Beiträge mit dem Schlagwort ‘Musik’

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 10. Februar 2017

«Ich hätte die Menüpreise in Zürich erhöht.»

Die Spitzenköchin Vreni Giger wirtet seit 100 Tagen im Zürcher Restaurant Rigiblick. Die Pionierin der regional-saisonalen Küche verlangt nicht mehr als zuvor im St. Galler Jägerblick – weil es der Zürcher Frauenverein so wünscht. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

«Mit Norah Jones haben wir einen Superstar verpflichtet»

Gute Nachricht für alle Musikfans: Das Zürcher Openair findet nach einer einjährigen Zwangspause wieder im Dolder statt. Der Veranstalter Hanswalter Huggler verrät, welche Stars auftreten. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Es war ein kleines Paradies.»

Keine Gnade: Dies ist die Geschichte vom Ende eines wunderschönen Gartens im Höngger Rütihof und vom hemdsärmeligen Vorgehen eines quartierbekannten ehemaligen Landwirts. Hobbygärtner Marcel Odermatt ist über dessen Zerstörungswut enttäuscht. (Foto: Marcel Odermatt) Zum Artikel

 

«Ich bin kein Promi.»

Keine Angst vor grossen Tönen: Die Zürcher Sängerin Anna Känzig ist für den Swiss Music Award 2017 nominiert und das gleich zweifach: «Best Female Solo Act» und «Best Breaking Act». Ihre natürlichre Bescheidenheit beeindruckt die Fans. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Jetzt bin ich zu alt dafür.»

Bei der Prominenten-Premiere des Musicals «Mary Poppins» haben sich diverse Politiker als Fans des Kindermädchens geoutet. Wie soll man das bloss deuten? Der Schauspieler Walter Andreas Müller hat sich jahrelang insgeheim auf die Rolle des Kaminfegers vorbereitet – doch es kam nie ein Anruf. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Unser Produkt ist tatsächlich eine Weltneuheit.»

Ihr Produkt ersetzt beinahe den Barkeeper. Eine Weltneuheit sei das, sagen die Zürcher Macher von Mikks. Wer Alkohol, Eis und ihre Geschmacksessenzen kräftig schüttelt, hat schon einen guten Cocktail geschaffen. (Foto: Raisa Durandi)

 

«Vor Gericht geht es um Details.»

Das Stadion Letzigrund zeigt exemplarisch, wie sich Rechtsstreitigkeiten im Zürcher Baugewerbe verändern. Am Ende trifft es auch den Steuerzahler. Jetzt sei harte juristische Knochenarbeit nötig, sagt Urs Spinner vom Hochbaudepartement. (Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

 

«Wir kämpfen, denn das darf nicht sein.»

Nach dem Umbau soll in der Tonhalle eine kleinere Orgel eingebaut werden. Gegen diese Pläne hagelt es Kritik aus dem In- und Ausland. Nun wollen Kulturschaffende wie der Organist Ulrich Meldau mit aller Kraft eine Verkleinerung des Instruments verhindern. (Foto: Timmy Stocker) Zum Artikel

 

«Ich gebe denen, die nichts haben.»

Sie kämpft seit zehn Jahren gegen die Verschwendung von Lebensmitteln und setzt sich für Bedürftige ein: Hélène Vuille heisst die Frau, über die ein neues Buch mit dem Titel «Die Brückenbauerin» erschienen ist. (Foto: Reto Oeschger)

 

«Es hilft nichts, betrunken zu sein»

Das Zürcher Literaturmuseum Strauhof widmet sich in seiner aktuellen Ausstellung den Rauschdichtern und Schreibbeamten. Max Frisch zum Beispiel wusste genau, was nicht hilft, wenn man mit dem Schreiben beginnen soll. (Foto: Keystone) Zum Artikel

 

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 9. Dezember 2016

«Es existieren zu viele
Weihnachtsmärkte in Zürich.»

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Wer die Wahl hat, hat die Qual, Sechseläutenplatz, Niederdorf, Hauptbahnhof: Wo es den günstigsten Glühwein gibt und warum das Geschäft harzig läuft. Für Schmuckdesignerin Helga Cortesi ist allerdings klar: Die Leute sind von den vielen Märken in Zürich übersättigt. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Es gibt immer mehr Leute, die im
persönlichen Kontakt hemmungslos sind.»

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Aggressive Kunden stellen das Verkaufspersonal vor Probleme. Gerade in der Vorweihnachtszeit ein aktuelles Thema. Laut Experten wird ruppiges Verhalten gesellschaftlich immer stärker akzeptiert. Man dürfe das Problem nicht unterschätzen, sagt der Arbeitspsychologe Markus Grutsch, Professor an der Hochschule für St. Gallen. (Foto: Tages Anzeiger) Zum Artikel

 

«Der Nachwuchs kann
die Lücken nicht füllen.»

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Die Zürcher Ärztegesellschaft will, dass die Gemeinden neu für die Organisation des Notfalldienstes zahlen. Um Druck aufzubauen, sollen Patientinnen politische Vorstösse einreichen, fordert der Zürcher Ärztepräsident Josef Widler. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Früher hatte ich wunderbare Träume.
Hier in Zürich sind es Alpträume.»

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Ein Zürcher Rentner ist schwer elektrosmogsensibel. Das Leiden hat ihn total einsam gemacht – und zu einem Solokämpfer wider Willen. Sein Fazit: Wer hypersensibel ist, muss sich sozial einschränken. (Foto: Ute Grabowski, Photonek.net) Zum Artikel

 

«Und nebenan ist ein Elfjähriger
untergebracht. Das geht nicht.»

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Die Kinder vom Notknast: Im provisorischen Polizeigefängnis sind auch Jugendliche inhaftiert, obwohl dies Haftgrundsätzen widerspricht. Minderjährige seien «dringend» anderswo unterzubringen, fordert Professor Alberto Achermann, Präsident der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Mir war nicht bewusst, was es heisst,
Mummenschanz zu beleuchten.»

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Eric Sauge ist bei Mummenschatz für die Lichttechnik verantwortlich. Mit seiner Arbeit trägt er massgeblich zum Erfolg der Theatergruppe bei. Mit ihr tourt er durch die ganze Welt. Er weiss: Das falsche Licht oder Licht aus dem falschen Winkel, kann das ganze Programm zerstören. (Foto: Doris Fanconi)

 

«Eine Haft kann Kinder zutiefst verängstigen.»

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Die Jugendpsychiaterin Fana Asefaw warnt davor, Minderjährige neben erwachsenen Delinquenten einzusperren, wie dies im provisorischen Polizeigefängnis auf der Kasernenwiese in Zürich gemacht wird. Die Massnahme sei nicht zielführend. (Foto: Daniel Kellenberger) Zum Artikel

 

«Ich tanze jeden Abend gegen Geld.»

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Paul Weilenmann, Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter Karl’s kühne Gassenschau, auf die Frage, wann er das letzte Mal getanzt habe. Seine Tanzkünste, sagt er, seien allerdings nicht besonders gut. (Foto: Dominique Meienberg)

 

«Amerika ist das Grösste. Wie ein Traum.»

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Moritz Schädler surft in wunderschönen Lo-Fi-Popsongs ganz knapp über der Realität. MoreEats, der Musiker mit Liechtensteiner Wurzeln, plant, das zu ändern: Irgendwann will er die Dinge beim Namen nennen. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Ich bekam für die CDs nicht nur Platz,
sondern auch Pralinés angeboten.»

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Via Tages Anzeiger hat Redaktorin Claudia Schmid vor ungefähr einem Monat ein neues Zuhause für ihre CD-Sammlung gesucht. Und staunte nicht schlecht: Nach dem Aufruf bekam sie 350 Mails. Ihre Musikträger verteilte sie schliesslich nach der Salamitaktik. Yarin, Student der Kunstgeschichte, vergrösserte dadurch seine noch kleine Sammlung mit Rap-Perlen. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Das Geld kommt.»

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Eigentlich hätte in Meilen der Steuerfuss erhöht werden sollen. Doch durch eine überraschende Äusserung von Roberto Martullo, dem Schwiegersohn von Alt-Bundesrat Christoph Blocher (SVP), kam es anders. Martullo kippte in Meilen eine Steuererhöhung mit einer Nachsteuerrechnung in Millionenhöhe, die es so nicht gibt. (Foto: Daniel Kellenberger) Zum Artikel

 

«Im Gottesdienst versuchen wir,
den Himmel auf Erden zu holen.»

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Die russisch-orthodoxe Auferstehungskirche hat gestern ihr 80-Jahr-Jubiläum gefeiert. Mit «Seiner Heiligkeit», dem Patriarchen Kyrill I. als Gast. Diakon Daniel Schärer war wegen den speziellen Gastes entsprechend nervös. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich war Blocher-Fan.»

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Christoph Burgherr war Unternehmer und strammer Konservativer. Dann ging er zu einem Informationsabend. Seither leitet er eine Laufgruppe von Flüchtlingen. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

«Ventil für Melancholie» – plaudern mit Anna Känzig

Réda El Arbi am Freitag den 23. Oktober 2015
Arbeit zahlt sich kreativ mehr aus als ein gebrochenes Herz oder Weltschmerz: Anna Känzig

Harte Arbeit zahlt sich kreativ mehr aus als ein gebrochenes Herz oder Weltschmerz: Anna Känzig

In unserer lockeren Serie «Plaudern mit …» treffen wir diese Woche die Zürcher Singer/Songwriterin Anna Känzig im Casablanca auf einen Kaffee. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich vor dem Interview kaum Musik von ihr kannte. Das ist aber meiner Ignoranz neuen Musikern gegenüber und nicht dem Bekanntheitsgrad der Musikerin geschuldet.

Nachdem ich jetzt ein wenig in deine Musik reingehört  hab, hätte ich eigentlich so ein verpeiltes Hippiehuscheli erwartet. Du erfüllst dieses Klischee überhaupt nicht.

Wahrscheinlich haben viele dieses Bild, da doch einige meiner bisherigen Stücke eher verträumt sind. Und, was man auch sagen muss, Hippihuschelis haben nicht selten einen Sinn für Mode, der mir durchaus zusagt. Vielleicht gibt es drum auch das eine oder andere Bild von mir, bei dem sich das Accessoire eines Blumenmädchens in meine Garderobe schlich. Verpeilt bin ich nur, wenn zu viel los ist und ich gestresst bin. Im Alltag bin ich aber eigentlich ziemlich bodenständig, auch wenn eine verträumte Seite durchaus nicht zu leugnen ist. Meine Eltern konnten mich schon als Kleinkind in eine Ecke setzen und ich starrte da einfach ein bisschen in die Luft und träumte herum.

Auf dem Weg hierher, vorbei an buntem Herbstlaub und goldenem Licht, empfand ich deine beiden bisherigen Alben als idealen Soundtrack für den Herbst. Bist du ein melancholischer Mensch?

Auch, aber nicht nur. Ein Schuss Melancholie verleiht dem Alltag eine gewisse bittere Süsse, die mir sehr gefällt. Die Musik hilft mir, gewisse Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten. Sie ist manchmal eine Art Ventil für meine Melancholie. So bleibt dann für den Rest des Lebens mehr Platz für Fröhlichkeit.

Bist du eine dieser Künstlerinnen, die denken, dass persönliches Leiden und Drama notwendig sind, um kreativ zu sein?

Wo kein Drama ist, fange ich mit Sicherheit keins an. Ich könnte sehr gut ohne Leiden leben, aber kein Leben ist ja gänzlich frei davon. Je älter ich werde, umso mehr mache ich die Erfahrung, dass man auch sehr gut abliefern kann, wenn man nicht gerade an Herz- oder Weltschmerz leidet. Eine gewisse handwerkliche Sicherheit, ein professionelles Team und sehr viel harte Arbeit garantieren mit Sicherheit eher ein gutes Album als eine frisch zerbrochene Liebe.

Du bist jetzt Dreissig, warst für dein neues Album ein Jahr im Studio, bist bei einem Major Label unter Vertrag und schreibst deine Songs nicht mehr alleine. Ist das der Wechsel vom Mädchen mit der Gitarre zur erwachsenen Profimusikerin?

Nein, das war ich schon vorher. Aber ich will mich ja auch weiterentwickeln, neue Einflüsse aufnehmen, mich inspirieren lassen. Deshalb arbeite ich auch mit einem Freund gemeinsam an den Songs. Sony als Label ist praktisch, weil sie mir sehr viel Arbeit abnehmen und ich mich so noch mehr dem Musikmachen widmen darf.

Dein neues Album soll ja ganz neue Elemente enthalten. Es soll elektronischer, eben weniger Hippiemeitli, sein.

Ganz neu wohl kaum. Für mich ist es sogar auch fast ein bisschen «back to the roots»: weniger Instrumente, alles etwas reduzierter, dafür mehr Stimme. Bevor ich meine beiden Soloalben veröffentlichte, machte ich mit einer Band Triphop. Das spürt man im neuen Album wieder stärker. Am 6. November erscheint Drive All Night, die erste Single des neuen Albums, da kann man sich dann einen ersten Eindruck vom neuen Material machen. Und im Februar nächsten Jahres kommt dann eeendlich das Album, ich kann es kaum erwarten.

Wie wird man eigentlich Berufsmusikerin? Träumt man von der Bühne, wenn andere Mädchen Tierärztin werden wollen?

Bei uns im Haus gingen seit meiner frühesten Kindheit Musiker und Künstler ein und aus. Musik war ein Teil des Alltags. Da hats mich dann wohl einfach erwischt. Ich lernte früh verschiedene Instrumente, nahm später Gesangsunterricht und entschied mich für ein Studium an der Jazzschule.

Deine Eltern stehen voll hinter dir? Kein «Meitli, zerscht muesch öppis aständigs lehre, KV oder so.»

Meine Eltern sind jetzt auch nicht unbedingt die klassischen KV-Typen. Ich glaub aber schon, dass sie erleichtert waren, als ich ans Jazz-Konsi ging. Es ist noch immer Musik, aber wenigstens eine bodenständige Ausbildung mit einem eidgenössischen Abschluss.

Und jetzt voll Sex, Drugs & Rock’n’Roll? Im Kreis 4 in Züri mit Groupies abfeiern?

Keine Groupies, nein. Höchstens mal ein Facebook-Stalker und den lösch ich lieber, als dass ich mit ihm feier. Klar gehe ich gerne mal aus, aber mein Leben verläuft eigentlich in ziemlich geordneten Bahnen, wenn man davon absieht, dass ich meist bis um 11 Uhr im Bett bleiben darf, meine Arbeit dafür aber oft bis in die Nacht geht. Ich freue mich aber auch wieder auf das Touren, weil da wieder etwas mehr Action reinkommt. Jede Nacht eine andere Stadt, mit einer Clique reisen, intensive Zusammenarbeit, exzessive Augenblicke.

Und kannst du jetzt von der Musik leben?

Von der Musik schon, aber nicht von meiner allein. Ich unterrichte noch Gesang. Das macht aber auch sehr viel Spass, weil man Menschen, die singen wollen, Stufe für Stufe näher an ihre Möglichkeiten bringen kann. Das lieb ich sehr.

Apropos Liebe …

Haa. Vergiss es.

Ou Gopf, taminomal …

Also gut. Nur so viel: Als Musikerin bin ich viel unterwegs, und wenn nicht, brauche ich sehr oft Zeit, um intensiv an meiner Musik zu arbeiten. Das ist vielleicht von manchen Partnern zu viel verlangt. Andere können sehr gut damit leben.

Und das heisst? Single oder nicht?

Glücklich! Reicht das als Auskunft?

Anna Känzig: Folk & Melancholie, genau richtig für den Herbst

Das Herz auf der Zunge – plaudern mit Emel

Réda El Arbi am Freitag den 3. Juli 2015
Emel: «Ich funktioniere akustisch, nicht visuell.» - Stadtblog: «Du funktionierst auch visuell, ehrewort.»

Emel: «Ich funktioniere akustisch, nicht visuell.» – Stadtblog: «Du funktionierst auch visuell, ehrewort.»

Diese Woche haben wir die Musikerin und Sängerin Emel Aykanat für ein Plauderstündchen in unserer Smalltalk-Serie getroffen. Eigentlich wollte sie mich in die Ambossrampe bestellen, während ihre Tochter gerade Yoga-Stunde nahm. «Ou», dachte ich, «echte Zürcher Hippiekacke.» Aber die Ambossrampe hatte geschlossen und das Kinderyoga stellte sich dann als ganz normale Turn- und Spielstunde heraus. Also alles ganz normal. Wir setzten uns dann ein paar Meter weiter ins Café Noir, wo man Emel zu kennen scheint. Bei Café und Zigaretten plauderten wir, bis die Spielstunde zu Ende war.

So, ich schalte jetzt das Aufnahmegerät ein.

Ah, dann muss ich ab jetzt aufpassen. was ich sage.

Wieso? Ich hab mir immer gedacht, dass du auch in den Medien erfrischend offen und direkt bist.

Ja, bin ich eigentlich schon. Obwohl gerade von den Medien dann Vieles aufgebauscht wird.

Du sprichst auf deinen Facebook-Post an, indem du klar gestellt hast, dass dich DJ Bobos Produzent damals nicht vor einer Disco aufgegabelt und dir eine Chance zum Singen gegeben hat? Das gab ja gleich eine Boulevard-Geschichte.

Ja, zum Beispiel. Früher wär mir so eine Aussage vielleicht egal gewesen. Aber ich will nicht, dass meine Tochter denkt, ihr Mami sei vor irgendwelchen Clubs rumgegammelt und habe auf eine Chance gewartet. Im echten Leben steckt Arbeit und Leidenschaft hinter dem Erfolg. So war ich damals, mit 16, im Studio und hab an meinen eigenen Songs getüftelt, als mich Bobos Produzent fragte, ob ich nicht ein paar Zeilen einsingen könnte. Aber das konnte ich ja dann mit Herrn Baumann (für unsere Leser: DJ Bobo) klären und er hat sich dann öffentlich entschuldigt und korrigiert.

Dann gabs da noch die Geschichte mit Stress, der den französischen Comedian Dieudonné lobte. Da hast du auch ziemlich Klartext geredet.

Das war auch wichtig. Dieudonné transportiert antisemitische und antifreiheitliche Inhalte und spricht damit vorallem junge Muslime an. Wenn dann ein Star wie Stress mitklatscht, muss ich gerade als Muslima mein Maul aufreissen. Denn erstens finde ich es nicht gut, dass Dieudonne, der Katholik und enger Freund des Rechtsradikalen Jean Marie Le Pen ist, meinen Brüdern irgendwelche Kacke erzählt. Und zweitens gilt für mich: Entweder man ist gegen Rassismus und Diskriminierung – dann bitte auch gegen alle Formen davon – oder eben nicht.

Du bist Muslima. Machst du Ramadan?

Nein, also nicht durchgehend. Ich nehm immer mal wieder einen Tag Auszeit, um mich zu reinigen und mental und spirituell zur Ruhe zu kommen. Der Islam ist eher das kulturelle Umfeld, in dem ich die Grundwerte vermittelt bekommen habe. Die Grundwerte unterscheiden sich übrigens nicht von denen der Christen oder Buddhisten: Sei kein Arschloch, kümmere dich um deine Mitmenschen, strebe das Gute an.

Auf deinen Plattencovern ist oft viel Haut zu sehen, zum Beispiel auf deinem ersten Album. Wie hat dein türkisches Umfeld darauf reagiert?

Haha, das Schweizer Fernsehen hat damals meinen Vater interviewt und extra das Cover mitgenommen, um ihm meinen Brustansatz auf dem Bild zu zeigen. Er hat sich das mit gerunzelten Brauen angesehen und gemeint. «Das ist nicht meine Tochter.» Erwartungsvolles Schweigen. «Da sieht sie viel zu schwach aus. Aber meine Tochter ist stark.» Er drehte das Cover um und zeigte auf ein Bild, auf dem ich viel selbstbewusster wirkte und meinte: «DAS ist meine Tochter.»

Sehr schöne Geschichte. Wie ist das als attraktive Frau, wurdest du nicht oft auf dein Äusseres reduziert im Musikbusiness?

Vielleicht manchmal, aber im Musikbusiness geht es glücklicherweise in erster Linie um Musik. In New York wollten mir die Produzenten immer erst irgendwelchen Mist, den sie gerade noch so rumliegen hatten, zum Singen geben. Erst als ich ihnen meine eigenen Songs präsentierte, konnten wir beginnen richtig zu arbeiten. Es ist wie zu Beginn gesagt: Musik war immer meine Leidenschaft. Und so hab ich von Kind auf sehr viel Arbeit in die Musik gesteckt. Das zahlt sich aus.

Naja, Talent ist dazu aber auch notwendig. Du hast jetzt eine ruhige Phase hinter dir. Was kommt als Nächstes?

Ja, musikalisch wars eher ruhig. Ich hab meine Tochter bekommen, wollte mich ihr widmen, ihr auch etwas von der Welt zeigen, bevor sie in die Schule eingebunden ist. Aber ich hab schon dauernd Musik in meinem Leben. Zum Beispiel wollte ich die Geburt meiner Tochter in einem Song verarbeiten. Aber das Ereignis war zu gross, zu wundervoll, um es in einen Song packen zu können. Zur Zeit bereite ich neue Songs vor, gemeinsam mit dem grossartigen Percussionisten Rhani Krija, der auch mit Sting arbeitet. Ich will etwas von diesen arabischen Elementen darin unterbringen. Das ist gerade ein Einfluss in meinem Leben.

Wie kommts?

Ich habe den arabischen Frühling verfolgt, dann die daraus entstehenden Flüchtlingskatastrophen, Lampedusa, Mittelmeer, die ganze Qual. Ich wollte etwas tun. Also nicht nur einen Song darüber schreiben. Also informierte ich mich und fand heraus, dass man bei der Organisation TransFair in Zürich freiwillig Deutsch für Flüchtlinge unterrichten kann. (Hier mehr, wer sich auch engagieren will! TransFair) Damit begann für mich ein neuer Einblick in fremde Welten. Daraus folgend nahm ich an einem Begleitungsprogramm teil, mit dem Flüchtlinge in der Schweiz integriert werden sollen. Seither treffe ich mich regelmässig mit einem syrischen Flüchtling, gehe Kaffee trinken und zeige ihm die Kultur, in der er jetzt lebt. Umgekehrt bekomme ich einen Einblick in seine Kultur und entwickle ein Verständnis für die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten.

Dann bleibt ja noch dein Privatleben. Wie siehts in der Partnerschaft mit XXXXX aus?

Dazu gebe ich besser keine Kommentare in der Öffentlichkeit ab. Es ist kompliziert – wie immer.

Ou, gopf.

Hier schalte ich das Aufnahmegerät ab, und wir unterhalten uns über ihre Beziehungen, meine Schwester, Mallorca, Besuche von Freunden zum Essen und andere Dinge, die ihr, liebe Leser, gar nicht wissen wollt. Ehrlich.

Wir fordern ÖV-DJs!

Réda El Arbi am Mittwoch den 8. April 2015
Viele Leute würde auf einen ÖV mit Soundtrack umsteigen. Ehrenwort!

Viele Leute würden auf einen ÖV mit Soundtrack umsteigen. Ehrenwort! (Bild: westnetz.ch)

Mit Erschrecken habe ich letzthin lesen müssen, dass den Zürcher Busfahrern das Radiohören verboten ist. Sie könnten damit die Fahrgäste stören. In anderen Gegenden (wie Winterthur) dürfen die Chauffeure leise Musik hören.

Ich weiss jetzt aber wirklich nicht, was besser für die Verkehrssicherheit und für das Wohlbefinden von Fahrer und Passagieren ist – wenn den Busfahrern Musik verboten ist, oder wenn die Busfahrer dauernd Werbejingles und langweiliges Gelabber der jeweiligen Lokalradios hören.

Grundsätzlich denken wir vom Stadtblog, dass es den Tram-, Zug-, und Busführern im ganzen Gebiet des ZVV gestattet werden sollte, ihre eigenen Playlists zusammenzustellen und über die Lautsprecheranlage laufen zu lassen. Das würde die Atmosphäre im ÖV mit Sicherheit entspannen.

Stellwerkstörungen und Wartezeiten liessen sich sicher besser überstehen, wenn man zu Stones «2000 Lightyears From Home» herumträumen kann. In den ersten Bus- und Tramfahrten morgens wären nicht so viele griesgrämge Gesichter zu sehen, wenn Seeeds «Aufstehn» aus den Boxen schallt.

Ausserdem wirkt Elvis Presleys «In The Ghetto» aufmunternd, wenn man den 31er über die Langstrasse bis nach Altstetten nimmt. In Altstetten könnte man dann Police’s «Roxanne! You dont have to but on the red light!» mitsummen, wenn man an den Strichboxen vorbeifährt. Auch wäre es sicher lustig, wenn der 4er am Sonntagmorgen völlig zugedröhnte Partybesucher mit Helene Fischers «Atemlos durch die Nacht» vom Escher-Wyss-Platz zum HB bringt. Eine Art nachträgliche Drogenprävention.

Auch ist der Dichtestress in der S12 erträglicher, wenn wir Stings «Don’t stand so close to me» hören könnten. «Window Shopper» von 50 Cent würde uns am Monatsende durch die Bahnhofstrasse tragen, ohne dass wir frustriert sind. Und wer auf den Bus rennen muss, kommt bei «Stop That Train» von Clint Eastwood & General Saint wieder zu Atem, wenn er sich auf den Sitz fallen lässt.

Auch für die Öffentlichkeitsarbeit des Öffentlichen Verkehrs wäre was gemacht. Die FahrzeuglenkerInnen könnten wie Trucker ein Schild mit ihren Namen – DJ Frau Henggeler oder MC Herr Bieli – vorne ins Fenster stellen. So würden sich vielleicht auch Passagere zu Stosszeiten besser verteilen: «Nei, chumm, mir wartet no eine, das da isch de DJ Rudisüli, de macht Metal. Im Nächschte fahrt DJane Anderegger, die hät meh Electro und so.»

Grundsätzlich täte einer so hektischen und geordneten Stadt wie Zürich Musik im ÖV gut. Deshalb unsere Bitte an die Verantwortlichen bei ZVV und VBZ:

Let the music play!

Clubben mit Senioren

Alex Flach am Montag den 16. März 2015
Hätten wir mit unseren Eltern die Wochenenden durchfeiern wollen?

Hätten wir mit unseren Eltern die Wochenenden durchfeiern wollen?

«Wer älter ist als dreissig Jahre, hat in einem Club nichts zu suchen» – noch Anfang der 90er Jahre hatte diese Regel durchaus Gültigkeit: Wer die eigenen roaring Twenties gut erkennbar hinter sich gelassen hatte, erntete damals im Kaufleuten oder im Gothic mitfühlende Blicke, geknüpft an die unausgesprochene Aufforderung, sich doch bitte nach einem zeugungsfähigen Partner zur Familiengründung und einem passenden Reiheneinfamilienhaus umzuschauen. Auch wenn die Clubbesitzer wie Freddy Müller oder Jean-Pierre Grätzer bereits damals einer älteren Generation angehörten, ihre Gäste waren zumeist knallgrün hinter den Ohren.

Heute streben die Clubs ein Publikum an, dessen Durchschnittsalter weit über jenem zu Zeiten der ersten Street Parades liegt. Dies gilt nicht nur für Lokale mit Ü30-, Ü40- oder ähnlich anrührigen Partylabels für graue Panther im Programm, sondern auch und vor allem für elektronische Clubs, die oft keine Gäste unter 21 Jahren einlassen. Dies bedeutet aber nicht, dass man mit 21 bereits das Wunschalter der Clubchefs erreicht hat: Wer die Tanzfläche voller 21jähriger hat, muss sich heutzutage die Frage gefallen lassen, ob er nicht doch lieber eine Kindertagesstätte eröffnen möchte.

Waren es früher die älteren Semester die despektierliche Blicke ernteten, sind es heute vor allem die jungen Clubgäste, die sich bisweilen unerwünscht fühlen.

Mit dem Techno-Boom Anfang der 90er und dem Fall des alten Wirtegesetzes ein paar Jahre später wurde das Nachtleben vom Betätigungsfeld einiger weniger Exoten zu einer rasant wachsenden Branche mit vielen neuen Stellen, die nicht selten noch immer von denselben Leuten besetzt werden wie damals. Aus einigen ehemaligen Partyveranstaltern wurden zwar zwischenzeitlich Clubbesitzer, aber über den Daumen gepeilt wird das Zürcher Nachtleben von Leuten betrieben, die sich seit zehn Jahren und länger in diesem Umfeld betätigen. Da sich nun niemand gerne im eigenen Geschäft wie ein Greis fühlt, versuchen die Gastgeber das Alter ihrer Gäste dem eigenen häufig anzugleichen.

Dazu gesellt sich das Phänomen der Ewigjugendlichen: 40jährige wohnen heute in WGs und gehen lieber mit Freunden feiern als mit dem Nachwuchs spazieren. Aber selbst Kinder sind längst kein Grund mehr, sich nicht die eine oder andere Nacht in den Clubs um die Ohren zu schlagen – wozu gibt es denn Grosseltern, wenn nicht aus Gründen der Enkel-Betreuung?

Clubbing ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten vom exklusiven Vorrecht Zwanzigjähriger zu einem festen Teil der Freizeitgestaltung mehrerer Generationen geworden. Noch gibt es Ü16-Partys die einem Publikum zwischen 16 und 20 Jahren vorbehalten sind und Ü40-Partys, an denen niemand tanzen darf, der in seinem Sportverein noch nicht zu den Senioren zählt. In vielen elektronischen Clubs jedoch feiern die Generationen miteinander. Vielleicht wird diese Entwicklung künftig gar zur Lösung des Kommunikationsproblems zwischen Jugendlichen und Betagten, die sich wohl bald über die neusten Veröffentlichungen von elektronischen Musiklabels wie Stil vor Talent oder Innervisions unterhalten können.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

DJ Antoine und die billige Publicity

Alex Flach am Montag den 6. Oktober 2014
Hat für ein bisschen Ruhm seine Seele dem Teufel (Bohlen) verkauft.

Hat für ein bisschen Ruhm seine Seele dem Teufel (Bohlen) verkauft.

Unentdeckten Talenten eine Chance zu bieten, war noch nie das primäre Ziel des RTL-Formats DSDS. Der viele Jahre lang andauernde – sich in den letzten Jahren jedoch verflüchtigende – Erfolg der Castingshow beruht auf peinlich berührtem Fremdschämen. Mittlerweile ist die Show gar an einem Punkt angelangt, an dem man sich fragen muss, was den virtuosen Selbstvermarkter Antoine Konrad alias DJ Antoine bloss geritten hat, als er sich zur Mitgliedschaft in der DSDS-Jury verpflichtete.

Nebst dem unantastbaren Jury-Diktator Dieter Bohlen und dem Quotenschweizer DJ Antoine sitzen dort auch Heino (Schwarzbraun ist die Haselnuss) und Mandy Capristo, Ex-Mitglied von Monrose, Ex von Pöbelrapper Kay One und Aktuelle von Mesut Özil. DJ Antoine teilt sich die Aufmerksamkeit also mit einem 76jährigen Schlagersänger und einer Ex oder Aktuellen von irgendwem oder irgendwas und das bei einer Castingshow, die ihre Glanzzeiten längst hinter sich hat.

Klar: Allzu wählerisch war der Basler bei der Wahl seiner Mittel zur Generierung von Aufmerksamkeit noch nie, aber hier schlägt er einen gefährlichen Weg ein, der ihm zwar kurzfristig höhere Absätze bescheren dürfte, der aber selbst seine treusten Anhänger, ansonsten beileibe keine Kostverächter, etwas verstören dürfte. Dabei hätte er doch mit Patrick Nuo auf einen Schweizer Präzedenzfall zurückgreifen können, dem die Teilnahme an der DSDS-Jury gar nicht gut bekommen ist: DSDS hat in all den Jahren nur eine Karriere nachhaltig befruchtet und zwar jene von Dieter Bohlen. Allen anderen DSDS-Protagonisten hat die Teilnahme an der Show kein Glück gebracht.

Aber nicht nur DJ Antoine scheint ein Problem mit Beratern zu haben, die ihm eintrichtern, dass jede Form von Aufmerksamkeit gute Aufmerksamkeit sei: Roland Bunkus alias Mr. Da-Nos schmiss sich kürzlich in die neue Uniform der Zürcher Stadtpolizei und stapfte darin über den Laufsteg der Zürcher Herbstmesse Züspa. Auf Facebook postete er Selfies von sich in Uniform und versehen mit, sagen wir mal witzigen, Kommentaren wie «Olé, olé ich habe die Seite gewechselt, wer will sich verhaften lassen?» oder «Achtung jetzt gilt’s ernst! Ab sofort gebe ich nicht nur an den Partys den Ton an, sondern auch bei der Stadtpolizei Zürich» – Tatütata, der Da-Nos ist da…

Nachtleben-affine Facebook-Nutzer wussten ein paar Tage lang gar nicht recht, wohin mit dem vielen Spott. An Mr. Da-Nos scheint Hohn zwar abzutropfen wie Wasser an einem Entenbürzel, dennoch erstaunt es, dass er sich diesem immer wieder freiwillig aussetzt oder von seinen Beratern aussetzen lässt. Bei Andreas Hohl alias Mr. Pink erübrigt sich die Frage: Dass der Ostschweizer bei jedem Ungemach als erstes zur Presse rennt um sich auszuweinen (Versicherungsbetrug, Autoklau, nach nur acht Monaten Ehe von der Frau verlassen, Erfolglosigkeit, Ärger mit dem ehemaligen Mentor, etcetera, etcetera) lässt sich nur mit grenzenloser Naivität, gepaart mit einer ausgeprägten Profilneurose erklären. Aber eigentlich sollte man den Cervelat-DJs, zu denen beispielsweise auch Christopher S zählt, dankbar sein: Ohne sie wäre es nur halb so lustig.

Wiesn ohne Ende

Alex Flach am Montag den 22. September 2014
Darum gehts: Saufen ohne Ende.

Darum gehts: Saufen ohne Ende.

Im Hauptbahnhof findet zwischen 24. September und 11. Oktober die achte Züri-Wiesn statt. Neben Brezn, Weisswurst und Bier gibt’s Musik von Charly’s (mit Apostroph) Partyband und den Schilchern zu hören. Am 5. Oktober, am «Schlagerfeuerwerk» namens Wiesn-Stadl, stehen gar Francine Jordi, Stefanie Hertel, Leonard und Linda Fäh auf der Bühne.

Vom 10. Oktober bis zum 8. November findet das Bauschänzli-Oktoberfest statt. Ein Schlagertrommelfeuer mit vier prominenten Reitern der Heile Welt-Apokalypse wird hier zwar nicht geboten, bei schätzungsweise 80‘000 Liter Bier, die an circa 40‘000 Gäste (auf der Page liebevoll «Bierfreunde» genannt) ausgeschenkt werden, dürfte die Stimmung auf dem Bauschänzli aber trotzdem ganz okay sein.

Aber nicht nur dort und im Hauptbahnhof wird geschunkelt: Auf dem Üetliberg (Uto Kulm), in der Mausefalle, im neuen Club Enge beim gleichnamigen Bahnhof, im Club Escherwyss beim gleichnamigen Platz, in der Bierhalle Wolf, im Plaza-Club, in der Amboss Rampe und in unzähligen weiteren Lokalen wird’s in den nächsten Wochen bierselig und weisswurstig. Kaum einer der bis Ende Oktober nicht mit einer Einladung an irgendein Oktoberfest konfrontiert und kaum eine die nicht zur Kollektivschunkelei gedrängt wird.

Wer schüchtern den Finger hebt, um gegen die penetrant-bayrische Invasion zu protestieren, ist ein Spassverderber und läuft Gefahr, zum Sonderling gestempelt und im Büro zum Aussenseiter zu werden. Selbst Leute, die sonst bei jeder Gelegenheit maulen, es werde in der schönen Schweiz langsam aber sicher zu Deutsch, verfallen ohne mit der Wimper zu zucken dem Oktoberfestfieber und stören sich nicht daran, dass das gute, alte Blau/Weiss Zürichs zum bayrischen mutiert.

Doppelmoral? Ah geh, so a Schmarrn! Das erste Oktoberfest fand 1810 und im Rahmen der Feierlichkeiten zur Hochzeit zwischen Kronprinz Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildeburghausen statt. Jährlich strömen sechs Millionen Besucher auf die Münchner Theresienwiese. Seit 2005 existiert das Projekt «Ruhige Wiesn» (nur Blasmusik bis 18 Uhr) und seit 2010 eine «historische Wiesn» mit altem, bayrischem Brauchtum.

Diese Massnahmen sollen, dem immer penetranter werdenden, Ballermann-Charakter des Oktoberfests entgegenwirken, also just jener Interpretation der Volksparty, der auch hierzulande gefrönt wird: Weder Brauchtum noch Geschichte des Freistaates spielen an den Zürcher Oktoberfesten eine spürbare Rolle und es existieren auch keine Bemühungen, dies zu ändern.

Die Zürcher Sicht auf die Oktoberfest-Tradition ist jene Homer Simpsons: Sauferei, Völlerei, Schunkelei. Damit gehören die hiesigen Oktoberfeste in eine Gruppe mit den Holi-Events, an denen sich die Besucher gegenseitig mit Farbbeuteln bewerfen, ohne einen Dunst vom sakralen Hintergrund des hinduistischen Brauchs zu haben. Die Schweizer Holi-Festivals und die hiesigen Oktoberfeste sind nur oberflächliche Kopien ausländischer Bräuche gemacht für Leute, die einen allgemein akzeptierten Anlass benötigen, um sich wieder einmal so richtig daneben zu benehmen. Und vielleicht ist dies auch der eigentliche und einzige Wert dieser Feste für die Gesellschaft.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft

Photobastei-Closing: Koks, Kunst & Krankenschwestern

Réda El Arbi am Mittwoch den 17. September 2014
«... und überall waren Pornstars mit Drogen!»

«… und überall waren Pornstars mit Drogen!»

Um es vorwegzunehmen, wir waren nicht dabei. Das Zwischennutzungsprojekt «Photobastei» ging am letzten Wochenende zu Ende und zur Abschlussparty wurden 3500 Gäste geladen, ungefähr die Hälfte fand auch Einlass. Alle, die etwas auf sich halten, alte Szenis und junge Hipster, wollten rein. Einige durften, andere nicht. Und genau hier werden wir Zeugen, wie eine urbane Legende entsteht. Wie damals bei Woodstock, bei der Dachkantine, Berghain Berlin 2002 etc.

Anhand einer Chronik der nachträglichen Aussagen über die Party zeigen wir auf, wie aus einer überfüllten Party ein legendärer Anlass wird.

Sonntagmorgen, unmittelbar nach der der Party, ein verlässlicher Zeuge:
«Es war ganz ok, zu viele Leute und zu heiss.»

Sonntagnachmittag, verlässliche Zeugin:
«Man konnte sich kaum bewegen. Sieben Dancefloors und noch mehr DJs. Es gab irgendwo eine MDMA-Bowle, verkleidete Krankenschwestern tröpfelten die Drogenbowle denen in den Mund, die das Bedürfnis hatten.»

Montagmittag, einigermassen verlässlicher Zeuge:
«Die Leute legten sich Linien Koks direkt an der Bar, eine Frau tanzte oben ohne. Es gab gratis MDMA für alle. Viel zu heiss und zu viele Leute.»

Montagabend, vermeintlicher Zeuge:
«Es lag Koks auf der Bar bereit, einige tanzten nackt und alle waren auf MDMA. Ganz geil. Sowas hab ich in der Schweiz noch nie erlebt.»

Dienstagmittag, vermeintlicher Zeuge:
«Auf der Treppe lagen Kokshaufen wie in «Scarface», auf den Toiletten wurde gevögelt. Man musste MDMA nehmen, sonst kam man in bestimmten Dancefloors gar nicht rein. Es war wie früher im Spider, nur mit all den Promis.»

Mittwochmorgen, vermeintlicher Zeuge:
«Es gab einen gesperrten Dancefloor mit Gratis-Koks und MDMA, viele tanzten da halb nackt oder nackt, in den Ecken wurde gevögelt. Nur bestimmte Leute wurden eingelassen.»

Irgendwann nächste Woche, vermeintlicher Zeuge:
«Es war unglaublich! Sex auf der Treppe inmitten von Bergen von Koks, Badewannen voller MDMA, Porno-Krankeschwestern kümmerten sich um die Abgespaceten und alle waren da!»

Von einem der vermeintlichen Zeugen wissen wir, dass er gar nicht an der Party war. Die anderen werden das Erlebnis mit jedem Mal erzählen um einen Level aufwerten. Irgendwann wird das Closing der Photobastei ein Anlass sein, der Nightlife-Geschichte schrieb, ein Meilenstein dieses Jahrzehnts.

In zehn Jahren ist es wie mit vielen der legendären Anlässe: Alle waren dabei (in diesem Fall sicher 10 000 Personen) und die Geschichten, die darüber kursieren, werden so gewaltig sein, dass man sich wundert, wie Zürich diesen Abend überlebt hat.

So entstehen Legenden.

Und wir werden unter den Wenigen sein, die sagen können: Wir waren nicht dabei!

Ein Requiem für die Street Parade

Alex Flach am Montag den 4. August 2014
Die ursprüngliche GEist der Street Parade ist tot. Das Zürcher Nachtleben braucht eine neue Ausdrucksform im Sommer. Bild: motleyphotos.net

Die ursprüngliche Geist der Street Parade ist tot. Das Zürcher Nachtleben braucht eine neue Ausdrucksform im Sommer. Bild: motleyphotos.net

Die Musik war kommerzieller Mist. All die Karnevalsjecken, die denken, uniforme Gruppenverkleidungen seien lustig, hätten in den See geschubst gehört. Ebenso diese unsägliche Marketingbühne von Opel, mitsamt den arschwackelnden und mit Schmetterlingsflügeln bewehrten Hupfdohlen. Und hätte sich einer der besoffenen Idioten, die in der Menge Restposten ihres 1. August-Feuerwerksarsenals gezündet haben, nicht noch einen Chinaböller für den vorbeituckernden Ballermannjockey Oliver Pocher aufsparen können? Es war ein farbenfrohes Trauerspiel mit 950‘000 Stillosen.

Falls Sie nun der Ansicht sind, dass sei nur miesepetriges Gewäsch von einem Altszeni, der nicht damit fertig wird, dass man ihm irgendwann zwischen 1995 und 2002 ‚seine‘ Parade gestohlen hat… dann haben Sie recht. Irgendwann in dieser Zeit hat sich der letzte angesagte Undergroundclub vom Umzug verabschiedet, die Street Parade ist vom Spiegel der Zürcher Clubkultur zur Massenfasnacht mit Beschallung mutiert. Unsere Party ist nun ein Fest der anderen und die Angehörigen des Organisationskomitees fortan nicht mehr  aus den Reihen der Zürcher Clubszene, sondern egoistische Eigenbrötler ohne Bezug zu jenen, denen sie alles zu verdanken haben. Zieht man aber die Kränkung des vermeintlichen Verrats ab, bleibt die Street Parade einfach ein kommerzielles Erfolgsprodukts, das nicht mehr vom Hype des Neuen umweht wird.

Die Schuld dafür kann niemandem in die Schuhe geschoben werden, es ist bloss der Lauf der Dinge. Und es gibt keinen Weg zurück: Alle Versuche des Zürcher Nachtlebens und der Street Parade sich wieder anzunähern sind gescheitert, weil der Umzug längst nicht mehr zu den Clubs gehört, sondern einen Teil der städtischen Imageförderung darstellt. Deshalb sollte diese auch ihre Pflicht endlich wahrnehmen und die Street Parade in gebührendem Masse fördern und das Organisationskomitee nicht alljährlich unter grösstem finanziellem und organisatorischem Druck arbeiten lassen. Wann finden sich denn mehr gutgelaunte Menschen in Zürich ein als an diesem Tag im August? Wann bestaunen denn mehr Leute auf einmal die Schönheit der Stadt und fahren mit einem Lächeln wieder nach Hause? Kann es eine bessere Werbung für Zürich geben, als dieses Fest?

Die Stadtverwaltung scheint die Street Parade jedoch mit demselben abschätzigen Blick zu taxieren, wie die Anführer des Nachtlebens und tut sehr viel, um sie zu regulieren und viel zu wenig, um sie zu erhalten. Die Nightlifemacher hingegen sollten so langsam ihren Liebeskummer überwinden, sich mit dem Gedanken abfinden, dass die Street Parade längst nicht ihnen gehört und sich auf die Suche nach einer neuen Ausdrucksform machen. Das muss ja nicht gleich wieder zu einem Monstrum in den Dimensionen einer Street Parade avancieren, es darf ruhig auch ein paar Nummern kleiner sein. Hauptsache die Zürcher Clubs finden wieder eine Möglichkeit, um ihr Schaffen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, um gemeinsam und mit Freunden und Interessierten zu feiern, ganz so wie es an den Street Parades bis Mitte der 90er der Fall war. Es ist an der Zeit loszulassen, den einsamen Schmollwinkel zu verlassen und um sich eine neue, kollektive Liebe anzulachen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.