Beiträge mit dem Schlagwort ‘Leben’

Die Unermüdliche

Alex Flach am Montag den 30. Januar 2017
Freundlich hinter der Bar - ohne auszubrennen.

Freundlich hinter der Bar – ohne auszubrennen. Foto: Amanda Nikolic.

Susan Peter steht seit 18 Jahren hinter der Bar des Supermarkets, mit einem ein-, zweijährigen Unterbruch, während dem sie an jener des «alten» Q gearbeitet hat. Dabei war sie den meisten ihrer Gäste (und es waren abertausende) ein bekanntes Gesicht mit einem unbekannten Menschen dahinter: Derweil man als Barkeeper in einer Bar die Musse hat die Leute in Gespräche zu verwickeln, ist das Bartending in einem gut laufenden Club mehr Hochleistungssport mit Marathon-Charakter. Für den Barkeeper und seinen Kunden bleibt keine Zeit sich kennenzulernen, erst recht nicht wenn man an einer 360 Grad-Bar arbeitet wie Susan und die Durstigen nicht nur vor sondern auch hinter einem nach Flüssigem lechzen.

Sie generiert die Job-Nestwärme denn auch nicht aus der Interaktion mit ihren Gästen, sondern aus dem Team: «Die Supermarket-Belegschaft ist eine über viele Jahre zusammengewachsene Familie, heute mehr denn je. Wenn man so lange zusammenarbeitet, dann ist ‚Familie‘ auch keine leere Floskel mehr». Susan ist es wichtig, dass an dieser Stelle der Zusammenhalt im Club hervorgehoben wird.

Sie selbst hat keine Kinder, obschon sie sich früher gerne als Mutter gesehen hätte. Trotzdem ist Babysitten Teil ihres derzeitigen Lebensentwurfs: Sie hat vor zwei Jahren ihren Wochenjob in einer Zahnarztpraxis gekündigt, um sich eine Weile auf die für sie wesentlichen Dinge des Lebens zu fokussieren, und dazu zählen für sie vor allem das Hüten der Kinder einer Freundin und ehemaligen Kollegin, sowie das Kümmern um die betagte Grossmutter. Sie lebt somit ausschliesslich von dem, was sie an der Supermarket-Bar verdient. Sie brauche nicht viel Geld, habe für das Leben, das sie sich ausgesucht hat, auch ihren Lebensstandard auf ein spartanisches Niveau heruntergeschraubt. Das sei es ihr aber wert.

Dass sie ihr Job nicht bereits nach zwei, drei Jahren ausgebrannt hat, wie so viele ihrer Kollegen und Kolleginnen, liegt wohl daran, dass sie den ganzen Trubel und die Hektik im Club als Energiequelle sieht und nicht als etwas, was Energie kostet. An ihrem Job würden ihr alleine Gäste auf die Nerven gehen, die um mehr Wodka im Glas oder um Freidrinks betteln, denen nicht klar sei, dass ein Clubbetrieb Geld kostet: “An der Migros-Kasse fragt ja auch keiner, ob er zu seinem Einkauf noch eine Tafel Schokolade gratis dazu kriegt”.

Warum es dann so viele im Club tun, will auch ihr nicht in den Kopf. Was sie hingegen geniesst, ist die mütterliche Rolle für weibliche Clubgäste, die erst kurz vor ihrem Stellenantritt im Supermarket zur Welt gekommen sind: «Es kommt schon vor, dass ich Mädels sage sie sollen doch bitte auf ihre Freundin aufpassen, die gerade penetrant von einem zwielichtigen Typen angebaggert wird». Susan schmunzelt.

Zum Schluss blickt mich die bescheidene Schwarzhaarige mit den melancholischen Augen entschuldigend an und meint es täte ihr leid, dass sie nicht viel Aufregendes zu erzählen habe: Sie sei halt schon eine eher langweilige Person.

Jetzt muss ich schmunzeln.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Die Opferhaltung

Réda El Arbi am Dienstag den 20. September 2016
Autonomie und differenzierte Selbstwahrnehmung statt Opferhaltung.

Autonomie und differenzierte Selbstwahrnehmung statt Opferhaltung.

Dies wird wohl einer der Texte, die wirklich schwer zu schreiben sind, wenn ich am Schluss nicht Applaus von Idioten und Angriffe von Freunden ernten will. 

Ich beurteile Menschen nach ihren Handlungen und Äusserungen. Niemals werte ich Menschen nach ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Religion, Rasse, ihres Reichtums oder ihrer Armut. Trotzdem finde ich mich ab und an mit den Vorwürfen Sexismus, Homophobie, etc. konfrontiert.

Gerade in einer aufgeschlossenen Stadt wie Zürich – regenbogenfarben, linksgrün, offen – treffe ich häufig auf Menschen, die sich über ihre Opferhaltung definieren. Feministinnen, die sich auf ihr Geschlecht reduzieren, Homosexuelle, die jeden Affront als «homophob» einordnen, Ausländer (meist gut integrierte Secondos), die persönliche Auseinandersetzungen gleich mit «Rassismus» kontern.

Es gibt da draussen noch viel zu viel Sexismus, Rassismus und Homophobie. Das heisst aber nicht, dass man seine eigene Identität auf sein Geschlecht, seine Herkunft, seine sexuelle Orientierung oder auf sonst ein Merkmal einer Gruppenzugehörigkeit reduzieren soll oder darf. Das zeugt von fehlender Autonomie und man wird sich selbst dabei nicht gerecht. Die eigene Person wird schabloniert und eindimensional, die Welt schwarzweiss. Es endet in «Wir und sie».

Ich hab einige Jobs und Wohnungen in meinem Leben nicht bekommen. Natürlich hätte ich schimpfen können, das sei wegen meines arabischen Namens. Wars aber meistens nicht. Da war zu Beispiel mein Betreibungsauszug. Oder meine fehlende Eignung. Oder meine persönliche Art, die lange nicht jedem passt. Wenn jemand mir sagt «Du dreckiger Kameltreiber», empfinde ich das als fremdenfeindlich. Wenn jemand mir sagt «Du grosskotziger Vollidiot», ist das wohl meiner Persönlichkeit geschuldet.

Die Selbstdefinition als Opfer führt in Zürich oft zu einer Art positiven Diskriminierung. So gehen viele meiner Bekannten viel vorsichtiger in Auseinandersetzungen mit Schwulen, Lesben, Ausländern oder feministisch orientierten Frauen. Schliesslich will man auf keinen Fall als rückständiger, intoleranter, sexistischer Vollidiot dargestellt werden. So kommt es in meiner linksgrünen Blase zu einer Art Schutzgebiet für Leute, die sich dauernd als Opfer irgendeines -ismus fühlen.

Das ist extrem abwertend. Wenn ich Leute aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung anders behandle als jeden anderen Idioten, sie schone, nehm ich sie nicht ernst. Gleichberechtigung bedeutet, dass ich den Menschen so behandle wie alle anderen. Und wenn ich mich zurückhalte, meinem Gegenüber einen Sonderstatus einräume, positiv oder negativ, diskriminiere ich aktiv. Das ist ungeheuer kontraproduktiv. Unter Ausländern, Schwulen, Lesben, Transgender und Feministinnen gibts genau gleich viele unangenehme, egozentrische und dumme Personen wie überall sonst unter Menschen.

Es gibt genug echten Sexismus, Rassismus und genug Homophobie, die wir angehen müssen, strukturell, gesellschaftlich und auf persönlicher Ebene, als dass wir uns diese Opferhaltung leisten können. Es schadet unserer gesellschaftlichen Entwicklung, wenn wir nicht zwischen persönlichem Affront und allgemeiner Abwertung unterscheiden können.

Also, wenn dich jemand «Idiot» oder «dumme Kuh» nennt, könnte das mit deinem Verhalten zu tun haben. Es muss nicht Ausdruck einer grundsätzlichen Haltung gegenüber deiner Identität sein.

So gar nicht wie in Köln

Stadtblog-Redaktion am Samstag den 9. Januar 2016
Es hätte jeder dieser Männer sein können, der für Camille kocht.

Es hätte jeder dieser Männer sein können, der für Camille kocht.

Die 28-jährige Studentin Camille* hat in Zürich zwei Flüchtlinge bei sich in der Wohnung aufgenommen, zwei junge Männer.  Geschichten wie die ihre liest man selten in den Medien, weil sich damit weder Zeitungen noch Politik verkaufen lassen. Wir wollten sie euch trotzdem nicht vorenthalten, rückt sie doch einiges ins rechte Licht:

Ich hatte drei Monate lang zwei Mitbewohner, zwei mir bis dato fremde Männer und ich, eine junge Frau, lebten gemeinsam in einer Zweieinhalbzimmerwohnung.

Jeden Abend stand das Essen schon auf dem Tisch, wenn ich nach Hause kam. Wir schauten währnd des Essens gemeinsam YouTube-Videos auf meinem Smartphone und versuchten, uns zu unterhalten. Im Gegenzug zum Kochen habe ich mich um die Wäsche gekümmert. Als ich krank war, hat mir der Grosse (ich nenne sie der Grosse und der Kleine) scheussliche Teemischungen mit Kardamom zusammengebraut. Und meine Geschirrspülmaschine stand immer still, weil die beiden alles von Hand abwaschen wollten.

In ihrer Freizeit – davon haben sie reichlich – machen die beiden Sport, erkunden die Stadt, lernen Deutsch, denken nach und schreiben ihren Verwandten. Als ich aus meinem Urlaub zurückkam, fand ich mein Zuhause genauso tadellos vor, wie ich es verlassen hatte. Und manchmal gab es morgens Stau vor dem Bad. Ein Bad, das sich nicht mit dem Schlüssel verriegeln lässt und in dem ein kleines Tischchen steht, in dem ich Schmuck aufbewahre. Das war unser Alltag.

Fast so wie in jeder WG halt. Eigentlich nicht der Rede  wert. Fast. Und eigentlich. Denn die beiden kamen mit zwei mittelgrossen Rucksäcken nach einer gut zweiwöchigen Reise über den See- und Landweg (Ja, im Gummibot und Nein, keine Islamisten) aus Syrien am Zürcher HB an. Dort habe ich sie an einem Donnerstag um 22 Uhr abgeholt, nachdem ich am Nachmittag über sieben Ecken angefragt wurde, ob ich wohl Platz hätte. Ich hatte keine Ahnung, wer da kommen würde und ich hatte bis zu jenem Nachmittag auch nicht vor, mein Zuhause zu teilen.

Ich hatte auch nicht vor, diese Geschichte in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie hat offenbar keinen News-Wert.

Nach der Kölner-Silvesternacht hat sie aber vielleicht doch gesellschaftliche Relevanz erhalten. Social Media-Kommentatoren und Medienschaffende haben sie geschaffen, die Relevanz. Indem sie oftmals nicht nüchtern, nicht differenziert, nicht einfachsten juristischen und wissenschaftlichen Grundlagen entsprechend (und das sollte man zumindest von Journalisten erwarten können) mithalfen, eine ganze Ethnie in ein schlechtes Licht zu rücken.

Jetzt ist die Geschichte von der 28-jährigen Frau, dem 31-jährigen Moslem und dem 21 Jahre alten nicht-Gläubigen, den drei Menschen also, die sich nie zuvor begegnet sind und keine gemeinsame Sprache sprechen und die – ein wenig improvisiert, aber gut – zusammen leben, eben doch wichtig geworden.

Weil wir drei den Gegenbeweis antreten. Dabei sind wir kein Einzelfall. Geschichten wie unsere finden einfach nicht in der Öffentlichkeit statt. Es macht schliesslich wenig Sinn zu berichten, dass nichts passiert. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte mir in der ersten Nacht nicht Gedanken darüber gemacht, ob das gut kommt, was da überhaupt auf mich zukommt. Man hörte ja so allerlei. Keine 48 Stunden später waren mir diese Gedanken peinlich, heute muss ich darüber lachen.

Diese beiden Jungs, die aus «Kulturkreisen mit einem hochproblematischen Frauenbild stammen und jetzt entwurzelt, allein und mittellos an den Rändern der hiesigen Gesellschaft leben» (wie Michèle Binswanger das jüngst formuliert hat), sie sind tatsächlich entwurzelt, sie fühlen sich sicher oft alleine und sie sind mittellos. Ihr Menschenbild indes ist, so konnte ich feststellen, das gleiche wie unseres. Sie finden es schlimm, was da in Köln passierte, oder in Paris. Weil – Achtung, breaking News – es eben nicht ihren Moralvorstellungen entspricht. Weil es für sie genauso falsch ist, Menschen zu bestehlen, zu verletzten oder gar zu töten.

Die beiden fürchten sich vor Ereignissen wie den Pariser Terroranschlägen und jetzt dem in Köln weitaus mehr als ich, das potentielle Vergewaltigungs- und Terroropfer.

Zu Recht. Sie werden in Sippenhaft genommen, sie gehören jetzt eben zu diesen nordafrikanischen oder arabischen Männern, zu diesen muslimischen Flüchtlingen, die ja schon in Köln Frauen begrabscht haben. Ich hingegen kann mich in Zürich weiterhin frei bewegen, die Wahrscheinlichkeit, dass mir etwas zustösst, ist statistisch gesehen gering.

Noch geringer ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass mir im Fall der Fälle ein einheimischer Fremder zu Hilfe eilen würde.

Es ist etwas Schlimmes passiert. Die Täter, die in Köln oder wo auch immer Frauen bedrängt oder sogar vergewaltigt haben, sind in aller Schärfe zu verurteilen. Sie müssen Konsequenzen für ihre Taten zu spüren bekommen. Aber nicht der Grosse und der Kleine, nicht all die anderen. Wir haben einen Rechtsstaat, wir haben Beamte und Gerichte. Wir hatten bisher keine Sippenhaft. Unsere Gesellschaft fusst auf rechtsstaatlichen Prinzipien – und die sollten wir verteidigen.

Anmerkung: Der Stadtblog bringt diese Geschichte nicht in erster Linie, weil sie zeigt, dass auch nordafrikanische Flüchtlinge ganz normale Menschen sind. Das wussten wir schon vorher. Wir bringen diese Geschichte, weil sie zeigt, wie Schweizer sein können.

*Camille wollte nicht unter ihrem echten Namen schreiben, was wir respektieren. Sie wollte die jungen Männer und sich nicht zur Zielscheibe fremdenfeindlicher Angriffe und abwertender Äussserungen machen, weshalb wir im Stadtblog für einmal keine Kommentare zu dieser Geschichte zulassen. 

 

Vegan extrem

Miklós Gimes am Mittwoch den 18. November 2015

_gimesEine der Köchinnen im Hort sei Veganerin, erzählten meine Söhne. Vegan, das Wort habe ich als Kind nicht gekannt. Zum ersten Mal hörte ich es vielleicht vor zwanzig Jahren. Es klang extrem. Extrem wie die Musik von Nine Inch Nails. Oder wie Zungenpiercing. «Sie isst nichts, was von den Tieren kommt», wusste der Älteste. «Sie sagte, Kühe brauche es nicht

«Meine Mitbewohnerin ist Veganerin», sagte meine Patentochter, die auch am Tisch sass. Deborah, so heisst sie, gehe mit Einkaufssäcken und Eimern am Abend los und hole Esswaren ab, die in Restaurants, Lebensmittelläden, Bäckereien übrig geblieben seien. «Dann füllt sie unseren Kühlschrank.» Berge von Sandwichs, Armeen von Joghurts, alles an der Datumsgrenze.

Ich erkannte Deborah an den rötlichen Haaren und ihren unglaublichen Augen. Sie wartete vor der ETH, wo sie im zweiten Jahr Agronomie studiert. Sie ist 20. Das Fach habe sie gewählt, um später in einer NGO arbeiten zu können, sagte sie. Als sie zum Studium aus dem Tessin nach Zürich gekommen sei, hatte sie einen Freund, der Abfälle aus Containern holt, Dumpster-Diving oder Mülltauchen nennt man die Bewegung. Es sei unvorstellbar, was man in den Züri-Säcken finde, volle Weinflaschen, Gemüse, Früchte, ungeöffnet in Plastik verpackt.

So kam sie zum Foodsharing. In Zürich gebe es etwa zwanzig Betriebe, die bereit seien, unverkaufte Lebensmittel abzugeben. Am Abend tauchen Deborah und ihre Freunde auf und holen die Ware, sie zeigte mir ihren Ausweis, «Foodsaver» steht da. Dann werden die Lebensmittel verteilt oder nach Hause genommen, ein Teil geht in die öffentlichen Kühlschränke, welche die Bewegung unterhält, sie stehen im Kreis4 (die genauen Standorte finden sich auf www.foodsharing.de), man kann nehmen und bringen, so viel man will. Bald soll ein weiterer Kühlschrank in Schwamendingen stehen.

Aha, denke ich, Deborah kann mir etwas über die Armut in Zürich erzählen, über die Penner, die Namenlosen, die Alleinerziehenden, die von Ladenresten leben. Zu den Mülltauchern gehörten ein paar Einzelgänger, die sich aus den Kehrichtsäcken ernährten, sagt Deborah. Aber der Bewegung gehe es nicht um Umverteilung, in Zürich gebe es genug zu essen. «Wir retten Lebensmittel. Wir produzieren Nahrung für elf Milliarden Menschen, und dabei leben bloss acht Milliarden auf dem Planeten. Viel zu viel», sagt sie. Die Nahrungsmittel seien viel zu billig, deshalb würden sie achtlos fortgeworfen, am schlimmsten seien private Haushalte. Am Foodsharing gefalle ihr, dass jeder seinen kleinen Beitrag leisten könne, kleine Schritte. Sie habe gelernt, von Resten zu leben.

«Wann warst du zum letzten Mal einkaufen?»

«Vor sechs Wochen vielleicht, ein paar Flaschen Bier.» Veganerin ist Deborah seit drei Jahren, seit sie weiss, wie Kälber und Legehennen gezüchtet werden, wie früh ein Mastschwein stirbt. «Wir leben in einer Gesellschaft, in der man aufeinander schauen muss.» Ich höre ihr zu und denke, wie verdammt schwer es ist, ein anständiges Leben zu führen, besonders in der Saison der Metzgete. Deborah sagt: «Man kann sein Leben immer ändern.»

Zürcher, wollt ihr ewig leben?

Réda El Arbi am Mittwoch den 23. September 2015
Es ist nicht so, dass wir eine Wahl hätten. Der Sensemann kommt, wann er will.

Es ist nicht so, dass wir eine Wahl hätten. Der Sensemann kommt wann er will. (Bild Fox)

Menschen sterben. Das scheint vielen Leuten ungeheuer unangenehm zu sein. Nicht das Sterben, denn wenn sie tot sind, kümmert es sie meist nicht mehr. Es ist der Gedanke an den Tod. Es gilt, dem Tod um jeden Preis ein Schnippchen zu schlagen, ihn um jeden Preis hinauszuzögern.

Die WHO meint jetzt in einer aktuellen Studie, dass wir an den falschen Sachen sterben. Wir würden zu viel essen, rauchen und trinken. Dabei sterben in Europa immer weniger Menschen vorzeitig an Herz- und Kreislauferkrankungen, Krebs und chronischen Atemwegsleiden. Trotzdem bleiben gemäss Europäischem Gesundheitsbericht 2015 der WHO zu hoher Alkohol- und Tabakkonsum sowie Übergewicht die Hauptrisikofaktoren für einen «frühen Tod».

Ich hab mich daran gewöhnt, in Zürich einer der wenigen in meinem Umfeld zu sein, der bei Besuchen noch auf den Balkon geht, um zu rauchen. Ich bin auch einer der Typen, der nicht den Cholesteringehalt oder die Art der Fette seiner Mahlzeit kennt. Ich lass mich im Frühling nicht vom Diätwahn anstecken, mach keine Aktionen mit, die mich «fitter» machen sollen. Ich hab kein Armband, das meine Schritte zählt, keine App für Herzfrequenz und kein Ernährungsprogramm, das mir vorschreibt, was – je nach aktueller Modeströmung – das Richtige für mich ist. Ich höre einfach auf meinen Körper. Und mein Körper meint des Öfteren «Schoggi, Schweinsrippli, Zigi und dann nochmals Schoggi».

«Bewusst leben» ist zu einem Euphemismus dafür verkommen, sich möglichst um Dinge zu sorgen, die mich in 30 Jahren töten könnten. Man verbringt also sein Leben damit, sich vor dem Tod zu fürchten, der irgendwann mal grinsend am Fussende des Bettes stehen könnte. Früher hatten wir wenigstens noch den falschen religiösen Trost von einem Leben nach dem Tode. Das nahm uns die Schwere der Verantwortung für ein einziges Leben.

Geblieben sind die Ängste vor dem Sterben, ohne die Hintertür eines Lebens danach. Aber es sind Ängste von Menschen, die keine anderen Sorgen mehr haben. Wir sind satt, bestens medizinisch versorgt, leiden keine Armut und besitzen sehr viel, das wir nicht an den Tod verlieren wollen. Wir scheinen das Leben nach kapitalistischen Massstäben zu beurteilen: Quantität statt Qualität. Es ist bezeichnend, dass die Länder, in denen sich das Sterbealter immer weiter gegen 100 verschiebt, auch die Länder sind, die extrem hohe Zahlen an Depressionen und Suiziden aufweisen.

Ich rauche seit 30 Jahren und hab auch sonst nicht besonders gesund gelebt. Ich werde sicher an irgendwas sterben, das ich in meinem Leben verursacht habe. Vielleicht an Krebs, in 20 Jahren, oder in 5. Oder aber mir fällt morgen ein Blumentopf auf den Kopf, oder ein Flugzeug. Auf der anderen Seite besuche ich Familienmitglieder, die nie so über die Stränge schlugen, bereits auf dem Friedhof.

«Bewusst leben» heisst für mich, heute zu leben. Es heisst für mich, jeden Tag so zu gestalten, als ob meine Lebensspanne begrenzt wäre und ich das Beste daraus machen müsste – und nicht, dass ich sie um jeden Preis verlängern muss. Vielleicht sollte man Warnhinweise auf solchen Studien anbringen: «Der Gesundheitswahn kann ihre Lebensqualität nachhaltig beeinträchtigen.» Es ist nämlich nicht so, dass viele Leute sich dann wirklich an die Empfehlungen halten. Es ist eher so, dass die Leute genau so weiterleben wie bisher, nur dass sie zusätzlich ein schlechtes Gewissen haben und sich mehr Sorgen über eine Zeit in ihrem Leben machen, die noch gar nicht da ist.

Menschen sterben. Alle. Immer. Und es liegt nicht in unserer Hand, wie oder wann wir sterben (ausser wir legen selbst Hand an). Es liegt aber durchaus in unserer Hand, wie wir leben. 

Wem gehört die Stadt?

Alex Flach am Montag den 4. Mai 2015
Haben Clubbesucher und die Nightlife-Industrie gleich viele Rechte wie die Anwohner?

Haben Clubbesucher und die Nachtschwärmer gleich viele Rechte wie die Anwohner?

Eine Stadt lebt nicht nur in den Wohnungen ihrer Bewohner. Sie lebt in ihren Strassen, ihren Cafés, ihren Bars und Clubs. In den meisten Grossstädten existieren «Problemviertel», wobei es meist eben diese Gegenden sind, die durch ihre Quirligkeit dafür sorgen, dass eine Grossstadt als solche wahrgenommen wird.

Oft sind es die Epizentren der Nachtgastronomie, die unter der zweifelhaften Überschrift Problemviertel eingeordnet werden. Dass der Lärmpegel in solchen Vierteln höher ist als anderswo, liegt in der Natur der Sache und dass eine Stadt ein lebendiges Nachtleben braucht, dürfte mittlerweile nicht mehr Ausgangslage der Diskussion sein: Die Lebensentwürfe der Menschen haben sich in den letzten Jahrzehnten dahingehend verändert, dass auch Eltern in der Mitte ihres Lebens ihren Nachwuchs gerne mal in Obhut von deren Grosseltern geben, um eine Nacht lang in den Clubs feiern zu können – sie sind mit der elektronischen Musik aufgewachsen, die heute die Charts bestimmt und deren kreative Quelle noch immer in den Clubs liegt.

Obwohl sie diesem Umstand Rechnung tragen müssten, stellen die Behörden zumeist auch in ihren vom Clubbing geprägten Strassenzügen die Anliegen und Befindlichkeiten der Anwohner über jene der Leute, die diese aufsuchen, um dort eine gute Zeit zu geniessen. Beispiele dafür gibt es viele, so konnte in St. Gallen ein einzelner Neuzuzüger dem traditionsreichen Club Kugl den Betrieb beinahe verunmöglichen, obschon das Kugl nicht in einer Wohnzone liegt, sondern in einer gemischten Wohn- und Gewerbezone. Auch in anderen Schweizer Städten gehen immer wieder einzelne Anwohner erfolgreich gegen Clubs vor, in denen an den Wochenenden Abend für Abend hunderte Partygänger feiern.

Trotz der Zürcher Morgenröte, initiiert durch die klaren Bekenntnisse Corine Mauchs und Richard Wolffs zur städtischen Clubszene, können auch hier ein paar wenige Anwohner mit Beschwerden und Klagen dutzenden Bars und Clubs das Leben schwer machen. Aktuell versuchen dies gerade 115 Bewohner der Langstrasse, die mit einem eingeschriebenen Brief den Stadtrat auffordern, etwas gegen den Lärm und Abfall, verursacht durch den allnächtlichen Partybetrieb, zu unternehmen und das, obschon die Nachtleben-Betriebe an der Langstrasse das Milieu erfolgreich zurückgedrängt haben, ganz so, wie von der Stadtplanung wohl vorgesehen.

Die Meinungen zu dieser Aktion der Langstrasse-Anwohner sind von einer Einseitigkeit, die ihresgleichen sucht. Folgender Kommentar unter dem entsprechenden Beitrag der Gratiszeitung 20minuten generierte 968 Likes bei gerade mal 59 Dislikes: «Wer an die Partymeile zieht, muss sich nicht wundern, wenn es laut wird. Man zieht ja auch nicht neben einen Bahnhof, Flugplatz oder eine viel befahrene Strasse und beschwert sich wegen des Lärms. Solche Menschen machen unnötig Probleme und verursachen am Ende nur Aufwand und Kosten». Natürlich: Ziemlich undifferenziert und wohl auch unfaire Worte. Aber ist die Aussage der 115 Langstrasse-Anwohner und -Beschwerdesteller, der «allnächtliche Partybetrieb an der Langstrasse ist eine stadtzerstörende Sauerei», etwa differenziert und fair? Die Langstrasse mit ihrem einzigartigen Eigenleben gehört allen Stadtbewohnern und nicht nur ihren Anwohnern.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Wir fordern ÖV-DJs!

Réda El Arbi am Mittwoch den 8. April 2015
Viele Leute würde auf einen ÖV mit Soundtrack umsteigen. Ehrenwort!

Viele Leute würden auf einen ÖV mit Soundtrack umsteigen. Ehrenwort! (Bild: westnetz.ch)

Mit Erschrecken habe ich letzthin lesen müssen, dass den Zürcher Busfahrern das Radiohören verboten ist. Sie könnten damit die Fahrgäste stören. In anderen Gegenden (wie Winterthur) dürfen die Chauffeure leise Musik hören.

Ich weiss jetzt aber wirklich nicht, was besser für die Verkehrssicherheit und für das Wohlbefinden von Fahrer und Passagieren ist – wenn den Busfahrern Musik verboten ist, oder wenn die Busfahrer dauernd Werbejingles und langweiliges Gelabber der jeweiligen Lokalradios hören.

Grundsätzlich denken wir vom Stadtblog, dass es den Tram-, Zug-, und Busführern im ganzen Gebiet des ZVV gestattet werden sollte, ihre eigenen Playlists zusammenzustellen und über die Lautsprecheranlage laufen zu lassen. Das würde die Atmosphäre im ÖV mit Sicherheit entspannen.

Stellwerkstörungen und Wartezeiten liessen sich sicher besser überstehen, wenn man zu Stones «2000 Lightyears From Home» herumträumen kann. In den ersten Bus- und Tramfahrten morgens wären nicht so viele griesgrämge Gesichter zu sehen, wenn Seeeds «Aufstehn» aus den Boxen schallt.

Ausserdem wirkt Elvis Presleys «In The Ghetto» aufmunternd, wenn man den 31er über die Langstrasse bis nach Altstetten nimmt. In Altstetten könnte man dann Police’s «Roxanne! You dont have to but on the red light!» mitsummen, wenn man an den Strichboxen vorbeifährt. Auch wäre es sicher lustig, wenn der 4er am Sonntagmorgen völlig zugedröhnte Partybesucher mit Helene Fischers «Atemlos durch die Nacht» vom Escher-Wyss-Platz zum HB bringt. Eine Art nachträgliche Drogenprävention.

Auch ist der Dichtestress in der S12 erträglicher, wenn wir Stings «Don’t stand so close to me» hören könnten. «Window Shopper» von 50 Cent würde uns am Monatsende durch die Bahnhofstrasse tragen, ohne dass wir frustriert sind. Und wer auf den Bus rennen muss, kommt bei «Stop That Train» von Clint Eastwood & General Saint wieder zu Atem, wenn er sich auf den Sitz fallen lässt.

Auch für die Öffentlichkeitsarbeit des Öffentlichen Verkehrs wäre was gemacht. Die FahrzeuglenkerInnen könnten wie Trucker ein Schild mit ihren Namen – DJ Frau Henggeler oder MC Herr Bieli – vorne ins Fenster stellen. So würden sich vielleicht auch Passagere zu Stosszeiten besser verteilen: «Nei, chumm, mir wartet no eine, das da isch de DJ Rudisüli, de macht Metal. Im Nächschte fahrt DJane Anderegger, die hät meh Electro und so.»

Grundsätzlich täte einer so hektischen und geordneten Stadt wie Zürich Musik im ÖV gut. Deshalb unsere Bitte an die Verantwortlichen bei ZVV und VBZ:

Let the music play!

Verletzter Stolz

Alex Flach am Montag den 23. März 2015
Im Nachhinein bestätigt: Solche Typen sollte man nicht in den Club lassen.

Im Nachhinein bestätigt: Solche Typen sollte man nicht in den Club lassen.

Der Ablauf, der zu Gäste-Ausrastern an Clubtüren führt, ist zumeist derselbe: Erst langes Warten in der Schlage, dann an der Kasse die Abweisung und, als Tüpfelchen aufs i, eine unglaubwürdige Begründung der Schmähung obendrauf: «Wir sind zu voll», «zu viele Männer, daher kein Eintritt ohne weibliche Begleitung» und «wir schliessen demnächst». Spätestens wenn der Nächste in der Schlange mit Handschlag begrüsst und eingelassen wird, sind diese Begründungen nur noch Ausreden, die den Eindruck des unerwünscht seins weiter verstärken.

Mutige, Alkoholisierte und alkoholisierte Mutige gehen dann umgehend in einen Infight mit dem Türpersonal. Selbstverständlich nicht mit Fäusten, sondern mit Worten, wobei diese Gefechte immer gleich enden: Der Abgewiesene zottelt irgendwann von dannen und das Türpersonal der Clubs ist um etwas Zeit und viele Nerven ärmer.

Seit sich Smartphones durchgesetzt haben, gehen die Türkämpfe oftmals in eine weitere Runde: Die Geschmähten nutzen die Wegzeit zum nächsten Taxistand um den Clubbetreibern via Facebook-Nachricht mitzuteilen, was sie von ihnen und ihrem Personal halten. So auch ein gewisser D.M., der einem ihn abweisenden Zürich West-Club folgenden (unvollständig wiedergegebenen) Facebook-Monolog übermittelt hat:

03:11 «Fuck Off! Drecks-Schuppen!»

03:17 Uhr «Idioten!»

03:31 «Ihr seid behindert!»

05:43 «Ans Telefon gehen könnt ihr auch nicht!»

05:43 «Vollmongos!»

05:44 «Drecks Drogenschuppen»

05:44 «Keine Stellungnahme… weder per Text oder per Telefon»

06:43 «Armselig»

06:43 «Hoffe Ihr verreckt»

Später gleichentags, um 16:03: «Eure Türpolitik ist doch voll beschissen… Ihr, bzw. die Türsteher haben uns nicht einmal sagen können warum wir nicht rein dürfen. So etwas habe ich noch nie erlebt! Was denkt Ihr eigentlich wer Ihr seid?! Nicht einmal per Telefon habt Ihr Stellung nehmen können».

Nun ist es so, dass nicht allzu viele Clubs ein Sorgentelefon für düpierte Nachtschwärmer führen, das morgens um halb 3 Anrufe enttäuschter Abgewiesener entgegennimmt. Zudem dürfen Clubs frei entscheiden wen sie reinlassen und wen nicht, solange sie sich dabei an die gesetzlichen Vorschriften bezüglich Alkoholverkauf an Minderjährige halten und zwar ganz ohne Stellung nehmen zu müssen. Drittens: Wer tatsächlich eine gut gemeinte und fundierte Erklärung erwartet, warum er am betreffenden Abend nicht eingelassen wurde, sollte sein Anfrage vielleicht nicht mit einem «Fuck Off! Drecks-Schuppen!» eröffnen…

D.M. ist beileibe kein Einzelfall: Immer häufiger müssen sich die Social Media-Verantwortlichen der Clubs mit solchen Facebook-Nachrichten auseinandersetzen. Vor allem junge Clubber kommen mit einer Abweisung nur schwer klar. Haben sie jedoch früher ihren Ärger meist woanders mit ein, zwei Bierchen runtergespült, machen sie diesem immer häufiger gleich vor Ort oder etwas später in den sozialen Medien Luft. Oft zur Freude der Clubmacher, die solche Attacken (nicht ganz zu Unrecht) als Bestätigung ihrer Türpolitik werten: Wer zu ungehaltenen Ausbrüchen tendiert wie D.M., hat in einem Club eigentlich nichts verloren.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

«Femmes fatale» übernehmen

Réda El Arbi am Donnerstag den 5. März 2015
Nicht nur schmückendes Beiwerk sondern in Charge: «Femme fatale» .

Nicht nur schmückendes Beiwerk sondern in Charge: «Femme fatale» .

Normalerweise überlasse ich es unserem Nachtleben-Fachmann Alex Flach, über Clubs zu schreiben. Heute aber habe ich eine kleine Geschichte, die auch gesellschaftspolitisch relevant ist.

Die Zürcher Clubszene ist für Frauen ein eher hartes Pflaster. Nicht an den Clubtüren, da werden Frauen gerne gesehen, müssen oft weniger oder gar keinen Eintritt bezahlen, gelten sie doch als Publikumsmagneten. Sie sollen wie Honig die Fliegen (Männer) anziehen. Ansonsten sollen sie möglichst sexy tanzen, möglichst leicht bekleidet sein und die Atmosphäre mit der nötigen Erotik aufladen. Steht einmal eine Frau hinter den Plattentellern, ist sie gleich dem Verdacht ausgesetzt, wegen ihres Aussehens oder ihres Exotensstatus, nicht wegen ihres Könnens, gebucht worden zu sein. Soweit, so banal.

Schaut man aber die Anzahl der Frauen unter den Clubbesitzern, den Partyveranstaltern und den DJ(ane)s an, siehts eher schäbig aus. In der Lobbyorganisation Zürcher Bar & Club Kommission sind Frauen nicht mal mit 10 Prozent vertreten. Die ach so moderne Zürcher Clubsszene kann sich in Sachen Frauenanteil also nicht mal mit der normalen Schweizer Marktwirtschaft messen. Clubbusiness ist Männersache.

Darum war ich wirklich erfreut als ich von der im April startenden Partyreihe «Femme fatale» hörte. Von Kathrin Hasslwanter ins Leben gerufen, will dieses neue Format in erster Linie eine Plattform für Frauen sein. Das heisst, von der Organisatorin über die DJanes bis zur Security werden die Jobs nur an Frauen vergeben. So sollen neben internationalen Acts auch CH-DJanes (Auftakt am 10.4 mit Manon, Frau Hug, Susie Star, Samsara, Rennie Takeda, Rina Lou und Clit Eastwood) endlich mal die Möglichkeit haben, regelmässig vor einem einheimischen Publikum zu spielen und ihr Können zu zeigen.

Ironischerweise findet die Party im ehemaligen Füdlischuppen und jetzigen In-Club «Revier» mitten in der Strichmeile an der Langstrasse statt. Hoffentlich nehmen die anderen Clubbetreiber der Stadt die Möglichkeit wahr und schauen sich das einheimische weibliche Schaffen an den Plattentellern auch mal an. Man könnte ja jemanden sehen, den man für den eigenen Club buchen könnte.

Ansonsten bin ich gespannt, ob wir Männer an der Clubtüre jetzt mit einem süssen Augenaufschlag und knappen Shorts auch eher reinkommen. Und wie viele männliche Groupies extra sexy vor den DJ-Pulten tanzen.

Auf jeden Fall freuen wir uns auf diese spezielle Partyreihe. Sie hat schon heute das Stadtblog-Gütesiegel.

Der Clubflüsterer

Alex Flach am Montag den 2. März 2015
Mirza Cosic ist ein Security der leisen Worte.

Mirza Cosic ist ein Security der leisen Worte.

Die Kommission für Justiz und öffentliche Sicherheit bemängelt, dass bei privaten Sicherheitsdiensten keine gesetzliche Grundlage für die Anstellung von Personal existiert. Türsteher seien oftmals schlecht ausgebildet und teilweise gar wegen Gewaltdelikten vorbestraft. Vergangene Woche hat sich der Zürcher Kantonsrat deutlich für härtere Regen in diesem Bereich ausgesprochen. Die Kommission wurde beauftragt dem Regierungsrat einen Vorschlag zu unterbreiten, wie der jetzige Zustand verbessert werden kann.

Auch Mirza Cosic kann nicht verstehen, dass einige Clubs vorbestrafte Gewalttäter an ihrer Tür beschäftigen. Cosic ist einer der bekanntesten Zürcher «Bouncer» und an den Wochenenden vor dem Hive in Zürich West anzutreffen: «Ein guter Security setzt seinen Körper nur im äussersten Notfall ein. Die wichtigsten Grundvoraussetzungen für diesen Job sind daher nicht beeindruckende Muskeln, sondern Redegewandtheit, Übersicht und Gelassenheit».

Selbstverständlich kommt es auch an «seiner» Tür immer wieder mal zu brenzligen, durch Alkoholkonsum befeuerten, Situationen: «Eine Abweisung an einer Clubtür ist für den Geschmähten stets verletzend und entsprechend emotional kann seine Reaktion ausfallen. Lässt sich ein erhitztes Gemüt nicht mittels guten Zuredens beruhigen, helfen oftmals Ignorieren und das Zeigen der kalten Schulter. Krakeelt er oder sie trotzdem ohne Unterlass weiter, lässt man sich von einem Kollegen ablösen, der es abermals mit Reden und Beruhigen versucht. Dreht die Person dann immer noch frei, wird sie von beiden Securities gemeinsam beiseite genommen, die sie dann zu zweit versuchen, zur Räson zu bringen. Das ganze Prozedere kann bis zu einer Stunde dauern, aber damit lassen sich die allermeisten Situationen lösen.»

Gemäss Cosic ist Körpereinsatz das allerletzte Mittel, das nur angewendet wird um in Gefahrensituationen Gäste und Personal zu schützen. Zu diesem Zweck würden er und seine Kollegen auch stets ein Pfefferspray bei sich tragen: «Dieses wird uns von unserem Arbeitgeber, der Firma Novaprotect, zu Verfügung gestellt. Selbstverständlich wurden wir in der Handhabung dieser Geräte geschult», sagt Cosic. Novaprotect würde diverse weitere Kurse, beispielsweise in Deeskalation und Gefahreneinschätzung, aber auch physische Trainings-Einheiten anbieten. Kopfzerbrechen bereitet Cosic das zunehmend schlechte Benehmen junger Clubber, denen es leider immer häufiger an Respekt mangle.

Der Tonfall sei in den letzten Jahren eindeutig aggressiver geworden. An allzu turbulenten Abenden erholt sich Cosic, indem er zwischendurch das Gespräch mit liebgewonnen Partygästen sucht, mit denen er Banalitäten austauscht. Das helfe ihm aufwühlende Zwischenfälle zu verdauen und wieder in Balance zu kommen. Trotz des ganzen Trubels und Ärgers den sein Job mit sich bringt, liebt der Familienvater mit bosnischen Wurzeln seinen Beruf: «Jede Nacht an der Tür ist anders und man lernt unheimlich viel über menschliche Verhaltensweisen. Kein Bouncer, den ich kenne, steht an der Tür wegen der Aussicht, auch mal handgreiflich werden zu können».

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.