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Drogen, Korruption und ein schwarzer Plot

Réda El Arbi am Dienstag den 1. April 2014
Er befasst sich auch in der Freizeit mit Drogen, Korruption und Gewalt.

Er befasst sich auch in der Freizeit mit Drogen, Korruption und Gewalt: Michael Herzig. Bild: Pino Ala, Zürich

Fixerstübli, Waffengewalt und die Strichboxen in Altstetten gehören zum Arbeitsfeld von Michael Herzig. Er war jahrelang Drogenbeauftragter der Stadt Zürich und ist jetzt Vize-Chef der Sozialen Einrichtungen der Stadt. Mit was beschäftigt sich der Kader-Sozialarbeiter in seiner Freizeit? Genau: Mit Drogen, Gewalt und Polizeikorruption – in Buchform. Michael Herzig veröffentlichte diese Woche seinen neuen Züri-Krimi um die hartgesottene Polizistin  Johanna di Napoli. Wir sprachen mit ihm über die dunkle Seite der Limmatstadt.

Michael, du schreibst «Hard Boiled»-Krimis im klassischen US-Stil, die aber hauptsächlich in Zürich spielen. Ist der harte Macker, in diesem Fall die harte Polizistin, in der Schweiz des Polizisten Wäckerli und des Wachmeister Studers glaubwürdig?

Klar, die Figuren sind ja nicht einfach hart und böse, sondern machen eine Entwicklung durch, die dem Leser glaubwürdig verständlich machen soll, wie auch hier Menschen verhärten können. Natürlich ist es überzeichnet, wie ja auch die harten Bullen in der US-Krimis nicht wirkliche Menschen sind.

Wenn die Lebensumstände in L. A. oder New York einen Polizisten korrupt und gewalttätig werden lassen, leuchtet das ein. Aber am Zürisee?

Wir müssen nicht lange zurückschauen, um eine kriminell einzigartige Situation in der Stadt zu finden. Im Sumpf der grossen Drogenszene in den Neunzigern, am Letten und am Platzspitz, waren die Voraussetzungen durchaus gegeben, um einen halbwegs anständigen Polizisten in Versuchung zu führen. Deshalb hab ich die Wurzeln meiner beiden Bösewichte in dieser Zeit angesiedelt.

Damals, vor allem am Letten, standen die Polizisten an vorderster Front in einem Krieg der Schweiz gegen die eigene Jugend. Überlastet und hilflos mussten sie zusehen, wie Dealer, die sie am Tag zuvor verhaftet hatten, bereits wieder Geld machten. Weil dem Suchtproblem mit repressiven Mitteln nicht beizukommen war, bestand eine Hauptaufgabe der Polizisten damals darin, den Handel zu stören, also Geld und Drogen aus dem Verkehr zu ziehen. Bunker mit packweise Heroin und bündelweise Geld zu finden und zu beschlagnahmen, kann schon eine Versuchung sein, etwas in die eigene Tasche zu stecken. Gerade wenn man von der Situation bereits frustriert und zynisch geworden ist.

Als Drogenbeauftragter der Stadt Zürich hattest du in den letzten sechzehn Jahren Einblick in die Mechanismen der Drogenkriminalität und der Polizeiarbeit in diesem Bereich. Sind deine Figuren der Realität entnommen?

Nein, meine Figuren sind frei erfunden. Um ihnen jedoch die Glaubwürdigkeit einzuhauchen, die sie benötigen, verwende ich die eine oder andere Geschichte, die ich während meiner Arbeit miterlebt oder gehört habe.

Die Stadtpolizisten in deinem Krimi werden am Letten/Platzspitz erst korrupt, danach wechseln sie die Seiten komplett und erscheinen in der Gegenwart als richtige Verbrecher. Machst du dir mit diesem Bild von der Stapo nicht Feinde unter den Leuten, mit denen du beruflich noch zusammenarbeiten musst?

Nein, ich denke nicht. Die Stadtpolizisten, von denen ich einige sehr gut kenne, können das einordnen. Sie sind die Ersten, die zugeben, dass die Situation in der offenen Drogenszene damals auch für Polizisten die Hölle war und dass der eine oder andere daran zerbrach und seine moralische Orientierung verlor. Aber genau deshalb ist heute auch die Situation bei der Stapo eine andere. Zum Beispiel gehört das Kennenlernen von Einrichtungen der Drogenhilfe wie z.B. der Fixerstübli zur Ausbildung bei der Stadtpolizei. Die Ideologien der 70er, 80er und 90er Jahre sind einem nützlichen Pragmatismus gewichen. Alle Beteiligten legen mehr Wert darauf, Probleme zu lösen, als sie niederzuschlagen. Man erwartet von den Polizisten, dass sie die Problematik verstehen, der sie täglich begegnen.

Ist die Situation denn nun wirklich besser? Erst gerade hatten wir den Fall «Chilli’s», bei dem sich Polizisten von Milieu-Figuren bestechen liessen.

Ja, ich denke wirklich, dass die Situation besser geworden ist. Man siehts gerade am Fall «Chilli’s». Die Verantwortlichen gingen so schnell und so hart gegen die eigenen Leute vor, wie es früher kaum der Fall gewesen wäre. Damals hätte man das wohl eher intern erledigt und den Ruf des Corps und die Kollegialität hätten Vorrang gehabt.

Hast du nicht genug Einsicht ins Elend in den letzten Jahren als Verantwortlicher für Drogenhilfe, Prostitution und die damit zusammenhängende Kriminalität, musst du auch noch in deiner Freizeit darüber schreiben?

Ich schreibe schon seit ich ein kleiner Junge bin. Schreiben ist, neben Musik (er spielt in der Punkband «The Goodbye Johnnys») die Leidenschaft in meinem Leben. Für mich ist es nur natürlich, dass ich die Fiktion in Aspekte meiner Realität einbette.

Aber es stimmt schon, meine Haut war früher dicker, die Realität, gerade in der Arbeit mit der Strassenprostitution, kann sehr zermürbend sein. Die Hoffnungslosigkeit und das Elend in diesem Milieu muss man ertragen können. Aber während ich mich dem in der Realität stellen muss, kann ich in den Büchern das Ende selbst vorgeben.

Zum Buch

Cover HerzigJohanna di Napoli versucht, ihr Leben in den Griff zu kriegen, mit ihrer ersten stabilen Beziehung seit langem zurechtzukommen, ihren Alkohol- und Tabakkonsum zu reduzieren und sich in ihrem Job als Revierdetektivin bei der Stadtpolizei Zürich nicht mit zu vielen Vorgesetzten gleichzeitig anzulegen. Dann wird sie für einen verdeckten Einsatz nach Deutschland geschickt. Ausgerechnet di Napoli soll einem im Rockermilieu ermittelnden Beamten als Rockerbraut zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen. Der Einsatz endet in einem Fiasko, und Johanna erkennt, dass die heiße Spur in dieser Ermittlung direkt zurück in die Schweiz und in eine unrühmliche Episode der Geschichte der Stadtpolizei Zürich führt. Erschienen im Grafit Verlag Dortmund.

Zürich – Berlin retour

Réda El Arbi am Montag den 10. März 2014
Pony Hü aka Sarah Bischof taucht in Berlin ein bis sie in Zürich wieder Luft holt.

Pony Hü aka Sarah Bischof taucht in Berlin ein – bis sie in Zürich wieder Luft holt.

Berlin ist die grosse Schwester Zürichs – attraktiv, aber etwas dicker, etwas verlebter und etwas verzweifelter – und es besteht eine tiefe Geschwisterliebe zwischen den Städten. So leben viele Berliner in Zürich, und im Verhältnis leben noch mehr Zürcher in Berlin. Vor allem Leute aus den verschiedensten kreativen Berufen fühlen sich beiden Städten verbunden. Zum Beispiel die junge Videobloggerin und Journalistin Sarah Bischof aka Pony Hü. «Berlin ist spontan, die Leute sind begeisterungsfähig. Kreative Projekte entstehen nachts an der Party, werden nachmittags geplant und sind abends umgesetzt. Die Leute sind weniger in sozialen Zwängen eingepfercht», erklärt die 27-Jährige.

Vielen Zürchern schläft das Gesicht ein, wenn sie «Berlin», «kreativ» und «Projekt» in einem Satz hören. Zu viele Grafiker, Schauspielerinnen und Autoren hat man nach Berlin ziehen sehen, ins kreative Mekka der deutschsprachigen Welt, wo es «inspirierender» und «irgendwie freier und so» sei. Ein besserer Nährboden für Kunst und Geist. Reihenweise kamen sie nach zwei Jahren zurück in den wirtschaftlich sicheren Hafen Zürichs. Und genau da liegt nach Sarah Bischof des Pudels Kern: «In Berlin haben die Leute oft kein Geld. Sie müssen ihre Träume oft improvisiert und einfallsreicher umsetzen. So entsteht Kreativität. Nicht umsonst heisst es ‹Not macht erfinderisch›. Enthusiasmus ersetzt Planung», sagt Pony Hü.

Wirtschaftlicher Erfolgsdruck fällt von vornherein weg, da die wenigsten eine wirkliche Chance auf ein von Kunst oder Kultur finanziertes Leben sehen. So machen Berliner ihre Projekte oft aus reinem Selbstzweck. Das kann für Zürcher, deren Ziel es ist, sich auch wirtschaftlich irgendwann im kreativen Segment zu behaupten, frustrierend sein.

Eine grosse Rote Fabrik

Aber es ist nicht nur die Spontanität und der grössere Schmelztiegel an Ideen, die Kreative aus Zürich nach Berlin zieht. Es ist auch die Atmosphäre. Ganze Stadtteile sind überzogen mit vollgesprayten Backsteinbauten voller billigem Wohnraum und Ateliers, die industriellen Charme versprühen. Ein bisschen so, als hätte man die Rote Fabrik geklont, zerschnitten und grosszügig über ganze Strassenzüge verteilt. Es zeigt ein buntes, heruntergekommenes Statement des alten Berlin zwischen Baustellen und den protzigen Neubauten, die sich wie dickes Make-up über das pockennarbige Gesicht der geschichtsträchtigen Stadt ziehen. In diesen pittoresken Nischen treffen Kreativität und Gestaltungsmöglichkeit aufeinander. In den Stadtteilen bilden sich fast schon dörfliche Gemeinschaften, in die man aus Zürcher Sicht ungewohnt schnell hineinwachsen kann. Natürlich gibts in Berlin auch jede Menge Szene und Hipster, aber die Attitüde der Ausgrenzung und der Elite scheint weniger stark.

Man kann auch gut in Berlin leben, solange man noch etwas Geld in Zürich verdient.

Man kann auch gut in Berlin leben, solange man noch etwas Geld in Zürich verdient.

Sarah ist nicht naiv: «So begeisterungsfähig die Leute sind, so oft verpufft die Energie innert Tagen. In Zürich ist man besser organisiert. Man plant auf längere Zeit und immer auch mit einem Auge auf Erfolg. Und man kann sich auf die Leute verlassen.» So organisiert sich die junge Videokünstlerin zwischen Zürich und Berlin. Sie lebt in einer Hausgemeinschaft im Kreis 4, arbeitet als freischaffende Moderatorin, Barkeeperin im Hive und daneben an ihren Filmprojekten. Und alle paar Wochen taucht sie ab in den kreativen Sumpf der Metropole Berlin, um mit neuer Inspiration und Ideen zurück nach Hause zu kommen.

Viele ehrgeizige Berliner machen es umgekehrt. So Andreas Vogel (32), ein in Zürich lebender Berliner Künstler und Architekt: «Ich liebe die Ernsthaftigkeit, die man hier in Zürich auch kleinen Projekten entgegenbringt. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass es hier nur wenige der riesigen Prestigeprojekte gibt.» Mühe hatte er im Umgangston: Während Zürchern von den restlichen Schweizern oft Arroganz nachgesagt wird, findet der Exilberliner Vogel seine Zürcher Kollegen «zurückhaltend bis zur Unverständlichkeit». In Berlin herrsche immer klare Ansage, während er hier die Befindlichkeiten zwischen den Zeilen lesen müsse. Aber das nehme er gerne in Kauf, habe es sich sogar selbst schon angewöhnt.

Vorbild der grossen Schwester

Immerhin lebt Andreas seit knapp zehn Jahren an der Limmat. Was er in Zürich vermisst, sind kreative Initialzündungen. «Die meisten neuen Ideen, die hier umgesetzt werden, hat man bereits zwei Jahre zuvor in Berlin gesehen.» Was im Bereich Technologie in Zürich hervorragend funktioniere, nämlich die Entwicklung von Innovationen, sei im Bereich Kunst und Kultur nicht im selben Masse möglich. Vielleicht zeige sich da wieder der Einfluss der grossen Schwester. Wie immer haben die älteren Geschwister eine Vorbildfunktion. So gilt es in Zürich als massgebend, was in Berlin abgeht, während Berlin eher nach New York und London schielt.

Dass Zürich und Berlin sich so ähnlich und doch so unterschiedlich sind, hat auch einen geschichtlichen Hintergrund. Bereits 1916 befruchteten sich Zürich und Berlin gegenseitig bei der Gründung der Dada-Bewegung im ersten Cabaret Voltaire, die später mit der Dada-Ausstellung in Berlin an die breitere Öffentlichkeit trat. Während sich aber Berlin in der Nachkriegszeit zu einem Bollwerk der westlichen Lebensfreude mitten in der DDR behaupten musste und schliesslich mit der 68er-Bewegung den Nachkriegsmief endgültig abschüttelte, verfiel Zürich in einen kulturellen Winterschlaf, aus dem es mit den Globuskrawallen 1968 kurz aufgerüttelt wurde und dann erst mit den 80er-Unruhen wieder richtig erwachte.

Die jetzige Nähe zueinander haben die beiden Städte aber sicher der Techno-Bewegung der 90er-Jahre zu verdanken. Die beiden Grossanlässe Love-Parade und Street-Parade förderten die Verbindung der Städte, und viele Raver der ersten Stunde fanden ihre Bestimmung in der kreativen Szene und in der Kunst. Es ist bis heute so, dass die Berliner und die Zürcher Clubszene die kreative Arbeit der Städte befruchten.

Trotz der Nähe: Aus einem Berliner wird niemals ein Zürcher. Und aus einem Zürcher niemals ein Berliner. Ein Zürcher wird sich wohl auf eine Affaire mit der grösseren Schwester im Norden einlassen, heiraten aber wird er die adrette kleine Schönheit an der Limmat.

Auch nicht ganz am Thema vorbei: De Roni

Selbstzensur: «Darüber schreiben wir nicht.»

Réda El Arbi am Sonntag den 13. Oktober 2013
Über einige Themen ist bereits alles gesagt.

Über einige Themen ist bereits alles gesagt.

Wir sassen wieder mal zusammen in unserer Redaktionssitzung, wie immer mit heissem Capu … Cappuch … Cappucch … Kaffee mit Milchschaum und gezücktem Kugelschreiber, und veranstalteten unser wöchentliches Themen-Brainstorming. Und wie’s manchmal so geht, kamen uns jede Menge Sachen in den Sinn, über die wir nie wieder schreiben wollen. Nur, ein letztes Mal müssen wir unseren Lesern mitteilen, über welche Themen wir nichts mehr berichten werden. Nie mehr. Und wenn doch, dann nur unter Androhung von Gewalt. Hier also unsere «No comment»-Themen:

Wir werden ganz sicher nicht mehr über den 1. Mai berichten. Ihr wisst schon, die Autonomen-Chilbi, bei der auch die Urania-Truppe in Kostümen mittanzen darf. Jedes Jahr dasselbe. Unterschiede nur im Umfang des Sachschadens und bei der Zahl der Verhafteten. Auf beiden Seiten Blablabla-Rhethorik:  «verhältnismässiger Einsatz» in umständlichem Beamtendeutsch, von der anderen Seite «Provokation seitens der Polizei» in der revolutionären Sprache von 1917. Gähn. Für die Leute, die noch was darüber lesen wollen, setzen wir einen Text-Bot ein, der die Berichte der letzten Jahre nimmt und um aktuelle Zahlen ergänzt.

Über FCZ-Fans lesen Sie hier auch nichts mehr. Das ist vollkommen hoffnungslos. Sobald man «Südkurve» schreibt, hat man nur noch aggressive Hater-Kommentare im Forum. Leute, die uns verprügeln wollen, weil wir über die Fankultur schreiben, Leute, die die Leute verprügeln wollen, die uns verprügeln wollen. Und dann noch die Basler, die alle verprügeln wollen. Nope, nicht hier.

Dann berichten wir auch nicht mehr von den Menschenmassen, die sich im Sommer am Oberen Letten um die paar Quadratmeter gelbliche Wiese streiten.  Erstens ist das ein Thema, das eigentlich eher in einen Blog über die Agglo gehört. Und zweitens: alle, dies interessiert, sind die, die sowieso dort sind – und sich eben um einen Platz beim Schaulaufen an der Limmat streiten. Wir berichten dann wieder, wenn sich eine neue Drogenszene da gebildet hat. Hipster-Getränke, Kokain und XTC zählen wir nicht dazu.

Ach ja, wenn wir schon beim Schaulaufen sind: Von uns hört ihr auch nie mehr was über die Street Parade. Nein, nicht mal mehr Bikini-Bilder werden wir dazu veröffentlichen. Die Street Parade ist so out, dass sogar alles Street Parade-Bashing schon wieder out ist. Und das Revival und das Bashing übers Revival. Es gibt dazu nichts mehr zu sagen.

Und übers Sechseläuten berichten wir auch nicht mehr. Es sei denn, Frauen werden als vollwertige Zunft aufgenommen. Und dann berichten wir auch nur darüber, wie blöd es ist, wenn Frauen sich in einer Art emanzipieren, die eigentlich nur eine Zelebration mittelalterlicher Traditionen ist – per Definition eine Zeit, in denen Frauen eh nichts zu melden hatten. Ansonsten gehts bei den Zünften sowieso nur um ein inzestuöses Finanz-Wirtschafts-Filz-Verbrüderungsritual. Alles was die restlichen  Zürcher daran interessiert, ist die Chilbi und das Magenbrot.

In Zukunft werden wir auch nicht mehr beim Parkplatzzählen mitmachen. Alle paar Monate behaupten die Bürgerlichen, es gäbe zu wenig Parkplätze, während die SP und die Grünen behaupten, es seien noch alle da, wenn man denn richtig zählen könne. Es wird mit unheilschwangerer Stimme geklagt, dass der heilige, historische Parkplatzfrieden von anno 1990 verletzt wurde. Dann kommt das Gejammer, die Stadt ersticke im Verkehr, oder, die Stadt blute ohne den Privatverkehr aus und wir würden alle in Konkurs gehen. Nun, falls da mal was Neues kommt, werden wir uns vielleicht der Thematik wieder annehmen.

Übers Knabenschiessen werden sie hier auch nichst mehr finden. Jeder dumme Witz über erschossene Knaben und jeder dumme Witz über Mädchen am Knabenschiessen ist bereits gemacht. Ja, wir mögen uns auch nicht mehr darüber echauffieren, dass ein Mädchen mal wieder Schützenkönigin wurde und wie unheimlich fortschrittlich damit doch das Knabenschiessen sei. Vielleicht machen wir, wie beim Sechseläuten, einen Hinweis, dass es wieder Magenbrot und Zuckerwatte in der Stadt gibt.

Wir werden auch nicht mehr übers Züri-Fest berichten. Vielleicht im Vorfeld, wenn wieder mal darüber gestritten wird, ob es Sinn macht, 750 000 Franken in Form von Feuerwerk zu verbrennen, wenn die Stadt sowieso schon Geldprobleme hat. Die Leute, die’s mögen, waren meist selbst da, und die Leute, die wegen des Grossanlasses aus der Stadt geflüchtet sind, wollen sicher nicht noch etwas darüber lesen.

Auch Hipster-Bashing werden Sie bei uns nicht mehr finden, wir verprechens! Hipster werden und wurden schon so ausführlich ausgelacht, dass wir es nicht mehr vor unserem Gewissen verantworten können, da mitzumachen. Schliesslich fühlen wir uns dem Schutz von benachteiligten Minderheiten verpflichtet, dem Tierschutz und dem ganzen Gutmenschenzeugs, Sie wissen schon.

Und, zum Schluss: Sie werden in den nächsten Wochen hier nichts über den absolut unerwarteten Wintereinfall lesen, nichts über die Autofahrer, die jedes Jahr überfordert sind und nichts über die VBZ, die wie hawaiianische Strandbewohner über den unerklärlichen Schneefall staunen und den Betrieb wohl wieder beinahe einstellen müssen.

So, Sie sehen, wir müssen uns echt Mühe geben mit den Themen, wenn wir nicht wollen, dass Sie immer wieder denselben Mist lesen müssen. Und das tun wir, wir versprechens!

Das Festival, die Promis und die Presse

Réda El Arbi am Freitag den 27. September 2013
Die Presse interviewt die Presse. Roger Schawinski wird vom eigenen Sender befragt.

Die Presse interviewt die Presse. Roger Schawinski wird vom eigenen Sender befragt.

Was ist das nur mit den Promis in der Schweiz? In Cannes, Berlin und an anderen internationalen Festivals ist die Aufteilung ganz klar: Auf dem Teppich die Stars, hinter der Abschrankung die Presse. Es gibt nirgends im Filmbusiness eine Verbrüderung zwischen den Berichtenden und den Darstellenden – im Gegenteil, in Hollywood werden die Paparazzi sogar richtiggehend gehasst, ab und zu auch mal von einem Schauspieler verprügelt.

Und in Zürich? Nun, dieses Jahr war nicht so viel Presse am grünen Teppich wie in früheren Jahren. Zum Teil lag das daran, dass die Festivalleitung  dieses Jahr keinen skandalumwitterten Superstar wie John Travolta (schwuler Scientologe), Morgan Freeman (hat seine Enkelin gescharwunzelt) oder gar Roman Polanski (verurteilter Kinderschänder) einlud. Na ja, Marc Foster war da. Aber erstens hat er den alten, stylischen James Bond abgemurkst und durch einen Gorilla ersetzt, und zweitens hat er keinen interessanten Skandal vorzuweisen. Kein Grund also, am Teppich hysterisch zu werden.

Aber zurück zum Thema: Der Hauptgrund dafür, dass es dieses Jahr weniger Journalisten AM grünen Teppich hatte, war, dass so viele Presseleute AUF dem grünen Teppich posierten. Nicht nur die Grössen wie Roger Schawinski (mit Taliban-Bart), sondern auch Journalistinnen von «20 Minuten», natürlich die ganze SRF-Moderatoren-Truppe (die eh nie genau weiss, auf welche Seite sie gehört) und sogar Flavia Schlittler, die People-Journalistin beim «Blick», hats endlich auf die andere Seite der Absperrung geschafft. Die letzten Jahre kam sie immer im Abendkleid an den grünen Teppich, diesseits der Promi-Absperrung, was mich persönlich immer etwas deprimierte. Nun, endlich gehört sie dazu.

So musste die Hälfte der geladenen Pressepromis auch den eigenen Kollegen Interviews geben, in denen sie originelle Fragen nach ihrem Lieblingsfilm beantworteten, und sie konnten von der Höhe des Teppichrandes Luftküsschen und Handshakes an die Leute verteilen, mit denen sie am Montag wieder im selben Grossraumbüro sitzen. Offenbar haben wir in der Schweiz einen Mangel an Promis, sodass die Presse diese Lücke selbst füllen muss.

Aber grundsätzlich, was macht einen Promi aus? Nun, man spricht von «den Reichen und Schönen», was verständlich ist, denn meist sind sie entweder reich oder schön, selten beides. Und es ist eine Art symbiotischer Selbstläufer: Die Promis liefern Geschichten für die Presse, die Presse macht Promis, die wiederum Geschichten liefern. Und so weiter. Talent und Leistung spielen nur am Rande eine Rolle.

Die Party

An der Afterparty nach dem Eröffnungsfilm trafen sich dann dieselben hundert Leute, die immer an solchen Anlässen herumhängen. Im Glanz der versammelten Schweizer Prominenz sonnten sich dann die geladenen Gäste aus der Wirtschaft, sprich Sponsoren. Leute, die mit Film so viel am Hut haben wie ich mit Bauchtanz. Aber, wer zahlt, befiehlt. Und natürlich bezahlen Männer. Auf der veröffentlichten Gästeliste steht unter «Wirtschaft» nicht eine Frau. Nicht eine Einzige. «Wir hatten mal eine, ehrlich», erklärte mir eine PR-Frau des Festivals, die sei aber nicht mehr aufzufinden gewesen.

Die Lokalität war sowohl aussergewöhnlich wie auch schwierig. Die Party fand im Globus am Bellevue statt, sodass die Gäste ihre Drinks zwischen Kühlregalen und Haushaltsartikeln einnahmen. Für eine Underground-Party die ideale Location, für Damen in Roben und Herren im Smoking etwas gewöhnungsbedürftig.

Carlos Leal war da, der arme Kerl wäre wohl lieber zu Hause bei Frau und Kind gewesen, aber zurzeit ist er in Zürich gefragt. Er war schon auf der VIP-Party des Zürich Openairs und wird wohl auch an der «Who is Who»-Party im November wieder anwesend sein. Und der Sennentuntschi/Missen-Massaker-Steiner war da (ebenfalls bereits an der VIP-Zürich-Openair-Party) und natürlich unsere Filmikone Imboden. Dann selbstverständlich It-Dame Sabrina Pesenti mit ihrem Darryl und die üblichen Verdächtigen. Und, auch wie immer,  jede Menge junge Damen, von denen man nicht genau weiss, worin ihr Talent liegt, die aber einfach an solche Anlässe gehören. Ich hab mir überlegt, ob ich bleiben soll, bis alle gut Cüpli getankt haben, um dann die peinlichen Geschichten aufzuzeichnen. Aber seien wir ehrlich, die Geschichten wären im Vergleich zu anderen Zürcher Partys  wahrscheinlich eher etwas langweilig. Und überhaupt, wen interessierts?

Liess sich Melanie von Irina Beller inspirieren?

Liess sich Melanie von Irina Beller inspirieren?

Nun ja, und was gabs noch? Nicht viel. Offenbar darf man den Einfluss von Frau Beller auf die Szene nicht unterschätzen, haben sich doch einige Damen, darunter dieses Model mit dem fiesen Lachen und ihre Freundin Melanie Winiger, von ihr inspirieren lassen. Sie wissen noch? DIE «Who is Who»-Party, an der Beller mit diesem Kleid auftauchte?

 PS: Für das Festival selbst ist der Mangel an Promis und Presse gar nicht schlecht. Für einmal haben die 120 Filme etwas mehr Gewicht.

Das Positive an der Street Parade

Réda El Arbi am Freitag den 2. August 2013
Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt: Weibliche Teilnehmer können wirklich alles tragen! Solange es ein Bikini ist. (Bild: Tilllate.com)

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt: Weibliche Teilnehmer können wirklich alles tragen! Solange es ein Bikini ist. (Bild: Tilllate.com)

Eigentlich wollten wir vom Stadtblog dieses Jahr gar nicht über die Street Parade berichten, da uns verschiedentlich vorgeworfen wurde, wir würden dieses grossartige Zürcher Ereignis zu wenig schätzen. Nun, nach reiflicher Überlegung, wollten wir das nicht auf uns sitzen lassen und haben uns daran gemacht, sechs positive Aspekte an der Street Parade zu finden und nicht immer nur die Miesepeter zu sein. Und wir versprechen, den Anlass nicht mehr «Bikini-Fasnacht» zu nennen.

Unmittelbare Kommunikation
Im Alltag versklavt von unseren digitalen, mobilen Spielzeugen, schaffen wir es kaum noch, mit jemandem im Tram oder im Zug ein echtes Wort zu wechseln, den Blick immer auf Handy oder Tablet gerichtet. Nun, an der Street Parade werden wir befreit von unserer Online-Sucht, da von 14 Uhr bis 18 Uhr rund ums Seebecken kein Empfang mehr möglich sein wird. Die wenigen Wlan-Hotspots werden unter dem Andrang zusammenbrechen. So haben wir die Chance, wieder offen und direkt mit unserer Umgebung zu kommunizieren. Aber keine Angst! Es werden keine ausführlichen Gespräche erwartet. Da der Lärmpegel so hoch ist, sind nur kurze, gebrüllte Botschaften geeignet, das Ohr des Gegenübers zu erreichen. Wem das zuviel ist, kann auch auf eine rudimentärere Art der Kommunikation zurückgreifen. Wir empfehlen das Flirten mit Gesten und klaren Handzeichen. An der Street Parade ist alles etwas lockerer, da dürfern die Andeutungen auch mal etwas direkter sein. Viel Spass!

Kunst und Kreativität im Dienste der Street Parade

Kunst und Kreativität im Dienste der Street Parade

Kreativität und Stil
An der Street Parade kann sich jeder individuell seinen ganz eigenen Anstrich geben! Man könnte zum Beispiel in einem Engelchen- oder Teufelchenkostüm gehen – oder in einem goldenen Bikini. Männer könnten sich, mangels bedrucktem T-Shirt (Kleider sind sooo spiessig), coole Sprüche auf den Oberkörper malen. Mein Favorit: «Touch me!». Auch Morphsuits sind äusserst originell. Aber nicht nur bei der Kleidung zeigt sich die Kreativität. Bei den Flyern im Vorfeld haben wir ein ganz origenelles Exemplar gefunden! Der Flyer des «Pacha» (siehe Bild) zeigt, bei welchen Meilensteinen der Grafikgeschichte sich die Macher inspirieren liessen. Der Einfluss des Erotik-Magazins «Cherrie» ist nicht zu leugnen: Auch die kreativen Genies des Magazins liessen sich von Kirschen und nackten Frauen leiten. Und natürlich spürt man den feinen Einfluss der Künstler, die die Corporate ID der Zürcher Bordells «Pascha» entworfen haben. Sie haben die Idee fürs Kostüm der Dame auf dem Flyer geliefert. Es lässt sich nicht leugnen: Sex hatte schon immer einen grossen Einfluss auf Stil und Kunst.

Karma-Balance
Sie haben sich im letzten Jahr zu wenig um ihre Mitmenschen gekümmert, ihren Freizeitbuddhismus vernachlässigt und fürchten nun schlechtes Karma? Die Street Parade ist das Ereignis, an dem Sie schlechtes Karma wieder abtragen können. Sie durchstreifen nach 15 Uhr die Menschenmenge und sammeln die Leute ein, die aus Wassermangel oder Alkoholüberschuss bereits zusammengebrochen sind und schleppen sie zu einem Stützpunkt von Schutz und Rettung Zürich. Halten sie sich da nicht lange auf sondern gehen Sie gleich wieder los, um Neue zu holen. Wir wollen doch nicht, dass die Sanitäter sich langweilen und es werden ja genug herumliegen. Und jeder Gerettete ergibt 15 Punkte auf der Karma-Skala. Danach dürfen Sie dann wieder ein wenig Trance  hören (Obwohl, DJ Tatana ist ja dieses Jahr ausgemustert worden …). Ein fröhliches Om Namah Shivaya!

Freunde finden
In der Party-Atmosphäre der Street Parade lässt sich leicht Kontakt zu neuen Freunden knüpfen. Und wie uns die Biologen versichern, ist es für neue Freundschaften von grundlegender Bedeutung, ob man sein Gegenüber riechen kann. Nun, an der Street Parade müssen Sie sich nicht mit Riechen zufriedengeben. In der Menschenmasse werden Ihnen der Schweiss und die Pheromone  direkt von Haut zu Haut weitergegeben. Aber auch klassischere Wege zu neuen Freundschaften stehen Ihnen offen: Nehmen Sie einen Drink von einem Fremden an! Und, als spezieller Tipp von uns: Schreiben Sie sich Ihre Telefonnummer auf den Bauch. Nicht um neue Bekanntschaften zu schliessen, sondern um es den Leuten zu erleichtern, Sie am Sonntagmorgen wieder an Ihre alten Freunde zurückzugeben.

Für die ganze Familie
Entdecken Sie mit Ihren Kindern neue Seiten der Stadt Zürich! Auf der Suche nach Toiletten werden Sie Seitengassen und Bereiche der Stadt entdecken, in die Sie sonst nie kommen. Es ist ein bisschen wie eine Schnitzeljagd: Sie werden gleich am Geruch erkennen, ob andere Street Parade-Besucher auf der Suche nach einem WC dieselbe Ecke auch schon entdeckt haben. Sollte es den Kindern langweilig werden, gibts auch ein Ersatzprogramm. Lassen Sie Petflaschen und Plastikbecher wie kleine Schiffchen vom Seebecken her die Limmat hinunterschwimmen. Sie können Rennen gegen die Petflaschen und Plastiksäcke veranstalten, die bereits im Wasser dümpeln. Aber auch pädagogisch ist die Street Parade wertvoll. Ziehen Sie ihrer siebenjährigen Tochter einen Bikini an, bemalen Sie sie mit Körperfarben und lassen Sie ihr von den Tänzerinnnen auf den Love (!) Mobiles zeigen, wie frau sich bewegt. Sie wird einen Heidenspass haben und sich sicher noch mit 14 bei ihren Clubbesuchen mit ihrem 25 Jahre älteren Freund an das Ereignis erinnern. Vielleicht schafft sie es ja später als Model auf einen der Flyer (siehe Bild oben).

Und exklusiv zum Schluss: Das Street Parade-Motto™-Spiel!
Es ist ganz einfach und macht über Stunden Spass! Egal in welchem Zustand Sie sich am Sonntag befinden, Sie können mit dem «Street Parade-Motto™-Spiel» immer das Motto der nächsten Street Parade erraten. Nehmen Sie die vorgefertigten «Street Parade-Motto™- Subjectcards» und werfen Sie sie in den «Street Parade-Motto™-Becher». Die «Street Parade-Motto™- Subjectcards» sind mit originellen Begriffen voller Street Credibility und positiver Energie beschriftet: Respect, Love, Peace, Freedom, Follow, Create, Dance, Unity, Heart, Believe, Sunshine, Mind, Tolerance, Spirit, etc.

Und so gehts:
Ziehen Sie zwei Karten aus dem «Street Parade-Motto™-Becher» und wählen dann eine dritte Karte aus den beiliegenden «Street Parade-Motto™-Connectcards», um sie zu verbinden, und schon ist das das neue Motto fertig! Hippe Ergebnisse wie «Create your Tolerance» «Dance for Freedom» oder «Follow the Sunshine» lassen die Vorfreude auf die nächste Street Parade aufkommen!

Letten – Catwalk der Eitelkeiten

Réda El Arbi am Montag den 1. Juli 2013
Doppelt in Pose geworfen: Vorne Blondine für Facebook, hinten Badigast fürs gemeine Publikum.

Doppelt in Pose geworfen: Vorne Blondine für Facebook, hinten Badigast fürs gemeine Publikum.

Nachdem wir letzte Woche eine klassische Familienbadi am See unter die Lupe nahmen (Willkommen im Dschungel), wurden Stimmen laut, wir würden die Hipster-Badis und Szene-Tümpel verschonen. Tun wir nicht. Wir waren da, mitten im Oberen Letten.

«Isch scho fresh, aber easy», begrüsst mich einer der Badegäste auf dem Lettensteg auf die Frage, ob das Wasser kalt sei. Soweit, so viel Klischee. Der Typ war auch wirklich schon im Wasser, weil die Posen für die Vorübergehenden authentisch sein müssen (siehe Bild). Rechts vor ihm steht eine hübsche Blondine, die ihren Kolleginnen in Süddeutschland auf Facebook zeigen will, an welch coolem Ort sie  baden geht.

Schon kurz vor Mittag warf ich mein Tüechli auf der kleinen Wiese oberhalb des Lettenstegs aus, aber die Eile wäre gar nicht nötig gewesen. Um Elf gehen die letzten Leute, die morgens nach der Party noch schnell in die Sonne liegen, und erst um zwei kommt die nächste Schicht beachvolleyballgestählter, braungebrannter Luxuskörper. Erst gegen vier Uhr nachmittags, wenn alle ausgeschlafen sind, wirds eng auf dem Steg und der kleinen Wiese. Schattenplätze sind übrigens was für Weicheier. Es gibt nur einen, und der bleibt frei, bis alle Plätze auf dem Sonnengrill besetzt sind. Dann balancieren selbst die hipsten Hipster wie betrunkene Störche auf den wenigen Millimeter breiten Rasenstreifen zwischen den Tüechli.

Langsam füllt sich die Badi mit kleinen Grüppchen, die sich gegenseitig mit eingeübten Handschlag begrüssen, um Zugehörigkeit zu markieren. Die meist frisch zugewanderten Stadtzürcher, sogar eine kleine Gruppe brasilianischer Adonisse (Mehrzahl von Adonis?), haben alle etwas gemeinsam: sie sind jung, schön und tätowiert. Man könnte annehmen, das Leben in Zürich sei ein endloser Baccardi-Werbespot mit Lachen, Bikinis und Lebensfreude.

Wenn da nur Eines nicht wäre: Hier ist man nur untereinander gelöst und lacht (man erinnere sich, der eingeübte Handschlag). Aussenseitern gegenüber sind die jungen Leute hier in erster Linie cool. Also versuch ich auch, cool zu wirken, man will sich ja integrieren. Ich kriege aber schon nach einigen Minuten einen Kieferkrampf und ein Ziehen in den Schläfen vom coolen Blick. Also geb ichs auf und beobachte ich wieder schamlos, glotze wie ein Tourist auf diesen Laufsteg der Eitelkeiten. Und ich entdecke sogar ein Grüppchen, das nicht kifft.

Dreitagebärte, so akkurat wie aufgemalt, beherrschen die Männergesichter.  Dafür zähle ich, verteilt auf alle Frauen der Badi, eine gefühlte Million mit bläulicher Tinte an allen möglichen Orten in die Haut gestochene Sternchen . Sternchen sind offenbar die Arschgeweihe des neuen Jahrtausends. Und natürlich Sonnenbrillen für Kater-Augen. Männer wie Frauen liegen da, als ob ein Fotograf Anweisungen gäbe.  Man bewegt sich elegant, lässig, entspannt. Man gibt vor, das Publikum sei egal, obwohl man mit versteckten Blicken nach versteckten Blicken blickt.

Die Terrasse für die Punkterichter auf dem Catwalk der Eitelkeiten.

Die Terrasse für die Punkterichter auf dem Catwalk der Eitelkeiten.

Oben entdecke ich die Spanner-Terrasse. eine kleine Plattform über der Badi, von der man die Szene schön überblickt. Irgendwie erwarte ich dort Punktrichter, die für die schönste Selbstdarstellung Nummern mit Zahlen hochhalten. Aber da steht nur ein einsamer Mann, der den Bikinis die kalte Schulter zeigt. Vielleicht weil ich ihn beobachte.

Hier verbringen also die Menschen ihren Sommer, die ihre geistige Kapazität brauchen, um Partylabels auseinander zu halten und DJ-Namen auswendig zu lernen. Junge, schöne Menschen, die meinem Selbstwertgefühl nachhaltig zusetzen. Nach zwanzig Minuten merke ich, wie ich meinen Hals betaste  – zu viele Falten? – während meine andere Hand ohne mein Zutun prüfend in meine Speckröllchen kneift. Ich komme mir vor wie einer dieser schmierigen alten Kerle, die auf Schulhöfen rumgammeln. Genug!

Ich mache mich auf, um im überteuerten Restaurant nebenan einen Kaffee zu trinken. Hier gibts dann die volle Dosis. Die Leute, die zwischen den Café-Bänkchen und dem Flussgeländer den Lettensteig hoch wollen, werden mit der Intensität eines Mikrowellengrills angegafft. Und wehe, sie stossen kein Rennvelo oder Fixie …

Fazit: Den Menschen hier ist das Coolsein so wichtig, dass sie darüber alle Coolness verlieren. Sie werden wohl in ein paar Sommern rüber in die Badi Enge wechseln, zu den erwachsenen Hipstern und den Senior-Szenis. Bis dahin fehlt ihnen aber noch die nötige Tiefe: Mindestens ein abgebrochenes Studium in Kunst , Publizistik oder Politikwissenschaften und ein eigenes Atelier. Wir werden uns da aber bald umsehen.

Statussymbol Nr 1: Ein altes Rennvelo

Statussymbol Nr 1: Ein altes Rennvelo

Flirten in Zürich – der Stadtblog-Selbstversuch

Réda El Arbi am Donnerstag den 18. April 2013
Zürich ist ein hartes Pflaster mit vielen schönen Frauen

Zürich ist ein hartes Pflaster mit vielen schönen Frauen

Von Reda El Arbi und David Sarasin

Im Grunde ist alles Kopfkino. Man sieht jemanden, die Dame gefällt und schon schwankt man zwischen Euphorie, Selbstzweifel und Überschätzung. Aber diese emotionale Achterbahn muss nicht so heftig ausfallen, erklärte uns Frau  «Flirt-Coach»  Wilkinson bei den Vorbereitungen, einen Tag vor unserem Selbstversuch. Man könne das besser machen. Selbst in einer Stadt wie Zürich, in der man mehr kalte Schultern sieht als in jedem Vampirfilm. Unsere Fragen an sie waren so naiv wie notwendig:

Frau Wilkinson, wann weiss man, ob eine Frau am Flirt interessiert ist?
Wenn man dreimal Blicke ausgetauscht hat, im besten Fall auch ein Lächeln.

Also starre ich die Dame an?
Das nun auch wieder nicht.

Darf man hingehen und sagen: «Hoi, wie gahts?»
Ich würde das vermeiden, sprechen sie lieber die Umgebung an: die Musik, die Menschen! Vermeiden sie zu ernste Themen, Politik, Religion oder Krieg.

Und wenn man zu unsicher ist?
Am Besten zu seiner Unsicherheit stehen und sie ansprechen, denn alle sind unsicher.

Also Schweissflecken am Hemd zeigen und stottern?
Das auch wieder nicht!

Wann weiss ich im Gespräch, ob es sich lohnt weiterzumachen?
Achten sie auf die Körpersprache. Ob sie sich in die Haare fährt, ob sie eine offene Haltung einnimmt, den Kopf kokett schräg hält, alles kann auf das Interesse der Frau hinweisen. Im Gegensatz dazu verheissen eine abgewandte Haltung oder verschränkte Arme nichts Gutes.

Also, auf  in den Feldversuch!

Mit diesen Anweisungen starten wir unser Experiment. Samstagabend, die Sonne scheint – in der 01-Bar am Limmatquai setzen wir uns an einen Tisch. Um uns sind alle Tische besetzt.

Sarasin (nach fünf Minuten):
Mit der da habe ich schon zweimal Blicke ausgetauscht. Wie viel Mal hat Frau Wilkinson gesagt?

El Arbi (dreht sich um):
Drei. Ich glaube aber, der Typ neben ihr ist ihr Freund. Sie sonnt nur ihr Ego in unseren Blicken.

Sarasin:
Ich glaube eher, sie ist schon ein bisschen verliebt in mich.

El Arbi:
Obwohl sie zu mir schaut?

Wir wollen klären, wer von uns beiden Chancen hätte. Klar bricht sie uns das Herz, als sie sagt, sie habe uns nicht mal aus dem Augenwinkel bemerkt. Klar finden wir in einem Anflug von Grössenwahn, sie lüge wie gedruckt. Klar war das ein schlechter Start. Wir verlassen die Bar  und wechseln in ein etwas «posheres» Lokal Nähe der Bahnhofstrasse. Das klassische Setting: Drei Frauen am Stehtischchen. Wir setzen uns daneben an die Bar, gucken und zählen die erwiderten Blicke. Beide diesmal. Eine schaut. Zu uns? Zur Bar? Will sie bestellen? Neue Taktik: Wir tun nun so, als würden wir uns vollauf genügen, denn Bedürftigkeit auszustrahlen sei ein grober Fehler, wie unser Coach ebenfalls sagte. Als wir doch wieder zum Nachbartisch schielen, steht bereits ein Konkurrent im Kappa-T-Shirt dort und unterhält das Trio scheinbar blendend. Ein Kappa-T-Shirt! Wir gehen!

In der Central-Bar im Kreis 4 dann folgende Szene: El Arbi spricht seine Nachbarinnen an – ohne auch nur Blicke gezählt zu haben. Es wären sowieso null gewesen, meint Sarasin. El Arbi wagt es trotzdem, stürzt dummerweise aber bereits nach der Einstiegsfrage ab: «Kommst du aus Bern?» – mehr fällt ihm spontan einfach nicht ein.

Noch eine halbe Stunde später wird er behaupten, er wäre bei den Beiden weiter gekommen, wenn sie ihm nur etwas mehr Zeit gegeben hätten. Den Rest des Abends flirteten wir dann mit der Barfrau, zwischen uns freilich stets der schützende Tresen aus Holz.

Was wir gelernt haben? 1. Flirts misslingen eher, als dass sie gelingen. 2. Absagen einstecken schmerzt mit der Zeit weniger. 3. Grössenwahn und Unsicherheit wechseln sich ab – es hilft jedoch, sowohl das Eine wie auch das Andere nicht allzu deutlich zu zeigen. 4. Alkohol hilft auch. 5. Die Welt ist ungerecht.

Helfen tun wir damit niemandem, schon klar. Aber wenigstens wissen die Männer da draussen, dass sie in ihrem Versagen nicht alleine sind. Doch auch wenn wir an dem Abend nichts erreicht haben, am Ende waren wir uns in einem Anflug von tröstlicher Selbstüberschätzung einig: eigentlich hätten wir jede haben können.

Zürich bleibt digitale Steinzeit

Réda El Arbi am Freitag den 18. Januar 2013
Am Hauptbahnhof ist das Handynetz in den Stosszeiten regelmässig am Limit. Bild: Reda El Arbi

Am Hauptbahnhof ist das Handynetz in den Stosszeiten regelmässig am Limit. Bild: Reda El Arbi

Die Schweiz ist das Land mit der höchsten Smartphone-Dichte der Welt. Und, wenn man Tram fährt und all die iPhones, Galaxys und vereinzelte Blackberrys sieht, weiss man, dass der grösste Teil dieser Smartphones wohl in Zürich unterwegs ist.

Nun, so weit, so zeitgemäss. Damit aber ein Smartphone «smart» sein kann, brauchts Internetverbindung, sonst hat man einfach ein sauteures Telefon, das eben nur telefonieren kann.  Und da haperts schon in der Stadt mit einem der weltweit höchsten Lebensstandards. Nirgends gibts freies WLAN.

Entweder man hat eine Flatrate für sein Handy, oder man muss dauernd rechnen, wieviel der Zugriff aufs Netz wohl kostet. Für Erwachsene, die entweder gut verdienen oder die Handyrechnung vom Arbeitgeber bezahlt kriegen, ist das auch nicht so ein Problem. Anders siehts da schon für die Kids aus, die als «Digital Natives» ihre sozialen Kontakte natürlich übers Internet pflegen und ihre Handyrechnung mit dem Taschengeld bezahlen müssen. Oder für Touristen, bei denen eine Roaminggebühr anfällt. «Kein freies WLAN, nicht mal in der Innenstadt, und mit den Roaminggebühren für drei Minuten kann ich in London eine Woche online gehen», beschwerte sich ein Freund aus London.

Auch bekommt man zu Stosszeiten, also zwischen 17.30 und 19.30 Uhr, zum Beispiel am Hauptbahnhof, nur eine sehr langsame Verbindung oder gar keinen Netzzugang, egal bei welchem Anbieter.

Was Hongkong, Seoul oder Luzern auf die Reihe kriegen, nämlich öffentliche, gebührenfreie Internetzugänge, scheint in Zürich keine Priorität zu haben. «Die Zürcher haben Angst vor Strahlung» heisst es jedesmal, wenn das Thema im Stadtrat zur Sprache kommt. Was eigentlich totaler Schwachsinn ist, da die Infrastruktur, und damit die Strahlung, bereits in der Stadt ist. (Verglichen mit dem Handynetz ist die Strahlung übrigens vernachlässigbar). Es gibt nämlich mit «Monzoon» und «freeonline.ch» schon flächendeckende WLAN-Spots – nur ist der Eine sauteuer und beim Anderen kann man nur Seiten der Werbepartner ansurfen.

Zürich schiebt die Verantwortung den Privaten zu. Sollen die doch Gratis-Internet einrichten. Das hat nur einen Haken. Mit Gratis-Internet lässt sich nämlich kein Geld verdienen. Es ist schon fast unmöglich, mit einem Internet-Cafe in Zürich Geld zu machen. Mit einem Gratis-WLAN ist es noch schwerer. Bombardiert man den Nutzer nämlich mit ungewollter Werbung, die Geld bringen würde, logt der sich ziemlich schnell wieder aus.

Die besten freien Internetzugänge werden uns in der Stadt von US-Food- und Cafe-Ketten wie Starbucks und McDonalds zur Verfügung gestellt. Ab und an gibts auch ein Zürcher Cafe, das freies Internet anbietet, wenn man da was konsumiert. Und wenn das dilettantisch eingerichtete Netz gerade läuft. Das kann doch nicht der Standard einer Wirtschaftsmetropole sein … Naja, wenigstens kriegt man jetzt seit Dezember am Flughafen eine Gratis-Netverbindung. Für eine Stunde. Danach kostets 7 Stutz die Stunde.

Im Mittelalter habe die Städte Brunnen eingerichtet, an denen sich die Bürger gratis sauberes Wasser holen konnten. Das war wichtig für das städtische Leben, für die vielen Handelsreisenden und gehört noch heute zur Grundversorgung. Heute ist Internetzugang ein Grundbedürfnis und der Zugang zu Informationen eine der Lebensadern des sozialen und wirtschaftlichen Lebens. Nur, wir Zürcher leben da wohl noch in der Steinzeit.

Wohin nur am Silvester?

Réda El Arbi am Sonntag den 30. Dezember 2012
Eine Party für Alle: Zürcher Silvesterzauber am Seebecken

Eine Party für Alle: Zürcher Silvesterzauber am Seebecken

Die Züritipp-Redaktion bat mich, einen ausgewiesenen Partymuffel, einige Tipps für den Silvester zusammenzustellen. Normalerweise ess ich am Silvesterabend mit Freunden oder kuschle mich mit meiner Frau auf dem Sofa ein und les ein Buch, um irgendwann um halb Zwölf ins Bett zu gehen. Gesellschaftlich zelebrierte «Gute Laune» ist nicht so mein Ding. Dieses Jahr aber hab ich mich mir einige Gedanken gemacht, wo man in sozialer Interaktion mit wildfremden Menschen den Jahresübergang feiern könnte. Hier meine Tipps:

Silvesterzauber auf der Gemüsebrücke/Bellevuebrücke
Die fünfhundert Meter zwischen Rathaus und Seebecken sind die ideale Location für Leute wie mich. Man kann gemütlich den Abend zuhause verbringen und dann um 23 Uhr aufs Velo oder ins Tram zu steigen und entlang der Limmat mit hunderttausenden anderer Zürchern das Silvesterfeuerwerk zu geniessen. Danach kann man mit wildfremden Menschen mit Selbstmitgebrachtem anstossen und wird vielleicht noch von einer freundlichen Fremden umarmt. Dann kann man gemütlich wieder heim, im Bewusstsein, doch auch noch dabei gewesen zu sein. Nicht die schlechteste Art, das neue Jahr zu beginnen.
www.silvesterzauber.ch

Fritz Kalkbrenner im Komplex
Nicht nur für Housefreaks wie mich: Fritz Kalkbrenner war lange nur die Stimme zum Über-Hit «Sky and Sand» seines Bruders Paul. Fritz Kalkbrenner hat sich aber mittlerweile mit deepen Sets gespickt mit Gesangspassagen einen eigenen Namen gemacht. Selbst wenn man wahrscheinlich keinen Platz mehr ergattern kann: Auch wenn man nur vor dem Gebäude rumsteht, kann man später behaupten, man sei dabeigewesen.
Komplex 457, Hohlstr. 457
Eintritt 42/49 Franken
www.komplex.ch

Abart Abschied
«Happy No More Abart» heisst die Silvesterparty, mit der sich das Abart verabschiedet. Hier werde ich sicher headbangend ins neue Jahr rocken. Unterscheidet sich in der Atmosphäre erfrischend von all den Clubs mit technoidem Einheitsbrei von DJs, dessen Namen man 2 Sekunden, nachdem man das Plakat gesehen hat, wieder vergisst. Leider zum letzten Mal. Aber egal: Rock rulez für eine Nacht.
Manessestrasse 170. 8045 Zürich
Eintritt 25 Franken
www.abart.ch

Flamingo: Nicht vorhandene Nostalgie
Im Flamingo werde ich nostalgisch. Im ursprünglichen Club hab ich Anfangs Neunziger versucht, Mädchen abzuschleppen. Jetzt trau ich mich da nicht mal mehr auf die Tanzfläche, da ich die heissen Latinorhythmen von DJ Alex und Momo nicht in koordinierte Tanzschritte umsetzen kann. Eine Reise in die nicht mehr vorhandene Vergangenheit.
Limmatstr. 65 8005 Zürich
www.clubflamingo.ch

Aubrey: Edel geht die Welt zu Grunde
Inzwischen bin ich alt genug, um mir zu Silvester etwas mehr zu gönnen als Vodka und Redbull. Ein Lachs/Trüffelznacht im Aubrey, zum Beispiel, gefolgt von einer Silvesterparty mit  eher klassischen House-Sets. Wem das nicht reicht, kann eine Tür weiter an die Moulin Rouge-Party, wo Alt-Zürcher Dani König auflegt. Da fühlt man sich nochmals wie vor 20 Jahren, als auch schon Dani König auflegte.
Schiffsbaustr. 10 8005 Zürich
www.aubrey.ch

Rossi Bar: For Zürcher Only
Nur für Zürcher. Und Berliner. Und natürlich Hamburger: Die «Ostkinder»-Party in der Rossi Bar. Electro und Minimal vom Projekt Stromkraft. Ideal um in typisch urbaner Ausgelassenheit mit dem Fuss zu wippen und mit dem Kopf zu nicken. Die Sets werden natürlich ab Vinyl (Wünüül) gespielt. Wer total ausflippen will, kann auch mal eine Faust in die Luft strecken. Aber nicht übertreiben, sonst beschlägt die Nerdbrille und die Wollmütze verrutscht.
Sihlhallenstr. 3 8004 Zürich
www.bar-rossi.ch

Neujahrsmorgen
Wer aber öffentliches Feiern nicht besonders mag, dem sei meine alljährliche Neujahrstradition ans Herz gelegt: Stehen Sie am ersten Januar früh auf und fahren Sie mit dem Tram durch die Stadt. Sie werden sporadisch auf lallende oder schlafende Partyleichen stossen, die sie, je nachdem, für ihren Kater bemitleiden oder auslachen können. Nehmen Sie einen Stock mit, um die Leute anzustupsen, bei denen Sie sich nicht sicher sind, ob sie noch leben. Nach so einer kleinen Stadtfahrt wird mir immer bewusst, wie schön ich mein eigenes neues Jahr begonnen hab, im Vergleich zu den armen Verstrichenen. Das ist ein Hochgefühl. Und dann heim zum Neujahresbrunch mit Frau und Freunden.


Street Parade: Überlebt!

Réda El Arbi am Freitag den 10. August 2012
Wir gehen für Sie rein!

Wir gehen für Sie rein!

Liebe Leser,

wieder einmal scheuten wir vom Stadtblog keine Mühen und Anstrengungen, um Sie am Stadtleben teilhaben zu lassen. Stellvetretend für Sie schickten wir heute einen unserer Reporter mit Laptop und Kamera in den gefährlichen Street Parade-Dschungel.

Hier seine Erlebnisse:

 21. 19 Uhr, Bürkliplatz

Ich verabschiede mich für heute mit einem Fazit: Nachdem ich zu Beginn tausende schöner, tätowierter und gutgelaunter Menschen in einer Art narzisstischem Gruppenwahn erlebt hatte (ein wenig, als ob die Badi Oberer Letten plötzlich epidemisch geworden wär), nahm das coole Partyerlebnis mit dem steigenden Konsum des Partyvolks ab. Die, die noch gehen konnten, sind gegangen, einige fliegen jetzt noch über dem Seebecken und der Rest wartet, bis ihr Körper wieder koordinierte Bewegungen durchführen kann. Dabei hat die Nacht noch nicht mal begonnen.

Ich gehe jetzt aufs Land, in der ruhigen Gewissheit, dass, wenn ich zurück komme, mein Zürich wieder mein Zürich ist. Wie die restlichen Tage im Jahr. Ausgenommen Sechseläuten, Züri Fest, Knabenschiessen und was es da noch alles gibt.

Schönen Abend!

Egal, wie hart die Leute feiern, Zürich kann es wegstecken und am Montag, nachdem wir die letzten Partyleichen in den See gewischt haben, ist alles wieder wie immer.

Egal, wie hart die Leute feiern, Zürich kann es wegstecken. Und am Montag, nachdem wir die letzten Partyleichen in den See gewischt haben, ist alles wieder wie immer.

 

20.31 Uhr, Quaibrücke

“Lebt der noch?” fragt mich ein Raver und zeigt auf einen Kollegen, der im Müll unter einem unserer schönen Stadtbäume liegt. Ich fühle den Puls, Hauttemperatur und Atmung, schaue schnell in die Pupillen und sag: “Ja, der lebt noch. Muss nur den Rausch ausschlafen.”

“Bist du Arzt”, erkundigt er sich leicht lallend. Ich verneine. Ich kann einem Touristen nicht klar machen, dass ich solche Rauschtoten schon in den Neuzigern untersuchen musste, damals in der Drogenszene am Platzspitz. Und irgendwie erinnert mich die Szene auch an damals. Nur das damals zwischen den Fixfertigen nicht noch irgendwelche Leute tanzten. Aber der Geruch war der gleiche… Ich werde zynisch. Wenden wir uns doch lieber den Leuten zu, die noch fit sind! Die sitzen nämlich im gleichen Müll und habens lustig. Juhui. Ach, ich gebs auf, ich war wohl zu lange an der Parade heute…

"Lebt der noch?" - "Ja, aber zur Zeit weiss er nichts davon."

"Lebt der noch?" - "Ja, aber zur Zeit weiss er nichts davon."

Fünf Meter weiter: Die jungen, nicht so fertigen Raver sitzen gemütlich im selben Müll.

Fünf Meter weiter: Die jungen, nicht so fertigen Raver sitzen gemütlich im selben Müll.

 

18.57 Uhr, Stauffacher

Mit neuer Kamera und einem Kamillentee für meine Nerven mache ich mich ein letztes Mal auf, um in die Horden des Spasses einzutauchen. Auf dem Weg zur Redaktion begegnete ich drei Gruppen junger Leute, die sich nicht mehr ganz unter Kontrolle hatten. Die einen stritten sich, die anderen versuchten den Weg zum Bahnhof zu finden, und die dritten, ach was, schauen Sie selbst:

Er sitzt auf der Ampel an der Zürcher Bahnhofstrasse, reisst Teile ab und schreit: "Aargauer gut, Thurgauer gut, alles nur nicht Zürcher!" Irgendwie erscheint mir das exemplarisch für die Street Parade.

Er sitzt auf der Ampel an der Zürcher Bahnhofstrasse, reisst Teile ab und schreit: "Aargauer gut, Thurgauer gut, alles nur nicht Zürcher!" Irgendwie erscheint mir das exemplarisch für die Street Parade.

 

18.00 Uhr, Niederdorf

*umtz, umtz umtz, umzt,umtz, umtz, umtz, umzt,umtz, umtz umtz, umzt* Ich ertrage glaubs noch genau 4 721 Umtz, dann gehöre ich zu denen, die aus einem friedlichen Musikanlass eine gewalttatige Veranstaltung machen. Umtz.

17.35 Uhr, Niederdorf

Vielleicht liegts an mir, aber mich dünken die kleinen Tragödien augenscheinlicher als die allgemeine Partyatmosphäre. Inzwischen hab ich zwei Mal den Notarzt gerufen, weil ich bewusstlose, dehydrierte Betrunkene in Ecken fand. Naja, vielleicht liegts auch dran, dass ich nüchtern bin und etwas genauer hinschaue. Meine Aufgabe wärs wahrscheinlich gewesen, die Partyleichen zu fotografieren, und nicht, die Ambulanz zu rufen. Aber egal. Inzwischen ist die Street Parade ja eh mehr Pillen-Chilbi als Partyveranstaltung. Ich ziehe mich kurz zurück, um die Akkus, mental und digital, aufzuladen.

Business as usual: Notdienst kratzt Partyleichen zusammen.

Business as usual: Notdienst kratzt Partyleichen zusammen.

Mehr Chilbi als Party: Raclette an der Street Parade. Natürlich mit Techno geliefert.

Mehr Chilbi als Party: Raclette an der Street Parade. Natürlich mit Techno geliefert.

 

16.32 Uhr, Quaibrücke

Ein grosser Teil des Umsatzes an der Street Parade wird mit Getränken gemacht. Aber nicht nur, wenn sie gekauft und getrunken werden, sondern auch, wenn sie unten wieder rauskommen. Im Opera an der Dufourstrasse bezahlt man 2 Franken für einen Klobesuch. Und die Leute stehen Schlange. Einige kaufen ein Getränk für 5 Franken und dürfen dafür gratis die Toiletten benutzen. Aber lange nicht alle lassen sich auf diesen Deal ein…

Die Street parade gibt der Stadt ihren ganz eigenen Geruch.

Die Street Parade gibt der Stadt ihren ganz eigenen Geruch.

 15.45 Uhr, Stadelhofen

Sorry für die Verspätung, das Netz war überfordert. Ok, zwei Stunden gute Laune und fertig ist. Die Musik wird von Sirenengeheul untermalt, die Leute sind teilweise so betrunken, dass sie sich vollmachen und einige Jugendliche haben mich gezwungen, Fotos von ihnen zu machen, als wär ich ein ordinärer Usgang.ch- oder Tillate.ch-Fotograf. Dazu kein Handynetz, jede Menge BumBum und schwitzende Menschen. Ich nehm eine Auszeit und geh mal was essen. Hier noch ein paar Eindrücke:

Manche feiern so....

Manche feiern so....

 

... manche feiern so (wobei ich nicht dabei sein will, wenn das wieder hochkommt) ...

... manche feiern so (wobei ich nicht dabei sein will, wenn das wieder hochkommt) ...

... und manche bereits so.

... und manche bereits so.

Ohne Worte.

Ohne Worte.

Lovemobil: Hat man eines gesehen, hat man alle gesehen.

Lovemobil: Hat man eines gesehen, hat man alle gesehen.

Hier noch etwas Sex für die Daheimgebliebenen.

Hier noch etwas Sex für die Daheimgebliebenen.

13.59 Uhr, Seebecken

Man kann noch so griesgrämig drauf sein, lange kann man sich der guten Laune, die sich Anfangs Street Parade breit macht, nicht entziehen. Die einzelnen Pärchen, die streiten (er wirft ihr vor, zu flirten, sie wirft ihm vor, zuviel zu saufen), tun dem keinen Abbruch. Hier ein paar Impressionen in Bildern. Die BumBum-Musik müssen Sie sich dazu vorstellen:

Die Leute verbreiten gute Stimmung, ob man nun will oder nicht.

Die Leute verbreiten gute Stimmung, ob man nun will oder nicht.

Obwohl überall Sex in der Luft liegt, wird das wohl nicht die einzige mit Alkohol gefüllte Flasche sein, die jemand im Dreck liegen lässt...

Obwohl überall Sex in der Luft liegt, wird das wohl nicht die einzige mit Alkohol gefüllte Flasche sein, die jemand im Dreck liegen lässt...

 

Der Morphsuit ist das angesagteste Kostüm an dieser Parade. Dichtgefolgt von der Iroquesen-Perücke. Beides büsst an Originalität ein, wenn sie zu Tausenden auftreten.

Der Morphsuit ist das angesagteste Kostüm an dieser Parade. Dichtgefolgt von der Iroquesen-Perücke. Beides büsst an Originalität ein, wenn sie zu Tausenden auftreten.

 

10 000 Stunden Training für zwei Stunden Show....

10 000 Stunden Training für zwei Stunden Show....

Die Kiffer findens hier wohl am Besten. Egal was wer auflegt, sie hören eine Art Reggae.

Die Kiffer findens hier wohl am Besten. Egal was wer auflegt, sie hören eine Art Reggae.

 

Und wirklich alle sind gut drauf!

Und wirklich alle sind gut drauf!

13.02 Uhr, Bellevue

Hier ist das wohl witzigste Lovemobile der letzten zwanzig Jahre! Der Abschleppdienst für die Lovemobile:

Knallige Farben, tiefer Sound und ein Sonnenschirmchen: Das Lovemobile schlechthin!

Knallige Farben, tiefer Sound und ein Sonnenschirmchen: Das Lovemobile schlechthin!

 

 

 

 

12.52 Uhr, Bellevue

“He, pst, Pillen?” – Habe die ersten Drogen angeboten bekommen. Zwei Jugendliche versuchten mir schleimlösende Hustentabletten als Ecstasy anzudrehen. Ich hab die gleichen Tabletten zuhause im Schrank. War irgendwie witzig, weil sie sich so übertrieben kriminell aufführten, mit Blick über die Schulter und allem. Sie liessen sich leider nicht fotografieren.

Weniger witzig fand ich die Eltern, die ihre Kinder in einen traumatisierenden Kostümauftritt zwangen. Kinder, wenn ihr in zwanzig Jahren zum Therapeuten müsst, ihr könnt die Beweisbilder bei mir holen:

Es gibt zwar Gesetze gegen Kinderarbeit, aber gibts auch Gesetze gegen Kinderparty?

Es gibt zwar Gesetze gegen Kinderarbeit, aber gibts auch Gesetze gegen Kinderparty?

 

11.45 Uhr, Bahnhofstrasse

Die Besucher treffen ein. Mit originellen Outfits wie “Teufelchen”, “Engelchen” oder “Sonnenblume”. Ich habs nicht fotografiert, schauen Sie sich die Bilder vom letzten Jahr an. Dann natürlich jede Menge Bikinis und Netzstrümpfe. Für Last Minute Raver stehen auf den ersten 200 Metern der Bahnhofstrasse Coiffeur und Stylisten bereit, auch das Outfit lässt sich da noch schnell kaufen. Jeder Franken zählt. Ich hoffe doch, heute noch das Eine oder Andere wirklich originelle Outfit zu sehen. Dafür geht man schliesslich als Besucher an die Parade.

Vom Bahnhof zum Bellevue kriegt man alles für die Parade. Kauf die ein Outfit!

Vom Bahnhof zum Bellevue kriegt man alles für die Parade. Kauf dir ein Outfit!

 

11.10 Uhr, Paradeplatz

Die Informationen über den Öffentlichen Verkehr sind umfangreich und detailliert. Aber im Grunde teilt uns die VBZ nur eines mit:
Innenstadt? Vergessen Sie’s!

Information vom Feinsten.

Information vom Feinsten.

11.00 Uhr, Nähe Wollishofen

Sich endlich wieder mal zum Affen machen! Mit Schnaps und Maske. 11.00 Uhr

Sich endlich wieder mal zum Affen machen! Mit Schnaps und Maske. 11.00 Uhr

Erste Raver machen sich warm für die Parade. Eine Flasche Hochprozentiges, jede Menge Bier und eine Maske, damit niemand erkennt, wer sich später besoffene Peinlichkeiten leistet. Pardey on!