Beiträge mit dem Schlagwort ‘Schweiz’

Burka Miseria!

Réda El Arbi am Dienstag den 10. Januar 2017
Auf dem Plakat sehen wir Luigi, wie er Freitags in einer Burka zum Fussball geht.

Auf dem Plakat sehen wir Luigi, wie er Freitags in einer Burka zum Fussball geht.

Gianna ist 21, Tochter eines Bekannten und arbeitet bei einer Versicherung am Stauffacher. Und sie wird wahrscheinlich niemals eine Burka oder einen Niqab tragen, obwohl ihre Urgrossmutter noch täglich Kopftuch trug. Damals, in Süditalien.

Das neue SVP-Plakat mit Burka, das zur Zeit überall in der Stadt zu sehen ist, richtet sich gegen die erleichterte Einbürgerung von Gianna. Und von Luca (der wohl auch nie eine Burka tragen wird). 60 Prozent der Menschen, die von einer erleichterten Einbürgerung profitieren würden, sind Italiener der dritten Generation. Sie sind keine Einwanderer, keine «Fremden», sie sind hier geboren, wie ein Elternteil und oft schon ein Grosselternteil. Sie sprechen meist zwei Landessprachen perfekt, Schweizerdeutsch und Italienisch, und ihre Grosseltern und Eltern haben bereits ihr Leben lang in der Schweiz Steuern bezahlt und sie tragen unser Sozialsystem mit ihren Abgaben mit.

Also, wie kommt die Burka auf das Plakat? Ich hab mich aus meiner urbanen, rotgrünen Filterbubble herausbegeben und mit Leuten gesprochen, die gegen eine erleichterte Einbürgerung sind. «In fünfzig Jahren sind es aber die Nordafrikaner, die Schwarzen, die von einer erleichterten Einbürgerung profitieren würden! Und die stammen aus einer anderen Kultur!», war ihre Erklärung zum Burka-Plakat. Weiter: «Auch jetzt schon würden Türken und Balkan-Muslime von der erleichterten Einbürgerung profitieren.» Nun, ich kenne auch keine Türken oder «Balkan-Muslime» (was immer das ist), die einen Niqab oder eine Burka tragen. Aber vielleicht sieht das ja auf dem Land anders aus.

Und noch schlimmer, meine Schwester und ich sind Nordafrikaner der ZWEITEN Generation, also fast noch frisch aus dem Maghreb! Aber ich schwör, meine Schwester trägt keine Burka – und ich trage nur selten einen Sprengstoffgürtel. Wir sind beide durch die Kraft der Schweizerischen Alltagskultur völlig natürlich als Schweizer aufgewachsen. Im Gegenteil: Unser Vater gab sich  extrem Mühe, mehr Schweizer Bünzli zu sein, als alle Schweizer, die er kannte.

Ich glaube an die Schweiz und die Stärke ihrer Kultur. Ich glaube, dass jeder Mensch nach drei Generationen Schweizer sein kann. Aber offenbar zweifeln die Gegner an der Strahlkraft helvetischer Werte. Beim Chef des gegnerischen Kommitees, bei Andreas Glarner (ja, genau der), hab ich Folgendes auf der Homepage gefunden:

Quelle: andreas-glarner.ch

Quelle: andreas-glarner.ch

Diese Weltsicht spricht eigentlich für sich.

Bei meinen Diskussionen mit den Gegnern stellte sich dann auch schnell heraus, dass sie nicht wirklich gegen eine «erleichterte» Einbürgerung sind. Sie sind grundsätzlich gegen eine Einbürgerung. Sie wollen nicht mal, dass diese Menschen hier leben, mit oder ohne Einbürgerung. Und genau das zeigt auch dieses Burka-Plakat: Fremde sind Feinde. Selbst wenn sie schon lange keine Fremden mehr sind. Sie haben hier nichts verloren, sie müssen bekämpft werden.

Bei meinen weltoffeneren Freunden kam die Diskussion auf, ob man sich gegen die Publikation des Plakates im Hauptbahnhof wehren soll. Ich sprach mich dagegen aus. Ich denke, man darf der ganzen Schweiz zeigen, wie viel Angst und wie wenig Vertrauen in Schweizerische Werte die Gegner der erleichterten Einbürgerung haben.

So kann man ihnen mit Stolz das eigene Vertrauen in unser Land entgegenhalten. Weil Schweizer sein keine Frage der Herkunft der Grosseltern ist, sondern eine Frage der Kultur.

Zürich ohne Nazis

Réda El Arbi am Dienstag den 25. Oktober 2016
Neonazis findet man da, wo sie geduldet werden.

Neonazis findet man da, wo sie geduldet werden.

Es gibt in Zürich kaum noch Neonazis. Und die paar, die’s noch gibt, schleichen sich verkleidet und versteckt durch die Strassen. Alles andere wäre ungesund. Dass dies so ist, hat mit der Geschichte der Stadt zu tun. Während der 80er-Bewegung war Zürich weitherum das Zentrum für die linke Jugendbewegung, was es schwierig machte für die Glatzen. Der Typus, der sich einer Neonazi-Ideologie anschliesst, will sich in der Gruppe stark fühlen. Das geht irgendwie nicht, wenn man dauernd von anderen Gruppen die Fresse poliert kriegt. Die Anziehungskraft der Neonazis verlor an Wirkung.

Während der Bewegung gab es zwar noch Leute mit faschistischen und nationalsozialistischen Überzeugungen, sogar in der Belegschaft der Stadtpolizei, aber auch da wurde intern aufgeräumt. Den Rest erledigte die Stadt selbst. Bis in die Neunziger hielt sich noch ein kleines Grüppchen Neonazis im Niederdorf in und vor der Gräbli- und der Pumpibar, harmlose Leute im Ausgang terrorisierend.

Aber mit der Hausbesetzerbewegung, den Donnerstagsdemos im Dörfli, wurde das Leben als Nazi auch dort eher ungemütlich. Eine der Freizeitbeschäftigungen der Besetzer war es, die Typen um den Block zu jagen, gefolgt vom Bomberjackenverbrennen. Da überlegt man sich, ob man die gängige Mode der Nazis auf die Strasse trägt und man sagt seinem Coiffeur «Rundum etwas länger, bitte».

Und irgendwann um die Jahrtausendwende waren dann plötzlich ehemalige Linksaktivisten, geläutert und demokratisch, Teil der Stadtregierung. Da gibts nicht viel Platz für Nazis. Heute wird unsere Polizei von einem Linksalternativen geführt …

Natürlich haben wir noch Fremdenfeinde und Leute mit rassistischem Gedankengut in der Stadt. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Nazis und normalen Fremdenfeinden oder Rassisten. Während die letzteren meistens nur dumm und verängstigt sind, zeichnen sich die ersteren durch tiefe, menschenverachtende Bösartigkeit aus. Die einen meinen «Ich bin ja kein Nazi, aber …», während die anderen «Sieg Heil!» brüllen.

Aber schon zu Kriegszeiten war Zürich keine Hochburg der Schweizer Nationalsozialisten. In Zürich erreichten die Fröntler damals unter 10 Prozent im Gemeinderat, während sie in der Ost- und Nordschweiz sehr grossen Zulauf hatten. In Schaffhausen erreichten sie einen Anteil von 30 Prozent bei den Ständeratswahlen. Und es gab nie eine wirklich starke, linke Gegenbewegung, die das korrigierte, während in Zürich die Gewerkschaften und die Sozialdemokraten immer schon stark waren, gefolgt von der Jugendbewegung.

Vielleicht liegt es daran, dass Oskar Freysinger eine Kriegsflagge des Deutschen Reiches in seinem Keller hängen haben kann, ohne dass dies politische Folgen für ihn hat. Das hat doch Signalwirkung bis nach Thüringen und Baden-Baden.  Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Nazi-Aufmärsche und Konzerte in der Nordost- und Ostschweiz stattfinden, unbehelligt von Polizei und Linken. Sogar die paar letzten Neonazis in Hombrechtikon nahmen in den letzten 15 Jahren nie mehr den Zug in Richtung Stadt, sondern fuhren Richtung Rapperswil und weiter. Und noch heute trifft man an den Bahnhöfen in Frauenfeld und St Gallen gerne mal eine Glatze in Bomberjacke und mit «Amok»-Tshirt an. Unbehelligt.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass die Anständigen im Osten mal den Mund aufmachen. Dass sie diese Idioten nicht mehr in ihren Kneipen, an ihren Arbeitsplätzen und ihrem Umfeld dulden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in meinem Alter nochmals «Kein Fussbreit den Faschisten» proklamieren muss. Aber, liebe Freunde im Osten, es ist Zeit für euch, mal gegen das Nazipack aufzustehen, dann habt ihr dieses Problem in ein paar Jahren vielleicht auch nicht mehr.

Ach ja, alle Kommentatoren, die mir jetzt mit «linksextremer Gewalt» kommen: Haltet einfach mal den Latz. Es gibt einen Unterschied, ob ein paar wohlstandsverwahrloste Kids ein bisschen Randale machen, oder ob eine verbotenes, deutsches Terrornetzwerk in der Schweiz bei einem Konzert 150 000 Euro sammelt, um den Mördern der NSU die Anwälte zu zahlen. Es ist ein Unterschied, ob naive Kids mit dem Anzünden von Containern eine bessere Welt erreichen wollen, oder ob 5000 Nazis, die den Holocaust feiern, von «Blut auf den Strassen» und «Messer flutscht in den Juden» singen, während sie stolz die Hand zum Hitlergruss heben. Das eine ist vielleicht unangenehm, das andere ist krank.

Und weils so schön ist, hier wieder mal …

Abdul will nicht töten

Réda El Arbi am Dienstag den 18. Oktober 2016
Das könnte Abdul sein, wenn er nicht geflohen wäre. (Bild: cnn.com)

Das könnte Abdul sein, wenn er nicht geflohen wäre. Jugendliche Soldaten in Somalia. (Bild: cnn.com)

Abdul* will besser Deutsch lernen. Und Mathematik. Abdul sitzt jetzt mit Bleistift und Hausaufgaben an meinem Stubentisch. Abdul arbeitet konzentriert und lässt sich nicht von unserem Hund stören, der sich zu seinen Füssen zusammengerollt hat.

In vielen Diskussionen zum Flüchtlingsthema durfte ich mir den Schwachsinn «Dann nimm doch einen bei dir auf» anhören. Nun, ich bin nicht jemand, der gerne Fremde in sein Haus lässt. Schon gar keine fremden Fremden.

Abdul ist 19 Jahre alt, etwas schlaksig, dunkelhäutig, mit langen, dunkeln Wimpern. Abdul lacht viel. Abdul träumt von einer Lehre als Mechaniker. Ein männlicher Beruf, mit Werkzeugen und Metall und harter Arbeit. Sein Deutsch ist bereits verständlicher als das vieler Typen, die auf Facebook oder bei Newsportalen widerliche Kommentare zu Menschen wie Abdul schreiben. Seine Mathematikkenntnisse bringen mich beim Helfen mit den Hausaufgaben ins Schwitzen.

Meine Frau dachte, es wäre vielleicht wirklich etwas heuchlerisch, nur eine grosse Klappe zu haben und ein paar Franken zu spenden, aber seine Komfortzone nicht zu verlassen. Also nahmen wir an einer Welcome-Dinner-Aktion teil, bei der man einen Flüchtling zum Znacht einlädt, um ihm etwas von der Schweizer Kultur zu zeigen. Zu uns kam Abdul. Und seither besucht er uns regelmässig.

Abdul ist seit zwei Jahren in der Schweiz, floh mit 17 aus Somalia. Er spricht nicht gerne über Somalia. Seine Familie lebt noch da. Alle zwei Monate kann er sie anrufen. Sie besitzen kein Telefon, müssen zu bestimmten Zeiten bei bestimmten Nachbarn sein, um Abduls Anruf entgegennehmen zu können.

Natürlich brachte dies die Frage auf, warum Abdul hier ist, wenn seine Mutter und seine Schwester noch in Somalia sind. Abdul weiss nicht viel über Politik in Somalia. Ich weiss wahrscheinlich mehr über die Verhältnisse in seinem Heimatland. Für ihn ist es verwirrend. Da sind verschiedene Warlords. Islamistische und anti-islamistische Milizen, reguläre Regierungstruppen, Verbrecherbanden. Abdul kennt den Unterschied nicht wirklich. Es sind bewaffnete Männer in Uniformen, die sich bekämpfen, die töten und sterben. Wenn sie in sein Dorf kommen, dann nur, um neue Soldaten zu holen. Junge Männer wie Abdul.

Aber Abdul will nicht töten. Und natürlich will Abdul auch nicht sterben. Abdul will Maschinen reparieren. Und Abdul träumt von einer Freundin. Er ist aber zu schüchtern und getraut sich mit seinem Deutsch nicht, ein Mädchen anzusprechen. Und er muss ja viel lernen, hat keine Zeit, muss zur Schule gehen. Abdul ist sehr stolz, dass er zur Schule gehen darf. Er will später eine Familie, aber zuerst muss er Mechaniker werden.

Abdul kennt nicht viele Schweizer. Abdul ist einsam. Er hat ein paar Kollegen, mit denen er Fussball spielt, oder die er in der Moschee trifft. Abdul wäre gerne in einem Schweizer Fussballclub. Abdul freut sich jedes Mal, wenn er zu uns zum Znacht kommt und danach noch ein, zwei Stunden Mathematik und Deutsch büffeln muss.

Wenn Abdul dann auf den Zug zurück in seine Asylunterkunft geht, lässt er mich glücklicher zurück. Nicht, weil ich jetzt mit meiner Menschenfreundlichkeit angeben kann oder weil meine Gastfreundschaft mein Gewissen beruhigt. Sondern weil Abdul meine Dankbarkeit weckt. Die Dankbarkeit dafür, dass ich hier auf die Welt gekommen bin, dass ich hier zu Schule durfte, dass ich alle Möglichkeiten nutzen durfte. Die Dankbarkeit für die Möglichkeit, etwas davon zu teilen.

Und weil Abdul mich daran erinnert, dass auch ich nicht töten will. Und dass ich deshalb nie fliehen musste.

PS. Wer jetzt meint «Er hätte dableiben und kämpfen sollen», darf gerne das hier lesen.

*Name geändert

Mehr Zürich- als Swiss-Award

Alex Flach am Montag den 11. Januar 2016
Eulen nach Zürich tragen: Swiss Night Life Award.

Eulen nach Zürich tragen: Swiss Night Life Awards.

Am 7. Februar werden im Komplex 457 in Zürich-Altstetten die Swiss Nightlife Awards vergeben. Nun hat das Award-Komitee die jeweils drei Finalisten veröffentlicht, die sich um eine der elf Sieger-Eulen rangeln werden. Die Zürcher Clubs, DJs, Festivals und Partylabels machen mit 16 Finalisten etwa die Hälfte des Feldes aus.

Insbesondere bei den Club-Kategorien ist die Dominanz erdrückend: In der Kategorie «Best Club» geht der Basler Nordstern mit den beiden Zürcher Lokalen Friedas Büxe und Zukunft ins Rennen, der Lausanner D! Club muss es bei den «Best Big Clubs» mit dem Hive und dem Plaza aufnehmen und der Titel für die Best New Location geht entweder ans Alice Choo (Zürich), die Härterei (Zürich) oder ans Xoxo in Lausanne.

Der Swiss Nightlife Award wird von Zürich aus organisiert und auch die Awardparty findet alljährlich hier statt. Das ist sicher ein Grund für den Zürcher-Überschuss bei den Finalisten: Würde die Verleihung auch mal in Bern, Basel oder Genf stattfinden, dann würden sich bestimmt auch mehr Clubber aus diesen Städten am Online-Voting beteiligen.

Ein weiterer Grund ist natürlich auch die Tatsache, dass Zürich als grösste Schweizer Stadt über das umfangreichste und lebendigste Nachtleben verfügt. Dennoch kann es nicht sein, dass das Lausanner Xoxo mit seinen Halligalli-Partys («Après Ski» trifft «Lollipop» trifft «Shoot Me I’m Famous») die französische Schweiz vertreten darf, derweil wirklich gute Clubs wie La Ruche (Lausanne) und Halle W (Genf) aussen vorbleiben müssen.

Aber vielleicht ist das auch der musikalischen Vielseitigkeit geschuldet, wobei man ein Open Format-Konzept sicher anspruchsvoller umsetzen kann, als es das Xoxo tut. Eine Präsenz des Swiss Nightlife Awards in der Romandie würde jedenfalls dafür sorgen, dass sich auch dort Leute mit Sachverstand am Voting beteiligen und nicht bloss Leute, die von Online-Promotoren dazu aufgefordert werden für «ihren» Club zu stimmen.

Aber nicht nur die Szene jenseits des Röstigrabens ist untervertreten, auch das Berner Nachtleben wird nicht gebührend gewürdigt: Mit dem Kapitel Bollwerk ist gerade noch ein waschechter Hauptstadt-Exponent unter den finalen 33 Titelanwärtern.

Solange der Swiss Nightlife Award ausschliesslich in Zürich organisiert wird, gibt es für das Komitee nur einen Weg, einen tatsächlich repräsentativen Schweizer Nachtlebenpreis zu vergeben und zwar indem man das Publikums-Voting abschafft und das Verfahren der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, der mehr als 6‘000 Filmschaffende angehören, übernimmt, die alljährlich über die Vergabe der Oscars entscheidet.

Es müssen ja nicht tausende Nachtschaffende sein, die über die Swiss Nightlife Awards richten, aber würde man eine Academy mit beispielsweise 300, 400 Fachleuten aus allen Landesteilen zusammenstellen, die die Preisverleihung exklusiv regeln, dann würde der Award nicht nur repräsentativer, dann würde auch seine Akzeptanz im Nachtleben weiter steigen.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

«Warum ich kein Islamist wurde …»

Réda El Arbi am Donnerstag den 19. November 2015
Kindern fällt Integration nicht schwer.

Kindern fällt Integration nicht schwer.

Ich trage einen nordafrikanischen Namen, komme aus der sozialen Unterschicht der Zürcher Agglo und denke grundsätzlich, ich wisse besser, was das Beste für die Welt sei. Mein Name, El Arbi, bedeutet «von Arabien» und schrie schon im Kindergarten in Dübendorf heraus, wo meine ethnischen Wurzeln liegen.

Ich weiss nicht genau, warum andere religiös radikalisiert werden. Aber ich weiss, warum aus mir kein Islamist wurde. Und das hat nur sehr begrenzt mit meinem vernünftigen Wesen zu tun.

Es könnte vielleicht daran liegen, dass meine Mutter Katholikin und mein Vater damals sozialistischer Atheist war. Also war der Islam mir fremd. Aber das reicht nicht als Argument, da die meisten Eltern von radikalen Islamisten selbst eher säkular eingestellt sind und die jungen Männer sich nicht zuhause radikalisieren, sondern in Moscheen mit Freunden. Ein nicht geringer Teil lernt den Koran erst nach dem 15. Lebensjahr richtig (oder eben falsch) kennen. Also hat das Elternhaus nur marginalen Einfluss. Und in meinem zerrütteten Elternhaus waren Werte sowieso meist nur Lippenbekenntnisse, also nichts, was meine moralische Integrität nachhaltig geprägt hätte.

Religion oder Ethnie waren in meiner Kindheit einfach kein Thema, weder Zuhause, noch im Alltag oder in den Medien. Ich ging mit christlichen und jüdischen Schweizern zur Schule, mit tiefkatholischen Italienern und mit einem der ersten Türken in unserem Quartier. Ich weiss nicht mal, ob der Muslim war oder nicht, so wenig war Religion ein Thema.  Wir interessierten uns mehr für das fremde Essen, das aus anderen Kulturkreisen auf unsere Pausenhöfe migrierte.

Ich wurde nicht ausgegrenzt, niemand schaute schief auf meine Herkunft. Im Gegenteil, ich musste mich anstrengen, nicht Teil der alles aufnehmenden Schweizer Gesellschaft zu werden. Ich wollte damals, wie wohl jeder männliche Jugendliche, «cool», «anders» sein. Das war schwer genug in einer Gesellschaft, die Gemeinsinn und Anständigkeit so tief im Blut hat, dass man mit zerrissener Hose und Sicherheitsnadel im Ohr zu Besuch kommen darf, solange man die schmutzigen Schuhe vor der Haustür auszog.

In Zürich in den Achtzigern war Integration kein politisches Konzept, sondern Alltag. Ich musste keine Zeitungsartikel lesen, in denen vor meiner Ethnie oder meiner vermeintlichen Religion gewarnt wurde. Wenn ich angefeindet wurde, dann aufgrund meines Verhaltens (zu Recht, ich war ein arroganter Vollidiot), nicht wegen meiner Herkunft oder der Religion meiner Vorfahren.

Das erste Mal, als ich nach meiner Religion gefragt wurde, war bei meiner ersten Freundin, die wissen wollte, warum ich beschnitten sei. Aus hygienischen Gründen, gab ich zur Antwort. Das erste Mal, als ich mit religiös motiviertem Terror in Verbindung kam, war bei den Presseberichten über Anschläge der IRA, der katholischen «Irisch Republikanischen Armee», und der «Ulster Freedom Fighters». Das zweite Mal bei den Massakern an den bosnischen Muslimen im Jugoslawienkrieg. Und auch da war Religion für uns kein Thema, die Betroffenheit galt den Opfern, die Wut  explizit den Tätern, nicht deren Herkunft oder Religion. Eine Folge der in Zürich gelebten Vielfalt, die einfach nicht zuliess, dass man Religions- oder Volksgruppen pauschal verurteilte, mit deren Mitgliedern man aufgewachsen ist und täglich zu tun hatte. Natürlich gibts unter den Muslimen gewalttätige Idioten, aber die gibts, wie wir wissen, in allen Farben und Religionen.

Natürlich gabs auch damals schon genug Fremdenfeinde, aber in den meisten Fällen galt die Angst und die Ablehnung nicht den «Fremden», die in der Nachbarschaft lebten, die man kannte, sondern einem diffusen Bild von «Fremden», mit denen man nie zu tun hatte. Ich hatte nie den geringsten Zweifel, dass ich Schweizer bin. Mit komischem Namen, aber durch und durch. Vielleicht gab es damals schon Leute, die zwischen «Eidgenoss» und Schweizer unterschieden, aber sie waren in Zürich ganz bestimmt nicht gesellschaftsfähig.

Also, ich wurde kein verbitterter Islamist, weil die Schweizer mir keine Chance dazu liessen. Egal, wie daneben ich mich benahm (und ich benahm mich grauenhaft daneben!), ich wurde von der Gesellschaft aufgefangen und mehr oder weniger sanft wieder eingegliedert.  Ich wurde kein Islamist, da ich Religion nicht als Zuflucht brauchte, weil ich nirgends dazugehörte. Wär ich aufgrund meiner Herkunft isoliert gewesen, hätte ich vielleicht nach der Religion gegriffen.

Wenn ich über die Grenzen nach Frankreich, nach England oder sogar nach Deutschland schaue, sehe ich gespaltene Gesellschaften. Gesellschaften, in denen mein Nachname dazu geführt hätte, dass ich sozial und beruflich weniger Chancen hätte. In der meine Herkunft bestimmen würde, in welchem Quartier ich eine Wohnung finde. In der Schweiz ist das zum Glück noch nicht so.

Aber nun mach ich mir Sorgen, dass meine Halbgeschwister, die noch zur Schule gehen, eines Tages keine Wohnung oder keinen Job bekommen, weil sie muslimisch aufwachsen (Ihre Mutter betete mit ihnen Koransuren vor dem Einschlafen, damit sie keine Albträume hatten!).

Weil sie nicht nach ihrer Person, sondern nach ihrem Glauben oder ihrer Herkunft beurteilt werden.

Der Mann mit der Knarre

Réda El Arbi am Donnerstag den 8. Oktober 2015
Nicht vom Facenookprofil eines irren Waffennarren, sonder von der eines amtierenden Nationalrats.

Nicht vom Facebookprofil eines irren Waffennarren, sondern von dem eines amtierenden Nationalrats.

Nein, das ist keines der üblichen Bilder, wie sie nach einem Amoklauf an irgendeiner Schule in den USA auf dem Facebook-Profil des Amokläufers gefunden werden. Das ist ein Teil der Kampagne, die Freunde des St. Galler SVP-Nationalrats Lukas Reimann ins Netz stellten. Für einmal schaut der Stadtblog aus der linksgrünen Blase, in der wir Stadtzürcher leben, heraus – und was sieht man? Sowas.

Natürlich kann Reimann jetzt behaupten, er habe keine Kontrolle darüber, was seine Fans in der Woche des Oregon-Shootings mit 10 Toten ins Web stellen. Aber ehrlich, das Foti mit der Knarre haben seine Fans ja nicht selbst gebastelt. Und die Zitate sind sicher vom SVP-Nationalrat selbst.

Nun ja, schauen wir uns erst mal die Zitate an: Ok, verantwortungsbewusste, privaten Schusswaffenbesitz will unser Volk, warum auch immer. Nichts dagegen einzuwenden. Aber ein Typ, der wie ein 6-Jähriger mit seinem Armeegewehr auf den Leser zielt, erscheint mir irgendwie weit weg von dem, was ich unter «verantwortungsbewusst» verstehe.

Weiter: Wenn man die Waffengesetzgebung verschärfen würde, hätten nur noch Kriminelle Waffen? Ich denke, die Polizeikorps würden sich sicher wundern, als Kriminelle angesehen zu werden. Aber ganz so weit ist das bei Lukas Reimann und seinem Freund Anian Liebrand mit ihrer Nähe zu Verschwörungstheoretikern nicht hergeholt. Sie sehen die grösste Gefahr für den Bürger beim Staat, der ihnen ihre «Freiheit» wegnehmen will. Bei dem Staat, den Reimann im Parlament vertreten sollte …

Paralellen sind nicht zu leugnen. Breivik posiert.

Paralellen sind nicht zu leugnen. Breivik posiert.

Aber wie um Himmels Willen kommt man auf die Idee, so ein Bild von sich zu machen? Es gibt andere, die bereits solche Bilder von sich ins Netz gestellt haben, darunter der Massenmörder Breivik, der in seinem «Manifest» mehrmals auf die SVP als Vorbildpartei hingewiesen hat. Das sollte einem doch eine Warnung sein, wie man seine Waffenliebe im Wahlkampf kommuniziert. Auf jedenfall nicht wie ein Amokläufer.

Nein, ich denke nicht, dass die SVP eine Partei von Schiesswütigen ist. Ich denke, dass vielen SVPlern die Waffentradition und der verantwortungsbewusste Umgang mit Schusswaffen am Herzen liegt. Nur haben diese vernünftigen und verantwortungsbewussten Kräfte offenbar nicht den geringsten Einfluss auf die jungen Wirrköpfe, die vor der Kamera für ihre Abstimmungsflyer ein wenig «Krieg» spielen.

Wäre Reimann einer dieser wirren Libertären, die sich am Liebsten mit einem Haufen Waffen irgendwo einbunkern und auf den Krieg gegen den Rest der Welt vorbereiten würden, müsste ich schmunzeln. Leute, die so mit Waffen posieren, sind meist abwechselnd von Angst und Allmachtsfantasien beherrscht. Sie leben in einer Welt voller Bedrohungen durch übergrosse Gegner, die sie in ihren Tagträumen mit der Waffe niedermachen.

Nur, Reimann ist ein Mitglied unseres Parlaments. Da hört der Spass mit der Knarre irgendwann auf. Schliesslich sollen die gewählten Politiker auch die Würde unseres Landes vertreten.

Nun ja, in unserer linksgrünen politischen Stadtblase wäre Reimann nach so einem Bild politisch tot. Aber offenbar gibts Gegenden, in der eine Mehrheit einen Typen wählt, der beim Erwachsenwerden den Unterschied zwischen einer Chäpslipistole und einem Armeesturmgewehr nicht mitbekommen hat.

 

Demokratie, nicht politische Prügelei

Réda El Arbi am Montag den 5. Oktober 2015
Im Parlament gibts keine K.o.-Siege.

Im Parlament gibts keine K.o.-Siege.

«Ich wähle nicht. Das bringt sowieso nichts.» – dieses platte, klischierte Statement hab ich wirklich gestern in der weltoffensten, aufgeklärtesten Stadt der Schweiz in einer Beiz gehört. Also höchste Zeit für eine kleine Auffrischung in Staatskunde.

Die Medien – und die Parteien mit ihren Kampagnen – vermitteln das Gefühl, Wahlen und Abstimmungen seien Wettkämpfe, halbe Kriege, bei denen es einen absoluten Sieger gäbe. Und natürlich viele Verlierer. Sie verhalten sich so, als sei unsere direkte Demokratie eine Diktatur der Mehrheit.

Das ist natürlich Schwachsinn und absolut nicht im Sinne der Schweizer, die unser System entworfen haben. Der oft zitierte «Volkswille» ist nicht der Wille einer Mehrheit, die eine Minderheit niedergerungen hat. Der Volkswille ist eine Balance zwischen allen politisch geäusserten Meinungen in diesem Land. Und Wahlen und Abstimmungen sind dazu da, um die vertretenen Meinungen als Anteil des Ganzen zu gewichten.

«Gewinnen» ist kein demokratisches Konzept, «Kompromiss» oder «Zusammenarbeit» hingegen schon. Das heisst nicht, dass man sich nicht über Sitze im Parlament oder eine erfolgreiche Initiative freuen darf. Nur, das ist nicht das Ende, der «Sieg». Denn dann fängt die demokratische Arbeit erst an.

Wenn eine Mehrheit eine Abstimmung «gewinnt» ist das Parlament angehalten, diese so umzusetzen, dass alle Schweizer damit leben können. Wenn eine Partei Sitze im Parlament dazugewinnt, dann nicht, um anderen ihre Politik aufzuzwingen, sondern um mit den anderen Parteien politische Lösungen zu erarbeiten, mit denen wiederum alle Schweizer leben können.

Also, ein Wahlsieg bedeutet nicht, dass die erfolgreiche Partei jetzt der Bully auf dem Pausenplatz ist. Das wäre in einem Zwei-Parteien-System wie in den USA so. Bei uns werden Konsenslösungen angestrebt. Und die beste aller Konsenslösungen ist dann erreicht, wenn alle unzufrieden sind.

Ja, das ist frustrierend. Vorallem, wenn Politiker ihren Wählern versprechen, dass sie schnell alles so in Ordnung bringen, wie der Wähler sich das gerade erträumt. Das ist Betrug am Wähler. Und daher rührt auch ein grosser Teil der Politverdrossenheit: Die Wähler haben das Gefühl, dass sie nie das Versprochene bekommen und es so auch gleich aufgeben könnten. Natürlich kann man nach den Wahlen nur mit den anderen Parteien gemeinsam Kompromisse finden.

In Zürich hat das der Stadtrat ziemlich gut gemacht: Der ehemalige Linksautonome muss die Polizei führen, der stramme, eher rechte Freisinnige muss Parkplätze abschaffen und Velostreifen garantieren. So wird sich in Zukunft jeder Kandidat hüten, den eigenen Wählern irgendwelche Märchen von Superlösungen vorzuschwafeln.

Ich gebe meine Stimme nicht ab, damit die Schweiz so regiert wird, wie ich mir das vorstelle. Ich gebe meine Stimme ab, damit sie berücksichtigt wird wie alle anderen Stimmen auch. Ich will nicht «gewinnen», ich will mit meinen Vorstellungen nicht diktieren, sondern an einem langwierigen demokratischen Prozess teilnehmen.

Und wenn ich meine Stimme nicht abgebe, schenke ich sie meinem politischen Gegenüber. Also, los. Wahlzettel ausfüllen!

Politisiertes Nachtleben?

Alex Flach am Montag den 30. März 2015
Kein Sinn für Ironie: Den eigenen, selbstgekauften Technikmüll als Zeichen des Widerstandes benutzen?

Kein Sinn für Ironie: Den eigenen, selbstgekauften Technikmüll als Zeichen des Widerstandes benutzen?

Das Berner «Bündnis inexistenter Partykapitalisten» hat zu einer Demonstration gegen die Umnutzung der dortigen Markthalle aufgerufen. Vor zwei Jahren mussten die Bars und Restaurants in der Markthalle mangels Rentabilität schliessen. Die Eigentümer sanierten in der Folge das Gebäude, um es weitervermieten zu können. Am vergangenen Donnerstagabend fanden sich nun mehrere hundert Aktivisten zu einer Protestaktion vor der gleichentags dort eröffneten Media Markt-Filiale ein, um dort alten Elektroschrott zu deponieren. Die Angestellten des Discounters verriegelten die Türen, die Demonstranten begannen Gegenstände in Richtung der Schaufenster zu werfen und die Polizei damit, die Demo aufzulösen.

Die Antikapitalisten in der Hauptstadt geben ihrem Wirken ganz gerne einen Nightlife-Anstrich: Die Reclaim the Streets vom 25. Mai 2013 fand unter dem Motto «Tanz Dich frei» statt. Aber nicht nur die Berner Aktivisten machen auf Nachtleben, auch ihre Zürcher GenossInnen schmücken ihr Tun gerne mit Discokugeln, so auch die ehemaligen Binz-Besetzer, deren «Tanz durch die Stadt» Anfang März 2013 mehr mit Sachbeschädigung oder gar Plünderung zu tun hatte als mit Tanz.

Dank der Verknüpfung solcher Demonstrationen mit Nightlife-Begriffen wirft ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Clubber und Links-Aktivisten in einen Topf, so auch nach der Zürcher Reclaim The Streets von Mitte Dezember.

Das ist Blödsinn, denn politischer Aktivismus und die Gastro-Szene haben nichts miteinander zu tun: Nach der Reclaim The Streets vom vergangenen Dezember zählten Lokale wie das Le Chef von Meta Hiltebrand und das Neo von Gregory Schmid und Pius Portmann zu den Hauptbetroffenen, einer von Hiltebrands Angestellten wurde gar verletzt. Das überwältigende Mehr der Schweizer Gastronomen sieht sich als leidenschaftliche Teilnehmer am freien Markt und damit keineswegs als Antikapitalisten. Sie müssen Löhne, Lieferanten und Mieten bezahlen und haben oft eine Familie zu ernähren. Sie wollen Gewinn machen und ihre Statements sind meist kreativer und keineswegs politischer Natur.

Den ehemaligen Mietern der Berner Markthalle ist es nicht gelungen, ihre Betriebe in die Gewinnzone zu führen und dass sie schliessen mussten war nichts weiter als das logische Resultat wirtschaftlichen Misserfolges. Hätten all die Leute die nun dem Media Markt die Scheiben eingeworfen haben früher regelmässig in den Lokalen der Markthalle ein Bierchen getrunken oder gegessen, dann würden diese vielleicht noch existieren.

Einsicht ist eine Frage des Alters und der aus ihr erwachsenden Weisheit, gut abzulesen am Werdegang der Roten Fabrik. Das Areal in Wollishofen wurde 1980 und nach den Opernhauskrawallen der Jugendbewegung als Autonomes Jugendzentrum zu Verfügung gestellt. Ein bisschen Politik betreibt die IG Rote Fabrik heute noch, aber primär dirigiert sie heute eine Kultur-Institution, die nach marktwirtschaftlichen Regeln funktioniert, wenn auch mit basisdemokratischen Strukturen. Die Rote Fabrik ist ein gutes Beispiel dafür, wie revolutionäre Ideen irgendwann halt doch in der marktwirtschaftlichen Realität landen. Man kann das vielleicht mit etwas politischer Schminke übertünchen, aber wer auf lange Sicht bestehen will, kommt um den freien Markt nicht herum.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

«Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!»

Réda El Arbi am Montag den 12. Januar 2015
«Das muss man doch noch sagen dürfen!»

«Das muss man doch noch sagen dürfen!»

Meinungsfreiheit ist zur Zeit in der Stadt und in den sozialen Medien eines der Hauptthemen. Natürlich liegt die WAHRHEIT auch in unserem Interesse. Wir haben reingehört und aufgezeichnet, was in der Schweiz so alles für Wahrheiten unterdrückt werden. Ein Monolog aus den meisten der im Augenblick geäusserten «Wahrheiten» würde sich ungefähr so anhören:

Ich habe grundsätzlich nichts gegen Muslime, aber die sind halt schon gegen die Meinungsfreiheit.  Das steht schon im Koran! Lesen Sie nur nach oder fragen Sie Thiel! Aber wenn unsereiner das mal deutlich sagen will, wird man zensu – zensi – zensureriert! Die Mainstream-Medien helfen denen doch noch, die Wahrheit zu unterdrücken! Die Medien sind doch gegen echte Pressefreiheit! Wie oft sind schon Kommentare von mir nicht veröffentlicht worden? Hä? Und da wundert man sich, dass sich niemand mehr getraut, die Wahrheit zu sagen.

Das muss doch mal gesagt werden!

Ich bin ja für Asyl und so, aber mit jedem Flüchtlingsschiff kommen mehr von diesen Leuten, die keine Meinungsfreiheit wollen. Sonst hätten die ja schon zuhause gesagt, was ihnen nicht passt und wären nicht einfach abgehauen. Wir haben schon 20 Prozent kulturfremde Ausländer in jedem Kanton! Bei 26 Kantonen macht das 520 Prozent! Fünf Mal so viele wie Schweizer. Aber das liest man natürlich nirgends.

Jemand muss das doch mal laut aussprechen!

Ich bin ja nicht fremdenfeindlich, aber die kommen zu uns, um zu faulenzen und von unserem Sozialstaat zu leben. Und dann nehmen sie uns unsere Jobs auch gleich weg! Alle! Nicht nur die schlechten. Aber auch die Wirtschaft kuscht. Sollen die doch mal unsere älteren Leute anstellen. Oder unsere Sozialfälle! Ab in die Fabrik, sag ich den Arbeitslosen und IV-Schmarotzern.

Das darf man doch wohl noch sagen!

Ich bin ja offen für fremde Kulturen, aber die, die verstecken ihre eigenen Ehefrauen und Töchter alle (!) unter Burkas und nehmen ihnen die Freiheit. Dafür belästigen sie unsere Frauen an jeder Strassenecke (Was ja eigentlich niemanden wundert, wenn man sieht, was für kurze Röcke die Mädchen von heute so tragen. Das schreit ja förmlich nach Belästigung!). Dann heiraten sie Einheimische und zeugen mit denen Mischlinge, die gleich von Geburt an den Schweizer Pass haben. So gehen doch unsere freiheitlichen Werte schon mit dem Schnitt der Nabelschnur den Bach runter. Wir nähren die Schlange am eigenen Busen!

Das muss man doch mal deutlich machen!

Ich bin ja durchaus für Freiheit, aber jemand muss doch unsere freiheitliche Verfassung schützen! Am Besten, in dem wir sie abändern und da reinschreiben, was wir alles verbieten. Da müssen mir keine Gutmenschen mit irgendwelchen Gerichtshöfen für Menschenrechte kommen. Diese fremden Richter wollen doch nur unsere Meinungsfreiheit einschränken. Und die ist schliesslich unser Menschenrecht!

Das ist doch einfach die Wahrheit!

Natürlich darf man das alles sagen. Das bedeutet Meinungsfreiheit. Aber Meinungsfreiheit bedeutet auch, dass man solchen «Wahrheiten» durchaus mit einem speziell ausgesuchten, englischen Imperativ begegnen darf.

PS: Zensur ist es übrigens, wenn jemand in einer Gesellschaft aktiv daran gehindert wird, seine Meinung zu veröffentlichen.

Es bedeutet nicht, dass man auf einer privaten Medienplattform jeden Schwachsinn veröffentlichen muss, der in die Kommentarspalte geschrieben wird.

Die zufriedene Jugend

Réda El Arbi am Mittwoch den 22. Oktober 2014
kann die heutige Jugend nur noch zufrieden in de Asche spielen? Ist alles schon erreicht?

Kann die heutige Jugend nur noch zufrieden in der Asche spielen? Ist alles schon erreicht?

Früher war wohl doch nicht alles besser. Die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen im Land sind heute laut des CS-Jugendbarometer sehr zufrieden. Sie wünschen sich eigentlich nur noch gute Karrieren und weniger Ausländer. Nun ja, meine Generation war nicht zufrieden. Wir wollten Dinge erreichen. Wir wollten Veränderung.

Ich bin also mal ins Tram gestiegen und hab mir unsere Jugend angesehen. Und als Erstes fiel mir die Einheitlichkeit des Äusseren auf. Vielleicht erinnert ihr euch selbst noch: Wir hatten Jugendsubkulturen. Man bekannte sich zu einem Lebenstil, einem Wertesystem, einem Musikstil, einer Gruppe von Nonkonformisten.

Da gabs zum Beispiel Popper, die Stunden für ihre Frisuren und ihre Klamotten aufwandten. Sie hörten natürlich das, was damals unter Pop verkauft wurde (ergänzt durch Italo-Schnulzen), trugen Blazer, schmale Krawatten und asymetrische Haarschnitte, die sie nötigten, dauernd ihre Haare aus dem Gesicht zu werfen. Sie hatten keine politischen Werte, dafür aber ungeheures Gemeinschaftsgefühl und ein ausgeprägtes individuelles Selbstbewusstsein.

Weiter waren da die Freaks, eine Art politisierte Hippies. Sie zeichneten sich durch Röhrchenjeans, Wildlederjacken oder Militärparkas und «Adidas Rom»-Turnschuhe aus. Sie trugen violette Windeln als Halstücher und lasen Hesses «Siddharta» (Hesse war unser Coelho, einfach mit Sprachgefühl und mehr Schwermut), diskutierten über Politik, engagierten sich oft in der Anti-AKW-Bewegung, hörten Velvet Underground, Rolling Stones, David Bowie, Pink Floyd, Bob Marley und erste Indie-Rockbands.

Waver-Sound

Oder die Waver, quasi die Urgrossväter der Emos, hervorgegangen aus den Punks, brachten sie das «No Future»-Lebensgefühl auf eine persönliche Ebene. Depression war das Lebensgefühl und an besonders fröhlichen Tagen vielleicht eine geschwächte Melancholie. Schwarze, lange Mäntel, schwarze Haare, schwarzes Makeup und weisse Haut. Begleitet wurden sie von The Cure, The Jesus And The Marie Chain und vielen anderen Bands, die mit «The» begannen.

Ich könnte noch einige Gruppen aufzählen, die Heavy Metaller zum Beispiel, ohne jegliches politisches Bewusstsein, dafür mit ungeheuer eindrücklichen Plattensammlungen und sehr schweren Lederjacken, die mit Nieten nochmals um zwei Kilo bereichert wurden. Oder die Teddies, die sich an den 50ern orientierten und grosse Tollen kombiniert mit spitzen Stiefeln und steinzeitlichem Gedankengut trugen.

Metaller

Allen Gruppierungen und Subkulturen war Eines gemeinsam: Man wollte sich von den anderen abgrenzen. Man wollte sein eigenes Lebensgefühl schaffen. Man wollte der Welt den eigenen Lebenstil verkünden und natürlich wollte man sich von den anderen Gruppen unterscheiden. Soweit, dass man sich auch schon mal prügelte, sich gegenseitig die Töffli sabotierte (Popper fuhren Ciao, Metaller und Freaks Puch, bzw. alte Zweigang-Schleudern). Man stand für eine eigene Identität ein, bei der man auch das Riskio einging, gehasst zu werden. Ja, manchmal war das einzige Ziel, gehasst oder belächelt zu werden.

Die meisten der Kids damals lernten also, für ihre (wenn auch noch so lächerlichen) Werte einzustehen, anzuecken, Selbstwertgefühl zu entwickeln und Dinge einzufordern.

Heute ist es schwierig für Jugendliche. Die Gruppenzugehörigkeit hat sich in der Superindividualisierung aufgelöst. Und die Superindividualisierung hat sich in Beliebigkeit verwandelt. Man ist seine eigene, persönliche Aussage, die man aus dem Angebot der Mainstream-Klamottenläden zusammensetzt. Das Dazugehören ist wichtiger als das Abgrenzen. Wenn überhaupt so etwas wie politisches Engagement aufkommt, ist es meisten gegen Irgendwas, nicht für Irgendwas. Es ist auch schwer, sich für irgendwas zu engagieren, wenn bereits alles da ist.

Meine Generation war wohl die erste, die quasi bis Dreissig Berufsjugendliche sein durfte. Den heutigen Kids bleiben eigentlich nur noch die frühe Biederkeit, die Zufriedenheit und konservative Werte. Die Wildheit begrenzt sich auf Feiern was das Zeug hält. Wenn sie aufmucken oder etwas fordern, müssen sie sich anhören, dass sie ja bereits alles haben. Was stimmt, woran sie aber keine Schuld tragen.

Wollten sie rebellieren, selbst gewalttätig, müssen sie sich anhören, dass ihre Eltern und Grosseltern bereits in den 60ern und in den 80ern  viel krasser waren. Nehmen sie Drogen, müssen sie diese vor ihren Eltern verstecken, da die ihnen sonst die Pillen wegfressen und das Gras wegdampfen. Am Ende jedes extremen, rebellischen Weges treffen sie auf die vorherige Generation, die da im Schaukelstuhl sitzt, Pfeife raucht und meint: «Auch schon hier?»

Die Jugend ist zufrieden, es bleibt ihnen ja nichts anderes übrig. Eigentlich wäre das schön. Es ist, als ob man ein Ziel erreicht hat. Aber auf der anderen Seite macht es mir auch ein wenig Angst. Ich mag ihnen ihre gute Welt gönnen, aber ich befürchte auch ein wenig Stillstand. Sogar eine Regression. Wenn unsere Jugend zufrieden ist, wenn sie nichts mehr anstreben, sondern sich nur noch für Dinge einsetzen, die sie NICHT wollen (Ausländer, Veränderung, Risiken), dann bringt das unsere gesellschaftliche Entwicklung zum Stillstand.

Sie müssen nicht Molotov-Cocktails schmeissen und «Freie Sicht zum Mittelmeer» fordern. Aber es wäre doch schön, wenn sie eine eigene gesellschaftliche Utopie, eine eigene Vorstellung der Zukunft, die über das eigene Einfamilienhaus und das eigene Auto hinausgeht, anstreben würden. Nicht?

Aber vielleicht bin ich ja einfach einer dieser nostalgischen alten Säcke.