvollziehen, sehe ich doch schon diese renitenten jungen Menschen vor mir, die bei Massenpanik und Grossbrand auf der Treppe sitzen bleiben und erst ihr (im Bahnhof gekauftes) Sandwich fertigessen, bevor sie die Leute fliehen lassen.

Aber wie siehts denn mit den Reisenden aus? Die Security sei kulant, meinte meine Bekannte, die auf keinen Fall namentlich in dieser Geschichte über Recht und Ordnung erscheinen will. Wenn jemand sich mal auf den Boden setze, um auf den nächsten Zug zu warten, werde er wohl nicht weggeschickt. Nur Gruppen von Sitzenden würden weggewiesen. Also auch die fünfköpfige Familie, die drei Stunden auf den Anschlusszug nach Mailand warten muss? Ja, auch die.

Schliesslich hat die SBB den neuen schönen Bahnhof in auszeichnungswürdiger Steriloptik nicht mit unserem Geld gebaut, damit da Menschen mit ihrer Anwesenheit die atmosphärische Wirkung kaputtmachen. Auf dem Modell der Planer sassen ja auch keine Leute auf den Treppen.

Es sei ja nicht so, dass die Bahnpolizei oder die Kapo, die für den Bahnhof verantwortlich sei, den ganzen Tag herumgehe und Leute wegweise. Es sei einfach so, dass man mit Hausordnung und den Verbotsschildern eine Handhabe gegen unerwünschte Anwesende habe. Hm, klever. So kann man also dann selbst entscheiden, wem das Sitzen auf Treppen gestattet wird, und wer damit die «öffentliche Ordnung» stört. Selektiv-präventive Verbote. Das ist ungemein praktisch.

Aber grundsätzlich geht mir das einfach nicht weit genug. Denn Ansammlungen können auch entstehen, wenn Leute auf der Treppe rumstehen. Um die allgemeine Ordnung zu stören muss man ja nicht sitzen oder liegen. Viel effektiver wärs, wenn da gar nicht erst Menschen hinkämen, die sich setzen oder hinlegen könnten. Man müsste also den Bahnhof grundsätzlich von störenden Menschen abriegeln. Aus den Neunzigern ist ja noch die Bahnhofsverriegelung übrig, eine im Boden versenkte Stahlwand, die den Bahnhof bis auf wenige Ein- und Ausgänge hermetisch abriegelt. So könnte man an den Durchgängen checken, ob der Bahnhofbesucher eine Gefahr für die öffentliche Ordnung oder das ästhetische Empfinden darstellt und ihn im Zweifelsfalle schon gar nicht erst in den Bahnhof lassen.

Und ganz im Sinne einer «Null Toleranz»-Gesellschaft fordere ich: «Wehret den Anfängen! Sonst seht ihr dann schon, wo das alles enden wird! Ehrewort!»

Eine Gefahr für Sitte und Ordnung! (Bild aus dem Internet geklaut).

Eine Gefahr für Sitte und Ordnung! (Bild aus dem Internet geklaut).

 

Der Clubflüsterer

Alex Flach am Montag den 2. März 2015
Mirza Cosic ist ein Security der leisen Worte.

Mirza Cosic ist ein Security der leisen Worte.

Die Kommission für Justiz und öffentliche Sicherheit bemängelt, dass bei privaten Sicherheitsdiensten keine gesetzliche Grundlage für die Anstellung von Personal existiert. Türsteher seien oftmals schlecht ausgebildet und teilweise gar wegen Gewaltdelikten vorbestraft. Vergangene Woche hat sich der Zürcher Kantonsrat deutlich für härtere Regen in diesem Bereich ausgesprochen. Die Kommission wurde beauftragt dem Regierungsrat einen Vorschlag zu unterbreiten, wie der jetzige Zustand verbessert werden kann.

Auch Mirza Cosic kann nicht verstehen, dass einige Clubs vorbestrafte Gewalttäter an ihrer Tür beschäftigen. Cosic ist einer der bekanntesten Zürcher «Bouncer» und an den Wochenenden vor dem Hive in Zürich West anzutreffen: «Ein guter Security setzt seinen Körper nur im äussersten Notfall ein. Die wichtigsten Grundvoraussetzungen für diesen Job sind daher nicht beeindruckende Muskeln, sondern Redegewandtheit, Übersicht und Gelassenheit».

Selbstverständlich kommt es auch an «seiner» Tür immer wieder mal zu brenzligen, durch Alkoholkonsum befeuerten, Situationen: «Eine Abweisung an einer Clubtür ist für den Geschmähten stets verletzend und entsprechend emotional kann seine Reaktion ausfallen. Lässt sich ein erhitztes Gemüt nicht mittels guten Zuredens beruhigen, helfen oftmals Ignorieren und das Zeigen der kalten Schulter. Krakeelt er oder sie trotzdem ohne Unterlass weiter, lässt man sich von einem Kollegen ablösen, der es abermals mit Reden und Beruhigen versucht. Dreht die Person dann immer noch frei, wird sie von beiden Securities gemeinsam beiseite genommen, die sie dann zu zweit versuchen, zur Räson zu bringen. Das ganze Prozedere kann bis zu einer Stunde dauern, aber damit lassen sich die allermeisten Situationen lösen.»

Gemäss Cosic ist Körpereinsatz das allerletzte Mittel, das nur angewendet wird um in Gefahrensituationen Gäste und Personal zu schützen. Zu diesem Zweck würden er und seine Kollegen auch stets ein Pfefferspray bei sich tragen: «Dieses wird uns von unserem Arbeitgeber, der Firma Novaprotect, zu Verfügung gestellt. Selbstverständlich wurden wir in der Handhabung dieser Geräte geschult», sagt Cosic. Novaprotect würde diverse weitere Kurse, beispielsweise in Deeskalation und Gefahreneinschätzung, aber auch physische Trainings-Einheiten anbieten. Kopfzerbrechen bereitet Cosic das zunehmend schlechte Benehmen junger Clubber, denen es leider immer häufiger an Respekt mangle.

Der Tonfall sei in den letzten Jahren eindeutig aggressiver geworden. An allzu turbulenten Abenden erholt sich Cosic, indem er zwischendurch das Gespräch mit liebgewonnen Partygästen sucht, mit denen er Banalitäten austauscht. Das helfe ihm aufwühlende Zwischenfälle zu verdauen und wieder in Balance zu kommen. Trotz des ganzen Trubels und Ärgers den sein Job mit sich bringt, liebt der Familienvater mit bosnischen Wurzeln seinen Beruf: «Jede Nacht an der Tür ist anders und man lernt unheimlich viel über menschliche Verhaltensweisen. Kein Bouncer, den ich kenne, steht an der Tür wegen der Aussicht, auch mal handgreiflich werden zu können».

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Bürger und Uniform – wenns uns gerade passt

Stadtblog-Redaktion am Dienstag den 16. Dezember 2014
Freund und Helfer oder  Feindbild: Die Stadtpolizei.

Freund und Helfer oder Feindbild: Die Stadtpolizei.

Von Thomas Meyer

Die Ausschreitungen in der Stadt Zürich, am Abend des 12. Dezember von einer Horde Vandalen verübt, rufen zurecht grosse Empörung hervor. Die mutwillige Zerstörung von fremdem Eigentum ist durch nichts zu rechtfertigen, und die pseudopolitische, pseudolinke Verbrämung durch Anliegen, die eindeutig ihre Berechtigung haben, wie beispielsweise Kritik an der Gentrifizierung, mutet an wie ein schlechter und zynischer Witz.

All die eingeschlagenen Scheiben, angezündeten Autos und verletzten Polizisten muten dabei jedoch an wie das Werk einiger weniger Wahnsinniger, mit denen die übrige Gesellschaft nichts zu tun hat. Hat sie aber. Denn diese Demolierungsorgie war kein gesondertes Phänomen, sondern ist vielmehr die masslose Übertreibung einer populären Geisteshaltung.

Wie oft hört man von den «Scheissbullen», die angeblich «nichts Besseres zu tun haben, als Parkbussen zu verteilen», und häufig genug bekommen es die Betroffenen gleich selbst zu hören. Wie oft werden Postbeamte am Schalter angepöbelt, bloss weil sie Preise verlangen, die sie nicht selbst bestimmt haben. Wie oft werden SBB-Kontrolleure beleidigt, bloss weil sie jemanden bitten, die Füsse vom Polster zu nehmen, oder ihn beim Schwarzfahren erwischt haben. Wie oft trifft man Sperrmüll an, den jemand auf die Strasse gestellt und mit der Mitteilung «Gratis zum Mitnehmen» versehen hat, im offenkundigen Glauben, sich damit von der Pflicht der sachgemässen Entsorgung befreit zu haben, und wie übersät ist der öffentliche Raum von weiterem Abfall, für den sich die Verursacher in keiner Weise verantwortlich fühlen.

Die Liste der politisch, sozial und charakterlich unreifen Verhaltensweisen liesse sich beliebig fortsetzen und ist alles andere als originell. Originell ist dafür die Idee, schlechtes Benehmen sei erst ab einem bestimmten Grad schlechtes Benehmen und bis zu diesem Punkt völlig unproblematisch, wenn nicht sogar Ausdruck urbaner Coolness.

Wer die Chaoten verurteilen möchte, die am 12. Dezember 2014 ihre Wut über «das System» dadurch kundgetan haben, indem sie die Ladengeschäfte von Kleingewerblern verwüstet haben, sollte sich zuerst ein paar interessante Fragen stellen:

1. Wie ist denn mein Verhältnis zum Staat? Zu Gesetzen, Steuern, Politik?

2. Wie ist denn mein Verhältnis zur Polizei? Zu Bussen, Regeln, Autorität?

3. Wie ist denn mein Verhältnis zur Bürgerpflicht? Zu Eigenverantwortung, Respekt, Abfallentsorgung?

Die Idioten, die letzten Freitagabend alles kaputtgemacht haben, sind unglaubwürdig. Ihre Gesellschaftskritik ist unglaubwürdig, denn das Geld für die Smartphones, mit denen sie sich gegenseitig auf diesen heiteren Anlass aufmerksam gemacht haben, stammt, wie die Smartphones selbst, irgendwo aus dem «System», wie auch die Petarden, Hoodies und Gasmasken. Zudem ist ein brennender Mercedes kein politisches Argument, sondern Ausdruck von Hass, Neid und generell schlechtem Charakter.

Unglaubwürdig ist es aber eben auch, das zerstörerische Treiben einiger Extremisten zu kritisieren, wenn man selbst in einem abgemilderten Masse nichts anderes tut. Und das gilt für weite Kreise einer Gesellschaft, deren grösstes Problem nicht die sogenannt linksautonome Szene ist, sondern die ganz allgemein an einer postpubertären Frechheits- und Undankbarkeitsstörung erkrankt ist. Und dies nicht nur an einem bestimmten Freitagabend, sondern eigentlich immer.

Wer es nicht glaubt, möge einmal das Gespräch mit Polizisten, Sanitätern und anderen Angestellten staatlicher Betriebe suchen und sich anhören, was diese Menschen sich in ihrem Berufsalltag alles so gefallen lassen dürfen vom Durchschnittsbürger, der nie eine Scheibe einschlagen würde.

Thomas-Meyer Thomas Meyer, 40, ist Schriftsteller und lebt in Zürich.

Radio 24: Erbärmliche Kampagne

Réda El Arbi am Mittwoch den 3. Dezember 2014
Alles nur geklaut. Und nicht mal eine Quellenangabe.

Alles nur geklaut. Und nicht mal eine Quellenangabe.

Man verzeiht dem Sender Radio 24 ja viel, schliesslich ist er ein Veteran und Vorkämpfer der Schweizer Lokalradiokriege anno ’79. Aber wie Ronald Reagan oder die Weltwoche ist Radio 24 im Alter etwas senil und peinlich geworden.

In ihrer neuen Kampagne zeigt Radio 24 gleich zweimal, wie es um das eigene Image bestellt ist. «Mit em Rennvelo is Atelier» ist eine Songzeile des Zürcher Musikers Ian Contable, die die Werber des Senders für ihre Kampagne geklaut haben, notabene ohne um Erlaubnis zu fragen oder eine Quellenangabe zu machen. Das ist aber noch nicht alles. Der Song Hippiekacke wurde wahrscheinlich nicht ein einziges Mal auf dem Sender gespielt. Auch keiner der anderen Songs von Constable.

Marc Jäggi , Programmleiter von Radio 24, gegenüber Blick.ch: «Wir fanden den Satz einfach stark und er wird mit Zürich in Verbindung gebracht.» Man plane aber nicht, den Song «Hippie-Kacke» deswegen ins Programm aufzunehmen. War ja auch klar. Denn das Publikum von Radio 24 ist nicht das Publikum von Constable. Seine Songzeilen aus dem Song «Mit em Auto uf Züri» würden sie niemals zu Werbezwecken missbrauchen, weil sie damit doch die eigene Hörerschaft vor den Kopf stossen würden.

Bisschen übel das Werbekonzept von Radio 24.

Bisschen übel das Werbekonzept von Radio 24.

Es geht aber noch weiter: Die eigentliche Klientel scheinen die Kampagnenmacher bei den Kunden der Strichboxen in Altstetten  ausgemacht zu haben. Der Slogan «I dä Verrichtigsbox go d Antänne richte» ist wohl eher auf dem Niveau des Senders. Werbung mit dem Elend der Prostitution zu machen geht irgendwie schon weit über «coole Sprüche» hinaus. Als nächstes kommt sicher sowas wie «Ad Langstrass go en Schuss setze – Das isch Züri!»

In diesem Zusammenhang zeugt der Claim «Das isch Züri» davon, dass Radio 24 eine ziemlich komische Sicht von Zürich hat. Sicher will Constable sein geistiges Eigentum nicht kommerziell genutzt in der Nähe dieses billigen Viertklässlerhumors sehen. Das Anbiedern beim Milieu und der Szene macht aus Radio 24 keinen urbanen Sender, im Gegenteil. Wenn die Leute etwas von Zürich verstehen würden, wär ihnen klar, dass man ihnen diese Slogans in der Stadt einfach wieder zurück in den Rachen stopft. Was wir hiermit getan haben. *

* Die ursprüngliche Textversion wurde um 14.56 Uhr abgeändert.

Hier, wir spielen natürlich Ian Constables Songs: