Beiträge mit dem Schlagwort ‘Drogen’

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag den 6. Januar 2017

«Mehr Grippefälle als in den Jahren zuvor.»

Kaum hat das neue Jahr begonnen, ist sie schon da: Die Grippewelle hat Zürich aussergewöhnlich früh erreicht. Weil die Arztpraxen während der Feiertage geschlossen waren, sind viele auf Notfallstationen ausgewichen. In den Alterszentren der Stadt Zürich wappnet man sich laut deren Sprecherin Lena Tobler mit den üblichen Vorkehrungen wie beispielsweise Handdesinfektionsmitteln gegen die Viren. (Foto: Michael Schneeberger) Zum Artikel

 

«Eigentlich brauche ich keine Vorsätze für 2017.»

Sie wollen einen Handy-freien Tag, nicht mehr kaufen oder mehr rauchen: Die Zürcher Promis haben sich fürs 2017 einiges vorgenommen. Komiker Peach Weber nimmt es allerdings gelassen. Er habe noch genug Vorrat an ungebrauchten Neujahrsvorsätzen aus den letzten Jahren. (Foto: Tamedia) Zum Artikel

 

«Das ist purer Vandalismus.»

Die Räumung der Problemhäuser an der Zürcher Neufrankengasse, besser bekannt als «Gammelhäuser», hat begonnen. Die Mieter müssen ihre Wohnungen unverzüglich verlassen. Das könnte allerdings noch länger dauern als geplant. Der Hausverwalter Sherry Weidmann ist zwar überzeugt, dass es dazu keinen Polizeieinsatz braucht. Er könnte sich aber täuschen. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Man weiss ja nie.»

Der berühmte Klavierspieler Igor Levit besuchte ein sehr teures Möbelgeschäft in Zürich. Statt mit einem freundlichen Grüezi sei er mit harschen Worten vom Verkaufspersonal empfangen worden, berichtet er auf seiner Facebook-Seite. Grund: Er hatte einen Koffer dabei, den er im Geschäft unbeabsichtigt liess. Nachdem der TA den Vorfall publik gemacht hatte, löschte der Pianist seinen Facebook-Eintrag. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Drogen sollten auf jeden Fall
legalisiert werden.»

Thilo Beck, Chefarzt der Organisation Arud, kennt Zürichs Drogenszene seit den Zeiten des Platzspitzes. Heute nehme die Ausgrenzung von Suchtkranken wieder zu, sagt er. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

«Was, wenn Apple ein Haus entwickelt hätte?»

In Erlenbach, hoch über dem Zürichsee, steht ein Haus (nicht das auf dem Foto abgebildete), das so klein ist, wie es nur geht. Und trotzdem luxuriös. Ein Witz ist das nicht, das Haus ist serienreif: Für 100’000 Franken wird es per LKW geliefert und auf einen Stahlrahmen gehievt, sofort bezugsbereit, schreibt TA-Redaktor Marius Huber in einem Artikel. (Foto: PD) Zum Artikel

 

«Der Winter kann durchaus
noch erfolgreich werden.»

Obwohl der Schnee immer später und spärlich fällt, starteten alle zehn Skilifte im Kanton Zürich diese Woche in die Wintersaison. Möglich ist das dank neuer Kooperationen. Für Evelyne Hengartner, Skilift Oberholz-Farner, hat die Saison erst begonnen. Schwarz bezüglich weisser Pracht sieht sie überhaupt nicht. (Foto: Walter Bieri, Keystone) Zum Artikel

 

«2017 wird in Zürich grossartig
– zumindest kulinarisch.»

Was bleibt einem, wenn die Welt von Idioten regiert wird und die Gewalt auf dem Planeten nicht abreissen will? Genau: Essen und Trinken findet TA-Gastrokritiker Alexander Kühn. (Foto: Getty Images) Zum Artikel

 

«Zum Henker, was für ein Name!»

Man glaubt es kaum, aber es ist eine Tatsache: Männer der Familie Volmar waren von 1587 bis 1831 Scharfrichter in Zürich. Eine ganz schön lange Zeit. Ein neues Buch von Helmut Meyer erzählt von ihrem Gewerbe.  Ausgelastet waren die Scharfrichter übrigens mit ihrem Amt keineswegs. Sie waren deshalb auch für andere Aufgaben zuständig, beispielsweise für das Foltern. (Foto: Keystone)

 

«Mein Mann war neugierig auf alles.»

Jacques Kuhn aus Rikon, mit 97 Jahren nach einem kurzen Spitalaufenthalt verstorben, war ein bewegter Mensch: Er lancierte den weltberühmten Dampfkochtopf, gründete ein Tibeterkloster, heiratete noch mit 88 Jahren und wurde Krimischreiber. Sein ganzes Leben lang war der Mann offen für Neues, wie seine Frau einmal erzählt hat. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Kokain & die Alt-Szenis

Réda El Arbi am Sonntag den 8. Mai 2016
Selbstwert in kristalliner Form.

Selbstwert in kristalliner Form.


Zürich ist bekannt für seinen Kokainkonsum. Das hat wohl damit zu tun, dass Kokain noch immer mit Erfolg gleichgesetzt wird. Dabei ist Kokain eine Verliererdroge. Und nicht nur das. Wie wir diese Woche erfahren haben, besteht Koks inzwischen meist mehr aus Tiermedikamenten, Psychopharmaka, Mehl und dünn geriebenem, übersteigertem Geltungsdrang.

Damals, in den 80ern und 90ern, wurde Kokain von Bankern, Werbern und Künstlern als Macher-Droge, als Statussymbol für die Erfolgreichen gehyped. Natürlich war das damals schon Bullshit, da die Glitzerlinie auf dem Weg in die Nase eigentlich nur aussagte, dass man den Druck seines Yuppie- oder Szeni-Lebens ohne Substanz nicht aushielt und seine Fantasiepersönlichkeit nicht ohne aufrechterhalten konnte. So gesehen ist Koks eine Droge für Möchtegern-Narzissten, deren Ego nicht ohne pharmazeutische Flügel über die Menge abheben kann.

In meinem Alter begegnet man heute dem Koks in Zürich meist bei Alt-Szenis, die das Pulver aus Angst rupfen, von den jungen Clubhipstern vom Coolness-Thron gestossen zu werden. Koks hilft noch immer, um bei jungen Partyhühnern zu punkten, oder um sich auch mit Ü35 noch sexy zu fühlen. Koks ist kein Statusstatement mehr, es ist eher eine Art Viagra für das Ego, der pulverisierte Porsche für die Midlife Crisis von Berufsjugendlichen.

Männer, die nur noch einmal im Monat abfeiern können, weil sie an den anderen Wochenenden die in den 00ern gezeugten Kinder aus den drei an Koks gescheiterten Beziehungen bei sich haben, schalten mit neidischem Blick auf die Energie der 25-Jährigen den Pulverturbo rein. Frauen, die sich früher nur mit abweisender Arroganz vor der Aufmerksamkeit der Männer retten konnten, frieren sich heute mit Schnee die Herablassung ins Gesicht, mit der sie die 20 Jahre jüngere Konkurrenz für ihre Frische strafen. Pärchen, bereits lange in der selbst erzeugten Eigenheimhölle mit Leasingverträgen, halten auf dem Schneeberg Hof, um sich von anderen Pulvernasen huldigen zu lassen. Ex-Kreative spinnen nochmals eine Nacht lang geile Projekte, die sie aus ihren realen Buchhaltungsaufgaben der eigenen Agenturen entführen.

Mit Kokain ist der Bruch zwischen den einstigen Hollywood-Träumen und dem unspektakulären, aber eigentlich guten Mittelstandsleben der jetzigen Realität besser auszuhalten. Wenigstens für ein paar Stunden. Spass macht Kokain nicht, es beschleunigt, bläst auf, zentriert auf den eigenen Bauchnabel. So sieht die Welt im Vergleich nicht mehr ganz so gross aus. Kokain wirkt wie eine Intimrasur, lässt das eigene Ding grösser, die eigene Sexyness jünger erscheinen.

Jüngere Clubbesucher ziehen meist chemische Stimulanzien vor, um – ach, schöner alter Euphemismus – ihr Bewusstsein zu erweitern. Nicht, dass dies gesünder oder vernünftiger wär, aber Jugend entschuldigt so manches. Die Wahl der Droge sagt aber auch etwas über das Selbstbild aus. Während die jungen MDMA-Hippies und die Acid-Freaks nach einer emotionalen, mit spirituellem Brunz verbrämten Erfahrung (So tiefe Liebe! oder So tiefes Verständnis von allem!) suchen, sind Kokser eigentlich nur auf ihren Selbstwert fixiert. Sie müssen einfach geile Siechen sein, auch wenn sie dafür wegen der tiefen Halbwertszeit des Kokains alle halbe Stunde nachladen müssen. Natürlich gibts auch Jüngere, die sich mit Koks aufblasen. Sie versuchen die Persönlichkeit vorzutäuschen, die sie in zehn Jahren gerne wären.

Also, meine lieben, alten Freunde, bitte ruft mich nicht mehr montags an und jammert mir vor, dass ihr nie mehr Drogen nehmen wollt. Quält euch gefälligst gemeinsam mit den Ecstasy-Kids durch eure drogeninduzierte Wochenanfangsdepression. Lasst mich damit in Ruhe. Vielleicht habt ihr ja Glück, und euer Pulver war mit Antidepressiva für Elefanten gestreckt.

PS: Ja, die Koksnasen dürfen mir jetzt gerne Intoleranz, fehlendes Verständnis und Lustfeindlichkeit vorwerfen. Mein Ego hält das aus. Auch ohne Koks.

Hier ein Lied, in dem es um Kokain geht:

«Danke, Lebensretter!»

Réda El Arbi am Dienstag den 3. November 2015
Heute unvorstellbar: Drogenhölle am Letten.

Heute unvorstellbar: Drogenhölle am Letten.

Für einmal habe ich die Chance, meinen Lebensrettern zu danken: Morgen, Mittwoch 4. 11., findet eine Podiumsdiskussion zum Thema Drogenpolitik mit Ambros Uchtenhagen und Robert Neukomm statt, der zwei Personen, die vor 25 Jahren massgeblich für die Wende in der Drogenpolitik mitverantwortlich waren. Mit dabei: Ich, der Stadtblogger.

Dass ich damals den Ausstieg aus meiner Heroinsucht geschafft habe, war eine direkte Folge der progressiven Drogenpolitik der Stadt. So gesehen tragen Uchtenhagen und Neukomm indirekt die Verantwortung dafür, dass ich heute hier meine Leser mit meinen Beiträgen nerven kann. Ohne die Wende hätte ich nämlich nicht überlebt.

Aber ich wär ja nicht der nervige Stadtblogger, wenn ich nicht auch ein paar unangenehme Fragen an die Podiumsdiskussion mitbringen würde:

Ich hoffe, es ergibt sich eine spannende und aufschlussreiche Podiumsdiskussion.

Natürlich könnt Ihr dabei sein:

Mittwoch, 4 November, 20.00 Uhr
Zentrum Karl der Grosse

 

Lettenräumung: Das Ende des Krieges?

Réda El Arbi am Sonntag den 15. Februar 2015
Als das Sterben noch schmerzhaft sichtbar war: Drogenszene am Letten.

Als das Sterben noch schmerzhaft sichtbar war: Drogenszene am Letten.

Es ist ein Trümmerfeld, ein Kriegsschauplatz. Das frisch geräumte Lettenareal ist eine zerstörte Weite, übersät mit Glasscherben, Schuhen und Kleidungsstücken, mit Spritzen, Nadeln und verbogenen Einkaufswagen, die noch vor ein paar Tagen als Fixertischchen gedient hatten. Der Boden ist blutgetränkt, nicht von einer grossen Schlacht, sondern tropfenweise von vielen kleinen Schlachten, die Süchtige über Jahre auf diesem Boden Schuss für Schuss gegen sich selbst führten. Die Kälte hält den Gestank in Grenzen.

Sechs Meter höher, auf der Kornhausbrücke, stehen Offizielle der Stadt präsentieren einem Rudel Journalisten der Weltpresse den Sieg – flankiert von Polizisten in Kampfmontur. Es wirkt wie «Embedded Journalism», wie Kriegsberichterstattung. Der Krieg ist gewonnen, aber der Gegner hat sich selbst besiegt. Die Opfer wanken jetzt einige hundert Meter weiter durch die Langstrasse, verzweifelt, verängstigt, auf Entzug. Einige haben sich schon vor Tagen an den Methadonabgabestellen ergeben, haben endlich Hilfe angenommen. In den Entzugskliniken fürchteten die Fachleute diesen Tag und werden dann auch überrannt. Die Lettenräumung im Februar 1995 war eine logistische Überforderung für alle, und trotzdem musste sie so durchgeführt werden. Eine Wahl hatte die Stadt nicht.

Der «Tipping Point»

Aber die Lettenräumung zeigte auch den gesellschaftlichen Paradigmenwechsel. Das Problem musste so gross werden, dass es sich nicht mehr verstecken, nicht mehr ausgrenzen oder verdrängen liess. Wer in den Neunzigern in Zürich lebte, gehörte dazu. Jeder hatte einen Freund, einen Arbeitskollegen, ein ehemaliges Schulgspänli, ein Familienmitglied, das von der Seuche betroffen war.

Die Stadt hatte an der Riviera und am Platzspitz versucht, sich das Geschwür, die Suchtinfektion, die ihren Körper befallen hatte, mit Polizeigewalt aus dem Fleisch zu schneiden. Es hat nicht funktioniert. Erst als der Tipping Point erreicht war, als aus individuellen Dramen eine Tragödie der Gesellschaft wurde, war man bereit zu akzeptieren, dass das Geschwür ein Teil des gesellschaftlichen Körpers war und dass man das Problem assimilieren anstatt verdrängen musste.

Aber auch zu diesem Zeitpunkt, während und nach der Lettenräumung, betrieb man in erster Linie Symptombekämpfung und Überlebenshilfe. Löblich und ebenso notwendig wie ungenügend. Die Sucht hatte der Stadt ein Trauma zugefügt. Mit Methadon und Salbe schloss man die Wunde, beruhigte die soziale Entzündung und fing schon einige Monate später an, sich gegenseitig für die gelungene Operation auf die Schulter zu klopfen.

Heilsbringer Methadon

Die Sucht war irgendwie im Griff, flammte ab und zu in den Quartieren noch auf, war aber wieder da, wo sich niemand, bis auf die Süchtigen und die Spezialisten, damit auseinandersetzen musste.

Das Suchtproblem ist nicht gelöst, sondern wird inzwischen wieder freundlich ignoriert. Rund 35’000 Opiatabhängige zählte man in der Schweiz Mitte der 90er-Jahre. Jetzt schätzt man die Zahl noch immer auf etwa 25’000 bis 30’000 Süchtige, was doch kurz innehalten lässt. Wo sind all diese Junkies? Natürlich unsichtbar in Heroin- und Methadonprogrammen.

Die damaligen Vorkämpfer der Methadon- bzw. Heroinabgabe, die mit ihrem Einsatz wahrscheinlich tausende Leben gerettet haben, sind inzwischen von ihrem eigenen Erfolg paralisiert. Sie haben sich so stark für die Substitution eingesetzt, dass ihnen eine weiterführende  Behandlung der Sucht wie ein Verrat an ihrem eigenen Kampf für Substitutionsprogramme erscheinen muss. Und sie sind inzwischen die Verantwortlichen der Schweizer Drogenpolitik. Doch an den Ursachen wird weiterhin nicht gearbeitet. Geforscht wird nur klinisch an verträglicheren Substituten, nicht an den sozialen und psychischen Wurzeln.

Kosmetik statt gesellschaftliche Veränderung

Jetzt, zwanzig Jahre später, wäre es vielleicht an der Zeit, sich zu fragen, weshalb eine der reichsten Gesellschaften nach einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Jahrzehnte – den 80ern – sich plötzlich mit einer Jugend konfrontiert sah, die sich lieber selbst umbrachte und im Drogenrausch lebte, als Teil der Gesellschaft zu sein. Und warum noch heute so viele Menschen hier das Gefühl haben, ihr Leben nüchtern nicht ertragen zu können.

Der Rausch begleitet die Menschheit seit Anbeginn. Der Rausch ist nicht das Problem – er kann für Menschen, die keinen anderen Weg finden, Entspannung und sogar spirituelle Bereicherung bieten. Die Frage ist, warum ein so grosser Teil der Gesellschaft den täglichen oder wöchentlichen Rausch braucht, um ihr Leben in eben dieser Gesellschaft auszuhalten.

«Spass!» werden einige sagen, «Erholung» andere. Die Frage, warum wir ein Leben leben, von dem wir uns «erholen» müssen und warum wir für «Spass» an unserem Bewusstsein herum manipulieren müssen, wird wahrscheinlich mehr Unangenehmes über unsere gesellschaftlichen Realitäten zu Tage fördern, als über Junkies, Alkoholiker und Pillenfresser.

Wir haben die Sucht wieder versteckt, nicht mit Gewalt, nicht ausserhalb der Gesellschaft. Wir haben die Süchtigen sauber eingekleidet, ihnen ein Smartphone in die Hand gedrückt und ihnen eine Wohnung gegeben. Das sieht hübsch aus. Aber es ist Kosmetik und nicht Heilung der Ursachen.

Der Autor hat die Lettenräumung als Heroinsüchtiger erlebt und lebt seit 12 Jahren frei von bewusstseinsverändernden Substanzen wie Heroin, Methadon, Kokain, Alkohol, Cannabis, Pillen etc. Man möge ihm seine kritische Sicht auf die Verleugnung der Ursachen der Sucht verzeihen. Er hat in den letzten Jahren zu viele Freunde beerdigt, um jetzt auch noch ins gesellschaftliche Schulterklopfen einzufallen. 

«No More Hangover!»

Réda El Arbi am Mittwoch den 19. November 2014
Exzess: Robin Rehmann beim Auftritt mit der Band «Krank».

Exzess: Robin Rehmann beim Auftritt mit der Band «Krank».

Robin Rehmann, 33, Moderator bei SRF Virus, Rampensau der Punkband «Krank» und DJ, hat das Schnapsglas weggestellt. Nach 10 Jahren exzessiven Nachtlebens hat er dem Alkohol abgeschworen und orientiert sich neu. Mit uns sprach er übers Partymachen, nüchtern Tanzen und warum er niemals zu einer «Szene» gehörte.

Robin, was war oder ist geil am Nachtleben?

Nachts gelten andere Regeln. Leute, die tagsüber vielleicht eher unscheinbar sind, können in der Nacht zauberhaft auftreten. In der Dunkelheit fühlt man sich geschützt, ist bereit, über Grenzen zu gehen, gesellschaftliche Konventionen zu ignorieren und andere Seiten der eigenen Persönlichkeit zu zeigen. Es wirkt wie ein Ventil. Die Nacht bringt immer das Gefühl von Abenteuer mit sich. Ich habe viele spannende Leute kennengelernt, viele gute Freundschaften geschlossen, die mich jetzt durch mein Leben begleiten. Und natürlich das Flirten. In dieser aufgekratzten Atmosphäre hab ich Frauen kennengelernt, die sich, wie ich, auf ein paar Stunden Spass einlassen wollten, ohne gleich über eine Familienlimousine und die Farbe des Kinderzimmers nachzudenken.

Das hört sich aber nicht nach dem coolen Zürcher Nachtleben an, wo man eher Angst hat, aufzufallen und wo man dazugehören muss, um Freunde zu finden.

Party ging auch zuhause weiter.

Party ging auch zuhause weiter.

Das Zürcher Nachtleben ist grossartig. Es steht eine unglaubliche Club-Infrastruktur zur Verfügung. Nur, Partymachen ist nicht konsumieren. Ich hab mein Partyleben als 23-Jähriger in Baden gestartet. Da war allen klar: Wenn man eine geile Party erleben will, muss man sie selbst machen. Diese Einsicht hab ich nach Zürich mitgenommen. Wenn wir rausgingen, haben wir die Party mitgebracht und sind nicht einfach in die Clubs an die Bar gehängt und haben gewartet bis sie zu uns kommt. Wir hatten immer ein Programm, wir suchten immer, das letzte Wochenende zu toppen. Was dann auch zu Exzessen führte. Die Bierdusche (man bespuckt sich gegenseitig mit Bier) war einer dieser Auswüchse. Es hat Spass gemacht. Naja, uns hat es Spass gemacht. Wir mussten auch nie zu irgendeiner Szene gehören, Wir waren als Clique unterwegs und wurden auch überall gerne gesehen, weil wir die Action gleich mitbrachten.

Jetzt schraubst du etwas zurück. Warum?

Der Wink mit dem Zaunpfahl kam von meinem Körper. Ich hab eine Autoimmunkrankheit entwickelt, die mich kürzer treten liess. Dazu kam ein schwer verheilender Leistenbruch. Plötzlich hatte ich mehr Zeit, um über mein Leben nachzudenken und mir wurde bewusst, dass ich langsam aus diesem Verhalten herauswachse. Ich betrachtete mein Leben und rechnete nach, wie viel Zeit ich mit Kater und Regeneration verbrachte.  Als ich 23 war, bewunderte ich die coolen 30-Jährigen in den Clubs. Jetzt, mit über 30, schaue ich mir die 40-Jährigen an und hoffe, dass ich niemals so enden werde.

Es ist wie mit dem Lieblingsspielzeug, das ich unheimlich geliebt, mit dem ich Tausende von Stunden gespielt hab, bis ich eines Tages entdeckte, dass die Welt noch viel mehr zu bieten hatte. Mädchen zum Beispiel.

Und jetzt trinkst du nicht mehr?

Nein, ich lebe seit ein paar Monaten nüchtern. Das ist wichtig für meine Gesundheit. Aber noch wichtiger ist es für meine Entwicklung. Zwischen Exzess und Hangover blieb kaum Zeit zur Reflektion, da man ja irgendwann ja auch noch arbeiten muss. Seit ich nichts mehr trinke, hat sich meine Lebensqualität extrem verbessert. Zuerst hatte ich Angst, dass mein kreativer Output unter meiner Abstinenz leiden könnte, aber das Gegenteil hat sich herausgestellt: Ich arbeite intensiver, konzentrierter. Meine Bandkumpel von «Krank» können ohne Probleme mit einem nüchternen Robin leben.

Ausserdem ist es irgendwann einfach eine Frage von Aufwand und Ertrag. Es gab bei jedem Absturz diese unschlagbar grossartigen eineinhalb Stunden, an denen das Universum mir gehörte, in denen die Magie passierte. Aber der Weg an diese Spitze und vor allem der steile Abstieg nach diesem Höhepunkt kostete mich immer mehr. Es gibt viele krasse und vielleicht auch peinliche Augenblicke, an die ich mich erinnern kann. Und wahrscheinlich gibts nochmals doppelt so viele, an die ich mich nicht erinnern kann. Das hat mich einfach zu viel Energie gekostet. Zudem ist es schwierig, Wochenende für Wochenende die Action nochmals zu überbieten.

Und was machst du jetzt? Keine Parties mehr? Volvo, Hund und Häuschen auf dem Land?

Nein, wie gesagt, mit «Krank» bin ich weiter unterwegs. Ich übe mich jetzt darin, nüchtern auf der Bühne die gleiche Energie zu vermitteln. Da mich der Alkohol nicht mehr trägt, muss ich dafür ins Fitnessstudio. Auf Ende Jahr gebe ich jedoch meinen Nacht-DJ-Job auf. Dafür hab ich neue Projekte. Ich werde zum Beispiel als «Kaufhaus-DJ» auflegen. Tagsüber, in einem Kaufhaus Musik für die Kunden, die sich Tracks wünschen können, auflegen. Dann hab ich ja seit ein paar Wochen meine Talkshow «Rehmann» bei Virus. Auch da gehen wir über Grenzen, brechen Tabus und schauen uns die speziellen Aspekte des Lebens an, einfach im Gespräch mit aussergewöhnlichen und gewöhnlichen Menschen mit aussergewöhnlichen Seiten.

Und ich gehe natürlich auch weiter ab und zu an Parties. Letztens war ich an einer Halloween-Party und hab das erste Mal nüchtern getanzt. Einfach war es nicht. Aber nach einiger Zeit vergisst man sich und es geht. Ich komme sogar wieder an dieses Gefühl des magischen Nachtlebens, aber es hält nicht mehr so lange vor und es braucht mehr Mut. Ich werde weiter trainieren, Parties auch nüchtern geniessen zu können, schliesslich leben viele meiner Freunde in der Nacht. Und ich werde wohl noch üben müssen, nüchtern zu flirten. Aber insgesamt werde ich es ruhiger nehmen, mehr auf mich achten und andere, neue Inhalte in mein Leben lassen.

Robins Talkshow «Rehmann» auf Virus.

«Krank» auf Facebook. 

Meditieren und Gratisdrogen

Réda El Arbi am Donnerstag den 6. November 2014
Die Idee, mit Drogen das Selbst zu finden, ist nicht besonders neu.

Die Idee, mit Drogen das Selbst zu finden, ist nicht besonders neu: Psychiater Franz X. Vollenweider (Bild: michaelkutsche.deviantart.com)

Die Zürcher Partygemeinde ist wohl schnurstracks aus den Clubs vor die Tore der Uni gepilgert, als diese Woche bekannt wurde, dass die Forschungsgruppe um den Psychiater Franz X. Vollenweider Testpersonen für Versuche mit Psilocybin, kurz Magic Mushrooms, sucht. Der Psychiater sucht Leute, die zehn Tage lang meditieren und dann Psilo-Pilze einwerfen und sich untersuchen lassen. Nicht alle sind begeistert von dieser Art Forschung. So äusserte sich SVP-Politiker Toni Bortoluzzi vehement gegen das Experiment, weil er findet, «mystische Erfahrungen soll man in der Kirche machen», treu dem Motto «Religion ist Opium fürs Volk».

Ich mache mir mehr Gedanken zur Aussagekraft der Tests. Nur schon die Probanden: Leute, die keine Drogen nehmen, werden wohl kaum unter Aufsicht von fünf Ärzten und Pflegepersonal plötzlich ihre Vorliebe für Psychopilze entdecken. Und Leute, die Drogen ohne Probleme einwerfen, könnten das Ergebnis verfälschen: «Boah, die Pilze am Wochenende im Club haben nicht so reingehauen wie die wissenschaftlichen hier. Ich brauch erst mal einen Joint zur Beruhigung und einen Sack Koks, um meine Gedanken zu ordnen.»

Die Kombination von Meditation und Psilocybin eröffnet aber noch eine ganz andere Zielgruppe als die üblichen Zürcher Drugheads: Die Esoteriker. Natürlich werden sich begeistert Leute melden, die gerne Auras lesen, mit Waldelfen tanzen, Mike Shiva über Mittag anrufen, um ihre Beziehung in Ordnung zu bringen und Kupferringe unter dem Bett verstecken, um die kosmische Strahlung abzuwehren. Nun fragt sich, ob man diese Leute auch noch unter Drogen setzen sollte …

Was immer die Forscher mit dem Versuch nachweisen oder verstehen wollen, sie werden es schwer haben. «Wir versuchen die Prozesse zu verstehen, die im Gehirn das Selbst bilden» sagt  Vollenweider. Dazu werden die Prozesse im Gehirn mit bildgebenden Techniken untersucht. Mich nimmts ja wunder, wie er einen Probanden auf Pilzchen in eine MRI- oder CT-Röhre bringen will. Ich nehm an, die Instagram-App, mit der man normalerweise seine Trips dokumentiert, gilt nicht als «bildgebendes Verfahren».

Das «Selbst» mittels psychoaktiver Substanzen zu finden ist schon einigen Hunderttausend Hippies nicht gelungen. Aber vielleicht hilft da ja diese «bildgebende» Untersuchungsmethode. Sicher wäre ein Selfie vom eigentlichen «Selbst» ein Renner auf Facebook. Um die Wissenschaftlichkeit des Tests zu unterstreichen, kriegt die eine Hälfte der Probanden die Psilocybin-Präparate und die andere Hälfte ein Placebo (Eierschwämmli? Steinpilzpulver? Champignon-Pastetli?). Nun, DAS hat mich dann wirklich überzeugt. Es ist in etwa so subtil, wie wenn man jemandem mit einem Vorschlaghammer, oder, als Placebo, mit einem Kissen auf die Finger haut.

Vollenweider hofft, mit seinen Forschungsergebnissen sogar Möglichkeiten zu finden, auf der Basis von Psylocibin Medikamente gegen psychische Erkrankungen zu finden. DAS würde ich meinen Geldgebern aus der Pharmaindustrie auch verzapfen. Aber wenn man mich fragt (was keiner tut), würde ich annehmen, dass psychedelische Substanzen bisher mehr Leute IN die Psychiatrie gebracht haben, als aus ihr heraus.

Im Ernst: Ich hab in beiden Bereichen meine Erfahrungen gemacht.  Ich hab sowohl längere Meditaionskurse (10 Tage sitzen, 10 Tage schweigen, Vipassana-Meditation) absolviert, wie auch jede Menge psychedelischer Drogen (Tonnen von Pilzen, auch Fliegenpilz, Meskalin, LSD, Stechapfel, Bilsenkraut, Tollkirsche etc) eingeworfen. Ich bin meinem Ich dabei weder näher gekommen, noch hab ich es aufgelöst. Wobei ich sagen muss, dass die Meditation mir wenigsten geholfen hat, weniger ICH-bezogen zu sein. Ein bisschen weniger jedenfalls. Aber vielleicht sind Ich, mein Ego und mein Selbst ja nicht so exemplarisch wie die zehn zukünftigen Probanden. Eine beeindruckende Sample-Menge übrigens.

Ich bin jedenfalls gespannt auf die Ergebnisse.

Zürich Openair: Das verlorene Woodstock

Réda El Arbi am Samstag den 30. August 2014
«Meh Dräck» forderte Chris von Rohr mal. Unser Autor kann ihn verstehen.

«Meh Dräck» forderte Chris von Rohr mal. Unser Autor kann ihn jetzt verstehen.

Ich will ja nicht wie einer dieser Typen erscheinen, die immer behaupten, früher sei alles besser gewesen. Aber seien wir ehrlich: Früher war alles besser.

Als Beispiel bieten sich grosse Rockkonzerte an, wie das Zürich Openair dieses Wochenende. Könnt ihr euch noch an die ultimative Parole des Wilden Lebens erinnern? Sex, Drugs & Rock’n’Roll? Dieses unbeschreibliche Lebensgefühl, das unsereins beschlich, wenn wir von Roadies von der Bühne wieder ins Publikum geworfen wurden? Bassisten, die für einen Stagedive den Bass auf die Bühne warfen? Schlägereien wegen unterschiedlichen Musik- oder Kleidergeschmacks? Zugehörigkeit?  Solches Zeugs eben.

Das Areal ist zweigeteilt: In den Campingbereich, wo die Besucher eigenes Bier und Essen konsumieren dürfen, und den Bühnenbereich, wo man kaufen muss. An der Eingangsschranke in den ganzen Bereich wird man nach Glasflaschen und Deos gefragt. Nein, sie haben keine Angst, dass man etwas gegen den authentischen Festivalgestank unternehmen will. Sie befürchten, dass die Besucher sich mit Deosprays selbst verletzen könnten. Die Fürsorge ist herzerwärmend. Ich bewahre meine Deos zuhause auch im Gefahrengut-Schrank auf.

Natürlich war früher nicht alles besser. Es gibt heute weniger Verletzte an Grossanlässen. Weniger Überdosen irgendwelcher Drogen, gute medizinische Versorgung. Manchmal ist heutzutage sogar das Toilettenproblem gelöst (meist sind  genügend Toiletten aber eher ein Anzeichen dafür, dass der Event floppt). Nur, welchen Preis fordert die bessere Organisation?

Das Festival wird von Getränkesponsoren gründlich von der Konkurrenz abgeschottet.

Das Festival wird von Getränkesponsoren gründlich von der Konkurrenz abgeschottet.

Zuerst einmal die Besucher: Besucher, die sich darüber aufregen, wenn eben nicht alles perfekt organisiert ist. Besucher, die sich über Wartezeiten nerven. Besucher, die nach der Security schreien, wenn ihnen ein Besoffener auf die Schuhe kotzt. Dabei weiss doch jeder, dass die Security dazu da ist, das Bier des Sponsoren vor Konkurrenz zu schützen. (Ein Wunder, dass Leuten, die versuchen lokales Zürcher Bier reinzuschmuggeln, nicht die Hand abgehackt wird.) Inzwischen sind Festivals ein Anlass für Leute, die Rock’n’Roll leben, indem sie ihre Handys vor der Bühne in die Luft halten. Zugegeben, viel mehr können sie nicht machen, da der Bereich um die Bühne heutzutage stärker gesichert ist, als das Podium des US-Präsidenten bei einer Rede in Afghanistan.

Die Hälfte der Zelte, die auf dem Areal stehen, sind von Sponsoren oder von Medienpartnern. Ganz wichtig sind die Bankomat-Buden und die Merchandising-Stände. Wenns regnet, schweben helfenden Engel der Gratiszeitungen herbei und offerieren gratis Regencapes, natürlich mit Werbelogo quer über dem Rücken. Hier kann kein Rock’n’Roll-Feeling aufkommen, wenn man das Gefühl vermittelt bekommt, man sei einfach nur Marketing-Zielgruppe in einem Openair-Einkaufszentrum. Selbst ein gutes Line-Up reisst da den Karren nicht mehr aus dem sauber abgedeckten Dreck.

Natürlich gibts am Festival auch eine Hippie/Hipster-Ecke, man will schliesslich woodstocken. Ihr wisst schon, lokale Trend & Homecraftshops mit mundgeblasenen Hipsterbrillen und fussgewirkten Batik-Pluderhosen zum Preis eines durchschnittlichen Monatslohns. «Wir waren schon cool, als «cool sein» noch lauwarm war.» Dort trifft sich auch die Szeneprominenz, wenn sie nicht gerade im abgesperrten VIP-Bereich Cüpli süffelt.

Hipster-Ausrüstung für Alle!

Hipster-Ausrüstung für Alle!

Dann die Acts. Ja, es gab echte Musiker, aber gefühlte 90 Prozent des Line-Ups bestand aus DJs. Man kann sich grundsätzlich fragen, was DJs an einem Openair verloren haben. Das Hauptproblem bei elektronischer Musik von DJs ab Konserve auf Live-Bühnen ist, dass sie einfach nicht abgehen. Kein Gitarrenzertrümmern, kein Zusammenbrechen vor Erschöpfung, nur lahmes «Händs up in die Är» und «I wanna sii iur Händs». Ehrlich, Rock’n’Roll ist das nicht. Es stört vielleicht nicht, wenn man sich in Clubs auf Ecstasy einen Wolf tanzt, aber Festivalstimmung kommt da keine auf. Rock’n’Roll ist hier so subversiv wie ein Che-Guevara-T-Shirt aus dem H&M.

Ok. Das hört sich jetzt sogar für mich sehr miesepetrig an. Und es ist wirklich nicht alles nur schlecht. Wenn man sich ganz nach vorne an die Bühne bemüht, von Bass und Band angeblasen wird und los tanzt, ist es, als ob man in einem eigenen Universum schwebt. Und wenn man sich danach wieder aus der Crowd löst, kann man den Blick zu Boden richten, wenn man nicht wie eine Gans  mit Werbebotschaften gestopft werden will.

Und der Blick zu Boden zeigt auch, was unserer Festival-Kultur fehlt: Meh Dräck. Zum Glück hilft da bei allen Schweizer Festivals das Wetter immer nach: Ohne den Schlamm wärs nicht mehr als ein netter Abend in einem Openair-Einkaufszentrum mit Hintergrundberieselung.  Ein wenig wie Dreirad-Fahren mit Helm in Rock’n’Roll-Disneyland.

PS: Wieso kämpfen diese Grossanlässe eigentlich immer mit roten Zahlen? Hier geben die Leute Non-Stopp Geld aus und trotzdem schaffen es die Organisatoren nicht, einen Teil davon in die Festival-Kasse umzuleiten. Da müsste mal einer die Sponsorendeals unter die Lupe nehmen. Und vielleicht die Journalisten, die sich vor lauter Freude über einen Gratis-Eintritt nicht mehr getrauen, kritisch über den Anlass zu schreiben.

Street-Parade: «Genug ist genug!»

David Sarasin am Freitag den 1. August 2014
Mitmachen darf nur noch, wer sich klar mit Trash vom Coolness-Diktat befreit.

Mitmachen darf nur noch, wer sich klar mit Trash vom Coolness-Diktat befreit.

Das kann einem die Vorfreude vermiesen: Zum ersten Mal in der Geschichte der Street Parade laden deren Macher Gäste aus. «Genug ist genug», lässt sich Paul Benz aus dem Street-Parade-neben-OK zitieren. Er meint damit die Zürcher Clubbetreiber, die die Street Parade «seit Jahrzehnten schon» als zu Mainstream verunglimpften und «die sich selber für was Besseres halten». «Irgendwann platzt auch uns die Federboa», sagt das OK-Mitglied.

Dabei stand die Street Parade, ganz entgegen der Türpolitik der Zürcher Clubs, schon immer für Demokratisierung des Clublebens. «Veronika aus Sursee ist am Umzug ebenso willkommen wie der seit drei Tagen auf Speed feiernde Fredi aus Emmenbrücke», führt Benz weiter aus. Eine Million Gäste müssten es sein. Darunter macht man nichts mehr, so lautet das inoffizielle Credo der Streetparade. Bisher. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Streitschrift aufgetaucht

«Entmachtet den Party-Adel, aber subito», heisst es in einem 250-seitigen Pamphlet, das die Macher via Rave-Forum “Happysmilelove” veröffentlicht haben. Der Hauptpunkt darin: Es werden jene Ausgeladen, die sich Jahr für Jahr darüber beschweren, dass das Geschmacksbewusstsein am Techno-Umzug ganz genauso wie die ganzen Bier- und Monsterdrink-Dosen in die Limmat geworfen würden. Die Fronten sind mittlerweile so hart wie die Faust eines Türstehers.

In den innerstädtischen Clubs reibt man sich derweil die geröteten Augen. «Krass», sagt ein Vertreter eines Underground-Ladens, der lieber auch nachts eine Sonnenbrille trägt und somit unerkannt bleibt. Die Macher der Streetparade halten weiter drauf: «Jetzt haben wir uns jahrelang auf der Puder-Nase herumtanzen lassen von den sogenannt Coolen!» Im Pamphlet mit dem Titel «Kopf ab, Sau!» – ein Rundumschlag sondergleichen – kritisieren die Autoren auch die Einlassregeln der angesagten Clubs, über die gerade diese Woche auch in diesem Forum diskutiert wurde. Dass man sie dort nicht haben möchte, die normalen Leute, die Verkleideten, die Übergewichtigen mit den unschicklichen Manieren.

Miese DJs an die Macht!

«Pro Oben-Ohne-Omas und Gürteltier-Opas», heisst eines, am Humanismus eines Erasmus von Rotterdam (sie wissen schon, Rotterdamm) geschulte Kapitel der Kampfschrift. Unterstützung erhält die Street-Parade unter anderem von einer rechtsradikalen Eltern-Kinder-Vereinigung im Solothurnischen und von einem deutschen Promi. Der lässt per Tweet mitteilen: «Kein noch so beschissener DJ ist illegal!». Dass das OK vermehrt die Geistesverwandtschaft mit den Akteuren der französischen Revolution herausstreicht, erstaunt niemanden: «Guillotine pour Selekteure» oder «Licht in den Underground bringen» heissen die aufklärersichen Kampfansagen darin. Als Vorbild dienen unter anderem auch die Kommentarspalten der Online-Portale, wo schliesslich auch jeder sagen dürfe, was er wolle.

Kurz: Selbstverwirklicher und Individualisten, Extravertierte und Egozentriker, Coole und Engagierte bekommen ihr Fett weg. Man wolle endlich ein Zeichen setzen, bevor die westliche Welt ganz an seinen «Güllenfass hohen ästhetischen Ansprüchen zugrunde gehe», heisst es im Buch.

Clubbetreiber wehren sich im Zischtigsclub

«Die müssen ja gar nichts sagen», kontern wiederum die Zürcher Partymacher. Und berufen einen Ziischtigsclub ein mit dem Thema: «Wieviel nackte Omas mit grüner Perrücke darf man in Zeitungen noch zeigen?» Gästeliste gibt es für diesen Club keine, wodurch sich die Gegenseite schon wieder provoziert sieht: «Getraut euch bloss nicht an die Parade am Samstag, sonst werden wir euch in im  verschmutzten See entsorgen». Neutrale Beobachter beurteilen die Lage mit der nötigen Skepsis: «Die sind doch alle nicht ganz richtig im Kopf, diese Dummärsche». Eins ist klar, wir verziehen uns am Samstag irgendwohin in den Aargau.

Besuch bei der Drogen-Selbsthilfegruppe

Réda El Arbi am Freitag den 30. Mai 2014
Russel Brand hat seine Drogensucht nach eigener Aussage mit Narcotics Anonymous überwundern.

Russel Brand hat seine Drogensucht nach eigener Aussage mit Narcotics Anonymous überwunden.

In den letzten Wochen haben wir uns im Blog oft mit Drogen, Sucht und Partys auseinandergesetzt, und auch der Tages Anzeiger hat eine grosse Geschichte über den Letten und den Platzspitz gebracht – deshalb dachten wir uns, es wäre auch mal interessant, Leute zu besuchen, die den Ausstieg aus der Sucht geschafft haben.

Leute wie Johnny Cash, Russel Brand, Robby Williams oder Dave Gahan von Depeche Mode geben an, mit einem 12-Schritte-Programm von den Drogen losgekommen zu sein. Das machte uns neugierig und wir besuchten ein Meeting von Narcotics Anonymous in Zürich, einer Selbsthilfeorganisation für Drogensüchtige, die wie die Anonymen Alkoholiker mit einem 12-Schritte-Programm arbeitet.

«Anonymität ist die Grundlage aller unserer Prinzipien» war eines der ersten Dinge, die ich über die Gemeinschaft hörte. Die Teilnehmer der Meetings müssen sich absolut sicher sein, dass ihre Namen und Identitäten geschützt werden.

Die Szene kennt man aus verschiedenen Filmen, ja sogar aus einem Video von Eminem: Ein Raum voller Stühle, in der Mitte ein Tisch und darum sitzen die Meetingsteilnehmer, Kaffee wird ausgeschenkt, Kekse liegen auf dem Tisch.

Banker, Bauarbeiter und Mittelstandsmamas

In diesem Fall ist es eine sehr heterogene Gemeinschaft, die sich hier zur Selbsthilfe trifft. Hatte ich doch so meine Vorstellungen eines Treffens von Ex-Junkies, wurden diese jetzt vollständig widerlegt. Die Leute, die hier sitzen, sind bunt gemischt. Da sitzt ein Geschäftsmann im Anzug, eine junge Frau aus dem Mittelstand, ein volltätowierter Mann um die Dreissig. Später erklärt mir ein Mitglied: «Uns interessiert weder, welche Drogen du genommen hast, oder wie viele. Es ist egal, wie du dir deine Drogen beschafft hast oder wie viel oder wie wenig Geld du hast. Egal, ob du als Oma deine Tabletten vom Arzt holtest, deine Pillen an Partys eingeschmissen, den Schnaps im Wohnzimmer getrunken oder deine Spritze in der Gosse gesetzt hast, du bist willkommen. Sucht ist eine Krankheit, die sich nicht an soziale Zugehörigkeit, an Substanzen oder an andere Eingrenzungen hält.» Auf dem Tisch liegen Flyer mit Infos. «Wenn Du Drogen nehmen willst, ist das Deine Sache. Wenn Du damit aufhören willst, können wir Dir dabei helfen» steht auf einem.

Das Meeting beginnt. Der erste Sprecher stellt sich vor: «Ich bin XXXX und ich bin süchtig.» Auch das kennt man aus vielen Filmen. Danach lesen die Gruppenmitglieder kurz aus den Grundlagen der Gemeinschaft. Das Wort «Gott» und « Höhere Macht» fällt einige Male und ich werde etwas misstrauisch, hab ich doch meine Mühe mit religiös orientierten Organisationen. Nach dem Meeting erklärt mir ein Teilnehmer, was es damit auf sich hat: «Wir haben nichts mit Religion am Hut. Bei uns sind Atheisten, Christen, Moslems, Buddhisten und Leute, die sich ihre spirituelle Leitfigur selbst zusammengebastelt haben. Unsere Erfahrungen zeigen aber, dass es wirksam ist, der grossen Macht, die die Sucht über unser Leben hatte, eine andere höhere Macht entgegenzustellen. Wie diese aussieht, ob ein positives Lebensprinzip, die Familie, das Universum oder Gott, ist jedem Mitglied selbst überlassen. Wir empfehlen nur, dass diese Kraft fürsorglich und grösser als man selbst ist.» Damit kann ich leben.

Schwarzer Humor und Offenheit

Im Meeting sind wir inzwischen beim «Teilen» angekommen. Hier hat jeder einen geschützten Sprechraum. Das heisst, jeder kann erzählen was ihn beschäftigt, ohne unterbrochen zu werden. Es wird nicht diskutiert oder geurteilt, alle hören zu, bis der Sprecher geendet hat – dann kommt der Nächste. Sowas wünschte ich mir für meine Arbeitsmeetings.

Von den Leuten an diesem Meeting bringt jeder seine eigene tragische Geschichte mit: Leute, die erst einige Tage «clean» sind, Leute, die schon einige Jahre ohne Drogen leben, Leute, die gerade einen Rückfall hinter sich haben. Man würde erwarten, dass die Stimmung betroffen und vielleicht etwas traurig ist. Aber dem ist überhaupt nicht so. Das viele Lachen und der (manchmal wirklich schwarze) Humor zeigen, wie offen diese Menschen ihre eigenen Problematik gegenüber sind. «Egozentrik, die Vorstellung, dass deine Sucht die schlimmste sei, ist ein Teil der Krankheit. Wenn wir lachen, lachen wir über das Wiedererkennen der eigenen Schwächen im Gegenüber. Unser Lachen zeigt, dass wir genau wissen, wie das Gegenüber sich fühlt, und dass wir den gleichen Blödsinn auch schon durchgemacht haben.»

Ich bin berührt von der Ehrlichkeit der Geschichten, die ich hier höre. Nicht alles dreht sich um Drogen. Manche Dinge sind auch Nichtsüchtigen aus dem Alltag bekannt: Wie schaffe ichs, über den Tag zu kommen, ohne meinem Chef den Hals umzudrehen. Wie gestehe ich meiner Familie ein, dass ich ihnen nicht die ganze Wahrheit oder eine geschönte Version erzählt hab. Wie geh ich mit meiner Eifersucht um. Dinge, die man sogar einem Freund nur selten anvertrauen würde, werden hier mit Fremden geteilt. «Man ist so krank wie seine Geheimnisse», sagt ein Mitglied. «Wenn du etwas Unangenehmes in dir verschliesst, gärt und wächst es und macht dich krank. An den Meetings findet auch eine Reinigung statt.»

Inzwischen nähert sich das Meeting dem Ende. Alle stehen auf und begeben sich in einen Kreis. Die Hände des Bauarbeiters liegen auf den schmalen Schultern des Bankers, dessen Arm hält ein kleines Punkgirl. Der Abschiedsspruch wird gemeinsam aufgesagt, ohne alle Peinlichkeit, und man versichert sich gegenseitig, dass man wiederkommt.

Keine Hierarchie, keine Gelder von Aussen

Draussen vor dem Meetingsraum rauchen einige, man quatscht. Auf die Frage nach der Organisation, dem Geld und der Hierarchie erklärt mir einer, der schon eine Weile clean ist: «Jedes Meeting ist unabhängig. Die Teilnehmer geben kleine Beträge für Raummiete, Kaffee und den Druck der Flyer, jeder, was er sich leisten kann oder will. Wir lehnen Spenden von aussen ab. Auch stehen wir nie unter Aufsicht, haben nichts mit politischen oder religiösen Gruppen zu tun. Wir sind unabhängig von Justiz, Polizei oder anderen Institutionen, obwohl manche Kliniken und Therapiestationen uns Räume gegen eine kleine Miete zur Verfügung stellen.» Niemand verdiene, alle Arbeiten seien freiwillig. Alle Entscheidungen würden von den anwesenden Gruppenmitgliedern basisdemokratisch gefällt, egal, wie lange sie bei der Gemeinschaft seien. «Wenn Süchtige einander helfen clean zu bleiben, ist das meist erfolgreich.»

Ich frage eine Frau, die noch nicht so lange dabei ist, warum sie an die Meetings gehe. «Ich habe alles andere versucht. Mehrere Entzüge, mehrere stationäre Therapien, es hat nie gereicht, mich lange clean zu halten. Therapeuten in allen Ehren, aber die meisten, die sich professionell mit Sucht beschäftigen, verstehen nicht wirklich, was es bedeutet, süchtig zu sein. Sie sehen die Krankheit von aussen. Als ich an meinem ersten Meeting Leute sah, die schon einige Jahre clean lebten, und deren Lebenslauf sich nicht gross von meinem unterschied, dachte ich mir, von denen kann ich was lernen. Die wissen, wovon sie sprechen.» Sie habe mit dem Prinzip «Nur für heute» die ersten Erfolge verbucht. Damit ist gemeint, dass ein Süchtiger nicht sein Leben lang clean sein muss, sondern nur für heute. Und das einen Tag nach dem anderen. Einen Tag clean zu überstehen ist etwas, das man sich vorstellen kann, das zu bewältigen ist. «Danach habe ich mich ins 12-Schritte-Programm eingearbeitet. Das Programm hilft dir nicht nur clean zu bleiben, sondern ein Mensch zu werden, der keine Drogen mehr nehmen will, um mit sich und seiner Umwelt klar zu kommen.»

Die Leute verabschieden sich, gehen noch gemeinsam etwas trinken oder nach Hause, in ihren normalen Alltag. Ein ganz wenig beneide ich sie um ihre Gemeinschaft, um das Gefühl, grundsätzlich verstanden zu werden, sich öffnen zu können und miteinander verbunden zu sein.

Sex, Drugs & die Jagd nach Glück

Réda El Arbi am Donnerstag den 22. Mai 2014

Partygirls-Front

Nachdem der Stadtblog bereits mit Junkies und einem Casanova unterwegs war, begleiteten wir in dieser lockeren Serie über Leute ausserhalb des moralischen Mainstreams nun eine Nacht lang zwei Partygirls beim Feiern.

Fiona* badet und checkt in der Wanne per SMS das Outfit ihrer Freundin. Man sollte sich absprechen, damit man zueinander passt, aber nicht im Partnerlook daherkommt. Clubben ist eine ernsthafte Sache, die offenbar etwas Vorbereitung braucht. Zuerst mal einen Joint. Das Gras stammt von einem Freund und wird wahrscheinlich irgendwo in der Nordschweiz angebaut.

Ich traf eine halbe Stunde zuvor, es war ca. 21 Uhr, bei Fiona ein. Viel zu früh für einen Samstagabend, an dem man sich nicht vor 1 Uhr aus dem Haus begibt. Fiona wollte heute eigentlich gar nicht raus. Sie geht nicht mehr so oft wie früher in die Clubs feiern, aber sie liebt das Tanzen in Clubs und ist Single – oder eher Mingle. Sie hat einen Lover, der regelmässig vorbeischaut, dem sie sich aber zu nichts verpflichtet fühlt. So kommt es, dass sie nach einer durchfeierten Nacht ab und zu einen Mann mit nach Hause bringt. «Ich liebe es, zu tanzen, und ein wenig geniesse ich auch die Aufmerksamkeit.»

Zählt nicht zu den «Drogen»: Gras aus Schaffhausen

Zählt nicht zu den «Drogen»: Gras 

Sie zieht sich in ihr Umkleidezimmer zurück, probiert verschiedene Outfits an. «Heute nehm ich keine Drogen», erklärt sie beim Umziehen. Mit Drogen meint sie MDMA, andere Pillen, Pilze, Koks oder LSD. Früher habe das eher dazugehört. Gras zählt für sie nicht in diese Kategorie. Alkohol wohl auch nicht. Sie führt ihr gewähltes Kleidchen vor, ein kleines Schwarzes mit tiefem Ausschnitt und beinahe freiem Rücken. Sie wechselt noch zweimal die Schuhe, inzwischen ists kurz vor Mitternacht.

Wir wechseln die Location und holen ihre Freundin Andrea* ab. Andrea ist noch mitten im Klamottendilemma. Röckchen passt nicht zur Frisur, Schuhe nicht zum Röckchen, Jacke nicht zu den Schuhen und überhaupt, das Leben ist scheisse. (An diesem Punkt würde der Autor wohl einen Schnaps trinken, wenn er noch Alkohol trinken würde). Die Damen genehmigen sich eine Flasche Prosecco zum Aufwärmen. Und einen weiteren Joint.

Aufwärmen

Die Reihenfolge der Clubs, die wir später besuchen wollen, wird diskutiert. DJ-Namen, die mir überhaupt nichts sagen, werden gewichtig erwähnt. Wir einigen uns darauf, im Club Zukunft, bzw. in der Bar 3000, zu beginnen und uns dann weiterzuhangeln. Der Club ist überfüllt mit Touristen (Die Zukunft wird inzwischen in allen Reiseführern empfohlen) und einigen Studenten. Oben in der Bar dann die übliche Zürcher Szene: Gute Musik, Leute, die herumstehen, ekstatisch mit dem Fuss wippen und an ihren Drinks nippen. Ein Mann an der Bar kippt Fionas Drink um, einen Hugo, entschuldigt sich auf Englisch und drückt ihr hundert Dollar in die Hand, ohne Hintergedanken, da er den Club gleich darauf verlässt. Ich staune. Andrea langweilt sich, obwohl die Musik gut ist. (Ich muss das sagen, Kollege Sarasin war am Auflegen). Andrea will weg, sie hatte mal was mit einem Freund des Besitzers. Den will sie nicht treffen. Ausserdem sind hier zu viele Pärchen.

Wir ziehen weiter, schauen kurz im Café Gold vorbei und gehen schliesslich in einen Club, dessen Namen ich hier nicht erwähnen will (Es könnte beinahe jeder Club der Stadt sein). Hier ist die Konkurrenz für die Girls gross. Jede Menge gut aussehende Frauen um die dreissig, herausgeputzt und mit cooler Attitüde. Meine Begleitungen verschwinden direkt ans DJ-Pult, um zu tanzen. Ich halte mich im Hintergrund. Einige Männer tanzen heran, aber offenbar ist keiner darunter, der das Interesse der Girls weckt.

«Hast du Koks?» – «Bist du Single?»

Ich gehe hoch in den Raucherraum und setze mich in eine Ecke. Zwei Frauen steuern auf mich zu und beschiessen mich mit umwerfendem Augenaufschlag (Frauen sind hier in Zweier- oder Dreierteams unterwegs). Ob ich Koks hätte, fragen sie mich. Nein, kein Koks, aber Fragen. Ob sie Single sind. Sie kichern und die eine meint mit kokettem Blick: «Mehr oder weniger.» Ob sie auf der Suche nach Sex seien? «Nein, eigentlich nicht, aber wenn sichs ergäbe …» Die eine wird schon ein wenig nervös, zupft die andere am Ärmel und deutet auf einen grossen Typen mit rotem Haar, Bart, Tattoos und Baseballmütze. Er scheint kleine Tütchen mit Koks und einzelne Pillen unter die Leute zu bringen. Ich verschwinde aus ihrer Wahrnehmung und sie trippeln rüber zu ihm.

Der Weg ins emotionale Lala-Land: MDMA

Der Weg ins emotionale Lala-Land: MDMA (Um die Wirkung zu spüren, draufklicken)

Ich gehe wieder runter zu meinen beiden Begleiterinnen. Sie tanzen noch immer vor dem DJ. «Den könnte ich mit nach Hause nehmen», meint Fiona. Ich schau mir den DJ an, und ehrlich, ohne Konkurrenzgedanken, der Kerl sieht einfach nicht gut aus. «Das ist nicht wichtig, er spielt gute Musik.»

Die «richtigen Wichtigen»

An der Bar unterhalte ich mich mit diversen Leuten, aber die Substanz des Gesprächs ist so seicht, dass sogar der Begriff «Smalltalk» eine wohlwollende Bezeichnung wäre. Dann kommen zwei weitere Partygirls, Vanja* und Leah*, die ohne männliche Begleitung im Club sind. Ob man im Zürcher Nachtleben Männer kennen lerne, und ob sich daraus auch Beziehungen ergeben, frage ich. Ja, meint die eine voller Überzeugung. Eine ihrer Freundinnen sei jetzt schon einige Monate mit einem Clubbesitzer zusammen.  Aber es funktioniere nicht immer gut. «Die Konkurrenz ist gross!», sagt sie und erzählt von einer Freundin, die ein Clubverbot habe, weil der Besitzer gerne ein wenig flirte und seine Freundin dermassen eifersüchtig sei, dass sie hübschen Frauen ein Verbot ausspreche. Ich staune. «Viele DJs haben Vorzeigepuppen, Girls, meist jünger, die von Saison zu Saison wechseln.» Aber die seien billig. Die Girls, nicht die DJs natürlich.

Die beiden ärgern sich, dass sie die richtige Aufmerksamkeit von den falschen Typen kriegen. Es gibt eine unklare Klassifizierung für Männer, die irgendwie mit Länge der Zugehörigkeit zur Szene, Job im Nachtleben, Bekanntschaft mit Clubbesitzer und/oder DJ und der Freigiebigkeit mit Drogen zu tun haben muss. Das Ziel ist nicht, mit irgendwem ins Bett zu gehen, sondern mit einem von den Wichtigen.

Wieder im Raucherraum, sehe ich die beiden Kokskäuferinnen von vorher. Die eine knutscht mit einem der letzten Zürcher Hipster, die andere sitzt gelangweilt daneben. Ich setze mich zu ihr und sie erzählt mir von ihrer Jagdstrategie, wenns um Männer geht. «Man will sich nicht mit einem Loser einlassen. Das ist schlecht für den Ruf. Manchmal, so wie jetzt, ist es auch hart. Auf MDMA bin ich voller Zärtlichkeit und suche die Nähe. Da muss sich mein Kopf über mein Knutschbedürfnis hinwegsetzen, weil ich sonst mit irgendeinem Deppen auf dem Sofa lande», sagt sie mit Seitenblick auf ihre Freundin.

Drogen schlagen durch

Überhaupt scheinen die Drogen sich jetzt, um 4.30 Uhr, durchzusetzen. Ein weiteres Partygirl, auch um die dreissig, lehnt sich zu mir und meint, sie fühle sich alleine. Dann wackelt sie mit dem Kopf, um ihren Blick auf mich zu fokussieren, und erklärt mir, dass sie ihren Freund vermisse, der offenbar auf Geschäftsreise ist. Er habe ihr einen Heiratsantrag gemacht.

Draussen vor der Tür, an der frischen Luft, steht ein weiterer Dealer und fragt, ob ich was brauche. Jep, frische Luft, aber die ist eben noch gratis. Neben mir lehnen ein Mann und eine Frau an der Wand. Er erzählt ihr, wie einfühlsam er ist, wie sehr er seine Freundin liebt, auch wenn er sich gut mit anderen Frauen unterhalten könne. Er verstehe die Typen nicht, die nur mit den Frauen ins Bett wollten, nuschelt er in ihren Ausschnitt. (Später seh ich sie auf dem Sofa, seine Hand unter ihrem sparsam bemessenen Röckchen.)

Vor dem DJ-Pult tanzen meine Begleiterinnen vom Anfang des Abends gedankenverloren. Sie werden gerade von zwei anderen Frauen angetanzt und scheinen das auch zu geniessen. Fiona: «Manchmal muss man einfach nur rumknutschen, sich selbst und das Gegenüber spüren, ohne dass es gleich zu Sex kommen muss. Und das geht mit Frauen einfach besser.» Eine andere junge Frau ist nicht so entspannt. Sie tanzt mit starrem Blick und harten Mundwinkeln etwas gekünstelt in einer Ecke, wechselt den Standort, sobald sich ihr jemand nähert, tanzt dann wieder eine Weile, bis neue Jäger auftauchen und sie wieder den Standort wechselt. Es erscheint anstrengend, dauernd durch den ganzen Club zu tanzen, um der Aufmerksamkeit zu entgehen. Wieder an der Bar, macht sich eine junge Dame über meine Fragen lustig: «Wir haben einen Wettbewerb: Wer von uns die meisten Männer herablassend abweist, hat gewonnen.» Als Mann kommt mir das gar nicht so weit hergeholt vor. Welcher Mann hat schon nicht mehrere Abfuhren auf der Tanzfläche abgeholt?

Knutschbedürfnis und Verstand

Bei Vanja im Raucherraum scheint inzwischen das Knutschbedürfnis über den Verstand gesiegt zu haben. Sie liegt/sitzt halb auf einem der alten Sessel und versucht herauszufinden, wie tief sie ihre Zunge in den Hals ihrer neuen Bekanntschaft stecken kann. Ich versuche herauszufinden, ob ihre neue Bekanntschaft zu den «wichtigen Richtigen» gehört oder ein Loser ist. Ich kann es nicht erkennen.

Die Magie der Ekstase verlässt den Raum, die Sonnenstrahlen durchs Oberlicht zeigen, dass man sich in einem Meer von kalten Zigarettenstummeln lümmelt. Unten auf der Tanzfläche bewegen sich die, die sich noch bewegen können, entweder schackig von Koks oder schaumig vom MDMA. Eine Blondine, die man sich gut in einem Grossraumbüro vorstellen kann, teilt mir ungefragt mit, dass sie nur LSD nehme, keine Drogen.

Jetzt ist die Stunde der Hyänen. Männer, die in die Clubs kommen, um jene abzuräumen, die verzweifelt genug sind: Mädchen, die nach einer Nacht mit Avancen von den Losern unter einem angeschlagenen Selbstbewusstsein leiden und sich nicht mehr für begehrenswert halten. Auf dem Klo wird gevögelt, wie ich beim Wasserlassen hören kann, und davor versucht ein Mann zu stehen, der beim Trinken die dünne Linie zwischen Spass und Spastik überschritten hat.

Vor der Tür die Reste der rosa Brille, die das Partyleben erträglich macht.

Vor der Tür die Trümmer der rosa Brille, die das Partyleben erträglich macht.

Ich verabschiede mich von Fiona und Andrea, die mich nur noch am Rande ihrer Pupillen wahrnehmen, und gehe. Es ist kurz vor acht Uhr morgens, und draussen vor dem Club spritzt ein Mann mit einem Schlauch Erbrochenes, Zigaretten und die Reste von Pulverträumen vom Asphalt. Im Tageslicht werfen die Augenringe Schatten.

Mir ist noch nicht ganz klar, ob die Girls Jäger oder Beute sind, aber eine Jagd findet unbestreitbar statt – die Jagd nach Glück. Einige der Girls wurden heute Nacht fündig, die einen bei Drogen, die anderen bei Männern, die dritten bei beidem. Ein kleiner Fetzen Glück zwischen Freitag und Montag. Die Drogen halten ein paar Stunden, die Männer ein paar Tage, bevor sich der Glanz verliert. Die Sehnsucht nach Bestätigung und Erfüllung bleibt treu bei den Mädchen – sonst wären die Clubs am nächsten Wochenende leer.

PS: Die meisten Frauen sagen, dass sie nur zum Tanzen in die Clubs gehen. Nur, keine konnte mir beantworten, warum sie sich dafür zwei Stunden aufbrezeln und das Haus verlassen muss, wenn sie doch die geile Musik auch daheim zum Tanzen zur Verfügung hat. Ich bitte um Aufklärung.