Beiträge mit dem Schlagwort ‘Lebensqualität’

Eine Glacegeschichte (3)

Thomas Wyss am Samstag den 15. Juli 2017

Bevor wir hier weitermachen mit der Zürcher Glacekultur, noch eine wichtige Mitteilung in fremder, aber irgendwie doch auch in eigener Sache. Es geht um Wurstsalat. Und darum, dass am kommenden Samstag auf dem Golfplatz Frick im Aargau die 5. Wusa-WM (das ist die Kurzform für Wurstsalat-Weltmeisterschaft) stattfindet. Und dabei um die sehr, sehr beschämende Tatsache, dass Zürich an diesem Wettkampf noch nie den Titel geholt hat (wenn ich recht informiert bin, reichte es nicht mal für Silber oder Bronze).

Bei der Premiere gewannen Anja und Julia Müller aus Basel. 2014 wars Metzger Schmid aus dem Fricktal, 2015 Stefan Buser aus dem Oberbaselbiet, und im letzten Jahr setzte sich Daniel Felice aus Gipf/Oberfrick gegen eine 38-köpfige Konkurrenz durch.

Hallooo??? In unserer Stadt wird Food aus der ganzen Welt aufgetischt, etliche Cracks schwingen hier den Kochlöffel, auch bei der währschaften Küche sind wir erstklassig aufgestellt, man denke nur an die Schützenruhe, ans Muggenbühl oder Burgstein’s Gasthaus Penalty. Und trotz diesem Gastropotenzial kriegen wir keinen begeisternden Wurstsalat hin? Sorry, aber das ist doch nicht zu glauben!

Darum ist dies hier irgendwie auch ein Aufruf an Zürcher Wusa-Spezialisten, am 22. Juli an diesem Titelkampf unsere blau-weissen Farben zu vertreten (es geht auch als Team, Infos findet man unter www.wurstsalat-weltmeisterschaft.ch). Das Startgeld beträgt 10 Franken, man bringt 200 Gramm Wurstoder Wurst-Käse-Salat mit (da machen die Veranstalter keinen Unterschied), bewertet werden das Aussehen, der Geruch, der Geschmack, die Verarbeitung und letztlich der Gesamteindruck.

Wem das zu kompetitiv ist, kann ja beim sogenannten Publikumspreis mitmachen, in dieser Kategorie wird allein die Kreativität bewertet. Sollte, was wir eigentlich erwarten, jemand aus Zürich – der Kanton gilt ausnahmsweise auch – in die Ränge kommen, würden wir das in dieser städtischen Gebrauchsanleitung gross abfeiern! (Yep, die Sache ist uns tami wichtig.)

So, damit zum eigentlichen Thema. Und da lösen wir jetzt das letzten Samstag gegebene Versprechen ein und verraten (kostenlos!) das famose Eiskaffeerezept aus dem ehemaligen Restaurant Aeschlimann in Wollishofen: Man nehme eine grosse Schüssel (kein Plastik!), gebe dreieinhalb Kugeln Kaffeeglace hinein, danach schöpfe man so viel Schlagrahm (nicht aus dem Bläser, selbst gemacht) dazu, dass die Kugeln rundherum zugedeckt sind. Nun vermenge man Glace und Rahm mit einem nicht zu grossen Schwingbesen sanft, aber doch druckvoll zu einer dickflüssigen Glacecreme. Womöglich denken Sie jetzt: So what? Wegen dieses banalen Gemischs macht der Typ so ein Gschiss?

Nein, macht der Typ nicht. Die wichtigste «Zutat», die wurde nämlich noch gar nicht genannt – der eisgekühlte Silberbecher! In diesen lässt man sorgfältig die Creme einfliessen und garniert sie mit einem adretten Gupf Rahm, drapiert eine stolze Kaffeebohne oben drauf – voilà!

Am nächsten Samstag, in Teil vier, gibts noch ein paar Variationstipps plus weitere tolle Kapitel der langjährigen Zürcher Glacekulturgeschichte.

Eine Glacegeschichte (2)

Thomas Wyss am Samstag den 8. Juli 2017

Es passierte im Sommer 1969, in dem ja auch sonst einiges passierte (zum Beispiel die erste Mondlandung oder «Woodstock» oder die Geburt von Stéphane Chapuisat). Es passierte da, wo alles viel kleiner ist, als es in Realität ist – was bei gewissen Besuchern (zum Beispiel bei pathologischen Fans des Filmemachers David Lynch) eine Art Psychose auslöst –, nämlich im Swissminiatur in Melide.

Intermezzo: Es dürfte bereits jetzt erste Leser geben, die schnaubend stöhnen: «Ach nein, nicht wieder diese Dreikäsehoch-Episode, die hat er uns doch bestimmt schon fünfmal erzählt.» Ich erwidere: «Quatsch, heute inklusive, ist es das dritte Mal. Und wie ein oft zubereitetes Gericht, das man stetig verfeinert, liest sich diese Shortstory mit jedem Mal eindrücklicher.» Intermezzo Ende.

Es passierte bei einem dieser Miniaturhäuser – welches es war, weiss ich natürlich nicht mehr, ich war da zweieinhalb Jahre alt. Vor diesem Haus gab es einen Miniaturweiher, der so dreckig war (damals war der Wasserstaubsauger noch ein Zukunftstraum), dass er aussah wie Beton. Da mir dieses Miniaturhaus offenbar gefiel, wollte ich es mir aus der Nähe ansehen, rannte über den Betonboden, der in Tat und Wahrheit eben aus Wasser bestand, und ging unter (nicht so richtig lebensbedrohlich unter, dafür war der Teich schlicht nicht tief genug), war pitschnass – und quietschte wie die panische Sau im Anblick des Schlachtermessers.

Meine damals noch jungen und unerfahrenen Eltern mussten handeln, und sie handelten den Umständen entsprechend stupend: Sie kauften mir nämlich eine Glace! (Es sei glaub ein Schoggi-Cornet gewesen, vermeldeten sie auf Anfrage.) Was mich so sehr glücklich machte, dass ich mich umgehend beruhigte und das schweinische Gequietsche einstellte. (Bevor nun ein Shitstorm aufzieht: Sie kauften mir etwas später auch trockene Kleider, was darum nötig war, weil sie die Koffer bereits per Zug zurück nach Zürich verfrachtet hatten).

Jedenfalls: Es war ein Schlüsselerlebnis. Und in der Folge entwickelte ich eine solch heisse Liebe zu dieser frostigen Süssigkeit, dass ich inzwischen (wie letzten Samstag angetönt) in der Lage bin, ziemlich souverän über die hiesige Glacekultur zu referieren. Die eben nicht, wie viele Dumpfbacken meinen, erst durch die Eröffnung der Gelateria di Berna vor ein paar Wochen ihren Anfang nahm, sondern tief in die 70-Jahre zurückreichte. Damals gabs in Wollishofen das Aeschlimann…

Intermezzo 2: Zweifellos gesellen sich zu den vorherigen Schnaubern nun noch Dutzende Plagööris, und im vielstimmigen Kanon wird reklamiert: «Und jetzt auch noch zum zehnten Mal die Beiz seiner Grosseltern selig! Alles was recht ist, aber genug ist genug!» Diesmal erwidere ich: «Es ist höchstens das fünfte oder sechste Mal, und nicht einmal 20 Nennungen wären zu viel, denn diese Beiz, die übrigens damals ein Tea-Room und später ein Restaurant war, ist so reich an Geschichte(n), dass man damit ein dammi gutes Buch füllen könnte!» Intermezzo 2 Ende.

Und im Aeschlimann wurde der köstlichste Eiskaffee der ganzen Stadt serviert! Das behaupten ausnahmslos alle, die ihn je probiert haben. Sein Rezept und viel mehr Zürcher Glacekultur gibts nächsten Samstag in Teil 3.

Eine Glacegeschichte (1)

Thomas Wyss am Samstag den 1. Juli 2017

«Gibt es Orte oder Momente, die sozusagen exemplarisch die Zürcher Mentalität zeigen?» So lautete die TA-Frage an Andri Rostetter, den Leiter der Regionalredaktion des «St. Galler Tagblatts», der mit seiner Journalisten-Crew Ende Mai eine Woche im Zürcher Exil verbracht hatte. Rostetters Antwort ging (im Kern) so: «Das Phänomen der ‹Gelateria di Berna› ist für mich typisch. Da geht irgendwo in Zürich ein angesagter Glaceladen auf – und es bildet sich sofort eine Schlange. Der St. Galler sagt sich in solchen Fällen: ‹Vielleicht gehe ich dann im Sommer mal hin.›»

Eine volltreffende Feststellung. Die aber natürlich viel, viel, viel zu höflich formuliert war. Fakt nämlich ist, dass man in den letzten Wochen hätte meinen können, etliche Horden und Sippen unserer Eingeborenen – neugierige Fremdlinge inklusive – hätten erstmals überhaupt in ihrem irdischen Leben Körperkontakt mit Eiscreme gehabt. Ja, das ganze «Gelateria di Berna»-Gschtürm wirkte bisweilen so grenzenlos surreal, dass man sich a) an Szenen aus dem Jean-Jacques Annaud-Film «La guerre du feu» (1981) erinnert fühlte – vorab an die Sequenz, in der Naoh und Ika dem Stamm der Ulamm zeigen, wie man Feuer macht, was in eine Art Ekstase mündet –, und dass b) jüngst erste Wiediker Zyniker verlauten liessen, wenn das scheisstrendige Getue im Kreis 3 nicht bald ein Ende nehme, würden sie mittels Petition die alte Weststrasse mitsamt damaligem Quartier-Status-quo zurückfordern.

Intermezzo: Es geht ja bei solchen Themen weder um «in» oder «out» und schon gar nicht um die Qualität des Produkts, interessant ist einzig die Frage, wann genau der Kulminationspunkt des Wahnsinns erreicht ist: Wir meinen, dass dies beim «Berna»-Hype an jenem Morgen der Fall war, als sich der «Ron Orp»-Newsletter, der nun wirklich jeden einigermassen lässigen Gugus marktschreierisch in die City hinaustrompetet (oje, stimmt, ein übel missratenes Sprachbild, shit), plötzlich veranlasst sah, in die Rolle der Vernunftsinstanz zu schlüpfen und daran zu gemahnen, dass es in Zürich noch acht andere Anbieter gebe, die ganz passable Eiscremes fabrizieren. Intermezzo Ende.

Das soll keinesfalls heissen, dass dieser Einwand von «Ron Orp» (der, wie man von Brupbacherplatz-Anwohnern hört, durchaus Wirkung erzielte) nicht berechtigt war. Doch was dem Votum fehlte, war der erweiterte Horizont; eine historische Einordnung, die zeigt, dass in dieser Stadt immer schon eine gute Glacekultur existierte. Mehr noch: Wie es möglich ist, anhand der Gletscherschmelze ziemlich präzise Aussagen über den globalen Klimawandel zu machen, wäre es durchaus möglich, anhand der hiesigen Glaceschmelze ziemlich präzise Aussagen über den Zürcher Gesellschaftswandel zu machen – bloss interessiert das niemanden! (Deshalb dazu nur das: Es gab Zeiten, da waren auch wir mal so angenehm trendresistent, wie es die St. Galler heute sind.)

Seis drum: Jedenfalls werden wir Teil 2 dieses Beitrags am kommenden Samstag die genannte Zürcher Glacekultur anhand einer sehr persönlichen Erzählung würdigen – das ist, wie bei allen «Schicksalsgeschichten», zwar nur bedingt repräsentativ, dafür aber doll lecker zu lesen, versprochen.

Der letzte Eindruck

Thomas Wyss am Samstag den 3. Juni 2017

Im Geschäftsleben, heisst es, habe man keine zweite Chance, um einen ersten Eindruck zu machen. Stimmt wohl. Selbe Regel sollte aber auch am anderen Ende der Skala gelten – also beim letzten Eindruck, dem Adieu beim Stellenwechsel oder Erreichen des Rentenalters. Dieser Abgang sollte stilvoll und adäquat, sprich den kulturellen und sozialen Umständen angepasst sein.

Wir nehmen an, dass jetzt vielerorts zustimmend genickt wird (wir können das nicht überprüfen, wir sind drum im Piemont, wo wir heute Abend beim Genuss eines fantastischen Achtgängers zusehen werden, wie in Cardiff eine elegante «Alte Dame» einer Gang von Lackaffen die Gelfrisuren zerzausen wird… o ja, bitte-bitte-bitte, grosser Fussball-Manitu, lass es so sein, lass uns gewinnen! Ich werde zum Dank die nächste Saison nichts Herablassendes über Basel und die Bayern schreiben, heiliges Ehrenwort! Oder wenigstens in der Vorrunde, das schaff ich!); da und dort wird nach diesem Intro aber bestimmt auch einer maulen: «Also echt jetzt, das versteht sich doch von selbst, diese Züricher Gebrauchsdingens hier ist auch nicht mehr, was sie mal war, und dafür bezahlt man teures Abogeld! Damit könnten wir uns auch Gescheites leisten, vielleicht Sylt, oder einen Jahresvorrat Spreewald-Gurken, es gäbe da zweifellos gute Optionen.»

Wir erwidern darauf: Diese Züricher Gebrauchsdingens hier war noch nie richtig gut (und darum früher auch kaum je besser), doch wahrscheinlich war sie noch nie so wichtig wie heute! Weil sie heute – siehe PS – wirklich Wichtiges zu verkünden hat. Weiter erwidern wir, dass sich das tatsächlich von selbst verstehen müsste, dass die Realität (die folgenden drei Beispiele sind nämlich wahrhaftig passiert!) jedoch dramatisch anders aussieht.

Wenn eine kleine Angestellte über die Hälfte des Essens, das sie für ihren Abschiedsapéro kaufte, zur Heilsarmee tragen muss, weil über die Hälfte der angekündigten Kolleginnen und Kollegen unentschuldigt fernbleibt, ist das – sorry – beschissen. Wenn sich ein KMU-Manager etwa zwei Monate nach der freiwilligen Kündigung von Mitarbeiter XY beim Personalchef erkundigt, wies eigentlich um Mitarbeiter XY bestellt sei, er habe den länger nicht mehr gesehen, ist das – nochmals sorry – nochmals beschissen. Und wenn man einer treuen Seele, die 42 (!) Jahre im Unternehmen tätig war, das Dienstaltersgeschenk in Form des doppelten Lohnes verweigert, bloss weil der Verwaltungsrat knapp zwei Wochen vor der Pensionierung der treuen Seele die Abschaffung solcher Geschenke beschlossen hat, ist das… ach, echt.

Auch unsere Zeitung hat was abgeschafft, nämlich die Erwähnung «Mit diesem Artikel verabschiedet sich…». Die ultimative Würdigung passte wohl einfach nicht mehr so zu unserem hektisch fluktuierenden Zeitgeist, schade ist es allemal. Tja.

PS: Mit diesem Artikel möchten wir unsere liebe Kollegin Denise Marquard verabschieden, sie geht in den sehr verdienten Ruhestand, und wir werden sie sehr vermissen.

PPS: Ich hatte das schon mal publik gemacht, aber ein Reminder schadet nie: Möchte man mir dann bei meinem Abschied einen guten letzten Eindruck machen, schenke man mir am besten einen Chariot de Fromage. Mässi.

Sehen und übersehen werden

Thomas Wyss am Samstag den 27. Mai 2017

Der Mensch, das liest man nun, da die künstliche Intelligenz ihren Latschen ins globale Torportal gestellt hat, auffallend oft, sei die beste und komplexeste Maschine, die seit Menschengedenken konstruiert worden sei (vielleicht hegen die, die es schreiben, die Hoffnung, es wirke wie autogenes Baldrian und würde unsere geplante Meuterei gegen die Algorithmen verhindern oder so).

Und wenn das für Menschen ganz allgemein gilt, gilt das für Zürcher Menschen selbstverständlich im Besonderen – als Stadt mit der zweithöchsten Lebensqualität verfügen wir über die schlicht optimalen Triple-B-Reproduktionsbedingungen: Bio-Natura-Fleisch (mit vielen feinen Proteinen für die Virilität), Bico-Matratzen («für ä tüüfä gsundä Biischlaaf») und Bugaboos (für genügend Frischluftzufuhr; mit diesen Kinderwagen können die Dadster die gedeihende Brut gar joggend ins Lieblingscafé und zurück in den gentrifizierten Loft verfrachten).

Dennoch, wir wollen das nicht beschönigen, ist selbst die formidable Zürcher Menschmaschine bisweilen überfordert (zumindest jene in der Standardausführung) – und wenn das passiert, dann oft in Situationen wie am vergangenen Mittwoch an der fidelen Geburtstagsfeier der Rio-Bar.

Denn die famose Rio-Bar ist eines der wenigen lokalen Lokale, dessen Partys man (und frau, die Damen sind bei uns immer mitgemeint, Ehrensache!) selbst dann nicht verpasst, wenn man nicht mal eingeladen ist. Darum hat es an diesen Sommerfeten stets entsprechend viel Volk, darum gibt es da entsprechend viel zu sehen: Achseln, Bäuche, Chnüü, Décolletés, Ellen, Füsse, Glatzen, Hintern, Iriden, Jesussandalen, Knorpelschäden, Lippen (mit Botox, Gloss oder Herpes), Muskeln, Nasen, Ohren, Patellasehnen, Rücken, Schnäuze, Taillen, Unterschenkel, Verstauchungen, Wangen, X-Beine, Yin- und-Yang-Tattoos, Zähne (notabene häufig in exzellenter Ausführung) – und all die fancy Kleider, Smartphones, Velos und so weiter und so fort sind da noch nicht einmal inbegriffen!

Entweder ist man im Augenblick dieses Anblicks bereits entspannt betrunken und bekommt all das nur noch ungefähr mit. Oder man gehört zum inneren Kreis, hat schon vier bis fünf Rio-Geburtstage mitgemacht und weiss, wie man sich in einem solchen Menschenmeer psychisch wie optisch über Wasser hält (zu diesem Thema gibt es dann in unserer Gebrauchsanleitung mal noch einen Sonderbeitrag). In allen anderen Fällen jedoch erleidet man dasselbe Schicksal wie einst der Flipperkasten, dem man aus Wut über den Kugelverlust in die Seite trat, nämlich den Tilt, das ins Gesicht geschriebene «Game over». Weshalb das Los des Abends fortan «sehen und übersehen werden» lautet; so sind sie, die ungeschriebenen Gesetze des Zürcher Ausgangs.

Was tun? Schwierig, auf diese Frage einen nachhaltigen Rat zu geben (wir empfahlen bislang immer, in solchen Schieflagen einfach so zu tun, als würde man sich bestens amüsieren, aber eine souveräne Lösung ist das natürlich nicht). Dafür war am Mittwoch in der Rio-Bar mitzuerleben, was eher nicht getan werden sollte: Ein Menefreghista im Sommeranzug meinte, er könne mit dem Spruch «Ich bin ein VIP» die überlange Schlange zu den Toiletten ignorieren. Als er vom Klo zurückkam, sagte eine Frau: «Hey, würdest du ein Shirt mit der Aufschrift ‹Ich bin auch ein arrogantes Arschloch› tragen, wär Deine Aktion eben fast noch originell gewesen.» Hohn und Spott der Umstehenden war derart immens, dass der «VIP» dann rasch das richtig Weite suchte. Ja, in solchen Momenten ist unsere friedliche kleine Stadt gnadenloser, als es der sagenumwobene Wilde Westen war.

Der lokale Lauschangriff

Thomas Wyss am Samstag den 20. Mai 2017

Wir kennen das ja alle: Hocken am Samstagnachmittag mit den Eltern im Honold, mampfen Butterbretzeli, Lachscanapés, Mohrenköpfe (ist es nicht seltsam, dass man diverse Kinderbuch-Klassiker wegen Rassismus umgeschrieben hat, diesen Patisserie-Klassiker-Rassismus aber locker ignoriert, so à la «Isch doch wurscht, Hauptsach, d Vanillefüllig isch fein!») und anderes Köstliches, das der Hausarzt nicht eben wärmstens empfiehlt, und klagt dabei laut über Gott und die Welt, im Stile von «Ich sage euch, unsere Firma wird immer knausriger, jetzt machen die sogar auf ‹Ich bin auch ein Tram›, sprich, die haben uns die Abfallkübel weggespart – und glaubt man dem jüngsten Gericht, ääääh, Gerücht, wirds bald noch vernichtender» (Anmerkung: Das Zitat ist frei erfunden, etwaige Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten wären rein zufällig), und während die Eltern bedächtig nicken – sie haben solchen Quatsch schon oft genug gehört –, werden die Ohren an den Nebenplätzen im selben Verhältnis grösser, wie der Monolog an Brisanz zulegt.

Yep, wir sind beim Thema Lauschangriff – was einerseits eine üble Zürcher Saumode beschreibt und andrerseits eine faszinierende Zürcher Band war. Die vor zehn Jahren am Taktlos-Festival in der Roten Fabrik spielte. In der Vorschau war zu lesen: «Trickreiche und abgefahrene Psychedelik kann in eine Persiflage von Björk münden.» Oder: «Sie fräsen durch ungerade Metren, lassen die Musikgeschichte ungehobelt vorbeiziehen und zerdehnen die Beats wie einst Captain Beefheart und seine Magic Band.» Was zeigt, dass man a) diese Band unbedingt mal hätte live erleben müssen, und dass man b) hierzulande einst ganz ordentlichen Journalismus fabrizierte.

Damit zum Lauschangriff als Unsitte. Die nicht allein im Honold zu beobachten ist, nein: Davon betroffen sind alle In-Bars, Plaudertaschen-Cafés, Gartenbeizen, Szene-Badis, Nobelrestaurants etc. auf Stadtgebiet mit tendenziell leiser Grundgeräuschkulisse, tendenziell interessantem Publikum und tendenziell enger Tischordnung (im Kanton, dies als Randbemerkung, sind Lauschangriffe kaum bekannt; da sorgen Buschtelefone und Stammtische dafür, dass heisses Zeugs die richtigen Empfänger findet). Bene, kommen wir zu vier zentralen Aspekten im Kontext des Zürcher Lauschangriffs.

1. Je teurer und/oder trendiger das Lokal, desto besser die Infos. Konkret: In der Kronenhalle ergattern Lausch­angreifer meist qualitativ guten Gossip; lohnenswerte Lokale sind derzeit auch das Co Chin Chin im Kreis 5 und das Binz & Kunz an der Räffelstrasse.

2. Nicht mehr neu, aber noch immer in 93 von 100 Fällen erfolgreich: Wenn man beim Fremdhören so tut, als sei man grad mit einem guten Kumpel mitten in einem Handygespräch.

3. Früher fragte man enttarnte Lauscher: «Und, alles verstanden? Oder soll ich Ihnen eine Zusammenfassung schicken? Falls ja, bräuchte ich einfach die Adresse.» Heute ists leider gang und gäbe, dem in flagranti ertappten «Sünder» die halbe Zuckerdose übers Cordon bleu zu kippen (souveräner wäre es, sofort nach dem Bemerken Hugo Balls Lautgedicht «Gadji beri bimba» oder Ähnliches zu rezitieren).

4. Menschen, die sichtbar angestrengt in der Gegend rumhorchen, sind im Normalfall keine Lauschangreifer, sie haben wahrscheinlich bloss das Hörgerät zu Hause vergessen.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 7. Oktober 2016

«Magere Mädchen verdienen nicht gut.
Gefragt sind frauliche Kurven.»

Mona ist eine Puffmutter. Sie stieg eins aus Not ins Bordellbusiness ein. Heute sieht sie ihre Arbeit aber als sozialen Dienst. Ihr Ziel: Sie möchte, dass der Gast in ihrem Bordell in Schlieren ein schönes Erlebnis hat. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

«Willkommen in der Bananenrepublik Schweiz.»

Lukas Meier hat mächtig Ärger, obwohl es die Mutter nur gut mit ihm meinte. Er hat von ihr das Elternhaus geschenkt bekommen. Der arbeitslose Mann, der am Asperger-Syndrom leidet, wollte sich damit seine Existenz sichern. Aber er hat die Rechnung ohne den Denkmalschutz gemacht. Jetzt muss er noch mehr Steuern zahlen. Das macht ihn stinkwütend. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Wenn ich mit dem Velo durch die Stadt fahre.»

Die Schauspielerin Barbara Terpoorten auf die Frage, wie lange sie nach den Ferien braucht, bis sie sich in Zürich das erste Mal wieder so richtig nervt. Die Stadt wäre ihrer Meinung nach viel schöner ohne so viel Verkehr. (Foto: Dominique Meienberg)

 

«Tampons gelten als Luxusprodukt.
Das sehen wir anders.»

Da staunten die Zürcherinnen und Zürcher nicht schlecht: Junge Aktivistinnen haben das Wasser von zehn städtischen Brunnen rot gefärbt (keine Angst, es wurde umweltschonende Farbe verwendet). Sie protestierten damit gegen die teure Tampon-Steuer wie deren Pressesprecherin Carmen Schoder sagte. Hinter der Aktion steckte auch die Unia. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Geissböcke stinken wirklich. Sie urinieren sich
selber ins Gesicht.»

Was macht eine Zürcherin auf der Alp? Rona Diem wollte es wissen und verbrachten diesen Somer ihren ersten Alpsommer im Bündnerland. Der ist nun vorbei und die 36-Jährige ist wieder in Zürich. Was sie auf der Alp gelernt hat: Käsen, Melken und Töfffahren. Was sie vermisst hat: Vieles, sogar den hinterhältigen Hahn Napoleon. (Foto: PD)

 

«Er schüttelt allen die Hände,
aber erreicht hat er bisher wenig.»

Man kann es als Zürcher Stadtrat nicht allen Recht machen: Das weiss auch Tiefbauamt-Vorsteher Filippo Leutengger (FDP). Die Kritik der Linken an ihm wird schärfer. Vorwurf: Er verschleppe unbeliebsame Projekte, um die eigene Klientel zu verärgern. Auch SP-Gemeinderätin Simone Brander hält mit Kritik an Leutenegger nicht zurück. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Um draussen in der Welt etwas zu erleben,
braucht es wenig.»

Der Autor Heinz Emmenegger gibt beim Schreiben gerne einmal das Ruder aus der Hand. Wer genug zahlt, kann den seinen neuen Roman inhaltlich sogar beeinflussen. Eine entsprechende Aktion läuft derzeit auf der Crownfounding-Plattform We make it. (Foto: Sabina Bobst)

 

«Es ist eine Notlösung und nichts weiter.»

Schmalspurig unterwegs: Die Stadt Zürich malt seit neuestem in mehreren Quartieren für die Velofahrer  gelbe Streifen auf die Fahrbahn. Sie sollen Autos auf Distanz halten. Ein richtiger Velostreifen sieht aber anders aus. Das sieht auch Res Marti so, Präsident Pro Velo Zürich. (Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

 

«Meine Söhne sind volljährig.»

(Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Der Stadtrat will mehr Ruhe auf dem Koch-Areal. Er droht mit einem Veranstaltungsverbot und präsentiert einen Vier-Stufen-Plan bei Regelverstössen. Ob sich seine Söhne auf dem besetzten Grundstück in Albisrieden aufhalten, wie immer wieder kolportiert wird, wollte der zuständige AL-Stadtrat Richard Wolff vor den Medien nicht beantworten. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Vegan extrem

Miklós Gimes am Mittwoch den 18. November 2015

_gimesEine der Köchinnen im Hort sei Veganerin, erzählten meine Söhne. Vegan, das Wort habe ich als Kind nicht gekannt. Zum ersten Mal hörte ich es vielleicht vor zwanzig Jahren. Es klang extrem. Extrem wie die Musik von Nine Inch Nails. Oder wie Zungenpiercing. «Sie isst nichts, was von den Tieren kommt», wusste der Älteste. «Sie sagte, Kühe brauche es nicht

«Meine Mitbewohnerin ist Veganerin», sagte meine Patentochter, die auch am Tisch sass. Deborah, so heisst sie, gehe mit Einkaufssäcken und Eimern am Abend los und hole Esswaren ab, die in Restaurants, Lebensmittelläden, Bäckereien übrig geblieben seien. «Dann füllt sie unseren Kühlschrank.» Berge von Sandwichs, Armeen von Joghurts, alles an der Datumsgrenze.

Ich erkannte Deborah an den rötlichen Haaren und ihren unglaublichen Augen. Sie wartete vor der ETH, wo sie im zweiten Jahr Agronomie studiert. Sie ist 20. Das Fach habe sie gewählt, um später in einer NGO arbeiten zu können, sagte sie. Als sie zum Studium aus dem Tessin nach Zürich gekommen sei, hatte sie einen Freund, der Abfälle aus Containern holt, Dumpster-Diving oder Mülltauchen nennt man die Bewegung. Es sei unvorstellbar, was man in den Züri-Säcken finde, volle Weinflaschen, Gemüse, Früchte, ungeöffnet in Plastik verpackt.

So kam sie zum Foodsharing. In Zürich gebe es etwa zwanzig Betriebe, die bereit seien, unverkaufte Lebensmittel abzugeben. Am Abend tauchen Deborah und ihre Freunde auf und holen die Ware, sie zeigte mir ihren Ausweis, «Foodsaver» steht da. Dann werden die Lebensmittel verteilt oder nach Hause genommen, ein Teil geht in die öffentlichen Kühlschränke, welche die Bewegung unterhält, sie stehen im Kreis4 (die genauen Standorte finden sich auf www.foodsharing.de), man kann nehmen und bringen, so viel man will. Bald soll ein weiterer Kühlschrank in Schwamendingen stehen.

Aha, denke ich, Deborah kann mir etwas über die Armut in Zürich erzählen, über die Penner, die Namenlosen, die Alleinerziehenden, die von Ladenresten leben. Zu den Mülltauchern gehörten ein paar Einzelgänger, die sich aus den Kehrichtsäcken ernährten, sagt Deborah. Aber der Bewegung gehe es nicht um Umverteilung, in Zürich gebe es genug zu essen. «Wir retten Lebensmittel. Wir produzieren Nahrung für elf Milliarden Menschen, und dabei leben bloss acht Milliarden auf dem Planeten. Viel zu viel», sagt sie. Die Nahrungsmittel seien viel zu billig, deshalb würden sie achtlos fortgeworfen, am schlimmsten seien private Haushalte. Am Foodsharing gefalle ihr, dass jeder seinen kleinen Beitrag leisten könne, kleine Schritte. Sie habe gelernt, von Resten zu leben.

«Wann warst du zum letzten Mal einkaufen?»

«Vor sechs Wochen vielleicht, ein paar Flaschen Bier.» Veganerin ist Deborah seit drei Jahren, seit sie weiss, wie Kälber und Legehennen gezüchtet werden, wie früh ein Mastschwein stirbt. «Wir leben in einer Gesellschaft, in der man aufeinander schauen muss.» Ich höre ihr zu und denke, wie verdammt schwer es ist, ein anständiges Leben zu führen, besonders in der Saison der Metzgete. Deborah sagt: «Man kann sein Leben immer ändern.»

Wem gehört die Stadt?

Alex Flach am Montag den 4. Mai 2015
Haben Clubbesucher und die Nightlife-Industrie gleich viele Rechte wie die Anwohner?

Haben Clubbesucher und die Nachtschwärmer gleich viele Rechte wie die Anwohner?

Eine Stadt lebt nicht nur in den Wohnungen ihrer Bewohner. Sie lebt in ihren Strassen, ihren Cafés, ihren Bars und Clubs. In den meisten Grossstädten existieren «Problemviertel», wobei es meist eben diese Gegenden sind, die durch ihre Quirligkeit dafür sorgen, dass eine Grossstadt als solche wahrgenommen wird.

Oft sind es die Epizentren der Nachtgastronomie, die unter der zweifelhaften Überschrift Problemviertel eingeordnet werden. Dass der Lärmpegel in solchen Vierteln höher ist als anderswo, liegt in der Natur der Sache und dass eine Stadt ein lebendiges Nachtleben braucht, dürfte mittlerweile nicht mehr Ausgangslage der Diskussion sein: Die Lebensentwürfe der Menschen haben sich in den letzten Jahrzehnten dahingehend verändert, dass auch Eltern in der Mitte ihres Lebens ihren Nachwuchs gerne mal in Obhut von deren Grosseltern geben, um eine Nacht lang in den Clubs feiern zu können – sie sind mit der elektronischen Musik aufgewachsen, die heute die Charts bestimmt und deren kreative Quelle noch immer in den Clubs liegt.

Obwohl sie diesem Umstand Rechnung tragen müssten, stellen die Behörden zumeist auch in ihren vom Clubbing geprägten Strassenzügen die Anliegen und Befindlichkeiten der Anwohner über jene der Leute, die diese aufsuchen, um dort eine gute Zeit zu geniessen. Beispiele dafür gibt es viele, so konnte in St. Gallen ein einzelner Neuzuzüger dem traditionsreichen Club Kugl den Betrieb beinahe verunmöglichen, obschon das Kugl nicht in einer Wohnzone liegt, sondern in einer gemischten Wohn- und Gewerbezone. Auch in anderen Schweizer Städten gehen immer wieder einzelne Anwohner erfolgreich gegen Clubs vor, in denen an den Wochenenden Abend für Abend hunderte Partygänger feiern.

Trotz der Zürcher Morgenröte, initiiert durch die klaren Bekenntnisse Corine Mauchs und Richard Wolffs zur städtischen Clubszene, können auch hier ein paar wenige Anwohner mit Beschwerden und Klagen dutzenden Bars und Clubs das Leben schwer machen. Aktuell versuchen dies gerade 115 Bewohner der Langstrasse, die mit einem eingeschriebenen Brief den Stadtrat auffordern, etwas gegen den Lärm und Abfall, verursacht durch den allnächtlichen Partybetrieb, zu unternehmen und das, obschon die Nachtleben-Betriebe an der Langstrasse das Milieu erfolgreich zurückgedrängt haben, ganz so, wie von der Stadtplanung wohl vorgesehen.

Die Meinungen zu dieser Aktion der Langstrasse-Anwohner sind von einer Einseitigkeit, die ihresgleichen sucht. Folgender Kommentar unter dem entsprechenden Beitrag der Gratiszeitung 20minuten generierte 968 Likes bei gerade mal 59 Dislikes: «Wer an die Partymeile zieht, muss sich nicht wundern, wenn es laut wird. Man zieht ja auch nicht neben einen Bahnhof, Flugplatz oder eine viel befahrene Strasse und beschwert sich wegen des Lärms. Solche Menschen machen unnötig Probleme und verursachen am Ende nur Aufwand und Kosten». Natürlich: Ziemlich undifferenziert und wohl auch unfaire Worte. Aber ist die Aussage der 115 Langstrasse-Anwohner und -Beschwerdesteller, der «allnächtliche Partybetrieb an der Langstrasse ist eine stadtzerstörende Sauerei», etwa differenziert und fair? Die Langstrasse mit ihrem einzigartigen Eigenleben gehört allen Stadtbewohnern und nicht nur ihren Anwohnern.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Elitäres Zürich

Réda El Arbi am Dienstag den 21. April 2015
Die richtigen Klamotten, die richtigen Marken, die richtigen Cafes, die richtigen Freunde: Zugehörigkeit erzeugt Selbstwert.

Die richtigen Klamotten, die richtigen Marken, die richtigen Cafes, die richtigen Freunde: Zugehörigkeit erzeugt Selbstwert.

Ein Bekannter von mir ist vom Land in die Stadt gezogen und hat mich mit seinem Intergrationsprozess wieder mal auf eine Zürchersche Besonderheit aufmerksam gemacht: Wir Zürcher verstehen uns als weltoffenes und aufgeschlossenes, tolerantes Völkchen.  Wir denken gerne von uns als urbane, soziale Speerspitze der Schweizer Gesellschaft. Aber stimmt das wirklich?

Der Alltag in Zürich ist nämlich geprägt von ausgrenzenden und elitären Gruppen. Nein, ich meine nicht die Zünfter. Die haben dieses Verhalten vielleicht irgendwann mal eingeführt und ritualisiert. Aber ich spreche von den ganzen normalen Szenen. Der Kunstszene, der Clubszene, dem politischen Umfeld, dem Stammcafe etc.

Ein hervorragendes Beispiel ist die hermetische Alternativ-Kunst-Besetzerszene: Man sieht sich selbst als Elite, versteht sich durchaus als weltoffen, verweigert aber allen, die nicht denselben Hintergrund haben und schon seit Jahren dazugehören sowohl das Gespräch wie auch den Zugang. Menschen, die einen anderen politischen Hintergrund haben, werden als «Feind» und Gefahr verstanden. Genauso in der Fankultur der Zürcher Fussballclubs.

Oder aber die Clubsszene. Da ist es fast am Krassesten: Es werden nur Leute in den Club gelassen, die dem selbst definierten Coolnessfaktor entsprechen. Und da gibts natürlich noch die Elite innerhalb der Elite. Die Leute, die alle kennen und die immer auf der Gästeliste stehen wollen. Und die sehen «Neue» nicht mal mit dem Hintern an, von einem freundlichen Willkommen keine Spur. Natürlich gehören da Menschen dazu, die sich für Asylsuchende stark machen. Diese würden sie natürlich sofort ins Land lassen, in den «eigenen» Club der Wahl aber niemals.

Man muss im richtigen Quartier wohnen, weil der Rest ist ja nicht wirklich «Zürich». Man kleidet sich mit den «richtigen» Marken, hört die «richtige» Musik (die meist – wie weltoffen! – aus Berlin oder London importiert wurde) und kennt vor allem die «richtigen» Leute – Clubfolk, Künstler, Medienfuzzis, DJs, Szenegrössen. Die sprichwörtliche Zürcher Arroganz kommt oft aus dem Bedürfnis heraus, unbedingt etwas «Besonderes» sein zu wollen.

Abgrenzung und Ausgrenzung ist für manche Zürcher sehr wichtig. Man definiert sich über die Zugehörigkeit zu einer Szene, schöpft Selbstwert aus dem Status, den man innerhalb dieser Peergroup bekommt. Davon kann jeder Zugezogene ein Liedchen singen. Und natürlich vergisst man sofort, dass man zugezogen ist, wenn man sich einen kleinen Platz in einer  Szene erschlichen hat. Und grenzt dann gleich als erstes neu Zugezogene aus.

Das Verhalten unterscheidet sich eigentlich nicht von dem in einem kleinen Bergdorf, in dem man noch Jahre nach dem Zuzug «der fremde Fötzel» ist. Die verschiedenen Quartiere grenzen sich in ihrem Selbstverständnis so voneinander ab wie der klischierte eigenbrötlerische Bergler, der den Einwohnern des Nachbardorfs nicht traut.

Natürlich sind nicht alle Zürcher so, im Gegenteil. Wahrscheinlich sind 350 000 Zürcher ganz normale, tolerante Menschen. Es sind diejenigen, die in jedem zweiten Satz erwähnen müssen, dass sie aus Zürich sind. Die von sich glauben, sie machen den urbanen Wert der Stadt aus und das jedem unter die Nase reiben müssen.

Wer seinen Selbstwert aus seiner Zugehörigkeit zu einer Szene generiert, versucht oft, seinen Elite-Status zu beweisen, indem er auf Andere herunterschaut. Psychologie, 1. Semester.

Vielleicht sollten wir Toleranz, Offenheit und Aufgeschlossenheit erst mal im Alltag selbst üben. Wir könnten uns mit Andersdenkenden vernetzen und uns aus unserer gemütlichen, schonenden, geistigen Blase, in der wir es uns bequem gemacht haben, befreien und auf Fremde in der eigenen Stadt zugehen, bevor wir uns so weit über die Leute stellen, die Ausgrenzung zu einem politischen Programm gemacht haben.

Toleranz und Aufgeschlossenheit ist nämlich billig, solange wir sie als Lippenbekenntnisse und nicht als Herausforderung im Alltag verstehen.