Beiträge mit dem Schlagwort ‘Integration’

Die Opferhaltung

Réda El Arbi am Dienstag den 20. September 2016
Autonomie und differenzierte Selbstwahrnehmung statt Opferhaltung.

Autonomie und differenzierte Selbstwahrnehmung statt Opferhaltung.

Dies wird wohl einer der Texte, die wirklich schwer zu schreiben sind, wenn ich am Schluss nicht Applaus von Idioten und Angriffe von Freunden ernten will. 

Ich beurteile Menschen nach ihren Handlungen und Äusserungen. Niemals werte ich Menschen nach ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Religion, Rasse, ihres Reichtums oder ihrer Armut. Trotzdem finde ich mich ab und an mit den Vorwürfen Sexismus, Homophobie, etc. konfrontiert.

Gerade in einer aufgeschlossenen Stadt wie Zürich – regenbogenfarben, linksgrün, offen – treffe ich häufig auf Menschen, die sich über ihre Opferhaltung definieren. Feministinnen, die sich auf ihr Geschlecht reduzieren, Homosexuelle, die jeden Affront als «homophob» einordnen, Ausländer (meist gut integrierte Secondos), die persönliche Auseinandersetzungen gleich mit «Rassismus» kontern.

Es gibt da draussen noch viel zu viel Sexismus, Rassismus und Homophobie. Das heisst aber nicht, dass man seine eigene Identität auf sein Geschlecht, seine Herkunft, seine sexuelle Orientierung oder auf sonst ein Merkmal einer Gruppenzugehörigkeit reduzieren soll oder darf. Das zeugt von fehlender Autonomie und man wird sich selbst dabei nicht gerecht. Die eigene Person wird schabloniert und eindimensional, die Welt schwarzweiss. Es endet in «Wir und sie».

Ich hab einige Jobs und Wohnungen in meinem Leben nicht bekommen. Natürlich hätte ich schimpfen können, das sei wegen meines arabischen Namens. Wars aber meistens nicht. Da war zu Beispiel mein Betreibungsauszug. Oder meine fehlende Eignung. Oder meine persönliche Art, die lange nicht jedem passt. Wenn jemand mir sagt «Du dreckiger Kameltreiber», empfinde ich das als fremdenfeindlich. Wenn jemand mir sagt «Du grosskotziger Vollidiot», ist das wohl meiner Persönlichkeit geschuldet.

Die Selbstdefinition als Opfer führt in Zürich oft zu einer Art positiven Diskriminierung. So gehen viele meiner Bekannten viel vorsichtiger in Auseinandersetzungen mit Schwulen, Lesben, Ausländern oder feministisch orientierten Frauen. Schliesslich will man auf keinen Fall als rückständiger, intoleranter, sexistischer Vollidiot dargestellt werden. So kommt es in meiner linksgrünen Blase zu einer Art Schutzgebiet für Leute, die sich dauernd als Opfer irgendeines -ismus fühlen.

Das ist extrem abwertend. Wenn ich Leute aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung anders behandle als jeden anderen Idioten, sie schone, nehm ich sie nicht ernst. Gleichberechtigung bedeutet, dass ich den Menschen so behandle wie alle anderen. Und wenn ich mich zurückhalte, meinem Gegenüber einen Sonderstatus einräume, positiv oder negativ, diskriminiere ich aktiv. Das ist ungeheuer kontraproduktiv. Unter Ausländern, Schwulen, Lesben, Transgender und Feministinnen gibts genau gleich viele unangenehme, egozentrische und dumme Personen wie überall sonst unter Menschen.

Es gibt genug echten Sexismus, Rassismus und genug Homophobie, die wir angehen müssen, strukturell, gesellschaftlich und auf persönlicher Ebene, als dass wir uns diese Opferhaltung leisten können. Es schadet unserer gesellschaftlichen Entwicklung, wenn wir nicht zwischen persönlichem Affront und allgemeiner Abwertung unterscheiden können.

Also, wenn dich jemand «Idiot» oder «dumme Kuh» nennt, könnte das mit deinem Verhalten zu tun haben. Es muss nicht Ausdruck einer grundsätzlichen Haltung gegenüber deiner Identität sein.

«Warum ich kein Islamist wurde …»

Réda El Arbi am Donnerstag den 19. November 2015
Kindern fällt Integration nicht schwer.

Kindern fällt Integration nicht schwer.

Ich trage einen nordafrikanischen Namen, komme aus der sozialen Unterschicht der Zürcher Agglo und denke grundsätzlich, ich wisse besser, was das Beste für die Welt sei. Mein Name, El Arbi, bedeutet «von Arabien» und schrie schon im Kindergarten in Dübendorf heraus, wo meine ethnischen Wurzeln liegen.

Ich weiss nicht genau, warum andere religiös radikalisiert werden. Aber ich weiss, warum aus mir kein Islamist wurde. Und das hat nur sehr begrenzt mit meinem vernünftigen Wesen zu tun.

Es könnte vielleicht daran liegen, dass meine Mutter Katholikin und mein Vater damals sozialistischer Atheist war. Also war der Islam mir fremd. Aber das reicht nicht als Argument, da die meisten Eltern von radikalen Islamisten selbst eher säkular eingestellt sind und die jungen Männer sich nicht zuhause radikalisieren, sondern in Moscheen mit Freunden. Ein nicht geringer Teil lernt den Koran erst nach dem 15. Lebensjahr richtig (oder eben falsch) kennen. Also hat das Elternhaus nur marginalen Einfluss. Und in meinem zerrütteten Elternhaus waren Werte sowieso meist nur Lippenbekenntnisse, also nichts, was meine moralische Integrität nachhaltig geprägt hätte.

Religion oder Ethnie waren in meiner Kindheit einfach kein Thema, weder Zuhause, noch im Alltag oder in den Medien. Ich ging mit christlichen und jüdischen Schweizern zur Schule, mit tiefkatholischen Italienern und mit einem der ersten Türken in unserem Quartier. Ich weiss nicht mal, ob der Muslim war oder nicht, so wenig war Religion ein Thema.  Wir interessierten uns mehr für das fremde Essen, das aus anderen Kulturkreisen auf unsere Pausenhöfe migrierte.

Ich wurde nicht ausgegrenzt, niemand schaute schief auf meine Herkunft. Im Gegenteil, ich musste mich anstrengen, nicht Teil der alles aufnehmenden Schweizer Gesellschaft zu werden. Ich wollte damals, wie wohl jeder männliche Jugendliche, «cool», «anders» sein. Das war schwer genug in einer Gesellschaft, die Gemeinsinn und Anständigkeit so tief im Blut hat, dass man mit zerrissener Hose und Sicherheitsnadel im Ohr zu Besuch kommen darf, solange man die schmutzigen Schuhe vor der Haustür auszog.

In Zürich in den Achtzigern war Integration kein politisches Konzept, sondern Alltag. Ich musste keine Zeitungsartikel lesen, in denen vor meiner Ethnie oder meiner vermeintlichen Religion gewarnt wurde. Wenn ich angefeindet wurde, dann aufgrund meines Verhaltens (zu Recht, ich war ein arroganter Vollidiot), nicht wegen meiner Herkunft oder der Religion meiner Vorfahren.

Das erste Mal, als ich nach meiner Religion gefragt wurde, war bei meiner ersten Freundin, die wissen wollte, warum ich beschnitten sei. Aus hygienischen Gründen, gab ich zur Antwort. Das erste Mal, als ich mit religiös motiviertem Terror in Verbindung kam, war bei den Presseberichten über Anschläge der IRA, der katholischen «Irisch Republikanischen Armee», und der «Ulster Freedom Fighters». Das zweite Mal bei den Massakern an den bosnischen Muslimen im Jugoslawienkrieg. Und auch da war Religion für uns kein Thema, die Betroffenheit galt den Opfern, die Wut  explizit den Tätern, nicht deren Herkunft oder Religion. Eine Folge der in Zürich gelebten Vielfalt, die einfach nicht zuliess, dass man Religions- oder Volksgruppen pauschal verurteilte, mit deren Mitgliedern man aufgewachsen ist und täglich zu tun hatte. Natürlich gibts unter den Muslimen gewalttätige Idioten, aber die gibts, wie wir wissen, in allen Farben und Religionen.

Natürlich gabs auch damals schon genug Fremdenfeinde, aber in den meisten Fällen galt die Angst und die Ablehnung nicht den «Fremden», die in der Nachbarschaft lebten, die man kannte, sondern einem diffusen Bild von «Fremden», mit denen man nie zu tun hatte. Ich hatte nie den geringsten Zweifel, dass ich Schweizer bin. Mit komischem Namen, aber durch und durch. Vielleicht gab es damals schon Leute, die zwischen «Eidgenoss» und Schweizer unterschieden, aber sie waren in Zürich ganz bestimmt nicht gesellschaftsfähig.

Also, ich wurde kein verbitterter Islamist, weil die Schweizer mir keine Chance dazu liessen. Egal, wie daneben ich mich benahm (und ich benahm mich grauenhaft daneben!), ich wurde von der Gesellschaft aufgefangen und mehr oder weniger sanft wieder eingegliedert.  Ich wurde kein Islamist, da ich Religion nicht als Zuflucht brauchte, weil ich nirgends dazugehörte. Wär ich aufgrund meiner Herkunft isoliert gewesen, hätte ich vielleicht nach der Religion gegriffen.

Wenn ich über die Grenzen nach Frankreich, nach England oder sogar nach Deutschland schaue, sehe ich gespaltene Gesellschaften. Gesellschaften, in denen mein Nachname dazu geführt hätte, dass ich sozial und beruflich weniger Chancen hätte. In der meine Herkunft bestimmen würde, in welchem Quartier ich eine Wohnung finde. In der Schweiz ist das zum Glück noch nicht so.

Aber nun mach ich mir Sorgen, dass meine Halbgeschwister, die noch zur Schule gehen, eines Tages keine Wohnung oder keinen Job bekommen, weil sie muslimisch aufwachsen (Ihre Mutter betete mit ihnen Koransuren vor dem Einschlafen, damit sie keine Albträume hatten!).

Weil sie nicht nach ihrer Person, sondern nach ihrem Glauben oder ihrer Herkunft beurteilt werden.

Elitäres Zürich

Réda El Arbi am Dienstag den 21. April 2015
Die richtigen Klamotten, die richtigen Marken, die richtigen Cafes, die richtigen Freunde: Zugehörigkeit erzeugt Selbstwert.

Die richtigen Klamotten, die richtigen Marken, die richtigen Cafes, die richtigen Freunde: Zugehörigkeit erzeugt Selbstwert.

Ein Bekannter von mir ist vom Land in die Stadt gezogen und hat mich mit seinem Intergrationsprozess wieder mal auf eine Zürchersche Besonderheit aufmerksam gemacht: Wir Zürcher verstehen uns als weltoffenes und aufgeschlossenes, tolerantes Völkchen.  Wir denken gerne von uns als urbane, soziale Speerspitze der Schweizer Gesellschaft. Aber stimmt das wirklich?

Der Alltag in Zürich ist nämlich geprägt von ausgrenzenden und elitären Gruppen. Nein, ich meine nicht die Zünfter. Die haben dieses Verhalten vielleicht irgendwann mal eingeführt und ritualisiert. Aber ich spreche von den ganzen normalen Szenen. Der Kunstszene, der Clubszene, dem politischen Umfeld, dem Stammcafe etc.

Ein hervorragendes Beispiel ist die hermetische Alternativ-Kunst-Besetzerszene: Man sieht sich selbst als Elite, versteht sich durchaus als weltoffen, verweigert aber allen, die nicht denselben Hintergrund haben und schon seit Jahren dazugehören sowohl das Gespräch wie auch den Zugang. Menschen, die einen anderen politischen Hintergrund haben, werden als «Feind» und Gefahr verstanden. Genauso in der Fankultur der Zürcher Fussballclubs.

Oder aber die Clubsszene. Da ist es fast am Krassesten: Es werden nur Leute in den Club gelassen, die dem selbst definierten Coolnessfaktor entsprechen. Und da gibts natürlich noch die Elite innerhalb der Elite. Die Leute, die alle kennen und die immer auf der Gästeliste stehen wollen. Und die sehen «Neue» nicht mal mit dem Hintern an, von einem freundlichen Willkommen keine Spur. Natürlich gehören da Menschen dazu, die sich für Asylsuchende stark machen. Diese würden sie natürlich sofort ins Land lassen, in den «eigenen» Club der Wahl aber niemals.

Man muss im richtigen Quartier wohnen, weil der Rest ist ja nicht wirklich «Zürich». Man kleidet sich mit den «richtigen» Marken, hört die «richtige» Musik (die meist – wie weltoffen! – aus Berlin oder London importiert wurde) und kennt vor allem die «richtigen» Leute – Clubfolk, Künstler, Medienfuzzis, DJs, Szenegrössen. Die sprichwörtliche Zürcher Arroganz kommt oft aus dem Bedürfnis heraus, unbedingt etwas «Besonderes» sein zu wollen.

Abgrenzung und Ausgrenzung ist für manche Zürcher sehr wichtig. Man definiert sich über die Zugehörigkeit zu einer Szene, schöpft Selbstwert aus dem Status, den man innerhalb dieser Peergroup bekommt. Davon kann jeder Zugezogene ein Liedchen singen. Und natürlich vergisst man sofort, dass man zugezogen ist, wenn man sich einen kleinen Platz in einer  Szene erschlichen hat. Und grenzt dann gleich als erstes neu Zugezogene aus.

Das Verhalten unterscheidet sich eigentlich nicht von dem in einem kleinen Bergdorf, in dem man noch Jahre nach dem Zuzug «der fremde Fötzel» ist. Die verschiedenen Quartiere grenzen sich in ihrem Selbstverständnis so voneinander ab wie der klischierte eigenbrötlerische Bergler, der den Einwohnern des Nachbardorfs nicht traut.

Natürlich sind nicht alle Zürcher so, im Gegenteil. Wahrscheinlich sind 350 000 Zürcher ganz normale, tolerante Menschen. Es sind diejenigen, die in jedem zweiten Satz erwähnen müssen, dass sie aus Zürich sind. Die von sich glauben, sie machen den urbanen Wert der Stadt aus und das jedem unter die Nase reiben müssen.

Wer seinen Selbstwert aus seiner Zugehörigkeit zu einer Szene generiert, versucht oft, seinen Elite-Status zu beweisen, indem er auf Andere herunterschaut. Psychologie, 1. Semester.

Vielleicht sollten wir Toleranz, Offenheit und Aufgeschlossenheit erst mal im Alltag selbst üben. Wir könnten uns mit Andersdenkenden vernetzen und uns aus unserer gemütlichen, schonenden, geistigen Blase, in der wir es uns bequem gemacht haben, befreien und auf Fremde in der eigenen Stadt zugehen, bevor wir uns so weit über die Leute stellen, die Ausgrenzung zu einem politischen Programm gemacht haben.

Toleranz und Aufgeschlossenheit ist nämlich billig, solange wir sie als Lippenbekenntnisse und nicht als Herausforderung im Alltag verstehen.

Notizen aus der Dichtestress-Hölle

Stadtblog-Redaktion am Freitag den 31. Oktober 2014
So sehen die Trams in der Weihnachtszeit aus. Da hilft nur: ÖV abschaffen.

So sehen die Trams in der Weihnachtszeit aus. Da hilft nur: ÖV abschaffen.

Von David Sarasin & Reda El Arbi

Ecopop steht vor der Türe – und bei einer Annahme der Initiative lockt die Aussicht für alle Schweizer auf ein eigenes Hüsli mit genügend Umschwung und einem Apfelbaum im Garten. Oder haben wir da was falsch verstanden? Jedenfalls wollen wir nicht hinten anstehen, zumal wir in Zürich wissen, was die Leute auf dem Land meinen, wenn sie von Dichtestress reden. Seit Jahr und Tag leben wir mit vielen anderen zusammen auf begrenztem Raum, schichten uns quasi übereinander, versinken förmlich im Gewusel – und an Weihnachten ist alles noch viel schlimmer. Zeit, die Situation zu entschärfen. Mit dieser Liste, die wir, falls Ecopop angenommen wird, ebenfalls durchsetzen werden – wenn nötig via Volksentscheid!

Sprüngli
Wer dieser Tage im Sprüngli an der Bahnhofstrasse ein Lachs-Canapé verzehrt, gerät rasch in folgende missliche Lage: er muss einen Tisch zum Beispiel mit einer älteren Frau teilen. Wir wollen diese Überbevölkerung des Sprüngli in Zukunft nicht mehr hinnehmen und fordern: Pelzmantel- oder Privatbankkunden-Vorrang bei den Gästen! Zudem muss man natürlich über eine Armen-Steuer auf Lachs-Canapé nachdenken.

Bahnhofstrasse
Wo bis vor einigen Jahren noch exklusive kleine Schmuck-, Uhren- und Modeläden  mit höchstens fünf Kunden am Tag zu besuchen waren, drängen sich jetzt ausländische Billigstketten und wirken als Magnet für Leute, die nun wirklich nicht an der Bahnhofstrasse einkaufen sollten. Nicht nur, dass die Menschenmassen so den Blick in die Schaufenster versperren, nein, sie gefährden auch die Versorgung mit dringend benötigten Grundnahrungsmitteln. (Siehe «Sprüngli»)

Bootsanlegeplätze
Auf dem See ist der Dichtestress eminent. Wer etwa eine Erst-Yacht kauft, muss Jahre warten, bis er einen Anlegeplatz kriegt. Und hat er erst mal einen solchen, sieht er sich mit hunderten anderen Booten konfrontiert, die ebenfalls ihr Stück vom Ufer beanspruchen. Von der Aufnahme im Yachtclub noch gar nicht zu reden, das dauert noch einmal zwanzig Jahre. Der Seeanstoss muss wieder exklusiver werden, das Seeufer gehört an Private verkauft, der Seeuferweg durchtrennt.

Langstrasse
Erschwerend zu unseren Bestrebungen kommt, dass die Gentrifizierung viel zu langsam von statten geht. An der Langstrasse zum Beispiel dominieren noch immer feiernde Massen und Milieu-Läden, anstatt, wie bei uns im Seefeld und am Züriberg, das warme Brummen der SUVs. Wir hoffen, dass der Upperclass-Klassenkämpfer in Gottes Gnaden, Rolf Hiltl, die Situation bald in den Griff bekommt. Denn nur aufgewertete Quartiere sind Dichtestress-freie Quartiere.

Luxuswohnungen
Das sieht man auch im Kreis 5. Die leerstehenden Luxuswohnungen in Zürich West bringen etwas Luft in ansonsten vom Dichtestress geplagten Quartier. Die Stadt sollte sie in Zukunft kaufen und leer stehen lassen. Auf deren Terassen lassen sich auch Apfelbäume pflanzen. Zudem sollten nur Architekten für städtische Projekte verpflichtet werden, die es verstehen, Flächen so zu bauen, dass sie auch im Sommer nicht von Passanten besetzt werden und Raum zum Atmen lassen. Die Gegend um den Prime Tower wäre ein hervorragendes Beispiel.

Oktoberfest
Exemplarisch lässt sich der Dichtestress auch am Oktoberfest auf dem Bauschänzli beobachten. Hier ist der Platz an den Festbänken derart beschränkt, das gewisse Entitäten sich gezwungen sehen, auf den Tischen zu tanzen. Andere sind derart zwischen ihren Banknachbarn eingeklemmt, dass sie sich in ihre Lederhosen pissen müssen. Zudem sehen die Brüste der Dirndl eingequetscht aus. Wir fordern mehr Platz für die ganze Festgemeinde!

Verkehr
Wie man den Dichtestress auf den Strassen lösen könnte? Mit der Aufhebung einiger Tram- und Bus-Linien und natürlich mit der Zusatzspur am Bellevue. Und mit einem Autoverbot für Sozialhilfebezüger.

Bildungswesen
Die Förderungskindergärten, Privatschulen und Elite-Gymnasien leiden morgens und am späten Nachmittag für jeden sichtbar unter dem Dichtestress. Die Mütter finden kaum Platz, ihre Kinder aus den sicheren (warm brummenden) SUVs auszuladen und ihnen noch eine Minute mit den Augen zu folgen, bis sie das Schulgelände unverletzt betreten haben. Schlimme Szenen spielen sich ab, wenn die Mütter mit Hupen und Ruckelfahrt um den Platz vor den Schulen kämpfen. Wir fordern einen Numerus Clausus schon bei der Kindergartenanmeldung.

Globuskasse
In der Warteschlange an der Globuskasse ist es wohl am Deutlichsten: Nicht nur, dass immer mehr Leute sich die Globusartikel leisten wollen, nein!, sie zahlen auch noch mit Bargeld und halten beim Münzabzählen die ganze Schlange auf. Man sollte die Zuwanderung so kontingentieren, dass nur Leute mit edelmetallfarbenen Kreditkarten kommen dürften.

«Who is Who»
Auch an wirklich exklusiven Orten ist es eng geworden. Während andere Magazine die HUNDERT mächtigsten, reichsten oder schönsten Menschen auflisten, muss man sich als wichtiger Zürcher mit den ZWEIHUNDERT wichtigsten Zürchern ins «Who is Who»-Magazin quetschen. Wir fordern eine Gesundschrumpfung dieser Publikation per richterlichem Entscheid.

Umwelt und Natur
Im Sommer ist es überdeutlich: Die Grünflächen der Stadt werden von unzivilisierten Horden besetzt, die sich, ohne auf die lokale Kultur und Zurückhaltung zu achten, überall hinfläzen und so dem Rasen keinen Raum zum Atmen mehr lassen. Da hilft nur rigoroser Schutz. Alle Parks und Grünflächen der Stadt müssen in Golfplätze mit sehr begrenztem Zugang – wie in allen vernünftigen Golfclubs – umgebaut werden. Die Mitarbeiter von Grün Stadt Zürich dürften erfreut sein, wenn man ihnen eine Weiterbildung zum Caddy ermöglicht. So würden hochqualifizierte Arbeitsplätze geschaffen und dem Raubbau an der Natur ein Riegel geschoben.

Mit unseren Denkansätzen kann man dem Dichtestress in der Stadt etwas entgegensetzen. Nur mit Mut und Engagement lässt sich die erstickende Enge Zürichs wieder in eine lebenswerte Atmosphäre verwandeln. Wir hoffen auf Ihre Unterstützung!

Einsatz im Ghetto

Alex Flach am Montag den 29. September 2014
Die krasseste Ecke Zürich, ich schwör! Bild: tilllate.com

Die krasseste Ecke Zürichs, ich schwör! Bild: tilllate.com

Die Verantwortlichen der Event- und Fotoplattform tilllate.com haben ihre Autorin Lena Hübsch an die «krasseste Kreuzung Zürichs», der Meinung ihrer Auftraggeber zufolge die Ecke Militär/Langstrasse, entsandt. Hübsch solle sich dort zwei Stunden lang Notizen zu allem, was sie da sieht und erlebt machen. Also stürzte sich die Schreibende wagemutig in Zürichs furchterregendstes Krisengebiet, um von dort im Stile einer den Tod verachtenden Kriegsreporterin zu berichten.

Zum Ende ihres Beitrages zieht sie das erschütternde Fazit, dass sie nach diesem, offenbar ziemlich einschneidenden, Erlebnis ihr Zuhause mit Bett und warmem Wasser(!) ab sofort «bewusster und dankbarer schätzen» werde. Es müssen grauenvolle Dinge gewesen sein, derer sie gewahr wurde… Kurz zusammengefasst: Ein paar Junkies, die ihre Hunde streicheln, eine «Süchtige», die ein Säckchen mit Drogen fallen lässt, zwei Dealer, die sich Zigaretten anzünden (gemäss Frau Hübsch einer davon selbst von irgendwas abhängig. Wahrscheinlich Nikotin…), eine krakeelende Frau mit Hund und hyperaktive Handschellen, die im Fünfminutentakt klicken, wobei diese (etwas fantastische) Intervallmessung wohl der Dramaturgie des Artikels geschuldet sein dürfte.

Schlussfolgerung Lena Hübsch: Das Elend ist gross, die Auswege klein (!) und sie ist froh, dass sie diesen Ort jederzeit verlassen könne, wenn sie das nur wolle. Ah ja: Ein Anwohner hat ihr noch erzählt, dass am Wochenende zuvor einer dermassen stark aus der Nase geblutet hätte, dass die Ambulanz anrücken musste. Offenbar ein Clubber, denn Frau Hübsch schliesst Folgendes aus dem Erzählten: «An dieser Ecke spielt nebst des Elends auch das Nachtleben, vor allem an den Wochenenden, eine grosse Rolle» (welche Rolle das en détail wäre, lässt sich leider nicht aus dem Text ableiten).

Frau Hübsch hat ihnen ins Auge geblickt, den bösen Geistern des Chreis Cheib namens Elend und Nachtleben. Und sie ist trotz des Grauens ganze zwei Stunden lang nicht zurückgewichen und dies am helllichten Mittwochnachmittag. Frau Hübsch sieht aber auch kleine, flackernde Lichter der Hoffnung in diesem zappendusteren Hades urbaner Hoffnungs- und Trostlosigkeit: Die direkt an der Ecke Militär/Langstrasse gelegenen Lokale hätten trotz des Elends draussen Stühle aufgestellt und die Sitzgelegenheiten seien gar besetzt. Was mögen das bloss für todessehnsüchtige Hasardeure sein, die mitten in diesem Katastrophengebiet gemütlich einen Kaffee trinken?!

Auch Frau Hübsch ist konsterniert: «Trotz des ganzen Elends gibt’s hier auch das normale Leben zu sehen». Das normale Leben… Frau Hübsch sollte sich mal ein richtiges Problemviertel in einer richtigen Metropole angucken gehen. Sie käme nach diesem Abstecher wohl ebenfalls zum Schluss, dass sich die Stadtzürcher glücklich schätzen dürfen, dass die Ecke Militär/Langstrasse tatsächlich die turbulenteste der Stadt ist. Die Mitarbeiter der städtischen Wasserversorgung wiederum sollten da übrigens unbedingt mal vorbeischauen: Offenbar kommt  kein fliessend warmes Wasser aus den Hähnen.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunf

Auf der Suche nach dem Stammtisch

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag den 25. September 2014
Der Stammtisch - soziale Institution oder Treffpunkt der Unzufriedenen?

Der Stammtisch – soziale Institution oder Treffpunkt der Unzufriedenen?

Text: David Sarasin, Redaktion: Reda El Arbi

Eine Frage beschäftigte uns jüngst: wie ist es eigentlich um den Stammtisch bestellt? Man hört ja nicht nur Gutes über diese Schweizer Institution, die einst für den gemeinschaftlichen Zusammenhalt im Dorf stand, doch dann irgendwie in Verruf geriet. Angeblich äussern dort die Polterer in geschütztem Rahmen Sachen, für die sie vor Gericht gezerrt werden könnten. Desweiteren sagt man, die Kommentarspalten hätten den wahren Stammtisch abgelöst. Also ist der Stammtisch tatsächlich ein Ort voller Sarkasmus und fehlender Interpunktion, wo gepoltert wird und geflucht? Wir machten uns auf, im Umland von Zürich einen Stammtisch zu finden, also Menschen zu treffen, die sich nicht via Whatsapp unterhalten, sondern beim Feierabendbier von Angesicht zu Angesicht über die Weltlage parlieren.

Doch wohin bloss? Besitzt nicht jeder Weiler einen Stammtisch? Eine telefonische Erkundigung bei einigen Gemeinden weisst auf das Gegenteil hin. „Stammtisch? Die haben renoviert, das ist jetzt eine Art Lounge“, heisst es von Andelfingen bis nach Zumikon. Nun, Ratan-Chaises, Apérol Sprizz und-Oliven mit Bambus-Zahnstochern, das suchen wir nicht. Stattdessen vergilbter Täfer, Zweifel Erdnusspäckli und krumme Stumpen. Auf jeden Fall mit gusseisernem Aschenbecher auf dem Tisch. Darauf in Kapital-Lettern so gross wie Wurfsterne STAMMTISCH. Und nicht APERO-LOUNGE.

Dübendorf, Bistro

Vorerst fahren wir in die Vorstadt. Dübendorf liegt bekanntlich an der Stadtgrenze und ist mit mehr als 10’000 Einwohnern genügend gross, um eine eigene Stammtisch-Kultur zu besitzen. Die Dame von der Behörde hat uns das Restaurant Bistro vorgeschlagen. Also erstmal ins Innere dieses Sechzigerjahre-Baus an der Kreuzung im Stadtzentrum. Dort sitzen sie tatsächlich um einen grossen Tisch: drei betagte Damen und zwei Männer mit Arbeitskleidung, asymmetrisch am langen Tisch gruppiert, jede und jeder mit alkoholischen Getränken. Klischee ahoi! Die Stimmung allerdings ist heiter, man spricht über Fruchtfliegen und Parkplätze und wartet mit dem einen oder anderen Witz auf. Nein, nicht Rolf habe sie gesagt, sondern Strolch. Der ganze Tisch lacht. Es ist eine vergnügte Runde, die offenbar ohne Soziale Medien lebt, kein einziges Smartphone blitzt auf. Wir trinken am Nebentisch unseren Kaffee-Doppel-Crème. Beim Gehen rufen wir Adieu!, durch den Raum, eine noch lauteres Adieu kommt im Chor zurück. Da dachten wir, wir stossen ins Herz der Finsternis vor, entdeckten aber vor allem unsere eigene Arroganz – gepaart freilich mit Ignoranz. Der Abend ist allerdings erst angebrochen, wir machen uns auf, weiter weg von der Stadt, wo wir doch sicher das finden, was wir suchen.

Volken, Post

Wo ist der Kanton Zürich am ländlichsten? Im Weinland, wo die grösste Gemeinde (Andelfingen) etwas mehr als 2000 Einwohner zählt und die kleinste, Volken, knapp 300. Wo der Wein herkommt und die Tabakfelder blühen. Wir fahren an Winterthur vorbei, nehmen die Ausfahrt Henggart und kurven auf Landstrassen in Richtung Flaach. Der Gemeindepräsident von Andelfingen sagte uns tags zuvor am Telefon, dass besonders in der Post Volken noch sehr viele Stammgäste verkehrten. Und wir dachten: je kleiner der Ort, umso grösser die Chance, dass die Einheimischen eine Stammtisch-Kultur pflegen. Unser erster Eindruck zeigte wiederum etwas anderes: Eine heitere Szenerie, fettiges Essen und nur wenige, die Fremdlinge wie uns beim Betreten der mit Holz ausgekleideten Kneipe musterten – es war bloss der Tisch in der Ecke, an dem die unter Dreissigjährigen sassen, die uns mit fast schon städtischer Arroganz beäugten. Am Nebentisch sowas wie der Stammtisch. Wir schnappen Sätze über Ferien in Italien auf, einer erzählt von einer kniehohen Modeleisenbahn (die wir gerne auch mal sehen würden). Der hellrote Landwein fliesst Kannenweise. Auch hier finden wir den griesgrämigen Polterer nicht, dafür ein geselliges Zusammensein. Freundlich wird gewinkt, als wir die Beiz verlassen.

Affoltern am Albis, Rosengarten

Affoltern am Albis ist unsere nächste Station. Denn dort kommen Manns-Männer vom Schlage eines Toni Bortoluzzi her. Männer mit Weltanschauungen, so unverrückbar und steinzeitlich wie das Matterhorn. Auch der Moderator Hans Jucker wirtete einst in Affoltern. Diese beiden Exponennten an einem Stammtisch, genau sowas hatten wir im Blick, als wir unsere Mission starteten. Hans Juckers ehemalige Kneipe ist jetzt eine Art Cabaret und im Rosengarten, wo man uns später hinschickt, ist der Stammtisch bereits abgezogen. Wir sollen an einem anderen Abend vorbeikommen und diese Männer mal kennenlernen. Sehr gerne.

Unser zweiter Besuch

Bei unserer Ankunft eine Woche später, es war so gegen 19 Uhr, haben  sich am langen Tisch im Rosengarten bereits neun Männer und eine Frau eingefunden. Man wusste, das wir kommen. Viel jünger als 60 war keiner der Männer am Tisch. Wir werden mit Witzen über den «Tages-Anzeiger» und die Medien allgemein empfangen. Grosses Gelächter. Kaum sitzen wir, verabschiedet sich der Erste «weil zuhause das Nachtessen wartet». Ein paar Fakten, die wir als erstes erfragten: Seit 40 Jahren kommt dieser Stammtisch zusammen, einige der rund 15 Mitglieder treffen sich jeden Tag («Wir sind eine 365-Tage-Gemeinschaft»). Das politische Spektrum ist breit, deshalb streite man sehr viel und auch sehr gerne. Der Ausdruck Arschloch sei an diesem Stammtisch jedenfalls keine Beleidigung. «Wichtig ist es, dass man am nächsten Tag die Festplatte wieder löscht», sagt der Chef am Tisch. Da er selber die Ansichten der SVP vertritt, ist er stets im Zentrum genau dieser Auseinandersetzungen. Obwohl er klar Stellung bezieht, will er «seinen» Stammtisch klar von dem SVP-Stammtisch unterschieden wissen. «Wir sind für alle Meinungen offen». Die politischen Diskussionen drehen sich um Verteilung des Reichtums, Steuern, Sozialstaat. Ob sie sich auch in der Gemeindepolitik engagieren, fragen wir. Lautes Lachen: «Nein, da ist nichts mehr zu retten»

Folgende Berufe und Ex-Berufe sind vertreten: Bäcker, Siebdrucker, Supermarktmanager, Automechaniker, Elektromechaniker, Hausfrau, oberes Kader in einer Logistikfirma. Der ohne Widerspruch anerkannte Vize-Chef, ein rundlicher Mann mit agilem Gemüt, lacht am meisten und auch am lautesten am Tisch – über seine Witze, über die der anderen, über alles. Trotz der grundsätzlich heiteren Stimmung, gibts auch Zurechtweisungen, die in halbernstem Ton vorgebracht werden: «Das geht jetzt zu weit, geh mal raus, eine Zigarette rauchen» wird dem neuesten, aber bei weiten nicht jüngsten Mitglied der Runde mehrmals nahegelegt. Es gibt also offenbar einen allgemein anerkannten Rahmen für Frotzeleien und Sprüche.

Bald wird klar: Dieser Stammtisch ist eigentlich ein in die Jahre gekommener Jugendtreff. Das, was man sich als wirksamstes Mittel gegen Vereinsamung vorstellt, ist hier im Rosengarten Realität. «Es ist wichtig, dass wir uns in der Beiz  treffen und nicht bei Einladungen zum Essen zuhause. So bilden sich keine kleineren Gruppen.» Ausserdem spielten dann Einkommen und sozialer Status eine Rolle, am Stammtisch dagegen nicht. Es ist so, dass im Rosengarten der reine Akt des Zusammenkommens wichtiger ist als jedwelche Differenzen. Toleranz und soziale Integration wird hier möglicherweise stärker umgesetzt als in den relativ klar getrennten Szenen der Stadt. Nun sitzen wir also hier und beobachten diese Antithese zur Individualisierung in den Städten. Lachen und trinken mit. Ob man sich auch mal treffe ohne etwas zu trinken? Wieder schallendes Gelächter.

Zwei der Stammtischler sind ursprünglich Deutsche, einer Italiener, die Freundin des Chefs stammt aus Marokko, der Rest ist aus der Schweiz. Dabei sein kann im Grunde jeder, er soll sich nur einfügen können, sagt der Chef. Ja, auch der Hans Jucker sei viel hier gewesen («en geniale Typ») und auch Bortoluzzi käme dann und wann in die gleiche Kneipe. Der SVP-Stammtisch allerdings treffe sich in einem anderen Lokal. Es scheint durch, dass man dann doch nicht soviel gemein hat mit denen, nur schon, weil dort selten Frauen aufkreuzten.   Der SVP-Stammtisch hätte wohl eher unserem Klischee entsprochen, denken wir. Wir sehen aber davon ab, dahin zu gehen. Lieber behalten wir jene Form des Stammtisches in Erinnerung, die wir im Bistro, in der Post und vor allem im Rosengarten angetroffen haben. Irgendwann sitzt man vielleicht selber da, wenn Dinge wie Facebook oder Whatsapp irgendwann nicht mehr so wichtig sind.

«Er will nur spielen!»

Réda El Arbi am Freitag den 6. Juni 2014
Mein Hund.

Mein Hund.

«Scheisshündeler» hörte ich letzthin im Tram. Und irgendwie konnte ichs verstehen. Da sass eine Frau mit einem Ridgeback, also einem Hund, auf dem ein 5-Jähriger ohne Probleme durch die Stadt reiten könnte, und besetzte ein ganzes Vierer-Abteil. Keiner konnte sich auf die restlichen drei Plätze setzen – und das mitten in der Stosszeit.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe selbst zwei Hunde, bin also ganz bestimmt keiner von diesen Hundehassern. Aber wenn ich neben dem Kinderspielplatz in der Bäckeranlage in einen Hundehaufen trete, reg ich mich schon auch auf. Natürlich wünsch ich dann diesem ganz bestimmten Hundehalter die Pest an den Hals, und nicht dem Hund oder allen Hundefreunden. Leider sind nicht alle Leute so differenziert. Hundehalter, die die Freiheit ihres Vierbeiners über die ihrer Mitmenschen stellen, machen es für alle anderen Hündeler immer schwieriger. Hier einige Tipps, wie Sie, als Hundehalter, den anderen Menschen und ihrem Hund das Leben erleichtern:

«Er will doch nur spielen»

Es gibt Menschen, die mögen keine Hunde. Und ehrlich, das sind auch ganz tolle Leute, sie mögen einfach aus irgendeinem Grund keine Hunde. Einige fürchten sich sogar vor den Tieren. Natürlich können wir das nicht verstehen, aber stellen Sie sich einfach vor, andere Leute würden mit ihren Vogelspinnen an der Leine durch die Stadt spazieren, so fühlt sich das an.  Wenn Sie sich also mit ihrem Hund in einer stark frequentierten urbanen Gegend aufhalten, sollten Sie ihren Hund an die Leine nehmen und nicht darauf vertrauen, dass die anderen dann schon mit ihrem Vieh umgehen können.

Wenn ihr Hund ihnen nicht folgt (und damit meine ich nicht, dass er irgendwann schon zu ihnen zurückkommt, wenn Sie ihn rufen), dann sollten Sie ihn auch in städtischen Parkanlagen an die Leine nehmen und nicht hinter ihrem Hund herrennen und allen, die er über den Haufen rennt, zurufen «Er will nur spielen!».

Im Tram oder im Bus schauen Sie, dass ihr Fifi maximal einen Platz besetzt. Den, für den Sie bezahlt haben. Wenn ihr Hund im Gang liegt und jemanden schnappt, weil der ihm auf die Pfoten gestanden ist, machen Sie sich keine Freunde.

«Das ist nicht von mir!»

Hunde kacken. Überall und zu den unpraktischsten Gelegenheiten. Also ist es am Hundehalter, immer ein Hundesäckchen dabeizuhaben und den Kot einzusammeln. Ich weiss, das ist nicht so herzig, wie ihren Hund hinter den Ohren zu kraulen. Aber mit der Verantwortung für den Hund haben Sie auch die Verantwortung für dessen Hinterlassenschaften übernommen. Nichts bringt Menschen mehr gegen Hunde auf, als Scheisse an teuren, massgeschneiderten italienischen Designerschuhen. Und falls Sie in der Nähe eines Kinderspielpatzes einen Hundehaufen sehen, nehmen Sie ihn doch auf. Da Sie ja sowieso IMMER Doggybags dabei haben, ist das eine kleine Mühe und macht das Leben zwischen Hundehaltern und Nicht-Hündelern um Welten einfacher.

«Er passt zu meiner Tasche»

Bevor Sie sich einen Hund anschaffen, überlegen Sie sich doch bitte, weshalb. Hunde sind keine Accessoirs. Hunde sollen nicht Ausdruck ihres persönlichen Images sein. Weder soll der Kampfhund zu Ihren geilen Tattoos passen, noch soll der nackte Windhund mit ihrem schnittigen Sportwagen korrespondieren. Wenn Sie sich einen Hund anschaffen, dann haben Sie einen Gefährten, Sie gehen einen Vertrag ein, den Menschen und Hunde schon seit tausenden von Jahren verbindet. Sie sorgen für den Hund, richtig, und er ist dafür treu bis in den Tod.

Für ihren Hund sorgen heisst, ihm die richtigen Lebensbedingungen zu bieten. So sollten Sie keinen riesigen Hund mit Laufbedürfnis in einer Dreizimmerwohnung halten und drei Mal fünf Minuten am Tag mit ihm rausgehen. Zudem sollten Sie vielleicht einen Hund halten, der mit den Klimabedingungen zurechtkommt. Also in der Schweiz sind Nackthunde sicher nicht wirklich glücklich. Genauso sind Polarhunde hier im Sommer nicht wirklich am richtigen Ort, auch wenn sie wirklich cool aussehen.

Dann achten Sie doch bitte noch darauf, dass Sie nicht die kranken Leute unterstützen, die Hunde so weit verzüchten, dass sie danach genetische Deformationen haben. Wenn ihnen der Hund wichtig ist, wollen Sie keinen, der aus Überzüchtung Atembeschwerden, Hüftverkrüppelungen und andere Leiden hat, nur damit er so aussieht, wie ihn die Menschen mögen.

So, nun wünsch ich Ihnen einen schönen Tag mit ihrem besten Freund.

«Wir müssen leider draussen bleiben»

Stadtblog-Redaktion am Montag den 10. Februar 2014
Abschottung als Erfolgskonzept: Die Berliner Mauer funzte lange für die DDR.

Abschottung als Erfolgskonzept: Auch die DDR kannte das schon.

Liebe Landbevölkerung

mit grosser Anteilnahme haben wir festgestellt, dass unser multikulturelles Durcheinander in der Stadt für manche von Ihnen eine Überforderung ist. Der Stadt-Land-Graben schafft Probleme, die wir nicht länger ignorieren dürfen, wenn uns etwas am Wohle unserer friedlichen Gemeinschaft liegt. Wir haben deshalb unsere klügsten Köpfe befragt, um Lösungen zu finden, wie wir in Zukunft mit weniger Stress zusammenleben könnten. Hier unsere Vorschläge:

– Zürich wird mit abnehmender Zuwanderung langweiliger, da keine ausländischen DJs mehr zu uns kommen, weniger ausländische Restaurants eröffnen und keine ausländischen Prostituierten mehr bei uns arbeiten. Deshalb lohnt es sich auch nicht mehr, bei uns in den Ausgang zu gehen. Bleiben Sie also zu Hause und arbeiten Sie aktiv gegen den wochenendlichen Dichtestress in Zürichs Ausgangsquartieren an. Erfreuen Sie gleichzeitig den lokalen Pubbesitzer oder den Schützenverein mit Ihrer Anwesenheit. Bauen Sie mit Ihren Freunden eine eigene Nightlife-Kultur in Ihrem Dorf auf. Endlich können Sie das abenteuerliche Erlebnis von vollgekotzten Hinterhöfen auch hinter Ihrer eigenen Scheune erleben.

– Damit das möglich ist, werden wir von nun an nicht mehr die klügsten und innovativsten Köpfe des Umlandes abziehen. Sie werden also keinen Job mehr in Stadtzürcher Betrieben bekommen. Aber das müssen Sie auch nicht. Stattdessen können Sie Ihre Tatkraft, Ihre Manpower und Ihre Ideen vollumfänglich in die Gemeindeverwaltung oder das lokale Laientheater stecken. Der Braindrain Richtung Zürich wird gestoppt. Es ist besser so für beide Seiten, glauben Sie mir. Natürlich werden wir Kontingente für Grafiker aus dem Bündnerland und Bern schaffen, um die Werbeindustrie am Leben zu erhalten.

– Um dem Dichtestress in Zürich entgegenzuwirken, sieht die Verwaltung sich gezwungen, die Zufahrt mit dem Auto von anderen Kantonen einzuschränken. Zum Ausgleich beteiligt sich die Stadt aber an grossen Parkflächen ausserhalb der Stadtgrenzen; ergänzt sind sie durch Einkaufszentren und Erlebnisparks, aber das kennen Sie ja bereits. Darin werden wir übrigens für ein authentisches Stadterlebnis sorgen. Mutige dürfen sich in der geplanten Ausstellung auch einige unserer Ausländer anschauen (Füttern verboten!). Zudem werden wir bei der Gestaltung des Parks auf ländliche Bedürfnisse Rücksicht nehmen und Bars und Pubs mit lässigen Namen wie Captain Jimmy’s oder Villa Bumbum versehen.

– Ok, wir gebens zu. Natürlich dürfen auch weiterhin viele verschiedene Berufsgattungen in der Stadt arbeiten, einfach nur in dem Ausmass, wie die Kontingente das zulassen. Man kann sich gerne bewerben, wenn man ein Nailstudio eröffnen will oder wenn Entsorgung und Recycling Zürich wieder Stellen zu vergeben hat – nicht jeder Stadtzürcher möchte diese Jobs machen, und für Zuwanderer aus ländlichen Gebieten eröffnen sich hier Karrieremöglichkeiten. Nur so zur Info: Auch die Stadtpolizei sucht dann und wann Nachwuchs.

– Jetzt haben Sie bestimmt alles ganz falsch verstanden, aber seien Sie unbesorgt: natürlich wollen wir den Handel mit Landeiern auch weiterhin betreiben. Jeder Bauer ausserhalb des Kantons darf die frisch gelegten Eier seiner Freilaufhennen bei uns auf dem Wochenmarkt verscherbeln. Nach wie vor. Aber Vorsicht mit den Eiern: Es ist im Tram immer ein wenig eng.

– Zu bestimmten Zeiten dürfen Sie, liebe Landmenschen, auch zum Einkaufen nach Zürich kommen. Klar, wir sind ja keine Unmenschen. Allerdings nur in abgesteckten Zonen, über die noch verhandelt wird. Zürich-West ist im Gespräch und auch Oerlikon. Öffnungszeiten generell: Mo–Fr 10–12 und 14–16 Uhr.

– Noch als optimistischer Ausblick, damit unsere Verwaltung nicht wieder als grimmiger fremder Richter abgestempelt wird: Bald können Sie sich, liebe Frauen und Männer auf dem Land, bei uns einen Top-Arbeitnehmer aus dem Süden oder aus Indien angeln, weil der ja bekanntlich in Zukunft seine Familie nicht mehr nachziehen darf und somit alleine bleibt. Wären wir Werber von Zürich Tourismus, wir würden es so formulieren: Zürich, das Single-Dorado für einsame Landherzchen.

– Und noch was: Wenn Sie Ihre eigene ländliche Region mit einem eigenen Betrieb aufwerten wollen, wenden Sie sich an unser neu geschaffenes Departement für Entwicklungshilfe. Kompetente und hilfsbereite Fachkräfte werden Ihnen helfen, ein urbanes Ambiente (inklusive Ausländer und Dichtestress) zu erschaffen.

In diesem Sinne freuen wir uns auf eine fruchtbare bilaterale Zusammenarbeit.

Ihre Zürcher.

One Night in Zürich: Siebers Pfuusbus

Réda El Arbi am Mittwoch den 11. Dezember 2013
Pfarrer Sieber: Ein Leben lang offene Arme für Arme.

Pfarrer Sieber: Ein Leben lang offene Arme für Arme.

Wir waren in unserer Serie «One Night in Zurich» schon an sehr vielen verschiedenen Orten, von Top of Zurich «Uto Kulm» bis zu den Topverdienern im «Dolder». Dieses Mal nehmen wir Sie mit zu den Unscheinbaren, zu den Randständigen, zu den Menschen, die froh sind, wenn sie eine Nacht lang ein Dach zwischen sich und dem kalten Zürcher Himmel haben. Der Stadtblog besuchte den Pfuusbus von Pfarrer Sieber.

Es ist kurz vor Acht und Bus und Vorzelt sind erfüllt vom Duft des Abendessens. Im Zelt sind ca 10 Leute dabei, Matratzen auf dem Boden zu verteilen und Essen zu fassen. Man kennt sich, hilft einander, albert herum. Ich sitze etwas verloren bei Thomas. Er ist hier der «Hüttenwart», das heisst, er ist in dieser Nacht verantwortlich dafür, dass der Betrieb reibungslos läuft. 2006 war er hier noch ein Notleidender, der auf das Angebot des Pfuusbusses angewiesen  war, jetzt gehört er zum Stab von unzähligen freiwilligen Mitarbeitern und hilft, den Laden zu organisieren und sorgt für Ordnung: «Ich wollte etwas zurückgeben. Ohne die Hilfe Pfarrer Siebers wär ich wahrscheinlich nicht mehr hier», sagt der Akkordmaurer.

Anarchist Sieber

«Essen und Unterkunft sind selbstverständlich. Wir versuchen, ihnen die Würde zurückzugeben, indem wir zeigen, dass unsere Gäste unsere Brüder und Schwestern sind.» Pfarrer Sieber, inzwischen 87, sitzt neben mir, eingezwängt zwischen Männern, die sich gerade dankbar an einem Teller Nudeln mit Fleisch wärmen. Wir sitzen auf dem Parkplatz neben der Haltestelle Strassenverkehrsamt beim Pfuusbus, einem umgebauten Sattelschlepper, der einst einem Seitenwagen-Rennfahrer gehörte.

Jetzt setzen sich die Verantwortlichen für den Pfuusbus zu uns an den Tisch. Sie schauen mich, den Typen von der Presse, etwas misstrauisch an. Die Sieberwerke hatten nicht immer Glück mit den Medien. Doch ich bin nicht hier, um über Organisation und Sozialpolitik zu schreiben, ich bin hier, um zu sehen, wie es ist, hier zu übernachten.

Und Pfarrer Sieber ist unwiderstehlich. In seinem hohen Alter sprühen seine Augen Funken, wenn er mir anhand biblischer Gleichnisse die Notwendigkeit einer basisdemokratischen Gesellschaftsordnung erläutert, wenn er anarchistische Tendenzen zeigt. Wenn er von einer umgekehrten Pyramide spricht, wo die Basis bestimmen soll, was wichtig ist und was nicht. Unterbrochen immer wieder von Übernachtungsgästen, die ihn liebevoll begrüssen.

Ich frage den Pfarrer, wie das denn mit dem Christentum sei. Er winkt ab. «An unseren Gottesdiensten am Sonntag nehmen alle Teil, Christen, Muslime, Atheisten.» Ein Muslim, der am Tisch sitzt nickt begeistert, er sei jeden Sonntag dabei. Und an Feiertagen setzt Sieber auch seine Vision einer basisdemokratischen Gemeinschaft um: Dann können die warmen Räumlichkeiten geöffnet bleiben. Die Brüder und Schwestern sind für Ordnung und Verhalten zuständig, begleitet von einem ehemaligen Bewohner. Es scheint zu funktionieren.

Ein unerwartetes Zürich

Ich werde mit Kaffee und selbstgemachtem Kuchen bewirtet und mir drängt sich die Frage auf, wie das alles bezahlt wird. Die gebratenen Hühnchen, das Wild, der Kaffee und der Kuchen sind ja nicht gratis. «Das sind Spenden.» Hier bin ich einem Zürich auf der Spur, das man nicht mit der arroganten Banker- und Hipsterstadt in Verbindung bringt: Ein Zürich des Mitgefühls. Offenbar gibt es genug Menschen in der Stadt, die einen Augenblick innehalten, wenn sie einkaufen gehen, und ein oder zwei Packungen mehr in den Einkaufswagen werfen. «Für den Sieber.»

Die beiden Frauen, die Essen kochen und Schlafsäcke ausgeben, sind Freiwillige. Sie kommen so oft sie es mit ihrem Job und ihren Familien vereinbaren können. Unspektakuläre, mittelständische Nächstenliebe, ohne missionarisches Frömmeln. Einer der Helfer der ersten Stunde ist ein frühpensionierter Swisscom-Mitarbeiter, ein anderer ein Jurist, eine Architektin hat die Planung der Gruppen übernommen. Es gibt viele Sieber-Freunde mit nützlichen Skills: Ärzte, die Obdachlose behandeln, Anwälte, die beiden Zahnärztinnen am Hauptbahnhof, die zwischen ihren «normalen» Klienten die Brüder und Schwestern Siebers behandeln. Ein Netzwerk der Solidarität. Ich staune.

Alkohol, Drogen, Prostitution

Aber es ist natürlich nicht immer alles Sonnenschein. Mit Alkohol und Drogen kommt es unter den Übernachtungsgästen dann und wann zu Problemen. Dann ist die Polizei schnell zur Stelle. «Wir haben einen sehr guten Draht zu Polizei. Die bringen uns auch mal einen Gast vorbei.» Auch hier ist Sieber konsequent: Polizisten sind in erster Linie auch einfach «Brüder und Schwestern».

Inzwischen schlafen bereits einige der Gäste erschöpft, gleich neben dem Tisch, an dem ich mich mit den Pfuusbus-Leuten unterhalte. Weitere Freiwillige kommen. Etwa Udo und Yvonne, die nachher auf Kältepatrouille gehen werden. Sie setzen sich, erzählen von Bekannten, die sie jede Nacht antreffen. Leute, die nicht in den Pfuusbus kommen wollen, die sich aber dankbar zeigen, wenn die Beiden Sandwiches und heissen  Tee vorbeibringen. «Früher gingen wir auch ans Sihlquai, aber da ist jetzt niemand mehr. Und bei den Strichboxen schauen schon die vom Flora Dora-Bus.» Überhaupt seien nicht mehr so viele Prostituierte da draussen in der Kälte. «Viele sind nach Basel abgewandert.»

Keine Abenteuergeschichte für Privilegierte

Die Betten füllen sich, sowohl die im geheizten Vorzelt, wie auch die im Innern des Busses. Pfarrer Sieber macht sich auf den Heimweg, lädt mich noch ein, ihn in seinem Atelier ausserhalb der Stadt zu besuchen, was ich gerne machen werde.

Ich schaue mich um, sehe, wie sich die Leute in ihre Decken einmummeln, einer neben dem andern. Und ich komme mir vor wie ein Voyeur. Ich werde nicht hier übernachten, nur um ein paar Zeilen mehr schreiben zu können. Ich will aus der Not dieser Menschen keine Abenteuergeschichte für Privilegierte wie mich machen.  Ich bedanke mich bei allen, die mir diesen wirklich berührenden Abend beschert haben und verlasse diese kleine warme Insel in der kalten Zürcher Weihnachtszeit.

Ein wenig dankbarer bin ich. Und ein Teil von mir will auch mitmachen, helfen. Mal schauen, ob meine Dankbarkeit und mein Engagement die Adventszeit mit ihrem Konsum und ihrem Glitzern überstehen. Im Januar gehen nämlich die Spenden zurück. Und auch dann, nach Weihnachten, brauchts noch Hilfe.

Wer auch helfen will, kann sich hier bei pfuusbus.ch melden.

Die Schlacht gegen die Wildpinkler

David Sarasin am Freitag den 30. August 2013

Was tun, wenn das eigene Haus immer mehr zur öffentlichen Toilette wird? Unser Autor legt sich eine Nacht auf die Lauer und verteidigt sein Revier. 

Man kann es nie deutlich genug sagen.

Man kann es nie deutlich genug sagen.

Es gehört zu den Vorteilen des Mannseins, im Stehen pinkeln zu können. Dass auch Zürcher diesen ausspielen, weiss man nicht erst seit der Street-Parade. Und wieso tun wir das, auch dort, wo wir es nicht tun sollten: Weil wir es können, ganz einfach. Zip und los! Sitzpinkler ist noch immer ein Schimpfwort.

Nun bin ich vor einigen Jahren in die Langstrassengegend gezogen. Was ja an und für sich gut ist, nur ist die dunkle Gasse hinter meinem Haus so etwas wie die grösste öffentliche Toilette der Stadt – ich weiss es, ich habe sie vor vielen Jahren auch schon benutzt.

Dass man die Dinge aber anders sieht, wenn man die Seiten wechselt, liegt auch auf der Hand.  In meinem Fall bedeutet das, dass ich eine Nacht lang versuchen möchte, Wildpinklern beizukommen. Entschlossen, damit ich am Sonntag Gipfeli holen kann, ohne mich an miefenden Pfützen vorbeischlängeln zu müssen. Meine Methode: Eine dreistündige Nachtwache in einer Samstagnacht im Treppenhaus am Fenster.

Meine Ausrüstung: Ein Assistent, eine potente Maglite-LED-Taschenlampe, Knall-Teufel und eine Wasserflasche. Ebenso: Kapuzenpulli, kühle Getränke, Fotoapparat, Kissen, um zu sitzen, und die Entschlossenheit, alle Männer in die Flucht zu schlagen, die auch nur den Versuch machen, ihre Notdurft zu verrichten. Dass wir es dann auch mit einer Frau zu tun bekommen sollten,  wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

1:00 Uhr 
Mein Mitbewohner und ich beginnen die Schicht dann, wenn das Nachtleben Schwung aufnimmt: eine Stunde nach Mitternacht, wenn die Partyleute von der Bar in den Club wechseln und unterwegs für einen kurzen Schiff in die Gassen steuern. Drei Stunden wollen wir durchhalten. Denn ab vier leeren sich die Clubs schon wieder, und die Menschen kehren angesäuselt zu den dunkeln Ecken zurück. Das war Hoffnung und zugleich Befürchtung. Wir positionieren uns – und starren in den dunklen Hof.

Öffentliches Urinieren  kann mit einer Ordnungsbusse von 80 Franken Busse geahndet  werden, sofern eine Person in flagranti von einem Beamten ertappt wird. Marco Bisa, Sprecher der Stadtpolizei, rät aber, mit Wildpinklern vorsichtig umzugehen. Es könnte ja sein, dass sie unter Alkohol oder Drogeneinfluss stünden und aggressiv reagieren könnten.

1: 20 Uhr 
Nichts. Das Nachtleben rauscht höchstens in Form von aufgellenden Lachern oder Flaschengeklirre zu uns in den Hof. Urinierende Männer? Noch fehlen sie, was uns die Möglichkeit gibt unser Verteidigungsarsenal nochmals auszutesten. Morsen mit der Taschenlampe, ein niedliches Knallen der in Papier eingewickelten, erbsengrossen Knallkörper. Aber wird das reichen?

1:45 Uhr 
Ja. Unser erster Kunde huscht nach genau 45 Minuten in den Hof – und gleich wieder raus. «Oh shit, I’am sorry!», erwidert er unser «Bssssst» und hetzt zurück in die Nacht. Wie ein aufgeschrecktes Rehlein denken wir, berauscht von unserem Erfolg. Doch wir wollen uns nichts vormachen: Je später die Nacht, umso betrunkener die Menschen und umso schwieriger wird es, die Wildpinkler unter ihnen abzuschrecken.

02:05 Uhr 
Nach zwanzig Minuten Ruhe werden wir ein erstes Mal ungeduldig. Ein Dealer mit Hund geht im Innenhof seinen Geschäften nach. Nicht solchen, die uns interessieren würden und da nicht mal seine Dogge das Bein hebt, bleiben wir ruhig und beobachten die Szene wie Agenten.

02:15 Uhr
Zehn Minuten später wird es ernst: vier Typen steuern mit geöffneten Hemden und Händen, die bereits im Schritt liegen, in die dunkle Gasse. Wir gehen in Stellung. Denn nun haben wir es weniger mit Rehen als einer Horde Wildschweinen zu tun. Wir lassen ein Blitzlichtgewitter aus der Kamera auf sie los. Zwei schiffen trotzdem eine volle Ladung in den Hof. Der erste Rückschlag, die Nacht beginnt jetzt.

2.36 Uhr 
Einer pisst in den Hauseingang nebenan, zu weit weg also für unseren Maglite-LED-Strahl. Müssen wir aufrüsten? In einigen indischen Dörfern, so konnte man vor ein paar Wochen lesen, reagiert die örtliche Regierung auf Wildpinklern rigoroser. Eine Blechmusikband mit Trommeln und Pfeifen zieht durch die Strassen und spielt jene direkt von hinten an, die gerade pinkeln. Die Namen der urinierenden Männer würden dazu veröffentlicht.

2: 54 Uhr 
Zwei ältere, leicht bekleidete Frauen und ein leicht untersetzter Mann mit Schnauz taumeln Arm in Arm in den Hof. Wird das eine Piss-Orgie? Nicht ganz. Die eine drückt den Typen sanft an die Wand, die andere kniet nieder. Auch ein Geschäft, aber wiederum nicht unseres. Wir schliessen die Fenster – für einen Moment, fast ganz.

3:02 Uhr 
Dann: Eine attraktive junge Frau betritt bestimmt und nervös wie eine Kriminelle den Hof und kauert sich gegen die Wand. Ein Geräusch, wie das eines fauchenden Schwans hallt durch die Gasse. Wir werfen ein paar Knallkörper, sie verschwindet so rasch, wie sie gekommen war. Ein Profi?  .

3:03 Uhr 
«Geh woanders pissen!», rufen wir. Ein «Ohhhhhh!» kommt zurück. Und husch, auch diesen jungen Mann haben wir in die Flucht geschlagen. Es ist ein bisschen wie fischen. Bisweilen lange Wartezeiten, zwischen den Ereignissen aber gute Gespräche und viel frische Luft. Was auch auffällt: man wird zum Voyeur, schaut Menschen unfreiwillig zu, wie sie vom Partymachen eine kurzen Pause machen. Beobachtet sie in einem der wenigen Momente des Abends, in dem sie sich wohl unbeobachtet fühlen. Das macht die Sache delikat.

3:45 Uhr 
Bald ist die Schicht vorüber, Zeit für ein Fazit: In drei Stunden haben wir elf Schiffer vertrieben, was bei einem geschätzten durchschnittlichen Harnabstoss von 600 ml pro Toilettengang fast 7 Liter Urin weiniger am Boden unseres Hofes ausmacht. Das dürfte auch jenen gefreut haben – wenn er es denn gewusst hätte – der nun in die Gasse taumelte. Er sitzt auf den Boden, lehnt sich an die Wand, um auf seinem Smartphone Musik zu hören. So sitzt er etwa 15 Minuten da und schützt den Hof nun ebenfalls vor Schlimmerem. Ein junges Pärchen lässt sich von seiner passiven Wache jedoch nicht abhalten. Ziemlich ungeniert turtelt es gleich nebenan im Hauseingang.

4:02 Uhr 
Einen Erfolg haben wir noch zu verbuchen. Zwei Betrunkene in den besten Jahren mit Vokuhila und Trägershirts. Auch sie haben die Rechnung ohne unsere Zwei-Mann-Bürgerwehr gemacht. «Häsches öppe?», rufen sie, nachdem wir sie angeleuchtet haben. «Ja, langsam haben wirs.» Kurz darauf räumen wir unseren Wachposten. Wir fühlen uns glücklich – denn Sisyphos war das ja angeblich auch.