Beiträge mit dem Schlagwort ‘Kinder’

So ein asgfkasgf Tag

Beni Frenkel am Donnerstag den 5. Januar 2017

Schlitteln entlang dem Schlittelweg auf dem Uetliberg. (Foto: Esther Michel)

Dieses Jahr werde ich 40. Das ist ein Alter, wo man mehr auf sich schauen muss. Ich habe darum beschlossen: 2017 will ich weniger spenden, dafür mehr wandern. Dieser Plan soll aber nicht erst im Frühling umgesetzt werden, sondern bereits heute.

Ich bin mir nie sicher, wie sehr meine Erlebnisse die Leser und Leserinnen auch wirklich interessieren. Darum habe ich eine Wanderung ausgewählt, die hoffentlich viele Naturfreunde inspiriert. Und zwar geht es um die Etappe Üetliberg – Üetliberg Kulm. Für die Wanderung (inklusive Tram- und Zugfahrt) müssen Sie mit etwa 2 Stunden rechnen. Der Schwierigkeitsgrad: mittel.

Meine Reise beginnt mit dem 7er-Tram Richtung Bhf. Stettbach. Es ist acht Uhr abends. Den ganzen Tag musste ich zuhause bleiben, weil die Kinder krank waren. Ständig haben sie gehustet, erbrochen und nach mit gerufen.

Aber gut, ich hab diesen Tag jetzt hinter mir. Ich geniesse die Ruhe und freue mich auf den Üetliberg. Ein bisschen Respekt vor der ersten Wanderung im Jahr, die ist da. Beim Paradeplatz sehe ich einen fröstelnden Burschen mit dicker Jacke, Handschuhen und Wollmütze. «Jungchen“, spotte ich, „wann warst du das letzte Mal in den Bergen.»

Beim Hauptbahnhof löse ich das Ticket für Fahrt nach oben. Dann gucke ich auf die Uhr. Ups, nur noch zwei Minuten bis zur Bergfahrt. Ich renne Slalom durch die Pendler, die mir im Weg stehen. Das fühlt sich irgendwie geil an. Wie eine Verfolgungsjagd in einem Hollywood-Film.

In der S10 sitzen viele Schlittler. Draussen ist es stockdunkel und die wollen den Üetliberg herunterfahren? Wie krank ist das? Ich schüttle den Kopf und setze mich demonstrativ nicht zu ihnen hin.

Dafür gucke ich hoffnungsvoll zu den oberen Ablagen hinauf. Manchmal finde ich da durchaus nützliche Gegenstände, die liegen geblieben sind: Schirm, Schal, Koffer, Mützen. Einmal sogar eine grosse Zeichenmappe eines Künstlers.

Doch diesmal lag leider nichts oben. Traurig schaute ich aus dem Fenster und lauschte den Schlittern. Diese Sprache! Da verstehe ich stets nur die Hälfte. Tolle Jugend. Die riskieren ihr Leben und ich muss deswegen jedes Jahr höhere Krankenkassen-Beiträge bezahlen. So eine hirnlose Saubande!

Oben angekommen, haut es mir den Nuggi raus: Da liegt Schnee! Wie soll ich jetzt die Etappe Üetliberg – Üetliberg Kulm meistern? Ich trage keine Bergsteigerschuhe! Und dunkel ist es auch noch! Habe ich heute nicht schon genug gelitten? Den ganzen Tag war ich mit den Kindern beschäftigt. Ich will doch nur ein bisschen wandern.

Während ich halblaut fluche, höre ich die johlenden Jugendlichen, die mit ihren Schlitten runterfahren und hoffentlich irgendwo hängenbleiben.

Ich stosse die Türe zum Restaurant Gmüetliberg auf. Ich kaufe einen Appenzeller Bärli-Biber. Weil ich nur Karte haben, muss ich für mindestens zehn Franken konsumieren, Ich nehme zusätzlich einen Kaffee avec 4 Zentiliter Baileys.

Missmutig steige ich ich wieder in die S10. So ein asgfkasgf Tag.

Das richtig falsche Kindergeschenk

Réda El Arbi am Dienstag den 6. Dezember 2016
Verlieren in Kürze Beine, Kopf und Arme. Machen aber kurzfristig glücklich.

Verlieren in Kürze Beine, Kopf und Arme. Machen aber kurzfristig glücklich.

Es war eine Big-Jim-Actionfigur, nach dem Vorbild von Old Shatterhand – 100 Gramm Plastikmuskeln, markantes Kinn und die fehlenden Geschlechtsteile durch mehrere in die steifen Hände gesteckten  Schusswaffen ausgeglichen. Das war das Weihnachtsgeschenk, das mich als Kind glücklicher machte als jedes andere.

Meine feministische, pazifistische, grüne Mutter war empört. Der Götti, der mir dieses Unding schenkte, musste sich eine Standpauke anhören und war bis Mai aus dem engeren Familienclan ausgestossen.

Natürlich bekam ich wie jedes andere Kind mit linksalternativen Eltern normalerweise pädagogisch wertvolles, nachhaltiges Spielzeug. Häufig lackiertes Holz oder Dinge, die mit denen ich etwas SINNVOLLES mit meiner Zeit anstellen konnte. Büärk. Und natürlich verklärt man als Erwachsener seine alten Holzspielsachen.

Die Hälfte meiner gleichaltrigen Freunde hat Tränen in den Augen, wenn ihnen ihre Brio-Holzeisenbahn beim Umräumen wieder mal in die Hände fällt. Natürlich ist die emotionale Bindung daran reine Nostalgie. Effektiv hatten sie nur gerade im Kleinkindalter Freude daran. Bis zum 3. Lebensjahr kann man einem Buben aber auch ein Stück Karton-WC-Rolle in die Hand drücken und er spielt glücklich damit. Man könnte Räder an eine Banane basteln und der Knirps würde sie mit überzeugtem *Brumm*Brumm* in den neuen Teppich fräsen.

Zwischen dem 4. und dem 12. Lebensjahr wirds schwieriger. Während ich damals mein biologisch abbaubares Holzspielzeug (Lebensbauer 100 Jahre plus) auspackte, bekam der Nachbarsbub ferngesteuerte Plastikrennautos mit Sirenen und Blaulicht (Lebensdauer 64 Stunden, Zerfall ab den ersten Minuten). Ich bekam ein handgeschreinertes Holzschwert, der andere Nachbarsjunge einen goldenen Plastikkrummsäbel mit Plastikedelsteinen. Und aus der Sicht eines Sechs- oder Sieben-Jährigen war es keine Frage, was cooler war. Und auch für die anderen Kids, mit denen ich dann im Januar im Kindergarten die Geschenke verglich, war offensichtlich, wer die Niete gezogen hatte.

Selbstverständlich war ich neidisch und litt unter der vernünftigen Geschenkwahl meiner Familie. Dieses Manko an buntem Billigspielzeug hat bei mir ein Trauma hinterlassen, unter dem ich heute noch leide. Ich bin einer der Typen, die sich online kleine, ferngesteuerte Helikopter bestellen, um damit im Büro rumzukaspern. Ich habe mit 47 eine Lichtschwertsammlung (12 Stück!) und wenn man mich zu Weihnachten glücklich machen will, schenkt man mir etwas aus Plastik, das Geräusche macht und blinkt. Oder eine Star Wars-Actionfigur.

Bei Mädchen ist es dasselbe. Bis zum 4. Lebensjahr reicht eine Wollsocke mit Augen als schönste Puppe der Welt. Später werden aber Barbies und ihre Plastikschwestern wichtig. Wer schon einmal einer Gruppe von Mädchen zugeschaut hat, in der vier Girls mit Barbies spielen und die Fünfte eine fussgenähte Hanfpuppe aus dem Reformhaus (Farbe Beigebraun) an den Bauch drückt, kann mit Weinen nicht mehr aufhören. Das Trauma entsteht auch da. Oder wie sonst erklären Sie sich  35-jährige Frauen, die noch immer «Hello Kitty»-Handtaschen am Arm tragen und ihre Gschpusis in «Minnie Mouse»-Unterwäsche oder -Socken verführen?

Nun mögen einige Eltern anführen, dass sie ihren Kindern keinen billigen Plastikscheiss kaufen wollen. Das sei nicht nachhaltig, eine Verschwendung von Ressourcen und von China über den halben Planeten geflogen. Das sei ökologisch Pfui Bäh und pädagogisch sowieso unter alles Sau. Nur stimmt das nicht. Wenn ich den Plastikschrott rechne, den ich mir seit meiner Kindheit kaufen musste, um dieses Loch in der Seele zu stopfen, könnte man mit dem verbrauchten Erdöl wahrscheinlich einen japanischen Walfänger ein Jahr lang übers Meer tuckern lassen.

Hätte ich mehr von diesem Plastikschrott bekommen, wär ich mit 14 darüber hinweg gewesen und mein Leben hätte eine andere Wendung genommen, ich schwör!

Natürlich muss es nicht NUR billiger Ramsch sein, die Kids wollen ja auch im Juni, wenn das ganze Glitzer-Tatütata-Zeugs längst kaputt ist, mit etwas spielen. Aber wenn Sie ihre Kinder an Weihnachten für ein paar Minuten wirklich glücklich machen wollen, schenken sie ihnen billigen Müll.

Kinder, KESB und Katastrophe

Réda El Arbi am Mittwoch den 31. August 2016
Eine Behörde, die sich leicht als Feindbild eignet.

Eine Behörde, die sich leicht als Feindbild eignet.

Man hört immer wieder von Fällen, in denen die Kinder- und  Erwachsenenschutzbehörde offenbar völlig versagt hat. Was man nicht hört, sind die anderen 99 Prozent der Fälle, in denen diese Behörde Leben rettet und Katastrophen verhindert.

Die Negativbeispiele haben auch immer das gleiche Muster: Eltern, die sich ungerecht behandelt fühlen und sich lautstark zur Wehr setzen. Natürlich hört man die Kinder nicht, weil die noch keine Stimme haben. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich Eltern nicht dankbar zeigen, wenn man ihre Kinder fremdplatzieren muss. Es liegt aber auch in der Natur der Sache, dass die KESB nicht die Interessen der Eltern schützt und verteidigt, sondern die der Kinder. Eben, weil die noch keine Stimme haben und sehr leicht zu beeinflussen sind. Kinder würden sich niemals gegen Mama und Papa aussprechen, selbst wenn ihr Leben die Hölle ist.

Nun werden sich einige fragen, warum ich mich als kinderloser Mittvierziger zu diesem Thema äussere. Nun, ich war eines der Kinder, die froh gewesen wären, wenn es bereits eine KESB gegeben hätte. Ich wuchs in einer hoch dysfunktionalen Familie auf, und vom damaligen Sozialamt wurde erst eingegriffen, als bereits alles den Bach runtergegangen war. An den Verletzungen, die damals entstanden, arbeite ich noch heute. Hätte eine Behörde fünf Jahre früher eingegriffen, wer weiss, wie meine emotionale Persönlichkeitsstruktur heute aussähe. Und es gibt viele Kinder, die jetzt da draussen ein anständiges Leben leben, eben WEIL die Behörde eingegriffen hat.

Ich kenne einige Leute, die bei der KESB arbeiten, und es sind keine Monster, die im Namen einer anonymen Behörde Kinder in düstere Heime stecken. Es sind Menschen, die eine der schwersten Verantwortungen in unserem Staat tragen müssen. Sie müssen zum Wohle des Schwachen in die intimste Zelle unserer Gesellschaft – die Familie – eindringen. Das geht sehr selten ohne Widerstand. Greifen sie ein, werden sie gehasst. Greifen sie nicht ein, kann das im schlimmsten Falle zu Misshandlungen – psychisch öfters als physisch – oder sogar zu einem Kindsmord führen. Sie können also in den Augen der Öffentlichkeit nur versagen.

Und eben, da, wo sie erfolgreich intervenierten, mit Eltern, Schulen und Umfeld eine Lösung fanden, steht niemand hin und sagt der Presse: «Es ist jetzt alles gut gelaufen.» Es gibt keine grossen Schlagzeilen mit «Gut gemacht, KESB! Weiter so!»

Bei den KESB-Gegnern, die sich zum Teil wie clandestine Widerstandsgruppen aufführen, ist das Feindbild so gross, dass man sich nicht mehr in der Realität befindet. Die KESB wird zum Symbol der Unterdrückung, die verletzten Eltern zu Märtyrern. Das Credo: «Eltern wissen immer besser, was gut ist fürs Kind.» Der Kampf gegen die staatliche Übermacht wird zum Freiheitskampf stilisiert. Der eigene Unterstützerkreis versteht sich als romantische «Résistance». Und das erste Opfer in diesem dem Ego der Eltern geschuldeten Drama ist das Kindswohl.

Wer denkt, er handle fürs Kindswohl, wenn er sein Kind versteckt, entführt, ausser Landes bringt oder sonst irgendwie in einer Privatfehde mit einer Behörde als Spielball für das eigene Ego benutzt, hat in meinen Augen schon bewiesen, dass er oder sie als Elternteil versagt.

Natürlich ist die KESB nicht perfekt oder fehlerlos. Es gibt Fehlentscheidungen, schliesslich arbeiten da auch nur Menschen.  Auch im relativ neuen System hats noch Fehler. Aber wir leben nicht in einer Diktatur, sondern in einem Rechtsstaat, in dem man Mittel und Wege hat, sich für sein Recht zu wehren. Dieser Weg kann lange und schwierig sein. Er ist auf jedenfall besser fürs Kind, als eine Schlammschlacht in der Presse oder ein Leben auf der Flucht.

Natürlich fühlen sich Eltern machtlos und wütend, wenn ihnen ihre Kinder weggenommen werden. Nur sollten sie dann ihren Kreuzzug gegen die Behörden nicht auf den kleinen Rücken ihrer Kinder austragen.

Der Kinder-Bespassungsmarathon

Réda El Arbi am Montag den 15. August 2016
Was gibts als Nächstes?

Was gibts als Nächstes?

«Heute Alpamare, morgen gehen wir dann in den Zoo. Mittwoch weiss ich noch nicht, vielleicht Swiss Miniature, und am Wochenende sind dann wieder zwei Kinderfestivals», zählte eine Mutter einer anderen Mutter das Wochenprogramm auf – mit etwas ratlosem Blick auf die vier Sprösslinge, die im Zugabteil herumtobten . Der Sommerferien-Kinder-Bespassungsmarathon ist in vollem Gange.

Ich versteh ja, dass man die Kinder abends müde im Bett haben will. Und ich finds auch gut, dass man in den Sommerferien mal was gemeinsam unternimmt, wenn man schon Ferien hat. Aber brauchen Kids wirklich dieses Endlosprogramm?

Ich kann mich erinnern, dass ich die Sommerferien vor allem deshalb mochte, weil  mir kein nerviger Erwachsener mit irgendwelchen Aktivitäten auf den Sack ging. Meine Mutter unternahm ab und zu etwas mit uns, aber ehrlich, meistens konnten wir uns nicht mehr als einen Eintritt pro zwei Wochen leisten. Weder ins Alpamare noch in den Zoo. Und eben, ich war ganz glücklich so ohne Programm.

Wandern? *Klick, peng*
In die Badi, an Mamis Rockzipfel? *Not*
Museen? *Üärks*
Kinder, die ich nicht kannte, mit denen ich aber spielen sollte? *Tot umfall*

Ich konnte, durfte, musste mich mit mir selbst beschäftigen. Meine Mutter wollte zwar wissen, wo ich unterwegs war (mit 6), aber sonst vertraute sie mir. Und meistens war das unheimlich geil und ging gut. Naja, ausser als ich den Friedhof in Brand steckte (Sorry nochmals, Stadtverwaltung Dübendorf!) oder Strassenzoll von anderen Kindern eintreiben wollte (Ihr habt bei mir einen Kafi gut, ehrlich!). Ich hatte eine Badi-Saisonkarte, sobald ich bewiesen hatte, dass ich 50 Meter schwimmen konnte ohne abzusaufen. Ich hatte eine innige Beziehung zu meinem Velo, sobald es ohne Stützräder ging, weil es Freiheit bedeutete. Ich gab ihm sogar einen Namen. Und ich verdanke ihm so manche Narbe.

Aber in erster Linie lernte ich, mit Langeweile umzugehen. Ich lernte, eine Frustrationstoleranz zu entwickeln. Dort – und genau dort – startete mein kreatives Leben. Ich musste aus wenig oder nichts etwas Spannendes machen. Natürlich las ich viel. Aber irgendwann begann ich selbst Geschichten zu erfinden. Oder ich bastelte die Welt aus meinen Büchern in der Realität, aus allem was ich fand, nach. Ich entwickelte Vorstellungskraft und Fantasie. Ich lernte, eigene Entscheidungen zu treffen – und dann auch die Konsequenzen (Arztbesuche, Hausarrest, Taschengeldsperre, persönliche Entschuldigungen bei diversen Eltern, etc.) zu tragen.

Ich weiss, das hört sich extrem nach «Früher war alles besser» an. Aber so ist es nicht. Naja, wenigstens nicht ganz. Ich freute mich dann doch auch auf unsere Ausflüge. In erster Linie, weil sie aussergewöhnlich waren.

Ich habe den Verdacht, dass dieses kontinuierliche Bespassungsprogramm in den Kids eine gewisse Erwartungshaltung generiert. Jeder Ausflug muss noch geiler sein, jede freie Minute, die nicht mit Action gefüllt ist, ist wertlos. Kurz: So züchtet man sich kleine Konsumenten heran, die mit 18 in den Club gehen und böse Kommentare schreiben, wenn das Programm nicht den Wünschen entspricht. Man zieht ganz sicher keine Kids gross, die mit 16 ein eigenes Label gründen oder sonst irgendwie Initiative zeigen.

Vielleicht ist das übertrieben. Ich weiss es nicht, ich habe keine Kinder. Ich hab aber das Gefühl, dass es wert ist, mal fünf Minuten darüber nachzudenken.

Die Kunst des Daniel Kissling

Réda El Arbi am Donnerstag den 24. April 2014
Die Kunst, Menschen glücklich zu machen.

Die Kunst, Menschen glücklich zu machen.

Daniel Kissling habe ich kennen gelernt, als ich vor ein paar Wochen meinen älteren Sohn zu einem Probetraining bei den Kleinen des FC Zürich begleitete. «Du hast doch letzten Sommer die Geschichte über die Gelateria in Italien geschrieben», sagte er, als wir am Spielfeldrand froren und unseren Kindern zuschauten, «ich habe dir damals eine Mail geschickt.»

Ich mochte mich halbwegs an die Mail erinnern – geantwortet hatte ich nie. «Ich wollte dir damals sagen, dass es auch in Zürich gutes italienisches Eis gibt», meinte Daniel, er trug eine längliche Wollmütze, seine Art hatte etwas Sanftes, Hippiehaftes, und gleichzeitig schien er fest in der Wirklichkeit zu Hause.

Er betreibe seit 15 Jahren am Hafen Riesbach einen italienischen Glacestand, sagte er, «alles natürlich und selbst gemacht».Gestern habe ich Daniel besucht, und ich fragte mich danach, wie ich den eleganten kleinen Wagen mit der Aufschrift «Gelati am See» all die Jahre lang übersehen konnte. Ich versuchte eine Waffel mit Nuss und Erdbeer, es war hervorragendes italienisches Rahmeis. Hergestellt von Amore Mio aus Höri, sie beliefern auch die Badi Bülach, ein paar italienische Restaurants im Kanton und den Glacewagen beim Pistenende in Oberglatt, wo man die Flieger landen sieht.

Dann schaute ich den Leuten zu. Ein unaufhörlicher Strom blieb vor Daniels Stand stehen, Kinder, Grossmütter, zwei Jungs mit Sonnenbrillen und einem Kampfhund, eine Familie aus Südamerika, Rentner aus Bern, Szene-Mamis, Galeriebesitzer, und alle hatten sie den seligen Ausdruck, als sie mit ihrem Eis weitergingen, eine kindliche Vorfreude, das Geheimnis des Gelato.Während der Kunstgewerbeschule habe er bei Subway gearbeitet, erzählte Daniel, dort habe er Paolo Palumbo kennen gelernt, der den Traum hatte, in der Schweiz jenes fruchtige, rahmige Eis herzustellen, wie er es aus seiner Heimat kannte.

Und weil Daniel diese Sehnsucht teilte, habe er sich einen Glacewagen gezimmert und 1998 begonnen, Paolos Eis zu verkaufen. Über das Geschäftliche habe er sich keine grossen Gedanken gemacht, zum Glück, sagte Daniel, sonst wäre er daran verzweifelt, dass die Leute am See lieber Glace aus der Fabrik konsumiert hätten, Lusso und Mövenpick. Im Winter habe er den Stand zugemacht und sei gereist, nach Brasilien und Jamaika, wo er seine Frau kennen gelernt habe, dann seien die drei Kinder gekommen, und der Glacestand sei zum Broterwerb geworden.

«Ich wollte Künstler werden», sagte Daniel. «Vielleicht bin ich auch einer geworden. Ich verkaufe Glace. Ich machs wahnsinnig gern.» Ein sonniger Nachmittag am See, Zürich hat sein bestes Lächeln aufgesetzt. Daniel füllt Waffeln und Becher, die Leute sind entspannt, er hat für alle ein Wort, hier riecht es nicht nach Business. Wie er das macht, dieser sanfte Charme, eines Tages werde ich sein Geheimnis herausfinden. Ich fuhr mit dem Rad zurück ans Bellevue, an drei Glaceständen kam ich vorbei, Lusso und Mövenpick, kein Mensch ist angestanden.

MiklosMiklós Gimes ist Reporter beim «Magazin», Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Filmemacher («Bad Boy Kummer»). Jeden Donnerstag lesen Sie seine Stadtgeschichten hier bei uns im Stadtblog und auf der Bellevueseite in der Printausgabe.

Schüleraustausch – zwischen den Quartieren

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag den 13. März 2014
Die Neugier auf andere Lebensweisen: Früher waren die Quartiere näher beieinander. Bild: landesmuseum.ch

Die Neugier auf andere Lebensweisen: Früher waren die Quartiere näher beieinander. Bild: landesmuseum.ch

Ab heute lesen Sie bei uns im Stadtblog wöchentlich die Stadtgeschichten von Miklós Gimes. Wir freuen uns, seinen herzlichen und witzigen Geschichten bei uns einen Platz geben zu können. Viel Spass!

Als ich in die Primarschule ging, gab es in den Frühlingsferien ein Ferienlager für die ganze Stadt, in Magliaso im Tessin, vielleicht war es eine Art Vorläufer des Sportlagers in Fiesch, das heute jeweils im Herbst stattfindet, ein ganzer Extrazug, wie der Hogwarts-Express, bringt siebenhundert Kinder aus der Stadt ins Wallis.

Damals in Magliaso spielten wir Tag und Nacht Fussball und entdeckten die Mädchen, aber vor allem realisierten wir, wie verschieden wir waren, selbst wir Primarschüler, je nachdem, aus welcher Gegend der Stadt wir herkamen. Die Jungs aus dem Kreis vier waren cooler gekleidet, sie hatten schon mehr von der Welt gesehen, als wir aus dem behüteten Albisrieden, sie wussten aus eigener Anschauung, was Prostituierte sind und Alkoholiker, ihr Schulweg führte an der Langstrasse vorbei und an Kneipen wie der Räuberhöhli. Und einige Mädchen aus Oerlikon und Schwamendingen trugen hochtoupierte Frisuren und rauchten, wenn die Lehrer nicht hinschauten, die das Lager leiteten.

Aber wir lernten voneinander, übernahmen den Langstrassen-Slang, es bildeten sich Freundschaften. Heute ziehen sich neue kulturelle Grenzlinien durch die Stadt. Die Bourgeois Bohemiens im Seefeld, die Szenis in Wiedikon, die Akademiker im Kreis sechs, die Expats überall in den besseren Wohnlagen, nicht zu reden von den Albanern in Altstetten und dem Zürichberg. Eine urbane Gesetzmässigkeit besagt, dass sich Leute mit ähnlichem kulturellen Hintergrund anziehen, immer wieder bilden sich neue Pole – Gott sei Dank, denn so bleiben Städte lebendig.

Kürzlich waren wir in Hirslanden eingeladen, dem Quartier um den Hegibachplatz, wir hörten uns die Geschichten unserer Freunde an, und als wir durch das Quartier spazierten, betrachtete ich die Menschen, als wären sie Fremde, die ihren Kindern die Farbe Rosarot austreiben und sie zu akademischen Höchstleistungen erziehen. Ein paar Stationen mit dem Elfer, und man ist in einer anderen Welt.

Vielleicht könnte man einen Schüleraustausch organisieren, dachte ich. Vielleicht sollte jede Zürcher Schülerin und jeder Zürcher Schüler die Möglichkeit haben, ein bis zwei Wochen pro Jahr in einem anderen Schulhaus zu verbringen.

Der Austausch wäre freiwillig. Wer zu Hause bleiben will – kein Problem. Aber ich würde gern meinen Kindern zuhören, wenn sie von ihren Erfahrungen in Schwamendingen erzählen oder im Villenquartier von Fluntern. Ich meine es ernst – wenn die Studenten auf ihr europäisches Austauschprogramm verzichten müssen, sollen die Kinder wenigstens ein innerstädtisches erhalten.

Vielleicht ist die Neugier nach dem Leben der anderen eine Marotte von mir, ich war eben nie ein Lokalpatriot, dachte nie, wo ich wohne, ist es am schönsten, wäre nie am liebsten im angestammten Quartier geblieben. Wer weiss, vielleicht gibt es noch andere, die denken wie ich, denen sei meine Idee empfohlen, keine Angst, es wird eh nix, wir haben andere Sorgen. Es soll den Kindern nicht besser gehen als den Studenten.

miklos.gimes@tages-anzeiger.ch

Mit Luc durch die Stadt

David Sarasin am Montag den 11. November 2013
    David Sarasin hat es mit seinem zweijährigen Neffen Luc ganz ohne Tränen bis in die Bäckeranlage geschafft. Foto: Sophie Stieger

David Sarasin hat es mit seinem zweijährigen Neffen Luc ganz ohne Tränen bis in die Bäckeranlage geschafft. Foto: Sophie Stieger

Ja, er ist noch sehr klein. Luc Marty-Sarasin, zwei Jahre und drei Monate alt. Erstes und bisher einziges Kind meiner Schwester Mirjam. Wohnhaft in Wollishofen, blond, erste Nebensätze bildend, bereits auf zehn zählend. Mit grossen Augen erhascht er rund um sich Sympathie. Als meine Schwester ihn zu mir an den Paradeplatz bringt, von wo aus wir vorerst zu dritt Richtung Franz Carl Weber schlendern, richtet er diese Augen auf mich. «David au mit?» – «Ja!»

Der Franz Carl Weber ist die erste Station an diesem Herbstnachmittag, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben alleine mit einem Kind in Zürich unterwegs sein soll. Meine Gemütslage entspannt sich erst wieder, als Luc und ich zwei Stunden später beim Sirup in der Bäcki sitzen und er mir getrocknete Beeren entgegenstreckt. «David au Beereli!»

Doch erst mal von vorn. Wir stehen vor dem Schaufenster des Franz Carl Weber, als meine Schwester sich verabschiedet. Sie gehe rasch einkaufen, sagt sie, was stimmt. Der Moment der Wahrheit. Ich bin geschmeichelt vom Vertrauen, das meine Schwester mir entgegenbringt, und gleichzeitig nervös wie vor einem Blind Date. Wie werden wir miteinander auskommen? Schaffen wirs samt Kinderwagen ins Tram? Was, wenn Luc Durchfall bekommt?

«Wo ist Mama?»

Meine Schwester überreicht mir noch dies: einen Kinderwagen, ein kleines Täschchen mit Windeln, Feuchttüchlein, Wickelunterlagen und dem Buch «Pixi in der Schweiz» drin. Ausserdem einen Plastiksack, darin zwei Plastikschaufeln, ein Kesselchen, ein Spielzeuglastwagen und ein Ball. Ebenso eine Essensbox mit einem Weggli, einer Banane, besagten Beeren und Salzbrezeln. Zudem eine grosse Tasche mit einem Notfallset, dem Nachthuscheli Kuno («Falls gar nichts mehr hilft»), eine Kappe, nochmals Feuchttüchlein. Wir sind gerüstet. Doch Luc befeuert meine Angst: «Wo ist Mama?» – «Die ist einkaufen gegangen und kommt nachher wieder!»

Doch man muss auf äussere Reize setzen. Also hocken wir uns vor einen Fernseher und schauen Kasperli. Alles bestens. Ich fragte: «Wollen wir weiter auf den Spielplatz?» – «Wo ist Mama?» Ich suche nach Ablenkung. Baggern, Einkaufswägeli, Micro-Trottinetts oder hoffentlich nicht allzu finster dreinblickenden Viechern mit komischen Augen. «Willst du auf den Spielplatz?» – «Noch ein bisschen schauen.»

Der kleine Anarchist

Als wir endlich wieder auf der Bahnhofstrasse stehen, helfen uns Hunde und die Plastikgänse im Schaufenster des LouisVuitton-Ladens über das dünne emotionale Eis, auf dem wir uns noch immer befinden. Eigentlich plante ich den Gang mit dem kleinen Anarchisten ins Café Sprüngli, in dem er Lachsbrioche essenden Damen hätte Hallo sagen können. Doch wir haben bereits eine Menge Zeit vor Holzhäusern und Plüschtieren verstreichen lassen.

Nachdem wir auf der Bank am Paradeplatz erstmal zwei Nicht-Kobra-Trams vorüberziehen lassen – wie soll man da bloss mit Wagen und Kind einsteigen? –, betreten wir ein Niederflurtram, das uns bequem einsteigen lässt und Richtung Stauffacher rollt. Auf dem Weg zur Bäckeranlage kreuzen wir den eingezäunten Spielplatz neben der Kirche St. Jakob. «Willst du auf den Spielplatz?» – «Ja.» Lucs Stimmung stabilisiert sich, während er auf die kleine Rutschbahn klettert. Die Kinder der Krippe Schneeflocke tragen leuchtend gelbe Bänder und stehen ebenfalls Schlange vor der Rutsche. Die Leiterinnen plaudern. Man lächelt sich zu. Bald wackelt Luc gemeinsam mit den Kindern auf der Wiese herum. Die Kinder zählen bis drei und stolpern los. Luc zählt bis zehn und bleibt stehen. Das schwere Los eines Hochbegabten? Quatsch, ich denke schon wie ein Vater.

Wir müssen los, die Fotografin wartet. Auf dem Weg sollte Zeit bleiben, um über den Artikel nachzudenken. Doch wer mit einem Kind unterwegs ist, so viel wird bald klar, kommt nicht zum Denken. Man ist an den Augenblick gefesselt wie ein Cowboy an den Marterpfahl. «Warum liegt dieses Velo am Boden?» – «Der Schwanz vom Hund macht wuschwusch!» – «Das Tram ist schnell!» Die aktuellen Bedürfnisse sind ebenso trivial wie kompromisslos dringlich. Es bleibt kein Raum für Sachen, die nichts mit dem Kind zu tun haben. Kein Drama, keine bösen Nachrichten.

Endlich getrocknete «Beereli»

Im Bäcki-Restaurant ist dann zum ersten Mal Ruhe. Vor der Tür sitzen Heerscharen von Müttern auf Festbänken, die Kinderwagen reihen sich daneben auf wie SUV vor dem Media-Markt. Im Sandkasten herrscht Hochbetrieb, den Sand haben die Kinder bereits so flach getrampelt, dass Luc mit seiner kleinen Schaufel nicht mehr viel ausrichten kann. Die Mamis rundherum sehen herausgeputzt aus. Wir gehen ins Bistro, bestellen Sirup und kramen die Box mit den Esswaren hervor. Endlich getrocknete «Beereli»!

Luc nutzt jede Sekunde auf dem Spielplatz zum Springen, Hüpfen oder mit der Schaufel im Sand zu stochern. Die Bäcki ist wunderbar für Kinder. Ein Satz übrigens, den ich in meinem Leben niemals schreiben wollte. Doch stehe ich für einmal auf der anderen Seite. Das Verhältnis von jungen Familien und Kinderlosen verhält sich ähnlich wie jenes von Auto- und Velofahrern. Man hasst sich zwar herzhaft, doch hat man die Fronten schneller gewechselt, als einem lieb ist. Während man das «Kafi für Dich» als Kinderloser nachmittags meidet, ist man in Begleitung eines Kindes froh darüber, dass die Kinder herumspringen und die Wände mit Kreide bemalen dürfen.

Luc könnte in jeder Stadt aufwachsen. Der Zufall wollte es, dass er es in Zürich tut. Und das ist gut für ihn. Wobei es ihm im Moment noch herzhaft egal ist. Was zählt, sind wedelnde Hundeschwänze, Velos auf Gehsteigen oder Gänse im Schaufenster des Louis-Vuitton-Stores. Abhörskandale oder Terroranschläge, wie jener in Norwegen, der sich wenige Tage vor Lucs Geburt ereignete? Bedeuten nichts. Im Moment jedenfalls nicht. Was zählt: Wir gehen wieder einmal gemeinsam auf Tour, der kleine Mann und ich. Wenn er schon etwas grösser geworden ist.

In der Provinz-Badi

Réda El Arbi am Samstag den 20. Juli 2013
Bunt gemischt und freundlicher, als es unser grosskotziger Tester verdient hätte. Die Provinzbadi

Bunt gemischt und freundlicher, als es unser grosskotziger Tester verdient hätte. Die Provinzbadi

In unserer Serie über Zürcher Badis haben wir mal mit der Regel gebrochen und unseren Tester in eine kleine Provinzbadi auf dem Land geschickt, um zu schauen, ob ein Stadtzürcher auch da überleben kann. Hier der Bericht.

Ich werde nicht verraten, wo genau ich war, nur so viel: Man braucht eine knappe Stunde, um vom HB an den Ort zu gelangen, an dem ich mich ins kühle Nass stürzen wollte. Und ich habs den Leuten da nicht einfach gemacht: Da das Gerücht umgeht, Stadtzürcher seien ausserhalb der Stadt nicht überall gerne gesehen, hab ich mich ganz klar als laute Zürischnurre zu erkennen gegeben.

Aber bereits am Eingang brachten die Leute auf dem Land mich zum ersten Mal zum Verstummen: Als ich nach dem Eintrittspreis fragte, verlangte die Dame vier Franken. Für vier Franken kriegt man in Zürich nicht mal einen Kaffee! Im Tiefpreisschock stolperte ich weiter, um mir einen guten Platz zu suchen, und wenn nötig, darum zu kämpfen.

Aber nichts da. Überall hatte es noch freie Plätze, und die Leute waren weder nach sozialen Status, noch nach Geschlecht oder Familienstand aufgeteilt, wie mans aus der Stadt kennt. Nein, die Menschen sassen wild durcheinandergewürfelt beieinander: Familien bei Singles, Jugendliche und alte Pärchen, Portugiesen, Schweizer, Thais, Deutsche, ein einig Badivolk. Sogar Männer und Frauen sassen da gemischt auf der Wiese, nirgends ein Frauendeck oder eine Männerecke. Ich war beeindruckt. Wenn man nur eine Badi im Städtchen hat (und es so heiss ist), zeigt sich die Fähigkeit zur Intergration. Die Badi war offenbar ein soziologischer Querschnitt durch die lokale Bevölkerung, und die Durchmischung machte offenbar allen Spass. Wir weltoffenen Zürcher, die für jede Alterstufe und Geisteshaltung eine eigene Badi haben müssen, können uns hier wohl eine Scheibe abschneiden.

Aber so leicht war ich nicht zu beeindrucken. Schliesslich war ich hier, um die Tauglichkeit der Badi für Stadtzürcher zu testen. Also gab ich mich als Stadtzürcher zu erkennen: Ich breitete mein Batik-Bali-Tuch mit einer Hand aus, während ich lautstark neudeutsche Sätze über wichtige Projekte in mein Handy schwadronierte: «Los emal, das muesch asap fixe, suscht chömemer nie ziitnah uf en Organisationslevel, wo mer perfome chönd, weisch.»

Niemand schien besonders beeindruckt oder genervt. Ich hätte mir wahrscheinlich schon irgendwas an den Kopf geworfen. Gut, dann ab zu Stufe Zwei. Ich verteilte meine Statussymbole rund um mein Tuch: Handy, Ersatzhandy, iPad und ein Kindle, die ganzen elektronischen Angebersachen, die man in Zürcher Badis zuhauf sieht. Wiederum keine Reaktion, nicht mal ein kleines Stirnrunzeln des älteren Herrn nebenan. Gut, Drei zu Null für die Provinz.

So, nun musste ich aber noch Einen draufsetzen: Ich machte mich auf zum Badikiosk und verlangte einen «Espresso doppio mit Milchschaum». Die Frau strahlte mich an und meinte, sowas habe hier noch niemand bestellt, aber sie werde versuchen, es hinzukriegen. Stirnrunzelnd sah sie die Kaffeemaschine an. Ich setzte mich und schon nach wenigen Minuten hatte ich meinen gewünschten Spezialkaffee. Sie hätte erst Milch für eine Schoggi rauslassen müssen und diese dann schäumen, aber obs in Ordnung sei so. Ich bedankte mich herzlich. Und bezahlte unter vier Franken dafür.

Nun, langsam entspannte ich mich ein wenig. Ich verräumte die Angebersachen und begann, die Umgebung zu beobachten. Da waren drei junge Mütter mit ihren Babies, von denen immer eins ein wenig jammerte. Doch das schien niemanden zu stören und die Mamis versuchten auch nicht, mit gehetztem Blick ihren Nachwuchs zum Schweigen zu bringen. Ein wenig weiter eine Studentin mit dem typischen kleinen gelben Reklam-Buch und einem ungeheuer hässlichen Sonnenhut. Auch sie schien sich nicht um ihr Image, sondern um einen möglichen Sonnenstich zu sorgen.

Weiter gings. Ich machte mich also auf ins Wasser. Beim Weicheier-Einstieg, wo ältere Menschen wie ich langsam ins Wasser können, spielten einige Kids und spritzten sich gegenseitig an. Sie erwischten auch mich. Und als sie mein erschrockenes Gesicht sahen, entschuldigten sie sich höflich und machten sich nicht etwa lustig über mich.

Das war mir dann schon beinahe zuviel Idylle. Aber ehrlich, wäre die Badi etwas näher an der Stadt, ich würde dort wohl mehr Zeit verbringen, als in den bisher getesteten Badis Tiefenbrunnen, Letten oder Enge. Es ist einfach um Welten entspannter.

Aber keine Angst, bald berichten wir wieder aus einem Stadtbad.

Der Sommer kommt (Wir schwören!)

Réda El Arbi am Freitag den 31. Mai 2013
Das 12. Stolze Openair wird ein feuchtfröhliches Vergnügen. (Bilder Stolze Openair Facebook)

Das 12. Stolze Openair wird ein feuchtfröhliches Vergnügen. (Bilder Stolze Openair Facebook)

Nun, alles Fluchen hat nichts genutzt, nicht einmal das Verbrennen des Böggs zeigte irgendeine Wirkung, Klimaerwärmung und Wassermangel finden grad woanders statt: Der Sommer ist einfach noch nicht da.

Was uns da bleibt, ist eine abgeänderte Form des Cargo-Kults. Sie wissen schon, dieser melanesische Stamm, der Flugzeuge aus Holz nachbaute, um echte Flugzeuge mit reicher Ladung (Cargo) anzulocken. So betreiben wir dieses Wochenende ein wenig urbanes Voodoo und feiern, als ob Sommer wär, vielleicht lässt er sich so herbeizaubern. Dazu gibts auch extra einen Anlass: Das Stolze Openair findet zum 12. Mal statt.

Das stolze Openair bingt immer recht ansehnliche Flyer

Das stolze Openair bringt immer recht ansehnliche Flyer.

Dieses Wochenende eröffnet trotz kalten Wetters das 12. Stolze Openair die Stadtfest-Saison. Die mutigen Organisatoren scheinen keine Angst zu kennen. Die Bühne ist bereit, die Essenstände stehen und nun hoffen sie auf reichlich Publikum

Nun, wir Zürcher lassen uns von ein bisschen schlechtem Wetter nicht einschüchtern, schliesslich kennen wir das die meiste Zeit des Jahres. Wir werden also hingehen und zum Sound von Indie bis Triphop  von Folk  bis Electro Soul den Sommer herbeitanzen. So spielt die Genfer Band Aloan im «Baumhaus» am Freitag, am Samstag  treten Evelinn Trouble (Psychedelic Rock) und Budzillus mit Swing-Punk (was immer das ist) auf. Und natürlich viele Andere. Wir werden gemütlich unter Regenplanen exotische Gerichte schlemmen und feiern.

Vielleicht gibts ja sogar einen Stand mit Glühwein, um wieder aufzuwärmen? Egal, wir freuen uns aufs Gratis-Openair mitten in der Stadt!

Hier gehts zum Programm 

Die Pfannen sind bereits heiss!

Die Pfannen sind bereits heiss!

Nachtrag: Und mal ganz ehrlich: solche Sonnentänze wirken meist Wunder. Am nächsten Wochenende, wenn dann der Sommer endlich da ist (schaut nur!), dann gehen wir in der gleichen Ecke der Stadt tanzen, am Landenbergfest in Wipkingen nämlich. Bis dann beschweren sich auch alle schon wieder über die Hitze. Ich schwör!

Winterblues: Hier wärmen Sie die Seele

Réda El Arbi am Mittwoch den 6. Februar 2013
Sommer ganz nah: Der Stadtblog zeigt wie und wo.

Sommer ganz nah: Der Stadtblog zeigt wie und wo.

Das Leben in der Stadt hat sehr viele Vorteile, aber über einen Nachteil sind sich alle Stadtzürcher einig: Der Winter in Zürich drückt aufs Gemüt. Schnee bleibt meist nur kurz liegen, bevor er sich in grauschwarzen Matsch verwandelt,  Sonnentage sind zwischen Dezember und Februar in etwa so häufig wie ein Kolibris in der Arktis und die Wolkendecke färbt unsere Stadt im Winter meist grau in grau. Leider können in den kommenden Sportferien nicht alle Städter rauf in die Berge und den Bündnern und Wallisern auf die Nerven gehen, während sie Sonne tanken. Deshalb hier fünf Stadtblog-Tipps, wie Sie in Zürich den Winterblues vertreiben und etwas Energie tanken.
(Ihre eigenen Tipps sehen wir gerne in den Kommentaren)

Flüssige Sonne
Rum ist Sonnenenergie, die von Pflanzen in Zucker und dann von Menschen in Alkohol umgewandelt wurde. Und er wärmt genauso wie karibische Sonnenstrahlen. Ob im Tee, mit Fruchtsäften oder pur, Rum lässt den Stadtzürcher nach 2 dl von Sonne und Strand halluzinieren.  Fünf Drinks entsprechen dem Erholungsfaktor von 1.25 Apres Ski-Partys. Über 60 verschiedene Rumsorten zu finden hier —> Bar 63 oder Sommer zum Mitnehmen —> Glenfahrn im Oberdorf

Masoala-Halle
Der Zürcher Zoo hat keine Mühe gescheut, um ein Stück tropischen Regenwald in die Schweiz zu holen. Nun, es wäre schade, wenn nur die Dschungelviecher etwas davon hätten. Einen Nachmittag in der Regenwald-Halle des Zürcher Zoos entspricht ungefähr dem Erholungsfaktor 12 Pistenabfahrten in Bergün. Aber, lieber Leser, meiden Sie Mittwochnachmittage und das Wochenende, wenn Sie ihre Ruhe haben wollen. Ab in den —> Regenwald

Hammam
Der klassische Hammam, ein türkisches Bad, wärmt von Innen und Aussen. Da es keine Fenster gibt, kann man sich einfach vorstellen, man liege in Istanbul oder Kairo auf heissen Steinen. Man sollte solange im Dampfbad bleiben, bis man sich wieder grauen Schneematsch unter den Füssen wünscht. Ergänzt durch eine Massage entspricht der Erholungseffekt 1.7 Ferientagen in Parsenn. Hier zum —> Dampfbad

Lichttherapie
Sollte der Winterblues sich schon zu einer kleinen Depression ausgewachsen haben, kann das am Melatonin-Überschuss liegen. Melatonin ist ein Schlaf-Hormon, dass sich nur durch Lichteinwirkung vertreiben lässt. Im Winter, wenn das Tageslicht nur wenige Stunden vorhält, bleibt der Melatoninspiegel auch tagsüber erhöht. Als Folge davon können Müdigkeit, Schlafstörungen und Winterdepressionen auftreten. Und mit ein wenig Lichttherapie, Bestrahlung in einer ganz bestimmten Frequenz, kann man dagegen angehen. Die Licht-Kabinen sind zwar scheusslich, aber 30 Minuten Lichttherapie entspricht ca 8 Stunden Restaurant-Terrasse in Saas Fee. Hier zur —> Lichttherapie 

Adrenalinrausch
Wir müssen auch nicht unbedingt in die Alpen, haben wir doch unseren eigenen Hausberg. Leider ist der Üetzgi nicht wirklich hoch genug, um über die Nebeldecke zu reichen. Nur an wenigen Tagen, und auch nur, wenn man den Turm besteigt, kann man die Nase in die Sonne strecken. Aber was solls, solange wir noch Schnee auf den Wegen haben, kann man sich mit einer Schlittenabfahrt einen kleinen Adrenalinrausch holen, wie wir vom Stadtblog erst kürzlich getestet haben. Eine Abfahrt entspricht dem Erholungsfaktor von drei Pistenabfahrten in Laax, wenn man das Anstehen am Skilift abrechnet. Hier zum —> Testbericht