Beiträge mit dem Schlagwort ‘Lärm’

Das Glossar zum 1. Mai

Thomas Wyss am Samstag den 29. April 2017

Das mag erstaunen, doch in diesem Beitrag geht es tatsächlich um Respekt. Sogar um die De-luxe-Variante, den sogenannten «gegenseitigen Respekt». Auf der einen dieser Gegenseiten steht die Polizei (respektlos auch Bullen, Polente, Tschugger etc. genannt), auf der anderen die Demonstranten des Schwarzen Blocks (respektlos auch Cha- oder Idioten, Gesindel, Luusbuebe etc. genannt).

Wer sich jetzt sorgt, sei beruhigt: Natürlich greift das Gebrauchsanleitungsteam nicht aktiv in den 1.-Mai-Strassenkampf ein (weder mein Kollege Brusa noch ich verfügen über genügend Shaolin-Kung-Fu-Skills, auch sind wir beide keine Moses-ähnlichen Erscheinungen, die Massen beruhigen und Wasser teilen könnten), nein, wir möchten durch Worte – siehe Glossar – Hand bieten, damit sich die Rivalen die Hände reichen können, wenigstens verbal.

Oder ganz ohne Pathos: Es ist kaum ein Nachteil, wenn der Demonstrant den offiziellen Namen des Polizeifahrzeugs kennt, das ihn über den Haufen fährt (damit er es dann korrekt verfluchen kann, und nicht fälschlicherweise einen Gitterwagen mit «Du Scheiss-MTW-Karre!» anschreit). Und wenn der Polizist dem Kärli, der dem ungünstig parkierten BMW grad die Frontscheibe zertrümmert, zuruft: «Das gibt fünf Ultra-Punkte, Bro!», zeichnet das allenfalls ein mildes Lächeln aufs vermummte Gesicht.

So, und hier nun das Glossar

Gemeine Kabelbinde: Synonym für Plastik-Handschellen.
Gitterwagen: Polizeijeep mit Gitter.
Greifer: Speziell geschulte Polizisten, die gezielt Demonstranten aus dem Schwarzen Block herausholen.
– Gummischrot: Hartgummimunition, kann Augen zerstören.
– Kessel: Mediale Bezeichnung für eine Polizeiumzingelung. Berühmt ist der «Kessel von Altstetten», bei dem 2004 427 FC-Basel-Fans am Bahnhof Altstetten eingekesselt wurden (die Allschwil-Posse hat darüber einen Rap gemacht).
Konservativer Abbau: Ironisch angelehnt an Revolutionärer Aufbau; meint die von Entsorgung & Recycling nach der Strassenschlacht mit Besen, Kehrichtwagen etc. geleistete Müll- und Scherbenbeseitigung.
Mehrzweckwerfer: Waffe für Gummischrot und Tränengas.
– MTW: Mannschaftstransportwagen, er bringt grössere Polizeieinheiten zum Einsatzort.
Neptun: Polizei-interner Funkbegriff für den Wasserwerfer.
Revolutionärer Aufbau: Eine antikapitalistische, marxistisch-leninistische Organisation. Vereinfacht gesagt: das politische Fundament des Schwarzen Blocks.
Reizstoff: Euphemismus für das nicht wirklich freudige Tränengas.
Rote Welle: Die auf Radio Lora ausgestrahlte monatliche Sendung des Revolutionären Aufbaus.
Stauffacher: a) zentraler Ort im Kreis 4, am 1. Mai oft Schauplatz von Strassenkämpfen; b) unverwüstliche Linksaktivistin, Mitgründerin des Revolutionären Aufbaus; c) Pseudonym für ältere 1.-Mai-Gaffer, angelehnt an Rütlischwur-Protagonist Werner Stauffacher.
Ultra-Punkte: Anerkennungswährung unter Ultras (beispielsweise gibts acht Ultra-Punkte, wenn man sich «FCZ» auf die Eichel tätowieren lässt). Ob am 1. Mai auch Ultra-Punkte verteilt werden (und falls ja, wofür), konnten wir bis Redaktionsschluss nicht herausfinden.
– Unfriedlicher Ordnungsdienst: Polizeibegriff für Einsätze an unbewilligten Demos.
Wawe: Kurzform für den Wasserwerfer 9000; das unrühmlich berühmte Zürcher Polizeigefährt, das es gar als Bastelauto (im Massstab 1:87) gibt, und das Vermummte mit harten Wasserstrahlen beschiesst.
Zivi: Kurzform für Zivilpolizist; er trägt fancy Outdoor-Kleidung ( Jack Wolfskin, Northface) und mischt sich gern unter die Gaffer, um von da den Kampfmonturkollegen Hinweise zu geben. Sieht VBZ-Kontrolleuren sehr ähnlich.

Pro Nachtleben – Party und Politik

Alex Flach am Montag den 29. Februar 2016
Der Verein Pro Nachtleben versucht, Spannungen zwischen Anwohnern und Clubs politisch aufzunehmen.

Der Verein Pro Nachtleben versucht, Spannungen zwischen Anwohnern und Clubs politisch aufzunehmen.

Die Zürchern Nachtleben-Macher, insbesondere die Clubbetreiber, stehen der Politik misstrauisch gegenüber. Nicht ohne Grund, denn nur allzu oft bedeutet Kunde von Stadt, Kanton und Bund, dass sie sich mit weiteren Regulierungen, Vorschriften und Einschränkungen auseinandersetzen müssen. Als beispielsweise die Stadträte Richard Wolff und André Odermatt im Juni 2015 die Presse zu den Fortschritten des von Wolff initiierten Projekts Nachtleben, das Brücken zwischen Nachtleben und Anwohnerschaft schlagen soll, informierten, wurde bei dieser Gelegenheit verkündet, dass Betriebe die nach Mitternacht geöffnet haben künftig eine Baubewilligung benötigen. Das bedeutet, dass nun jede geplante Club-Eröffnung von Nachbarn mit Rekursen eingedeckt werden kann.

Nun aber hat ein überparteiliches Komitee von Jungparteien der Stadt Zürich ein Projekt lanciert, das die Exponenten des städtischen Nachtlebens mit einhelliger Begeisterung quittieren. Die städtischen Jungen Grüne, Jungen glp, Jungen CVP, Jungen SVP und die Jungfreisinnigen haben den Verein «Pro Nachtleben Zürich» gegründet, der sich für ein attraktives Nachtleben einsetzen wird. Zu den Zielen des Vereins zählt auch der Abbau hoher Eintrittshürden und Schaffung schlanker Regulierungen für Clubbetreiber. Das kommt an: Die Bar- und Clubkommission BCK steht in regem Kontakt mit den Initianten des Vereins und empfiehlt «allen, denen das Nachtleben am Herzen liegt, die Pro Nachtleben Zürich Onlinepetition zu unterzeichnen».

Direktlink zur Onlinepetition

Aber nicht nur die Nachtleben-Vertreter der BCK zeigen sich sehr angetan vom Effort der Jungpolitiker. Sandro Bohnenblust vom Club Supermarket: «Bin positiv überrascht über die Gründung `Pro Nachtleben` und begrüsse eine solche politische Bewegung. Werde am 14. April dem Politker-Apéro im Hive beiwohnen um ein paar Kontakte zu knüpfen».

Tony Bolli vom Plaza zeigt sich hoffnungsvoll («Die junge Politik kann hier sicherlich etwas bewirken») und auch Rolf Hiltl, der in seinen Räumlichkeiten den Hiltl Club betreibt, begrüsst den Vorstoss der Jungpolitiker: «Ich finde ich es sympathisch, dass das Komitee überparteilich getragen wird. Natürlich soll man in der Stadt Zürich in Ruhe wohnen können. Aber: Es gibt Orte die historisch ein hohes Aufkommen an Nachtleben haben und das soll respektiert werden. Oder Gebiete wie z.B. im Kreis 1 oder beim zukünftigen Europaplatz, welche einen sehr geringen Wohnanteil aufweisen. Es kann nicht sein, dass man nur wegen einer oder zwei Lärmklagen in der unternehmerischen Freiheit so stark eingeschränkt wird». Philippe Musshafen von der Maag Music & Arts AG hingegen relativiert: «Dass Sie all das was sie sich vornehmen schaffen bezweifle ich leider, aber auch wenn nur 20% erreicht werden ist das ein Gewinn!».

Nichtsdestotrotz dürften die Bestrebungen der städtischen Jungpolitiker helfen Misstrauen abzubauen. Sie sind ein Zeichen dafür, dass die kommende Politikergeneration das Nachtleben nicht mehr nur als Problemherd sieht, sondern als wichtigen Teil des städtischen Lebens und dass sie bestrebt ist, es auch als solchen zu behandeln.

Alex-Flach2-150x150Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Tanzen um den runden Tisch

Alex Flach am Montag den 1. Februar 2016
Langstrasse Zürich, Impressionen Nachts um halbeins, 5.8.2012, © Dominique Meienberg

Langstrasse Zürich, Impressionen Nachts um halbeins, 5.8.2012, © Dominique Meienberg

Wenn es ums Nachtleben geht, liebt die Stadt­verwaltung runde Tische. Im Herbst 2014 hat Polizeivorsteher Richard Wolff ein Projekt dazu vor­gestellt, das an solchen Roundtables ausgearbeitet wird. Damit will er die Begleitprobleme in den Griff kriegen, den das Nacht­leben mit sich bringt. Und das unterdesse als «ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor» gilt. Er will dabei die Anliegen der Bevölkerung mit den Interessen der Klub- und Barbetreiber in Einklang bringen.

Auch im Rahmen des Tauziehens zwischen Anwohnern und Nacht­gastronomie um die Langstrasse hat die Stadtverwaltung runde Tische organisiert. An diesen Tischen dürfte es bisweilen nicht allzu nett zu- und hergegangen sein: Zu unterschiedlich sind die Interessen der Diskussions­parteien. Dennoch hat man sich auf einige Massnahmen einigen können: Betreiber von 24-Stunden-Shops werden in die Verantwortung genommen, insbesondere bezüglich Vermeidung zusätzlichen Abfalls. Es wird eine gemeinsame Sensibilisierungskampagne von Clubbesitzern, ­Betreibern von 24-Stunden-Shops und Anwohnern geben und es wird geprüft ob mobile, öffentliche ­Toiletten eingeführt werden können. Problem­betriebe werden öfter kontrolliert, Innenhöfe neu als sensible Zonen definiert und es wird ein ­Wirtetelefon eingerichtet, mit dem sich Anwohnende direkt an die Club- und Bar­betreiber wenden können. Zudem ­werden die sip züri und die Stadtpolizei in der Sommersaison ihre Präsenz auf der Piazza Cella verstärken.

Mit diesen Massnahmen stellt die Stadt klar, dass die ­Anliegen der Langstrasse-Anwohner auch künftig stärker gewichtet werden als jene der dort ansässigen Gastronomie, denn es geht ausschliesslich um den Schutz der Langstrasse-Bewohner vor den Nebenwirkungen des Nachtlebens.

Die eigentlichen Verursacher des nächtlichen Chaos an der Langstrasse sind nicht die Clubs, sondern die 24-Stunden-Shops und in minderem Masse die Bars: Die Leute, die an der Langstrasse draussen feiern, holen sich ihren Alkohol vornehmlich in den Shops und trinken ihn auf den Trottoirs und Plätzen – sie sehen die Langstrasse als eine grosse Open-Air-Location. Die Club­besucher hingegen sind drinnen und nur auf dem Nachhauseweg, oder wenn sie in einen Club in Zürich West oder in der Innenstadt wechseln, sicht- und hörbar: Raus aus dem Club, rein ins Taxi, weg.

Wieso bedeutet dann für die Stadt «die 24-Stunden-Shops in die Verantwortung nehmen» nur, dass sie sich um den Abfall ihrer Kunden kümmern müssen? Sie werden von der Stadt wohl eher selten bei den «Problem­betrieben» einsortiert. Die Stadtverwaltung soll endlich aufhören, die Langstrasse als reines Wohnquartier zu sehen, denn das ist sie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Sie muss auch einsehen, dass nicht die Clubs der eigentliche Langstrasse-­Problemherd sind, sondern die 24-Stunden-Shops. Sie sollte diesen ab 22 Uhr den Alkoholverkauf unter­sagen – in Bahnhöfen geht das ja auch. Und sie soll endlich aufhören, einen Wirtschaftsfaktor, den sie gemäss eigener Aussage für ernstzunehmend hält, als Problemquelle abzutun: Nachtleben ist (auch) Kultur.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Wo Berlin von Zürich lernen kann

Alex Flach am Montag den 15. Juni 2015
Das Berghain in Berlin: Clubs haben kaum politische Lobby.

Das Berghain in Berlin: Clubs haben kaum politische Lobby.

Weil in Berlin in den vergangenen Jahren etliche Clubs von neu zugezogenen Anwohnern weggeklagt wurden, hat die dortige Club Commission, ein Interessensverband von Nachtleben-Machern, ein Clubkataster erstellt, das laufend ergänzt und aktualisiert werden soll. Die Club Commission hat dieses Kataster im Auftrag des vom Berliner Senat eingesetzten Musicboards erstellt und so kam es, dass die Liste Anfang Juni vom Berliner Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) höchstpersönlich der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Geisel: «Es geht darum, die Ansprüche der wachsenden Stadt miteinander zu verbinden. Die Menschen wollen nicht nur in Berlin feiern sondern hier auch wohnen. Ich werbe für ein gleichberechtigtes Miteinander. Hierfür brauchen wir zuerst einmal Informationen. Das Clubkataster ist ein wichtiges Instrument, um dies zu erreichen».

Schöne Worte, nobles Ansinnen, aber für einige Ortsteile wie den ehemals quirligen Prenzlauer Berg kommt diese Initiative zu spät, gibt es dort doch kaum noch Clubs, die in ein Kataster aufgenommen werden könnten. Noch vor wenigen Jahren besuchte jeder dritte Tourist die deutsche Hauptstadt wegen ihrer Clubs. Da sich die Verwandlung Berlins von «arm, aber sexy» in «immer noch nicht vermögend, aber schleichend langweiliger» längst auch international rumspricht, ist es für eine Problemevaluation eigentlich zu spät: Die Katasterphase müsste längst abgeschlossen und die auf ihr basierenden Massnahmen eingeleitet sein.

Zürich ist Berlin mindestens zwei Schritte voraus: Mehrere Projektgruppen unter der Leitung von Polizeivorsteher Richard Wolff arbeiten derzeit an möglichen Brückenschlägen zwischen Nachtleben und Anwohnerschaft. Die Zürcher Stadtverwaltung hat das Problem erkannt, auch ohne vorher in Form eines Katasters ein ohnehin offensichtliches Problem belegen zu müssen.

Die Zürcher Stadtregierung hat auch klargestellt, dass eine Grossstadt ein lebendiges Nachtleben braucht, dass dieses viel zu ihrer Attraktivität beiträgt. Auch wenn Stadtentwickler Geisel das Clubkataster persönlich vorstellt, so wird man doch den Eindruck nicht los, dass der Berliner Senat hier seinem Nachtleben bloss einen Knochen hingeworfen hat, der von der Club Commission mit freudig wedelndem Schwanz angenommen wurde.

Lutz Leichsenring von der Commission: «Wir freuen uns. Man hat jetzt offensichtlich erkannt, dass Clubs ein wichtiger Beitrag zur Stadtentwicklung sind». Wie schön … Aber kann diese Einsicht auch nur ansatzweise den Ansprüchen eines Vereins genügen, der eine der wichtigsten Clubszenen Europas repräsentiert? In Zürich wird nichts mehr einfach nur hingenommen und die Zeiten, als ein einzelner Anwohner hunderten Clubbern ihre wochenendliche Stube mir nichts, dir nichts wegklagen konnte, sind vorbei. Selbst bei Sammelklagen, wie bei jener der Langstrasse-Anwohner kürzlich, erfolgt eine heftige Gegenreaktion seitens Nachtleben, die wiederum in einer öffentlichen Diskussion mündet, die ihrerseits zu einer Fall-bezogenen und einvernehmlichen Lösung unter der Leitung der Stadtverwaltung führen könnte.

Davon ist man in Berlin noch meilenweit entfernt. Clubkataster hin oder her.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Langstrasse: Das Dilemma des Erfolgs

Réda El Arbi am Donnerstag den 30. April 2015
Erstickt an ihrem Erfolg: Die Langstrasse

Erstickt an ihrem Erfolg: Die Langstrasse

Seit einigen Tagen tobt ein Streit um die Langstrasse durch die einschlägigen Zürcher Foren. Dabei gibt es drei Fronten: Die einen wollen das Quartier wieder wie vor zwanzig Jahren haben, den schäbigen Charme, die Authentizität. Andere setzen sich fürs florierende Nachtleben ein, und Dritte wiederum versuchen mit Aufwertung und Gentrifizierung Profit aus der Anziehungskraft dieser Ecke zu schlagen.

Angefacht wurde die Diskussion von einem Appell von 115 Anwohnern an den Stadtrat, in dem sie sich über die Lärmbelastung des Quartiers beschweren.

«Wer keinen Lärm verträgt, sollte vielleicht nicht in der Stadt wohnen», meinen dagegen zahlreiche Facebook-User zu den Lärmklagen rund um die Langstrasse. Eine entsprechende Petition hat bereits mehr als 2000 Zeichner. Aber so einfach ist es nicht. Einerseits, weil viele der Langstrassenbewohner nicht erst – wie die ständig durchziehenden Hipster – seit vier oder fünf Jahren dort wohnen, sondern schon vor dieser Entwicklung ihre Heimat da hatten, andererseits, weil sich das Nachtleben dort in den letzten zehn Jahren verändert hat.

Aus der früheren Clubkultur ist inzwischen eine Club-Industrie erwachsen. Es sind nicht mehr einige Hundert Partygänger, die gerne in der Nähe des Milieus feiern, es sind jedes Wochenende Tausende, die auf der Suche nach Abenteuer und Spass Geld, Gewalt und Urin ins Quartier tragen. Und wie überall, wo Geld verdient werden kann, formiert sich eine Lobby, die diese Quelle weiter ausbeuten möchte.

Das ist nicht nur ein Problem der Langstrasse, die durch ihre Atmosphäre, durch ihre Echtheit, seit Ende der Neunziger Menschen anzieht, die hier etwas Grossstadtluft schnuppern wollen. Es ist das Problem aller attraktiven Orte weltweit. Ob Rimini in den 60ern oder Koh Phangan mit seiner Full-Moon-Party in den Nullern, sobald ein Platz hip wird, dauert es nicht lange, bis er als wirtschaftlicher Faktor ausgebeutet wird. Nur, genau diese Entwicklung bringt den Geist, der sie hervorgebracht hat, um. Es ist, als ob man einen alten Tante Emma-Laden entdeckt und dann schnell zum Einkaufszentrum umbaut, um möglichst vielen Leuten das «echte» Tante Emma-Feeling zu verkaufen.

Das Paradoxe an der Langstrasse ist, dass sich die Bewohner nicht wirklich gegen die Entwicklung wehren können. Engagieren sie sich gegen das Nachtleben, unterstützen sie indirekt die Quartierberuhigung und damit die Gentrifizierung, was letzten Endes darauf hinausläuft, dass sie sich die Mieten nicht mehr leisten können (zu sehen kürzlich an der Weststrasse). Lassen sie dem Wildwuchs der Vergnügungsindustrie freien Lauf, sinkt ihre eigene Lebensqualität Wochenende für Wochenende.

Mittel- bis langfristig ist die Langstrasse in ihrer heutigen Attraktivität wohl nicht zu retten. Sie wird eine ähnliche Entwicklung durchmachen, wie schon das Niederdorf. Wenn sie endgültig zur Konsummeile – egal ob H&M oder Clubs – geworden ist, wird von den Menschen, die jetzt den Charme der Gegend ausmachen, keiner mehr da leben oder feiern wollen. Und viele werden es sich nicht mehr leisten können.

Zum Trost: Es werden andere Quartiere entstehen, die auch Seele und Anziehung besitzen werden. Und auch diese werden, sobald von Leuten entdeckt, die diese Atmosphäre in bare Münze umwandeln wollen, wieder untergehen. Das nennt man Stadtentwicklung.

Das Positive an der Street Parade

Réda El Arbi am Freitag den 2. August 2013
Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt: Weibliche Teilnehmer können wirklich alles tragen! Solange es ein Bikini ist. (Bild: Tilllate.com)

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt: Weibliche Teilnehmer können wirklich alles tragen! Solange es ein Bikini ist. (Bild: Tilllate.com)

Eigentlich wollten wir vom Stadtblog dieses Jahr gar nicht über die Street Parade berichten, da uns verschiedentlich vorgeworfen wurde, wir würden dieses grossartige Zürcher Ereignis zu wenig schätzen. Nun, nach reiflicher Überlegung, wollten wir das nicht auf uns sitzen lassen und haben uns daran gemacht, sechs positive Aspekte an der Street Parade zu finden und nicht immer nur die Miesepeter zu sein. Und wir versprechen, den Anlass nicht mehr «Bikini-Fasnacht» zu nennen.

Unmittelbare Kommunikation
Im Alltag versklavt von unseren digitalen, mobilen Spielzeugen, schaffen wir es kaum noch, mit jemandem im Tram oder im Zug ein echtes Wort zu wechseln, den Blick immer auf Handy oder Tablet gerichtet. Nun, an der Street Parade werden wir befreit von unserer Online-Sucht, da von 14 Uhr bis 18 Uhr rund ums Seebecken kein Empfang mehr möglich sein wird. Die wenigen Wlan-Hotspots werden unter dem Andrang zusammenbrechen. So haben wir die Chance, wieder offen und direkt mit unserer Umgebung zu kommunizieren. Aber keine Angst! Es werden keine ausführlichen Gespräche erwartet. Da der Lärmpegel so hoch ist, sind nur kurze, gebrüllte Botschaften geeignet, das Ohr des Gegenübers zu erreichen. Wem das zuviel ist, kann auch auf eine rudimentärere Art der Kommunikation zurückgreifen. Wir empfehlen das Flirten mit Gesten und klaren Handzeichen. An der Street Parade ist alles etwas lockerer, da dürfern die Andeutungen auch mal etwas direkter sein. Viel Spass!

Kunst und Kreativität im Dienste der Street Parade

Kunst und Kreativität im Dienste der Street Parade

Kreativität und Stil
An der Street Parade kann sich jeder individuell seinen ganz eigenen Anstrich geben! Man könnte zum Beispiel in einem Engelchen- oder Teufelchenkostüm gehen – oder in einem goldenen Bikini. Männer könnten sich, mangels bedrucktem T-Shirt (Kleider sind sooo spiessig), coole Sprüche auf den Oberkörper malen. Mein Favorit: «Touch me!». Auch Morphsuits sind äusserst originell. Aber nicht nur bei der Kleidung zeigt sich die Kreativität. Bei den Flyern im Vorfeld haben wir ein ganz origenelles Exemplar gefunden! Der Flyer des «Pacha» (siehe Bild) zeigt, bei welchen Meilensteinen der Grafikgeschichte sich die Macher inspirieren liessen. Der Einfluss des Erotik-Magazins «Cherrie» ist nicht zu leugnen: Auch die kreativen Genies des Magazins liessen sich von Kirschen und nackten Frauen leiten. Und natürlich spürt man den feinen Einfluss der Künstler, die die Corporate ID der Zürcher Bordells «Pascha» entworfen haben. Sie haben die Idee fürs Kostüm der Dame auf dem Flyer geliefert. Es lässt sich nicht leugnen: Sex hatte schon immer einen grossen Einfluss auf Stil und Kunst.

Karma-Balance
Sie haben sich im letzten Jahr zu wenig um ihre Mitmenschen gekümmert, ihren Freizeitbuddhismus vernachlässigt und fürchten nun schlechtes Karma? Die Street Parade ist das Ereignis, an dem Sie schlechtes Karma wieder abtragen können. Sie durchstreifen nach 15 Uhr die Menschenmenge und sammeln die Leute ein, die aus Wassermangel oder Alkoholüberschuss bereits zusammengebrochen sind und schleppen sie zu einem Stützpunkt von Schutz und Rettung Zürich. Halten sie sich da nicht lange auf sondern gehen Sie gleich wieder los, um Neue zu holen. Wir wollen doch nicht, dass die Sanitäter sich langweilen und es werden ja genug herumliegen. Und jeder Gerettete ergibt 15 Punkte auf der Karma-Skala. Danach dürfen Sie dann wieder ein wenig Trance  hören (Obwohl, DJ Tatana ist ja dieses Jahr ausgemustert worden …). Ein fröhliches Om Namah Shivaya!

Freunde finden
In der Party-Atmosphäre der Street Parade lässt sich leicht Kontakt zu neuen Freunden knüpfen. Und wie uns die Biologen versichern, ist es für neue Freundschaften von grundlegender Bedeutung, ob man sein Gegenüber riechen kann. Nun, an der Street Parade müssen Sie sich nicht mit Riechen zufriedengeben. In der Menschenmasse werden Ihnen der Schweiss und die Pheromone  direkt von Haut zu Haut weitergegeben. Aber auch klassischere Wege zu neuen Freundschaften stehen Ihnen offen: Nehmen Sie einen Drink von einem Fremden an! Und, als spezieller Tipp von uns: Schreiben Sie sich Ihre Telefonnummer auf den Bauch. Nicht um neue Bekanntschaften zu schliessen, sondern um es den Leuten zu erleichtern, Sie am Sonntagmorgen wieder an Ihre alten Freunde zurückzugeben.

Für die ganze Familie
Entdecken Sie mit Ihren Kindern neue Seiten der Stadt Zürich! Auf der Suche nach Toiletten werden Sie Seitengassen und Bereiche der Stadt entdecken, in die Sie sonst nie kommen. Es ist ein bisschen wie eine Schnitzeljagd: Sie werden gleich am Geruch erkennen, ob andere Street Parade-Besucher auf der Suche nach einem WC dieselbe Ecke auch schon entdeckt haben. Sollte es den Kindern langweilig werden, gibts auch ein Ersatzprogramm. Lassen Sie Petflaschen und Plastikbecher wie kleine Schiffchen vom Seebecken her die Limmat hinunterschwimmen. Sie können Rennen gegen die Petflaschen und Plastiksäcke veranstalten, die bereits im Wasser dümpeln. Aber auch pädagogisch ist die Street Parade wertvoll. Ziehen Sie ihrer siebenjährigen Tochter einen Bikini an, bemalen Sie sie mit Körperfarben und lassen Sie ihr von den Tänzerinnnen auf den Love (!) Mobiles zeigen, wie frau sich bewegt. Sie wird einen Heidenspass haben und sich sicher noch mit 14 bei ihren Clubbesuchen mit ihrem 25 Jahre älteren Freund an das Ereignis erinnern. Vielleicht schafft sie es ja später als Model auf einen der Flyer (siehe Bild oben).

Und exklusiv zum Schluss: Das Street Parade-Motto™-Spiel!
Es ist ganz einfach und macht über Stunden Spass! Egal in welchem Zustand Sie sich am Sonntag befinden, Sie können mit dem «Street Parade-Motto™-Spiel» immer das Motto der nächsten Street Parade erraten. Nehmen Sie die vorgefertigten «Street Parade-Motto™- Subjectcards» und werfen Sie sie in den «Street Parade-Motto™-Becher». Die «Street Parade-Motto™- Subjectcards» sind mit originellen Begriffen voller Street Credibility und positiver Energie beschriftet: Respect, Love, Peace, Freedom, Follow, Create, Dance, Unity, Heart, Believe, Sunshine, Mind, Tolerance, Spirit, etc.

Und so gehts:
Ziehen Sie zwei Karten aus dem «Street Parade-Motto™-Becher» und wählen dann eine dritte Karte aus den beiliegenden «Street Parade-Motto™-Connectcards», um sie zu verbinden, und schon ist das das neue Motto fertig! Hippe Ergebnisse wie «Create your Tolerance» «Dance for Freedom» oder «Follow the Sunshine» lassen die Vorfreude auf die nächste Street Parade aufkommen!

Die süssen Vorboten der Lärm-Hölle

Réda El Arbi am Freitag den 25. Januar 2013
Die Dämonen des Lärm bräuchten keine Masken, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Die Dämonen des Lärms bräuchten keine Masken, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Seit Weihnachten stehen sie rum, anfangs unauffällig, inzwischen schon zu grossen Türmen aufgebaut: Fasnachtschüechli im Migros und Coop, die süssen Vorboten der Lärm-Hölle. So gern ich Fasnachstchüechli hab, so sehr fürchte ich mich vor der Fasnacht. Vielleicht ist das ein Stadtzürcher Erbe, da ich nur ganz vereinzelte Zürcher über sechs Jahren kenne, die Fasnacht mögen.

Und es sind nicht die Masken oder das Saufen. Das Vereinsleben wird zwar scheel betrachtet, erklärt aber auch nicht den Widerwillen der Zürcher gegen die Fasnacht. Was wirklich Schmerzen bereitet, ist der Lärm. Ab Fasnachtsbeginn terrorisieren Guggen die Menschen mit unaufgeforderter und immens lautstarker Fröhlichkeit. Ein einzelner Strassenmusiker ist in Ordnung, ja sogar wünschenswert, selbst wenn er ein Blasinstrument spielt (am Liebsten Saxophon). Aber Horden von mehr oder minder begabten Tröten, brutal unterstützt von Trommelterroristen, wecken nur Aggressionen. Und die ersten vermummten Lärmterroristen sind bereits in der Stadt aufgetaucht.

Da ist zum Einen die Lautstärke, zum anderen die Tonhöhe, die immer genau um einen Viertelton danebenliegt. Man biegt um eine Ecke und wird plötzlich orkanartig in eine scheppernde Kackophonie aus Brass, Piccolo und Pauken getaucht. Es ist kein Gespräch mehr möglich und man wartet, bis die Truppe weitergeht. Was die natürlich nicht machen, sie bleiben freudestrahlend stehen und wippen im Takt ihrer Teufelsmusik, so dass man selbst die Flucht ergreifen muss.

Und die Auswahl des Lärms ist genauso brutal wie die Lautstärke. Alle Guggen halten sich für ungeheuer modern, wenn sie die Popsongs nachspielen, die man schon das ganze Jahr über im Radio bis zum Erbrechen hören musste. Letztes Jahr hab ich sicher 300 Mal «Nossa, Nossa» in einer blechernen Guggenversion hören müssen, davor war es irgendwann mal «Seven Nation Army» von den White Stripes. Was die Guggen dem wirkich schönen Song «Somebody that i used to know» von Gotye angetan haben, will ich gar nicht wieder in Erinnerung rufen.

Kurz, selbst in Zürich, wo es Beizen gibt, die ab Ende Januar «Guggen verboten»-Schilder raushängen, sind es noch immer zuviel. Am Schlimmsten ist es in der Halle am Hauptbahnhof, wo jede Guggenmusik, die durchreist, noch ein kleines Ständchen bringen will. In einer Stadt, in der ein paar Raucher vor einer Beiz bereits eine Lärmklage auslösen, kann es doch nicht sein, das Blechtöne und Trommelfeuer ungestraft die Gehörgänge verletzen!

Liebe Guggen, geht doch nach Basel oder Luzern. Da liebt man euch! Da werdet ihr verköstigt und bewirtet. Und wir besuchen euch da und hören euch zu. Versprochen!

Wohin nur am Silvester?

Réda El Arbi am Sonntag den 30. Dezember 2012
Eine Party für Alle: Zürcher Silvesterzauber am Seebecken

Eine Party für Alle: Zürcher Silvesterzauber am Seebecken

Die Züritipp-Redaktion bat mich, einen ausgewiesenen Partymuffel, einige Tipps für den Silvester zusammenzustellen. Normalerweise ess ich am Silvesterabend mit Freunden oder kuschle mich mit meiner Frau auf dem Sofa ein und les ein Buch, um irgendwann um halb Zwölf ins Bett zu gehen. Gesellschaftlich zelebrierte «Gute Laune» ist nicht so mein Ding. Dieses Jahr aber hab ich mich mir einige Gedanken gemacht, wo man in sozialer Interaktion mit wildfremden Menschen den Jahresübergang feiern könnte. Hier meine Tipps:

Silvesterzauber auf der Gemüsebrücke/Bellevuebrücke
Die fünfhundert Meter zwischen Rathaus und Seebecken sind die ideale Location für Leute wie mich. Man kann gemütlich den Abend zuhause verbringen und dann um 23 Uhr aufs Velo oder ins Tram zu steigen und entlang der Limmat mit hunderttausenden anderer Zürchern das Silvesterfeuerwerk zu geniessen. Danach kann man mit wildfremden Menschen mit Selbstmitgebrachtem anstossen und wird vielleicht noch von einer freundlichen Fremden umarmt. Dann kann man gemütlich wieder heim, im Bewusstsein, doch auch noch dabei gewesen zu sein. Nicht die schlechteste Art, das neue Jahr zu beginnen.
www.silvesterzauber.ch

Fritz Kalkbrenner im Komplex
Nicht nur für Housefreaks wie mich: Fritz Kalkbrenner war lange nur die Stimme zum Über-Hit «Sky and Sand» seines Bruders Paul. Fritz Kalkbrenner hat sich aber mittlerweile mit deepen Sets gespickt mit Gesangspassagen einen eigenen Namen gemacht. Selbst wenn man wahrscheinlich keinen Platz mehr ergattern kann: Auch wenn man nur vor dem Gebäude rumsteht, kann man später behaupten, man sei dabeigewesen.
Komplex 457, Hohlstr. 457
Eintritt 42/49 Franken
www.komplex.ch

Abart Abschied
«Happy No More Abart» heisst die Silvesterparty, mit der sich das Abart verabschiedet. Hier werde ich sicher headbangend ins neue Jahr rocken. Unterscheidet sich in der Atmosphäre erfrischend von all den Clubs mit technoidem Einheitsbrei von DJs, dessen Namen man 2 Sekunden, nachdem man das Plakat gesehen hat, wieder vergisst. Leider zum letzten Mal. Aber egal: Rock rulez für eine Nacht.
Manessestrasse 170. 8045 Zürich
Eintritt 25 Franken
www.abart.ch

Flamingo: Nicht vorhandene Nostalgie
Im Flamingo werde ich nostalgisch. Im ursprünglichen Club hab ich Anfangs Neunziger versucht, Mädchen abzuschleppen. Jetzt trau ich mich da nicht mal mehr auf die Tanzfläche, da ich die heissen Latinorhythmen von DJ Alex und Momo nicht in koordinierte Tanzschritte umsetzen kann. Eine Reise in die nicht mehr vorhandene Vergangenheit.
Limmatstr. 65 8005 Zürich
www.clubflamingo.ch

Aubrey: Edel geht die Welt zu Grunde
Inzwischen bin ich alt genug, um mir zu Silvester etwas mehr zu gönnen als Vodka und Redbull. Ein Lachs/Trüffelznacht im Aubrey, zum Beispiel, gefolgt von einer Silvesterparty mit  eher klassischen House-Sets. Wem das nicht reicht, kann eine Tür weiter an die Moulin Rouge-Party, wo Alt-Zürcher Dani König auflegt. Da fühlt man sich nochmals wie vor 20 Jahren, als auch schon Dani König auflegte.
Schiffsbaustr. 10 8005 Zürich
www.aubrey.ch

Rossi Bar: For Zürcher Only
Nur für Zürcher. Und Berliner. Und natürlich Hamburger: Die «Ostkinder»-Party in der Rossi Bar. Electro und Minimal vom Projekt Stromkraft. Ideal um in typisch urbaner Ausgelassenheit mit dem Fuss zu wippen und mit dem Kopf zu nicken. Die Sets werden natürlich ab Vinyl (Wünüül) gespielt. Wer total ausflippen will, kann auch mal eine Faust in die Luft strecken. Aber nicht übertreiben, sonst beschlägt die Nerdbrille und die Wollmütze verrutscht.
Sihlhallenstr. 3 8004 Zürich
www.bar-rossi.ch

Neujahrsmorgen
Wer aber öffentliches Feiern nicht besonders mag, dem sei meine alljährliche Neujahrstradition ans Herz gelegt: Stehen Sie am ersten Januar früh auf und fahren Sie mit dem Tram durch die Stadt. Sie werden sporadisch auf lallende oder schlafende Partyleichen stossen, die sie, je nachdem, für ihren Kater bemitleiden oder auslachen können. Nehmen Sie einen Stock mit, um die Leute anzustupsen, bei denen Sie sich nicht sicher sind, ob sie noch leben. Nach so einer kleinen Stadtfahrt wird mir immer bewusst, wie schön ich mein eigenes neues Jahr begonnen hab, im Vergleich zu den armen Verstrichenen. Das ist ein Hochgefühl. Und dann heim zum Neujahresbrunch mit Frau und Freunden.


Chilbi-Herbst: Ein Hauch von Kindheit

Réda El Arbi am Freitag den 14. September 2012
Jeder Biss Zuckerwatte bringt uns ein wenig näher an die Kindheit.

Jeder Biss Zuckerwatte bringt uns ein wenig näher an die Kindheit.

Nun drehen wir Stadtzürcher den Spiess einmal um: Während alle Leute aus der Agglomeration nach Zürich in den Ausgang kommen,  gehen wir ins Umland feiern. Traditionell, mit kandierten Äpfeln, Zuckerwatte, Magenbrot, Bier und Bahnen – bis es uns schlecht wird.

Die Chilbizeit ist angebrochen im Kanton. Überall Bahnen, Stände, Märkte. Der Duft von Schmieröl und gerbannten Mandeln liegt in der Luft mit einem Hauch herbstlicher Wehmut und Nostalgie. Klar, dem gängigen Selbstbild des coolen Zürchers entspricht so ein Chilbibesuch, mit lauten Gekicher auf der Autotütschi oder auf den Kettenkarussel nicht unbedingt, aber was soll?. Wir bestimmen ja, was cool ist. Und cool ist, was Spass macht. Auch wir vom Stadtblog werden die eine oder ander Chilbi da draussen besuchen – und Ihnen hier davon berichten. Hier fünf Tipps für die nächsten Wochenenden (sämtliche Chilbis und Jahrmärkte der Schweiz finden Sie hier):

Chilbi Oberiberg
Markt mit zahlreichen Ständen von Kleider über Schmuck bis Magenbrot, Esswaren und Traditionelles. Typische Dorfchilbi.

Chilbi Hinwil 21. bis 23.9.2012
Über 50 verschiedene Stände: Kleider, Magenbrot, Accessoires und diverse Essstände. Freitag und Samstag Festwirtschaft bis 04.00 Uhr und Sonntag bis 24.00 Uhr.

Sibner Chilbi 23.9.2012 bis 25. 9. 2012
Der Siebner Märt ist immer wieder ein beliebter Treffpunkt für die Bevölkerung aus der March und Höfe und natürlich auch aus dem ganzen Zürichseegebiet bis ins Glarnerland und die Ostschweiz. Mit über 300 Ständen und Fahrgeschäften. 

Stäfner Chilbi 29/30. 9.2012
Grosser Chilbibetrieb mit modernen Attraktionen und Ständen auf dem See- und Rössliplatz und der Bahnhofstrasse. Festbetrieb und Wirtschaft bis 24.00 Uhr.

Bubiker Chilbi 6.10.2012
Auch dieses Jahr wird es wieder möglich sein, am Chilbisamstag mit der Dampfbahn von Wolfhausen nach Bubikon an die Chilbi zu fahren.  Chilbibetrieb, Festwirtschaft.


Marodierende Milchschnäuze

Réda El Arbi am Sonntag den 19. August 2012
    Die Kleider zahlt noch Mama, aber randalieren können sie schon. (Bild: Reda El Arbi)

Die Kleider zahlt noch Mama, aber randalieren können sie schon. (Bild: Reda El Arbi)

Unser Stadtblogger Reda El Arbi  geriet in der Nacht auf Sonntag in die Krawall-Party bei der Rentenanstalt. Eine persönliche Einschätzung:

Samstagnacht war es wieder mal soweit: Einige hundert Jugendliche wollten mitten in der Stadt eine illegale Party feiern. Nun ja, streng genommen sind die Partys eigentlich nicht illegal, nur eben ein wenig unorganisiert. Da in der Schweiz noch immer Versammlungsfreiheit herrscht, dürfen sich am See auch so viele Jugendliche zu einem Bierchen versammeln,  wie eben Platz haben. Das heisst, solange sie nicht andere Besucher massiv stören oder irgendwas kaputt machen oder anzünden. Das Wörtchen «Illegal» dient  nur dem Nervenkitzel der Besucher.

Eigentlich hätte auch niemand weiter von dieser Party am Samstag erfahren, wie auch niemand sonst von den dauernd stattfindenden Flashmob-Partys erfährt. Weils eben Partys sind, bei denen höchstens mal ein genervter Nachbar wegen Lärm die Polizei ruft.

Aber natürlich hat die ganze Stadt von dieser Party erfahren, weil eben einige wenige testosterongesteuerte, alkoholisierte Bubis mit der Polizei «Fang mich» spielen wollten. Sie zündeten einen Container an und warfen Flaschen auf die anrückende Feuerwehr, während die friedlichen Partyteilnehmer am See sassen, die Sterne betrachteten und das Leben genossen. Das darauf die Polizei mit einem massiven Aufgebot einfährt, hätte sich jedes Kind ausrechnen können. Und dafür, dass es einen verletzten Polizisten gab, sind die Beamten erstaunlich zurückhaltend vorgegangen. Es gab nur zwei Verhaftungen.

Ja, ich war da – mittendrin – und es waren wirklich Bubis, die ausflippten. Sechzehnjährige wohlstandsverwahrloste Mittelstands-Milchschnäuze in überteuerten Turnschuhen, die ihre eigene Männlichkeit noch nicht entwickelt haben und sich durch jede Form von Uniform (selbst von der Feuerwehr oder einem Pöstler) in ihrem Selbstwert angegriffen fühlen. Frauen haben übrigens nicht mitgemacht, sie haben die Idioten noch nicht mal angefeuert.

In der Diskussion nach der Krawallparty haben einige sonst eigentlich wirklich aufgeklärte und aufgeschlossene Leute gemeint, dass «die Jugend für ihre Freiräume kämpfen muss». Ich war überrascht von dieser Logik. Ich dachte immer Freiräume erarbeite man sich, indem man sie sich nimmt und beweist, dass man mit den neu gewonnenen Freiräumen auch umgehen kann. Aber irgendwie fehlt mir der Zusammenhang zwischen Strassenschlachten und Feiern oder Freiräumen.

Wie man sich durch einen massiven Polizeieinsatz mit Verletzten und grossem Medienecho Freiräume erarbeiten will, erschliesst sich mir nicht. Im Gegenteil, die Party  hätte ja stattfinden können, ohne dass es irgendwen interessiert. Das wär für mich schon der eigentliche Freiraum. Nur wissen die Krawallbubis offensichtlich nicht mit Freiräumen umzugehen.

Das Einzige was die Konsum-Revoluzzer erreicht haben, ist, dass die nächste spontane Party eben diesen Freiraum nicht mehr haben wird, weil die restlichen Stadtbewohner die Nase von Krawallen voll  haben. Und ich hoffe von Herzen, zukünftige Party-Organisatoren vermerken auf ihren Flashmob-SMS und Facebook-Einträgen, dass gewalttätige Party-Crasher gemieden werden wie Aussätzige. Die Kids sind alt genug, um Partys zu organisieren – und ich glaube fest daran, dass sie auch alt genug sind, die Randalierer in den eigenen Reihen zu zurückhalten oder auszuschliessen.

In diesem Sinne: Auf die nächste Party!

 (Nachtrag:  Am selben Abend fand eine Party von Autonomen auf dem Helvetiaplatz/Kanzleiareal statt. Sie lief friedlich ab.)