Beiträge mit dem Schlagwort ‘Musik’

Der lokale Lauschangriff

Thomas Wyss am Samstag den 20. Mai 2017

Wir kennen das ja alle: Hocken am Samstagnachmittag mit den Eltern im Honold, mampfen Butterbretzeli, Lachscanapés, Mohrenköpfe (ist es nicht seltsam, dass man diverse Kinderbuch-Klassiker wegen Rassismus umgeschrieben hat, diesen Patisserie-Klassiker-Rassismus aber locker ignoriert, so à la «Isch doch wurscht, Hauptsach, d Vanillefüllig isch fein!») und anderes Köstliches, das der Hausarzt nicht eben wärmstens empfiehlt, und klagt dabei laut über Gott und die Welt, im Stile von «Ich sage euch, unsere Firma wird immer knausriger, jetzt machen die sogar auf ‹Ich bin auch ein Tram›, sprich, die haben uns die Abfallkübel weggespart – und glaubt man dem jüngsten Gericht, ääääh, Gerücht, wirds bald noch vernichtender» (Anmerkung: Das Zitat ist frei erfunden, etwaige Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten wären rein zufällig), und während die Eltern bedächtig nicken – sie haben solchen Quatsch schon oft genug gehört –, werden die Ohren an den Nebenplätzen im selben Verhältnis grösser, wie der Monolog an Brisanz zulegt.

Yep, wir sind beim Thema Lauschangriff – was einerseits eine üble Zürcher Saumode beschreibt und andrerseits eine faszinierende Zürcher Band war. Die vor zehn Jahren am Taktlos-Festival in der Roten Fabrik spielte. In der Vorschau war zu lesen: «Trickreiche und abgefahrene Psychedelik kann in eine Persiflage von Björk münden.» Oder: «Sie fräsen durch ungerade Metren, lassen die Musikgeschichte ungehobelt vorbeiziehen und zerdehnen die Beats wie einst Captain Beefheart und seine Magic Band.» Was zeigt, dass man a) diese Band unbedingt mal hätte live erleben müssen, und dass man b) hierzulande einst ganz ordentlichen Journalismus fabrizierte.

Damit zum Lauschangriff als Unsitte. Die nicht allein im Honold zu beobachten ist, nein: Davon betroffen sind alle In-Bars, Plaudertaschen-Cafés, Gartenbeizen, Szene-Badis, Nobelrestaurants etc. auf Stadtgebiet mit tendenziell leiser Grundgeräuschkulisse, tendenziell interessantem Publikum und tendenziell enger Tischordnung (im Kanton, dies als Randbemerkung, sind Lauschangriffe kaum bekannt; da sorgen Buschtelefone und Stammtische dafür, dass heisses Zeugs die richtigen Empfänger findet). Bene, kommen wir zu vier zentralen Aspekten im Kontext des Zürcher Lauschangriffs.

1. Je teurer und/oder trendiger das Lokal, desto besser die Infos. Konkret: In der Kronenhalle ergattern Lausch­angreifer meist qualitativ guten Gossip; lohnenswerte Lokale sind derzeit auch das Co Chin Chin im Kreis 5 und das Binz & Kunz an der Räffelstrasse.

2. Nicht mehr neu, aber noch immer in 93 von 100 Fällen erfolgreich: Wenn man beim Fremdhören so tut, als sei man grad mit einem guten Kumpel mitten in einem Handygespräch.

3. Früher fragte man enttarnte Lauscher: «Und, alles verstanden? Oder soll ich Ihnen eine Zusammenfassung schicken? Falls ja, bräuchte ich einfach die Adresse.» Heute ists leider gang und gäbe, dem in flagranti ertappten «Sünder» die halbe Zuckerdose übers Cordon bleu zu kippen (souveräner wäre es, sofort nach dem Bemerken Hugo Balls Lautgedicht «Gadji beri bimba» oder Ähnliches zu rezitieren).

4. Menschen, die sichtbar angestrengt in der Gegend rumhorchen, sind im Normalfall keine Lauschangreifer, sie haben wahrscheinlich bloss das Hörgerät zu Hause vergessen.

Wie man Promis meistert (2)

Thomas Wyss am Samstag den 15. April 2017

Am letzten Samstag konnten wir ja trotz des weiten Umwegs über die frühere Fernsehsendung «Teleboy» imposant aufzeigen, dass heutige Zürcherinnen und Zürcher oft dramatisch überfordert sind, wenn sie unverhofft einem Star nahe kommen.

Als Beweis führten wir die grundsätzlich gut geerdete Frau F. (Name d. Red. bekannt) ins Feld, die in einem Zugabteil plötzlich vis-à-vis von Stephan Eicher landete – er ist im Genre «Schöne Chansons mit Tiefgang plus fast ausnahmslos geglückte Mani-Matter-Coverversionen» ihr grösster Heroe – und darob so sehr die Bodenhaftung verlor (sitzend!, und übrigens in der 2. Klasse, was wiederum zeigt, dass Eichers Bodenhaftung absolut intakt ist), dass sie einer Freundin eine «SOS!»-SMS zukommen lassen musste.

Diese schlug F. vor, sie solle doch Eichers Lied «Déjeuner en paix» summen (natürlich möglichst «gut», damit er tatsächlich eine Chance auf Wiedererkennung bekäme), also poetisch gesagt eine Brücke legen, auf der ihr Eicher mitsummend oder gar redend entgegenkommen könnte.

Der Schlusssatz des Beitrags versuchte dann den Cliffhanger, er lautete: «Warum der Rat doppelt bescheuert war, und wie man solche und ähnlich ‹heisse› Situationen souverän meistert – also Promibegegnungen unbeschadet übersteht –, lesen Sie am Ostersamstag». Das ist heute, genau. Damit sind wir jetzt buchstäblich up to date und können fortfahren. Und das tun wir mit der durchaus bemerkenswerten Bemerkung, dass man im Journalismus – anders als in der Literatur – ersten und letzten Sätzen nie zu viel Bedeutung beimessen sollte. Weil sie häufig mehr versprechen, als sie letztlich einzulösen vermögen. In unserem Fall ist das aber erfreulicherweise grad andersrum: Es wird nämlich noch viel besser, als wir (und Sie!) erwartet hätten!

Grund dafür ist der von uns hochgeschätzte Jack Stark. Wem der Name kein Begriff ist: In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1967 – vor präzis 50 Jahren! – führte Jack die Rolling-Stones-Member Mick Jagger und Brian Jones, die nach ihrem wilden Gig im Hallenstadion noch den Drang nach Party verspürten, zum Privatclub High-Life an der Lessingstrasse. Dort amtete der ältere Securitas Stöckli als Türsteher; die Stones kannte er nicht, doch er wusste, wie Anstand aussieht – weshalb er dem für seinen Geschmack viel zu exzentrischen Jüngling (also Jagger) den Eintritt verwehrte, die attraktive «Blondine» mit Federboa und Schlapphut (also Jones) jedoch passieren liess.

Der hübschen Episode kurzer Sinn: Dr. iur. Herbert «Jack» Stark, der damals als erster Schweizer People-Journalist und Promikenner wirkte, hat spontan zugesagt, uns zu berichten, mit welchen Tricks er sich die Jetsetter und Stars für ein offenes Gespräch oder Interview «gewogen» machte. Es sind wenige goldene Regeln, doch wer sie befolgt, kann jeden Promi meistern.

Dazu aber mehr nächste Woche in Teil 3, hier gibts jetzt die Auflösung des Rätsels, wieso der Rat der Freundin an Frau F. «doppelt bescheuert» war.

1. Eicher trug Kopfhörer, er hätte das Summen also gar nicht gehört.

2. Wenn schon summen, dann sicher keinen seiner Hits (das ist anbiedernd), sondern vielmehr eines der nach wie vor eher unbe- bis ver-kannten Stücke, beispielsweise «Ce soir (je bois)».

Wie man Promis meistert (Teil 1)

Thomas Wyss am Samstag den 8. April 2017

Damals, als die Welt noch friedlich und niedlich analog war, gab es im Schweizer Fernsehen eine Unterhaltungssendung namens «Teleboy». Sie war beliebt, und am 13. September 1975 war sie gar unfassbar beliebt – an jenem Samstagabend erreichte sie mit 2 073 000 Fraue und Manne nämlich die höchste je gemessene Zuschauerzahl in der Schweiz.

Diese Popularität kam natürlich nicht von ungefähr, sie hatte viel mit dem Pioniergeist des Machers und Moderators Kurt Felix zu tun. Durch die «versteckte Kamera» etablierte er eine national anerkannte Schadenfreude (wobei das Gipfelitunken und die «Söll emal cho!»-Episode längst in der Hall of Fame des Schweizer ­Humors verewigt wären, wenn es die gäbe). Mit dem in jeder Sendung herunterfallenden Kalenderblatt (bei der Bekanntgabe des Einsendeschlusses für die Zuschauerfrage) präsentierte er hierzulande den allerersten Running Gag. Zudem lancierte er Kliby & Caroline und brachte damit kleine Buben um den Schlaf, weil eine Geräusche machende oder gar sprechende Puppe – egal, wie beknackt sie aussieht –, etwas vom Gfüürchigsten ist, was man einem kleinen Buben vorsetzen kann (das hat angeblich mit der zweitletzten pränatalen Phase zu tun, genauer weiss ich es auch nicht, doch bei kleinen Mädchen ist das dezidiert anders, deshalb auch der in jeder Beziehung unheimliche Erfolg dieser schlimmen Kreatur namens Baby Annabell).

Genauso war das. Doch darum gehts eigentlich gar nicht. Nein, was mir neben der Caroline-bedingten Schlaf­losigkeit vom «Teleboy» blieb – mindestens erinnerungsschwadenhaft –, war diese eine Ausstrahlung im Winter, in der ein Mitspielerteam die Aufgabe erhielt, im Laufe der Livesendung in Zürich prominente Persönlichkeiten ausfindig zu machen. Also strebten die Suchenenden zur Kronenhalle beim Bellevue, wo sie dann, wenn ich mich recht entsinne, brav und schlotternd draussen warteten, bis die eine oder andere Bekanntheit aus dem fürstlichen Lokal heraustorkelte.

Was ich damit aufzeigen will: ­Damals war die Promidichte in Zürich geringer als die derzeitige Häuserdichte im Bleniotal. Und das lag primär an der Promiqualität; das VIP-Etikett wurde, ganz anders als heute, in jenen Tagen enorm selektiv verteilt, sogar vom «Blick» und von der «Schweizer Illustrierten».

All dies führt nun viele Jahrzehnte später zur verblüffenden Tatsache, dass selbst weltoffene junge Menschen heutzutage heillos überfordert sind, wenn sie mal einer genuin berühmten Persönlichkeit nahekommen.

Wie kürzlich Frau E. F. (Name d. Red. bekannt), die im Zugabteil plötzlich und unabsichtlich vis-à-vis von Stephan Eicher sass. Der – das ist eigentlich gut, war in jenem Moment aber blöd – zu ihren musikalischen Helden zählt. Weshalb E. F., sonst durchaus geerdet, völlig die Fasson verlor. Sollte sie spontan in Ohnmacht fallen? Einfach mal laut loskreischen? So lange erröten, bis er es bemerken würde? Sie schrieb einer Freundin ein «SOS!»-SMS und bekam als Antwort: «Summe sein Lied ‹Déjeuner en paix›!»

Warum der Rat doppelt bescheuert war und wie man solche und ähnlich «heisse» Situationen souverän meistert – also Promibegegnungen unbeschadet übersteht –, lesen Sie am Ostersamstag.

Hier gibts Lebensgefühle!

Thomas Wyss am Samstag den 1. April 2017

Kaum streckt uns der Frühling erste Knospen entgegen, kaum sehen die Bäume nicht mehr aus wie Magermodels, kaum fangen die Allergiker an zu keuchen und zu niesen, reden sie hier wieder alle und überall vom «neuen Lebensgefühl», das sie plötzlich spüren, angeblich sogar von früh bis spät, also vom Kaffee bis zum Koitus (wers glaubt, wird selig).

Und dieses neue Zürcher Lebens­gefühl, heisst es – auch da scheint man sich verblüffend einig – komme heuer aus Bern (was die einen hinter vor­gehaltener Hand mit «nöd guet, aber immer no besser als us em Ussland» ergänzen), nämlich von der Band Jeans for Jesus (die hysterische Fans bereits in «Jeans für alli!» umgetauft haben), konkret vom Stück «Wosch no chli blibä», das ebenso zum kollektiven Glückshüpfen animiere wie anno dazumal Pharell Williams’ «Happy».

Nun, wir von der städtischen Gebrauchsanleitung stehen der Sache, die irgendwie Hype und irgendwie Phänomen und irgendwie doch auch ziemlich irrelevant ist, etwas ratlos gegenüber.

Nichts gegen diese junge Band, die passt schon, wie die Kollegen von der Wiener Gebrauchsanleitung an dieser Stelle sagen täten. Doch unter dem Begriff Lebensgefühl verstehen wir Nachhaltigeres und Zeitloseres. Etwas, das zwar praktisch schon ewig existiert, das aber dank einem Kreativ­organismus, der sich quasi vorzu selbst bespringt und befruchtet und dabei Woche für Woche immense Ideen­mengen erzeugt, eben doch jedes Mal wieder einzigartig wirkt.

Wer nun gerade mitten in der Lektüre fast zu laut gerufen hat: «Hey, die meinen doch die Boschbar!», dem rufen wir anerkennend zu: «Aha, ein Habitué!» Wer die Boschbar nicht kennt – sie findet jeden Montagabend im Provitreff statt, kostet fünf Stutz und offeriert in der Regel irrwitzige Konzert- und trippige Disc-Jockey-Musik –, der soll die folgenden fünf Punkte bitte genau lesen – und genau befolgen.

1. Anders als in den bisherigen Beiträgen geht es das erste Mal nicht um die Frage, wie man sich verhalten soll, um nicht (oder mindestens nicht unangenehm) aufzufallen, nein: In der Boschbar sind «verhaltensauffällige» Menschen herzlich willkommen. Weil die Philosophie der Boschbar ähnlich ist wie die Philosophie von Lars von Triers Dogmafilm «Idioten»: Echte und falsche Hemmungen, Rollenzwänge, den inneren «Coolio» etc. deponiert man hier an der Garderobe.

2. Wer in der Boschbar tanzen will wie ein Hippie oder wie Kermit, tanzt wie ein Hippie oder wie Kermit. Wer laut ein Buch lesen will, liest laut ein Buch. Wer Bier mit Cola mischen will, sagt an der Bar, er wolle Bier mit Cola mischen. Wer weinen will, weint. Die Freiheit ist hier noch grenzenloser als über Reinhard Meys Wolken.

3. Dennoch gibt es Regeln. a) Wer am Töggelikasten fordert, muss das Spiel beherrschen. b) Beim DJ «Jeans für alli!» (oder sonst eine Lebens­gefühlsband) zu wünschen? Ein No-Go! c) Die Würde der Boschbar ist unantastbar (Aggressionen sind strikt tabu).

4. Nein, in diesem Artikel wurde weder geschrieben noch angedeutet, Boschbar-Besucher seien Idioten.

5. Nein, dies ist kein expliziter Aufruf für einen Besuch der Boschbar, es ist ein etwas anderer Erklärungsversuch für den Begriff «Lebensgefühl».

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 10. Februar 2017

«Ich hätte die Menüpreise in Zürich erhöht.»

Die Spitzenköchin Vreni Giger wirtet seit 100 Tagen im Zürcher Restaurant Rigiblick. Die Pionierin der regional-saisonalen Küche verlangt nicht mehr als zuvor im St. Galler Jägerblick – weil es der Zürcher Frauenverein so wünscht. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

«Mit Norah Jones haben wir einen Superstar verpflichtet»

Gute Nachricht für alle Musikfans: Das Zürcher Openair findet nach einer einjährigen Zwangspause wieder im Dolder statt. Der Veranstalter Hanswalter Huggler verrät, welche Stars auftreten. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Es war ein kleines Paradies.»

Keine Gnade: Dies ist die Geschichte vom Ende eines wunderschönen Gartens im Höngger Rütihof und vom hemdsärmeligen Vorgehen eines quartierbekannten ehemaligen Landwirts. Hobbygärtner Marcel Odermatt ist über dessen Zerstörungswut enttäuscht. (Foto: Marcel Odermatt) Zum Artikel

 

«Ich bin kein Promi.»

Keine Angst vor grossen Tönen: Die Zürcher Sängerin Anna Känzig ist für den Swiss Music Award 2017 nominiert und das gleich zweifach: «Best Female Solo Act» und «Best Breaking Act». Ihre natürlichre Bescheidenheit beeindruckt die Fans. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Jetzt bin ich zu alt dafür.»

Bei der Prominenten-Premiere des Musicals «Mary Poppins» haben sich diverse Politiker als Fans des Kindermädchens geoutet. Wie soll man das bloss deuten? Der Schauspieler Walter Andreas Müller hat sich jahrelang insgeheim auf die Rolle des Kaminfegers vorbereitet – doch es kam nie ein Anruf. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Unser Produkt ist tatsächlich eine Weltneuheit.»

Ihr Produkt ersetzt beinahe den Barkeeper. Eine Weltneuheit sei das, sagen die Zürcher Macher von Mikks. Wer Alkohol, Eis und ihre Geschmacksessenzen kräftig schüttelt, hat schon einen guten Cocktail geschaffen. (Foto: Raisa Durandi)

 

«Vor Gericht geht es um Details.»

Das Stadion Letzigrund zeigt exemplarisch, wie sich Rechtsstreitigkeiten im Zürcher Baugewerbe verändern. Am Ende trifft es auch den Steuerzahler. Jetzt sei harte juristische Knochenarbeit nötig, sagt Urs Spinner vom Hochbaudepartement. (Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

 

«Wir kämpfen, denn das darf nicht sein.»

Nach dem Umbau soll in der Tonhalle eine kleinere Orgel eingebaut werden. Gegen diese Pläne hagelt es Kritik aus dem In- und Ausland. Nun wollen Kulturschaffende wie der Organist Ulrich Meldau mit aller Kraft eine Verkleinerung des Instruments verhindern. (Foto: Timmy Stocker) Zum Artikel

 

«Ich gebe denen, die nichts haben.»

Sie kämpft seit zehn Jahren gegen die Verschwendung von Lebensmitteln und setzt sich für Bedürftige ein: Hélène Vuille heisst die Frau, über die ein neues Buch mit dem Titel «Die Brückenbauerin» erschienen ist. (Foto: Reto Oeschger)

 

«Es hilft nichts, betrunken zu sein»

Das Zürcher Literaturmuseum Strauhof widmet sich in seiner aktuellen Ausstellung den Rauschdichtern und Schreibbeamten. Max Frisch zum Beispiel wusste genau, was nicht hilft, wenn man mit dem Schreiben beginnen soll. (Foto: Keystone) Zum Artikel

 

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 9. Dezember 2016

«Es existieren zu viele
Weihnachtsmärkte in Zürich.»

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Wer die Wahl hat, hat die Qual, Sechseläutenplatz, Niederdorf, Hauptbahnhof: Wo es den günstigsten Glühwein gibt und warum das Geschäft harzig läuft. Für Schmuckdesignerin Helga Cortesi ist allerdings klar: Die Leute sind von den vielen Märken in Zürich übersättigt. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Es gibt immer mehr Leute, die im
persönlichen Kontakt hemmungslos sind.»

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Aggressive Kunden stellen das Verkaufspersonal vor Probleme. Gerade in der Vorweihnachtszeit ein aktuelles Thema. Laut Experten wird ruppiges Verhalten gesellschaftlich immer stärker akzeptiert. Man dürfe das Problem nicht unterschätzen, sagt der Arbeitspsychologe Markus Grutsch, Professor an der Hochschule für St. Gallen. (Foto: Tages Anzeiger) Zum Artikel

 

«Der Nachwuchs kann
die Lücken nicht füllen.»

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Die Zürcher Ärztegesellschaft will, dass die Gemeinden neu für die Organisation des Notfalldienstes zahlen. Um Druck aufzubauen, sollen Patientinnen politische Vorstösse einreichen, fordert der Zürcher Ärztepräsident Josef Widler. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Früher hatte ich wunderbare Träume.
Hier in Zürich sind es Alpträume.»

strahlen

Ein Zürcher Rentner ist schwer elektrosmogsensibel. Das Leiden hat ihn total einsam gemacht – und zu einem Solokämpfer wider Willen. Sein Fazit: Wer hypersensibel ist, muss sich sozial einschränken. (Foto: Ute Grabowski, Photonek.net) Zum Artikel

 

«Und nebenan ist ein Elfjähriger
untergebracht. Das geht nicht.»

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Die Kinder vom Notknast: Im provisorischen Polizeigefängnis sind auch Jugendliche inhaftiert, obwohl dies Haftgrundsätzen widerspricht. Minderjährige seien «dringend» anderswo unterzubringen, fordert Professor Alberto Achermann, Präsident der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Mir war nicht bewusst, was es heisst,
Mummenschanz zu beleuchten.»

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Eric Sauge ist bei Mummenschatz für die Lichttechnik verantwortlich. Mit seiner Arbeit trägt er massgeblich zum Erfolg der Theatergruppe bei. Mit ihr tourt er durch die ganze Welt. Er weiss: Das falsche Licht oder Licht aus dem falschen Winkel, kann das ganze Programm zerstören. (Foto: Doris Fanconi)

 

«Eine Haft kann Kinder zutiefst verängstigen.»

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Die Jugendpsychiaterin Fana Asefaw warnt davor, Minderjährige neben erwachsenen Delinquenten einzusperren, wie dies im provisorischen Polizeigefängnis auf der Kasernenwiese in Zürich gemacht wird. Die Massnahme sei nicht zielführend. (Foto: Daniel Kellenberger) Zum Artikel

 

«Ich tanze jeden Abend gegen Geld.»

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Paul Weilenmann, Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter Karl’s kühne Gassenschau, auf die Frage, wann er das letzte Mal getanzt habe. Seine Tanzkünste, sagt er, seien allerdings nicht besonders gut. (Foto: Dominique Meienberg)

 

«Amerika ist das Grösste. Wie ein Traum.»

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Moritz Schädler surft in wunderschönen Lo-Fi-Popsongs ganz knapp über der Realität. MoreEats, der Musiker mit Liechtensteiner Wurzeln, plant, das zu ändern: Irgendwann will er die Dinge beim Namen nennen. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Ich bekam für die CDs nicht nur Platz,
sondern auch Pralinés angeboten.»

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Via Tages Anzeiger hat Redaktorin Claudia Schmid vor ungefähr einem Monat ein neues Zuhause für ihre CD-Sammlung gesucht. Und staunte nicht schlecht: Nach dem Aufruf bekam sie 350 Mails. Ihre Musikträger verteilte sie schliesslich nach der Salamitaktik. Yarin, Student der Kunstgeschichte, vergrösserte dadurch seine noch kleine Sammlung mit Rap-Perlen. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Das Geld kommt.»

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Eigentlich hätte in Meilen der Steuerfuss erhöht werden sollen. Doch durch eine überraschende Äusserung von Roberto Martullo, dem Schwiegersohn von Alt-Bundesrat Christoph Blocher (SVP), kam es anders. Martullo kippte in Meilen eine Steuererhöhung mit einer Nachsteuerrechnung in Millionenhöhe, die es so nicht gibt. (Foto: Daniel Kellenberger) Zum Artikel

 

«Im Gottesdienst versuchen wir,
den Himmel auf Erden zu holen.»

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Die russisch-orthodoxe Auferstehungskirche hat gestern ihr 80-Jahr-Jubiläum gefeiert. Mit «Seiner Heiligkeit», dem Patriarchen Kyrill I. als Gast. Diakon Daniel Schärer war wegen den speziellen Gastes entsprechend nervös. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich war Blocher-Fan.»

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Christoph Burgherr war Unternehmer und strammer Konservativer. Dann ging er zu einem Informationsabend. Seither leitet er eine Laufgruppe von Flüchtlingen. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

«Ventil für Melancholie» – plaudern mit Anna Känzig

Réda El Arbi am Freitag den 23. Oktober 2015
Arbeit zahlt sich kreativ mehr aus als ein gebrochenes Herz oder Weltschmerz: Anna Känzig

Harte Arbeit zahlt sich kreativ mehr aus als ein gebrochenes Herz oder Weltschmerz: Anna Känzig

In unserer lockeren Serie «Plaudern mit …» treffen wir diese Woche die Zürcher Singer/Songwriterin Anna Känzig im Casablanca auf einen Kaffee. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich vor dem Interview kaum Musik von ihr kannte. Das ist aber meiner Ignoranz neuen Musikern gegenüber und nicht dem Bekanntheitsgrad der Musikerin geschuldet.

Nachdem ich jetzt ein wenig in deine Musik reingehört  hab, hätte ich eigentlich so ein verpeiltes Hippiehuscheli erwartet. Du erfüllst dieses Klischee überhaupt nicht.

Wahrscheinlich haben viele dieses Bild, da doch einige meiner bisherigen Stücke eher verträumt sind. Und, was man auch sagen muss, Hippihuschelis haben nicht selten einen Sinn für Mode, der mir durchaus zusagt. Vielleicht gibt es drum auch das eine oder andere Bild von mir, bei dem sich das Accessoire eines Blumenmädchens in meine Garderobe schlich. Verpeilt bin ich nur, wenn zu viel los ist und ich gestresst bin. Im Alltag bin ich aber eigentlich ziemlich bodenständig, auch wenn eine verträumte Seite durchaus nicht zu leugnen ist. Meine Eltern konnten mich schon als Kleinkind in eine Ecke setzen und ich starrte da einfach ein bisschen in die Luft und träumte herum.

Auf dem Weg hierher, vorbei an buntem Herbstlaub und goldenem Licht, empfand ich deine beiden bisherigen Alben als idealen Soundtrack für den Herbst. Bist du ein melancholischer Mensch?

Auch, aber nicht nur. Ein Schuss Melancholie verleiht dem Alltag eine gewisse bittere Süsse, die mir sehr gefällt. Die Musik hilft mir, gewisse Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten. Sie ist manchmal eine Art Ventil für meine Melancholie. So bleibt dann für den Rest des Lebens mehr Platz für Fröhlichkeit.

Bist du eine dieser Künstlerinnen, die denken, dass persönliches Leiden und Drama notwendig sind, um kreativ zu sein?

Wo kein Drama ist, fange ich mit Sicherheit keins an. Ich könnte sehr gut ohne Leiden leben, aber kein Leben ist ja gänzlich frei davon. Je älter ich werde, umso mehr mache ich die Erfahrung, dass man auch sehr gut abliefern kann, wenn man nicht gerade an Herz- oder Weltschmerz leidet. Eine gewisse handwerkliche Sicherheit, ein professionelles Team und sehr viel harte Arbeit garantieren mit Sicherheit eher ein gutes Album als eine frisch zerbrochene Liebe.

Du bist jetzt Dreissig, warst für dein neues Album ein Jahr im Studio, bist bei einem Major Label unter Vertrag und schreibst deine Songs nicht mehr alleine. Ist das der Wechsel vom Mädchen mit der Gitarre zur erwachsenen Profimusikerin?

Nein, das war ich schon vorher. Aber ich will mich ja auch weiterentwickeln, neue Einflüsse aufnehmen, mich inspirieren lassen. Deshalb arbeite ich auch mit einem Freund gemeinsam an den Songs. Sony als Label ist praktisch, weil sie mir sehr viel Arbeit abnehmen und ich mich so noch mehr dem Musikmachen widmen darf.

Dein neues Album soll ja ganz neue Elemente enthalten. Es soll elektronischer, eben weniger Hippiemeitli, sein.

Ganz neu wohl kaum. Für mich ist es sogar auch fast ein bisschen «back to the roots»: weniger Instrumente, alles etwas reduzierter, dafür mehr Stimme. Bevor ich meine beiden Soloalben veröffentlichte, machte ich mit einer Band Triphop. Das spürt man im neuen Album wieder stärker. Am 6. November erscheint Drive All Night, die erste Single des neuen Albums, da kann man sich dann einen ersten Eindruck vom neuen Material machen. Und im Februar nächsten Jahres kommt dann eeendlich das Album, ich kann es kaum erwarten.

Wie wird man eigentlich Berufsmusikerin? Träumt man von der Bühne, wenn andere Mädchen Tierärztin werden wollen?

Bei uns im Haus gingen seit meiner frühesten Kindheit Musiker und Künstler ein und aus. Musik war ein Teil des Alltags. Da hats mich dann wohl einfach erwischt. Ich lernte früh verschiedene Instrumente, nahm später Gesangsunterricht und entschied mich für ein Studium an der Jazzschule.

Deine Eltern stehen voll hinter dir? Kein «Meitli, zerscht muesch öppis aständigs lehre, KV oder so.»

Meine Eltern sind jetzt auch nicht unbedingt die klassischen KV-Typen. Ich glaub aber schon, dass sie erleichtert waren, als ich ans Jazz-Konsi ging. Es ist noch immer Musik, aber wenigstens eine bodenständige Ausbildung mit einem eidgenössischen Abschluss.

Und jetzt voll Sex, Drugs & Rock’n’Roll? Im Kreis 4 in Züri mit Groupies abfeiern?

Keine Groupies, nein. Höchstens mal ein Facebook-Stalker und den lösch ich lieber, als dass ich mit ihm feier. Klar gehe ich gerne mal aus, aber mein Leben verläuft eigentlich in ziemlich geordneten Bahnen, wenn man davon absieht, dass ich meist bis um 11 Uhr im Bett bleiben darf, meine Arbeit dafür aber oft bis in die Nacht geht. Ich freue mich aber auch wieder auf das Touren, weil da wieder etwas mehr Action reinkommt. Jede Nacht eine andere Stadt, mit einer Clique reisen, intensive Zusammenarbeit, exzessive Augenblicke.

Und kannst du jetzt von der Musik leben?

Von der Musik schon, aber nicht von meiner allein. Ich unterrichte noch Gesang. Das macht aber auch sehr viel Spass, weil man Menschen, die singen wollen, Stufe für Stufe näher an ihre Möglichkeiten bringen kann. Das lieb ich sehr.

Apropos Liebe …

Haa. Vergiss es.

Ou Gopf, taminomal …

Also gut. Nur so viel: Als Musikerin bin ich viel unterwegs, und wenn nicht, brauche ich sehr oft Zeit, um intensiv an meiner Musik zu arbeiten. Das ist vielleicht von manchen Partnern zu viel verlangt. Andere können sehr gut damit leben.

Und das heisst? Single oder nicht?

Glücklich! Reicht das als Auskunft?

Anna Känzig: Folk & Melancholie, genau richtig für den Herbst

Das Herz auf der Zunge – plaudern mit Emel

Réda El Arbi am Freitag den 3. Juli 2015
Emel: «Ich funktioniere akustisch, nicht visuell.» - Stadtblog: «Du funktionierst auch visuell, ehrewort.»

Emel: «Ich funktioniere akustisch, nicht visuell.» – Stadtblog: «Du funktionierst auch visuell, ehrewort.»

Diese Woche haben wir die Musikerin und Sängerin Emel Aykanat für ein Plauderstündchen in unserer Smalltalk-Serie getroffen. Eigentlich wollte sie mich in die Ambossrampe bestellen, während ihre Tochter gerade Yoga-Stunde nahm. «Ou», dachte ich, «echte Zürcher Hippiekacke.» Aber die Ambossrampe hatte geschlossen und das Kinderyoga stellte sich dann als ganz normale Turn- und Spielstunde heraus. Also alles ganz normal. Wir setzten uns dann ein paar Meter weiter ins Café Noir, wo man Emel zu kennen scheint. Bei Café und Zigaretten plauderten wir, bis die Spielstunde zu Ende war.

So, ich schalte jetzt das Aufnahmegerät ein.

Ah, dann muss ich ab jetzt aufpassen. was ich sage.

Wieso? Ich hab mir immer gedacht, dass du auch in den Medien erfrischend offen und direkt bist.

Ja, bin ich eigentlich schon. Obwohl gerade von den Medien dann Vieles aufgebauscht wird.

Du sprichst auf deinen Facebook-Post an, indem du klar gestellt hast, dass dich DJ Bobos Produzent damals nicht vor einer Disco aufgegabelt und dir eine Chance zum Singen gegeben hat? Das gab ja gleich eine Boulevard-Geschichte.

Ja, zum Beispiel. Früher wär mir so eine Aussage vielleicht egal gewesen. Aber ich will nicht, dass meine Tochter denkt, ihr Mami sei vor irgendwelchen Clubs rumgegammelt und habe auf eine Chance gewartet. Im echten Leben steckt Arbeit und Leidenschaft hinter dem Erfolg. So war ich damals, mit 16, im Studio und hab an meinen eigenen Songs getüftelt, als mich Bobos Produzent fragte, ob ich nicht ein paar Zeilen einsingen könnte. Aber das konnte ich ja dann mit Herrn Baumann (für unsere Leser: DJ Bobo) klären und er hat sich dann öffentlich entschuldigt und korrigiert.

Dann gabs da noch die Geschichte mit Stress, der den französischen Comedian Dieudonné lobte. Da hast du auch ziemlich Klartext geredet.

Das war auch wichtig. Dieudonné transportiert antisemitische und antifreiheitliche Inhalte und spricht damit vorallem junge Muslime an. Wenn dann ein Star wie Stress mitklatscht, muss ich gerade als Muslima mein Maul aufreissen. Denn erstens finde ich es nicht gut, dass Dieudonne, der Katholik und enger Freund des Rechtsradikalen Jean Marie Le Pen ist, meinen Brüdern irgendwelche Kacke erzählt. Und zweitens gilt für mich: Entweder man ist gegen Rassismus und Diskriminierung – dann bitte auch gegen alle Formen davon – oder eben nicht.

Du bist Muslima. Machst du Ramadan?

Nein, also nicht durchgehend. Ich nehm immer mal wieder einen Tag Auszeit, um mich zu reinigen und mental und spirituell zur Ruhe zu kommen. Der Islam ist eher das kulturelle Umfeld, in dem ich die Grundwerte vermittelt bekommen habe. Die Grundwerte unterscheiden sich übrigens nicht von denen der Christen oder Buddhisten: Sei kein Arschloch, kümmere dich um deine Mitmenschen, strebe das Gute an.

Auf deinen Plattencovern ist oft viel Haut zu sehen, zum Beispiel auf deinem ersten Album. Wie hat dein türkisches Umfeld darauf reagiert?

Haha, das Schweizer Fernsehen hat damals meinen Vater interviewt und extra das Cover mitgenommen, um ihm meinen Brustansatz auf dem Bild zu zeigen. Er hat sich das mit gerunzelten Brauen angesehen und gemeint. «Das ist nicht meine Tochter.» Erwartungsvolles Schweigen. «Da sieht sie viel zu schwach aus. Aber meine Tochter ist stark.» Er drehte das Cover um und zeigte auf ein Bild, auf dem ich viel selbstbewusster wirkte und meinte: «DAS ist meine Tochter.»

Sehr schöne Geschichte. Wie ist das als attraktive Frau, wurdest du nicht oft auf dein Äusseres reduziert im Musikbusiness?

Vielleicht manchmal, aber im Musikbusiness geht es glücklicherweise in erster Linie um Musik. In New York wollten mir die Produzenten immer erst irgendwelchen Mist, den sie gerade noch so rumliegen hatten, zum Singen geben. Erst als ich ihnen meine eigenen Songs präsentierte, konnten wir beginnen richtig zu arbeiten. Es ist wie zu Beginn gesagt: Musik war immer meine Leidenschaft. Und so hab ich von Kind auf sehr viel Arbeit in die Musik gesteckt. Das zahlt sich aus.

Naja, Talent ist dazu aber auch notwendig. Du hast jetzt eine ruhige Phase hinter dir. Was kommt als Nächstes?

Ja, musikalisch wars eher ruhig. Ich hab meine Tochter bekommen, wollte mich ihr widmen, ihr auch etwas von der Welt zeigen, bevor sie in die Schule eingebunden ist. Aber ich hab schon dauernd Musik in meinem Leben. Zum Beispiel wollte ich die Geburt meiner Tochter in einem Song verarbeiten. Aber das Ereignis war zu gross, zu wundervoll, um es in einen Song packen zu können. Zur Zeit bereite ich neue Songs vor, gemeinsam mit dem grossartigen Percussionisten Rhani Krija, der auch mit Sting arbeitet. Ich will etwas von diesen arabischen Elementen darin unterbringen. Das ist gerade ein Einfluss in meinem Leben.

Wie kommts?

Ich habe den arabischen Frühling verfolgt, dann die daraus entstehenden Flüchtlingskatastrophen, Lampedusa, Mittelmeer, die ganze Qual. Ich wollte etwas tun. Also nicht nur einen Song darüber schreiben. Also informierte ich mich und fand heraus, dass man bei der Organisation TransFair in Zürich freiwillig Deutsch für Flüchtlinge unterrichten kann. (Hier mehr, wer sich auch engagieren will! TransFair) Damit begann für mich ein neuer Einblick in fremde Welten. Daraus folgend nahm ich an einem Begleitungsprogramm teil, mit dem Flüchtlinge in der Schweiz integriert werden sollen. Seither treffe ich mich regelmässig mit einem syrischen Flüchtling, gehe Kaffee trinken und zeige ihm die Kultur, in der er jetzt lebt. Umgekehrt bekomme ich einen Einblick in seine Kultur und entwickle ein Verständnis für die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten.

Dann bleibt ja noch dein Privatleben. Wie siehts in der Partnerschaft mit XXXXX aus?

Dazu gebe ich besser keine Kommentare in der Öffentlichkeit ab. Es ist kompliziert – wie immer.

Ou, gopf.

Hier schalte ich das Aufnahmegerät ab, und wir unterhalten uns über ihre Beziehungen, meine Schwester, Mallorca, Besuche von Freunden zum Essen und andere Dinge, die ihr, liebe Leser, gar nicht wissen wollt. Ehrlich.

Wir fordern ÖV-DJs!

Réda El Arbi am Mittwoch den 8. April 2015
Viele Leute würde auf einen ÖV mit Soundtrack umsteigen. Ehrenwort!

Viele Leute würden auf einen ÖV mit Soundtrack umsteigen. Ehrenwort! (Bild: westnetz.ch)

Mit Erschrecken habe ich letzthin lesen müssen, dass den Zürcher Busfahrern das Radiohören verboten ist. Sie könnten damit die Fahrgäste stören. In anderen Gegenden (wie Winterthur) dürfen die Chauffeure leise Musik hören.

Ich weiss jetzt aber wirklich nicht, was besser für die Verkehrssicherheit und für das Wohlbefinden von Fahrer und Passagieren ist – wenn den Busfahrern Musik verboten ist, oder wenn die Busfahrer dauernd Werbejingles und langweiliges Gelabber der jeweiligen Lokalradios hören.

Grundsätzlich denken wir vom Stadtblog, dass es den Tram-, Zug-, und Busführern im ganzen Gebiet des ZVV gestattet werden sollte, ihre eigenen Playlists zusammenzustellen und über die Lautsprecheranlage laufen zu lassen. Das würde die Atmosphäre im ÖV mit Sicherheit entspannen.

Stellwerkstörungen und Wartezeiten liessen sich sicher besser überstehen, wenn man zu Stones «2000 Lightyears From Home» herumträumen kann. In den ersten Bus- und Tramfahrten morgens wären nicht so viele griesgrämge Gesichter zu sehen, wenn Seeeds «Aufstehn» aus den Boxen schallt.

Ausserdem wirkt Elvis Presleys «In The Ghetto» aufmunternd, wenn man den 31er über die Langstrasse bis nach Altstetten nimmt. In Altstetten könnte man dann Police’s «Roxanne! You dont have to but on the red light!» mitsummen, wenn man an den Strichboxen vorbeifährt. Auch wäre es sicher lustig, wenn der 4er am Sonntagmorgen völlig zugedröhnte Partybesucher mit Helene Fischers «Atemlos durch die Nacht» vom Escher-Wyss-Platz zum HB bringt. Eine Art nachträgliche Drogenprävention.

Auch ist der Dichtestress in der S12 erträglicher, wenn wir Stings «Don’t stand so close to me» hören könnten. «Window Shopper» von 50 Cent würde uns am Monatsende durch die Bahnhofstrasse tragen, ohne dass wir frustriert sind. Und wer auf den Bus rennen muss, kommt bei «Stop That Train» von Clint Eastwood & General Saint wieder zu Atem, wenn er sich auf den Sitz fallen lässt.

Auch für die Öffentlichkeitsarbeit des Öffentlichen Verkehrs wäre was gemacht. Die FahrzeuglenkerInnen könnten wie Trucker ein Schild mit ihren Namen – DJ Frau Henggeler oder MC Herr Bieli – vorne ins Fenster stellen. So würden sich vielleicht auch Passagere zu Stosszeiten besser verteilen: «Nei, chumm, mir wartet no eine, das da isch de DJ Rudisüli, de macht Metal. Im Nächschte fahrt DJane Anderegger, die hät meh Electro und so.»

Grundsätzlich täte einer so hektischen und geordneten Stadt wie Zürich Musik im ÖV gut. Deshalb unsere Bitte an die Verantwortlichen bei ZVV und VBZ:

Let the music play!

Clubben mit Senioren

Alex Flach am Montag den 16. März 2015
Hätten wir mit unseren Eltern die Wochenenden durchfeiern wollen?

Hätten wir mit unseren Eltern die Wochenenden durchfeiern wollen?

«Wer älter ist als dreissig Jahre, hat in einem Club nichts zu suchen» – noch Anfang der 90er Jahre hatte diese Regel durchaus Gültigkeit: Wer die eigenen roaring Twenties gut erkennbar hinter sich gelassen hatte, erntete damals im Kaufleuten oder im Gothic mitfühlende Blicke, geknüpft an die unausgesprochene Aufforderung, sich doch bitte nach einem zeugungsfähigen Partner zur Familiengründung und einem passenden Reiheneinfamilienhaus umzuschauen. Auch wenn die Clubbesitzer wie Freddy Müller oder Jean-Pierre Grätzer bereits damals einer älteren Generation angehörten, ihre Gäste waren zumeist knallgrün hinter den Ohren.

Heute streben die Clubs ein Publikum an, dessen Durchschnittsalter weit über jenem zu Zeiten der ersten Street Parades liegt. Dies gilt nicht nur für Lokale mit Ü30-, Ü40- oder ähnlich anrührigen Partylabels für graue Panther im Programm, sondern auch und vor allem für elektronische Clubs, die oft keine Gäste unter 21 Jahren einlassen. Dies bedeutet aber nicht, dass man mit 21 bereits das Wunschalter der Clubchefs erreicht hat: Wer die Tanzfläche voller 21jähriger hat, muss sich heutzutage die Frage gefallen lassen, ob er nicht doch lieber eine Kindertagesstätte eröffnen möchte.

Waren es früher die älteren Semester die despektierliche Blicke ernteten, sind es heute vor allem die jungen Clubgäste, die sich bisweilen unerwünscht fühlen.

Mit dem Techno-Boom Anfang der 90er und dem Fall des alten Wirtegesetzes ein paar Jahre später wurde das Nachtleben vom Betätigungsfeld einiger weniger Exoten zu einer rasant wachsenden Branche mit vielen neuen Stellen, die nicht selten noch immer von denselben Leuten besetzt werden wie damals. Aus einigen ehemaligen Partyveranstaltern wurden zwar zwischenzeitlich Clubbesitzer, aber über den Daumen gepeilt wird das Zürcher Nachtleben von Leuten betrieben, die sich seit zehn Jahren und länger in diesem Umfeld betätigen. Da sich nun niemand gerne im eigenen Geschäft wie ein Greis fühlt, versuchen die Gastgeber das Alter ihrer Gäste dem eigenen häufig anzugleichen.

Dazu gesellt sich das Phänomen der Ewigjugendlichen: 40jährige wohnen heute in WGs und gehen lieber mit Freunden feiern als mit dem Nachwuchs spazieren. Aber selbst Kinder sind längst kein Grund mehr, sich nicht die eine oder andere Nacht in den Clubs um die Ohren zu schlagen – wozu gibt es denn Grosseltern, wenn nicht aus Gründen der Enkel-Betreuung?

Clubbing ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten vom exklusiven Vorrecht Zwanzigjähriger zu einem festen Teil der Freizeitgestaltung mehrerer Generationen geworden. Noch gibt es Ü16-Partys die einem Publikum zwischen 16 und 20 Jahren vorbehalten sind und Ü40-Partys, an denen niemand tanzen darf, der in seinem Sportverein noch nicht zu den Senioren zählt. In vielen elektronischen Clubs jedoch feiern die Generationen miteinander. Vielleicht wird diese Entwicklung künftig gar zur Lösung des Kommunikationsproblems zwischen Jugendlichen und Betagten, die sich wohl bald über die neusten Veröffentlichungen von elektronischen Musiklabels wie Stil vor Talent oder Innervisions unterhalten können.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.