Beiträge mit dem Schlagwort ‘Lebensqualität’

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 7. Oktober 2016

«Magere Mädchen verdienen nicht gut.
Gefragt sind frauliche Kurven.»

Mona ist eine Puffmutter. Sie stieg eins aus Not ins Bordellbusiness ein. Heute sieht sie ihre Arbeit aber als sozialen Dienst. Ihr Ziel: Sie möchte, dass der Gast in ihrem Bordell in Schlieren ein schönes Erlebnis hat. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

«Willkommen in der Bananenrepublik Schweiz.»

Lukas Meier hat mächtig Ärger, obwohl es die Mutter nur gut mit ihm meinte. Er hat von ihr das Elternhaus geschenkt bekommen. Der arbeitslose Mann, der am Asperger-Syndrom leidet, wollte sich damit seine Existenz sichern. Aber er hat die Rechnung ohne den Denkmalschutz gemacht. Jetzt muss er noch mehr Steuern zahlen. Das macht ihn stinkwütend. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Wenn ich mit dem Velo durch die Stadt fahre.»

Die Schauspielerin Barbara Terpoorten auf die Frage, wie lange sie nach den Ferien braucht, bis sie sich in Zürich das erste Mal wieder so richtig nervt. Die Stadt wäre ihrer Meinung nach viel schöner ohne so viel Verkehr. (Foto: Dominique Meienberg)

 

«Tampons gelten als Luxusprodukt.
Das sehen wir anders.»

Da staunten die Zürcherinnen und Zürcher nicht schlecht: Junge Aktivistinnen haben das Wasser von zehn städtischen Brunnen rot gefärbt (keine Angst, es wurde umweltschonende Farbe verwendet). Sie protestierten damit gegen die teure Tampon-Steuer wie deren Pressesprecherin Carmen Schoder sagte. Hinter der Aktion steckte auch die Unia. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Geissböcke stinken wirklich. Sie urinieren sich
selber ins Gesicht.»

Was macht eine Zürcherin auf der Alp? Rona Diem wollte es wissen und verbrachten diesen Somer ihren ersten Alpsommer im Bündnerland. Der ist nun vorbei und die 36-Jährige ist wieder in Zürich. Was sie auf der Alp gelernt hat: Käsen, Melken und Töfffahren. Was sie vermisst hat: Vieles, sogar den hinterhältigen Hahn Napoleon. (Foto: PD)

 

«Er schüttelt allen die Hände,
aber erreicht hat er bisher wenig.»

Man kann es als Zürcher Stadtrat nicht allen Recht machen: Das weiss auch Tiefbauamt-Vorsteher Filippo Leutengger (FDP). Die Kritik der Linken an ihm wird schärfer. Vorwurf: Er verschleppe unbeliebsame Projekte, um die eigene Klientel zu verärgern. Auch SP-Gemeinderätin Simone Brander hält mit Kritik an Leutenegger nicht zurück. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Um draussen in der Welt etwas zu erleben,
braucht es wenig.»

Der Autor Heinz Emmenegger gibt beim Schreiben gerne einmal das Ruder aus der Hand. Wer genug zahlt, kann den seinen neuen Roman inhaltlich sogar beeinflussen. Eine entsprechende Aktion läuft derzeit auf der Crownfounding-Plattform We make it. (Foto: Sabina Bobst)

 

«Es ist eine Notlösung und nichts weiter.»

Schmalspurig unterwegs: Die Stadt Zürich malt seit neuestem in mehreren Quartieren für die Velofahrer  gelbe Streifen auf die Fahrbahn. Sie sollen Autos auf Distanz halten. Ein richtiger Velostreifen sieht aber anders aus. Das sieht auch Res Marti so, Präsident Pro Velo Zürich. (Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

 

«Meine Söhne sind volljährig.»

(Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Der Stadtrat will mehr Ruhe auf dem Koch-Areal. Er droht mit einem Veranstaltungsverbot und präsentiert einen Vier-Stufen-Plan bei Regelverstössen. Ob sich seine Söhne auf dem besetzten Grundstück in Albisrieden aufhalten, wie immer wieder kolportiert wird, wollte der zuständige AL-Stadtrat Richard Wolff vor den Medien nicht beantworten. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Vegan extrem

Miklós Gimes am Mittwoch den 18. November 2015

_gimesEine der Köchinnen im Hort sei Veganerin, erzählten meine Söhne. Vegan, das Wort habe ich als Kind nicht gekannt. Zum ersten Mal hörte ich es vielleicht vor zwanzig Jahren. Es klang extrem. Extrem wie die Musik von Nine Inch Nails. Oder wie Zungenpiercing. «Sie isst nichts, was von den Tieren kommt», wusste der Älteste. «Sie sagte, Kühe brauche es nicht

«Meine Mitbewohnerin ist Veganerin», sagte meine Patentochter, die auch am Tisch sass. Deborah, so heisst sie, gehe mit Einkaufssäcken und Eimern am Abend los und hole Esswaren ab, die in Restaurants, Lebensmittelläden, Bäckereien übrig geblieben seien. «Dann füllt sie unseren Kühlschrank.» Berge von Sandwichs, Armeen von Joghurts, alles an der Datumsgrenze.

Ich erkannte Deborah an den rötlichen Haaren und ihren unglaublichen Augen. Sie wartete vor der ETH, wo sie im zweiten Jahr Agronomie studiert. Sie ist 20. Das Fach habe sie gewählt, um später in einer NGO arbeiten zu können, sagte sie. Als sie zum Studium aus dem Tessin nach Zürich gekommen sei, hatte sie einen Freund, der Abfälle aus Containern holt, Dumpster-Diving oder Mülltauchen nennt man die Bewegung. Es sei unvorstellbar, was man in den Züri-Säcken finde, volle Weinflaschen, Gemüse, Früchte, ungeöffnet in Plastik verpackt.

So kam sie zum Foodsharing. In Zürich gebe es etwa zwanzig Betriebe, die bereit seien, unverkaufte Lebensmittel abzugeben. Am Abend tauchen Deborah und ihre Freunde auf und holen die Ware, sie zeigte mir ihren Ausweis, «Foodsaver» steht da. Dann werden die Lebensmittel verteilt oder nach Hause genommen, ein Teil geht in die öffentlichen Kühlschränke, welche die Bewegung unterhält, sie stehen im Kreis4 (die genauen Standorte finden sich auf www.foodsharing.de), man kann nehmen und bringen, so viel man will. Bald soll ein weiterer Kühlschrank in Schwamendingen stehen.

Aha, denke ich, Deborah kann mir etwas über die Armut in Zürich erzählen, über die Penner, die Namenlosen, die Alleinerziehenden, die von Ladenresten leben. Zu den Mülltauchern gehörten ein paar Einzelgänger, die sich aus den Kehrichtsäcken ernährten, sagt Deborah. Aber der Bewegung gehe es nicht um Umverteilung, in Zürich gebe es genug zu essen. «Wir retten Lebensmittel. Wir produzieren Nahrung für elf Milliarden Menschen, und dabei leben bloss acht Milliarden auf dem Planeten. Viel zu viel», sagt sie. Die Nahrungsmittel seien viel zu billig, deshalb würden sie achtlos fortgeworfen, am schlimmsten seien private Haushalte. Am Foodsharing gefalle ihr, dass jeder seinen kleinen Beitrag leisten könne, kleine Schritte. Sie habe gelernt, von Resten zu leben.

«Wann warst du zum letzten Mal einkaufen?»

«Vor sechs Wochen vielleicht, ein paar Flaschen Bier.» Veganerin ist Deborah seit drei Jahren, seit sie weiss, wie Kälber und Legehennen gezüchtet werden, wie früh ein Mastschwein stirbt. «Wir leben in einer Gesellschaft, in der man aufeinander schauen muss.» Ich höre ihr zu und denke, wie verdammt schwer es ist, ein anständiges Leben zu führen, besonders in der Saison der Metzgete. Deborah sagt: «Man kann sein Leben immer ändern.»

Wem gehört die Stadt?

Alex Flach am Montag den 4. Mai 2015
Haben Clubbesucher und die Nightlife-Industrie gleich viele Rechte wie die Anwohner?

Haben Clubbesucher und die Nachtschwärmer gleich viele Rechte wie die Anwohner?

Eine Stadt lebt nicht nur in den Wohnungen ihrer Bewohner. Sie lebt in ihren Strassen, ihren Cafés, ihren Bars und Clubs. In den meisten Grossstädten existieren «Problemviertel», wobei es meist eben diese Gegenden sind, die durch ihre Quirligkeit dafür sorgen, dass eine Grossstadt als solche wahrgenommen wird.

Oft sind es die Epizentren der Nachtgastronomie, die unter der zweifelhaften Überschrift Problemviertel eingeordnet werden. Dass der Lärmpegel in solchen Vierteln höher ist als anderswo, liegt in der Natur der Sache und dass eine Stadt ein lebendiges Nachtleben braucht, dürfte mittlerweile nicht mehr Ausgangslage der Diskussion sein: Die Lebensentwürfe der Menschen haben sich in den letzten Jahrzehnten dahingehend verändert, dass auch Eltern in der Mitte ihres Lebens ihren Nachwuchs gerne mal in Obhut von deren Grosseltern geben, um eine Nacht lang in den Clubs feiern zu können – sie sind mit der elektronischen Musik aufgewachsen, die heute die Charts bestimmt und deren kreative Quelle noch immer in den Clubs liegt.

Obwohl sie diesem Umstand Rechnung tragen müssten, stellen die Behörden zumeist auch in ihren vom Clubbing geprägten Strassenzügen die Anliegen und Befindlichkeiten der Anwohner über jene der Leute, die diese aufsuchen, um dort eine gute Zeit zu geniessen. Beispiele dafür gibt es viele, so konnte in St. Gallen ein einzelner Neuzuzüger dem traditionsreichen Club Kugl den Betrieb beinahe verunmöglichen, obschon das Kugl nicht in einer Wohnzone liegt, sondern in einer gemischten Wohn- und Gewerbezone. Auch in anderen Schweizer Städten gehen immer wieder einzelne Anwohner erfolgreich gegen Clubs vor, in denen an den Wochenenden Abend für Abend hunderte Partygänger feiern.

Trotz der Zürcher Morgenröte, initiiert durch die klaren Bekenntnisse Corine Mauchs und Richard Wolffs zur städtischen Clubszene, können auch hier ein paar wenige Anwohner mit Beschwerden und Klagen dutzenden Bars und Clubs das Leben schwer machen. Aktuell versuchen dies gerade 115 Bewohner der Langstrasse, die mit einem eingeschriebenen Brief den Stadtrat auffordern, etwas gegen den Lärm und Abfall, verursacht durch den allnächtlichen Partybetrieb, zu unternehmen und das, obschon die Nachtleben-Betriebe an der Langstrasse das Milieu erfolgreich zurückgedrängt haben, ganz so, wie von der Stadtplanung wohl vorgesehen.

Die Meinungen zu dieser Aktion der Langstrasse-Anwohner sind von einer Einseitigkeit, die ihresgleichen sucht. Folgender Kommentar unter dem entsprechenden Beitrag der Gratiszeitung 20minuten generierte 968 Likes bei gerade mal 59 Dislikes: «Wer an die Partymeile zieht, muss sich nicht wundern, wenn es laut wird. Man zieht ja auch nicht neben einen Bahnhof, Flugplatz oder eine viel befahrene Strasse und beschwert sich wegen des Lärms. Solche Menschen machen unnötig Probleme und verursachen am Ende nur Aufwand und Kosten». Natürlich: Ziemlich undifferenziert und wohl auch unfaire Worte. Aber ist die Aussage der 115 Langstrasse-Anwohner und -Beschwerdesteller, der «allnächtliche Partybetrieb an der Langstrasse ist eine stadtzerstörende Sauerei», etwa differenziert und fair? Die Langstrasse mit ihrem einzigartigen Eigenleben gehört allen Stadtbewohnern und nicht nur ihren Anwohnern.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Elitäres Zürich

Réda El Arbi am Dienstag den 21. April 2015
Die richtigen Klamotten, die richtigen Marken, die richtigen Cafes, die richtigen Freunde: Zugehörigkeit erzeugt Selbstwert.

Die richtigen Klamotten, die richtigen Marken, die richtigen Cafes, die richtigen Freunde: Zugehörigkeit erzeugt Selbstwert.

Ein Bekannter von mir ist vom Land in die Stadt gezogen und hat mich mit seinem Intergrationsprozess wieder mal auf eine Zürchersche Besonderheit aufmerksam gemacht: Wir Zürcher verstehen uns als weltoffenes und aufgeschlossenes, tolerantes Völkchen.  Wir denken gerne von uns als urbane, soziale Speerspitze der Schweizer Gesellschaft. Aber stimmt das wirklich?

Der Alltag in Zürich ist nämlich geprägt von ausgrenzenden und elitären Gruppen. Nein, ich meine nicht die Zünfter. Die haben dieses Verhalten vielleicht irgendwann mal eingeführt und ritualisiert. Aber ich spreche von den ganzen normalen Szenen. Der Kunstszene, der Clubszene, dem politischen Umfeld, dem Stammcafe etc.

Ein hervorragendes Beispiel ist die hermetische Alternativ-Kunst-Besetzerszene: Man sieht sich selbst als Elite, versteht sich durchaus als weltoffen, verweigert aber allen, die nicht denselben Hintergrund haben und schon seit Jahren dazugehören sowohl das Gespräch wie auch den Zugang. Menschen, die einen anderen politischen Hintergrund haben, werden als «Feind» und Gefahr verstanden. Genauso in der Fankultur der Zürcher Fussballclubs.

Oder aber die Clubsszene. Da ist es fast am Krassesten: Es werden nur Leute in den Club gelassen, die dem selbst definierten Coolnessfaktor entsprechen. Und da gibts natürlich noch die Elite innerhalb der Elite. Die Leute, die alle kennen und die immer auf der Gästeliste stehen wollen. Und die sehen «Neue» nicht mal mit dem Hintern an, von einem freundlichen Willkommen keine Spur. Natürlich gehören da Menschen dazu, die sich für Asylsuchende stark machen. Diese würden sie natürlich sofort ins Land lassen, in den «eigenen» Club der Wahl aber niemals.

Man muss im richtigen Quartier wohnen, weil der Rest ist ja nicht wirklich «Zürich». Man kleidet sich mit den «richtigen» Marken, hört die «richtige» Musik (die meist – wie weltoffen! – aus Berlin oder London importiert wurde) und kennt vor allem die «richtigen» Leute – Clubfolk, Künstler, Medienfuzzis, DJs, Szenegrössen. Die sprichwörtliche Zürcher Arroganz kommt oft aus dem Bedürfnis heraus, unbedingt etwas «Besonderes» sein zu wollen.

Abgrenzung und Ausgrenzung ist für manche Zürcher sehr wichtig. Man definiert sich über die Zugehörigkeit zu einer Szene, schöpft Selbstwert aus dem Status, den man innerhalb dieser Peergroup bekommt. Davon kann jeder Zugezogene ein Liedchen singen. Und natürlich vergisst man sofort, dass man zugezogen ist, wenn man sich einen kleinen Platz in einer  Szene erschlichen hat. Und grenzt dann gleich als erstes neu Zugezogene aus.

Das Verhalten unterscheidet sich eigentlich nicht von dem in einem kleinen Bergdorf, in dem man noch Jahre nach dem Zuzug «der fremde Fötzel» ist. Die verschiedenen Quartiere grenzen sich in ihrem Selbstverständnis so voneinander ab wie der klischierte eigenbrötlerische Bergler, der den Einwohnern des Nachbardorfs nicht traut.

Natürlich sind nicht alle Zürcher so, im Gegenteil. Wahrscheinlich sind 350 000 Zürcher ganz normale, tolerante Menschen. Es sind diejenigen, die in jedem zweiten Satz erwähnen müssen, dass sie aus Zürich sind. Die von sich glauben, sie machen den urbanen Wert der Stadt aus und das jedem unter die Nase reiben müssen.

Wer seinen Selbstwert aus seiner Zugehörigkeit zu einer Szene generiert, versucht oft, seinen Elite-Status zu beweisen, indem er auf Andere herunterschaut. Psychologie, 1. Semester.

Vielleicht sollten wir Toleranz, Offenheit und Aufgeschlossenheit erst mal im Alltag selbst üben. Wir könnten uns mit Andersdenkenden vernetzen und uns aus unserer gemütlichen, schonenden, geistigen Blase, in der wir es uns bequem gemacht haben, befreien und auf Fremde in der eigenen Stadt zugehen, bevor wir uns so weit über die Leute stellen, die Ausgrenzung zu einem politischen Programm gemacht haben.

Toleranz und Aufgeschlossenheit ist nämlich billig, solange wir sie als Lippenbekenntnisse und nicht als Herausforderung im Alltag verstehen.

Wir fordern ÖV-DJs!

Réda El Arbi am Mittwoch den 8. April 2015
Viele Leute würde auf einen ÖV mit Soundtrack umsteigen. Ehrenwort!

Viele Leute würden auf einen ÖV mit Soundtrack umsteigen. Ehrenwort! (Bild: westnetz.ch)

Mit Erschrecken habe ich letzthin lesen müssen, dass den Zürcher Busfahrern das Radiohören verboten ist. Sie könnten damit die Fahrgäste stören. In anderen Gegenden (wie Winterthur) dürfen die Chauffeure leise Musik hören.

Ich weiss jetzt aber wirklich nicht, was besser für die Verkehrssicherheit und für das Wohlbefinden von Fahrer und Passagieren ist – wenn den Busfahrern Musik verboten ist, oder wenn die Busfahrer dauernd Werbejingles und langweiliges Gelabber der jeweiligen Lokalradios hören.

Grundsätzlich denken wir vom Stadtblog, dass es den Tram-, Zug-, und Busführern im ganzen Gebiet des ZVV gestattet werden sollte, ihre eigenen Playlists zusammenzustellen und über die Lautsprecheranlage laufen zu lassen. Das würde die Atmosphäre im ÖV mit Sicherheit entspannen.

Stellwerkstörungen und Wartezeiten liessen sich sicher besser überstehen, wenn man zu Stones «2000 Lightyears From Home» herumträumen kann. In den ersten Bus- und Tramfahrten morgens wären nicht so viele griesgrämge Gesichter zu sehen, wenn Seeeds «Aufstehn» aus den Boxen schallt.

Ausserdem wirkt Elvis Presleys «In The Ghetto» aufmunternd, wenn man den 31er über die Langstrasse bis nach Altstetten nimmt. In Altstetten könnte man dann Police’s «Roxanne! You dont have to but on the red light!» mitsummen, wenn man an den Strichboxen vorbeifährt. Auch wäre es sicher lustig, wenn der 4er am Sonntagmorgen völlig zugedröhnte Partybesucher mit Helene Fischers «Atemlos durch die Nacht» vom Escher-Wyss-Platz zum HB bringt. Eine Art nachträgliche Drogenprävention.

Auch ist der Dichtestress in der S12 erträglicher, wenn wir Stings «Don’t stand so close to me» hören könnten. «Window Shopper» von 50 Cent würde uns am Monatsende durch die Bahnhofstrasse tragen, ohne dass wir frustriert sind. Und wer auf den Bus rennen muss, kommt bei «Stop That Train» von Clint Eastwood & General Saint wieder zu Atem, wenn er sich auf den Sitz fallen lässt.

Auch für die Öffentlichkeitsarbeit des Öffentlichen Verkehrs wäre was gemacht. Die FahrzeuglenkerInnen könnten wie Trucker ein Schild mit ihren Namen – DJ Frau Henggeler oder MC Herr Bieli – vorne ins Fenster stellen. So würden sich vielleicht auch Passagere zu Stosszeiten besser verteilen: «Nei, chumm, mir wartet no eine, das da isch de DJ Rudisüli, de macht Metal. Im Nächschte fahrt DJane Anderegger, die hät meh Electro und so.»

Grundsätzlich täte einer so hektischen und geordneten Stadt wie Zürich Musik im ÖV gut. Deshalb unsere Bitte an die Verantwortlichen bei ZVV und VBZ:

Let the music play!

Politisiertes Nachtleben?

Alex Flach am Montag den 30. März 2015
Kein Sinn für Ironie: Den eigenen, selbstgekauften Technikmüll als Zeichen des Widerstandes benutzen?

Kein Sinn für Ironie: Den eigenen, selbstgekauften Technikmüll als Zeichen des Widerstandes benutzen?

Das Berner «Bündnis inexistenter Partykapitalisten» hat zu einer Demonstration gegen die Umnutzung der dortigen Markthalle aufgerufen. Vor zwei Jahren mussten die Bars und Restaurants in der Markthalle mangels Rentabilität schliessen. Die Eigentümer sanierten in der Folge das Gebäude, um es weitervermieten zu können. Am vergangenen Donnerstagabend fanden sich nun mehrere hundert Aktivisten zu einer Protestaktion vor der gleichentags dort eröffneten Media Markt-Filiale ein, um dort alten Elektroschrott zu deponieren. Die Angestellten des Discounters verriegelten die Türen, die Demonstranten begannen Gegenstände in Richtung der Schaufenster zu werfen und die Polizei damit, die Demo aufzulösen.

Die Antikapitalisten in der Hauptstadt geben ihrem Wirken ganz gerne einen Nightlife-Anstrich: Die Reclaim the Streets vom 25. Mai 2013 fand unter dem Motto «Tanz Dich frei» statt. Aber nicht nur die Berner Aktivisten machen auf Nachtleben, auch ihre Zürcher GenossInnen schmücken ihr Tun gerne mit Discokugeln, so auch die ehemaligen Binz-Besetzer, deren «Tanz durch die Stadt» Anfang März 2013 mehr mit Sachbeschädigung oder gar Plünderung zu tun hatte als mit Tanz.

Dank der Verknüpfung solcher Demonstrationen mit Nightlife-Begriffen wirft ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Clubber und Links-Aktivisten in einen Topf, so auch nach der Zürcher Reclaim The Streets von Mitte Dezember.

Das ist Blödsinn, denn politischer Aktivismus und die Gastro-Szene haben nichts miteinander zu tun: Nach der Reclaim The Streets vom vergangenen Dezember zählten Lokale wie das Le Chef von Meta Hiltebrand und das Neo von Gregory Schmid und Pius Portmann zu den Hauptbetroffenen, einer von Hiltebrands Angestellten wurde gar verletzt. Das überwältigende Mehr der Schweizer Gastronomen sieht sich als leidenschaftliche Teilnehmer am freien Markt und damit keineswegs als Antikapitalisten. Sie müssen Löhne, Lieferanten und Mieten bezahlen und haben oft eine Familie zu ernähren. Sie wollen Gewinn machen und ihre Statements sind meist kreativer und keineswegs politischer Natur.

Den ehemaligen Mietern der Berner Markthalle ist es nicht gelungen, ihre Betriebe in die Gewinnzone zu führen und dass sie schliessen mussten war nichts weiter als das logische Resultat wirtschaftlichen Misserfolges. Hätten all die Leute die nun dem Media Markt die Scheiben eingeworfen haben früher regelmässig in den Lokalen der Markthalle ein Bierchen getrunken oder gegessen, dann würden diese vielleicht noch existieren.

Einsicht ist eine Frage des Alters und der aus ihr erwachsenden Weisheit, gut abzulesen am Werdegang der Roten Fabrik. Das Areal in Wollishofen wurde 1980 und nach den Opernhauskrawallen der Jugendbewegung als Autonomes Jugendzentrum zu Verfügung gestellt. Ein bisschen Politik betreibt die IG Rote Fabrik heute noch, aber primär dirigiert sie heute eine Kultur-Institution, die nach marktwirtschaftlichen Regeln funktioniert, wenn auch mit basisdemokratischen Strukturen. Die Rote Fabrik ist ein gutes Beispiel dafür, wie revolutionäre Ideen irgendwann halt doch in der marktwirtschaftlichen Realität landen. Man kann das vielleicht mit etwas politischer Schminke übertünchen, aber wer auf lange Sicht bestehen will, kommt um den freien Markt nicht herum.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Flirttipps für Zürcher

Réda El Arbi am Mittwoch den 25. März 2015
Checkt euer Beuteschema und passt es der Realität an.

Checkt euer Beuteschema und passt es der Realität an.

Es ist Frühling, und wie jedes Jahr fluten überall die Sexualhormone die Hirne von Männern und Frauen. Überall? In Zürich scheinen da jedes Jahr eher Stresshormone ausgeschüttet zu werden. Um es ehrlich zu sagen: Ohne Zuwanderung aus ländlichen Gebieten, dem Ausland und schwergedopten bzw. alkoholisierten One Night Stands in Clubs wären wir Zürcher schon lange ausgestorben. Unsere Mentalität lässt lockeres Flirten im Frühling einfach nicht zu. Und lockeres Flirten ist das, was irgendwann Nähe entstehen lässt. Und daraus könnte dann auch mehr werden.

Zwinglianisch wie wir sind, gibts bei uns kein Flirten, wenn kein «Abschluss» in Sicht ist. Flirten ist sozusagen die Arbeit, die zum Sex führen soll. Also bemühen wir uns nur, wenn wir einen Koitus anstreben. Bei Frauen führt diese Denke zum Fluchtreflex, bei Männern zu notgeilen Aktionen. Aber merkt euch das: Flirten ist wie Tanzen. Es geht nicht darum, sich möglichst schnell hinzulegen, sondern sich elegant umeinander zu drehen. Deshalb wieder einmal ein paar Tipps, um die verkrustete Geschlechtersituation in Zürich aufzubrechen.

Für Frauen:

1. Zugänglichkeit

Wirkt eisig. Oder verkatert, aber sicher niemals flirty.

Wirkt eisig. Oder verkatert, aber sicher niemals flirty.

Um angeflirtet zu werden, ist es vonnöten, sichtbar zu sein. Gerade jetzt, wenn die Sonne sich wieder zeigt, haben viele Frauen nichts eiligeres zu tun, als sich eine Sonnenbrille von der Grösse eines Solarkraftwerks ins Gesicht zu klatschen. Ehrlich, das mag vielleicht unheimlich stylisch und cool wirken. Es wirkt aber auch so, als ob ihr eure Emotionen in einem alten russischen Panzer spazierenfahrt. Nicht umsonst heisst es «Die Augen sind die Tore zur Seele». Wer seine Augen nicht zeigt, wirkt eher eisig als cool. Natürlich macht es mehr Sinn, der Welt offen und freundlich zu begegnen, als eine Barriere vor dem Kopf zu tragen. Das heisst nicht, dass ihr auf jeden dämlichen Anmachspruch eingehen müsst. Aber eure Autonomie und Souveränität besteht nicht darin, von Anfang an alles abzublocken, sondern offen auf euer Gegenüber zu reagieren. Auch wenns nur eine freundliche Absage ist.

2. Kongruenz

Überlegt euch, welchen Situationen ihr draussen ausgesetzt sein könntet. Kleidet euch so, wie ihr es auch vertragt. Supersexy ist im Club sicher angebracht, kann aber zur Hölle werden, wenn ihr morgens um Vier irgendwo alleine auf ein Taxi warten müsst. Versteht mich nicht falsch, es geht nicht darum, wie andere auf euer Outfit reagieren. Es geht darum, dass ihr euch darin wohlfühlt und souverän mit eurer Umwelt umgehen könnt. Wenn ihr dauernd das Röckchen runterzupfen müssen, weil es sich plötzlich viel zu kurz anfühlt, könnt ihr nicht offen auf einen Flirt reagieren. Und kleistert euch das Gesicht nicht mit Makeup zu. Männer mögen einfach gestrickt sein, aber die meisten können Gemaltes von Echtem unterscheiden.

3. Mitgefühl

Gehen wir davon aus, jemand hat endlich den Mut aufgebracht, ist über ziemlich furchteinflössende drei Meter auf euch zugekommen und hat euch angesprochen. Ja, es kann durchaus sein, dass dieser Mensch nicht euer Typ ist. In dieser Situation ist es angebracht, trotzdem ein paar Sätze diesem Menschen zu wechseln. Beim Flirten hat jeder seinen Preis zu zahlen. Bei Männern ist es der Mut, sich–  trotz wahrscheinlichem Korb – aufzuraffen und einen ersten Schritt zu machen. Bei Frauen besteht der zu bezahlende Preis darin, öfters mal ein wenig Konversation mit Männern zu pflegen, die eigentlich nicht dem Beuteschema entsprechen. Und ehrlich, vielleicht seid ihr überrascht, wie viel Spass es machen kann, unbeschwert mit einem Fremden zu plaudern.

4. Beuteschema

Der vermeintlich «Richtige» kann euch mit dem dämlichsten Spruch anmachen, es funzt. Dafür kann der «Falsche» so originell sein, wie er will, er wird sich einen Korb abholen. Aber Hand aufs Herz: Wie oft hat sich euer herkömmliches Beuteschema als der Volltreffer erwiesen, als der Märchenprinz, den ihr euch in euren schmachtenden Tagträumen ausgemalt habt? Wie oft seid ihr auf denselben gutaussehenden, souveränen Typ hereingefallen, um euch ein paar Wochen oder Monate später mit gebrochenem Herzen und einer Flasche Weisswein bei einer Freundin die Augen auszuweinen? Eben. Öffnet euren Horizont. Es gibt jede Menge Typen, die witzig, liebevoll, unterhaltsam und vor allem keine Vollidioten sind. Nur sind das meist nicht die Alphamännchen, sondern eben die auf den ersten Blick ganz alltäglichen Typen.

5. Initiative

Wir gingen in den ersten vier Tipps von der klassischen, leider noch viel zu verbreiteten Konstellation aus, in der Männer den ersten Schritt machen müssen. Nun, es liegt an euch, das zu durchbrechen. Ein freundliches Wort oder ein Lächeln können der Beginn eines Flirts werden. Es reicht manchmal einfach nicht, attraktiv irgendwo rumzuhängen, cool in die Luft zu starren und vom Gegenüber zu erwarten, dass er die Bereitschaft zum Flirt an eurer Stirn abliest. Männer sind keine Hellseher. Dazu sind wir meist noch unsicher und lassen im Zweifelsfalle lieber eine Gelegenheit aus. Was dann zu Schatzchäschtli-Einträgen wie «Letzten Dienstag im Tram 5, Du blond, ich mit grauer Jacke. Hab deinen Blick … blablabla». Los, macht den ersten Schritt.

Für Männer:

1. Kongruenz

Ihr seid nicht George Clooney oder irgendein Superheld. Wenn ihr’s wärt, würdet ihr nicht hier beim Lesen dieser Tipps verweilen. Also versucht auch nicht, den supercoolen Typen zu spielen. Sollte ein Flirt nämlich länger als dreissig Sekunden dauern, würde euer Gegenüber euch durchauen und ihr steht mit abgesägten Hosen da. Sei dich selbst. Sprich über Dinge, die du kennst, die dich begeistern. Selbst wenns deine Modelleisenbahn ist: wenn du Leidenschaft dafür empfindest, wirkt die Modelleisenbahn sexier als jedes aufgesetzte In-Thema über das die Hipster der Stadt gerade labern.

2. Keine Bühne

SlapDie Welt ist keine Bühne und auch kein Marktplatz. Also halte dich mit Show und Selbstanpreisungen zurück. Vielleicht schafft ihr es, ein Gespräch zu beginnen. Verderbt  nicht alles, indem ihr euer Gegenüber zuquatscht. Führt  ein Gespräch, hört zu. HÖRT IHR ZU! *Patsch an den Hinterkopf* Sollte die Dame nämlich mehr als eure Libido ansprechen, ist es von Vorteil, wenn man nicht erst nach zwei Wochen herausfindet, dass sie dumm wie Brot ist. Ausserdem schaffen Gespräche Intimität. Monologe schaffen Langeweile.

3. Training

Das Ziel des Flirtens ist nicht Sex, sondern Intimität, Nähe. Daraus kann durchaus Sex entstehen, muss aber nicht. Deshalb kann man(n) durchaus auch mal flirten, wenn absolut kein Beischlaf dabei herauskommen könnte. Also, ein dahingeworfener, freundlicher Satz, ein Kompliment im Vorbeigehen, ein Lächeln ohne Konsequenz. Das hat zwei Vorteile: Erstens macht man damit einem Gegenüber den Tag etwas schöner – und zweitens (wichtiger!) bekommt man etwas Übung in unverkrampfter Konversation, was für das Flirten unabdinglich ist. Also, los gehts!

4. Beuteschema

Ich verrat euch jetzt mal ein Geheimnis, liebe Männer: Nähe, Intimität und Erotik entstehen in der Realität und nicht in euren Hollywoodvorstellungen einer geilen Frau. Und genauso, wie ihr keine George Clooneys seid, genauso ist euer Gegenüber selten eine Charlyze Theron. Also sucht euch jemanden, mit dem ihr euch wohl fühlt, und nicht jemanden, mit dem ihr dann bei den Kumpels angeben wollt. Schönheit liegt im Auge des Betrachters, sagt man. Wenn ihr aber auf allen Augen blind seid und nur mit dem Ego oder euren Pornovorstellungen sucht, werdet ihr bald ziemlich frustriert sein. Ah, ihr seid schon frustriert? Dann ist es höchste Zeit. Sprecht mit den Frauen um euch herum, nicht mit den Supermodels in eurer Fantasie.

5. Romantik

Liebe Männer, die meisten von euch verwechseln Romantik mit Kitsch. Vergesst, was ihr in Hollywoodfilmen gelernt habt. Kerzen und Rosen funktionieren vielleicht, wenn ihr mal fünfzehn Jahre verheiratet seid, aber auch da eher nicht. Wenn ihr also wirklich die ersten Hürden überwunden habt und vor einem Date mit einer Frau steht, versucht nicht, künstlich irgendeine Art von «Bachelor»-Kitsch vorzubereiten. Lasst euch nicht täuschen, auch wenn die Dame auf Facebook andauernd Sonnenuntergänge, Pferde und Blüemli mit wahnsinnig tiefen Lebensweisheiten in Schnörkelschrift postet, bei einem ersten Date ist Realität gefragt. Macht Komplimente, die ihr noch nirgends gehört habt. Versucht nicht, die erotische Anziehung mit vorgespielten Gefühlen zu kaschieren. Ihr trefft die Dame zum ersten Mal. Vielleicht seid ihr ein wenig verknallt, aber faselt nichts von Liebe. Geniesst die Zeit, die ihr zusammen verbringt und nicht die Zeit, die ihr gerne in Zukunft mit ihr verbringen würdet.

So, liebe Zürcherinnen und Zürcher,

wenn ihr es langsam angeht, ehrlich bleibt und für einmal nicht auf Erfolg, sondern auf Kommunikation aus seid, kanns sogar funktionieren. Und noch was: Es wird nicht sofort klappen. Ihr braucht 20 – 30 Versuche, bis was draus wird. Also arbeitet an eurer Frustrationstoleranz.

Schönen Frühling wünsche ich!

Verletzter Stolz

Alex Flach am Montag den 23. März 2015
Im Nachhinein bestätigt: Solche Typen sollte man nicht in den Club lassen.

Im Nachhinein bestätigt: Solche Typen sollte man nicht in den Club lassen.

Der Ablauf, der zu Gäste-Ausrastern an Clubtüren führt, ist zumeist derselbe: Erst langes Warten in der Schlage, dann an der Kasse die Abweisung und, als Tüpfelchen aufs i, eine unglaubwürdige Begründung der Schmähung obendrauf: «Wir sind zu voll», «zu viele Männer, daher kein Eintritt ohne weibliche Begleitung» und «wir schliessen demnächst». Spätestens wenn der Nächste in der Schlange mit Handschlag begrüsst und eingelassen wird, sind diese Begründungen nur noch Ausreden, die den Eindruck des unerwünscht seins weiter verstärken.

Mutige, Alkoholisierte und alkoholisierte Mutige gehen dann umgehend in einen Infight mit dem Türpersonal. Selbstverständlich nicht mit Fäusten, sondern mit Worten, wobei diese Gefechte immer gleich enden: Der Abgewiesene zottelt irgendwann von dannen und das Türpersonal der Clubs ist um etwas Zeit und viele Nerven ärmer.

Seit sich Smartphones durchgesetzt haben, gehen die Türkämpfe oftmals in eine weitere Runde: Die Geschmähten nutzen die Wegzeit zum nächsten Taxistand um den Clubbetreibern via Facebook-Nachricht mitzuteilen, was sie von ihnen und ihrem Personal halten. So auch ein gewisser D.M., der einem ihn abweisenden Zürich West-Club folgenden (unvollständig wiedergegebenen) Facebook-Monolog übermittelt hat:

03:11 «Fuck Off! Drecks-Schuppen!»

03:17 Uhr «Idioten!»

03:31 «Ihr seid behindert!»

05:43 «Ans Telefon gehen könnt ihr auch nicht!»

05:43 «Vollmongos!»

05:44 «Drecks Drogenschuppen»

05:44 «Keine Stellungnahme… weder per Text oder per Telefon»

06:43 «Armselig»

06:43 «Hoffe Ihr verreckt»

Später gleichentags, um 16:03: «Eure Türpolitik ist doch voll beschissen… Ihr, bzw. die Türsteher haben uns nicht einmal sagen können warum wir nicht rein dürfen. So etwas habe ich noch nie erlebt! Was denkt Ihr eigentlich wer Ihr seid?! Nicht einmal per Telefon habt Ihr Stellung nehmen können».

Nun ist es so, dass nicht allzu viele Clubs ein Sorgentelefon für düpierte Nachtschwärmer führen, das morgens um halb 3 Anrufe enttäuschter Abgewiesener entgegennimmt. Zudem dürfen Clubs frei entscheiden wen sie reinlassen und wen nicht, solange sie sich dabei an die gesetzlichen Vorschriften bezüglich Alkoholverkauf an Minderjährige halten und zwar ganz ohne Stellung nehmen zu müssen. Drittens: Wer tatsächlich eine gut gemeinte und fundierte Erklärung erwartet, warum er am betreffenden Abend nicht eingelassen wurde, sollte sein Anfrage vielleicht nicht mit einem «Fuck Off! Drecks-Schuppen!» eröffnen…

D.M. ist beileibe kein Einzelfall: Immer häufiger müssen sich die Social Media-Verantwortlichen der Clubs mit solchen Facebook-Nachrichten auseinandersetzen. Vor allem junge Clubber kommen mit einer Abweisung nur schwer klar. Haben sie jedoch früher ihren Ärger meist woanders mit ein, zwei Bierchen runtergespült, machen sie diesem immer häufiger gleich vor Ort oder etwas später in den sozialen Medien Luft. Oft zur Freude der Clubmacher, die solche Attacken (nicht ganz zu Unrecht) als Bestätigung ihrer Türpolitik werten: Wer zu ungehaltenen Ausbrüchen tendiert wie D.M., hat in einem Club eigentlich nichts verloren.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Wehret den Anfängen!

Réda El Arbi am Mittwoch den 18. März 2015
Schützt uns vor dem Untergang der Zivilisation: Sitzverbot im Bahnhof.

Schützt uns vor dem Untergang der Zivilisation: Sitzverbot im Bahnhof.

Es dauerte ein paar Sekunden, bevor ich die Botschaft des Verbotsschildes auf der Bahnhoftreppe bei Landesmuseum verstand: «Sitzen verboten». Unbedarft wie ich bin, dachte ich mir, dass es sicher einen guten Grund für das Verbot, sich auf die Treppen zu setzen, geben musste. Mir wollte nur ums Verrecken keiner einfallen. Also fragte ich bei einer Bekannten nach, die für die Bahnhofsicherheit arbeitete.

Sie meinte, es sei nicht  nur verboten, auf den Treppen zu sitzen, es gebe laut «Hausordnung» im ganzen Areal des Hauptbahnhofes ein Verbot, sich auf den Boden zu setzen oder zu legen. Damit wolle man Randständige davon abhalten, im Bahnhof herumzugammeln. Oder Jugendliche daran hindern, am Wochenende alkoholisiert im Bahnhof zu nächtigen, zu randalieren und Leute anzupöbeln. Die Hausordnung umfasst nebst «Sitzen und Liegen auf Boden und Treppen» das «Mitführen frei laufender Hunde» oder das «Füttern von Vögeln», und vor allem verbietet die Bahnhofordnung «ungebührliches Verhalten» gegenüber Reisenden oder gegenüber dem SBB-Personal.

Das scheint mir einleuchtend. Schliesslich ist das Sitzen auf Treppen der erste Schritt zu Sodom und Gomorrha. Darum auch kein Schild «Leute anpöbeln verboten», sondern eben ein «Sitzen verboten»-Schild, auf dem die «Null-Tolleranz»-Politik der SBB vollständig zum Tragen kommt. Ist ja nur konsequent. Schliesslich hatte man damals auch die Sitzbänke im ganzen Bahnhof mit Einzelsitzschalen umgebaut, damit sich Randständige nicht hinlegen können.

Wie sähe dass denn aus, wenn sich diese komischen Leute, nachdem sie ihren Fusel im Schnapsladen im Bahnhof gekauft haben, betrunken in Sichtweite der gutzahlenden SBB-Kunden herumliegen würden? Kaum würde man das zulassen, würden die wohl gleich ganze Camps aufbauen. Diesen Randständigen ist alles zuzutrauen.

Und auch die Jugendlichen, die sich im «Drinks of the World» mit Wodka und Shots in kleinen Flaschen eindecken, sollen ihren Spass woanders haben. Sie könnten ja laut werden.

Umhimmelsgottsswillen.

Es lägen auch feuerpolizeiliche Gründe vor, um die Treppen freizuhalten. Das ist gut nachzuvollziehen, sehe ich doch schon diese renitenten jungen Menschen vor mir, die bei Massenpanik und Grossbrand auf der Treppe sitzen bleiben und erst ihr (im Bahnhof gekauftes) Sandwich fertigessen, bevor sie die Leute fliehen lassen.

Aber wie siehts denn mit den Reisenden aus? Die Security sei kulant, meinte meine Bekannte, die auf keinen Fall namentlich in dieser Geschichte über Recht und Ordnung erscheinen will. Wenn jemand sich mal auf den Boden setze, um auf den nächsten Zug zu warten, werde er wohl nicht weggeschickt. Nur Gruppen von Sitzenden würden weggewiesen. Also auch die fünfköpfige Familie, die drei Stunden auf den Anschlusszug nach Mailand warten muss? Ja, auch die.

Schliesslich hat die SBB den neuen schönen Bahnhof in auszeichnungswürdiger Steriloptik nicht mit unserem Geld gebaut, damit da Menschen mit ihrer Anwesenheit die atmosphärische Wirkung kaputtmachen. Auf dem Modell der Planer sassen ja auch keine Leute auf den Treppen.

Es sei ja nicht so, dass die Bahnpolizei oder die Kapo, die für den Bahnhof verantwortlich sei, den ganzen Tag herumgehe und Leute wegweise. Es sei einfach so, dass man mit Hausordnung und den Verbotsschildern eine Handhabe gegen unerwünschte Anwesende habe. Hm, klever. So kann man also dann selbst entscheiden, wem das Sitzen auf Treppen gestattet wird, und wer damit die «öffentliche Ordnung» stört. Selektiv-präventive Verbote. Das ist ungemein praktisch.

Aber grundsätzlich geht mir das einfach nicht weit genug. Denn Ansammlungen können auch entstehen, wenn Leute auf der Treppe rumstehen. Um die allgemeine Ordnung zu stören muss man ja nicht sitzen oder liegen. Viel effektiver wärs, wenn da gar nicht erst Menschen hinkämen, die sich setzen oder hinlegen könnten. Man müsste also den Bahnhof grundsätzlich von störenden Menschen abriegeln. Aus den Neunzigern ist ja noch die Bahnhofsverriegelung übrig, eine im Boden versenkte Stahlwand, die den Bahnhof bis auf wenige Ein- und Ausgänge hermetisch abriegelt. So könnte man an den Durchgängen checken, ob der Bahnhofbesucher eine Gefahr für die öffentliche Ordnung oder das ästhetische Empfinden darstellt und ihn im Zweifelsfalle schon gar nicht erst in den Bahnhof lassen.

Und ganz im Sinne einer «Null Toleranz»-Gesellschaft fordere ich: «Wehret den Anfängen! Sonst seht ihr dann schon, wo das alles enden wird! Ehrewort!»

Eine Gefahr für Sitte und Ordnung! (Bild aus dem Internet geklaut).

Eine Gefahr für Sitte und Ordnung! (Bild aus dem Internet geklaut).

 

Clubben mit Senioren

Alex Flach am Montag den 16. März 2015
Hätten wir mit unseren Eltern die Wochenenden durchfeiern wollen?

Hätten wir mit unseren Eltern die Wochenenden durchfeiern wollen?

«Wer älter ist als dreissig Jahre, hat in einem Club nichts zu suchen» – noch Anfang der 90er Jahre hatte diese Regel durchaus Gültigkeit: Wer die eigenen roaring Twenties gut erkennbar hinter sich gelassen hatte, erntete damals im Kaufleuten oder im Gothic mitfühlende Blicke, geknüpft an die unausgesprochene Aufforderung, sich doch bitte nach einem zeugungsfähigen Partner zur Familiengründung und einem passenden Reiheneinfamilienhaus umzuschauen. Auch wenn die Clubbesitzer wie Freddy Müller oder Jean-Pierre Grätzer bereits damals einer älteren Generation angehörten, ihre Gäste waren zumeist knallgrün hinter den Ohren.

Heute streben die Clubs ein Publikum an, dessen Durchschnittsalter weit über jenem zu Zeiten der ersten Street Parades liegt. Dies gilt nicht nur für Lokale mit Ü30-, Ü40- oder ähnlich anrührigen Partylabels für graue Panther im Programm, sondern auch und vor allem für elektronische Clubs, die oft keine Gäste unter 21 Jahren einlassen. Dies bedeutet aber nicht, dass man mit 21 bereits das Wunschalter der Clubchefs erreicht hat: Wer die Tanzfläche voller 21jähriger hat, muss sich heutzutage die Frage gefallen lassen, ob er nicht doch lieber eine Kindertagesstätte eröffnen möchte.

Waren es früher die älteren Semester die despektierliche Blicke ernteten, sind es heute vor allem die jungen Clubgäste, die sich bisweilen unerwünscht fühlen.

Mit dem Techno-Boom Anfang der 90er und dem Fall des alten Wirtegesetzes ein paar Jahre später wurde das Nachtleben vom Betätigungsfeld einiger weniger Exoten zu einer rasant wachsenden Branche mit vielen neuen Stellen, die nicht selten noch immer von denselben Leuten besetzt werden wie damals. Aus einigen ehemaligen Partyveranstaltern wurden zwar zwischenzeitlich Clubbesitzer, aber über den Daumen gepeilt wird das Zürcher Nachtleben von Leuten betrieben, die sich seit zehn Jahren und länger in diesem Umfeld betätigen. Da sich nun niemand gerne im eigenen Geschäft wie ein Greis fühlt, versuchen die Gastgeber das Alter ihrer Gäste dem eigenen häufig anzugleichen.

Dazu gesellt sich das Phänomen der Ewigjugendlichen: 40jährige wohnen heute in WGs und gehen lieber mit Freunden feiern als mit dem Nachwuchs spazieren. Aber selbst Kinder sind längst kein Grund mehr, sich nicht die eine oder andere Nacht in den Clubs um die Ohren zu schlagen – wozu gibt es denn Grosseltern, wenn nicht aus Gründen der Enkel-Betreuung?

Clubbing ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten vom exklusiven Vorrecht Zwanzigjähriger zu einem festen Teil der Freizeitgestaltung mehrerer Generationen geworden. Noch gibt es Ü16-Partys die einem Publikum zwischen 16 und 20 Jahren vorbehalten sind und Ü40-Partys, an denen niemand tanzen darf, der in seinem Sportverein noch nicht zu den Senioren zählt. In vielen elektronischen Clubs jedoch feiern die Generationen miteinander. Vielleicht wird diese Entwicklung künftig gar zur Lösung des Kommunikationsproblems zwischen Jugendlichen und Betagten, die sich wohl bald über die neusten Veröffentlichungen von elektronischen Musiklabels wie Stil vor Talent oder Innervisions unterhalten können.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.