Beiträge mit dem Schlagwort ‘Kunst’

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 10. März 2017

«Wozu?»

Die Ausgrabungen beim Opernhaus Zürich haben Erstaunliches zutage gefördert. Die Jungstein-Zürcher jagten fast alles, was sich bewegte. Sie assen Rind- und Schweinefleisch. Und vielleicht Menschen. Denn man hat Menschenknochen gefunden, die belegen, dass diese säuberlich zerlegt wurden. Wozu und warum, ist die ungelöste Frage der Forscher. Zu gewissen Zeiten können Besucher mit speziellen Brillen virtuell durchs Pfahlbauerdorf spazieren. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Eine totale Überreaktion des Zolls.»

Zollbeamte sind diese Woche im Luxushotel Dolder Grand und vor der Villa des Dolder-Besitzers Urs E. Schwarzenbach vorgefahren und beschlagnahmten in einer breit angelegten Aktion Kunstgemälde. Schwarzenbachs Anwalt Ulrich Kohli hingegen fand die Aktion völlig übertrieben. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Ich habe leider keinen
direkten Draht zur Lokalpolitik.»

Für Dada-Haus-Direktor Adrian Notz war diese Woche wichtig: Der Gemeinderat entschied, wie hoch der Betriebsbeitrag der Stadt an das Cabaret Voltaire ausfällt. Lobbying bei der Politik hat er im Vorfeld keine betrieben. (Foto Dominique Meienberg)

 

«Ich weiss, wie man eine Frau
übers Parkett führt.»

Tanzvorlieben charakterisierten einen Menschen, heisst es. Stimmt die These, lernt man am im Zürcher Opernhaus die Prominenz neu kennen. Auch dabei: Der ehemalige Schweizer Botschafter in Deutschland Thomas Borer zusammen mit seiner Gattin Denise. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Armut war der Grund, warum Menschen
Wohnungen in steile Hänge bauten.»

In der Nähe von Flaach gab es bis ins 20. Jahrhundert Wohnungen im Hang, in denen arme Leute lebten. Die Bauten sind inzwischen weg, aber die Höhlen existieren noch. (Foto Dominique Meienberg) Hobby-Familienforscher Willi Müller hat einiges über die Höhlen zu erzählen. Zum Artikel

 

«Viele wollen sich wieder einmal
richtig schmutzig machen.»

In Schwamendingen steht die erste Do-it-yourself-Werkstatt für Motorräder von Zürich. Willkommen sind alle – sogar Puch-Fahrer. Mitinitant Alexandre Bourdon denkt, dass viele, welche die Werkstatt aufsuchen, einen Ausgleich zur Büroarbeit suchen. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

«Ich bin kein Spinner, ich bin verrückt.»

Der Zürcher Frank M. Rinderknecht stellt seit 1979 am Genfer Autosalon jährlich einen Prototypen vor, von denen aber keiner je in Produktion ging. Seine neuste Idee: Ein Cannabisgarten auf vier Rädern. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Der Patient steht zuoberst.»

Mazda Farshad wird in Zürich ärztlicher Direktor der orthopädischen Uniklinik Balgrist. Warum er eine Lockerung des Arbeitsgesetzes fordert. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Mein Vater konnte gut zuhören.»

In diesem Laden war die Rasur mehr als nur Bartpflege: Im Salon des verstorbenen Robert Rosenberger weht noch der Geist der 1930er-Jahre. Sein Sohn weiss, weshalb viele Kunden das Geschäft so gern hatten und immer wieder dort ihre Haare schnitten. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Es motiviert, wenn man am Ende
das fertige Bauwerk sieht.»

Wohnungen für über 2000 Menschen, 3000 Arbeitsplätze, ein Hotel mit 600 Betten und eine neue Schule für 250 Kinder: Hinter dem Entlisberg wächst Zürichs neustes Quartier in die Höhe. Es stecke viel Herzblut in der gesamten Arbeit, sagt ein Projektleiter. (Foto: Tamedia) Zum Artikel

 

«Absagen bekommen wir selten.»

Im Aargauer Kunsthaus blühen in der Ausstellung «Blumen für die Kunst» Kunstwerke vor Kunstwerken. Manche davon wurden von Zürcher Floristen in Szene gesetzt. Die meisten würden sich sehr freuen, mitzumachen, sagt Projektleiterin Angela Wettstein. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Kinder sind ein Stück Ewigkeit.»

FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger auf die Frage, welchen Sinn er darin sieht, Kinder auf die Welt zu bringen. (Foto: Raisa Durandi)

 

 

 

Entköppelung: empörte Heuchelei

Réda El Arbi am Donnerstag den 17. März 2016
Ziel einer pubertären Kunstaktion: Verleger und Nationalrat Roger Köppel.

Ziel einer pubertären Kunstaktion: Verleger und Nationalrat Roger Köppel.

Das Neumarkt-Theater will Roger Köppel verfluchen, exorzieren und fordert die Leute auf,  sein Heim mit stinkenden Fischen zu besuchen. Das ist eine ziemlich dämliche Aktion, die mich irgendwie an Schulsilvester und pubertäre Trotzreaktionen erinnert. Nicht besonders originell, künstlerisch – ausser in der reinen Provokation – völlig unkreativ und eher unbedarft. Diesen Beitrag weiterlesen »

Im Darkroom der Photo16

Réda El Arbi am Freitag den 8. Januar 2016
Die Bilderflut auf Kniehöhe untergräbt die Wirkung der besten Bilder.

Die Bilderflut auf Kniehöhe untergräbt die Wirkung der besten Bilder.

Die Absicht, die der Organisator Michel Pernet mit der Schweizer Werkschau Photo 16 verfolgt, ist eigentlich edel: Er will jungen Schweizer Fotografen eine Bühne geben, auf der sie ihr Schaffen in einer Zeit visuellen Überangebots im Web in der realen Welt einem interessierten Publikum zeigen können.

Leider leidet der Anlass an der gleichen Krankheit wie die Fotografie im Zeitalter der Digitalcameras an jedem Handy generell. Es herrscht eine inflationäre Bilderflut, die den einzelnen Fotografen und sein Werk untergehen lässt.

Gerechterweise muss ich sagen, dass ich auch vom Kunsthaus überfordert bin. Nach Ansicht von 15 Kunstwerken ist mein Geist und meine Wahrnehmung abgestumpft und ich kann nichts mehr wirklich vertieft aufnehmen. Bei der Photo 16, die einige hervorragende Arbeiten zeigt, ist die Aufnahmegrenze schon erreicht, bevor ich in den Hauptsaal komme. Erwähnt seien deshalb auch nur zwei Fotoserien, die mich dennoch erreichten: Die eine ist eine Geschichte aus Senegal, die ich unbedingt empfehle. Die andere nenne ich etwas abschätzig «Flüchtlingsporno». Eine Fotoserie über das Leid und das Elend der ankommenden Flüchtlinge an den Küsten Europas, deren Grossaufnahmen der Verzweiflung an der Vernissage zwischen den Cüpligläsern irgendwie pervers wirken. Aber gehen Sie hin und machen Sie sich selbst ein Bild.

Insgesamt ist die Kuratierung gelungen, die Bilder sind zwar nicht thematisch geordnet (ausser in einem Raum, zu dem ich noch komme), aber die Arbeiten der verschiedenen Künstler beissen sich nicht mehr wie letztes Jahr. Trotzdem: Der Intention der Ausstellung wäre wohl mehr gedient, wenn sie sich in der Masse etwas im Zaum halten würde. Hier wäre wirklich weniger mehr. Die Anzahl der Ausstellenden auf einen Viertel reduziert, dafür mehr Sorgfalt auf die Präsentation der einzelnen Bilder verwendet – weg von den Kisten auf Kniehöhe hin zu Bildern an Wänden – und man würde sich beim Verlassen vielleicht wirklich noch an den einen oder anderen jungen Fotografen aus der Schweiz erinnern.

Brüste nur für Ü18

Brüste nur für Ü18

Eine Spezialität gabs dann aber doch noch: Den Darkroom. Da die Photo 16 als Familienausstellung promotet wird, kam irgendjemand auf die Idee, «explizite» Bilder in einem abgetrennten Raum mit dem Hinweis «Ab 18» zu präsentieren. Unter «explizit» scheinen die Veranstalter Brüste zu verstehen. Offenbar nehmen sie – in totaler Ignoranz der Säugetiernatur des Menschen – an, dass Kinder noch nie Brüste gesehen hätten. Ansonsten sieht man im «Darkroom» aber nichts, dem man nicht schon auf Werbeplakaten im öffentlichen Raum begegnet wäre. Ausser vielleicht dieses eine Bild mit einer Schamlippe. Es riecht etwas nach Amerikanisierung, wenn man im Hauptsaal das Leiden von Flüchtlingen ohne Bedenken auch Kindern zeigen kann, aber Probleme mit nackten Menschen hat.

Aber egal, die Ausstellung enthält Perlen, die man sich in Ruhe anschauen kann. Nehmen Sie sich nicht alle Bilder vor, sondern verlassen Sie die Ausstellung, bevor die Flut der Fotos die einzelnen Eindrücke inflationär abwertet. Viel Spass!

Schulen für DJs?

Alex Flach am Montag den 13. Juli 2015
DJ Ferrari über Kunst, DJs und Handwerk.

Domenico Ferrari über Kunst, DJs und Handwerk.

Längst leben viele Schweizer ausschliesslich von der Auflegerei. Inzwischen gibt es auch einige (mehr oder weniger aktive) Schulen an denen man das Turntable-Handwerk erlernen kann, beispielsweise die DJ University in Pfäffikon, die Spin DJ Academy in Zürich, Beatmix in Bern und Basel oder die neue Mixmasters-Schule mit Standorten in Horgen und Birmenstorf.

Domenico Ferrari, DJ und Produzent (High Heels Breaker) und Dozent für Producing an der ZHdK, erzählt, was er von solchen Instituten hält.

Brauchen DJs eine Schule?
Der Markt zeigt, ob es solche Schulen braucht. Das sind ja private Institutionen, also Firmen die Geld verdienen wollen. Mir fehlen die Erfahrungswerte um fundiert beurteilen zu können ob diese Schulen über die nötige Kompetenz verfügen, auch in pädagogischer Hinsicht.

Es fällt auf, dass einige dieser Schulen mit namhaften Gastdozenten arbeiten, derweil man von den ständigen Dozenten kaum einen kennt.
Das ist in der Tat etwas besorgniserregend: Das sieht nach schmückendem Namedropping aus. Wenn aber die Gastdozenten über pädagogisches Talent verfügen, dann profitieren die Studenten von deren Know How. Auch an der ZHdK gibt es international renommierte Gastdozenten. Jedoch sind bekannte Namen kein Indiz dafür, dass die Schule was taugt.

Sind solche Schulen nicht zu kleinbürgerlich für den Beruf DJ?
Keine Schule kann aus einem Talentierten einen Künstler machen. Sie kann nur Türen öffnen: Durchgehen muss der Student selbst. Wer denkt, er könne solche Kurse absolvieren und komme dann an viele Bookings, der landet schnell auf dem harten Boden der Realität.

Mixmasters.ch verspricht, dass man nach Abschluss der Kurse schnell 500 CHF Gage pro Booking verdienen kann …
Das ist gummig formuliert. Der Schritt zum Künstler dauert viele Jahre. Ein gutes Beispiel ist Jimi Jules: Er hat fünf Jahre Musik an der ZHdK studiert und sich seinen Masterabschluss erarbeitet, hat bereits während seines Studiums aufgelegt. Wir reden hier von einem Zeitraum von 8 – 10 Jahren zwischen dem ersten Mal auflegen und dem endgültigen Durchbruch.

Du sprichst von Künstlern. Machen nicht erst eigene Songs aus einem DJ einen Künstler?
Erfolgreiche Produktionen werden immer wichtiger, will man ein angesehener DJ werden. International erfolgreiche DJs können auf Hits verweisen oder sie führen Labels, auf denen andere Produzenten solche veröffentlichen. Wie beispielsweise der Berliner Dixon mit Innervisions. Das Produzenten-Know How wird an diesen Schulen wohl nicht in genügendem Umfang vermittelt. Dafür aber wird da „Taktlehre“ gelehrt, wobei mich interessieren würde, was man da lernt… wie man bis Vier zählt?

Dein Fazit?
Im Gegensatz zur ZHdK lehren diese Schulen eher das Handwerk als die Kunst. Nun muss sich jeder selbst fragen, ob er dereinst elektronischer Musiker werden möchte, oder ob er beim reinen DJing bleiben will. Ist Zweites der Fall, dann können diese Schulen durchaus eine wertvolle Starthilfe sein. Der Karriereaufbau liegt jedoch in beiden Fällen letzten Endes immer beim Student.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Grafik 15: Sinnlich, kitschig und 3D

Réda El Arbi am Freitag den 13. März 2015
Grafik kann durchaus gesellschaftskritisch UND schön sein.

Grafik und Design kann durchaus gesellschaftskritisch UND schön sein.

Die Grafik XX war mir immer schon lieber als die anderen Blofeld-Anlässe Foto XX oder Kunst XX. Die Grafik-Branche zieht offenbar einfach weniger Diven und Narzissten an, wohl weil die Ausstellenden nicht für den eigenen Ruhm oder ein höheres Ideal arbeiten, sondern für nörgelige Kunden, wie die meisten von uns. Natürlich war die Vernissage gestern auch ein Magnet für Hipster, aber das ist in der Kreativszene wohl einfach ein zu akzeptierendes Übel.

Tausend Tore in andere Welten, geöffnet von sympathischen Nerds.

Tausend Tore in andere Welten, geöffnet von sympathischen Nerds.

In der ersten Halle liessen die Game-, Web-,  und App-Designer mein Digitalherz höher schlagen. Da ich als PC-Spieler den Monitor nicht als flache Scheibe, sondern als durchlässiges Tor in andere Welten betrachte, war ich leicht  einzufangen. Interaktion und Optik ergeben für mich ein sinnliches Erlebnis und ich kann jedem Begeisterten nur empfehlen, sich die Arbeiten der eher jungen Entwickler anzusehen. Auch hier waren eher Nerds als Künstler unter den Ausstellern, darunter ein junger Mann, der mir in französisch gefärbtem Englisch mit einer solchen Begeisterung von seiner Musik-Rate-App für Couleur 3 vorschwärmte, dass ich sie ihm wirklich abgekauft hätte.

Tierlikitsch war einer der Trends. Die Wölfe hab ich nicht fotografiert.

Tierlikitsch war einer der Trends. Die Wölfe hab ich nicht fotografiert.

Im hinteren Teil, der eher der klassischen Grafik gewidmet ist, hab ich auch einige Perlen entdeckt, darunter mein Liebling vom Artikelbild oben. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass mehr dreidimensionale Arbeiten ausgestellt wurden, was mir eher entspricht als die diversen im ewigen Retro-Stil gearbeiteten Plakate, die auch unter den Exponaten zu finden waren. Zwei Trends hab ich ausmachen können: Erstens den unsäglichen Kitsch, von dem wir glaubten, ihn in den 80ern hinter uns gelassen zu haben. Zum Beispiel Zeichnungen von Wölfen und anderen wilden Tierli, wie sie früher auf Plüschpostern in unsäglichen Kitschshops erhältlich waren. Und zweitens einen Trend zu einfachen, naiven Grafiken, die klar von den gezeichneten Internetmemen beeinflusst wurden. Die einen mag ich, die anderen nicht.

Dreidimensionale Modelle wecken das Bedürfnis, mit den Eponaten zu spielen wie ein Kind.

Dreidimensionale Modelle wecken das Bedürfnis, mit den Exponaten zu spielen wie ein Kind.

Was gibts sonst noch zur Vernissage zu sagen? Nicht viel. Mitten in der Menge Blofeld-Chef und Organisator Michel Pernet, jovial lächelnd bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Gesprächig macht er Menschen miteinander bekannt, die sich eigentlich gar nicht kennenlernen wollen. Höflich murmelt man den Namen des Unbekannten, zu dessen Händedruck man genötigt wird und vergisst ihn gleich wieder.

Klar von den naiven Internetmemen beeinflusst.

Klar von den naiven Internetmemen beeinflusst.

Aber solange Pernet solche Anlässe organisiert, lässt man auch sein «Netzwerken» stoisch über sich ergehen, um sich danach wieder den Exponaten zu widmen, für die es sich auch dieses Jahr lohnt, die Grafik 15 zu besuchen.

Tschüss Jugendkultur!

Alex Flach am Montag den 30. Juni 2014
Nimmt den Jungen den Platz weg: David Guetta , 46

Nimmt den Jungen den Platz weg: David Guetta , 46

Berufsjugendliche haben der Jugend die Kultur gestohlen. Spätestens seit den 50er Jahren und mit dem Rock’n’Roll und der Beatnik-Bewegung hatte die Jugend stets ihren eigenen kulturellen Garten, der nur ihr vorbehalten war und den sie exklusiv gestalten durfte. Nicht dass den Altvorderen der Zutritt explizit verboten gewesen wäre, jedoch war die Rebellion (oder zumindest die Abgrenzung) gegenüber der Welt der Eltern stets eine tragende Säule dieser Ären, was ein Ausschluss von Menschen ab circa 30 Jahren automatisch impliziert – «we don’t trust anyone over 30» (Jack Weinberg).

Auf die Beatniks folgten die Hippies, auf die Hippies die Punks, auf die Punks die Goths, die Popper und die Heavys (Metalheads) und die wiederum wurden durch die Raver und die Skater abgelöst. Zur Jahrtausendwende machte sich dann der Hip Hop breit, auf den aber nur noch kurzlebige Seltsamkeiten wie Emo oder Cosplayer folgten. Erwachsene spielten bei all diesen Kulturbewegungen eine Rolle, jedoch nur als Mentoren, Mäzenen und Strippenzieher hinter dem Vorhang. Sie hatten die Macht und das Geld um aus Strömungen globale Hypes zu machen und sie waren es jeweils auch, die wussten wie man eine Jugendkultur und deren Anführer mit Gier infiziert, wie man sie zu Geld machen und damit dem Untergang weihen kann.

EDM ist die Abkürzung für Electronic Dance Music und EDM ist die Musik, die derzeit aus den Teenager-Zimmern dröhnt. Ursprünglich ein Sammelbegriff für alle elektronischen Musikstile, ist EDM mittlerweile zu einem eigenen Genre mutiert, wobei niemand so genau sagen kann, wie dieses definiert wird. Von Dubstep, Trap und Breakbeats über gewisse Elektro- und House-Spielarten bis hin zu Trance findet alles unter dem EDM-Dach Platz.

Als die US-Amerikaner, welche die gesamte Technobewegung der 90er Jahre verpennt haben, die elektronische Musik für sich entdeckten, erkannten DJs im fortgeschrittenen Alter wie David Guetta (46), Tiësto (45) und Steve Aoki (36) schnell das Potential der EDM-Definitionslücken: Tiësto, bis dato der bekannteste Trance-DJ der Welt, gab 2010 bekannt, dass er das Ende von Trance gekommen sieht und er sich daher fortan auf Elektro-House fokussieren werde. Eine geniale Geschäftsfinte, denn dieser Begriff ist dermassen schwammig, sodass er seine bisherige Kompositionsweise nur geringfügig modifizieren musste um zu verhindern, dass der Niedergang des Trance auch zu seinem eigenen wird.

Viele etablierte Senioren wie Paul van Dyk (42) oder altgediente Schweizer wie Dave202 (41) folgten seinem Beispiel und erklärten, dass sie fortan als EDM-DJs bezeichnet werden wollen. Klar gibt es auch viele junge EDM-Leader wie Avicii (24), Skrillex (26) oder Calvin Harris (30), aber sie teilen sich ihr Spielfeld mit den genannten grauen Electronica-Panthern. Eben deshalb ist EDM keine Jugendkultur: Wenn ein Teenager heute Tïesto aus seinen Boxen in seinem Zimmer dröhnen lässt, riskiert er nicht mehr eine Standpauke seines erbosten Vaters, sondern dass ihm dieser begeistert mitteilt, dass er bereits an der Street Parade 1998 zu den Songs des Holländers abgegangen sei. Es ist höchste Zeit, dass sich die Jugend wieder selbst bewegt und zwar unter Ausschluss von Acts die ihre Eltern sein könnten.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Hafenkram zum Letzten

Réda El Arbi am Dienstag den 24. Juni 2014
In dem Augenblick, als er aufgestellt wurde, verlor er seine Wirkung: Der Hafenkram.

In dem Augenblick, als er aufgestellt wurde, verlor er seine Wirkung: Der Hafenkram.

Wortgewaltige Kommentarschlachten wogten über Online- und Print-Presse, wutschäumende Gegner und selbstgerechte Befürworter warfen sich verbal in Pose, um Dekadenz bzw. den Untergang der Kunstfreiheit zu mahnen. Das Objekt des Meinungskrieges, der Hafenkran, bekam für die einen messianische, für die anderen diabolische Züge. Man schlug sich ohne Gnade, beschimpfte sich aufs Übelste und die Moderatoren der Medienforen mussten viele hundert Kommentare löschen, weil der Kampf um den Kran die Leute so aufbrachte, dass sie jeglichen Anstand verloren und in eine eine Art verbalen Blutrausch verfielen.

Dann, vor ein paar Wochen, hat man ihn hingestellt, den Kran. Weder ging die Welt unter, noch strahlt eine Botschaft der geistigen und kulturellen Befreiung durch Europa. Oder die Schweiz. Oder Zürich. Der Kran steht einfach da und rostet vor sich hin. Er ist amüsant, wenn man drauf achtet, dass er da eigentlich nicht hingehört. Damit ist seine Wirkung aber bereits verpufft.

Eine kleine Gruppe japanischer Touristen wird vom Reiseführer darauf aufmerksam gemacht, dass der Kran eigentlich nur einen Kunstzweck erfüllt und etwas irritiert wird der Stahlkoloss abfotografiert. Die Hafenkran-T-Shirts in den Shops am Limmatquai waren gerade mal in der ersten Woche ein Verkaufsschlager. Jetzt schmiegt sich der Koloss ins Panorama, als ob er da zuhause wär. Die Zürcher fahren auf  dem Velo oder im Tram an ihm vorbei und bemerken ihn nicht mehr, die Touristen muss man explizit auf seinen künstlerischen Wert hinweisen. Er hat  die Stadt nicht verändert, weder im Guten noch im Schlechten. Die Stadt hat ihn einfach absorbiert und zu einem eher belanglosen Teil des des Stadtbildes gemacht.

Vielleicht liegts daran, dass überall in der Stadt höhere, gewaltigere Kräne stehen, die noch in Betrieb sind, wie zum Beispiel der, mit dem man den Hafenkran aufgestellt hat. Vielleicht liegts aber auch daran, dass er jetzt, nachdem er Realität geworden ist, weder Hoffnungen noch Ängste generiert. Er eignet sich nicht mehr als Projektionsfläche für Katastrophen oder hohe Ideale. Die reaktionären Wutbrüger und die selbstgerechten Freiheitskämpfer haben das Interesse verloren, sind weiter gezogen, sich um etwas anderes zu prügeln, etwas das noch nicht die ernüchternde Wirkung des Realen hat.

Zur Zeit steht der Kran einfach da, nicht einmal Graffiti-Künstler beachten ihn. Er ist wohl das einzige Industrie-Objekt in der Stadt, das nicht versprayt ist. Aber keine Angst, der Stahlkoloss hat noch nicht seine letzte Schlacht erlebt. Spätestens wenns darum geht, ob er nun wirklich wieder abgerissen wird (wie geplant), oder ob er weiter an der Limmat stehen soll, werden die Schlachtreihen geschlossen und ein weiterer gesellschaftspolitischer Waffengang steht an. Ein Waffengang, der uns nur vor eine einzige Frage stellt:

Haben wir eigentlich keine echten Probleme?

Tarantino trifft Gotthelf

Réda El Arbi am Dienstag den 15. April 2014
Silvia Tschui bringt in ihrem Debut «Jakobs Ross» heutige Themen in geschichtlichem Dekor.

Silvia Tschui bringt in ihrem Debut «Jakobs Ross» heutige Themen in geschichtlichem Dekor.

Alphörner stöhnen im kleinen Saal des Dadahauses Cabaret Voltaire. Der Saal ist voll, es ist heiss, die Technik spinnt und die Autorin ist nervös. Dann wirds still und es folgen urchige Sätze voller Blut, Hoffnung – und Humor. «Gotthelf trifft Tarantino», hiess es in einer Kritik. Gelesen wird die Geschichte vom Elsie, von ihrem Traum, in Florenz Musik zu studieren und von ihrer Realität zwischen Armut, Magie und Not in einer Zeit, in der in Herrenhäusern noch Herren lebten. Der Stadtblog sprach mit der Zürcher Autorin Silvia Tschui über Leben, Schreiben und Geld.

«Ja, wenn das Elsie das Lied vom Blüemlistaler Bauern, wo vor Heimweh in der Fremde verräblet, nur wieder einmal in einem Salong singen und fidlen könnte, anstatt in diesem Finstereseer Chuestall nur das Rösli und das Klärli mit je einer Hampflen Heu in der Schnörre als Piblikum zu haben. All den feinen Herren würd ob der traurigen Geschichte das Augenwasser nur so heraussprützen», liest die Autorin Silvia Tschui aus ihrem Debutroman «Jakobs Ross».

Silvia, wieso dieses ganze heimatliche Schweizerzeugs? Ist Swissness einfach gerade Trend?

Vielleicht für die Medien, die schweizerischen Inhalten etwas mehr Aufmerksamkeit schenken. Für mich wars eher ein Zwang. Ich hab das Buch in Etappen über fünf Jahre geschrieben, und jedesmal Hochdeutsch angefangen und konnte mich stets nach ein paar Seiten den sich aufdrängenden Helvetismen unmöglich entziehen. Es ist, als ob ich die Geschichte nur in der Sprache schreiben konnte, in der sie die Hauptperson erzählt hätte: Als ungebildete, junge Schweizerin, die versucht via hochdeutsches Erzählen ihrer Geschichte mehr Relevanz zu verleihen – die  aber natürlich kein Hochdeutsch kann. Zuerst hatte das Buch rund 400 Seiten Umfang, dann hab ichs auf knapp über 200 gekürzt und die Sprachschwankungen zwischen Dialektal und Hochdeutsch zu nivellieren versucht.

Ausserdem: «heimatlich» würde ichs ja gar nicht nennen – die Sprache lullt den Schweizer zwar ein, er fühlt sich zunächst aufgehoben und geborgen – und dann kommts 1. knüppeldick und 2. ironisiert auch die Sprache dank einer – wenn ich das selber sagen kann – lakonischen Erzählhaltung dieses «Heimatdings» komplett.

Du wirst nicht reich werden, da du den Markt mit der Sprache auf die Schweiz eingeengt hast.

Erster Teilsatz ja, leider, zweiter Teilsatz stimmt nicht ganz. In Deutschland sind die Lesungen auch ganz gut aufgenommen worden. Und ehrlich, wer schreibt in der Schweiz schon, um reich zu werden. Es gibt ein paar wenige sehr etablierte Autoren, die nicht noch nebenbei arbeiten müssen, um sich den Luxus des Schreibens zu finanzieren.

«Der Jakob kommt zu rennen, da liegt das Elsie schon auf der blossen Erde und chrampft und wimmeret, und am Füdli ist alles voller Bluet und vorne auch, und dem Jakob wird trümmlig, er rennt dann aber doch, um eine Gable frisches Stroh zu holen», liest Tschui. Das Publikum kichert zu Beginn bei den vertrauten Helvetismen, bis die Tragik der Geschichte in die Lesung sickert.

Weshalb schreibt man dann in der Schweiz ein Buch? Kein Geld, nur Ruhm und Ehre?

Die Anerkennung tut sicher gut, aber deswegen schreibt man nicht. In «Jakobs Ross» ist ja gerade diese Spannung zwischen Kunst, Leidenschaft und Sachzwängen herausgearbeitet. Ich habe die Geschichte in einer Zeit angesiedelt, die in ihrer Langsamkeit den archaischen Aberglauben und die magischen Elemente – künstlerisches Schaffen, Liebe und sorgfältiges Handwerk – glaubhaft macht. Ausserdem musste ich das Elsie ein Zeitlang in ihrer Situation verharren lassen und das würde in einer mobilen, zeitgemässen Gesellschaft nicht gehen.

Du hast also im Buch eigentlich das Leiden der Autorin thematisiert, die sich fünf Jahre lang immer wieder tageweise Zeit vom Brotjob abklemmen muss, um ihr Buch zu schreiben?

Ganz so schlimm ist es natürlich nicht. (lacht) Aber es ist schon nicht einfach, neben der Arbeit und meinem kleinen Sohn noch ein Buch fertigzustellen, und alles für die Veröffentlichung vorzubereiten, ohne wirklich Geld dafür zu kriegen. Diverse Stipendien und Stiftungsgelder sind offenbar für Egomanen oder Singles gedacht. Wer kann sich mit einer Familie oder einer Partnerschaft schon leisten, für ein halbes oder ganzes Jahr in ein Schreibatelier in Rom, New York oder Timbuktu zu verschwinden, auch wenns bezahlt ist? Nein, schreiben muss eine Leidenschaft sein, sonst sollte man es in der Schweiz gar nicht erst versuchen.

Was kommt als Nächstes? Mehr Kühe, mehr Not?

Ich geb mir die Kugel! Nein, als nächstes vielleicht irgendwas Alternative-Realität-Mässiges, irgendwas mit aus dem Ruder gelaufener Gentechnologie schwebt mir vor. Die Entwicklung unserer Gesellschaft hat mich schon immer fasziniert. Aber eben, ich bin Mutter und muss auch von etwas leben. Also werd ich mich wieder um das Schreiben herum organisieren müssen. Bloss wie, weiss ich noch nicht ganz.

Jetzt, zwischen den Kapiteln, singt die Autorin, begleitet von Gitarre, abgewandelte Lieder der Rockgeschichte. Sie erzählt Elsies Leiden nochmals, in zeitgenössischen Worten, englisch, und macht klar, dass man ein Elsie nicht nur in der Vergangenheit findet.

 

Tschui_JakobsRoss_RZ.inddZum Buch:
Die junge Magd Elsie träumt von einer Karriere als Musikerin. Kein leichtes Unterfangen in der Schweiz im 19. Jahrhundert, in dem neben der festen sozialen Ordnung auch Gewalt und Aberglaube herrschen. Der Hausherr fördert das Talent der Magd auf seine Weise; und als Elsie von ihm schwanger wird, erhält der Rossknecht Jakob sie zur Frau. Elsie fügt sich ihrem Schicksal – bis ein Fahrender auftaucht, der sich für ihre Musik begeistert. Ihre heimliche Liebe kostet seiner gesamten Sippe das Leben. Und Elsie kommt beim Kampf um ihre Selbstbestimmung beinahe selber um. Mit ungeheurer Wucht erzählt Tschuis Debüt eine Gotthelfsche Geschichte voller Magie und unbändiger Lebenskraft.

«Grafik 14»: Besser als erwartet

Réda El Arbi am Freitag den 14. März 2014
Es gbt wirklich innovatives zu entdecken. Ein Besuch lohnt sich.

Es gibt wirklich Innovatives zu entdecken. Ein Besuch lohnt sich.

Ich muss zugeben, nach meinem Besuch an der «Photo 14» vor ein paar Wochen ging ich mit gemischten Gefühlen und wenig Erwartungen an die Schweizer Werkschau «Grafik 14». Die Anlässe «Irgendwas 14» in der Maaghalle haben für mich den Ruf von «Masse statt Klasse». Und wer schon einige meiner Beiträge gelesen hat, weiss, dass ich Vernissagen und anderen sogenannten VIP-Anlässen immer etwas kritisch gegenüberstehe.

Nun, die Eröffnung der «Grafik 14» am Donnerstagabend war eine Überraschung für mich. Den einzelnen Künstlern, Grafikern und Designern wurde genug Platz eingeräumt, und die Auswahl, die Kurator Harun Dogan traf, zeugte von Offenheit und Vielseitigkeit.

Natürlich brachten viele der Künstler bereits Gesehenes. Aber das kann man nicht Harun Dogan ankreiden, sondern dafür muss die Szene geradestehen. An der Wiederverwertung aller bereits gemachten Stile und Ideen – Kopien, ungeschickt als «Hommage» getarnt – kränkelt die ganze Kreativindustrie. Verwurstete 20er-, 30er-, 40er-, 50er-, 60er-, 70er-, 80er- und neu auch 90er-Jahre-Arbeiten prägten sicher die Hälfte der Exponate. Zum Teil handwerklich sehr gut umgesetzt, aber einfach nicht wirklich innovativ.

Dafür war die andere Hälfte umso eindrücklicher. Ich entdeckte wirklich nie zuvor Gesehenes, witzige Ideen, deren Beschreibung ich hier nicht vorwegnehmen will. Und man hatte zwischen all den anwesenden C-Promis und Vollzeit-Hipstern auch wirklich genug Platz, um die Arbeiten anzusehen. Und das war teilweise wirklich ein Genuss. Viele der jungen und nicht mehr so jungen Kreativen brachten Sachen, die zum Beispiel die gehypte Ausstellung des Ehrengastes Brandon Boyd weit in den Schatten stellten.

Bei mir hätte Boyd kein Kunststypendium bekommen: unbedarft und kitschig.

Bei mir hätte Boyd kein Kunststipendium bekommen: unbedarft und kitschig.

Ich fragte mich sowieso, wieso Michel Pernet von der Agentur Blofeld, die den Anlass durchführt, den alternden Incubus-Leadsänger und Freizeitkünstler Boyd eingeladen hatte. Boyds Schwester meinte, sie seien gekommen, weil dieser Anlass sich nicht mit dem grossen Namen ihres Bruders schmücken wolle, sondern weils wirklich um die Kunst ginge. Nun, ehrlich gesagt dachte ich genau das Gegenteil. Boyds Arbeiten überzeugten nicht mehr als die romantische Zeichenmappe einer 16-jährigen Anwärterin einer mittelmässigen Kunstschule: gefällig, aber schludrig und etwas kitschig.

Nun, ich wurde von vielen anderen Ausstellenden entschädigt. Die Gamedesigner beim Eingang eroberten mein Herz im Sturm. Überhaupt fanden sich im virtuellen Bereich wirkliche Schmuckstücke. Aber auch bei den Cartoon- und Comic-Künstlern sah ich einige erfrischende Sachen. Und nein, ich werde keine Namen nennen, Sie müssen sich die Sachen schon selbst anschauen gehen, es lohnt sich.

Ach ja, im Laufe des Abends fragte ich mich, wo sich wohl die «Kunst 14» im Herbst von der jetzigen «Grafik 14» abgrenzen wird. Früher, in meiner Zeit an der Kunsti, wars einfach: Wir Künstler betrachteten Designer und Grafiker als Lohnknechte der Konsumindustrie, während sie uns umgekehrt als egomane, selbstgerechte Träumer wahrnahmen. Klare Grenzen.

Nun, ich lass mich überraschen. Die «Architektur 14» kommt ja auch noch. Und da die meisten Künstler, die ich kenne, auch gleich noch Grafiker und Designer sind, und die meisten Architekten nebenbei noch Künstler, werden wir wohl das eine oder andere Gesicht im Herbst wiedersehen.

Hier gehts zur «Grafik 14»-Homepage

Zürich – Berlin retour

Réda El Arbi am Montag den 10. März 2014
Pony Hü aka Sarah Bischof taucht in Berlin ein bis sie in Zürich wieder Luft holt.

Pony Hü aka Sarah Bischof taucht in Berlin ein – bis sie in Zürich wieder Luft holt.

Berlin ist die grosse Schwester Zürichs – attraktiv, aber etwas dicker, etwas verlebter und etwas verzweifelter – und es besteht eine tiefe Geschwisterliebe zwischen den Städten. So leben viele Berliner in Zürich, und im Verhältnis leben noch mehr Zürcher in Berlin. Vor allem Leute aus den verschiedensten kreativen Berufen fühlen sich beiden Städten verbunden. Zum Beispiel die junge Videobloggerin und Journalistin Sarah Bischof aka Pony Hü. «Berlin ist spontan, die Leute sind begeisterungsfähig. Kreative Projekte entstehen nachts an der Party, werden nachmittags geplant und sind abends umgesetzt. Die Leute sind weniger in sozialen Zwängen eingepfercht», erklärt die 27-Jährige.

Vielen Zürchern schläft das Gesicht ein, wenn sie «Berlin», «kreativ» und «Projekt» in einem Satz hören. Zu viele Grafiker, Schauspielerinnen und Autoren hat man nach Berlin ziehen sehen, ins kreative Mekka der deutschsprachigen Welt, wo es «inspirierender» und «irgendwie freier und so» sei. Ein besserer Nährboden für Kunst und Geist. Reihenweise kamen sie nach zwei Jahren zurück in den wirtschaftlich sicheren Hafen Zürichs. Und genau da liegt nach Sarah Bischof des Pudels Kern: «In Berlin haben die Leute oft kein Geld. Sie müssen ihre Träume oft improvisiert und einfallsreicher umsetzen. So entsteht Kreativität. Nicht umsonst heisst es ‹Not macht erfinderisch›. Enthusiasmus ersetzt Planung», sagt Pony Hü.

Wirtschaftlicher Erfolgsdruck fällt von vornherein weg, da die wenigsten eine wirkliche Chance auf ein von Kunst oder Kultur finanziertes Leben sehen. So machen Berliner ihre Projekte oft aus reinem Selbstzweck. Das kann für Zürcher, deren Ziel es ist, sich auch wirtschaftlich irgendwann im kreativen Segment zu behaupten, frustrierend sein.

Eine grosse Rote Fabrik

Aber es ist nicht nur die Spontanität und der grössere Schmelztiegel an Ideen, die Kreative aus Zürich nach Berlin zieht. Es ist auch die Atmosphäre. Ganze Stadtteile sind überzogen mit vollgesprayten Backsteinbauten voller billigem Wohnraum und Ateliers, die industriellen Charme versprühen. Ein bisschen so, als hätte man die Rote Fabrik geklont, zerschnitten und grosszügig über ganze Strassenzüge verteilt. Es zeigt ein buntes, heruntergekommenes Statement des alten Berlin zwischen Baustellen und den protzigen Neubauten, die sich wie dickes Make-up über das pockennarbige Gesicht der geschichtsträchtigen Stadt ziehen. In diesen pittoresken Nischen treffen Kreativität und Gestaltungsmöglichkeit aufeinander. In den Stadtteilen bilden sich fast schon dörfliche Gemeinschaften, in die man aus Zürcher Sicht ungewohnt schnell hineinwachsen kann. Natürlich gibts in Berlin auch jede Menge Szene und Hipster, aber die Attitüde der Ausgrenzung und der Elite scheint weniger stark.

Man kann auch gut in Berlin leben, solange man noch etwas Geld in Zürich verdient.

Man kann auch gut in Berlin leben, solange man noch etwas Geld in Zürich verdient.

Sarah ist nicht naiv: «So begeisterungsfähig die Leute sind, so oft verpufft die Energie innert Tagen. In Zürich ist man besser organisiert. Man plant auf längere Zeit und immer auch mit einem Auge auf Erfolg. Und man kann sich auf die Leute verlassen.» So organisiert sich die junge Videokünstlerin zwischen Zürich und Berlin. Sie lebt in einer Hausgemeinschaft im Kreis 4, arbeitet als freischaffende Moderatorin, Barkeeperin im Hive und daneben an ihren Filmprojekten. Und alle paar Wochen taucht sie ab in den kreativen Sumpf der Metropole Berlin, um mit neuer Inspiration und Ideen zurück nach Hause zu kommen.

Viele ehrgeizige Berliner machen es umgekehrt. So Andreas Vogel (32), ein in Zürich lebender Berliner Künstler und Architekt: «Ich liebe die Ernsthaftigkeit, die man hier in Zürich auch kleinen Projekten entgegenbringt. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass es hier nur wenige der riesigen Prestigeprojekte gibt.» Mühe hatte er im Umgangston: Während Zürchern von den restlichen Schweizern oft Arroganz nachgesagt wird, findet der Exilberliner Vogel seine Zürcher Kollegen «zurückhaltend bis zur Unverständlichkeit». In Berlin herrsche immer klare Ansage, während er hier die Befindlichkeiten zwischen den Zeilen lesen müsse. Aber das nehme er gerne in Kauf, habe es sich sogar selbst schon angewöhnt.

Vorbild der grossen Schwester

Immerhin lebt Andreas seit knapp zehn Jahren an der Limmat. Was er in Zürich vermisst, sind kreative Initialzündungen. «Die meisten neuen Ideen, die hier umgesetzt werden, hat man bereits zwei Jahre zuvor in Berlin gesehen.» Was im Bereich Technologie in Zürich hervorragend funktioniere, nämlich die Entwicklung von Innovationen, sei im Bereich Kunst und Kultur nicht im selben Masse möglich. Vielleicht zeige sich da wieder der Einfluss der grossen Schwester. Wie immer haben die älteren Geschwister eine Vorbildfunktion. So gilt es in Zürich als massgebend, was in Berlin abgeht, während Berlin eher nach New York und London schielt.

Dass Zürich und Berlin sich so ähnlich und doch so unterschiedlich sind, hat auch einen geschichtlichen Hintergrund. Bereits 1916 befruchteten sich Zürich und Berlin gegenseitig bei der Gründung der Dada-Bewegung im ersten Cabaret Voltaire, die später mit der Dada-Ausstellung in Berlin an die breitere Öffentlichkeit trat. Während sich aber Berlin in der Nachkriegszeit zu einem Bollwerk der westlichen Lebensfreude mitten in der DDR behaupten musste und schliesslich mit der 68er-Bewegung den Nachkriegsmief endgültig abschüttelte, verfiel Zürich in einen kulturellen Winterschlaf, aus dem es mit den Globuskrawallen 1968 kurz aufgerüttelt wurde und dann erst mit den 80er-Unruhen wieder richtig erwachte.

Die jetzige Nähe zueinander haben die beiden Städte aber sicher der Techno-Bewegung der 90er-Jahre zu verdanken. Die beiden Grossanlässe Love-Parade und Street-Parade förderten die Verbindung der Städte, und viele Raver der ersten Stunde fanden ihre Bestimmung in der kreativen Szene und in der Kunst. Es ist bis heute so, dass die Berliner und die Zürcher Clubszene die kreative Arbeit der Städte befruchten.

Trotz der Nähe: Aus einem Berliner wird niemals ein Zürcher. Und aus einem Zürcher niemals ein Berliner. Ein Zürcher wird sich wohl auf eine Affaire mit der grösseren Schwester im Norden einlassen, heiraten aber wird er die adrette kleine Schönheit an der Limmat.

Auch nicht ganz am Thema vorbei: De Roni