Beiträge mit dem Schlagwort ‘Sex’

«Lebe deinen Traum»

Beni Frenkel am Donnerstag den 1. Dezember 2016
vortrag

Hörsaal der Universität Zürich: Auf dem Programm stand das Thema «Familienplanung». (Foto: Beni Frenkel)

Die Adventszeit ist auch eine Zeit der Einkehr und der Rückbesinnung. Welche persönlichen Ziele sind im Jahr 2016  erreicht worden und welche nicht? Haben wir aus unseren Fehlern gelernt und ziehen wir die richtigen Schlüsse daraus? Das zu Ende neigende Jahr ermöglicht uns aber auch individuelle Ausblicke für das kommende Jahr zu wagen. Folgende Fragen treten an uns heran : Was können wir anders machen? In welchen Fragmenten unseres Lebens wollen wir uns verbessern?

Ich habe mir diese Frage letzten Sonntag gestellt und vorgenommen, mehr auf mein inneres Ich zu hören. Vielleicht kennen Sie das tiefsinnige Sprichwort: «Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!» Das gefällt mir. In dem Satz verbirgt sich viel Wahrheit.

Konkret habe ich mir vorgenommen, nicht mehr so viel Gewicht auf das Urteil anderer Menschen zu legen. 2017 soll das Jahr der Begegnung mit meinem inneren Ich werden. Die Gedanken meines inneren Ichs möchte ich gerne auf das äussere Ich projizieren. Oder anders ausgedrückt: Mein inneres Ich soll äusserlich auch innerlich wirken. Das Ziel ist also, dass das innere Äussere mit dem äusseren Inneren harmoniert und sich in meinem persönlichen Ich entfaltet. Ab Mitte 2017 will ich dann das äussere Innen-Ich mit dem Du des Ichs verschmelzen.

Wenn man das so liest, denkt man gleich, ich habe Philosophie studiert. Überhaupt gehen alle Menschen davon aus, dass ich irgendetwas studiert habe. Die Leute im Tram sehen meine Brille und meine Glatze und haben dann dieses beschränkte Weltbild: Der sieht intelligent aus, der hat sicher studiert.

Die Wahrheit aber ist: Ja, ich habe studiert, aber nicht zu Ende. Es war Sommer 2002. Ich befand mich im dritten Semester Wirtschaft. Die Prüfungsergebnisse kamen mit der Post: Nicht bestanden in den Fächern Mathematik, Statistik, Mikroökonomie und Rechnungswesen. Theoretisch hätte ich weiter studieren können, aber nicht als Wirtschaftsstudent, sondern eher als Zuhörer. Das wollte ich dann doch irgendwie nicht.

Seitdem habe ich nie wieder die Aula der Universität Zürich betreten. Wenn mich Leute fragen, was ich studiert habe, lüge ich immer: Publizistik. Das einfachste Studium. Und weil das fast alle studieren, muss man keine Fragen beantworten: «Publizistik, dann kennst du sicher Thomas Irgendwas.»

In Ratgeber-Bücher habe ich später gelesen, dass ich nicht weglaufen darf. Du kannst nicht vor dir selber wegrennen. Du bist stärker als du denkst. Die Kraft der positiven Gedanken. Hör auf dein inneres Du und begegne deinem äusseren Du.

Weil gerade Adventszeit ist, ging ich am Montagabend deswegen ohne Plan in das Hauptgebäude der Universität Zürich. Zu lange habe ich mich geschämt, da reinzugehen. Aber gerade in der Konfrontation liegt viel Information (Goethe).

Ich schlenderte durch die vielen Korridore. In den letzten 15 Jahren hat sich wenig verändert.  Es gibt immer noch einen Lichthof und die kleine Mensa. Im ersten Stock sah ich einen offenen Hörsaal und viele Tische mit Salzstangen und Orangenjus. Mut auf, in diese Vorlesung will ich gehen.

Ich setzte mich zuhinterst hin. Und da kam sie wieder, diese bekannte Uni-Schläfrigkeit. Der Hörsaal war nur zu einem Viertel belegt. Und das erst noch mit alten Menschen. Auf einer Leinwand stand: «Familienplanung im Zeitalter des Social Freezings». Wo bin ich hier gelandet?

Eine anscheinend bekannte Sexual-Professorin zeigte auf ein grosses Bild der Vagina und der beiden Eierstöcke. Mir wurde unwohl. Darauf hatte ich jetzt keine Lust.

Wie in guten Studentenzeiten nahm ich ein Sandwich hervor und löste Kreuzworträtsel. Dann spielte ich ein bisschen mit dem Handy und guckte immer auf die Uhr. Nein. die Universität ist doch wirklich nur etwas für Nerds und Streber.

Nach zwanzig Minuten verliess ich den Hörsaal und bediente mich draussen mit Salzstangen und Orangenjus.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 7. Oktober 2016

«Magere Mädchen verdienen nicht gut.
Gefragt sind frauliche Kurven.»

Mona ist eine Puffmutter. Sie stieg eins aus Not ins Bordellbusiness ein. Heute sieht sie ihre Arbeit aber als sozialen Dienst. Ihr Ziel: Sie möchte, dass der Gast in ihrem Bordell in Schlieren ein schönes Erlebnis hat. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

«Willkommen in der Bananenrepublik Schweiz.»

Lukas Meier hat mächtig Ärger, obwohl es die Mutter nur gut mit ihm meinte. Er hat von ihr das Elternhaus geschenkt bekommen. Der arbeitslose Mann, der am Asperger-Syndrom leidet, wollte sich damit seine Existenz sichern. Aber er hat die Rechnung ohne den Denkmalschutz gemacht. Jetzt muss er noch mehr Steuern zahlen. Das macht ihn stinkwütend. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Wenn ich mit dem Velo durch die Stadt fahre.»

Die Schauspielerin Barbara Terpoorten auf die Frage, wie lange sie nach den Ferien braucht, bis sie sich in Zürich das erste Mal wieder so richtig nervt. Die Stadt wäre ihrer Meinung nach viel schöner ohne so viel Verkehr. (Foto: Dominique Meienberg)

 

«Tampons gelten als Luxusprodukt.
Das sehen wir anders.»

Da staunten die Zürcherinnen und Zürcher nicht schlecht: Junge Aktivistinnen haben das Wasser von zehn städtischen Brunnen rot gefärbt (keine Angst, es wurde umweltschonende Farbe verwendet). Sie protestierten damit gegen die teure Tampon-Steuer wie deren Pressesprecherin Carmen Schoder sagte. Hinter der Aktion steckte auch die Unia. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Geissböcke stinken wirklich. Sie urinieren sich
selber ins Gesicht.»

Was macht eine Zürcherin auf der Alp? Rona Diem wollte es wissen und verbrachten diesen Somer ihren ersten Alpsommer im Bündnerland. Der ist nun vorbei und die 36-Jährige ist wieder in Zürich. Was sie auf der Alp gelernt hat: Käsen, Melken und Töfffahren. Was sie vermisst hat: Vieles, sogar den hinterhältigen Hahn Napoleon. (Foto: PD)

 

«Er schüttelt allen die Hände,
aber erreicht hat er bisher wenig.»

Man kann es als Zürcher Stadtrat nicht allen Recht machen: Das weiss auch Tiefbauamt-Vorsteher Filippo Leutengger (FDP). Die Kritik der Linken an ihm wird schärfer. Vorwurf: Er verschleppe unbeliebsame Projekte, um die eigene Klientel zu verärgern. Auch SP-Gemeinderätin Simone Brander hält mit Kritik an Leutenegger nicht zurück. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Um draussen in der Welt etwas zu erleben,
braucht es wenig.»

Der Autor Heinz Emmenegger gibt beim Schreiben gerne einmal das Ruder aus der Hand. Wer genug zahlt, kann den seinen neuen Roman inhaltlich sogar beeinflussen. Eine entsprechende Aktion läuft derzeit auf der Crownfounding-Plattform We make it. (Foto: Sabina Bobst)

 

«Es ist eine Notlösung und nichts weiter.»

Schmalspurig unterwegs: Die Stadt Zürich malt seit neuestem in mehreren Quartieren für die Velofahrer  gelbe Streifen auf die Fahrbahn. Sie sollen Autos auf Distanz halten. Ein richtiger Velostreifen sieht aber anders aus. Das sieht auch Res Marti so, Präsident Pro Velo Zürich. (Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

 

«Meine Söhne sind volljährig.»

(Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Der Stadtrat will mehr Ruhe auf dem Koch-Areal. Er droht mit einem Veranstaltungsverbot und präsentiert einen Vier-Stufen-Plan bei Regelverstössen. Ob sich seine Söhne auf dem besetzten Grundstück in Albisrieden aufhalten, wie immer wieder kolportiert wird, wollte der zuständige AL-Stadtrat Richard Wolff vor den Medien nicht beantworten. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Die Opferhaltung

Réda El Arbi am Dienstag den 20. September 2016
Autonomie und differenzierte Selbstwahrnehmung statt Opferhaltung.

Autonomie und differenzierte Selbstwahrnehmung statt Opferhaltung.

Dies wird wohl einer der Texte, die wirklich schwer zu schreiben sind, wenn ich am Schluss nicht Applaus von Idioten und Angriffe von Freunden ernten will. 

Ich beurteile Menschen nach ihren Handlungen und Äusserungen. Niemals werte ich Menschen nach ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Religion, Rasse, ihres Reichtums oder ihrer Armut. Trotzdem finde ich mich ab und an mit den Vorwürfen Sexismus, Homophobie, etc. konfrontiert.

Gerade in einer aufgeschlossenen Stadt wie Zürich – regenbogenfarben, linksgrün, offen – treffe ich häufig auf Menschen, die sich über ihre Opferhaltung definieren. Feministinnen, die sich auf ihr Geschlecht reduzieren, Homosexuelle, die jeden Affront als «homophob» einordnen, Ausländer (meist gut integrierte Secondos), die persönliche Auseinandersetzungen gleich mit «Rassismus» kontern.

Es gibt da draussen noch viel zu viel Sexismus, Rassismus und Homophobie. Das heisst aber nicht, dass man seine eigene Identität auf sein Geschlecht, seine Herkunft, seine sexuelle Orientierung oder auf sonst ein Merkmal einer Gruppenzugehörigkeit reduzieren soll oder darf. Das zeugt von fehlender Autonomie und man wird sich selbst dabei nicht gerecht. Die eigene Person wird schabloniert und eindimensional, die Welt schwarzweiss. Es endet in «Wir und sie».

Ich hab einige Jobs und Wohnungen in meinem Leben nicht bekommen. Natürlich hätte ich schimpfen können, das sei wegen meines arabischen Namens. Wars aber meistens nicht. Da war zu Beispiel mein Betreibungsauszug. Oder meine fehlende Eignung. Oder meine persönliche Art, die lange nicht jedem passt. Wenn jemand mir sagt «Du dreckiger Kameltreiber», empfinde ich das als fremdenfeindlich. Wenn jemand mir sagt «Du grosskotziger Vollidiot», ist das wohl meiner Persönlichkeit geschuldet.

Die Selbstdefinition als Opfer führt in Zürich oft zu einer Art positiven Diskriminierung. So gehen viele meiner Bekannten viel vorsichtiger in Auseinandersetzungen mit Schwulen, Lesben, Ausländern oder feministisch orientierten Frauen. Schliesslich will man auf keinen Fall als rückständiger, intoleranter, sexistischer Vollidiot dargestellt werden. So kommt es in meiner linksgrünen Blase zu einer Art Schutzgebiet für Leute, die sich dauernd als Opfer irgendeines -ismus fühlen.

Das ist extrem abwertend. Wenn ich Leute aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung anders behandle als jeden anderen Idioten, sie schone, nehm ich sie nicht ernst. Gleichberechtigung bedeutet, dass ich den Menschen so behandle wie alle anderen. Und wenn ich mich zurückhalte, meinem Gegenüber einen Sonderstatus einräume, positiv oder negativ, diskriminiere ich aktiv. Das ist ungeheuer kontraproduktiv. Unter Ausländern, Schwulen, Lesben, Transgender und Feministinnen gibts genau gleich viele unangenehme, egozentrische und dumme Personen wie überall sonst unter Menschen.

Es gibt genug echten Sexismus, Rassismus und genug Homophobie, die wir angehen müssen, strukturell, gesellschaftlich und auf persönlicher Ebene, als dass wir uns diese Opferhaltung leisten können. Es schadet unserer gesellschaftlichen Entwicklung, wenn wir nicht zwischen persönlichem Affront und allgemeiner Abwertung unterscheiden können.

Also, wenn dich jemand «Idiot» oder «dumme Kuh» nennt, könnte das mit deinem Verhalten zu tun haben. Es muss nicht Ausdruck einer grundsätzlichen Haltung gegenüber deiner Identität sein.

Das Nachtleben ist schwul

Alex Flach am Montag den 19. September 2016
Hetero-Erotik ist im Nachleben kein Problem.

Hetero-Erotik ist im Nachleben kein Problem.

Der Security eines Pubs spediert ein schwules Pärchen wegen eines Kusses an die frische Luft und schon tobt der Orkan im Blätterwald. In der Rolle des Leitmediums: Der Blick als hehrer Verteidiger der Regenbogenflagge und als Winkelried für die wackeren Reihen der schwulen Genossen. Wahren Heldenmut wie dieser mussten die Redaktoren des Blicks nicht beweisen, war doch der Lohn für die Tat kein Bündel Habsburger-Speerspitzen sondern eine gute Geschichte. Und in einer solchen hat die lästige Tatsache, dass der Security verlautbaren liess, das was das Pärchen da getan habe sei mehr «Kopulation» als «Kuss» gewesen und es damit und in Ermangelung an Zeugen Aussage gegen Aussage steht, nichts zu suchen.

Trauriger Fakt ist aber auch, dass Homophobie nicht nur im Tag- sondern auch im Nachtleben weit verbreitet ist. Die dummen Bemerkungen und versteckten Nicklichkeiten haben Schwule auch hier zu erdulden und bisweilen outet sich gar ein international angesehener Nightlife-Exponent wie der litauische DJ und Produzent Marijus Adomaitis alias Ten Walls als Schwulenhasser, der vergangenes Jahr in einem Facebook-Post Schwule als «Brut» verunglimpfte und sie mit Pädophilen gleichsetzte.

Die Reaktion aus dem Nachtleben folgte auf dem Fuss: Festival-Veranstalter strichen Ten Walls aus dem Line Up, DJ-Kollegen verkündeten, dass sie sich künftig weigern werden an denselben Partys wie der Litauer zu spielen und Geschäftspartner liessen ihn fallen wie eine heisse Kartoffel.

Es ist das Jahr 2016 und wir leben in einer Bildungsgesellschaft: Homophobie ist für jeden mit einem Intelligenzquotienten über dem einer durchschnittlich talentierten Tomate inakzeptabel. Im Falle des House-DJs Ten Walls zeugt sie zudem von Geschichtsblindheit: Neben dem Warehouse-Club in Chicago um dessen Resident-DJ Frankie Knuckles gilt die New Yorker Paradise Garage als eine der Wiegen der Housemusik und die Paradise Garage war ein Treffpunkt für schwule Afroamerikaner.

Hier begann der 1992 an den Folgen einer Endokarditis verstorbene DJ Larry Levan zeitgleich mit dem mit ihm befreundeten Knuckles mit neuen Beats zu experimentieren. Am Ende dieser Experimente stand ein neues Genre, das dereinst die Welt der Clubs revolutionieren sollte. Zudem gilt die Paradise Garage als Blaupause der zeitgenössischen Clubs, weil hier erstmals der DJ vom Hintergrund in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt wurde: Ab sofort waren DJs nicht mehr unsichtbare Jukeboxen, sondern Mixkünstler die im Rampenlicht stehen.

Auch für das Schweizer Nachtleben ist die Gay Community seit jeher von zentraler Bedeutung. So waren die Betreiber des ehemaligen Labyrinth-Clubs ein wichtiger Teil jener Gruppe, die in den 90er Jahren den korrupten Beamten Raphael «Don Raffi» Huber auffliegen liess und damit der Liberalisierung des Zürcher Nachtlebens den Weg ebnete. Zudem waren schwule Partylabels damals stilbildend. Kurzum: Homophobe Nachtlebenschaffende haben schlicht nicht verstanden woher die Kultur stammt mit der sie arbeiten.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

«Ey, glotz nicht so!»

Réda El Arbi am Dienstag den 28. Juni 2016
Im Sommer angenehm, ziehen aber auch Blicke an.

Im Sommer angenehm, ziehen aber auch Blicke an.

«Hast du gesehen, wie der geglotzt hat? Der Sabber lief ihm schon aus dem Maul!» – vor mir zwei junge Frauen, so um die 20, die sich über einen Typen unterhalten, der gerade ausgestiegen ist. Und ja, ich muss zugeben, der Typ hat die beiden Frauen angestarrt. Sie trugen beide Hotpants, diese lächerlichen Riemchensandalen, die an Ben Hur erinnern, und eher knappe Blusen.

Sogar ich habe einen Blick riskiert. Oder zwei.

Eine meiner feministischen Bekannten meinte später, bei der Hitze hätten die Frauen das Recht, sich knapp bekleidet in der Öffentlichkeit zu bewegen und nicht angestarrt zu werden. Das Verhalten der Männer zeige nur wieder, wie stark die Frauen als Objekte herhalten müssten.

Nun, nein. Jeder Mensch hat das Recht, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, ohne sexuell belästigt zu werden. Blicke gehören nicht dazu. Man kann es widerlich finden, man darfs sogar mit einem «Glotz nicht so» ansprechen. Aber sexuell motivierte Blicke sind nicht Ausdruck der Unterdrückung der Frau. Sie sind Ausdruck des Menschen als sexuelles Wesen. Solche Blicke werden nicht vom Bewusstsein gesteuert, sondern kommen reflexartig und sind Teil des evolutionären Programmes.

Sie zu verdammen hiesse, die sexuelle Natur, den kategorischen Imperativ, den der Fortpflanzungsdruck in den Menschen gepflanzt hat, zu verleugnen. Wir können nicht sexuelle Botschaften aussenden und erwarten, dass diese keine Reaktion hervorrufen. Solange die Reaktionen die persönliche Freiheit nicht verletzten, muss man damit leben. Und Blicke sind nicht verboten.

Was viele Frauen nicht wissen: Es ist vielen Männern extrem unangenehm, wenn ihnen «das Auge ausrutscht». Die Muskelbewegung im Auge ist oft schneller als der zivilisatorische Kontrollmechanismus im Hirn. Wir reagieren auf nackte Haut und auf erotische Ausstrahlung. Sonst würde niemand Werbung damit machen (was wiederum in manchen Fällen wirklich sexistisch ist). Sonst wären wir als Spezies ausgestorben. Wir sind deswegen nicht schwanzgesteuert. Wir verhalten uns anständig, wir drängen uns nicht auf. Wir haben oft nicht mal den Mut, ein freundliches Lächeln hinter dem Blick herzuschicken. Wir haben nur geglotzt.

Wenn wir gegen diese urmenschlichen, sexuellen Impulse vorgehen, verleugnen wir nicht nur unsere Natur, wir bewegen uns – wenn auch auf der anderen Seite – auf dem gleichen Pfad wie die islamistischen Sittenwächter, die diese Blicke und ihre sexuelle Implikation mit einer Burka unterbinden wollen. Die sexuelle Anziehung zu zensieren ist wider die Natur. Zivilisation bedeutet, angemessen mit Sexualität umzugehen – nicht, sie zu verdammen.

Die Freiheit, sich im öffentlichen Raum zu kleiden wie man will, ist nicht ohne Preis. Man setzt sich so der Freiheit der anderen aus, auf das Äussere so zu reagieren, wie diese wollen. Solange dies nicht die Integrität verletzt, müssen beide Seiten mit der Freiheit des Anderen leben.

Drei Minuten später im Tram. Junger Mann steigt ein, gross, Muskeln unter dem Vintage-T-Shirt, Stoppeln im Gesicht und halblange Surferfrisur.

Junge Frau 1 stupst junge Frau 2 mit dem Ellbogen an und nickt mit dem Kinn in seine Richtung. Beide mustern den Typen von oben bis unten.

Junge Frau 2: «Der bemerkt uns nicht mal …»

Replik: Schutz der Prostituierten

Stadtblog-Redaktion am Samstag den 30. April 2016
SP will Prostituierte in erster Linie schützen.

SP will Prostituierte in erster Linie schützen.

Dieser Beitrag ist eine Replik auf «Heuchelei & Prostitution»; Stadtblog vom 25. April 2016 von Christine Seidler, Alan David Sangines, Jean-Daniel Strub (GemeinderätInnen SP)

Was für ein Zerrbild der SP-Prostitutionspolitik dieser Tage, das der Stadtblog bemüht, um die Forderung nach einem Bordell in einer städtischen Liegenschaft zu zerzausen. Hätte der Stadtblog nachgefragt, wir hätten ihm gerne das ganze Bild gezeigt.

Fakt ist: Die SP hat die Regelung der Prostitution in der Stadt Zürich, von denen die angeprangerte Prostitutionsgewerbeverordnung und die Einrichtung des Strichplatzes nur zwei Elemente sind, unterstützt, weil ihr oberstes Ziel der Schutz der Prostituierten und ihrer Arbeitsbedingungen ist, und sie dabei auch zur Bekämpfung des Menschenhandels beiträgt.

Würdige Arbeitsbedingungen und der Schutz der Prostituierten stehen für uns auch im Zentrum, wenn es jetzt darum geht, die mit der neuen Regelung gemachten Erfahrungen auszuwerten. Aus Sicht der SP sind in der Tat einige Korrekturen zwingend nötig:

1. Die schon lange bestehende zonenrechtliche Bestimmung, deren vermehrte Durchsetzung zu einer Verdrängung und einem Verlust von Kleinstsalons führt, muss nach Meinung der SP aufgehoben werden. Denn es sind just diese Kleinstsalons, die es Prostituierten in vielen Fällen ermöglichen, ihrer Arbeit selbstbestimmt nachzugehen, ohne in Grossbordellen horrende Mieten zu zahlen oder der Zuhälterei ausgeliefert zu sein. Um die Bestimmung aufzuheben, braucht es eine Änderung der Bau- und Zonenordnung (BZO), die wir im Rahmen der baldigen Debatte zur BZO-Revision durchsetzen wollen.

2. Auch die Gebühr für die Nutzung des öffentlichen Grundes ist aufzuheben. Es handelt sich dabei um eine nutzlose Schikane. Das sah ein grosser Teil der SP-Fraktion schon beim Erlass der Prostitutionsgewerbeverordnung (PGVO) so, und es wurde nun bereits eine Motion von AL und SP eingereicht, die eine Streichung der Nutzungsgebühr und damit die Abschaffung der Ticketautomaten verlangt.

3. Die SP verlangt eine Neubeurteilung der Strassenstrichzonen und hat deshalb einen Vorstoss eingereicht, der verlangt, dass die Strassenprostitution im Langstrassengebiet explizit wieder erlaubt wird. Die Behauptung, die SP wolle Prostitution aus dem Stadtzentrum vertreiben, ist also nachweislich falsch.

4. Und natürlich ist die SP-Fraktion auch gegen die vermehrte Kontrolle der Prostituierten durch die Polizei. Diese Kontrollen dienen nicht dem Schutz der Prostituierten und ihrer Arbeitsbedingungen. Vielmehr schmälern sie ihre Verdienstmöglichkeiten, erhöhen damit ihre Abhängigkeiten und stehen einer Entstigmatisierung ihrer Tätigkeit entgegen.

Nichts von alledem hat mit der Aufwertung von Quartieren zu tun – dass diese allzu oft der Gentrifzierung Vorschub leistet, ist selbstredend auch der SP ein Dorn im Auge. Aber der SP zu unterstellen, sie betreibe eine Prostitutionspolitik als Vertreibungspolitik, um die «Liegenschaftenpreise zu schützen», ist haltlose Polemik in einem dafür wahrlich ungeeigneten thematischen Zusammenhang.

Warum bleiben all diese – eindeutigen – Positionsbezüge im Stadtblog unerwähnt? Womöglich deshalb, weil klar würde, dass unsere Forderung nach einem Bordell in einer städtischen Liegenschaft weder eine Form von Ablasshandel, noch heuchlerisch ist – weil sie eben mitnichten so isoliert im Meer politischer Ideen treibt, wie sie jetzt dargestellt wird. Denn natürlich ist die Forderung nur eine von mehreren wichtigen Massnahmen, um schnellstmöglich die notwendigen Korrekturen an der geltenden Regelung der Prostitution in der Stadt Zürich vorzunehmen. Damit diese auch tatsächlich dem Ziel zu dienen kann, das aus linker Sicht zuoberst stehen muss: dem Schutz der Prostituierten und ihrer Arbeitsbedingungen. Entsprechend ist die Bordell-Motion, wie viele andere Vorstösse zuvor, auch mit den Frauenorganisationen, welche tagtäglich für die Rechte der Sexarbeiterinnen kämpfen, besprochen worden und wird von diesen unterstützt.

Den Frauen, die in Zürichs Salons und auf Zürichs Strassen als Prostituierte arbeiten und mit negativen Entwicklungen aufgrund der geltenden Regeln konfrontiert sind, schulden wir es, dass möglichst rasch, aber auch sachlich und lösungsorientiert Korrekturen und Verbesserungen umgesetzt werden. Ein Bordell in einer städtischen Liegenschaft ist nur eines von mehreren Elementen in diesem Bestreben – die SP-Forderung unterstreicht aber, worin wir mit dem Stadtblog einer Meinung sind: Dass Prostitution als normales Gewerbe anzuerkennen und zu respektieren ist, dass ihre Begleiterscheinungen aber derart gravierend sein können, dass die Sexarbeiterinnen dort beschützt und unterstützt werden müssen, wo dies nötig ist.

Heuchelei & Prostitution

Réda El Arbi am Montag den 25. April 2016
Man will die Spatzen weghaben, bis auf die, die man in einem hübschen Käfig hält.

Man vertreibt sie, um danach mit einem kleinen Vorzeigebordell auf weltoffen zu machen.

Die Stadt soll ein eigenes Bordell betreiben, wird von Zürichs Linken gefordert. Naja, sie soll Prostituierten eine Liegenschaft zur Verfügung stellen. Der Gedanke an sich ist ja löblich, kommt aber jetzt, nachdem die Gegend rund um die Langstrasse gesäubert wird und die Stadt die Prostituierten nach Altstetten deportiert hat, ein wenig wie ein Ablasshandel daher.

Indem die Linke jetzt ungeheuer weltoffen eine Behausung für die Prostutierten fordert, versucht sie sich von Schuld freizukaufen. Schliesslich haben die Genossen und die Grünen sehr aktiv mitgeholfen, die unliebsamen Damen aus dem boomenden Quartier zwischen Europaallee und Zürich West zu entfernen, um die Liegenschaftspreise zu schützen.

Das Bordell der Stadt wär gar nicht notwendig, wenn man nicht versuchen würde, das Geschäft mit dem Sex abzuwürgen. Die städteplanerischen Gründe – euphemistisch «Aufwertung» genannt – sind ja schon fragwürdig genug. Richtig widerlich wirds aber in der moralischen Begründung: Aus feministischer Sicht sei Prostitution verwerflich. Alt Stadträtin Monika Stocker meinte wörtlich «Die bekannten schmuddligen Salons und Hotels sind keine Lösung. Sie sind weder hygienisch noch frauenfreundlich.». Sie würde aus «feministischer Sicht» Prostitution verbieten, wenn das real durchsetzbar wäre. Aber sind dann Edelnutten für Geschäftleute in modisch gepflegten Salons feministisch und moralisch besser als das ganz normale Working Girl, das ihren Job auf einem alten Bett ausübt? Aus feministischer Sicht sollen diese Frauen gefälligst Opfer bleiben.

Hm, ja. Das ist also der Grund, warum man die normalen Sexworkerinnen in an Tierställe erinnernde «Boxen» an den Stadtrand verbannt, wo sie dann ja zum Glück niemand sehen muss. Darum müssen sie an Automaten Nummern lösen, um ihren eh schon schweren Job auszuüben. Darum vertreibt man sie von der Strasse auf Kontaktseiten im Internet, wo sie die Freier in ihren privaten Wohnungen empfangen und so dann gar keinen Schutz  mehr geniessen. Im Gegensatz zu klar deklarierten Sexbetrieben ist eine soziale und behördliche Aufsicht und Kontrolle so inexistent. Wenn ich mir das wieder mal durch den Kopf gehen lassen, krieg ich so einen Hals. So einen Hals. So einen.

Wenn man den Prostituierten nur den geringsten Respekt als Frauen und als Berufstätige entgegenbringen würde, könnten sie ihren Job als ganz normales Gewerbe ausüben. Alle Zürcher Parteien – von rechts bis links – klopfen sich für unsere ach so weltoffene Stadt auf die Schulter. Kultur! Banken! Flughafenanbindung! Nun, wir sind  keine Weltstadt, wenn wir nicht mal einen Rotlichtbezirk aushalten. Wenn aufrechte Bürgerliche und gestandene linke Feministinnen sich gleichermassen vor den Prostituierten ekeln – die einen mit Verachtung, die anderen mit herablassendem, angwidertem Mitleid.

Natürlich soll die Stadt Prostituierten Liegenschaften vermieten. Genauso wie sie einem Schreiner oder einem Detailhändler Räumlichkeiten vermietet. Diese Frauen arbeiten, zahlen Steuern und leisten einen grösseren  Beitrag zum friedlichen Erhalt unserer Gesellschaft als jedes bei der Stadt eingemietete Hipstercafe, das seinen Angestellten kaum überlebensgarantierende Löhne zahlt. Die Clubs, die sich inzwischen zwischen  dem Limmatplatz, dem Albisriederplatz und Zürich West eingenistet haben, belasten die Anwohner um Welten mehr, als die paar Freier, die früher durchs Quartier schlichen. Aber die Prostituierten haben eben keine schicke politische Lobby mit besten Verbindungen in die Politik.

Dass dies überhaupt ein Politikum ist, zeigt die verdammte Heuchelei, die in unserer zwinglianischen Stadt herrscht. Und ein Bordell, für vielleicht zwanzig Working Girls, ist das Feigenblatt, das den Ekel mit Mitleid zudecken soll. Das ist kein Zeichen von Respekt diesen Frauen gegenüber. Das ist pure Herablassung. Man will die Spatzen weghaben, bis auf die paar, die man sich in einem hübschen Käfig hält.

PS: Die Rechte argumentiert mit dem Argument gegen das Bordell, dass die Stadt «nicht mit Steuergeldern» ein Bordell betreiben soll. Was natürlich totaler Schwachsinn ist, da die Damen ganz normal Miete bezahlen würden.

Und der Haifisch …

Alex Flach am Montag den 25. Januar 2016
Das Ende der Seefahrt: Die Haifischbar schliesst.

Das Ende der Seefahrt: Die Haifischbar schliesst.

Das alte Dörfli-Nachtleben stirbt nicht plötzlich, es verendet langsam – Lokal für Lokal. Nachdem Ende 2015 das Kontiki und die Züri-Bar für immer geschlossen wurden, ist nun die Reihe an der Haifisch-Bar: Der Cabaret-Betrieb wird eingestellt und am 5. Februar eröffnet an dieser Adresse der Haifisch Club. Unter dem bisherigen Pächter wird der erst 20jährige Club-Manager Sebastian Köpe aus dem Lokal eine trendige Lounge mit grösserem Dancefloor und House-, Hip Hop- und RnB-Beschallung machen.

Cabarets sind ein Auslaufmodell. Erst kürzlich musste der Strip-Betrieb des Kings Club an der Talstrasse einem gayfriendly Tanzlokal weichen und im Longstreet an der Langstrasse hebt schon seit Jahren das junge, hippe Stadtvolk die Gläser. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch der Haifisch ins Netz geht und wenn man nur die letzten zehn Betriebsjahre des Lokals betrachtet, dann ist es wohl auch nicht allzu schade: Um Stangen gewickelte Tristesse, bei den Nackten auf der Bühne und den Vereinzelten davor.

So zumindest sah es der Pornoproduzent, Dörfliweise und Altpunk Peter Preissle im Interview, das er dem Tagi vor einem Jahr gegeben hat: «Heute handelt es sich beim Haifisch um einen biederen Stripschuppen, in dem – mit viel Glück – eine der Frauen mal ihr Höschen verliert.»

Preissle erinnert sich jedoch an eine frühere Zeit, an eine, die vom legendären Gastronom und Haifisch-Vater Josef «Käpten Jo» Schupp geprägt war. Seit Gründung 1965 spielte Sex eine Rolle, Preissle erinnert sich aber an andere Dinge: An Punkbands, die dort nach dem Konzert ihre Gage verpulverten. An Käpten Jo, der seine Schimpansen-Nummer zum Besten gab. An einen Zauberer, der seine Assistentin verschwinden liess und an ihrer statt ein lebendiges Krokodil auf die Bühne zauberte. An einen Mann aus dem Kongo, der mit seinen Zähnen einen Tisch heben konnte.

Nur so ein Gedanke, aber ist es nicht genau das, was in Zürichs Nachtleben derzeit fehlt? Attraktionen und Sensationen, ein Club wie aus Fellinis Film La Strada, in dem der stärkste Mann der Welt Zampano mit seiner Brust Ketten sprengt? Ein Club, der die Errungenschaften des modernen Clubbings mit der urigen Schrulligkeit eines Wanderzirkus kombiniert? Ein Lokal, in dem man einen Entfesslungskünstler bei der Arbeit bestaunen kann, derweil man zur Musik erlesener Bands und DJs feiert? Wäre der Haifisch nicht der perfekte Ort, um ein solches Experiment zu wagen?

Bezüglich Musik sind die Ansätze Köpes ganz okay, wenn auch etwas mutlos: Angekündigte DJs wie Aystep, Ezikiel, Dario D’Attis, Cedric Zeyenne und Fat Sushi zählen in ihren jeweiligen Genres zur Schweizer Elite. Jedoch ist das Ansinnen, das Köpe dem 20minuten ins Notizbuch diktierte, das falsche: «Wir wollen uns von der Haifisch-Bar als Cabaret distanzieren und uns stattdessen als neue Trend-Location etablieren“. Genau das sollte er nicht tun, er sollte die alte Tradition aus den Anfängen des Haifischs aufgreifen und diese mit zeitgemässer Musik garniert in die Zukunft führen.

Wird er offenbar aber nicht. Schade drum.

Alex-Flach2 Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

«Oversexed and underfucked»

Réda El Arbi am Mittwoch den 14. Oktober 2015
Porny Days: Kunst will mit Pornografie ins Bett - aber Pornogrfie hat grad Migraine. (Bild: Porny Days)

Porny Days: Kunst will mit Pornografie ins Bett – aber Pornografie hat grad Migräne. (Bild: Porny Days)

Wahrscheinlich ist der Anlass gar nicht so schlecht: einige Tage zum Thema Erotik und Sexualität in Kunst und Film. Aber der erste Gedanke, der mir beim Anblick der Medienmittleilung der «Porny Days» in meinem Mailfach durch den Kopf ging, war «Oversexed and underfucked».

Nein, keine Angst, es handelte sich nicht um Pornspam, sondern um eine «kulturell wertvolle» Veranstaltung, die nichts, aber auch gar nichts mit «Porn» zu tun hat. Ein paar Künstler und Schöngeister zeigen anhand von Kunst und Film ihre Sicht auf Erotik (ist super), Prostitution (ist wäkwäk) und reiben sich dabei etwas am schäbigen Image der Pornografie. Und das, nachdem sogar der Playboy sich von nackter Haut verabschiedet hat, weil das Magazin sich der Banalität von fotografierten Genitalien als Verkaufsargument bewusst wurde.

Porno scheint für ehemalige Kunstischüler im zwinglianischen Zürich noch immer eine Faszination zu haben. Also nicht der Konsum, sondern  der Gedanke an den Konsum. Nicht die funktionalen Zweckmässigkeit und Hemmungslosigkeit scheint zu erregen, sondern die Vorstellung eines Tabus, das es nicht mehr gibt. Nicht, dass sich einer oder eine der Beteiligten mal alleine in ein Pornokino getrauen würde, um dort mit den alten Männern abzuhängen, deren Libido und technischen Fähigkeiten vom Internet überfordert sind. Ich glaube auch nicht, dass die Veranstalter besonders erfreut wären, würde man bei ihren Filmen in der ersten Reihe ein Kleenex rausgrübeln und sich Erleichterung verschaffen. Es geht eben nicht um Porno, sondern um den Flirt mit dem Abgründigen.

Kurz: Pornos sind da, um zu masturbieren. Das ist ihr Zweck. Es ist kein reflektierter Umgang mit Sexualität. Kein tieferer Sinn, keine Botschaft, keine Philosophie. Die Handlung in solchen Filmen beschränkt sich im besten Falle auf eine Frau, die dem Handwerker die Tür öffnet und sich dann bückt, um irgendwas aufzuheben. Der Rest ist ein Kaleidoskop aus Grossaufnahmen von Genitalien und aufgesetztem Stöhnen. Bei wertigeren, längeren Produktionen findet man noch Dialoge, die über ein «Ah, jajaja» hinausgehen. Die werden dann im Schnellvorlauf übersprungen.

Die «Porny Days» sind wohl irgendwie die «50 Shades of Grey» für kreative Schöngeister. Man spielt mit dem Prickeln, Sexualität gemeinsam in der Öffentlichkeit anzuschauen. Man tut so, als würde man Pornos nicht «Pfui bäh» finden, vermeidet aber, wirklich welche anzuschauen oder zu zeigen.  Dabei kommt man sich dann weltoffen und aufgeschlossen vor. Das mag behütete Ex-Gymnasiasten, die der eigenen, linksbürgerlichen Langeweile entfliehen möchten, einen gewissen Thrill verschaffen.

Es funktioniert nicht für eine Generation, die Pornos im Schulklo auf den Handys schaut und so viele «Vice»-Reportagen vom Pornodreh gelesen hat, dass sie froh sind, wenn sie mal gemeinsam einen Film wie die «Minions» schauen können – mit Garantie, dass sich niemand auszieht.

Aber wenigstens finden die «Porny Days» dieses Jahr in adäquater Umgebung, im Kino Riffraff, statt. Letztes Jahr vertrieben die Veranstalter noch echte Pornokonsumenten für zwei Tage aus einem echten Pornokino. Jetzt ist man wieder unter sich mit dem Kulturzeugs.

Liebe Künstlerfreunde und zwinglianische Avantgarde,

euer Anlass ist sicher kulturell wertvoll. Macht es nicht kaputt, indem ihr euch verruchter gebt, als ihr seid. Oder legitimiert den Namen «Porny Days» mit einer veröffentlichten Liste der zehn Lieblings-Youporn-Clips der Veranstalter. Wenn sie denn welche haben.

Veranstaltung Porny Days, 27. – 29. November Riffraff

«Ich mag den weiblichen Körper» – plaudern mit Fiona

Réda El Arbi am Mittwoch den 26. August 2015
Fiona ist ihr eigenes Model für ihre Pinup-Karten.

Fiona ist ihr eigenes Model für ihre Pinup-Karten.

Diese Woche treffen wir Fiona Knecht, Designerin, Handwerkerin und vielleicht etwas Innenarchitektin, auf ein bisschen Geplauder. Sie führt den allerersten CD-Laden der Stadt und stellt gerade ihre neue Produktereihe aus Möbeln mit Pinup-Mustern eigenhändig her. Wir genehmigen uns einen Eiskafi im Z am Park. Fiona zieht bei ihrer Ankunft alle männlichen Blicke auf sich, mit ihren roten Haaren und ihrem figurbetonten Kleid erinnert sie an eine ihrer Pinup-Figuren aus den 40ern. Sie scheint sich der Aufmerksamkeit nicht bewusst zu sein.

Das letzte Mal als wir uns trafen, hattest du gerade vier oder fünf verschiedene Jobs, darunter eine Assistenz an der Hochschule der Künste, eine Festanstellung beim «Jenseits» und deinen CD-Laden, den du von deinem Vater «geerbt» hast (Fionas Vater eröffnete in den 80ern den ersten Musikladen, der nur CDs verkaufte). Ist es jetzt ruhiger in deinem Leben?

Ja, ich musste etwas runterfahren. Der CD-Laden ist etwas, das man nicht so einfach nebenbei machen kann. Also hab ich meine Jobs gekündigt und mich voll auf den Laden und ein paar Freelance-Jobs konzentriert. Mit meinen neuen Ideen versuche ich, mit einem erweiterten Angebot meinen geliebten CD-Laden ins Zeitalter der Streamingportale zu retten.

Du fandest offenbar Zeit, neue Produkte zu designen und damit wieder etwas ganz Neues auf die Beine zu stellen …

Ja, als ich im Frühling in den USA war, hat es mich einfach angefallen. Die ersten Ferien nach vier Jahren und dann fand ich mich plötzlich in einer Umgebung wieder, die meine Kreativität befruchtet hat. Man darf das ja heute gar nicht mehr sagen, aber was mir an den USA gefiel, waren genau die Sachen, die die meisten Leute nerven: Der Lärm, die Lichter, die Werbung, die schreienden Farben. Die USA hat eine unheimlich inspirierende Design-Geschichte. Und plötzlich erinnerte ich mich wieder an meine Begeisterung für Elvgren und seine Werbe-Pinups aus den 40-, 50-, und 60ern. Ich war schon als Jugendliche ein Fan, hab das aber wohl während meiner Designausbildung vergessen. Hier in Europa ist in diesem Bereich alles eher karg, funktional, schlicht.

Die Bedruckung kann man sich selbst zusammenstellen.

Die Bedruckung kann man sich selbst zusammenstellen.

Und das brachte dich auf die Idee …

Als ich zurück war, hab ich zuerst versucht, ein grosses Pinup zu malen. Da stand ich dann frustriert vor meinem Bild und musste mir eingestehen, dass ich mehr Designerin als Malerin bin. Und Design bedeutet, dass man Dinge macht, die einen praktischen Nutzen haben, Sachen für den Gebrauch. Also entwarf ich eine Serie kleiner Pinups  und daraus entstand dann die Idee für die Spielkarten und für «customized» Möbel. Ich stelle die Möbel selbst her und der Kunde kann sich die Bedruckung auswählen. Die Pinup-Karten waren zu Beginn eher ein Gag, aber nachdem ich sie auf meinem Facebook-Profil gezeigt hab, kam eine wirklich grosse Nachfrage. Nun hab ich ein Crowdfunding-Projekt daraus gemacht und es macht unheimlich Spass. (Hier Crowdfunding unterstützen)

In einer Zeit, in der kaum eine Duschmittelwerbung ohne nackte Haut auskommt und Sex und Porno überall erhältlich sind, wirken die Pinups der Vergangenheit ja eher zurückhaltend …

Mehr nackte Haut bedeutet nicht unbedingt mehr Erotik. Ausserdem mag ich die kurvigen, sehr weiblichen Formen der Pinups. Klar entsprechen auch die Pinup-Bilder nicht der Realität, aber sie strahlen mehr Wärme aus und es haftet ihnen eine Körperlichkeit, eine Weiblichkeit an, die mir mehr entspricht.

Wer sind deine Models? Oder machst du das alles aus dem Kopf?

Auf den Karten bin fast alles ich. Also, ich posiere, verrenke mich und versuche, den Fernauslöser meiner Kamera irgendwo zu verstecken. Natürlich hab ich die Figuren dann stilisiert, Gesichter und Figur angepasst, aber die Posen sind von mir. Ausserdem ist es ungeheuer anstrengend, so locker sexy posieren. Harte Arbeit.

Hast du keine Angst vor dem Vorwurf des Sexismus?

Nicht wirklich. Pinups sind ja auch immer ironisch konnotiert, was die Erotik eher spielerisch erscheinen lässt. Wenn der Feminismus sich daran stören würde, haben wir wohl keine echten Probleme mehr.

Ein Herz ist ein Herz.

Ein Herz ist ein Herz.

Wie passen deine neuen Designstücke zu deiner Arbeit für das katholische Begegnungszenter «Jenseits» und deinen Einrichtung der Kapelle/Besinnungsraums des Sanatoriums Kilchberg?

Das ist kein Problem. Ich mache noch immer Freelance-Aufträge für die Leute vom «Jenseits», letztens eine Interpretation des Themas «Adam & Eva». Da hab ich mich schon gefragt, ob ich nicht zuviel nackte Haut zeigen würde. Der Verantwortliche reagierte gelassen: «Das sind Adam und Eva. Die waren damals ganz nackt, also kein Problem. Provokativ wäre, wenn du zwei nackte Männer zeigen würdest.»

Wie gehts dir privat?

Ganz gut wieder. Ich hatte letztes Jahr etwas gesundheitliche Probleme, was wohl daran lag, dass ich zuviel gearbeitet hab. Da muss ich aufpassen. Ich hab die Tendenz zum Workoholic. Ich stehe morgens auf und kanns kaum erwarten, mit dem Arbeiten zu beginnen. Da muss ich etwas darauf achten, dass ich mich nicht ruiniere. Im Flow zu sein ist ein herrliches Gefühl, aber der Körper braucht zwischendurch auch mal Ruhe, das weiss ich jetzt.

Die übliche Frage in diesem Gefäss: Wie siehts mit der Liebe aus, Flirten? Freund?

Ich bin seit eineinhalb Jahren in einer Beziehung, wir ziehen jetzt gerade zusammen. Übers Flirten kann ich nicht viel sagen, ich gehe kaum aus, und lebe irgendwie in meiner Welt. Im Alltag werde ich selten wirklich angesprochen oder vielleicht merke ich es einfach nicht, wenn jemand mit mir flirtet. (Wir werden unterbrochen, weil der Typ vom Nachbarstisch ein paar Komplimente loswerden will). In meiner Singlezeit wollte ich dem Flirten in Zürich mal auf die Spur kommen, hab dann aber gleich meinen jetzigen Freund getroffen. So kann ichs wirklich nicht einschätzen.

Sagts und stiefelt elegant davon. In einer Hand die Kiste mit der Elektrosäge für die Möbel.

(Hier zur ganzen Serie «Plaudern mit …»)

Pin-Up Poker from Fiona K. on Vimeo.