Beiträge mit dem Schlagwort ‘Kreis 4’

Wem gehört die Stadt?

Alex Flach am Montag den 4. Mai 2015
Haben Clubbesucher und die Nightlife-Industrie gleich viele Rechte wie die Anwohner?

Haben Clubbesucher und die Nachtschwärmer gleich viele Rechte wie die Anwohner?

Eine Stadt lebt nicht nur in den Wohnungen ihrer Bewohner. Sie lebt in ihren Strassen, ihren Cafés, ihren Bars und Clubs. In den meisten Grossstädten existieren «Problemviertel», wobei es meist eben diese Gegenden sind, die durch ihre Quirligkeit dafür sorgen, dass eine Grossstadt als solche wahrgenommen wird.

Oft sind es die Epizentren der Nachtgastronomie, die unter der zweifelhaften Überschrift Problemviertel eingeordnet werden. Dass der Lärmpegel in solchen Vierteln höher ist als anderswo, liegt in der Natur der Sache und dass eine Stadt ein lebendiges Nachtleben braucht, dürfte mittlerweile nicht mehr Ausgangslage der Diskussion sein: Die Lebensentwürfe der Menschen haben sich in den letzten Jahrzehnten dahingehend verändert, dass auch Eltern in der Mitte ihres Lebens ihren Nachwuchs gerne mal in Obhut von deren Grosseltern geben, um eine Nacht lang in den Clubs feiern zu können – sie sind mit der elektronischen Musik aufgewachsen, die heute die Charts bestimmt und deren kreative Quelle noch immer in den Clubs liegt.

Obwohl sie diesem Umstand Rechnung tragen müssten, stellen die Behörden zumeist auch in ihren vom Clubbing geprägten Strassenzügen die Anliegen und Befindlichkeiten der Anwohner über jene der Leute, die diese aufsuchen, um dort eine gute Zeit zu geniessen. Beispiele dafür gibt es viele, so konnte in St. Gallen ein einzelner Neuzuzüger dem traditionsreichen Club Kugl den Betrieb beinahe verunmöglichen, obschon das Kugl nicht in einer Wohnzone liegt, sondern in einer gemischten Wohn- und Gewerbezone. Auch in anderen Schweizer Städten gehen immer wieder einzelne Anwohner erfolgreich gegen Clubs vor, in denen an den Wochenenden Abend für Abend hunderte Partygänger feiern.

Trotz der Zürcher Morgenröte, initiiert durch die klaren Bekenntnisse Corine Mauchs und Richard Wolffs zur städtischen Clubszene, können auch hier ein paar wenige Anwohner mit Beschwerden und Klagen dutzenden Bars und Clubs das Leben schwer machen. Aktuell versuchen dies gerade 115 Bewohner der Langstrasse, die mit einem eingeschriebenen Brief den Stadtrat auffordern, etwas gegen den Lärm und Abfall, verursacht durch den allnächtlichen Partybetrieb, zu unternehmen und das, obschon die Nachtleben-Betriebe an der Langstrasse das Milieu erfolgreich zurückgedrängt haben, ganz so, wie von der Stadtplanung wohl vorgesehen.

Die Meinungen zu dieser Aktion der Langstrasse-Anwohner sind von einer Einseitigkeit, die ihresgleichen sucht. Folgender Kommentar unter dem entsprechenden Beitrag der Gratiszeitung 20minuten generierte 968 Likes bei gerade mal 59 Dislikes: «Wer an die Partymeile zieht, muss sich nicht wundern, wenn es laut wird. Man zieht ja auch nicht neben einen Bahnhof, Flugplatz oder eine viel befahrene Strasse und beschwert sich wegen des Lärms. Solche Menschen machen unnötig Probleme und verursachen am Ende nur Aufwand und Kosten». Natürlich: Ziemlich undifferenziert und wohl auch unfaire Worte. Aber ist die Aussage der 115 Langstrasse-Anwohner und -Beschwerdesteller, der «allnächtliche Partybetrieb an der Langstrasse ist eine stadtzerstörende Sauerei», etwa differenziert und fair? Die Langstrasse mit ihrem einzigartigen Eigenleben gehört allen Stadtbewohnern und nicht nur ihren Anwohnern.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Fleisch in der Hand

Réda El Arbi am Dienstag den 20. Januar 2015
Bezahlbares Mittagessen für Fleschliebhaber: Steaksandwich

Bezahlbares Mittagessen für Fleischliebhaber: Steaksandwich

Es gibt sie wirklich noch: Die unabhängigen Gastronomen, innovativ, jung und nicht Teil des Zürcher Gastroklüngels. Während in den Kreisen 4 und 5 die (nicht so) schleichende Gentrifizierung und «Aufwertung» fortschreitet und Gastroketten und langweilige Architekten die Seele des Quartiers abmurksen, haben Philip Angst und seine Freunde vor einigen Wochen an der Brauerstrasse 42 in der ehemaligen Brasserie Lam die «Stubä» eröffnet.

Gleich neben dem Perla-Mode, in dem ironischerweise bald ein weiteres Szene-Vegilokal des Gemüseprinzen Rolf Hiltl eröffnen soll, servieren die Leute von der Stubä Steaksandwiches. Bei meinem Besuch erwartete ich eigentlich einen weiteren Hipsterschuppen mit wahnsinnig kreativen Namen für ihre Menüs und mit Fantasiepreisen.

Ich wurde enttäuscht. Die Karte ist einfach gestaltet und  die Preise (16.50 Stutz für ein Steaksandwich, 14.50 Stutz für einen reichhaltigen Burger) erscheinen mir moderat (im Vergleich der Pepito beim Opernhaus für 39 Stutz). Ich bestelle  das klassische Steaksandwich. Es gäbe sie noch in verschiedenen Ausführungen (siehe unten) oder, wie als satirischer Seitenhieb auf Hiltl, den Vegi-Hotdog. Philip, einer der Besitzer, nimmt die Bestellung entgegen. Ja, die Eigentümer arbeiten hier hinter der Bar und im Service. Was mir grundsätzlich sympathisch ist. Keine «Manager», sondern Typen die Hand anlegen. Und dabei auch mal ein Getränk umkippen und verschütten (nicht meines).

«Das war eine Voraussetzung für die Besitzerin. Sie wollte nur jemanden, der nicht bereits Lokale besitzt und der vor Ort sichtbar ist. Für uns war es die grosse Chance. Bei früheren Bewerbungen, auch bei städtischen Immobilien, wurden wir oft zugunsten von grossen Firmen oder eben den üblichen verdächtigen Gastro-Unternehmern der Stadt beiseite geschoben», erzählt Philip.

Inzwischen kommt mein Sandwich (Suppe oder Salat dazu hab ich abgelehnt, ich will die Weihnachtspfunde abnehmen). Und jetzt passiert das Grosse: Das Fleisch zergeht auf der Zunge, die einzelnen Gewürze entwickeln nacheinander ihren Geschmack. Ich bin wirklich kein Gourmet, aber sogar ich erkenne, wenn ich etwas Ausserordentliches esse.

«Wir legen das Fleisch mit Gewürzen vakuumiert erst einen Tag in ein Wasserbad. Das verleiht dem Fleisch die nötige Zartheit und den würzigen Geschmack. Wir haben lange herumprobiert bis wir die genau richtige Art fanden, das Fleisch vorzubereiten.» Philip versteht was von Fleisch, liebt Fleisch, schliesslich ist er  der Sprössling der altehrwürdigen Metzgerfamilie Angst. (Von da stammt übrigens auch das Fleisch.) Ich lecke mir die Finger ab. Und zu meinem Erstaunen bin ich satt.

Philip erzählt dann noch was von geilen Cocktails abends und dass Bastian Baker  vor ein paar Tagen im Lokal gespielt habe. Ich schaue mich zufrieden um und bemerke, dass sie sich bei der Umsetzung des Themas «Stubä» wirklich Mühe gegeben haben. Mit altem Radio, Bildern und zusammengewürfelten Möbeln wähnt man sich wirklich in einem urbanen WG-Wohnzimmer.

Und das Beste am Ganzen: Während man sonst in der ganzen Stadt über Mittag für einen Platz anstehen muss, hat sich diese Speisemöglichkeit noch nicht herumgesprochen und man kann sich hinsetzen und gemütlich unterhalten (Naja, das wird mit diesem Post wohl vorbei sein).

Ich stänkere noch ein wenig über den Kaffee (zu viel Milch), einfach damit ich noch was Negatives gefunden habe (ich muss schliesslich meinem Ruf gerecht werden) und mache mich wieder auf den Weg.

Das Steaksandwich ist die Art von Fingerfood, die ich mir selbst machen würde, wenn ich könnte. Nie wieder werde ich mit einem gemeinen Schnitzelsandwich zufrieden sein. So, genug gejubelt. Sonst denken die Leute noch, ich kriege Geld fürs Lob. Ach ja, ich hab mein Essen selbst bezahlt. Mineralwasser und Kaffee wurden von der Beiz spendiert.

Nachtrag von den Stubä-Wirten:

«Leider ist unsere Karte noch nicht aktualisiert. Fakt ist, dass wir bereits seit geraumer Zeit CH-Poulet im Angebot haben

Die Sandwichkarte:

Menu-Stubä

T*****, Tattoos & Tragödien

Réda El Arbi am Mittwoch den 11. Juni 2014
Was Jersey Shore kann, können wir schon lange: Titten, Tattoos & Tragödien am Wasser.

Was Jersey Shore kann, können wir schon lange: Titten, Tattoos & Tragödien am Wasser.

Eigentlich hab ich mir geschworen, nie mehr über die Badi am Oberen Lettensteg zu schreiben. Aber man soll ja nie nie sagen.

Und diesmal will ich nicht über diese Badi herziehen. Sozusagen. Der obere Letten hat nämlich eine neue Qualität entwickelt, die mich immer wieder da hinzieht. Die meisten Leute, die ich kenne, würden lieber nackt in den Bahnhofsbrunnen springen, als sich im Oberen Letten erwischen zu lassen. Das ist elitär. Ich hingegen mische mich jetzt regelmässig da unters Volk.

Kennen Sie Jersey Shore, oder eines dieser Privatfernseh-Formate wie «Köln 50667»,  «Berlin Tag & Nacht» oder X-Diaries? In  denen sehr einfache, junge, tätowierte Menschen in ihren WGs bei ihrem Paarungsverhalten beobachtet werden? Drama, Muskeln, Wodka, schlechte Musik und Titten? Ja, ich weiss, das ist Scripted Reality. Da muss sich noch irgendwer hinsetzen und sich das ausdenken. Aber ein Nachmittag am Letten würde reichen, um den Pilotfilm und vier Folgen für «Letten 8005» zu schreiben. Und natürlich sitzt man so eng, dass man alles mithören kann. Ich steck mir zur Tarnung meist die Kopfhörer rein, einfach ohne Musik.

Kostprobe gefällig?

Sie heult seit einer Stunde, während ihre Freunde ihr Wodka einflössen.

Sie: «Er so: Ich bin treu. Und ich so: Glaub ich dir. Und dann macht er mit dieser Schlampe rum, dabei sind wir erst eine Woche zusammen. Und sie so: Ey, ich bin seine Freundin, dich hat er nur so gef****.»

Alle rundherum nicken verständnisvoll mit dem Kopf, flössen ihr weiter Wodka ein und hoffen wohl, sie werde bald bewusstlos, damit sie sich wieder der Partyplanung hingeben können. Aber nein, sie wird lauter und schwört (Ich schwör!), dass sie dieser Schlampe eine reinhauen will.

Ein Typ kommt, Muskeln, Muskel-Shirt, Muskel-Tattoos und wirkt ganz betreten. Er versucht die junge Frau zu trösten und sagt: «Komm Baby, ach komm, Baby.» Und jedes Mal, wenn er sie an der Schulter berührt, kreischt sie und dreht sich einen Schritt weg.

Wer sich jetzt denkt, ich hab mir das ausgedacht, liegt leider falsch. Das ist vielleicht das dramatischste Gespräch, dass ich mitverfolgen durfte, aber sicher nicht das dümmste. Da gabs Gespräche darüber, wie frau einen Mann an sich fesselt (du musst ihm im Bett was bieten, das er nicht so leicht woanders bekommt), Karriere-Tipps (Ich mach mit einem Freund ein Soundsystem, du kannst als DJane mitmachen, das wird geil) und auch Tiefsinniges (Ich will was Sinnvolles machen in meinem Leben. Sowas mit Natur und Tieren, aber nicht so wie die Grünen). Meist jedoch gehts darum, wer letztes Wochenende mit wem was gemacht hat. Es ist beeindruckend.

Diese Gespräche haben auf mich dieselbe Wirkung wie RTL II. Ich zappe rein und bin fasziniert, auch wenns mir kalt den Rücken runterläuft und ich mich fremdschäme. Natürlich machens die knackigen Hintern (männlich und weiblich), die fantasievollen Tattoos (Sternchen oder Sternchen oder Sternchen mit Schmetterlingen oder Blumen) und die allem innewohnende Dramatik schwer, nicht süchtig zu werden.

Ich werde im Sommer also weiterhin immer mal wieder in den Oberen Letten gehen – um mich besser zu fühlen und mein Ego aufzubauen und natürlich, um meine eigenen Dramen in der Reality-Show «Letten 8005» zu vergessen.

«Zeig mir dein Velo, und ich sag dir wer du bist»

Réda El Arbi am Dienstag den 22. April 2014
Lowrider gibts in Zürich wenig. Leider.

Lowrider gibts in Zürich wenig. Leider.

Die kalten Tage sind vorüber und in der Stadt wimmelt es wieder von Velos. Alle Arten von Zweirädern sind auf Trottoirs, Velostreifen, Strassen und auch abseits der gepflasterten Wege unterwegs. Wir haben uns die Drahtesel angeschaut und erklären, weshalb welches Rad von welchem Biker bevorzugt wird.

Treppe hoch, Treppe runter.

Treppe hoch, Treppe runter.

Das alte Rennvelo

Das alte Rennvelo ist ein Statussymbol der urbanen Kreativen. Wie hat schon Ian Constable in seinem epischen Song «Hippiekacke» gesungen: «Mit em Rennvelo is Atelier isch …» und auch der berühmte Roni ist mit einem alten Renner unterwegs. Am besten ein Peugeot, grün, mit beigen Wicklungen an den Griffen und Ledersattel. Die Fahrer dieser  Räder haben eine innige Beziehung zu ihrem Rad. Sie nehmen es mit in die Wohnung, auch wenn sie es dafür fünf Stockwerke in die Dachwohnung im Kreis 4 schleppen müssen. Sie geben ihm einen Namen (manche auch nur heimlich) und wenns geklaut wird, machen sie bei ihrem Yogalehrer eine Trauertherapie mit Abschiedsritual. Dieses Velo hat einen kleinen Schlitten für ein Anstecklicht, das meist irgendwo mit leeren Batterien in der WG liegt.

Knackige Hosen, geile Gadgets und cooler Helm.

Knackige Hosen, geile Gadgets und cooler Helm.

Das neue Rennvelo

Der Fahrer eines neuen Renners ist meist technikbegeistert und erzählt allen, die es wissen wollen (oder auch nicht), welchen Karbonanteil die hintere Bremsscheibe aufweist und warum die Wabenstruktur den Rahmen stabiler hält. Wenn er bei den Vorteilen der Gangschaltung ankommt, merkt er meist nicht mehr, dass sein Publikum bereits schläft. Das neue Rennrad ist ein Sportgerät und wird nicht im Alltag eingesetzt. Es ist mit GPS ausgerüstet und mit Facebook verbunden, damit die Welt jeden Kilometer, den der Radfan am Wochenende um den Zürisee schafft, bewundern kann. Dieses Fahrrad hat ein Anstecklicht, welches der Fahrer abnehmen und in einer Spezialtasche seiner ultraengen, leuchtneonfarbenen Radlerhose verstauen kann.

Ja, so muss das aussehen.

Ja, so muss das aussehen.

Das Fixie

Dieses Rad ohne Gänge ist etwas für Hipster, deren Imagebewusstsein eine enorme Leidensfähigkeit beinhaltet. Diesen Fahrern ist es zu verdanken, dass alle relevanten Clubs in Zürich nicht weiter als 1.5 Kilometer auseinander liegen – mehr schafft der hippe Clubbesucher ohne Gangschaltung nicht, schon gar nicht nach vier Uhr morgens, wenn er in die Clubs geht. Der Besitzer kauft ein Fahrradschloss, das halb soviel kostet wie das Rad und das dem Existenzialismus, den so ein Velo ausstrahlen soll, diametral widerspricht. Ausserdem ist es überflüssig, weil kein normaler Mensch ein Rad klauen würde, das weder über Gangschaltung noch über Leerlauf (und oft nicht mal über Bremsen) verfügt. Lustig ist es, zuzuschauen, wie dem Fahrer die Pedalen um die Füsse knallen, wenn er überraschend bremsen muss. Licht gibts keins, das wäre dekadent.

Wir auch freiwillig gefahren.

Wird auch freiwillig gefahren.

Das Militärvelo

Überraschenderweise wird dieses rustikale Vehikel meist von Leuten gefahren, die den Militärdienst aus Gewissensgründen verweigert haben und eher progressiv eingestellt sind. Es ist das Markenzeichen von in die Jahre gekommenen Revoluzzern und verfügt auch über mehr Image als Fahrkomfort. Das Gewicht des Rads entspricht dem eines kleinen Panzers und so machts auch keinen Sinn, sich damit weiter als drei Kilometer fortzubewegen. Es ist mit dem Fixie verwandt, obwohl es mit Gangschaltung und Bremsen ausgerüstet ist, können nur Menschen, denen Image mehr zählt als Funktionalität, damit fahren. Es hat ungeheuer schöne Lampen vorne und hinten, für die man leider nirgends mehr Glühbirnen findet. Und ist der Dynamo (der aussieht, als könne man damit in Kriegszeiten eine Stadt mit Notstrom versorgen)  zugeschaltet, wird das Bewegen der Pedalen unmöglich.

Ohne Worte.

Ohne Worte.

Das Downhill-Bike

Das Downhill-Bike ist der wilde Bruder des neuen Rennvelos (siehe oben), quasi der SUV unter den Velos. Es hat Federn, die soviel kosten wie ein zweites kleines Velo, verfügt über technische Finessen, mit deren Fähigkeiten man wohl eine Mondlandefähre konstruieren könnte und wird meist von Sportlern gefahren, denen ihr Leben nicht besonders viel wert ist. Sie sind dazu gedacht, auf einem imaginären Pfad, Trail genannt, einen Berg herunterzufahren und auf dem nach unten Weg möglichst viele Spaziergänger anzufahren. In Zürich ist es einfach, sie in freier Wildbahn zu beobachten: Es gibt nur einen Trail, den man ohne Aufwand (illegal in der Üetlibergbahn) erreichen kann: Der Üetsgitrail. Die Fahrer strahlen nach drei Minuten Abfahrt so, als ob sie den Mount Everest hintergerotzt wären. Um authentisch zu wirken, werden die Schlammspritzer am Bike niemals abgewaschen. Dieses Velo verfügt über abnehmbare Halogenleuchten, die mit ihrem Licht die Netzhaut der nachtaktiven Waldfauna verbrennen.

Kein Statussymbol.

Kein Statussymbol.

Der Drahtesel

Der Drahtesel ist ein altes Fahrrad, meist mit drei oder fünf Gängen und ohne irgendwelchen Schnickschnack. Eine Klingel, zwei Bremsen ohne Scheiben, ein unbequemer Sattel, hässliche Handgriffe und eine Farbmischung, die in den Augen schmerzt. Diese Art Fahrrad wird von Zürchern benutzt, die bereits mehr als ein teures Velo an die Stadt verloren haben und dann nachts weinend vor einem aufgekippsten, schweineteuren Schloss knieten und sich geschworen haben, dass ihnen das niemals wieder passiert. Dieses Velo hat zwar ein Licht, aber der Dynamo ist meist kaputt.

DamenradDas Damenvelo

Das Damenvelo ist die Schwester des Drahtesels. Es ist grundsätzlich dazu gedacht, von A nach B zu kommen, ohne dass frau sich den Sommerrock in den Speichen einklemmt oder sich undamenhaft auf den Sattel schwingen muss. Nur, wie alles in Zürich, kann ein Damenvelo auch ein Statement sein: Von einem Mann gefahren bedeutet es, dass der Fahrer sich einen Dreck um Konventionen, Genderrollen oder Statussymbole kümmert. Er ist cool genug, um nicht auf teure Bikes, Hipsterschleudern und antike Renn- oder Militärvelos zurückgreifen zu müssen. Es heisst «Ich bin Status, ich brauche keine Objekte». Natürlich muss der bärtige Typ auf dem Damenvelo nicht unbedingt ein Hipster sein, es kann sich auch um einen Junkie handeln, der am Bahnhof einfach kein anderes Velo klauen konnte. Damenräder werden mit völlig nutzlosen, integrierten Schlössern gesichert, oder mit ebenso nutzlosen, kleinen Zahlenschlössern mit drei Ziffern. Sie haben Licht, und das funktioniert meist sogar.

So sehen grüne Homeys aus. Ya, man.

So sehen grüne Homeys aus. Ya, man.

Der Lowrider

Lowrider sind eigentlich keine richtigen Fahrräder. Sie sind die 5er BMWs unter den Fahrrädern und eignen sich eigentlich nur, um cool damit an der Ecke herumzustehen. Noch hat sich in Zürich kein wirkliches Zielpublikum für diese Art Räder gefunden, da die die Überschneidung zwischen grünen politischen Ansichten und knallharter Homey-Mentalität sich hier in Grenzen hält. Es könnte sich als Substitut für junge Raser eignen, die den Führerausweis auf Lebenszeit abgeben mussten. Dieses Bike hat als Licht eine verchromte Lampe, die früher Teil eines 56er Rolls Royce Silver Shadows war.

Der Designer hat früher Zahnbürsten entworfen.

Der Designer hat früher Zahnbürsten entworfen.

Das Elektrobike

Das Elektrobike ist ein Fahrrad für Leute, die aus Überzeugung auf ein Auto verzichten, aber trotzdem die ganzen Dinge unternehmen wollen, die man sonst mit dem Auto macht. Mit Unterhalt und allem kostet es auch beinahe soviel wie ein Kleinwagen. Dieses Fahrrad muss von Idealisten gefahren werden, da man sich für die bisherigen ungeheuer schlechten Designs in Grund und Boden schämt, wenn man nicht innerlich überzeugt ist, dass es sich auf Karmaebene lohnt, auf ein Auto zu verzichten. Kaum jemand unter Dreissig fährt ein E-Bike, weil es den Jüngeren zu peinlich, bzw. auch zu teuer ist. Dieses Velo hat Licht, das kaum Strom verbraucht, immer funktioniert und biologisch abbaubar ist.

In diesem Sinne:

Das Club-Grossmaul

Blog-Redaktion am Montag den 17. März 2014
Einer der alten Schule: Entertainer und Grossmaul des Zürcher Nachtlebens.

Einer der alten Schule: Entertainer und Grossmaul des Zürcher Nachtlebens.

«Gestern im Flamingo… man muss nicht immer ankündigen wer so alles vorbei kommt. Danke Drake!»

Diese Worte postete der Club Flamingo-Betreiber Maurice «Momo» Mobetie zusammen mit einem Foto des Blackmusic-Superstars Aubrey Drake Graham alias Drake, das ihn, mit einer brünetten Schönheit turtelnd, auf einer Party zeigt. Das Foto ist zwei Jahre alt, wurde keineswegs im Flamingo aufgenommen und Drake stand am betreffenden Abend ein paar tausend Kilometer von Zürich entfernt auf einer Konzertbühne. Der Clubchef verfügte immer schon über ein fulminantes Mundwerk und war schon oft Quell grossartiger Räuberpistolen, mit denen er sich und sein Flamingo geschickt im Gespräch hält.

Mit seinem Drake-Post hat er gar den neuen Trend «Momoing» kreiert, denn bereits am nächsten Tag posteten einige Facebook-User x-beliebige Fotos von Stars wie Jay-Z, Kanye West und Pharrell Williams mit Kommentaren wie «Bin gerade mit einem Kumpel am brunchen». Legendär auch die Story mit seiner eigenen Reality TV-Show namens Swizz Boys on Tour, die sich um sein schillerndes Luxusleben dreht. Shaunie O’Neal, die Ex-Frau des Basketballers Shaquille O’Neal, hätte sich gar die Rechte an der Show gesichert. Nach dieser Sensationsmeldung kam jedoch nichts mehr und der letzte themenbezogene Eintrag auf der Facebookseite von Swizz Boys on Tour hat kürzlich seinen ersten Geburtstag gefeiert.

Wenn jemand versucht sein Flamingo zu diskreditieren, dann kennt der extrovertierte Momo, gemäss eigenen Aussagen ein enger Freund von Justin Timberlake, 50Cent und Akon, kein Pardon. Sein Club ist der beste überhaupt und wer das anzweifelt, der sollte schon über die Reflexe eines Igels verfügen, um seinen auf Facebook abgefeuerten Schmähsalven ausweichen zu können. Subtilität ist gemeinhin nicht so Momos Ding. Vor seinem Flamingo wurde eine Clubberin mit der Begründung abgewiesen sie sei zu klein und als der Club an den vergangenen Swiss Nightlife Awards nicht mal nominiert wurde, quittierte Momo dies mit den Worten «Ich scheiss auf irgendwelche Awards von irgendwelchen Mongos die nicht mal in Clubs reinkommen wo ich hingehe. We bigger than your fucking Carlsberg Awards!».

Nun kann man von Momo halten was man will, man kann sich über seine, bisweilen an Baron Münchhausen erinnernden, Anekdoten aufregen und darf sogar das Flamingo doof finden. Jedoch ist das Zürcher Nachtleben mit zunehmender Professionalisierung auch immer humorloser geworden. Clubs werden teilweise geführt wie Versicherungsagenturen, DJs gehen ihrem Handwerk mit sakraler Ernsthaftigkeit nach und in einigen Clubs muss man gar mit abschätzigen Blicken rechnen, wenn man zu laut lacht. Mobetie kann man Vieles vorwerfen, aber nicht, dass er sich selbst zu ernst nimmt. Er verkörpert eine aussterbende Nachtleben-Gattung und zwar jene des Showman mit grosser Klappe, der den ganzen Zirkus mit Humor sieht und der ihn mit reichlich Hochglanz füttert, selbst wenn es bisweilen nur Katzengold ist, das da glänzt. Dem Zürcher Nachtleben würden ein paar Momos mehr unheimlich gut tun.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft

Schüleraustausch – zwischen den Quartieren

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag den 13. März 2014
Die Neugier auf andere Lebensweisen: Früher waren die Quartiere näher beieinander. Bild: landesmuseum.ch

Die Neugier auf andere Lebensweisen: Früher waren die Quartiere näher beieinander. Bild: landesmuseum.ch

Ab heute lesen Sie bei uns im Stadtblog wöchentlich die Stadtgeschichten von Miklós Gimes. Wir freuen uns, seinen herzlichen und witzigen Geschichten bei uns einen Platz geben zu können. Viel Spass!

Als ich in die Primarschule ging, gab es in den Frühlingsferien ein Ferienlager für die ganze Stadt, in Magliaso im Tessin, vielleicht war es eine Art Vorläufer des Sportlagers in Fiesch, das heute jeweils im Herbst stattfindet, ein ganzer Extrazug, wie der Hogwarts-Express, bringt siebenhundert Kinder aus der Stadt ins Wallis.

Damals in Magliaso spielten wir Tag und Nacht Fussball und entdeckten die Mädchen, aber vor allem realisierten wir, wie verschieden wir waren, selbst wir Primarschüler, je nachdem, aus welcher Gegend der Stadt wir herkamen. Die Jungs aus dem Kreis vier waren cooler gekleidet, sie hatten schon mehr von der Welt gesehen, als wir aus dem behüteten Albisrieden, sie wussten aus eigener Anschauung, was Prostituierte sind und Alkoholiker, ihr Schulweg führte an der Langstrasse vorbei und an Kneipen wie der Räuberhöhli. Und einige Mädchen aus Oerlikon und Schwamendingen trugen hochtoupierte Frisuren und rauchten, wenn die Lehrer nicht hinschauten, die das Lager leiteten.

Aber wir lernten voneinander, übernahmen den Langstrassen-Slang, es bildeten sich Freundschaften. Heute ziehen sich neue kulturelle Grenzlinien durch die Stadt. Die Bourgeois Bohemiens im Seefeld, die Szenis in Wiedikon, die Akademiker im Kreis sechs, die Expats überall in den besseren Wohnlagen, nicht zu reden von den Albanern in Altstetten und dem Zürichberg. Eine urbane Gesetzmässigkeit besagt, dass sich Leute mit ähnlichem kulturellen Hintergrund anziehen, immer wieder bilden sich neue Pole – Gott sei Dank, denn so bleiben Städte lebendig.

Kürzlich waren wir in Hirslanden eingeladen, dem Quartier um den Hegibachplatz, wir hörten uns die Geschichten unserer Freunde an, und als wir durch das Quartier spazierten, betrachtete ich die Menschen, als wären sie Fremde, die ihren Kindern die Farbe Rosarot austreiben und sie zu akademischen Höchstleistungen erziehen. Ein paar Stationen mit dem Elfer, und man ist in einer anderen Welt.

Vielleicht könnte man einen Schüleraustausch organisieren, dachte ich. Vielleicht sollte jede Zürcher Schülerin und jeder Zürcher Schüler die Möglichkeit haben, ein bis zwei Wochen pro Jahr in einem anderen Schulhaus zu verbringen.

Der Austausch wäre freiwillig. Wer zu Hause bleiben will – kein Problem. Aber ich würde gern meinen Kindern zuhören, wenn sie von ihren Erfahrungen in Schwamendingen erzählen oder im Villenquartier von Fluntern. Ich meine es ernst – wenn die Studenten auf ihr europäisches Austauschprogramm verzichten müssen, sollen die Kinder wenigstens ein innerstädtisches erhalten.

Vielleicht ist die Neugier nach dem Leben der anderen eine Marotte von mir, ich war eben nie ein Lokalpatriot, dachte nie, wo ich wohne, ist es am schönsten, wäre nie am liebsten im angestammten Quartier geblieben. Wer weiss, vielleicht gibt es noch andere, die denken wie ich, denen sei meine Idee empfohlen, keine Angst, es wird eh nix, wir haben andere Sorgen. Es soll den Kindern nicht besser gehen als den Studenten.

miklos.gimes@tages-anzeiger.ch

Neujahrsmorgen: Maschinenpistolen, MDMA und der See

Réda El Arbi am Mittwoch den 1. Januar 2014
Trotz Widrigkeiten die beste Stadt der Welt: Zürich bei Sonnenaufgang.

Trotz Widrigkeiten die beste Stadt der Welt: Zürich bei Sonnenaufgang.

«So lange hab ich ohne Drogen schon lange nicht mehr durchgehalten», erklärt ein ca 17-Jähriger seinen Kollegen. Es ist morgens um Fünf am Bahnhof Hardbrücke und ich bin unterwegs, um mir anzuschauen, wie Zürich den ersten Tag im neuen Jahr begrüsst. Normalerweise bin ich kein Fan von willkürlich gesetzten Feiertagen, aber was solls. Wenn alle feiern, will ich mal nicht die Spassbremse sein, sondern die Atmosphäre der Stadt auf mich wirken lassen.

Maschinenpistolen gegen gefährliche Spasstouristen.

Maschinenpistolen gegen gefährliche Spasstouristen.

Maschinenpistolen
Das Spassbremsen scheinen andere zu übernehmen. Beim Umsteigen am Bahnhof Winterthur musste ich feststellen, dass die Stadt Winti auf ganz besondere Weise auf die aus Zürich heimkehrenden Spasstouristen reagiert: Bei den Gleisen stehen Polizisten, bewaffnet mit stylischen Maschinenpistolen und begleitet von einem herzigen Hund. Die Leute rundherum scheinen mir zwar ziemlich angeheitert, aber durchwegs friedlich. Nun könnte man sich die Frage stellen, ob sie friedlich sind, weil die Staatsgewalt mit ihrer Präsenz Gewalt verhindert, oder ob sie sowieso nur heim ins Bett wollen. Fragen über Fragen. Auf jeden Fall kommt gefühlt auf jeden Reisenden mindestens ein Polizist oder Bahnsicherheitsbeamter.

Wir wünschen einen guten Heimflug, Philipp!

Wir wünschen einen guten Heimflug, Philipp!

MDMA und andere Drogen
Zurück nach Zürich: Da scheint die Silvesterparty noch lange nicht fertig zu sein. Wenn der junge Mann von vorhin heute auf Fitmacher verzichtet, leben doch andere Stadtzürcher ihren Spass ziemlich öffentlich chemisch unterstützt aus. Oder wie Ex-Cabaret-Voltaire-Kurator Philipp Meier sein Motto für die Nacht auf Facebook postet: «Next Level: MDMA». (Zur Info: MDMA, Methylendioxy-N-methylamphetamin, ist ein Amphetaminderivat, das euphorisierend und aufputschend wirkt. Wenn man denn wirklich MDMA erwischt und nicht irgendwas schluckt, das der Hausdealer gerade vorrätig hat). Aber Künstler müssen eben die Bohème leben.

Allzeit bereit: Ambulanz bei den Clubs.

Allzeit bereit: Ambulanz bei den Clubs.

Auch sonst wird Zürich seinem Ruf als Koks- und Amphetamin-Stadt gerecht. Vor dem Hive versuchen drei Männer und eine Frau mit einer aufgefalteten Gratiszeitung ihre Kokslinien vor dem Nieselregen zu schützen, weil das Zeugs sich nass einfach nicht schnupfen lässt. Ich  selbst werde übrigens beim Hive abgewiesen, was mein Ego nachhaltig verletzt. Der Türsteher lässt mich ohne Probleme durch, ein edler Mensch, voller (offensichtlich) profunder Menschenkenntnis, der mich sofort erkennt. Aber an der Kasse sind sie ein wenig gestresst. Irgendwas scheint mit meiner Anmeldung schiefgegangen zu sein. Oder sie wollen einfach keine neugierigen Stadtblogger morgens um halb Sechs in ihrem Club. Jänu. Wenigstens steht draussen, zwischen Supermarket und Hive, bereits ein Krankenwagen bereit, um sich um die Opfer des Mischkonsums zu kümmern. Vorbeugen ist besser als Beerdigen.

Am einen Ort holt man Essen, am anderen (unten rechts) gibt mans wieder zurück.

Am einen Ort holt man Essen, am anderen (unten rechts) gibt mans wieder zurück.
(Klick zum Vergrössern.)

Falsche Freinacht und U-Turn-Essen
Ich gehe weiter und besuche kurz noch drei andere Clubs im Quartier. Eigentlich unterscheidet sich die Atmosphäre nicht von einem normalen Sonntagmorgen, ausser, dass viel mehr Leute, meist ältere Menschen um die 30, unterwegs sind. «Wir sind kurz nach Zwölf für ein paar Stunden ins Bett, um jetzt nochmals durch die Clubs zu ziehen», verrät mir eine Mittdreissigerin. Auch eine Art, das Alter zu überlisten, wenn man keine Freinacht mehr durchhält. Man kann so den langweiligen Teil, in dem sich alle noch warmsaufen, überspringen und direkt dann ansetzen, wenn das Delirium umgeht. Clever!

Nehmen Sie ein Taxi, wenn Sie getrunken haben. Nur nicht dieses. (6 Uhr Helvetiaplatz)

Nehmen Sie ein Taxi, wenn Sie getrunken haben. Nur nicht dieses. (6 Uhr Helvetiaplatz)

Auffallend ist, wie viele Partygänger schon wieder Hunger haben. Die Schlangen vor dem New Point und dem Happy Beck sind länger als die vor den Clubs. Nur, liebe Nachtvögel, fürs nächste Mal: Essen kommt vor Trinken, sonst legt ihr die Pizza, die ihr teuer bezahlt habt, gleich wieder auf die Strasse.

Und noch was: Trinken und fahren geht gar nicht! Oder sonst Sachen einwerfen und sich dann hinters Steuer setzen. Wenn ihr feiern geht, nehmt doch bitte ein Taxi für den Weg nach Hause. Das ist sicherer, auch wenn mans heute morgen schwer beweisen kann (siehe Bild).

Sonnenaufgang am Seebecken

Nun, nicht alle haben durchgefeiert. Neben dem ziemlich angetrunkenen Typen, der seiner Freundin etwas erklären will (Ich hab «Äüüüwww Schnnpsch wäää! Woschn!» verstanden), sitzen auch schon Leute im Tram, die auf dem Weg zur Arbeit sind. Ich persönlich warte auf meine Lieblingsstunde am 1. Januar in Zürich: Den Sonnenaufgang. Auf dem Weg zur Bellevuebrücke kann ich beobachten, wie sich die Strassen allmählich leeren und wieder Ruhe in die Stadt einkehrt. Reinigungsfahrzeuge tuckeln gemütlich durch die Strassen und bewältigen die Rückstände der Partynacht.

Am See weiss ich dann wieder, wieso Zürich auch morgens früh die beste Stadt der Welt ist. Nichts lässt mein Herz so aufgehen wie die Sicht von der Quaibrücke aus auf Zürich im morgendlichen Zwielicht. Und ich bin nicht der Einzige. Eine Teenagerin mit ihren zwei kleinen Geschwistern schaut neben mir auf den morgendlichen See. «Ich bin mit den Kleinen raus, damit meine Eltern ausschlafen können», erklärt sie ihre Anwesenheit um diese Zeit.

Also, wenn das kein schöner Anfang für 2014 ist, weiss ich auch nicht.

Guets Nois!

2013: «Sex, Abenteuer & Stadtleben»

Stadtblog-Redaktion am Sonntag den 29. Dezember 2013
Darüber berichten wir nicht mehr.

Darüber berichten wir nicht mehr.

Wir haben uns angeschaut, was wir dieses Jahr an Geschichten gemacht haben und Ihnen, liebe Leser, eine Auswahl der Posts zusammengestellt, die für uns die gelungensten schienen. Ob Selbstversuche, harsche Kritiken, philosophische Reflektionen, wir haben über alles berichtet. Hier können Sie nun darin stöbern und schauen, ob Sie was verpasst haben.

Sex, Liebe und Beziehung
Natürlich waren uns die zwischenmenschlichen Aspekte des Stadtlebens immer eine Herzensangelegenheit. So stürzten wir, Sarasin und El Arbi, uns in einen Flirttest, bei dem wir ausserordentlich gut abschnitten. Ehrlich. Oder wir besuchten eine Sexmesse, von der wir uns jede Menge Erotik versprachen, aber nur mit einer mittleren Depression zurückkehrten. Überhaupt war Sex erstaunlich oft ein Thema in unserem Blog, so auch die Zürcher Porny Days.

Die andere Swissness: In der Cannabiszucht verfügen die Schweizer über bestes Knowhow.

Die andere Swissness: In der Cannabiszucht verfügen die Schweizer über bestes Knowhow.

Essen, Trinken und Servicewüste Zürich
Natürlich waren wir dieses Jahr auch wieder in den verschiedensten Bars, Restaurants und Kneipen unterwegs. So trank Sarasin den letzten «Punch 63», bevor die Bar ihre Tore schloss. Wir quälten uns heldenhaft morgens um Sieben aus dem Bett, um die verschiedensten Atmosphären in den verschiedensten Stadtcafes für Sie zu dokumentieren. Wir würgten lauwarme Bratwürste herunter, um dem Mythos der Sternenbratwurst auf die Schliche zu kommen. Wir fragten uns woher all das Cannabis in Zürich herkommt und  wir beurteilten natürlich auch die Servicequalität in Zürcher Szenebeizen, und kamen zum Schluss, dass …

Politik und Stadtentwicklung
Eine der besten Geschichten dieses Jahr kam von David Sarasin: Er verteidigte mutig eine Nacht lang seinen Hinterhof im Kreis 4 gegen marodierende Wildpinkler, bewaffnet nur mit einer Wasserpistole und einigen Knallkörpern. Hut ab! El Arbi besuchte derweil die Obdachlosen in Pfarrer Siebers Pfuusbus und liess es sich gut gehen. Wir untersuchten die Machenschaften an der Uni und begaben uns auf die Suche nach Whistleblowern in der akademischen Welt. Die Enthüllungen waren natürlich skandalös! Ausserdem lieh sich Sarasin seinen Göttibub aus und testete Zürich auf Kinderverträglichkeit. Oder er testete seine eigenen Vaterskills. Natürlich verbrachten wir unsere Zeit nicht nur in der Innenstadt, sondern erkundeten neugierig die Umgebung. So besuchten wir Schwamendingen und stellten erstaunt fest, dass es da gar nicht so schlimm ist.

Die Bachelors: Warum zum Teufel sollten die wichtige Zürcher sein? (Wir mussten das Tilllate-logo drinlassen, sonst hätten wir bezahlen müssen, sorry)

Die Bachelors: Warum zum Teufel sollten die wichtige Zürcher sein?

Party, Nightlife und VIPs
Wir waren dieses Jahr an den verschiedensten Anlässen, damit Sie da nicht hin mussten und trotzdem wussten, was geht. Natürlich wunderten wir uns, dass die Veranstalter uns immer wieder einluden. So waren wir nicht besonders nett zum Swiss Nightlife Award (dieses Jahr gehen wir übrigens nicht hin, es sind wieder dieselben Leute nominiert. Was für eine Überraschung!) oder zur «Who is Who»-Party (dito), generell sind uns diese VIP-Anlässe suspekt. Natürlich schafften wir es auch an die Eröffnung des Zürcher Film Festivals, um mit anderen Journalisten Journalisten zu beobachten, die Journalisten interviewten. Wir waren so verzweifelt, dass wir uns sogar die Partyszene in der Agglo anschauten (und DJ Da Nos(e) trafen). Aber zum Schluss fanden wir natürlich die Magie des Zürcher Nachtlebens. Auch wenn wir schon ein bisschen zu alt dafür waren.

Die Tür zum Nachbarzimmer.

Die Tür zum Nachbarzimmer.

Abenteuer und Reisen
In zwei Serien besuchten wir Orte, an die ein durchschnittlicher Stadtzürcher nie kommt. Zum Beispiel Basel oder St. Gallen. Sarasin entdeckte sogar in Olten einen Hauch von Demut, während El Arbi sein Herz an Bern verlor. Wir fanden aber auch innerhalb der Stadt  Biotope, die nur einer ganz bestimmten Klientel vorbehalten sind. So das Luxushotel Dolder oder die Junkie-Absteige Schäfli. Wir verbrachten je eine Nacht dort (Sarasin im Dolder, El Arbi im Schäfli), um unseren Lesern einen Einblick zu verschaffen. Wir besuchten also unsere eigene Stadt als Touristen.

Für 2014 haben wir uns einiges Vorgenommen: Wir bleiben subjektiv, manchmal böse, manchmal liebevoll. Wir werden über gewisse Themen nur noch im Notfall berichten. Dafür suchen wir unsere Themen und Perspektiven weiter abseits des täglichen Medienbreis, wir streiten mit unseren Lesern, lassen uns angreifen und bleiben sichtbar. Aber eines werden wir nicht, wir versprechens! Wir werden nicht seriös.

In diesem Sinne, liebe Leser, freuen Sie sich mit uns auf …

Marilyn Manson – This is the new shit

Vorglühen, Party, Koma?

Réda El Arbi am Mittwoch den 18. September 2013
Partys gabs schon immer. Nur nie so gehäuft an einem Ort.

Partys gabs schon immer. Nur nie so gehäuft an einem Ort.

Die letzten Tage gab das neue Alkoholgesetz zu reden, die Städte seien mit dem Wochenend-Alkoholkonsum rund um die Clubs überfordert. Es wird vom Nationalrat gefordert, am kommenden Mittwoch bei der Beratung des Alkoholgesetzes griffige Massnahmen wie Mindestpreise und ein nächtliches Verkaufsverbot zu beschliessen. Auch die Wiedereinführung der Polizeistunde wurde ins Auge gefasst. «Die Kids saufen mehr», behaupten die einen, die anderen weisen die Schuld den Clubs zu, «die zu lange geöffnet haben und die Drinks zu billig anbieten», und wieder andere sehen die Verantwortung beim Einzelhandel.

Es ist, als ob sich drei Krähen im Kreis die Augen aushacken, jede Interessengruppe sieht die Schuld bei den anderen. Aber sehen wir uns doch mal die Argumente an:

Die Kids saufen mehr
Eigentlich kann ich das nicht bestätigen. Die Kids saufen mehr in der Öffentlichkeit, so ists wohl eher. Früher verzogen wir uns in eine Wohnung oder an den Waldrand, um uns die Kante zu geben. Am Waldrand hatte es den Vorteil, dass Freund XY sich zwei Stunden übergeben konnte, ohne dass wir danach sauber machen mussten. Wir haben schon immer Partys gefeiert und über die Stränge geschlagen, nur fand die Sauferei dezentraler statt. Aber dazu später.

Die Clubs haben zu lange auf, und die Drinks sind zu billig
Nun, wer so was behauptet, war schon lange nicht mehr in einem Club. Da kann man gerne zwischen 15 und 20 Franken für ein Fitzelchen Alkohol bezahlen. Da kann sich kein Jugendlicher mehr als zweimal im Jahr ins Koma saufen. Und was die Öffnungszeiten angeht: Die Clubs haben nicht länger geöffnet, sondern später. Also bleibt die Zeit, die Leute in den Clubs verbringen, in etwa gleich, sie verschiebt sich nur nach hinten. Im Gegenteil, ich kann mich an ein Partyvolk erinnern, das von Donnerstag bis Sonntag in den Clubs unterwegs war. Dem ist heute nicht mehr so.

Der Einzelhandel ist verantwortlich
Nun ja, wer den längeren Öffnungszeiten des Einzelhandels die Schuld gibt, hält das Partyvolk für ziemlich dumm. Vielleicht würde der eine oder andere sich nicht ins Koma saufen, wenn er nicht noch um 23 Uhr eine Flasche Wodka kaufen könnte. Aber ehrlich, wer vorglühen will, bereitet sich vor. Bei früheren Schliesszeiten würden die Kids sich ihren Alkohol eben auch früher beschaffen. Die können nämlich durchaus die Öffnungszeiten aussen an den Ladentüren lesen. Klar ist es praktischer, wenn man gleich neben dem Club bis 23 Uhr Schnaps kaufen kann, aber das ist auch schon alles. Alkohol verdirbt nicht, wenn er ein paar Stunden in einer Tasche warten muss, bis man ihn trinkt.

Woran liegts dann, dass die Öffentlichkeit nur dann von den Partymeilen hört, wenn es Gewalt oder Alkoholexzesse gab? Nun, wie angedeutet, fanden früher die Exzesse dezentraler statt. In Zürich ist es nun aber so, dass die Ausgehwilligen an zwei Orten massiv aufmarschieren: in Zürich-West, bei den Clubs rund um den Escher-Wyss-Platz, und an der Langstrasse. Das hat zum Teil mit der Fantasielosigkeit der Clubbetreiber zu tun, hocken sie doch alle im selben coolen Ausgehquartier (Zürich-West) oder mit der Aufwertung der Langstrasse, wo sich nun jeder gerne vergnügt, der sich früher noch vor dem Drogen- und Rotlichtmilieu gefürchtet hat. Geben wirs zu: Wir sind stolz auf die Clubdichte und das Ausgehangebot in Zürich. Die Kehrseite davon ist aber, dass sich die Kids nicht mehr am Bahnhof Hinterpfupfigen die Kante geben, sondern alle gemeinsam mitten in der Stadt. Und mit Kids meine ich alle, die das Gleichgewicht zwischen Spass und Exzess noch nicht gefunden haben.

Nun den Alkoholverkauf einzuschränken, nützt in etwa gleich viel, wie eine Handvoll Kieselsteine in einen Fluss zu werfen und zu hoffen, das reiche für einen Damm. Vielmehr muss man sich überlegen, ob man weiterhin lokale Zentren schaffen will, in denen zu viele Clubs und Bars wie schwarze Löcher alles anziehen, was Ärger verspricht, und hinter deren Ereignishorizont sich die Erinnerung an Partys in Alkoholdunst auflöst. Vielleicht wäre eine Begrenzung der Clubs pro Quartier sinnvoll. So würde sich die Belastung auf die ganze Stadt verteilen.

Ich habe keine Lösung. Aber eines ist mir klar: Wenn wir die hart erkämpften Freiheiten im Zürcher Nachtleben wieder abschaffen, kriegen wir sie nicht zurück. Selbst wenn sich herausstellt, dass die Verbote und Einschränkungen nichts an der Situation ändern.

Die Werbetafel als Kunstprojekt

David Sarasin am Mittwoch den 29. Mai 2013
 Eine Woche lang prangt das Logo des «Tages-Anzeigers» über der Langstrasse 84: Veli & Amos an der Arbeit. Foto: Sabina Bobst

Eine Woche lang prangt das Logo des «Tages-Anzeigers» über der Langstrasse 84: Veli & Amos an der Arbeit. Foto: Sabina Bobst

Wer werben will, muss bezahlen. Diese Regel gilt bei der grössten Plakatgesellschaft der Schweiz, APG, bei der ein Werbeplatz von 3 mal 4 Metern beim Central rund 900 Franken in der Woche kostet. Und das gilt seit etwas mehr als einem Jahr auch an der Langstrasse 84, wo die beiden Künstler, die sich Veli Silver und Amos Angeles nennen, eine eigene Plakatwand betreiben. 1000 Franken bezahlt der Kunde für eine Woche Werbung oberhalb des Kunstraums Perla-Mode, direkt an der angesagtesten Ausgehmeile der Stadt. Günstig ist das nicht, aber dafür besitzt das Angebot einen einmaligen Charme: Veli & Amos besprühen die Tafel selber. Ihr Projekt nennen sie «The Billboard», und wie bei jedem Kunstwerk geht ein Teil der Einnahmen aus dem Verkauf an die Galerie, hier an den Off-Kunstraum Message Salon im Perla-Mode.

Kein schlechtes Angebot, denkt man, auch in Anbetracht dessen, dass die Zielgruppe hier ziemlich klar umrissen ist: unter 30, konsum- und ausgehfreudig und/oder meist einer studentischen oder alternativen Kultur zugehörig. Der Querschnitt des Kreises 4, könnte man sagen, sieht man von all jenen ab, die sowieso durch den Raster fallen. Dementsprechend findet man dann auf der Wand von Veli & Amos nicht etwa Sprüche wie «I’m lovin’ it» oder ähnliche Dinge, sondern Partyflyer eines der umliegenden Clubs oder vom besetzten Haus in Wiedikon. Zudem gibt es persönliche Nachrichten wie eine Songzeile von Beyoncé, womit sich einer, der seine Freundin betrogen hatte, entschuldigen wollte, oder «Bon voyage, Vanessa».

«Da die Werbetafel ein Kunstprojekt ist, können wir alles machen!», sagen die Künstler. Sie versuchen, so wenig Emotionen wie möglich in die Aufträge zu stecken. «Wir kriegen eine Vorlage und übertragen sie auf die Tafel, fertig. Uns interessiert der kommunikative Aspekt und die Diversität der Botschaften über die Zeit, normalerweise werben in Zürich nur grosse Firmen via Plakatwand und nicht Kleinstbetriebe oder Bürger.»

Ganzkörperbilder auf Häusern

Entwickelt haben die Künstler ihr Handwerk und ihren Sinn für Kommunikation im öffentlichen Raum an Kunstschulen, einer in Zürich, der andere in Ljubljana, der Hauptstadt Sloweniens. Gefunden haben sie sich vor sieben Jahren, seither treten sie als Künstlerduo in Erscheinung. Sei es in Form von Ganzkörperbildern auf Hausmauern («Andere benutzen für Graffiti Schriftzüge, wir aber unsere Gesichter») oder mit Shows in Galerien. Dazu kommen andere Projekte wie ein kürzlich fertiggestellter Dokumentarfilm, in dem Veli & Amos von Maribor über New York nach Jerusalem reisen, um sogenannte Graffiti-Art und die Künstler dahinter aufzuspüren. Der Film «Style Wars 2» feiert am 6. Juni im italienischen Ancona Premiere, im Herbst wird er auch in der Schweiz in ausgewählten Kinos gezeigt. «Manchmal haben wir auf unserer Suche rein gar nichts erreicht», sagt Veli. Und das passt. Denn das Unberechenbare, die offenen Enden, gehören zu den Arbeiten der beiden Künstler. Auch zur Plakatwand an der Langstrasse.

Bewegung ohne Ziel

Doch: Was würde mit «The Billboard» geschehen, wenn die ganz grossen Firmen auf den Zug aufspringen würden? Wenn Red Bull oder Diesel die Werbewand für sich in Anspruch nehmen würden? «Das wäre für uns ein riesiger Erfolg», sagt Amos und fügt an: «Es wäre doch interessant, zu sehen, wie die Leute im Quartier darauf reagieren.» Wer hier Zynismus herausliest, liegt falsch. «Wir bewegen uns gerne, ohne zu wissen, wohin das alles führt», erklärt Amos. Davon zeugen auch andere Arbeiten des Künstlerduos, etwa auf der Sperrmauer in der Westbank in Palästina oder ein Projekt namens «Save the Whales», bei dem noch völlig unklar ist, was es genau bedeuten soll.

Vorerst betreiben der 26-jährige Angeles und der 30-jährige Silver weiterhin ihre Werbewand an der Langstrasse, auch «um die Studiomiete im PerlaMode und den täglichen Kaffee zu bezahlen», wie Amos sagt. «Viele schätzen das Handgemachte an unseren Arbeiten und die Nähe zur Subkultur.» Und das Geschäft laufe bisher nicht schlecht – auch dank dem «Tages-Anzeiger». Das TA-Logo sprayten die Künstler übrigens von Hand und ohne Schablone. Es prangt nun eine Woche lang über Zürichs Ausgehmeile. Doch trotz der Nähe zu alternativen Kreisen, eine Regel bleibt stets: Wer werben will, muss bezahlen. Oder in den Worten von Veli & Amos: «You pay the bill, we paint the board.» Weitere Infos unter: veli-amos.net