Beiträge mit dem Schlagwort ‘Politik’

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 23. Juni 2017

«Was für ein Affentheater.»

40 Jahre – und ein bisschen weise: Der im Zoo Zürich lebende Gorilla N’Gola feierte seinen Geburtstag. Der Gorillamann hat im Laufe der Jahre auch gelernt, seine weibliche Seite zu akzeptieren. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

«Die beiden starken Marken
werden den Markt beleben.»

Die Zürcher Kultwurst bekommt einen neuen Besitzer. Die Metzgerei Keller in Wiedikon wird an eine Aktiengesellschaft aus Lenzburg verkauft. Urs Keller, Inhaber der Metzgerei Keller am Zürcher Manesseplatz, sieht im Deal Vorteile. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Das letzte Mal, dass ich so lange
anstehen musste, war im Europapark.»

Warum eigentlich stehen so viele Menschen eine halbe Stunde für eine Glace an? Weil es sich lohne, sagen sie. Wirklich? Ist das so? Zwei TA-Redaktoren haben das nachgeprüft. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

«Was will dieser Eisbär in Zürich?»

Riesenstern, Grabsteine, Wild-Futterstelle und ein Eisbär: Auf Zürcher Plätzen stehen diesen Sommer ganz seltsame Objekte. Und dann ist da noch die Stimme von Yoko Ono. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Man kennt sich auf dem Rasen,
das verändert die Spielweise.»

1977 wurde die Alternative Fussballliga (FSFV) gegründet. In 40 Jahren hat sich vieles verändert – gewisse Ideale aber sind geblieben. Mämä Sykora, der Präsident des FSFV hat eine Schwäche für Jerseys. Bild: Sabina Bobst (11 Bilder)  Zum Artikel

 

«Wir wurden nicht erst genommen.»

Damit bei Hochwasser kein Treibholz die Sihl verstopft, hat der Kanton im Sihltal einen riesigen Rechen gebaut. Dieser zerstöre wertvollen Lebensraum für Fische, klagen die Fischer. Und: Der Kanton habe ihre Kritik ignoriert. Einer der Kritiker ist Rolf Schatz von der IG Dä Neu Fischer. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Solid, aber nicht besonders originell.»

Mit Doris Fiala hätte die Stadtzürcher FDP eine weitere prominente Kandidatin für den Stadtrat wählen können. Das Rennen aber macht stattdessen Michael Baumer. Min Li Marti, die SP-Fraktionschefin war, als Baumer der FDP-Fraktion vorstand, charakterisiert ihn. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Ich kämpfe weiter.»

D0ris Fiala ging bei der FDP-Nominierung zu den Zürcher Stadtratswahlen trotz Promibonus leer aus. Die Partei setzte lieber auf zwei Männer. Frustriert ist sie deswegen nicht. Aber um die Frauen tut es ihr leid. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Der wichtige Übergang vom Dorf zur Stadt.»

Vor zwei Jahren haben Diebe den Frosch von Altstetten geklaut. Gross war die Empörung. Die Bewohner hatten ihn ins Herz geschlossen. Nun kehrt das Wahrzeichen zurück. Sehr zur Freunde von Christoph Doswald, der sich als Vorsitzender der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum dafür eingesetzt hat. (Foto: Werner Schüepp) Zum Artikel

 

«Vielen Haltern ist nicht bewusst,
wie rasch ein Hund überhizt.»

Die Hitze ist nicht nur für den Menschen eine Herausforderung. Auch Hunden und Katzen machen die hohen Temperaturen zu schaffen. Ärztin Claudia Müller rät: viel trinken und viel Schatten.Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Ich will zeigen, wie schwer es
unserem KMU gemacht wird»

Urs Sprengers Familie lebt seit 60 Jahren vom Parkieren der Autos von Flugpassagieren. Doch jetzt wird es für sie so richtig schwierig. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

Liebe Koch-Areal-Besetzer …

Réda El Arbi am Montag den 10. Oktober 2016
Besetzungen sind wichtig für die Stadtentwicklung.

Besetzungen sind wichtig für die Stadtentwicklung.

Liebe Besetzer vom Koch-Areal,

eigentlich sollte ich auf eurer Seite sein. Ich halte Besetzungen für sinnvoll. Und ich kenn auch einige Leute, die ihre Zeit bei euch verbringen.

Aber zur Zeit verhaltet ihr euch wie die krassesten Konsumenten im Ausverkauf. Ihr wollt möglichst viel haben, aber nichts dafür geben. Mehr Freiraum, mehr Freiheit, aber keine Kompromisse, keine Gegenleistung. Und wenn, dann nur unter massivem Druck und mit dem trotzigen Gesicht eines zu Unrecht bestraften Schülers.

Leider endet eure Freiheit da, wo die der anderen beginnt. Und damit meine ich nicht nur die Lärmemissionen bei euren Partys, ich spreche auch von Hundekot rund ums Gelände (ja, das mag spiessig sein, aber andere Hundehalter und Hunde bezahlen die Rechnung dafür), ich meine die Art, wie ihr den Anwohnern im Alltag begegnet. Einfach grundsätzlich die Art, wie ihr mit den Leuten umgeht, die eure Infrastruktur und die Polizeieinsätze bezahlen. Das sind nämlich keine Bonzen, das sind ganz normale Stadtbewohner.

Nun, mit eurer ignoranten Haltung gegenüber eurem Umfeld, gegenüber den Reklamationen, mit der lässigen Arroganz, mit der ihr Anwohner behandelt, die nicht so erfreut über eure Emissionen sind, schadet ihr euch in erster Linie selbst. Damit könnte ich leben. Handlungen haben schliesslich Konsequenzen.

Aber ihr gebt dem politischen Gegner – hier und heute der SVP und der FDP – Munition in die Hand, um jetzt und in Zukunft hart gegen Besetzungen vorzugehen. Ihr macht kaputt, was Generationen vor euch in einem harten Kampf erstritten haben. Sorry, dass ihr das verpasst habt. Aber so wie ihr den Freiraum nutzt, scheint es, als ob ihr nicht mal mit dem umgehen könnt, den euch die Gesellschaft überlässt.

Mir ist klar, dass einige eurer Köpfe nicht über euren Clan hinaus denken, dass ihr euch als kulturelle  und politische Elite versteht, die sich hart von der «Mainstream»-Gesellschaft abgrenzen muss. Mir ist klar, dass eure Solidarität in erster Linie den eigenen Genossen gilt, und dass man entweder für euch ist oder zum Feind gehört. Mir ist auch bewusst, dass eure basisdemokratische Organisation inzwischen an einzelnen, charismatischen Persönlichkeiten, die den Ton in verschiedenen Grüppchen angeben, krankt. (Natürlich will keiner von denen mit Namen und Gesicht hinstehen …)

Trotzdem liegt es heute in eurer verfluchten Verantwortung, dass leerstehende Häuser auch in Zukunft besetzt werden können, ohne dass daraus gleich Strassenschlachten entstehen. Natürlich würden sich einige unter euch über Strassenschlachten freuen. Aber glaubt mir, das sind entweder pubertäre Vollidioten oder ideologisch Verblendete. Ich erkenn das, ich war beides. Es geht hier nicht um Politik oder Kultur. Es geht hier um einen Grundanstand im Umgang mit anderen Menschen.

Aber um zum Anfang zurückzukommen: Euer Verhalten ist weder sozial noch solidarisch oder demokratisch. Euer Verhalten ist elitär und unterscheidet sich in seiner psychologischen «Wir,wir,wir»-Anspruchshaltung eigentlich nur wenig vom «Ich, ich, ich»-Verhalten einer selbsternannten, neoliberalen Elite. So schön einzelne eurer sozialen Projekte auch sind, so stark verlieren sie an Glaubwürdigkeit, wenn ihr euch eurem direkten Umfeld gegenüber wie asoziale Egoisten verhaltet.

Ihr wollt mehr Freiraum? Ok, übernehmt Verantwortung für den Raum, den ihr bereits habt. Dann könnte es sogar sein, dass es auch in Zukunft Ecken und Nischen gibt, die alternativ genutzt werden können.

Schönen Herbst wünsch ich.

PS: Und ja, diejenigen, die mich jetzt nicht mehr so gut finden, dürfen mich dafür als was auch immer bezeichnen. Aber diesmal nicht mehr anonym. Wer etwas zur Diskussion beitragen will, kann das auch anonym tun. Wer einfach nur haten will, fliegt raus. Das gilt ebenso für rechte Hetzer. Ich hab nämlich die Schnauze voll, mich von gesichtslosen Feiglingen beschimpfen zu lassen.

Heuchelei & Prostitution

Réda El Arbi am Montag den 25. April 2016
Man will die Spatzen weghaben, bis auf die, die man in einem hübschen Käfig hält.

Man vertreibt sie, um danach mit einem kleinen Vorzeigebordell auf weltoffen zu machen.

Die Stadt soll ein eigenes Bordell betreiben, wird von Zürichs Linken gefordert. Naja, sie soll Prostituierten eine Liegenschaft zur Verfügung stellen. Der Gedanke an sich ist ja löblich, kommt aber jetzt, nachdem die Gegend rund um die Langstrasse gesäubert wird und die Stadt die Prostituierten nach Altstetten deportiert hat, ein wenig wie ein Ablasshandel daher.

Indem die Linke jetzt ungeheuer weltoffen eine Behausung für die Prostutierten fordert, versucht sie sich von Schuld freizukaufen. Schliesslich haben die Genossen und die Grünen sehr aktiv mitgeholfen, die unliebsamen Damen aus dem boomenden Quartier zwischen Europaallee und Zürich West zu entfernen, um die Liegenschaftspreise zu schützen.

Das Bordell der Stadt wär gar nicht notwendig, wenn man nicht versuchen würde, das Geschäft mit dem Sex abzuwürgen. Die städteplanerischen Gründe – euphemistisch «Aufwertung» genannt – sind ja schon fragwürdig genug. Richtig widerlich wirds aber in der moralischen Begründung: Aus feministischer Sicht sei Prostitution verwerflich. Alt Stadträtin Monika Stocker meinte wörtlich «Die bekannten schmuddligen Salons und Hotels sind keine Lösung. Sie sind weder hygienisch noch frauenfreundlich.». Sie würde aus «feministischer Sicht» Prostitution verbieten, wenn das real durchsetzbar wäre. Aber sind dann Edelnutten für Geschäftleute in modisch gepflegten Salons feministisch und moralisch besser als das ganz normale Working Girl, das ihren Job auf einem alten Bett ausübt? Aus feministischer Sicht sollen diese Frauen gefälligst Opfer bleiben.

Hm, ja. Das ist also der Grund, warum man die normalen Sexworkerinnen in an Tierställe erinnernde «Boxen» an den Stadtrand verbannt, wo sie dann ja zum Glück niemand sehen muss. Darum müssen sie an Automaten Nummern lösen, um ihren eh schon schweren Job auszuüben. Darum vertreibt man sie von der Strasse auf Kontaktseiten im Internet, wo sie die Freier in ihren privaten Wohnungen empfangen und so dann gar keinen Schutz  mehr geniessen. Im Gegensatz zu klar deklarierten Sexbetrieben ist eine soziale und behördliche Aufsicht und Kontrolle so inexistent. Wenn ich mir das wieder mal durch den Kopf gehen lassen, krieg ich so einen Hals. So einen Hals. So einen.

Wenn man den Prostituierten nur den geringsten Respekt als Frauen und als Berufstätige entgegenbringen würde, könnten sie ihren Job als ganz normales Gewerbe ausüben. Alle Zürcher Parteien – von rechts bis links – klopfen sich für unsere ach so weltoffene Stadt auf die Schulter. Kultur! Banken! Flughafenanbindung! Nun, wir sind  keine Weltstadt, wenn wir nicht mal einen Rotlichtbezirk aushalten. Wenn aufrechte Bürgerliche und gestandene linke Feministinnen sich gleichermassen vor den Prostituierten ekeln – die einen mit Verachtung, die anderen mit herablassendem, angwidertem Mitleid.

Natürlich soll die Stadt Prostituierten Liegenschaften vermieten. Genauso wie sie einem Schreiner oder einem Detailhändler Räumlichkeiten vermietet. Diese Frauen arbeiten, zahlen Steuern und leisten einen grösseren  Beitrag zum friedlichen Erhalt unserer Gesellschaft als jedes bei der Stadt eingemietete Hipstercafe, das seinen Angestellten kaum überlebensgarantierende Löhne zahlt. Die Clubs, die sich inzwischen zwischen  dem Limmatplatz, dem Albisriederplatz und Zürich West eingenistet haben, belasten die Anwohner um Welten mehr, als die paar Freier, die früher durchs Quartier schlichen. Aber die Prostituierten haben eben keine schicke politische Lobby mit besten Verbindungen in die Politik.

Dass dies überhaupt ein Politikum ist, zeigt die verdammte Heuchelei, die in unserer zwinglianischen Stadt herrscht. Und ein Bordell, für vielleicht zwanzig Working Girls, ist das Feigenblatt, das den Ekel mit Mitleid zudecken soll. Das ist kein Zeichen von Respekt diesen Frauen gegenüber. Das ist pure Herablassung. Man will die Spatzen weghaben, bis auf die paar, die man sich in einem hübschen Käfig hält.

PS: Die Rechte argumentiert mit dem Argument gegen das Bordell, dass die Stadt «nicht mit Steuergeldern» ein Bordell betreiben soll. Was natürlich totaler Schwachsinn ist, da die Damen ganz normal Miete bezahlen würden.

«Amis sind dumm wie Brot»

Réda El Arbi am Dienstag den 8. März 2016
Von einem US-Amerikaner auf das ganze Volk zu schliessen, ist dumm.

Von einem US-Amerikaner auf das ganze Volk zu schliessen ist dumm.

«Amis sind fette, konsumgeile Rednecks, Analphabeten, unzivilisiert, Fox-News-verblödet, rassistisch und waffengeil. Viele von denen sind Kreationisten und glauben wirklich, die Welt wurde in sechs Tagen erschaffen. Kurz: dumm wie Brot», hörte ich diese Woche bei einem Treffen mit einigen Bekannten. Und, immer wieder: «Die meisten von denen haben nicht mal einen Pass.» Was immer das eigentlich aussagen soll.

Weist man auf die Universitäten und den Anteil an wirtschaftlicher Innovation hin, kommt sofort:«Clan-organisierte, elitäre, imperialistische Neoliberale oder Sklaven des militärisch-industriellen Komplexes». Und natürlich haben alle eigenhändig die amerikanische Urbevölkerung umgebracht – Winnetou und seine Freunde! – und, wohl das grösste ihrer Verbrechen: sie verwechseln die Schweiz ständig mit Schweden!

Selbstverständlich gäbe es Ausnahmen, geben meine Bekannten zu: «John Oliver, George Clooney, Matt Damon und Brangelina. Und die beiden Amis, die ich kenne. Aber das sind New Yorker, das sind gar keine richtigen Amis.»

Fremdenfeindliche Verallgemeinerungen sind üblicherweise eine Sache der Rechtsnationalen. Ausser bei den US-Amerikanern. Mit den Vorwahlen in den USA ist ein lange überwundenes Phänomen in meinem Umfeld – einer linksgrünen, urbanen Blase – wieder aufgetaucht: Der mehr oder weniger subtile Antiamerikanismus.

Kollegen in meinem Alter, die in der Aera Reagan bis Bush politisch sozialisiert wurden, die zum Teil den kalten Krieg noch miterlebt haben, beginnen wieder in ihren Vorurteilen gegenüber den Amis zu schwelgen. Wo sie bei den Russen sehr klar zwischen Putin und dem russischen Volk unterscheiden können, und sich auch sonst gegen fremdenfeindliche Klischees wehren, hacken sie bei den Amis auf dem ganzen Volk herum. Was dann manchmal zu komischen Allianzen führt: libertär verblendete Putinfreunde und urbane Linke finden sich bei denselben Argumenten gegen die Amerikaner wieder.

Mit der Wahl Barack Obamas vor acht Jahren verfielen die meisten meiner Freunde in eine US-Euphorie. Als sich dann zeigte, dass Obama die USA nicht innert Monaten in ein sozialdemokratisches Paradies verwandeln konnte, und in Guantanamo nicht sofort einen Streichelzoo mit regenbogenfurzenden Einhörnern einrichtete, noch immer Tötungsbefehle gab und weiterhin eher Drohnen als Schmetterlinge über Bagdad fliegen liess, waren viele enttäuscht.

Jetzt, mit der narzisstischen Dumpfbacke Trump und der Wallstreet-Lady Clinton, sehen sich viele in ihren alten Vorurteilen bestätigt. Ein Land, in dem diese beiden Kandidaten die besten Chancen auf die Präsidentschaft haben, müssen die Einwohner ja Idioten, wahlweise tumbe Rednecks oder neoliberale Gierschlünde, sein.

Und genau hier müsste man als dezidiert links wählender, urbaner Zürcher kurz innehalten.

Aus internationaler Sicht sind wir nämlich seit der Minarett- und der Masseneinwanderungsinitiative ein Volk von ungebildeten, fremdenfeindlichen, isolationistischen Berglern. Rednecks, die nur Vorteile picken und keine Pflichten im Herzen Europas übernehmen wollen. Oder aber wir sind arrogant, selbstherrlich und schon seit dem zweiten Weltkrieg so geldgeil, dass wir Profite aus jedem Kriegsverbrechen und von jedem Diktator in unseren Banktresoren horten.

Ihr seht, das Spiel mit den Verallgemeinerungen funktioniert in beide Richtungen.

Pro Nachtleben – Party und Politik

Alex Flach am Montag den 29. Februar 2016
Der Verein Pro Nachtleben versucht, Spannungen zwischen Anwohnern und Clubs politisch aufzunehmen.

Der Verein Pro Nachtleben versucht, Spannungen zwischen Anwohnern und Clubs politisch aufzunehmen.

Die Zürchern Nachtleben-Macher, insbesondere die Clubbetreiber, stehen der Politik misstrauisch gegenüber. Nicht ohne Grund, denn nur allzu oft bedeutet Kunde von Stadt, Kanton und Bund, dass sie sich mit weiteren Regulierungen, Vorschriften und Einschränkungen auseinandersetzen müssen. Als beispielsweise die Stadträte Richard Wolff und André Odermatt im Juni 2015 die Presse zu den Fortschritten des von Wolff initiierten Projekts Nachtleben, das Brücken zwischen Nachtleben und Anwohnerschaft schlagen soll, informierten, wurde bei dieser Gelegenheit verkündet, dass Betriebe die nach Mitternacht geöffnet haben künftig eine Baubewilligung benötigen. Das bedeutet, dass nun jede geplante Club-Eröffnung von Nachbarn mit Rekursen eingedeckt werden kann.

Nun aber hat ein überparteiliches Komitee von Jungparteien der Stadt Zürich ein Projekt lanciert, das die Exponenten des städtischen Nachtlebens mit einhelliger Begeisterung quittieren. Die städtischen Jungen Grüne, Jungen glp, Jungen CVP, Jungen SVP und die Jungfreisinnigen haben den Verein «Pro Nachtleben Zürich» gegründet, der sich für ein attraktives Nachtleben einsetzen wird. Zu den Zielen des Vereins zählt auch der Abbau hoher Eintrittshürden und Schaffung schlanker Regulierungen für Clubbetreiber. Das kommt an: Die Bar- und Clubkommission BCK steht in regem Kontakt mit den Initianten des Vereins und empfiehlt «allen, denen das Nachtleben am Herzen liegt, die Pro Nachtleben Zürich Onlinepetition zu unterzeichnen».

Direktlink zur Onlinepetition

Aber nicht nur die Nachtleben-Vertreter der BCK zeigen sich sehr angetan vom Effort der Jungpolitiker. Sandro Bohnenblust vom Club Supermarket: «Bin positiv überrascht über die Gründung `Pro Nachtleben` und begrüsse eine solche politische Bewegung. Werde am 14. April dem Politker-Apéro im Hive beiwohnen um ein paar Kontakte zu knüpfen».

Tony Bolli vom Plaza zeigt sich hoffnungsvoll («Die junge Politik kann hier sicherlich etwas bewirken») und auch Rolf Hiltl, der in seinen Räumlichkeiten den Hiltl Club betreibt, begrüsst den Vorstoss der Jungpolitiker: «Ich finde ich es sympathisch, dass das Komitee überparteilich getragen wird. Natürlich soll man in der Stadt Zürich in Ruhe wohnen können. Aber: Es gibt Orte die historisch ein hohes Aufkommen an Nachtleben haben und das soll respektiert werden. Oder Gebiete wie z.B. im Kreis 1 oder beim zukünftigen Europaplatz, welche einen sehr geringen Wohnanteil aufweisen. Es kann nicht sein, dass man nur wegen einer oder zwei Lärmklagen in der unternehmerischen Freiheit so stark eingeschränkt wird». Philippe Musshafen von der Maag Music & Arts AG hingegen relativiert: «Dass Sie all das was sie sich vornehmen schaffen bezweifle ich leider, aber auch wenn nur 20% erreicht werden ist das ein Gewinn!».

Nichtsdestotrotz dürften die Bestrebungen der städtischen Jungpolitiker helfen Misstrauen abzubauen. Sie sind ein Zeichen dafür, dass die kommende Politikergeneration das Nachtleben nicht mehr nur als Problemherd sieht, sondern als wichtigen Teil des städtischen Lebens und dass sie bestrebt ist, es auch als solchen zu behandeln.

Alex-Flach2-150x150Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Demokratie, nicht politische Prügelei

Réda El Arbi am Montag den 5. Oktober 2015
Im Parlament gibts keine K.o.-Siege.

Im Parlament gibts keine K.o.-Siege.

«Ich wähle nicht. Das bringt sowieso nichts.» – dieses platte, klischierte Statement hab ich wirklich gestern in der weltoffensten, aufgeklärtesten Stadt der Schweiz in einer Beiz gehört. Also höchste Zeit für eine kleine Auffrischung in Staatskunde.

Die Medien – und die Parteien mit ihren Kampagnen – vermitteln das Gefühl, Wahlen und Abstimmungen seien Wettkämpfe, halbe Kriege, bei denen es einen absoluten Sieger gäbe. Und natürlich viele Verlierer. Sie verhalten sich so, als sei unsere direkte Demokratie eine Diktatur der Mehrheit.

Das ist natürlich Schwachsinn und absolut nicht im Sinne der Schweizer, die unser System entworfen haben. Der oft zitierte «Volkswille» ist nicht der Wille einer Mehrheit, die eine Minderheit niedergerungen hat. Der Volkswille ist eine Balance zwischen allen politisch geäusserten Meinungen in diesem Land. Und Wahlen und Abstimmungen sind dazu da, um die vertretenen Meinungen als Anteil des Ganzen zu gewichten.

«Gewinnen» ist kein demokratisches Konzept, «Kompromiss» oder «Zusammenarbeit» hingegen schon. Das heisst nicht, dass man sich nicht über Sitze im Parlament oder eine erfolgreiche Initiative freuen darf. Nur, das ist nicht das Ende, der «Sieg». Denn dann fängt die demokratische Arbeit erst an.

Wenn eine Mehrheit eine Abstimmung «gewinnt» ist das Parlament angehalten, diese so umzusetzen, dass alle Schweizer damit leben können. Wenn eine Partei Sitze im Parlament dazugewinnt, dann nicht, um anderen ihre Politik aufzuzwingen, sondern um mit den anderen Parteien politische Lösungen zu erarbeiten, mit denen wiederum alle Schweizer leben können.

Also, ein Wahlsieg bedeutet nicht, dass die erfolgreiche Partei jetzt der Bully auf dem Pausenplatz ist. Das wäre in einem Zwei-Parteien-System wie in den USA so. Bei uns werden Konsenslösungen angestrebt. Und die beste aller Konsenslösungen ist dann erreicht, wenn alle unzufrieden sind.

Ja, das ist frustrierend. Vorallem, wenn Politiker ihren Wählern versprechen, dass sie schnell alles so in Ordnung bringen, wie der Wähler sich das gerade erträumt. Das ist Betrug am Wähler. Und daher rührt auch ein grosser Teil der Politverdrossenheit: Die Wähler haben das Gefühl, dass sie nie das Versprochene bekommen und es so auch gleich aufgeben könnten. Natürlich kann man nach den Wahlen nur mit den anderen Parteien gemeinsam Kompromisse finden.

In Zürich hat das der Stadtrat ziemlich gut gemacht: Der ehemalige Linksautonome muss die Polizei führen, der stramme, eher rechte Freisinnige muss Parkplätze abschaffen und Velostreifen garantieren. So wird sich in Zukunft jeder Kandidat hüten, den eigenen Wählern irgendwelche Märchen von Superlösungen vorzuschwafeln.

Ich gebe meine Stimme nicht ab, damit die Schweiz so regiert wird, wie ich mir das vorstelle. Ich gebe meine Stimme ab, damit sie berücksichtigt wird wie alle anderen Stimmen auch. Ich will nicht «gewinnen», ich will mit meinen Vorstellungen nicht diktieren, sondern an einem langwierigen demokratischen Prozess teilnehmen.

Und wenn ich meine Stimme nicht abgebe, schenke ich sie meinem politischen Gegenüber. Also, los. Wahlzettel ausfüllen!

Die Feinde der Schweiz. Ehrewort!

Réda El Arbi am Dienstag den 31. März 2015
Achtung! Landesverräter!

Achtung! Landesverräter!

Nun stehen ja bald wieder Wahlen in Zürich an, und da macht es Sinn, sich einmal quer durch die politischen Blätter und Veröffentlichungen zu lesen, bevor man da irgendwen wählt, der vielleicht gar nicht für die eigenen Werte steht.

Ein besonderes Fundstück erreichte mich glücklicherweise noch vor den Wahlen über die Zeitschrift «Schweizerzeit»: Eine Liste der «Feinde der freien Schweiz». Das war vielleicht ein Augenöffner! Ich muss jetzt mein ganzes Weltbild neu definieren!

Wer hätte gedacht, dass das Mädchenhaus Zürich, das Heks und der Kinderschutzbund zu den Landesverrätern zählen? Ganz unheimlich sind mir auch die «Arbeitsgruppe Tourismus & Entwicklung» und die «Caritas». Ich sehe schon bildlich vor mir, wie diese subversiven Organisationen unsere Freiheit mit Füssen treten. Und ehrlich, «Fastenopfer»? Wer sich selbst als Opfer sieht und mit Fasten die Wirtschaft schädigt, kann doch kein Patriot sein, oder? Opfer. Pfft.

(Fortsetzung unter dem Bild)

Ui nei! Alle böse!

Ui nei! Alle böse!

So wie ich das sehe, sind die «Reporter ohne Grenzen» eigentlich nur der militante Arm der Lügenpresse, während die Menschenrechtsorganisationen uns an unserer nationalen Freiheit auf Menschenrechtsverletzungen hindern. Pfui bäh, das ist ja schon beinahe Diktatur!

Aber beinahe am Schlimmsten auf der Liste ist das Schweizerische Rote Kreuz. Diese vaterlandsverräterischen Halunken benutzen sogar unser heiliges Schweizer Kreuz als Symbol! Das ist doch die Oberfrechheit! Treiben sich im Ausland herum, verschenken unsere teuren Medikamente an Dahergelaufene und stehen im eigenen Land gegen die Freiheit! Dass das Kommunisten sind, sagt ja schon der Name! Henry Dunant war sicher Bolschewik!

Irgendwie dünkt mich die Liste aber nicht konsequent. Auch die Heilsarmee (die ihre aggressiven Ambitionen ja schon im Namen trägt), die kantonalen Samichlaus-Vereine (die Bärte, sag ich nur. DIE BÄRTE!) und die Verkehrskadetten (die uns vorschreiben wollen, wie wir unsere Freiheit im Strassenverkehr leben dürfen) gehören auf diese Liste!

Dankbar für die Warnung vor der Gefahr für unsere freiheitlichen Werte bin ich der ganzen Redaktion der Schweizerzeit und werde diese Liste – und den Geist dahinter – sicher auch beim Ausfüllen meines Wahlzettels berücksichtigen.

(Die politischen Konsequenzen, die man aus der in der Liste herrschenden Weltsicht ziehen mag, sind natürlich ganz dem Leser überlassen. Ehrlich.)

Hier die Redaktion der «Schweizerzeit»:

Chefredaktor:
Dr. Ulrich Schlüer (us)

Abschlussredaktion:
Olivier Kessler (ok)

Mitarbeiter:
Roland Burkhard
Patrick Freudiger
Thomas Fuchs
Arthur Häny
Hans Kaufmann
Barbara Keller-Inhelder
Olivier Kessler
Hermann Lei
Anian Liebrand
Luzi Stamm

«Auf ein Wort, Herr Freimaurer.»

Réda El Arbi am Dienstag den 10. März 2015
Sinnspruch der deutschen Freimaurerei: Vor dem Tod sind alle gleich.

Sinnspruch der deutschen Freimaurerei: Vor dem Tod sind alle gleich.

Sie sollen im Geheimen den Gang der Welt beeinflusst haben, verantwortlich für die Verfassungen der USA und der Schweiz sein, hinter dem Mord an Mozart stecken und grosse Geister wie Sir Winston Churchil, Sir Arthur Conan Doyle, Astronaut John Glenn, John Edgar Hoover und Harry Houdini als Mitglieder angezogen haben. Im 21. Jahrhundert ist es aber ruhig geworden um die Freimaurer. Geheimdienste wie die NSA haben die geheimnisumwitterten Logen als verdächtigte Protagonisten der Weltverschwörung abgelöst. Und in Zürich? Wir sprachen mit Daniel Hofer, dem Meister vom Stuhl der Zürcher Loge «Modestia cum Libertate», über Ziele und Zweck der Zürcher Freimaurer.

Herr Hofer, wollen die Freimaurer die Weltherrschaft?

Nein. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie diese erreicht werden könnte.

Was ist sind die Ziele der Freimaurer auf gesellschaftlicher Ebene?

Der Freimaurer soll in seinem Umfeld wie Beruf, Familie, Politik oder Zivilgesellschaft (Vereine etc.) als Beispiel positiv wirken und so die ganze Gesellschaft schrittweise und im Rahmen seiner Möglichkeiten weiterbringen.

Warum spielen Freimaurer in so vielen alten Verschwörungstheorien eine tragende Rolle?

In der Freimaurerei gibt es Dinge, die nur Eingeweihte wissen und zu sehen bekommen. Aussenstehende reagieren darauf mit ihren eigenen Vorstellungen und entwickeln je nach Interessenlage ihre eigenen Theorien.

Warum die Geheimhaltung und die Anonymität?

Der freimaurerische Werdegang geschieht mittels Einweihungen in bestimmte Symbole, Lehrbilder und Ritual-Handlungen. Diese hinterlassen beim Einzuweihenden den stärksten Eindruck, wenn deren Vermittlung von einem gewissen Überraschungsmoment begleitet wird. Ist alles schon zum voraus bekannt, sind diese Überraschungsmomente nicht mehr möglich oder zumindest in ihrer Wirkung eingeschränkt.

Sie sind Meister vom Stuhl der Zürcher Freimaurerloge Modestia cum Libertate. Was ist ein Meister vom Stuhl? Sind Sie eine Art Hohepriester?

Eine Freimaurerloge ist juristisch gesehen ein Verein. Und der Meister vom Stuhl ist eigentlich der Vereinspräsident. Der wird an der Generalversammlung gewählt und bleibt für eine bestimmte Amtsdauer.

Wieso sind Sie Freimaurer geworden?

Ich hab meiner Frau vor langer Zeit gesagt, dass ich mit 45 Philosoph werden würde. Natürlich ging ich damals davon aus, dass ich dann nicht mehr arbeite und mit den Füssen auf dem Tisch über Gott und die Welt nachdenke. Ich arbeite aber immer noch. Stattdessen wurde ich in diesem Alter Freimaurer, was mir die Gelegenheit gibt, mich in diesem Rahmen mit den Grundfragen der Menschheit und philosophischen Aspekten des Lebens auseinanderzusetzen.

Die Freimaurer berufen sich auf eine höhere Macht. Es heisst, dass Atheisten nicht aufgenommen werden.

Doch, hier in Zürich haben wir Mitglieder, die sich «Atheisten» nennen. Wenn man aber genau nachfragt, stellt sich heraus, dass sie durchaus an etwas glauben. Sie fühlen sich einfach den herkömmlichen, dogmatischen Religionen nicht verbunden.

Also Atheisten werden aufgenommen. Und Frauen?

Nein, unsere Loge nimmt keine Frauen auf.

Verzichten die Logen da nicht auf ein ungeheures Potential?

Das kann sein. Aber wir vermeiden so auch die Geschlechterdynamik in einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe. Es gibt auch Frauenlogen, und dort ist dann den Männern die Mitgliedschaft verwehrt. So gibts keine amourösen Komplikationen innerhalb der Loge und wir haben Kopf und Herz frei, um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Wie alt ist der durchschnittliche Freimaurer?

Wir haben auch jüngere Mitglieder. Aber es ist von Vorteil, wenn sich die Lebensumstände schon ein wenig beruhigt haben. Man kann sich nicht wirklich in die Loge einbringen, wenn man zum Beispiel immer wieder in London oder Singapur arbeiten muss. Und es ist für das Mitglied selbst von Vorteil, wenn es schon ein wenig Lebenserfahrung mitbringt.

Man muss über einen guten Leumund verfügen, um den Freimaurern beitreten zu können.

Ja, bei Eintritt muss man unter anderem einen Strafregisterauszug bringen. Aber wenn da Parkbussen erwähnt werden, ist das kein eigentliches Hindernis. Auch Andere, weniger schlimme Vergehen müssen nicht die Ablehnung eines Kandidaten bedeuten. Heute sind da ja Verhaltensweisen beispielsweise im Umwelt- oder Wirtschaftsrecht strafbar, die vor zwanzig Jahren noch legal waren. Bei der Beurteilung ist ein gewisses Augenmass vonnöten.

Wie siehts aus, wenn man straffällig wird, wenn man bereits Freimaurer ist? Heisst es nicht «Einmal Freimaurer, immer Freimaurer»?

Grundsätzlich schon. Aber bei Vergehen gegen die Bruderschaft gibt es klare Ausschlussgründe, also wenn zum Beispiel jemand in die Kasse greift. Kapitalverbrechen wie Mord oder Vergewaltigung sind wohl auch Ausschlussgründe, allerdings ist mir kein solcher Fall bekannt. Ein Freimaurer soll ja in der Gesellschaft auch als Vorbild wirken.

Freimaurer sind ja schon lange aktiv in unserer Gesellschaft und haben Einfluss genommen. Zum Beispiel wurde die Schweizer Demokratie, wie sie heute existiert, massgeblich vom Freimaurer Jonas Furrer  mitgestaltet.

Die Freimaurer nehmen als Loge keinen politischen Einfluss, wir lobbyieren nicht. Die Freimaurerloge bezieht keine politische Stellung. Es kann aber sein, dass ein Politiker Freimaurer ist.

Die Freimaurer haben ihre Wurzeln in der Aufklärung und in der humanistischen Tradition. Hier in der Schweiz haben wir bereits sehr viele dieser Ideale umgesetzt. Brauchts die Freimaurerei noch oder sind sie nur noch ein Club zur philosophischen Debatte?

Ich denke schon, dass es Vereinigungen wie die Freimaurer braucht. Eine Gesellschaft braucht wohl immer in sich gefestigte Menschen, die Werte vertreten. Gerade heute, in einer Zeit, in denen Führungspersönlichkeiten ihre Meinung je nach Popularität wechseln, sind grundlegende, unveränderliche Werte wichtig.

Die Schweizer Freimaurerei stand historisch immer dem Freisinn nahe. Der hat sich aber von seinen Anfängen als radikale Bewegung über lange Jahrzehnte als staatstragendste Partei bis zur heutigen diffusen Ausrichtung verändert. Wo liegt heute die Verbindung?

Natürlich sind uns die freiheitlichen Werte wichtig. So wenig Staat wie nötig, so viel Eigenverantwortung wie möglich.

Glauben Sie an das Gute im Menschen? Wenn Sie die Auswüchse der Selbstbedienung in der Wirtschaft und die Betrügereien im Bankenwesen der letzten Jahre anschauen, vertrauen Sie da auf die Eigenverantwortung der Mächtigen?

Wenn die Gesellschaftsordnung zu kollabieren droht, werden wieder vermehrt Führungspersönlichkeiten mit klaren Wertvorstellungen und dem Sinn für eine Verantwortung für die ganze Gesellschaft in Erscheinung treten. In den letzten Jahren wurden solche Leute immer wieder herbei beschworen, wirklich gefragt waren sie aber nicht. In einer von Populismus gelenkten Gesellschaft sind Führungspersönlichkeiten, die auch Unangenehmes verkünden und durchbringen müssen, nicht sehr beliebt. Der Weg des geringsten Widerstandes hat solange Vorrang, als die Mehrheit der Bevölkerung durch das Verhalten der Führungselite keine spürbaren Nachteile erlebt.

Wolff und die Labitzkes

Réda El Arbi am Freitag den 23. Januar 2015
Der einzige Grund für die Aktion war der polizeiliche Mehraufwand.

Der einzige Grund für die Aktion war der polizeiliche Mehraufwand.

Polizeivorstand Wolff will die Kosten für die Räumung des Labitzke-Areals nicht auf die Verursacher abwälzen. Mal abgesehen, dass es kaum möglich ist, die Verursacher zweifelsfrei und rechtskräftig zu ermitteln, steht die Frage im Raum, warum er hier  die Verantwortlichen nicht zur Kasse bitten will.

In Wolffs Verständnis gehört die Räumung eines besetzten Hauses zu den Grundaufgaben «Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten».

Die Juso und einige SP-Leute stehen hinter dieser Haltung und wollen der Polizei keine «richterliche Gewalt» geben. Die zur Verantwortung gezogenen würden die Kostenübernahme «als Strafe» auffassen, was eine Abwälzung der Kosten zu einem Urteil mache. Nun, was die Verursacher denken, ist hier grundsätzlich völlig irrelevant. Wenn ich Verfahrens- oder Aufwandskosten zahlen muss, werden die mir auch nicht erlassen, nur weil ich sie als «Bestrafung» empfinde.

Wenn ein liberaler oder bürgerlicher Stadtrat diese Entscheidung getroffen hätte, wäre sie wohl kaum so genau unter die Lupe genommen worden. Aber Richard Wolff mit seiner Verbindung zum links-alternativen Lager muss schon etwas vorsichtiger sein, damit ihm nicht (wie jetzt) vorgeworfen wird, er schütze seine Freunde.

Die Räumung eines besetzten Gebäudes gehört zu den Grundaufgaben der Polizei. Das ist unbestritten, denn wer sonst würde sowas machen? Die Feuerwehr sicher nicht. Nun ist aber die Frage, inwieweit der Aufwand für die Räumung mutwillig vergrössert wurde. Wenn sich Leute mit Ketten und Beton festbunkern, hat das nur wenig politische Aussagekraft, es ist eher ein narzisstisches Drama für die Presse. Es wird die Räumung nicht verhindern, es ist kein legales politisches Mittel und es hat nur einen einzigen Zweck: Den Aufwand der Polizei zu vergössern. Zudem fand die Aktion nicht im besetzten Areal statt, sondern auf öffentlichem Grund, auf der Hohlstrasse.

Insofern sehe ich damit auch die Verantwortung bei den Verursachern. Da wiederum gehts eindeutig um einen Grundsatz: Die Verantwortlichen haben für den bewusst und mutwillig herbeigeführten Mehraufwand der Polizei geradezustehen.

Aber, wie zu Beginn angemerkt, sind die Verantwortlichen kaum zu ermitteln. Und dann ist da noch die Verhältnismässigkeit. Die Kosten für die Räumung betrugen knapp eine Viertelmillion Franken. Diese Kosten auf Verursacher abzuwälzen, könnte deren Leben mit Schulden und Existenzbedrohung nachhaltiger negativ beeinflussen, als es durch die Labitzke-Aktion gerechtfertigt wäre.

Ich denke übrigens durchaus, dass es manchmal illegale Aktionen braucht, um auf Missstände hinzuweisen. Nur sollten sich die politischen Aktivisten im Klaren sein, dass die moralische Rechtmässigkeit einer Aktion nicht den Rechtsstaat aushebeln darf. Sie müssen die rechtlichen Konsequenzen für die Aktion von vornherein mit einbeziehen und bereit sein, diese zu tragen. Alles andere ist feige.

Also, der Entscheid von Wolff hatte durchaus seine Berechtigung, nur die Argumentation war etwas fadenscheinig.

«Rap vs. SVP»: Lukas bei den Linken

Réda El Arbi am Sonntag den 5. Januar 2014
SVP-Nationalrat am Anlass «Rap gegen SVP». Personenschutz hat der Grüne Balthasar Glättli geleistet.

SVP-Nationalrat Lukas Reimann (rechts) am Anlass «Rap gegen SVP». Personenschutz hat der Grüne Balthasar Glättli (eher links) geleistet.

«Rap versus SVP» hiess der Anlass, der am Samstagabend in der Gessnerallee stattfand. Und, um es vorweg zu nehmen, es war eine richtig gute Party, mit guten Acts, darunter Steff la Cheffe und Skor.

Aber es war auch Abstimmungskampf, organisiert von der neuen Vereinigung «GomS» (nein, nicht der Bezirk im Wallis). Der Name bedeutet «Gesellschaft für eine offene & moderne Schweiz» und setzt sich gegen die Masseneinwanderungs-Initiative ein. Das wäre eigentlich ganz in meinem Sinne, bin ich doch der durchschnittliche urbane Linke, wie man ihn in Zürich an jeder Ecke findet. Aber trotzdem stiess mir an diesem Anlass etwas sauer auf:

Wie kann eine Gesellschaft, die sich für mehr Offenheit einsetzt, ihren ersten grösseren Anlass GEGEN etwas organisieren, also von vornherein Leute ausschliessen? Als «Rap vs. Abschottungsinitiative» wäre der Anlass klarer und mehr im Sinne einer «offenen Schweiz» getitelt gewesen. So, mit klarem Feindbild «SVP», würde das einer dieser Inzestanlässe der Stadtlinken werden, der nur Leute erreicht, die sowieso bereits gegen die Initiative und gegen Fremdenangst sind. Es würde also nicht eine einzige Person abholen, die ihre Meinung ändern könnte. Man war unter sich.

Ich sprach einen der Organisatoren, Thomas Haemmerli (mit «ae» nicht mit «ä»), der auch bei votez.ch dabei ist, darauf an. Nein, meinte er, dies sei absolut und überhaupt kein linker Inzestanlass. Schliesslich seien bei «GomS» auch Wirtschaftsverbände und andere politische Kräfte dabei, vom Neoliberalen bis hin zum christlichen Menschenfreund hätten sich alle zusammengefunden, um der SVP-Initiative etwas entgegenzusetzen.

Nun, ich spazierte durch die Menge und sah jede Menge Zürcher Politprominenz der jungen Linken und Grünen, sogar im Doppelpack: Min Li Marti und Balthasar Glättli als junges linksgrünes Glück (ich mag übrigens beide). Was ich vermisste, waren die Neoliberalen, die Wirtschaftsvertreter und die anderen Nicht-Linken, die sich laut Haemmerli doch hier auch engagieren sollten. Kein Exponent von Economie Suisse, oder vom Think Tank Avenir Suisse. Nicht mal einen einzigen gemässigten Liberalen hab ich gefunden. Dabei wär das doch DIE Gelegenheit für FDP-Stadtpräsikandidat Filippo Leutenegger, zu beweisen, dass er «Einer von uns» ist. Die «Wirtschaft» nimmt wohl ihre Verantwortung per Banküberweisung wahr. Da muss man nicht auch noch an solche Anlässe.  Also nur Linke, soweit das Auge reicht. Und ein paar unpolitische junge Homeys, die noch nicht mal wussten, dass es hier für einmal um mehr als um Kiffen und gute Musik geht.

Wenigstens hatte man, um dem Schein Genüge zu tun,  einen Alibi-SVPler vorzuweisen. Den jungen. Ihr wisst schon, den Lukas Reimann, seines Zeichens Nationalrat der Volkspartei. Der sass dann auch ein wenig verunsichert in einem zu tiefen Sessel, die Knie beinahe am Kinn, hielt sich an einem Bier fest und bewegte sich nicht vom Nationalratskollegen Glättli weg. Nach einer halben Stunde konnte ich ihn nicht mehr auffinden.

Das Problem an solchen Anlässen ist, dass keine Diskussion stattfindet, da alle sowieso derselben Meinung sind. Es ist so, wie wenn man an einem der legendären SVP-Buurezmorge die Jusos sucht. Nun ja, vielleicht gings ja mehr um ein Gemeinschaftsgefühl, als um politische Reichweite? Als der Moderator auf die Bühne kam, fragte er zum Spass, ob irgendwer für die Initiative sei. Zwei Leute hoben die Hände. Auch zum Spass.

«Es geht uns auch um mediale Reichweite, sogar die Tagesschau kommt. Und Tele Top», erklärte Hämmerli. Nun, dann reiht sich hier der Stadtblog auch ein, zwischen Tele Top und der Tagesschau (relevanztechnisch), und berichtet vom Anlass. Und weil ich ein Linker bin, darf ich das wohl auch durchaus kritisch tun.

Als Party top, als politische Veranstaltung eher ein Flop. Aber vielleicht lassen sich durch die gesammelten Mailadressen ja dann kurz vor der Abstimmung noch einige Leute zur Stimmabgabe motivieren. Dann hätte das Ganze ja wirklich noch eine demokratiefördernde Wirkung.

Hier noch ein Bild der wirklich guten Bühnenacts:

Steff auf der Bühne rockt immer. Und unten in der Ecke undeutlich Thomas Hämmerli. (Bild: Andi Wullschleger)

Steff auf der Bühne rockt immer. Und unten in der Ecke undeutlich Thomas Haemmerli. (Bild: Andi Wullschleger)