Beiträge mit dem Schlagwort ‘ÖV’

Pendeln mit dem Pannenpass

Réda El Arbi am Donnerstag den 18. Februar 2016
Ohne funktionierendes Lesegerät ein nutzloses Stück Plastik.

Ohne funktionierendes Lesegerät ein nutzloses Stück Plastik.

Ich hab jetzt auch so einen Swiss Pass von den SBB. Und zu Beginn war ich mir ja nicht so sicher. Wegen dieser ganzen Datensammlung und so. Meine eher paranoiden Freunde meinten, die SBB würden nun immer wissen, wann ich wo war. Was die ja nicht wirklich etwas angeht, wie der Schweizer Datenschützer ja auch findet. (Offenbar müssen sie bald die Daten wieder löschen.)

Also war ich die ersten paar Tage etwas besorgt, weil die SBB nun speichern könnten, wann ich mit welchem Zug von Hinterpfupfikon nach Oberpfupfikon gereist bin. Ich bin dann diese Woche auch dreimal in eine Kontrolle geraten. Ziemlich häufig, wenn man bedenkt, dass ich sonst alle paar Monate kontrolliert werde. Offenbar wollen die SBB so schnell wie möglich noch Daten erheben, sagt der Verschwörungstheoretiker in mir. Diesen Beitrag weiterlesen »

Wir fordern ÖV-DJs!

Réda El Arbi am Mittwoch den 8. April 2015
Viele Leute würde auf einen ÖV mit Soundtrack umsteigen. Ehrenwort!

Viele Leute würden auf einen ÖV mit Soundtrack umsteigen. Ehrenwort! (Bild: westnetz.ch)

Mit Erschrecken habe ich letzthin lesen müssen, dass den Zürcher Busfahrern das Radiohören verboten ist. Sie könnten damit die Fahrgäste stören. In anderen Gegenden (wie Winterthur) dürfen die Chauffeure leise Musik hören.

Ich weiss jetzt aber wirklich nicht, was besser für die Verkehrssicherheit und für das Wohlbefinden von Fahrer und Passagieren ist – wenn den Busfahrern Musik verboten ist, oder wenn die Busfahrer dauernd Werbejingles und langweiliges Gelabber der jeweiligen Lokalradios hören.

Grundsätzlich denken wir vom Stadtblog, dass es den Tram-, Zug-, und Busführern im ganzen Gebiet des ZVV gestattet werden sollte, ihre eigenen Playlists zusammenzustellen und über die Lautsprecheranlage laufen zu lassen. Das würde die Atmosphäre im ÖV mit Sicherheit entspannen.

Stellwerkstörungen und Wartezeiten liessen sich sicher besser überstehen, wenn man zu Stones «2000 Lightyears From Home» herumträumen kann. In den ersten Bus- und Tramfahrten morgens wären nicht so viele griesgrämge Gesichter zu sehen, wenn Seeeds «Aufstehn» aus den Boxen schallt.

Ausserdem wirkt Elvis Presleys «In The Ghetto» aufmunternd, wenn man den 31er über die Langstrasse bis nach Altstetten nimmt. In Altstetten könnte man dann Police’s «Roxanne! You dont have to but on the red light!» mitsummen, wenn man an den Strichboxen vorbeifährt. Auch wäre es sicher lustig, wenn der 4er am Sonntagmorgen völlig zugedröhnte Partybesucher mit Helene Fischers «Atemlos durch die Nacht» vom Escher-Wyss-Platz zum HB bringt. Eine Art nachträgliche Drogenprävention.

Auch ist der Dichtestress in der S12 erträglicher, wenn wir Stings «Don’t stand so close to me» hören könnten. «Window Shopper» von 50 Cent würde uns am Monatsende durch die Bahnhofstrasse tragen, ohne dass wir frustriert sind. Und wer auf den Bus rennen muss, kommt bei «Stop That Train» von Clint Eastwood & General Saint wieder zu Atem, wenn er sich auf den Sitz fallen lässt.

Auch für die Öffentlichkeitsarbeit des Öffentlichen Verkehrs wäre was gemacht. Die FahrzeuglenkerInnen könnten wie Trucker ein Schild mit ihren Namen – DJ Frau Henggeler oder MC Herr Bieli – vorne ins Fenster stellen. So würden sich vielleicht auch Passagere zu Stosszeiten besser verteilen: «Nei, chumm, mir wartet no eine, das da isch de DJ Rudisüli, de macht Metal. Im Nächschte fahrt DJane Anderegger, die hät meh Electro und so.»

Grundsätzlich täte einer so hektischen und geordneten Stadt wie Zürich Musik im ÖV gut. Deshalb unsere Bitte an die Verantwortlichen bei ZVV und VBZ:

Let the music play!

Notizen aus der Dichtestress-Hölle

Stadtblog-Redaktion am Freitag den 31. Oktober 2014
So sehen die Trams in der Weihnachtszeit aus. Da hilft nur: ÖV abschaffen.

So sehen die Trams in der Weihnachtszeit aus. Da hilft nur: ÖV abschaffen.

Von David Sarasin & Reda El Arbi

Ecopop steht vor der Türe – und bei einer Annahme der Initiative lockt die Aussicht für alle Schweizer auf ein eigenes Hüsli mit genügend Umschwung und einem Apfelbaum im Garten. Oder haben wir da was falsch verstanden? Jedenfalls wollen wir nicht hinten anstehen, zumal wir in Zürich wissen, was die Leute auf dem Land meinen, wenn sie von Dichtestress reden. Seit Jahr und Tag leben wir mit vielen anderen zusammen auf begrenztem Raum, schichten uns quasi übereinander, versinken förmlich im Gewusel – und an Weihnachten ist alles noch viel schlimmer. Zeit, die Situation zu entschärfen. Mit dieser Liste, die wir, falls Ecopop angenommen wird, ebenfalls durchsetzen werden – wenn nötig via Volksentscheid!

Sprüngli
Wer dieser Tage im Sprüngli an der Bahnhofstrasse ein Lachs-Canapé verzehrt, gerät rasch in folgende missliche Lage: er muss einen Tisch zum Beispiel mit einer älteren Frau teilen. Wir wollen diese Überbevölkerung des Sprüngli in Zukunft nicht mehr hinnehmen und fordern: Pelzmantel- oder Privatbankkunden-Vorrang bei den Gästen! Zudem muss man natürlich über eine Armen-Steuer auf Lachs-Canapé nachdenken.

Bahnhofstrasse
Wo bis vor einigen Jahren noch exklusive kleine Schmuck-, Uhren- und Modeläden  mit höchstens fünf Kunden am Tag zu besuchen waren, drängen sich jetzt ausländische Billigstketten und wirken als Magnet für Leute, die nun wirklich nicht an der Bahnhofstrasse einkaufen sollten. Nicht nur, dass die Menschenmassen so den Blick in die Schaufenster versperren, nein, sie gefährden auch die Versorgung mit dringend benötigten Grundnahrungsmitteln. (Siehe «Sprüngli»)

Bootsanlegeplätze
Auf dem See ist der Dichtestress eminent. Wer etwa eine Erst-Yacht kauft, muss Jahre warten, bis er einen Anlegeplatz kriegt. Und hat er erst mal einen solchen, sieht er sich mit hunderten anderen Booten konfrontiert, die ebenfalls ihr Stück vom Ufer beanspruchen. Von der Aufnahme im Yachtclub noch gar nicht zu reden, das dauert noch einmal zwanzig Jahre. Der Seeanstoss muss wieder exklusiver werden, das Seeufer gehört an Private verkauft, der Seeuferweg durchtrennt.

Langstrasse
Erschwerend zu unseren Bestrebungen kommt, dass die Gentrifizierung viel zu langsam von statten geht. An der Langstrasse zum Beispiel dominieren noch immer feiernde Massen und Milieu-Läden, anstatt, wie bei uns im Seefeld und am Züriberg, das warme Brummen der SUVs. Wir hoffen, dass der Upperclass-Klassenkämpfer in Gottes Gnaden, Rolf Hiltl, die Situation bald in den Griff bekommt. Denn nur aufgewertete Quartiere sind Dichtestress-freie Quartiere.

Luxuswohnungen
Das sieht man auch im Kreis 5. Die leerstehenden Luxuswohnungen in Zürich West bringen etwas Luft in ansonsten vom Dichtestress geplagten Quartier. Die Stadt sollte sie in Zukunft kaufen und leer stehen lassen. Auf deren Terassen lassen sich auch Apfelbäume pflanzen. Zudem sollten nur Architekten für städtische Projekte verpflichtet werden, die es verstehen, Flächen so zu bauen, dass sie auch im Sommer nicht von Passanten besetzt werden und Raum zum Atmen lassen. Die Gegend um den Prime Tower wäre ein hervorragendes Beispiel.

Oktoberfest
Exemplarisch lässt sich der Dichtestress auch am Oktoberfest auf dem Bauschänzli beobachten. Hier ist der Platz an den Festbänken derart beschränkt, das gewisse Entitäten sich gezwungen sehen, auf den Tischen zu tanzen. Andere sind derart zwischen ihren Banknachbarn eingeklemmt, dass sie sich in ihre Lederhosen pissen müssen. Zudem sehen die Brüste der Dirndl eingequetscht aus. Wir fordern mehr Platz für die ganze Festgemeinde!

Verkehr
Wie man den Dichtestress auf den Strassen lösen könnte? Mit der Aufhebung einiger Tram- und Bus-Linien und natürlich mit der Zusatzspur am Bellevue. Und mit einem Autoverbot für Sozialhilfebezüger.

Bildungswesen
Die Förderungskindergärten, Privatschulen und Elite-Gymnasien leiden morgens und am späten Nachmittag für jeden sichtbar unter dem Dichtestress. Die Mütter finden kaum Platz, ihre Kinder aus den sicheren (warm brummenden) SUVs auszuladen und ihnen noch eine Minute mit den Augen zu folgen, bis sie das Schulgelände unverletzt betreten haben. Schlimme Szenen spielen sich ab, wenn die Mütter mit Hupen und Ruckelfahrt um den Platz vor den Schulen kämpfen. Wir fordern einen Numerus Clausus schon bei der Kindergartenanmeldung.

Globuskasse
In der Warteschlange an der Globuskasse ist es wohl am Deutlichsten: Nicht nur, dass immer mehr Leute sich die Globusartikel leisten wollen, nein!, sie zahlen auch noch mit Bargeld und halten beim Münzabzählen die ganze Schlange auf. Man sollte die Zuwanderung so kontingentieren, dass nur Leute mit edelmetallfarbenen Kreditkarten kommen dürften.

«Who is Who»
Auch an wirklich exklusiven Orten ist es eng geworden. Während andere Magazine die HUNDERT mächtigsten, reichsten oder schönsten Menschen auflisten, muss man sich als wichtiger Zürcher mit den ZWEIHUNDERT wichtigsten Zürchern ins «Who is Who»-Magazin quetschen. Wir fordern eine Gesundschrumpfung dieser Publikation per richterlichem Entscheid.

Umwelt und Natur
Im Sommer ist es überdeutlich: Die Grünflächen der Stadt werden von unzivilisierten Horden besetzt, die sich, ohne auf die lokale Kultur und Zurückhaltung zu achten, überall hinfläzen und so dem Rasen keinen Raum zum Atmen mehr lassen. Da hilft nur rigoroser Schutz. Alle Parks und Grünflächen der Stadt müssen in Golfplätze mit sehr begrenztem Zugang – wie in allen vernünftigen Golfclubs – umgebaut werden. Die Mitarbeiter von Grün Stadt Zürich dürften erfreut sein, wenn man ihnen eine Weiterbildung zum Caddy ermöglicht. So würden hochqualifizierte Arbeitsplätze geschaffen und dem Raubbau an der Natur ein Riegel geschoben.

Mit unseren Denkansätzen kann man dem Dichtestress in der Stadt etwas entgegensetzen. Nur mit Mut und Engagement lässt sich die erstickende Enge Zürichs wieder in eine lebenswerte Atmosphäre verwandeln. Wir hoffen auf Ihre Unterstützung!

Gemachte Brüste

Réda El Arbi am Dienstag den 8. April 2014
Echt oder nicht? Fremde Brüste verändern meine Realität.

Echt oder nicht? Fremde Brüste verändern meine Realität.

«Ich lass mir die Brüste in Prag machen, da hat Anni ihre auch machen lassen», höre ich eine junge Frau neben mir im Tram in ihr Smartphone schreien. Schreien muss sie, weils im Tram voll und lärmig ist. Unauffällig (denke ich wenigstens) schiele ich auf ihr T-Shirt und kann keinen Makel an den vorhandenen (und von ihr offensichtlich als ungenügend taxierten) Exemplaren feststellen.

Man würde jetzt davon ausgehen, dass diese attraktive, ca. 20-jährige Frau irgendwo im 2er-Tram im Seefeld sitzt, eine Cartier-Uhr und Fellkragenjäckchen trägt und auf dem Weg zu ihrem parkierten SUV ist, um damit an die Goldküste zu ihrem 20 Jahre älteren Lebenspartner zu fahren. Soweit die Klischees. Aber wir sind im 8er am Helvetiaplatz und die junge Dame trägt Hipsterklamotten – inklusive Dutt und Hornbrille – und sieht eher so aus, als wäre sie auf dem Weg ins Atelier, wo ihr Rennvelo steht.

Nun, ich erinnere mich vage letztens gelesen zu haben, dass die Schweizer Weltmeister in Sachen Schönheitsoperationen sind. Und irgendwo müssen ja diese Leute sein. Natürlich sieht man nicht alle Schönheitsoperationen auf den ersten Blick, gerade wenns zum Beispiel Fettabsaugungen sind. Aber, wie jeder Mann, denke ich, dass ich gemachte Brüste erkennen würde, wenn sie mir über den Weg liefen. Nur, da es wohl so einige sind, die sich optisch optimieren lassen, kann man sich auch nicht mehr auf gängige soziale Klischees verlassen.

Bei 55 000 Schönheits-OPs jährlich müssten doch mehr Leute mit mir im Tram fahren, die an sich herumschneiden liessen. Ok, wenn Botox auch unter «Schönheits-OP» geht, dann kenn ich vielleicht doch ein paar, die ihre Falten mit der Giftspritze hinrichten liessen. Und bei dieser Zahl sind sicher nicht nur die üblichen Verdächtigen (mit Gucci-Täschchen, Herr Rittermann) darunter. Hab ich doch auch gelesen, dass Haartransplantationen im Kommen sind. Sogar Hipsterbärte lassen sich Männer ins Gesicht pflanzen. Schönheits-OPs sind also im Mainstream angekommen und prägen – oft wohl, ohne dass wir es merken – unser Stadtbild mit.

Bei Nomi Fernandes sind Lippen, Nase, Wangenknochen Brüste und vieles mehr gemacht. Und sie trägt farbige Kontaklinsen. Bild: R. El Arbi

Bei Nomi Fernandes sind Lippen, Nase, Wangenknochen Brüste und vieles mehr gemacht. Und sie trägt farbige Kontaklinsen. Bild: R. El Arbi

Seit diese junge Frau neben mir im Tram sass und mutig wie lauthals verkündete, ihre Brüste «machen» zu lassen, komm ich nicht mehr davon los. Ich schiele misstrauisch in Dekolletés, mustere Hüften, die mir zu schlank vorkommen und untersuche Nasenspitzen auf  künstlerischen Eingriff. Ist dieser Kussmund echt? Ist das da nicht das Kinn von Kirk Douglas? Sitzt dieses Gesicht nicht ein wenig zu gestrafft auf dem Schädel?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin ein Verfechter von körperlicher Selbstbestimmung bei Frau und Mann. Tätowierungen, Piercings, Schönheitsoperationen, alles kein Problem. Ich hadere nur ein wenig damit, dass Leute, die sich selbst chirurgisch aufbessern, nicht nur ihre Realität verändern, sondern auch mein Bild der Welt beeinflussen. Es ist ein wenig so, als ob man im Kunsthaus war und danach gesagt bekommt, dass zwei der tausend Kunstwerke eigentlich Fälschungen seien. Man kommt nicht davon los, im Geiste die Werke durchzugehen und sich zu fragen, welche wohl «nicht echt» waren.

Selbstzensur: «Darüber schreiben wir nicht.»

Réda El Arbi am Sonntag den 13. Oktober 2013
Über einige Themen ist bereits alles gesagt.

Über einige Themen ist bereits alles gesagt.

Wir sassen wieder mal zusammen in unserer Redaktionssitzung, wie immer mit heissem Capu … Cappuch … Cappucch … Kaffee mit Milchschaum und gezücktem Kugelschreiber, und veranstalteten unser wöchentliches Themen-Brainstorming. Und wie’s manchmal so geht, kamen uns jede Menge Sachen in den Sinn, über die wir nie wieder schreiben wollen. Nur, ein letztes Mal müssen wir unseren Lesern mitteilen, über welche Themen wir nichts mehr berichten werden. Nie mehr. Und wenn doch, dann nur unter Androhung von Gewalt. Hier also unsere «No comment»-Themen:

Wir werden ganz sicher nicht mehr über den 1. Mai berichten. Ihr wisst schon, die Autonomen-Chilbi, bei der auch die Urania-Truppe in Kostümen mittanzen darf. Jedes Jahr dasselbe. Unterschiede nur im Umfang des Sachschadens und bei der Zahl der Verhafteten. Auf beiden Seiten Blablabla-Rhethorik:  «verhältnismässiger Einsatz» in umständlichem Beamtendeutsch, von der anderen Seite «Provokation seitens der Polizei» in der revolutionären Sprache von 1917. Gähn. Für die Leute, die noch was darüber lesen wollen, setzen wir einen Text-Bot ein, der die Berichte der letzten Jahre nimmt und um aktuelle Zahlen ergänzt.

Über FCZ-Fans lesen Sie hier auch nichts mehr. Das ist vollkommen hoffnungslos. Sobald man «Südkurve» schreibt, hat man nur noch aggressive Hater-Kommentare im Forum. Leute, die uns verprügeln wollen, weil wir über die Fankultur schreiben, Leute, die die Leute verprügeln wollen, die uns verprügeln wollen. Und dann noch die Basler, die alle verprügeln wollen. Nope, nicht hier.

Dann berichten wir auch nicht mehr von den Menschenmassen, die sich im Sommer am Oberen Letten um die paar Quadratmeter gelbliche Wiese streiten.  Erstens ist das ein Thema, das eigentlich eher in einen Blog über die Agglo gehört. Und zweitens: alle, dies interessiert, sind die, die sowieso dort sind – und sich eben um einen Platz beim Schaulaufen an der Limmat streiten. Wir berichten dann wieder, wenn sich eine neue Drogenszene da gebildet hat. Hipster-Getränke, Kokain und XTC zählen wir nicht dazu.

Ach ja, wenn wir schon beim Schaulaufen sind: Von uns hört ihr auch nie mehr was über die Street Parade. Nein, nicht mal mehr Bikini-Bilder werden wir dazu veröffentlichen. Die Street Parade ist so out, dass sogar alles Street Parade-Bashing schon wieder out ist. Und das Revival und das Bashing übers Revival. Es gibt dazu nichts mehr zu sagen.

Und übers Sechseläuten berichten wir auch nicht mehr. Es sei denn, Frauen werden als vollwertige Zunft aufgenommen. Und dann berichten wir auch nur darüber, wie blöd es ist, wenn Frauen sich in einer Art emanzipieren, die eigentlich nur eine Zelebration mittelalterlicher Traditionen ist – per Definition eine Zeit, in denen Frauen eh nichts zu melden hatten. Ansonsten gehts bei den Zünften sowieso nur um ein inzestuöses Finanz-Wirtschafts-Filz-Verbrüderungsritual. Alles was die restlichen  Zürcher daran interessiert, ist die Chilbi und das Magenbrot.

In Zukunft werden wir auch nicht mehr beim Parkplatzzählen mitmachen. Alle paar Monate behaupten die Bürgerlichen, es gäbe zu wenig Parkplätze, während die SP und die Grünen behaupten, es seien noch alle da, wenn man denn richtig zählen könne. Es wird mit unheilschwangerer Stimme geklagt, dass der heilige, historische Parkplatzfrieden von anno 1990 verletzt wurde. Dann kommt das Gejammer, die Stadt ersticke im Verkehr, oder, die Stadt blute ohne den Privatverkehr aus und wir würden alle in Konkurs gehen. Nun, falls da mal was Neues kommt, werden wir uns vielleicht der Thematik wieder annehmen.

Übers Knabenschiessen werden sie hier auch nichst mehr finden. Jeder dumme Witz über erschossene Knaben und jeder dumme Witz über Mädchen am Knabenschiessen ist bereits gemacht. Ja, wir mögen uns auch nicht mehr darüber echauffieren, dass ein Mädchen mal wieder Schützenkönigin wurde und wie unheimlich fortschrittlich damit doch das Knabenschiessen sei. Vielleicht machen wir, wie beim Sechseläuten, einen Hinweis, dass es wieder Magenbrot und Zuckerwatte in der Stadt gibt.

Wir werden auch nicht mehr übers Züri-Fest berichten. Vielleicht im Vorfeld, wenn wieder mal darüber gestritten wird, ob es Sinn macht, 750 000 Franken in Form von Feuerwerk zu verbrennen, wenn die Stadt sowieso schon Geldprobleme hat. Die Leute, die’s mögen, waren meist selbst da, und die Leute, die wegen des Grossanlasses aus der Stadt geflüchtet sind, wollen sicher nicht noch etwas darüber lesen.

Auch Hipster-Bashing werden Sie bei uns nicht mehr finden, wir verprechens! Hipster werden und wurden schon so ausführlich ausgelacht, dass wir es nicht mehr vor unserem Gewissen verantworten können, da mitzumachen. Schliesslich fühlen wir uns dem Schutz von benachteiligten Minderheiten verpflichtet, dem Tierschutz und dem ganzen Gutmenschenzeugs, Sie wissen schon.

Und, zum Schluss: Sie werden in den nächsten Wochen hier nichts über den absolut unerwarteten Wintereinfall lesen, nichts über die Autofahrer, die jedes Jahr überfordert sind und nichts über die VBZ, die wie hawaiianische Strandbewohner über den unerklärlichen Schneefall staunen und den Betrieb wohl wieder beinahe einstellen müssen.

So, Sie sehen, wir müssen uns echt Mühe geben mit den Themen, wenn wir nicht wollen, dass Sie immer wieder denselben Mist lesen müssen. Und das tun wir, wir versprechens!

Uto Kulm: «Zu sanft, zu romantisch, zu perfekt»

Réda El Arbi am Mittwoch den 2. Oktober 2013
Das Essen wird im illegal angebauten Wintergarten liebevoll serviert.

Das Essen wird im illegal angebauten Wintergarten liebevoll serviert.

Der Stadtblog besucht in den nächsten Wochen  einige der schönsten, billigsten oder auch gewöhnlichsten Schlafplätze der Stadt, welche die Einwohner sonst selten zu Gesicht bekommen: Wir checken als Zürcher in Zürcher Hotels ein und verbringen dort eine Nacht als Gäste. Und wo sollte die Serie sonst beginnen als auf dem Zürcher Hausberg, dem Üetsgi? Unser Autor verbrachte eine «romantische Nacht» im Hotel Uto Kulm.

«20 Minuten vom Hauptbahnhof» hiess es auf der Homepage des Hotels Uto Kulm. Nun, ich bin ja nicht zum ersten Mal auf den Üetzgi und weiss, dass danach noch gute 20 Minuten Fussweg durch den Wald anfallen. Offenbar ist dies aber nicht allen Besuchern bewusst. Auch nicht, dass ein nicht asphaltierter Waldweg vom Bahnhof zum «Top of Zürich» führt. Auf dem Weg zu meinem romantischen Abendessen überhole ich eine Dame in High Heels und schicker Abendgarderobe, die wahrscheinlich ihre Wahl des Outfits verflucht. Der dichte Nebel, der von Anfang September bis zum ersten Schnee die Zürcher Dämmerung begleitet, schafft es leicht, nette Abendkleider in feuchte Lappen zu verwandeln.

Nebel wie in einem Edgar-Wallace-Film.

Nebel wie in einem Edgar-Wallace-Film.

Oben angekommen sehe ich dann natürlich nicht die Lichter der Stadt. Man sieht nicht mal die Lichter der Strassenbeleuchtung, die der Nebel schon nach einigen Metern verschluckt. Nun könnte man sich über den Nebel beschweren, aber ehrlich gesagt, mir gefällts. Der Nebel ist so dicht, als ob ihn ein Requisiteur für einen Edgar-Wallace-Film aus einer Maschine geblasen hätte. Er weckt den Wunsch nach gemütlichem Hotelzimmer, Rotwein und leckerem Essen bei Kerzenlicht.

An der Rezeption empfängt mich eine freundliche Deutsche, die mir die Schlüsselkarte in die Hand drückt und mir erklärt, wo ich Zimmer und Sauna-Landschaft finde. Meinem demokratischen Selbstverständnis kommt es durchaus entgegen, dass mir niemand meine leichte Tasche aus der Hand zu nehmen und mich aufs Zimmer zu begleiten versucht, wie es in anderen 4-Sterne-Häusern vorkommt. Nur weiss ich nicht, ob reiche Gäste aus Übersee das auch so empfinden. Schliesslich zahlt man schon bis zu 900 Franken für eine exklusive Suite. Aber vielleicht liegt’s auch daran, dass ich von der Presse bin, und man mich keinesfalls beeinflussen will.

Das Zimmer

Das Zimmer selbst, mit «Aussicht», ist nicht das teuerste. Die Aussicht kann ich natürlich nicht genauer definieren, da der Nebel bis 20 Zentimeter vor die Fensterscheibe wabert. Aber schliesslich lebe ich ja hier und weiss, wie’s aussehen könnte. Die Einrichtung ist modern und gemütlich, aber eher spartanisch: Ein Doppelbett, ein kleines Badezimmer, ein Einbautischchen und genug Platz, um maximal zwei kleine Koffer abzustellen. Aber natürlich hab ich nicht die Luxusversion, die Romantiksuiten mit allem Pipapo, gebucht (man ist schliesslich bescheiden), sondern ein «Lifestyle»-Zimmer, obwohl sich mir nicht wirklich erschliessen will, was denn hier genau «Lifestyle» sein soll. Es gibt sicher Verbesserungspotential: Die kleine Begrüssungsüberraschung auf dem Bett ist ein Wernli-Guetzli, lieblos in Werbeplastik verpackt, wie man es in jedem durchschnittlichen Restaurant zum Kaffee bekommt. In einer Stadt mit Institutionen wie Sprüngli und Teuscher wäre eine kleine, hübsch verpackte Überraschung aus Schokolade eine verdiente Belohnung für den Aufstieg durch den Wald. In der Dusche findet sich ein Seifenspender auf dem «Body & Hand Wash» steht. Er erinnert mich ein wenig an öffentliche Toiletten. Keine eleganten kleinen Fläschchen mit Schampoo, die man einpacken kann. Ich nehm mir dafür vor, den Hotelkugelschreiber zu klauen.

Dann gibts dann eine postive Überraschung: Eine Kaffeemaschine auf dem Zimmer. Der Freudenmoment wird aber gleich wieder  getrübt, als ich lese, dass eine Kapsel drei Franken kostet. Was ich für einen selbstzubereiteten Kaffee mit Milchpulver aus dem Tütchen selbst für Zürich ein wenig anmassend finde.

Das Essen

Nach einer Dusche mach ich mich auf in den Speisesaal. Im Wintergarten (der illegale Anbau, für den der Besitzer Giusep Fry berühmt wurde) sitzt eine Gruppe Geschäftsleute, die sich gesittet amüsiert und drei oder vier Pärchen, die das Romantik-Paket gebucht haben. Wahrscheinlich feiern sie ihre Beziehungsjahrestage oder er will ihr einen Heiratsantrag machen. Während ich Nüsslisalat aus eigenem Anbau knabbere und danach auf meine Kürbissuppe warte, sinniere ich über diese Form von Romantik. Im Kino scheint das mit den Kerzen und dem Hotel immer zu funktionieren. Hier sehe ich auch leuchtende Augen, selten getragene Abendkleider, schimmernde Rotweingläser und höre leises Geklimper des Bestecks. Ich persönlich hätte in solchem Ambiente das Gefühl, dass mir irgendwer etwas verkaufen will. Zu sanft, zu romantisch, zu perfekt. Aber ich bin auch ein alter Nörgler, der überall den Haken sucht.

Nach der hervorragenden Suppe folgen Tortelloni mit einem Hauch von Zitrone und zum Schluss ein blutiges Stück Rind mit Kartoffeln. Gutes Essen stimmt mich sanftmütig. Aber der  kleine Teufel auf meiner Schulter fragt sich, was passiert, wenn eine Dame hier nicht gleich in Tränen ausbricht und zu einem Heiratsantrag schmachtend «Ja, ich will» sagt. Für einen Beziehungsstreit ist das Hotel nämlich nicht besonders gut gelegen. Es wirkt einfach nicht dramatisch, wenn man man wutentbrannt aus dem Hotel stürmt und dann erst 20 Minuten durch den Wald stiegeln muss, um dann noch eine halbe Stunde auf den Zug zu warten. Noch schlimmer ists, wenn der Streit nach 23.30 Uhr stattfindet: Dann gibts nämlich gar keine Fluchtmöglichkeit mehr per Bahn. Und sich aufs Zimmer zurückzuziehen, um sich an der Minibar volllaufen zu lassen, geht leider auch nicht. Dazu ist einfach nicht genug Alkohol in der Minibar. Also, meine Herren, wenn ihr eurer Liebsten da oben einen Heiratsantrag machen wollt, wartet nicht bis zur letzten Minute oder lasst ihr einen ehrenvollen Ausweg («Du brauchst nicht gleich zu antworten …»).

Die Sauna

Nach dem etwas schweren Schokoladenkuchen entscheide ich mich für einen Besuch der «Sauna-Insel». Gute Entscheidung. Nach 22 Uhr ist die «Insel», die sich als kleine Grotte im Keller herausstellt, verlassen und steht mir alleine zur Verfügung. Ich habe die Wahl zwischen normaler Sauna und Menthol-Dampfbad, kann mich mit irgendwelchen Luxus- und Wellnessmagazinen nackt auf den Liegen hinlümmeln, und, sollte mir der Sinn danach stehen, in die Eisgrotte zum Abkühlen. Mir steht der Sinn nicht danach. Das Kühlelement in der Grotte gibt mir das Gefühl, in einem riesigen Eisschrank gefangen zu sein. Aber die Sauna-Insel und das gute Essen machen den Abend zum Erfolg, auch wenn ich da und dort nörgele.

Der Morgen

Nach einer viel zu kurzen Nacht (unsereins muss früh aufstehen, nicht die ganze Arbeit besteht aus Testen von Luxushotels) finde ich mich vor dem reichlich bestückten Frühstücksbuffet wieder. Wenn ich eine Frühstücksperson wär, würde mich das Angebot sicherlich zufiredenstellen: Fleisch, frische Rühreier, gutes Brot, Müesli und vieles mehr. Aber ich bin nun mal eine Kaffeeperson. Und hier leistet sich das Hotel einen Kardinalfehler: Obwohl  sie wirklich guten Kaffee zubereiten können, reichen sie zum Zmorgen einen Krug mit labbrigem Filterkaffee, wie man ihn sonst nur in England kriegt. So früh am Morgen kann das einem passionierten Kaffetrinker den Tag versauen.

Ich packe meine Sachen und geh zur Reception, um auszuchecken. Wieder sehr freundliches Personal, wieder aus Deutschland (in Zürich scheint man offenbar keins zu finden) und auch hier noch ein kleiner Fehler zum Abschied: Ich kriege eine kleine, eigentlich geschmackvoll gestaltete Blechschachtel im Retro-Design. Und ja, da ist Schokolade drin, aber leider wieder nichts Spezielles, sondern einfach eine ordinäre Tafel Schoggi aus dem Supermarkt. Ich knabbere sie auf dem Weg nach unten, wo mich die Bahn aus dem unwirklichen, abgelegenen Nebelschloss wieder in die hektische Stadt bringt.

Wenns nebelfrei war, gabs früher das Schild «Uetliberg hell»

Wenns nebelfrei war, gabs früher das Schild «Uetliberg hell»

Olten: Lektionen in Demut

David Sarasin am Freitag den 20. September 2013
Nicht nur eine Durchfahrt wert: Oltens Altstadt

Nicht nur eine Durchfahrt wert: Oltens Altstadt

«Ich muss nicht in der Kronenhalle sitzen und Zürigschnätzlets essen, um mich als ganzer Mensch zu fühlen» – diesen Satz sagte der in Olten lebende Schriftsteller Alex Capus vor ein paar Jahren am Radio. Und dieser Satz war es auch, der mich reizte, selbst einmal nach Olten zu fahren. Angespornt auch von Kollege El Arbi, der bereits verschiedene Schweizer Städte durch die Züri-Brille beäugt hat. Kann man in der Kleinstadt Olten als Zürcher sogar Bescheidenheit lernen?, fragte ich mich, Capus’ Statement folgend.

Zudem war ich noch nie in Olten. Bloss dieser Witz ist mir geläufig: «Kennst du Olten?» – «Ja, da bin ich glaub auch schon durchgefahren.» Tatsächlich fahren täglich 300’000 Menschen in 1100 Zügen durch Olten. Dies erklärt mir Oltens Stadtschreiber Markus Dietler, den ich bei meinem Ausflug direkt beim Bahnhof, auf der Aareterrasse, treffe.

Graue Powermäuse?

In meinem Kopf stets die Frage: Könnte ein Schickimicki-Szene-Grossstadt-Zürcher von einem Olten-Besuch profitieren? Dieser Kleinstadt im Mittelland, von der selbst ihr Stadtschreiber sagt, sie sei «ziemlich genau Schweizer Durchschnitt», und deren Eishockey-Team eine Graue Maus als Maskottchen trägt (der Übername des Teams lautet dagegen Powermäuse)? Was die Oltner am liebsten über ihre Stadt sagen, ist, dass sie die zentralste der Schweiz sei. Weil man nach Luzern, nach Basel, nach Zürich und nach Bern jeweils nur eine halbe Stunde benötigt. Dass keine Stadt im Mittelland weiter weg von allen urbanen Zentren liegt als Olten, verschweigen die Oltner natürlich gerne.

Nun gut. Der Bahnhof zeigt sich imposant. Eine immense Glas-Stahl-Konstruktion überspannt das zwölf Perrons umfassende Gleisfeld. Darunter der Nullpunktstein der SBB und das legendäre Bahnhofbuffet, worin der Schriftstellerverbund Oltner Gruppe (Franz Hohler und Freunde) tagte und der Schweizer Alpen-Club gegründet wurde. Dietler führt mich von der Terrasse aus entlang dem Aareufer zur 1803 erbauten Holzbrücke. «Die älteste Holzbrücke der Schweiz, seit die Luzerner Kappellbrücke abgebrannt ist», kommentiert er. Auf dem Fahrrad kreuzt Volkan, der Bruder des Neapel-Spielers Gökhan Inler, unseren Weg. «Er arbeitet bei uns im Werkhof», weiss Dietler. Ebenso, dass Volkan ebenso talentiert gewesen sei, nur eben etwas weniger ehrgeizig als sein Bruder.

In einer Minute durch die Altstadt

Oltens Altstadt ist in einer guten Minute durchschritten. Es gibt pittoreske Ecken, ja. Ebenso ein imposanter Kirchenturm und zahlreiche Kneipen. 70 sind es insgesamt, eine erstaunliche Zahl für eine Stadt mit 18’000 Einwohnern. Die seien übrigens mit der Grösse der Stadt sehr zufrieden, wie Dietler wiederholt. «Viele Bewohner verstehen nicht, warum Olten weiter wachsen muss, sie sind glücklich damit, wie es ist», sagt der Stadtschreiber, während wir zusammen auf der Terrasse des Stadthauses im elften Stock stehen und die wolkenbehangenen Hügel überblicken. Ein Satz, der uns Zürchern eher fremd ist.

Wir kehren im Flügelrad ein, der Beiz, die die Schriftsteller Pedro Lenz und Alex Capus, zusammen mit dem Publizisten Werner De Schepper, betreiben. «Wir sorgen uns weniger um unser Image und mehr darum, wie es unseren Einwohnern geht», sagt Dietler bei einem Café crème in der alten Bähnler-Kneipe.
Nach einer Stunde muss der Stadtschreiber zurück an die Arbeit, während es mich in den Rathskeller verschlägt, der von den Oltnern liebvoll «Chöbu» genannt wird. An den dunklen Holzwänden des Chöbu prangen Flinten und Revolver aller Art, zwei Stammtische sind abends um fünf bereits voll besetzt. «Wer zwei Abende im Rathskeller verbringt und sich nicht allzu dumm anstellt, ist danach ein Oltner», sagte Capus im Radio-Interview. Warum? Weil der ehemaligen Untertanenstadt Solothurns Standesdünkel fremd seien. Im Gegensatz zu anderen Städten der Schweiz.

Junkies stossen mit Direktoren an

Zwei Pensionäre setzen sich wortlos zu mir. «Ich bin zum ersten Mal hier», sage ich. «Wir nicht», antwortet einer lakonisch und lacht. Er habe damals beim FC Olten gespielt, sei aber schon lange Fan des FCZ. Wobei man hier in Olten grundsätzlich eher für den FCB fiebere. Zum altehrwürdigen Chöbu äussert er sich so: «Hier sitzen Junkies neben Direktoren, Pensionäre stossen mit Politikern an.» Vor dreissig Jahren sei der Chef in Amerika gewesen und habe Hamburger mitgebracht, erklären beide. «Den müssen Sie probieren.» Was ich dann auch tat, bevor ich wieder über die Aare zum Bahnhof schlenderte.

Die Züge fahren viermal pro Stunde nach Zürich. Doch zuerst mache ich noch einen Abstecher zum Bahnhoffbuffet, wo nur noch eine Tafel an die Gründung des Alpen-Clubs erinnert. Ansonsten sorgt der aktuelle Pächter Autogrill sorgfältig dafür, dass das geschichtsträchtige Bahnhoffbuffet aussieht wie ein 0815-Restaurant.

Ich bezahle meine Stange und verlasse fast etwas wehmütig diese Ortschaft, die so entspannt ist und frei von Dünkeln, dass man es als Zürcher schon fast nicht mehr glauben mag. Dabei liegt Olten gerade mal eine halbe Zugstunde von der City entfernt. Vielleicht erschrecken wir Zürcher auch einfach manchmal, dass dieses Sympathisch-Provinzielle so nahe bei uns liegt. Besonders dann, wenn wir mal wieder damit beschäftigt sind, Weltstadt zu spielen.

Das kennen die Meisten von Olten: Den Bahnhof

Das kennen die meisten von Olten: Den Bahnhof

Sexboxen: Kein Verkehr mit ÖV

Réda El Arbi am Montag den 2. September 2013

Sexboxen

In der letzten Woche haben wohl alle Medien ausführlich über den neuen Strichplatz mit den Verrichtungsboxen berichtet. Jeder Aspekt wurde beleuchtet, sogar der erste Freier musste abgelichtet, interviewt und in die Öffentlichkeit gestellt werden. Die Einweihung des neuen Strassenstrichs war wie ein kleines Medienfestival am Ende des Sommerlochs.

Jetzt, da es wieder etwas ruhiger ist, wollten wir vom Stadtblog uns ein Bild machen. Und als eingefleischter Stadtzürcher machte ich mich mit dem ÖV auf den Weg zur Rotlicht-Institution im Aussenquartier Altstetten. Und schon da zeigt sich, dass der Strichplatz zwar von Stadtzürcher Steuern finanziert wurde, aber wohl nicht für Stadtzürcher gemacht ist. Die Anreise im Auto wurde wohl bei den Planern einfach vorausgesetzt.

Kommt man zu Fuss zur Einfahrt an der Aargauerstrasse muss man zur Kenntnis nehmen, dass Fussgänger vom Geschäft mit dem käuflichen Sex ausgeschlossen sind. «Bitte gehen Sie weiter, wir wollen nicht, dass hier Leute rumschleichen», weist mich ein Polizeipatrouille weg. Ich hab mich informiert, es gibt Unterkünfte für Freier, die die Dienstleistung nicht im Auto in Anspruch nehmen wollen. Trotzdem muss man wohl im Auto vorfahren. Ich fühlte mich als umweltbewusster Fussgänger ein wenig diskriminiert.

Also nächster Versuch: Mit dem Velo. Aber auch hier ist klar ausgeschildert, dass Fahrradfahrer nicht erlaubt sind. Da werden gleich sehr viele weitere Stadtzürcher ausgegrenzt. Schliesslich ist das Velo des Zürchers liebstes Fortbewegungsmittel. Und für Rocker und Biker gibts hier auch nichts zu stöhnen: Motorräder sind genauso verboten wie Fussgänger und Velofahrer.

Nun hat mich aber der Ehrgeiz gepackt. Ich will da zu den Boxen. Da ich aber noch immer kein eigenes Auto hab, halte ich den Daumen raus und versuche, von einem automobilisierten Freier mitgenommen zu werden. Aber auch altbewährtes Trampen funktioniert hier nicht. Selbst wenn einer der Männer mich in seinem Auto mitnehmen würde, es ist nur immer eine Person pro Fahrzeug erlaubt. Naja, für die CO2-Politik der rotgrünen Stadtregierung sollten doch wenigstens Fahrgemeinschaften erlaubt sein. Aber nein.

Nun, wir vom Stadtblog kommen zurück. Wir wollen uns wirklich mit den Prostituierten unterhalten. Und wir werden einen Weg finden. Und wenn wir dafür ein Mobility-Auto der SBB mieten müssen. Schliesslich gehts nicht, für eine moderne Stadt, wenn der Öffentliche Verkehr vom öffentlichen Verkehr ausgeschlossen ist.

 

Auto gegen ÖV – eine kleine Polemik

Réda El Arbi am Freitag den 9. August 2013
Am Ende hat auch der stärkste SUV keine Chance gegen die Argumente des öffentlichen Verkehrs.

Am Ende hat auch der stärkste SUV keine Chance gegen die Argumente des öffentlichen Verkehrs.

«Freie Fahrt für freie Bürger» – können Sie sich noch an diesen Spruch erinnern? Damals, als es noch eine Partei gab, die sich einzig dem Wohl der Autofahrer widmete? Nun, wer in den letzten Wochen mit Tram, Bus und Zug unterwegs war, kam nicht umhin, sich zwischendurch in ein Auto zu wünschen.

Es ist nicht nur die SBB-Pannenserie rund um den HB oder die Unfallhäufung bei der Glattalbahn, nein, es waren in den letzten Wochen auch ganz kleine Dinge: Die Hitze, die in Bussen und Trams für ein Miasma aus Schweiss und Billig-Deos sorgte, oder die Klimaanlagen, die wegen der grossen Hitze Kondenswasser auf die Passagiere seichten. Und jetzt, wos wieder mal regnet, die feuchten Klamotten, Hunde und Kinder, die im warmen Bus oder Tram vor sich hinmüffeln. Für die Empfindlichen kann ich noch die fröhlichen Versammlungen von Bakterien mit unausprechlichen Namen aufzählen, die sich gemütlich auf den Halteknöpfen und den Handgriffen niedergelassen haben. Wäk.

Genau da wünscht sich auch der überzeugteste ÖV-Fan manchmal die vermeintliche Freiheit eines Autos. Aber nur für ein paar Sekunden. Wenn wir nämlich morgens vom Tramsitz oder aus dem Bus auf die Autofahrer herunterschauen, die da alleine in im Stau stehen, lautlos zu Hermes, dem Gott des Verkehrs, um einen Parkplatz beten und in ihrer Blechklause still die anderen Automobilisten für ihre pure Existenz verfluchen, die den Stau verursacht, lehnen wir uns wieder zurück und geniessen die Fahrt. Wir wissen, dass der ÖV zwar manchmal chaotisch, ungemütlich und überfüllt ist, aber wir können dafür immer die Schuld der Transportgesellschaft geben, während Autofahrer, die der Logik nicht abgeschworen haben, zugeben müssen, dass ein Stau aus einer Anhäufung von Autofahrern verursacht wird. Also von ihnen selbst.

Und egal, wie hochbeinig ein SUV daherzuckelt, ÖV-Benutzer können immer auf Autofahrer herunterschauen, rein schon aus der moralischen Perspektive. Wer für seine eingebildete individuelle Freiheit bereit ist, mit den letzten Öl-Ressourcen des Planeten eineinhalb Tonnen Stahl und Blech in die Innenstadt zu karren, um da im Schritttempo nach einer Möglichkeit zu suchen, sein Gefährt herumstehen zu lassen, muss schon ein unbändiges Freiheitsbedürfnis haben. Warum sonst würde er die Luft seiner Mitmenschen dem eigenen Bedürfnis  nach (eingebildeter) unbeschränkter Mobilität opfern? Und wer schon mal morgens um Acht in Zürich war, kann beim Gedanken an «Freie Fahrt für freie Bürger» nur kichern.

Dann erinnert sich der ÖV-Fan an die vielen herzigen «Du, blond, gestern im Bus 31, wir lächelten, bitte melde Dich»-Aufrufe im Schatzchäschtli vom «Blick am Abend» und an die vielen Situationen, in denen die Mitpassagiere nicht die nervende, stinkende Masse waren, sondern kleine feine Begegnungen und Beobachtungen ermöglichten. An den Junkie, der für eine ältere Dame aufstand. An den älteren Herrn, der seiner Frau händchenhaltend die Stadt erklärte, immer mit dem Finger aus dem Fenster deutend. An die Möglichkeit, eine Gratiszeitung durchzublättern und sie wieder liegen zu lassen, und danach bei Freunden abzustreiten, sowas jemals zu lesen. ÖV ist nicht sozial, weils die Gemeinschaft am Wenigsten belastet. ÖV ist sozial, weil man ihn als Gemeinschaft benutzt.

Natürlich gibts Situationen, in denen Menschen auf ein Auto angewiesen sind. Aber ehrlich, sehr selten sind das Situationen, die sich in der Innenstadt zutragen. Und auch ÖV-Fans erliegen ab und zu dem Bedürfnis nach Individualverkehr. Dann setzen sie sich auf ein Velo, rasen durch die Stadt und jauchzen, während sie unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln zwischen den Autos, Trams und Bussen durchschlängeln.

«Mit em Auto uf Züri» von Ian Constable

Die erzwungene Berghochzeit

Réda El Arbi am Donnerstag den 11. Juli 2013
So stellt man es sich vor. So ist es aber nicht. Ehrenwort.

So stellt man es sich vor. So ist es aber nicht. Ehrenwort.

Alles beginnt immer so wunderschön: Ein Freund oder eine Freundin verliebt sich nach langem Single-Dasein wieder, wir freuen uns, nehmen die Neue oder den Neuen in den engen Freundeskreis auf, weil sie aus einem weinerlichen, ständig jammernden Singlesack wieder einen anständigen Menschen gemacht haben. So weit, so romantisch.

Dann aber, wenn wir uns schon lange daran gewöhnt haben, die Beiden als festes Paar zu sehen, geschieht das Voraussehbare: Eine urban-hip gestaltete Einladung zu einem Hochzeitsfest flattert ins Haus. Wir verfallen in Panik.

Nichts gegen das Heiraten! Das kann durchaus funktionieren. Aber die Hochzeitsfeste der Stadtzürcher haben immer einen Fehler: Sie finden irgendwo in der Abgeschiedenheit der Schweizer Bergwelt statt. Natürlich heiratet man standesamtlich im Stadthaus, aber da werden nur enge Familienmitglieder eingeladen, die dazu natürlich von weit her mit dem Auto anreisen müssen.

Die eigentliche Zürcher Hochzeitsparty veranstalten die elenden Liebenden an Orten in den Bündner Bergen oder im Wallis, ohne vernünftigen ÖV-Zugang, in der unberührten Natur, mit Übernachtungszwang (Massenschlag) und dem gemeinschaftlichen Gefühl eines Pfadilagers. Und natürlich müssen die engsten Freunde schon einen Tag früher da sein, um mit dem Kochen und den Vorbereitungen für den schönsten Tag zu helfen.

Und natürlich versucht man ein Mobility-Auto für diesen Tag zu ergattern, leider einen Tag zu spät (wohl weil alle anderen besten Freunde von anderen Berghochzeitspärchen schon eines reserviert haben). Und hat man dann mit all dem Essen und der Dekoration im Rucksack die fünfstündige Reise hinter sich, findet man heraus, dass man das Essen für 58 Leute auf zwei Gaskochstellen zubereiten muss. Natürlich finden echte Städter das romantisch. Genauso wie besoffenes Schnarchen auf der dünnen Schaumgummimatratze nebenan.

Am eigentlichen Tag der Hochzeit würde das Handy vor lauter Absagen von Leuten, denen es doch zu weit ist, bimmeln. Wenn man denn Empfang hätte da oben. Und von den 25 Gästen, die keine gute Ausrede für die Absage des Bergsturms gefunden haben, saufen einige soviel, dass ein Unfall (gebrochener Fuss, Glasschnitt in der Hand) vorprogrammiert ist. Und man würde sofort den Notarzt rufen. Wenn man denn Empfang hätte.

Wirklich, liebe Stadtzürcher Liebende, wir haben so viele schöne Orte, die man mit dem Tram erreichen kann, zu denen auch alle Freunde gerne kommen, und vor Allem auch irgendwann wieder gehen können. Warum, warum nur, muss ein Bund für Leben immer an einem Ort geschmiedet werden, den Gott nicht fürs zivilisierte Leben vorgesehen hat? Schliesslich lachen wir ja auch über die Provinzler, die ihre Polterabende in der Stadt verbringen. Wie können wir da allen Ernstes unsere klischeevernebelten Heiratsaspiranten auf die Berge loslassen?

Nehmt euch ein Beispiel an den Berglern! Die einzigen verheirateten Bündner und Walliser, die ich kenne, haben hier in der Stadt gefeiert.