Beiträge mit dem Schlagwort ‘Kultur’

Wie man Promis meistert (2)

Thomas Wyss am Samstag den 15. April 2017

Am letzten Samstag konnten wir ja trotz des weiten Umwegs über die frühere Fernsehsendung «Teleboy» imposant aufzeigen, dass heutige Zürcherinnen und Zürcher oft dramatisch überfordert sind, wenn sie unverhofft einem Star nahe kommen.

Als Beweis führten wir die grundsätzlich gut geerdete Frau F. (Name d. Red. bekannt) ins Feld, die in einem Zugabteil plötzlich vis-à-vis von Stephan Eicher landete – er ist im Genre «Schöne Chansons mit Tiefgang plus fast ausnahmslos geglückte Mani-Matter-Coverversionen» ihr grösster Heroe – und darob so sehr die Bodenhaftung verlor (sitzend!, und übrigens in der 2. Klasse, was wiederum zeigt, dass Eichers Bodenhaftung absolut intakt ist), dass sie einer Freundin eine «SOS!»-SMS zukommen lassen musste.

Diese schlug F. vor, sie solle doch Eichers Lied «Déjeuner en paix» summen (natürlich möglichst «gut», damit er tatsächlich eine Chance auf Wiedererkennung bekäme), also poetisch gesagt eine Brücke legen, auf der ihr Eicher mitsummend oder gar redend entgegenkommen könnte.

Der Schlusssatz des Beitrags versuchte dann den Cliffhanger, er lautete: «Warum der Rat doppelt bescheuert war, und wie man solche und ähnlich ‹heisse› Situationen souverän meistert – also Promibegegnungen unbeschadet übersteht –, lesen Sie am Ostersamstag». Das ist heute, genau. Damit sind wir jetzt buchstäblich up to date und können fortfahren. Und das tun wir mit der durchaus bemerkenswerten Bemerkung, dass man im Journalismus – anders als in der Literatur – ersten und letzten Sätzen nie zu viel Bedeutung beimessen sollte. Weil sie häufig mehr versprechen, als sie letztlich einzulösen vermögen. In unserem Fall ist das aber erfreulicherweise grad andersrum: Es wird nämlich noch viel besser, als wir (und Sie!) erwartet hätten!

Grund dafür ist der von uns hochgeschätzte Jack Stark. Wem der Name kein Begriff ist: In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1967 – vor präzis 50 Jahren! – führte Jack die Rolling-Stones-Member Mick Jagger und Brian Jones, die nach ihrem wilden Gig im Hallenstadion noch den Drang nach Party verspürten, zum Privatclub High-Life an der Lessingstrasse. Dort amtete der ältere Securitas Stöckli als Türsteher; die Stones kannte er nicht, doch er wusste, wie Anstand aussieht – weshalb er dem für seinen Geschmack viel zu exzentrischen Jüngling (also Jagger) den Eintritt verwehrte, die attraktive «Blondine» mit Federboa und Schlapphut (also Jones) jedoch passieren liess.

Der hübschen Episode kurzer Sinn: Dr. iur. Herbert «Jack» Stark, der damals als erster Schweizer People-Journalist und Promikenner wirkte, hat spontan zugesagt, uns zu berichten, mit welchen Tricks er sich die Jetsetter und Stars für ein offenes Gespräch oder Interview «gewogen» machte. Es sind wenige goldene Regeln, doch wer sie befolgt, kann jeden Promi meistern.

Dazu aber mehr nächste Woche in Teil 3, hier gibts jetzt die Auflösung des Rätsels, wieso der Rat der Freundin an Frau F. «doppelt bescheuert» war.

1. Eicher trug Kopfhörer, er hätte das Summen also gar nicht gehört.

2. Wenn schon summen, dann sicher keinen seiner Hits (das ist anbiedernd), sondern vielmehr eines der nach wie vor eher unbe- bis ver-kannten Stücke, beispielsweise «Ce soir (je bois)».

Wie man Promis meistert (Teil 1)

Thomas Wyss am Samstag den 8. April 2017

Damals, als die Welt noch friedlich und niedlich analog war, gab es im Schweizer Fernsehen eine Unterhaltungssendung namens «Teleboy». Sie war beliebt, und am 13. September 1975 war sie gar unfassbar beliebt – an jenem Samstagabend erreichte sie mit 2 073 000 Fraue und Manne nämlich die höchste je gemessene Zuschauerzahl in der Schweiz.

Diese Popularität kam natürlich nicht von ungefähr, sie hatte viel mit dem Pioniergeist des Machers und Moderators Kurt Felix zu tun. Durch die «versteckte Kamera» etablierte er eine national anerkannte Schadenfreude (wobei das Gipfelitunken und die «Söll emal cho!»-Episode längst in der Hall of Fame des Schweizer ­Humors verewigt wären, wenn es die gäbe). Mit dem in jeder Sendung herunterfallenden Kalenderblatt (bei der Bekanntgabe des Einsendeschlusses für die Zuschauerfrage) präsentierte er hierzulande den allerersten Running Gag. Zudem lancierte er Kliby & Caroline und brachte damit kleine Buben um den Schlaf, weil eine Geräusche machende oder gar sprechende Puppe – egal, wie beknackt sie aussieht –, etwas vom Gfüürchigsten ist, was man einem kleinen Buben vorsetzen kann (das hat angeblich mit der zweitletzten pränatalen Phase zu tun, genauer weiss ich es auch nicht, doch bei kleinen Mädchen ist das dezidiert anders, deshalb auch der in jeder Beziehung unheimliche Erfolg dieser schlimmen Kreatur namens Baby Annabell).

Genauso war das. Doch darum gehts eigentlich gar nicht. Nein, was mir neben der Caroline-bedingten Schlaf­losigkeit vom «Teleboy» blieb – mindestens erinnerungsschwadenhaft –, war diese eine Ausstrahlung im Winter, in der ein Mitspielerteam die Aufgabe erhielt, im Laufe der Livesendung in Zürich prominente Persönlichkeiten ausfindig zu machen. Also strebten die Suchenenden zur Kronenhalle beim Bellevue, wo sie dann, wenn ich mich recht entsinne, brav und schlotternd draussen warteten, bis die eine oder andere Bekanntheit aus dem fürstlichen Lokal heraustorkelte.

Was ich damit aufzeigen will: ­Damals war die Promidichte in Zürich geringer als die derzeitige Häuserdichte im Bleniotal. Und das lag primär an der Promiqualität; das VIP-Etikett wurde, ganz anders als heute, in jenen Tagen enorm selektiv verteilt, sogar vom «Blick» und von der «Schweizer Illustrierten».

All dies führt nun viele Jahrzehnte später zur verblüffenden Tatsache, dass selbst weltoffene junge Menschen heutzutage heillos überfordert sind, wenn sie mal einer genuin berühmten Persönlichkeit nahekommen.

Wie kürzlich Frau E. F. (Name d. Red. bekannt), die im Zugabteil plötzlich und unabsichtlich vis-à-vis von Stephan Eicher sass. Der – das ist eigentlich gut, war in jenem Moment aber blöd – zu ihren musikalischen Helden zählt. Weshalb E. F., sonst durchaus geerdet, völlig die Fasson verlor. Sollte sie spontan in Ohnmacht fallen? Einfach mal laut loskreischen? So lange erröten, bis er es bemerken würde? Sie schrieb einer Freundin ein «SOS!»-SMS und bekam als Antwort: «Summe sein Lied ‹Déjeuner en paix›!»

Warum der Rat doppelt bescheuert war und wie man solche und ähnlich «heisse» Situationen souverän meistert – also Promibegegnungen unbeschadet übersteht –, lesen Sie am Ostersamstag.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 10. Februar 2017

«Ich hätte die Menüpreise in Zürich erhöht.»

Die Spitzenköchin Vreni Giger wirtet seit 100 Tagen im Zürcher Restaurant Rigiblick. Die Pionierin der regional-saisonalen Küche verlangt nicht mehr als zuvor im St. Galler Jägerblick – weil es der Zürcher Frauenverein so wünscht. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

«Mit Norah Jones haben wir einen Superstar verpflichtet»

Gute Nachricht für alle Musikfans: Das Zürcher Openair findet nach einer einjährigen Zwangspause wieder im Dolder statt. Der Veranstalter Hanswalter Huggler verrät, welche Stars auftreten. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Es war ein kleines Paradies.»

Keine Gnade: Dies ist die Geschichte vom Ende eines wunderschönen Gartens im Höngger Rütihof und vom hemdsärmeligen Vorgehen eines quartierbekannten ehemaligen Landwirts. Hobbygärtner Marcel Odermatt ist über dessen Zerstörungswut enttäuscht. (Foto: Marcel Odermatt) Zum Artikel

 

«Ich bin kein Promi.»

Keine Angst vor grossen Tönen: Die Zürcher Sängerin Anna Känzig ist für den Swiss Music Award 2017 nominiert und das gleich zweifach: «Best Female Solo Act» und «Best Breaking Act». Ihre natürlichre Bescheidenheit beeindruckt die Fans. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Jetzt bin ich zu alt dafür.»

Bei der Prominenten-Premiere des Musicals «Mary Poppins» haben sich diverse Politiker als Fans des Kindermädchens geoutet. Wie soll man das bloss deuten? Der Schauspieler Walter Andreas Müller hat sich jahrelang insgeheim auf die Rolle des Kaminfegers vorbereitet – doch es kam nie ein Anruf. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Unser Produkt ist tatsächlich eine Weltneuheit.»

Ihr Produkt ersetzt beinahe den Barkeeper. Eine Weltneuheit sei das, sagen die Zürcher Macher von Mikks. Wer Alkohol, Eis und ihre Geschmacksessenzen kräftig schüttelt, hat schon einen guten Cocktail geschaffen. (Foto: Raisa Durandi)

 

«Vor Gericht geht es um Details.»

Das Stadion Letzigrund zeigt exemplarisch, wie sich Rechtsstreitigkeiten im Zürcher Baugewerbe verändern. Am Ende trifft es auch den Steuerzahler. Jetzt sei harte juristische Knochenarbeit nötig, sagt Urs Spinner vom Hochbaudepartement. (Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

 

«Wir kämpfen, denn das darf nicht sein.»

Nach dem Umbau soll in der Tonhalle eine kleinere Orgel eingebaut werden. Gegen diese Pläne hagelt es Kritik aus dem In- und Ausland. Nun wollen Kulturschaffende wie der Organist Ulrich Meldau mit aller Kraft eine Verkleinerung des Instruments verhindern. (Foto: Timmy Stocker) Zum Artikel

 

«Ich gebe denen, die nichts haben.»

Sie kämpft seit zehn Jahren gegen die Verschwendung von Lebensmitteln und setzt sich für Bedürftige ein: Hélène Vuille heisst die Frau, über die ein neues Buch mit dem Titel «Die Brückenbauerin» erschienen ist. (Foto: Reto Oeschger)

 

«Es hilft nichts, betrunken zu sein»

Das Zürcher Literaturmuseum Strauhof widmet sich in seiner aktuellen Ausstellung den Rauschdichtern und Schreibbeamten. Max Frisch zum Beispiel wusste genau, was nicht hilft, wenn man mit dem Schreiben beginnen soll. (Foto: Keystone) Zum Artikel

 

Burka Miseria!

Réda El Arbi am Dienstag den 10. Januar 2017
Auf dem Plakat sehen wir Luigi, wie er Freitags in einer Burka zum Fussball geht.

Auf dem Plakat sehen wir Luigi, wie er Freitags in einer Burka zum Fussball geht.

Gianna ist 21, Tochter eines Bekannten und arbeitet bei einer Versicherung am Stauffacher. Und sie wird wahrscheinlich niemals eine Burka oder einen Niqab tragen, obwohl ihre Urgrossmutter noch täglich Kopftuch trug. Damals, in Süditalien.

Das neue SVP-Plakat mit Burka, das zur Zeit überall in der Stadt zu sehen ist, richtet sich gegen die erleichterte Einbürgerung von Gianna. Und von Luca (der wohl auch nie eine Burka tragen wird). 60 Prozent der Menschen, die von einer erleichterten Einbürgerung profitieren würden, sind Italiener der dritten Generation. Sie sind keine Einwanderer, keine «Fremden», sie sind hier geboren, wie ein Elternteil und oft schon ein Grosselternteil. Sie sprechen meist zwei Landessprachen perfekt, Schweizerdeutsch und Italienisch, und ihre Grosseltern und Eltern haben bereits ihr Leben lang in der Schweiz Steuern bezahlt und sie tragen unser Sozialsystem mit ihren Abgaben mit.

Also, wie kommt die Burka auf das Plakat? Ich hab mich aus meiner urbanen, rotgrünen Filterbubble herausbegeben und mit Leuten gesprochen, die gegen eine erleichterte Einbürgerung sind. «In fünfzig Jahren sind es aber die Nordafrikaner, die Schwarzen, die von einer erleichterten Einbürgerung profitieren würden! Und die stammen aus einer anderen Kultur!», war ihre Erklärung zum Burka-Plakat. Weiter: «Auch jetzt schon würden Türken und Balkan-Muslime von der erleichterten Einbürgerung profitieren.» Nun, ich kenne auch keine Türken oder «Balkan-Muslime» (was immer das ist), die einen Niqab oder eine Burka tragen. Aber vielleicht sieht das ja auf dem Land anders aus.

Und noch schlimmer, meine Schwester und ich sind Nordafrikaner der ZWEITEN Generation, also fast noch frisch aus dem Maghreb! Aber ich schwör, meine Schwester trägt keine Burka – und ich trage nur selten einen Sprengstoffgürtel. Wir sind beide durch die Kraft der Schweizerischen Alltagskultur völlig natürlich als Schweizer aufgewachsen. Im Gegenteil: Unser Vater gab sich  extrem Mühe, mehr Schweizer Bünzli zu sein, als alle Schweizer, die er kannte.

Ich glaube an die Schweiz und die Stärke ihrer Kultur. Ich glaube, dass jeder Mensch nach drei Generationen Schweizer sein kann. Aber offenbar zweifeln die Gegner an der Strahlkraft helvetischer Werte. Beim Chef des gegnerischen Kommitees, bei Andreas Glarner (ja, genau der), hab ich Folgendes auf der Homepage gefunden:

Quelle: andreas-glarner.ch

Quelle: andreas-glarner.ch

Diese Weltsicht spricht eigentlich für sich.

Bei meinen Diskussionen mit den Gegnern stellte sich dann auch schnell heraus, dass sie nicht wirklich gegen eine «erleichterte» Einbürgerung sind. Sie sind grundsätzlich gegen eine Einbürgerung. Sie wollen nicht mal, dass diese Menschen hier leben, mit oder ohne Einbürgerung. Und genau das zeigt auch dieses Burka-Plakat: Fremde sind Feinde. Selbst wenn sie schon lange keine Fremden mehr sind. Sie haben hier nichts verloren, sie müssen bekämpft werden.

Bei meinen weltoffeneren Freunden kam die Diskussion auf, ob man sich gegen die Publikation des Plakates im Hauptbahnhof wehren soll. Ich sprach mich dagegen aus. Ich denke, man darf der ganzen Schweiz zeigen, wie viel Angst und wie wenig Vertrauen in Schweizerische Werte die Gegner der erleichterten Einbürgerung haben.

So kann man ihnen mit Stolz das eigene Vertrauen in unser Land entgegenhalten. Weil Schweizer sein keine Frage der Herkunft der Grosseltern ist, sondern eine Frage der Kultur.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 9. Dezember 2016

«Es existieren zu viele
Weihnachtsmärkte in Zürich.»

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Wer die Wahl hat, hat die Qual, Sechseläutenplatz, Niederdorf, Hauptbahnhof: Wo es den günstigsten Glühwein gibt und warum das Geschäft harzig läuft. Für Schmuckdesignerin Helga Cortesi ist allerdings klar: Die Leute sind von den vielen Märken in Zürich übersättigt. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Es gibt immer mehr Leute, die im
persönlichen Kontakt hemmungslos sind.»

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Aggressive Kunden stellen das Verkaufspersonal vor Probleme. Gerade in der Vorweihnachtszeit ein aktuelles Thema. Laut Experten wird ruppiges Verhalten gesellschaftlich immer stärker akzeptiert. Man dürfe das Problem nicht unterschätzen, sagt der Arbeitspsychologe Markus Grutsch, Professor an der Hochschule für St. Gallen. (Foto: Tages Anzeiger) Zum Artikel

 

«Der Nachwuchs kann
die Lücken nicht füllen.»

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Die Zürcher Ärztegesellschaft will, dass die Gemeinden neu für die Organisation des Notfalldienstes zahlen. Um Druck aufzubauen, sollen Patientinnen politische Vorstösse einreichen, fordert der Zürcher Ärztepräsident Josef Widler. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Früher hatte ich wunderbare Träume.
Hier in Zürich sind es Alpträume.»

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Ein Zürcher Rentner ist schwer elektrosmogsensibel. Das Leiden hat ihn total einsam gemacht – und zu einem Solokämpfer wider Willen. Sein Fazit: Wer hypersensibel ist, muss sich sozial einschränken. (Foto: Ute Grabowski, Photonek.net) Zum Artikel

 

«Und nebenan ist ein Elfjähriger
untergebracht. Das geht nicht.»

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Die Kinder vom Notknast: Im provisorischen Polizeigefängnis sind auch Jugendliche inhaftiert, obwohl dies Haftgrundsätzen widerspricht. Minderjährige seien «dringend» anderswo unterzubringen, fordert Professor Alberto Achermann, Präsident der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Mir war nicht bewusst, was es heisst,
Mummenschanz zu beleuchten.»

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Eric Sauge ist bei Mummenschatz für die Lichttechnik verantwortlich. Mit seiner Arbeit trägt er massgeblich zum Erfolg der Theatergruppe bei. Mit ihr tourt er durch die ganze Welt. Er weiss: Das falsche Licht oder Licht aus dem falschen Winkel, kann das ganze Programm zerstören. (Foto: Doris Fanconi)

 

«Eine Haft kann Kinder zutiefst verängstigen.»

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Die Jugendpsychiaterin Fana Asefaw warnt davor, Minderjährige neben erwachsenen Delinquenten einzusperren, wie dies im provisorischen Polizeigefängnis auf der Kasernenwiese in Zürich gemacht wird. Die Massnahme sei nicht zielführend. (Foto: Daniel Kellenberger) Zum Artikel

 

«Ich tanze jeden Abend gegen Geld.»

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Paul Weilenmann, Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter Karl’s kühne Gassenschau, auf die Frage, wann er das letzte Mal getanzt habe. Seine Tanzkünste, sagt er, seien allerdings nicht besonders gut. (Foto: Dominique Meienberg)

 

«Amerika ist das Grösste. Wie ein Traum.»

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Moritz Schädler surft in wunderschönen Lo-Fi-Popsongs ganz knapp über der Realität. MoreEats, der Musiker mit Liechtensteiner Wurzeln, plant, das zu ändern: Irgendwann will er die Dinge beim Namen nennen. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Ich bekam für die CDs nicht nur Platz,
sondern auch Pralinés angeboten.»

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Via Tages Anzeiger hat Redaktorin Claudia Schmid vor ungefähr einem Monat ein neues Zuhause für ihre CD-Sammlung gesucht. Und staunte nicht schlecht: Nach dem Aufruf bekam sie 350 Mails. Ihre Musikträger verteilte sie schliesslich nach der Salamitaktik. Yarin, Student der Kunstgeschichte, vergrösserte dadurch seine noch kleine Sammlung mit Rap-Perlen. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Das Geld kommt.»

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Eigentlich hätte in Meilen der Steuerfuss erhöht werden sollen. Doch durch eine überraschende Äusserung von Roberto Martullo, dem Schwiegersohn von Alt-Bundesrat Christoph Blocher (SVP), kam es anders. Martullo kippte in Meilen eine Steuererhöhung mit einer Nachsteuerrechnung in Millionenhöhe, die es so nicht gibt. (Foto: Daniel Kellenberger) Zum Artikel

 

«Im Gottesdienst versuchen wir,
den Himmel auf Erden zu holen.»

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Die russisch-orthodoxe Auferstehungskirche hat gestern ihr 80-Jahr-Jubiläum gefeiert. Mit «Seiner Heiligkeit», dem Patriarchen Kyrill I. als Gast. Diakon Daniel Schärer war wegen den speziellen Gastes entsprechend nervös. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich war Blocher-Fan.»

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Christoph Burgherr war Unternehmer und strammer Konservativer. Dann ging er zu einem Informationsabend. Seither leitet er eine Laufgruppe von Flüchtlingen. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

Der Städter und der Wolf

Réda El Arbi am Samstag den 19. März 2016
Dieser Wolf starg stellvertretend für einen Städter.

Dieser Wolf starb stellvertretend für einen Städter.

«Ihr Städter habt ein romantisches Bild vom Wolf!», kommt der Vorwurf aus dem Wallis und dem Bündnerland, wenns um den Schutz dieser Art geht.

Nun ja, wenn «romantisch» heisst, dass wir nicht alles umbringen und abknallen, was unser Leben vielleicht etwas komplizierter macht, haben sie recht. Schliesslich schiessen wir auch nicht auf all die ausserkantonalen Autofahrer, die sich zwei Mal im Jahr in den Dschungel der Mittelgrossstadt verfahren. Und die richten in Zahlen und Blut mehr Schaden an als alle Wölfe in unseren Bergen gemeinsam.

Natürlich gibts die Kitschtanten, die samtene Poster von Wölfen, die den Mond anheulen, an ihren WC-Türen hängen haben. Aber das sind nicht die Leute, die sich nachhaltig  für den Wolf einsetzen. Und wer dem WWF oder anderen Arten- und Tierschutzgruppen ein romantisiertes Bild unserer Fauna vorwirft, hat nichts begriffen.

Die Wölfe werden nicht abgeschossen, um die Schafe zu schützen. Die Schäfer sehen die Wölfe nämlich nicht. Und sie kämen auch nie auf die Idee, die Alpen planieren zu lassen, weil ihnen das Vielfache an Schafen durch Abstürze stirbt, als durch den Wolf gerissen wird. Von 208 974 gesömmerten Schafen im Jahr 2014 starben 4221 hauptsächlich durch Krankheiten oder besondere Ereignisse wie Blitz- oder Steinschlag. Demgegenüber stehen lediglich 294 Tiere (7%), die schweizweit von Grossraubtieren wie Wolf und Bär gerissen wurden. Hätte man konsequent Herdenschutz betrieben, wäre diese Zahl annähernd Null gewesen. (Ehrlich, wir bezahlen diese 300 Tiere gern aus der Portokasse der Stadt.)

Man begegnet dem Wolf nicht einfach so. Man muss den Wolf jagen, um ihn zu schiessen. Oder, wenn man schon ein wenig fett um die Hüften ist, und nicht mehr so durchs Dickicht walzen mag, muss man ihn mit Ködern anlocken, um ihn – oft unsachgemäss mit Schrot für Füchse – zu massakrieren. Diese absolut nutzlose Wolfsabschlachterei im Wallis und im Graubünden hat direkt mit den Städtern zu tun. Der Wolf stirbt stellvertretend für den Städter. Wenn CVP-Politiker aus den Bergkantonen wie  alt-Ständerat René Imoberdorf der gefährdeten Art den Schutz absprechen wollen, gehts nicht um den Wolf als Tier, sondern um den Wolf als Symbol für die Faust im Sack gegen die Übermacht der Städter. Eine trotzige Rebellion auf Kosten einer aussterbenden Art.

Die Bergkantone müssen sich von den urbanen Kantonen vorschreiben lassen, wann sie auf wen ihre Flinte richten dürfen. Das untergräbt natürlich das archaische Selbstbild des trutzigen Mannes von den Bergen. Wenn man dann noch die nationalen Ausgleichszahlungen dazu nimmt, ohne die sich diese Männer ihre Lebensart gar nicht mehr leisten könnten, kann man verstehen, dass sie sich manchmal wie eine ausgehaltene Geliebte fühlen – die nur am Wochenende und in den Ferien besucht wird  – und die dafür während der Woche das Lieblingshaustier des Geldgebers quält.

Gibts überall auf der Welt: Männer die für Selbstwert Tiere töten.

Gibts überall auf der Welt: Männer, die für ihren Selbstwert Tiere töten.

Wenn man also jemandem ein «romantisiertes» Weltbild vorwerfen könnte, dann den alten, weissen Männern, die ihre Freiheit und ihre Männlichkeit darüber definieren, was sie vor ihrer Haustür totmachen dürfen. Mit dem Schutz von irgendwas ausser dem archaischen, männlichen Selbstbild hat das überhaupt nichts zu tun. Es ist der reine Trotz einer aussterbenden Art. Es ist die hilflose Rache an den Städtern.

PS: Von mir aus sollen diese Männer ruhig den Wolf töten dürfen. Aber nur mit einem Schweizer Sackmesser bewaffnet. Um das natürliche Gleichgewicht zu halten.

«Geliebtes, unfreundliches Zürich!»

Réda El Arbi am Freitag den 29. Januar 2016
Daheim ist, wo man sich wohlfühlt.

Daheim ist, wo man sich wohlfühlt.

Nach zehn Tagen in Thailand, dem Land des Lächelns, komme ich morgens um Sieben wieder in Zürich an. Ich könnte – wie einst der Papst – den Boden küssen. Ich lasse erleichtert freundliche Konversation mit Fremden, unerträglich zuvorkommenden Service und verdächtig günstige Preise für Kaffee und Essen hinter mir und freue mich wieder auf meine Heimatstadt.

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Tipps für Flüchtlinge an der Street Parade

Réda El Arbi am Donnerstag den 14. Januar 2016
Wir helfen Flüchtlingen, unsere kulturellen Werte etwas besser zu verstehen: Street Parade

Wir helfen Flüchtlingen, unsere kulturellen Werte etwas besser zu verstehen: Street Parade

Luzern erarbeitet gerade für Flüchtlinge ein Merkblatt für sittliches Verhalten an der Luzerner Fasnacht. Natürlich wollen wir in Zürich dem in Nichts nachstehen. Da wir aber keine Fasnacht haben, werden wir den kulturfremden Flüchtlingen erklären, wie sie sich an der Street Parade zu verhalten haben. Das ist schliesslich auch nicht ganz einfach für Menschen aus einem weniger weltoffenen Kulturkreis, nicht? Hier die 8 wichtigsten Punkte:

Diskretion

Anstarren nur für Einheimische.

Anstarren nur für Einheimische.

Sie werden sehr viele Leute sehen, die wenig oder gar nichts anhaben. Nehmen Sie das nicht als eine Einladung, lange hinzustarren. Diese Leute wollen sich zwar zeigen, aber nicht Ihnen. Das Anstarren und Ansabbern ist nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

Konversation

Sollten Sie die Einheimischen bei ihren rituellen Gesprächen ( «Yo ey, geili Titte!» oder «Mann, dich würd i abschläcke bis nass bisch!») beobachten, versuchen Sie nicht, diese zu imitieren. Die gleichen Worte könnten zu Verwirrung führen, wenn sie nicht in einem der gängigen europäischen Dialekte ausgesprochen werden. Die Reaktion darauf könnte anders ausfallen, als Sie erwarten, und Sie könnten sich schnell in Polizeigewahrsam wiederfinden. Konversationen dieser Art sind nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

Alkohol und Drogen

Bitte zurückhaltend im Umgang mit Alkohol und Drogen.

Bitte zurückhaltend im Umgang mit Alkohol und Drogen.

Sollten ihrer Kultur die europäischen Grundwerte Alkohol und Drogen fremd sein, können Sie sich an diesem Anlass damit vertieft bekannt machen. Kosten Sie möglichst alles, aber kaufen Sie nur von einheimischen Anbietern. Und verkaufen Sie um Himmels Willen nichts weiter! Ausländer und Drogenhandel sind in der Schweiz ein heikles Thema!   Schauen Sie auch, dass Sie sich auch weiterhin beherrschen können. Die Feiernden fühlen sich durch alkoholisierte oder zugedröhnte Flüchtlinge schnell bedroht. Das Herumtorkeln ist nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

Kleidung und Auftreten

Sie werden viele Menschen sehen, die ihre sonnengebräunte Haut zeigen. Verwechseln Sie diesen Farbton nicht mit ihrer eigenen, der Ethnie geschuldeten Hautfarbe. Da die Menschen oft hart für ihre Sonnenbräune arbeiten mussten, ist es den Einheimischen unangenehm, wenn Sie ihren gratis erhaltenen, dunklen Teint zeigen. Halten Sie sich an Ihre eigene Kultur und tragen Sie eine Burka, so ist Ihnen das Mitleid der Einheimischen sicher. Das Zeigen von Haut ist nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

Die ruheplätze sind den Gästen mit europäischen Kulturhintergrund vorbehalten.

Die Ruheplätze sind den Gästen mit europäischem Kulturhintergrund vorbehalten.

Entspannen

Legen Sie sich nicht einfach irgendwo auf die Wiese. Das könnte bei Ihrer Herkunft als Landstreicherei oder «Herumgammeln» interpretiert werden. Wiesen, Strassenecken und Verkehrsinseln sind für diejenigen Raver reserviert, die sich vom harten Feiern und vom Drogenkonsum (Siehe Tipp 3) erholen müssen. Das Herumgammeln auf freien Flächen ist nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

Hilfe leisten

Sollten Sie sich Sorgen machen, wenn Sie bei einem der ruhenden Feiernden keine Atmung mehr wahrnehmen können, halten Sie sich trotzdem von ihm/ihr fern! Hilfeleistung an bewusstlosen Halbnackten könnte sehr schnell falsch verstanden werden – und Sie könnten sich schnell in Polizeigewahrsam oder einem Hospital wiederfinden. Treten Sie drei Schritte zurück und rufen Sie nach der nächsten Bürgerwehr. Die haben sich der Hilfeleistung verpflichtet und sollten das Problem schnellstens lösen können. PS: Einheimische und Gäste aus dem umliegenden Europa sind meist zu stark mit Feiern beschäftigt, um Hilfe leisten zu können.

Tanzen

Der Sinn der Street Parade ist es, in einer riesigen Menschenmenge zu tanzen. Wir raten Ihnen jedoch davon ab. Sollten Sie trotzdem aus irgendeinem Grund in die tanzende Menge geraten, nehmen Sie beide Hände über den Kopf und verschränken Sie die Beine. Körperkontakt mit Ihnen könnte von den Anwesenden falsch verstanden werden und Sie könnten sich schnell in Polizeigewahrsam wiederfinden. Körperkontakt ist nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

Sanitäre Einrichtungen

Sie könnten beim Besuch der Street Parade auf den Gedanken kommen, dass Strassenecken und Hauseingänge in unserer Kultur Synonym für «Toiletten» sind. Das ist nicht so. Bitte vermeiden Sie es, sich den Gepflogenheiten anzupassen und Ihr Geschäft auf der Strasse zu verrichten. Solch eine Geste der Integration könnte von den Anwesenden falsch verstanden werden und Sie könnten sich schnell in Polizeigewahrsam wiederfinden. Sich öffentlich zu erleichtern  ist nur Einheimischen und den Gästen aus dem umliegenden Europa erlaubt. Die wissen naturgemäss, wie man sich in solchen Situationen verhält und haben sich durch ihr Konsumverhalten das Recht dazu erkauft.

So, solange Sie sich an unsere Sittlichkeitstipps halten, sollten Sie an der Street Parade nicht in Schwierigkeiten kommen. Viel Spass bei unserem Stadtfest!

DJs im Wandel der Zeit

Alex Flach am Montag den 14. Dezember 2015
Das Handwerk des DJs hat sich verändert.

Das Handwerk des DJs hat sich verändert.

Dem technischen Fortschritt sind schon viele ehrbare Berufe zum Opfer gefallen. Die Schriftsetzer wurden von digital arbeitenden Mediengestaltern abgelöst, die Zählerableser von modernen Messgeräten und heute aktive Clubber wissen oft gar nicht mehr, was ein Plattenkofferträger war (ein dienstbares Helferlein, das den DJs hinterherscharwenzelte, ihnen die Drinks in die Kanzel brachte, sie zu ihren Sets fuhr und das sich zur Belohnung ein wenig im Glanz des Auflegers sonnen durfte).

Als die gute, alte Vinylplatte von der CD abgelöst wurde, mussten sich die Pioniere auf diesem Feld von den Hütern der reinen Turntable-Lehre zwar als Abtrünnige verunglimpfen lassen, aber schlussendlich haben dann doch die Allermeisten umgesattelt. Fortan konnten die DJs ihre Musik selbst in den Club tragen, ohne fürchten zu müssen, ihre wertvollen Handgelenke würden dabei Schaden nehmen.

Dimitri Schnider alias DJ Definition (Jg. 92, MITA Agency) ist eine der grössten Schweizer Clubmusik-Hoffnungen. Die Musik seines Labels Definition:Music wird von Stars wie Richie Hawtin, Maceo Plex und Jamie Jones gespielt und er selbst veröffentlicht auf international renommierten Imprints wie Get Physical. Er kennt die Ära des Vinyls nur noch vom Hörensagen: «Ich kann mir vorstellen, dass das Auflegen den DJs in den 90ern viel mehr abverlangt hat, da man nur mit Platten auflegen konnte. Da konnte man nicht in zehn Minuten die Beatport Charts auf einen USB Stick laden. Meiner Meinung nach spielt das Medium aber keine Rolle, Hauptsache man bringt die Energie rüber.»

Für Schnider ist denn auch nicht der Wandel bei den Tonträgern der markanteste, den der Beruf des DJs durchlaufen hat: «Man kann nicht mehr einfach nur DJ sein, man muss früher oder später eigene Tracks produzieren. Heutzutage setzt man sich kaum mehr durch, wenn man nur auflegt und keine eigenen Songs veröffentlicht.»

Marcel Lüscher (Jg. 94), die eine Hälfte des Badener DJ-Duos Robin & The Sidekick (Inyan Music), das unter anderem auf dem Berliner Label Perlenkindrecords veröffentlicht, teilt die Meinung seines Kollegen: «Die Musikauswahl ist heute das Wichtigste, das Mixen selbst ist dank Hilfsmitteln wie CDJ, Traktor etc. bloss noch grundlegendes Handwerk. Deshalb gibt es nur noch sehr wenige DJs, die den Durchbruch alleine mit der Auflegerei schaffen. Ich und mein DJ-Partner Till Hüssy sind gar den umgekehrten Weg gegangen, haben erst Songs produziert und später mit dem DJing begonnen».

Der technische Fortschritt und die mit ihm einhergehenden DJ-Hilfsmittel haben das Auflegen stark vereinfacht. Anstatt es sich vor diesem Hintergrund möglichst leicht zu machen, haben die Exponenten der nachrückenden DJ-Generation begonnen, ihren Beruf neu zu interpretieren: Sie sehen sich als Clubmusiker und das Auflegen endgültig nur noch als Hilfsmittel, um der Öffentlichkeit ihre musikalische Vision zu offenbaren. So besehen hat die Digitalisierung den Job des DJs nicht simplifiziert, sondern ihm eine neue, kreative Dimension verliehen, in der nur die musikalisch Begabten reüssieren.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Vegan extrem

Miklós Gimes am Mittwoch den 18. November 2015

_gimesEine der Köchinnen im Hort sei Veganerin, erzählten meine Söhne. Vegan, das Wort habe ich als Kind nicht gekannt. Zum ersten Mal hörte ich es vielleicht vor zwanzig Jahren. Es klang extrem. Extrem wie die Musik von Nine Inch Nails. Oder wie Zungenpiercing. «Sie isst nichts, was von den Tieren kommt», wusste der Älteste. «Sie sagte, Kühe brauche es nicht

«Meine Mitbewohnerin ist Veganerin», sagte meine Patentochter, die auch am Tisch sass. Deborah, so heisst sie, gehe mit Einkaufssäcken und Eimern am Abend los und hole Esswaren ab, die in Restaurants, Lebensmittelläden, Bäckereien übrig geblieben seien. «Dann füllt sie unseren Kühlschrank.» Berge von Sandwichs, Armeen von Joghurts, alles an der Datumsgrenze.

Ich erkannte Deborah an den rötlichen Haaren und ihren unglaublichen Augen. Sie wartete vor der ETH, wo sie im zweiten Jahr Agronomie studiert. Sie ist 20. Das Fach habe sie gewählt, um später in einer NGO arbeiten zu können, sagte sie. Als sie zum Studium aus dem Tessin nach Zürich gekommen sei, hatte sie einen Freund, der Abfälle aus Containern holt, Dumpster-Diving oder Mülltauchen nennt man die Bewegung. Es sei unvorstellbar, was man in den Züri-Säcken finde, volle Weinflaschen, Gemüse, Früchte, ungeöffnet in Plastik verpackt.

So kam sie zum Foodsharing. In Zürich gebe es etwa zwanzig Betriebe, die bereit seien, unverkaufte Lebensmittel abzugeben. Am Abend tauchen Deborah und ihre Freunde auf und holen die Ware, sie zeigte mir ihren Ausweis, «Foodsaver» steht da. Dann werden die Lebensmittel verteilt oder nach Hause genommen, ein Teil geht in die öffentlichen Kühlschränke, welche die Bewegung unterhält, sie stehen im Kreis4 (die genauen Standorte finden sich auf www.foodsharing.de), man kann nehmen und bringen, so viel man will. Bald soll ein weiterer Kühlschrank in Schwamendingen stehen.

Aha, denke ich, Deborah kann mir etwas über die Armut in Zürich erzählen, über die Penner, die Namenlosen, die Alleinerziehenden, die von Ladenresten leben. Zu den Mülltauchern gehörten ein paar Einzelgänger, die sich aus den Kehrichtsäcken ernährten, sagt Deborah. Aber der Bewegung gehe es nicht um Umverteilung, in Zürich gebe es genug zu essen. «Wir retten Lebensmittel. Wir produzieren Nahrung für elf Milliarden Menschen, und dabei leben bloss acht Milliarden auf dem Planeten. Viel zu viel», sagt sie. Die Nahrungsmittel seien viel zu billig, deshalb würden sie achtlos fortgeworfen, am schlimmsten seien private Haushalte. Am Foodsharing gefalle ihr, dass jeder seinen kleinen Beitrag leisten könne, kleine Schritte. Sie habe gelernt, von Resten zu leben.

«Wann warst du zum letzten Mal einkaufen?»

«Vor sechs Wochen vielleicht, ein paar Flaschen Bier.» Veganerin ist Deborah seit drei Jahren, seit sie weiss, wie Kälber und Legehennen gezüchtet werden, wie früh ein Mastschwein stirbt. «Wir leben in einer Gesellschaft, in der man aufeinander schauen muss.» Ich höre ihr zu und denke, wie verdammt schwer es ist, ein anständiges Leben zu führen, besonders in der Saison der Metzgete. Deborah sagt: «Man kann sein Leben immer ändern.»