Beiträge mit dem Schlagwort ‘clubs’

Wie man Promis meistert (2)

Thomas Wyss am Samstag den 15. April 2017

Am letzten Samstag konnten wir ja trotz des weiten Umwegs über die frühere Fernsehsendung «Teleboy» imposant aufzeigen, dass heutige Zürcherinnen und Zürcher oft dramatisch überfordert sind, wenn sie unverhofft einem Star nahe kommen.

Als Beweis führten wir die grundsätzlich gut geerdete Frau F. (Name d. Red. bekannt) ins Feld, die in einem Zugabteil plötzlich vis-à-vis von Stephan Eicher landete – er ist im Genre «Schöne Chansons mit Tiefgang plus fast ausnahmslos geglückte Mani-Matter-Coverversionen» ihr grösster Heroe – und darob so sehr die Bodenhaftung verlor (sitzend!, und übrigens in der 2. Klasse, was wiederum zeigt, dass Eichers Bodenhaftung absolut intakt ist), dass sie einer Freundin eine «SOS!»-SMS zukommen lassen musste.

Diese schlug F. vor, sie solle doch Eichers Lied «Déjeuner en paix» summen (natürlich möglichst «gut», damit er tatsächlich eine Chance auf Wiedererkennung bekäme), also poetisch gesagt eine Brücke legen, auf der ihr Eicher mitsummend oder gar redend entgegenkommen könnte.

Der Schlusssatz des Beitrags versuchte dann den Cliffhanger, er lautete: «Warum der Rat doppelt bescheuert war, und wie man solche und ähnlich ‹heisse› Situationen souverän meistert – also Promibegegnungen unbeschadet übersteht –, lesen Sie am Ostersamstag». Das ist heute, genau. Damit sind wir jetzt buchstäblich up to date und können fortfahren. Und das tun wir mit der durchaus bemerkenswerten Bemerkung, dass man im Journalismus – anders als in der Literatur – ersten und letzten Sätzen nie zu viel Bedeutung beimessen sollte. Weil sie häufig mehr versprechen, als sie letztlich einzulösen vermögen. In unserem Fall ist das aber erfreulicherweise grad andersrum: Es wird nämlich noch viel besser, als wir (und Sie!) erwartet hätten!

Grund dafür ist der von uns hochgeschätzte Jack Stark. Wem der Name kein Begriff ist: In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1967 – vor präzis 50 Jahren! – führte Jack die Rolling-Stones-Member Mick Jagger und Brian Jones, die nach ihrem wilden Gig im Hallenstadion noch den Drang nach Party verspürten, zum Privatclub High-Life an der Lessingstrasse. Dort amtete der ältere Securitas Stöckli als Türsteher; die Stones kannte er nicht, doch er wusste, wie Anstand aussieht – weshalb er dem für seinen Geschmack viel zu exzentrischen Jüngling (also Jagger) den Eintritt verwehrte, die attraktive «Blondine» mit Federboa und Schlapphut (also Jones) jedoch passieren liess.

Der hübschen Episode kurzer Sinn: Dr. iur. Herbert «Jack» Stark, der damals als erster Schweizer People-Journalist und Promikenner wirkte, hat spontan zugesagt, uns zu berichten, mit welchen Tricks er sich die Jetsetter und Stars für ein offenes Gespräch oder Interview «gewogen» machte. Es sind wenige goldene Regeln, doch wer sie befolgt, kann jeden Promi meistern.

Dazu aber mehr nächste Woche in Teil 3, hier gibts jetzt die Auflösung des Rätsels, wieso der Rat der Freundin an Frau F. «doppelt bescheuert» war.

1. Eicher trug Kopfhörer, er hätte das Summen also gar nicht gehört.

2. Wenn schon summen, dann sicher keinen seiner Hits (das ist anbiedernd), sondern vielmehr eines der nach wie vor eher unbe- bis ver-kannten Stücke, beispielsweise «Ce soir (je bois)».

Die Unermüdliche

Alex Flach am Montag den 30. Januar 2017
Freundlich hinter der Bar - ohne auszubrennen.

Freundlich hinter der Bar – ohne auszubrennen. Foto: Amanda Nikolic.

Susan Peter steht seit 18 Jahren hinter der Bar des Supermarkets, mit einem ein-, zweijährigen Unterbruch, während dem sie an jener des «alten» Q gearbeitet hat. Dabei war sie den meisten ihrer Gäste (und es waren abertausende) ein bekanntes Gesicht mit einem unbekannten Menschen dahinter: Derweil man als Barkeeper in einer Bar die Musse hat die Leute in Gespräche zu verwickeln, ist das Bartending in einem gut laufenden Club mehr Hochleistungssport mit Marathon-Charakter. Für den Barkeeper und seinen Kunden bleibt keine Zeit sich kennenzulernen, erst recht nicht wenn man an einer 360 Grad-Bar arbeitet wie Susan und die Durstigen nicht nur vor sondern auch hinter einem nach Flüssigem lechzen.

Sie generiert die Job-Nestwärme denn auch nicht aus der Interaktion mit ihren Gästen, sondern aus dem Team: «Die Supermarket-Belegschaft ist eine über viele Jahre zusammengewachsene Familie, heute mehr denn je. Wenn man so lange zusammenarbeitet, dann ist ‚Familie‘ auch keine leere Floskel mehr». Susan ist es wichtig, dass an dieser Stelle der Zusammenhalt im Club hervorgehoben wird.

Sie selbst hat keine Kinder, obschon sie sich früher gerne als Mutter gesehen hätte. Trotzdem ist Babysitten Teil ihres derzeitigen Lebensentwurfs: Sie hat vor zwei Jahren ihren Wochenjob in einer Zahnarztpraxis gekündigt, um sich eine Weile auf die für sie wesentlichen Dinge des Lebens zu fokussieren, und dazu zählen für sie vor allem das Hüten der Kinder einer Freundin und ehemaligen Kollegin, sowie das Kümmern um die betagte Grossmutter. Sie lebt somit ausschliesslich von dem, was sie an der Supermarket-Bar verdient. Sie brauche nicht viel Geld, habe für das Leben, das sie sich ausgesucht hat, auch ihren Lebensstandard auf ein spartanisches Niveau heruntergeschraubt. Das sei es ihr aber wert.

Dass sie ihr Job nicht bereits nach zwei, drei Jahren ausgebrannt hat, wie so viele ihrer Kollegen und Kolleginnen, liegt wohl daran, dass sie den ganzen Trubel und die Hektik im Club als Energiequelle sieht und nicht als etwas, was Energie kostet. An ihrem Job würden ihr alleine Gäste auf die Nerven gehen, die um mehr Wodka im Glas oder um Freidrinks betteln, denen nicht klar sei, dass ein Clubbetrieb Geld kostet: “An der Migros-Kasse fragt ja auch keiner, ob er zu seinem Einkauf noch eine Tafel Schokolade gratis dazu kriegt”.

Warum es dann so viele im Club tun, will auch ihr nicht in den Kopf. Was sie hingegen geniesst, ist die mütterliche Rolle für weibliche Clubgäste, die erst kurz vor ihrem Stellenantritt im Supermarket zur Welt gekommen sind: «Es kommt schon vor, dass ich Mädels sage sie sollen doch bitte auf ihre Freundin aufpassen, die gerade penetrant von einem zwielichtigen Typen angebaggert wird». Susan schmunzelt.

Zum Schluss blickt mich die bescheidene Schwarzhaarige mit den melancholischen Augen entschuldigend an und meint es täte ihr leid, dass sie nicht viel Aufregendes zu erzählen habe: Sie sei halt schon eine eher langweilige Person.

Jetzt muss ich schmunzeln.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Der Gast als Rohstoff

Alex Flach am Montag den 9. Januar 2017
Gäste erst eine Stunde warten lassen und dann evt. abweisen: Das können sich nur Clubs leisten.

Gäste erst eine Stunde warten lassen und dann evt. abweisen: Das können sich nur Clubs leisten.

Das Nachtleben ist ein gutes Geschäft. Zumindest wenn man die Zahlen, welche die Bar- und Clubkommission BCK auf ihrer Page unter der Überschrift «BCK Wirtschaftsdaten 2014» veröffentlicht hat zur Rate zieht: Gemäss der Auswertung einer Stichprobe erwirtschaftete die BCK-Aktivmitglieder 2014 hochgerechnet rund 200 Millionen Umsatz mit durchschnittlich 74`615 Gästen pro Weekend und beileibe nicht alle Nightlife-Mitverdiener sind BCK-Aktivmitglieder.

Ein Chef einer Zürcher Eventagentur mit Partys in Lokalen wie dem Hiltl Club, dem Plaza, dem Nordportal oder dem Mascotte, jonglierte kürzlich auf Facebook mit beeindruckenden Zahlen: Mit 2,75 Events pro Woche, 143 verteilt auf das Jahr 2016, vermochten er und seine Mitstreiter unzählige Besucher anzulocken, die ihnen stattliche Summen in die Kasse spülen. Andere Veranstalter und Clubmacher verzichten auf die Veröffentlichung konkreter Zahlen und posten lieber Fotos der endlos langen Warteschlangen vor ihren Türen um ihren Erfolg zu unterstreichen.

Das Nachtleben ist ein elitäres Geschäft. Wie Lina Giusto in ihrem Beitrag in der Limmattaler Zeitung vom vergangenen Freitag schreibt, feiern «private» Clubs eine Renaissance. Member-Partys und -Clubs, die man nur besuchen kann, wenn ein goldfarbener Member-Anhänger am Schlüssselbund klimpert oder wenn man mit Namen auf einer Liste steht, erfreuen sich eines beeindruckenden Publikumszuspruchs. Andere Party- und Clubmacher setzen auf Mundpropaganda als einziges Promotionsmittel, wiederum andere auf eine harte Selektion an der Tür: Trägt man die falschen Hosen oder die falsche Jacke und hat man obendrein auch noch den falschen Haarschnitt auf dem Kopf, dann wird man vom Selekteur oder der Selekteurin freundlich aber bestimmt weggewiesen.

Kürzlich hat mich Lukas Strejcek, der Chefkoch des Restaurants Camino mit einer Aussage ordentlich aus dem Konzept gebracht. Er sei der Ansicht, dass der Tonfall, den das Nachtleben gegenüber seinen Gästen anschlägt, in der Gastronomie nicht möglich sei. Auf die Erwiderung das Nachtleben sei doch auch Teil der Gastronomie antwortete Strejcek: «Das ist ein anderes Paar Schuhe. Wir im Restaurantbereich können ja mal versuchen den Gast eine Stunde lang draussen in der Kälte stehen zu lassen, nur um ihm dann zu sagen, dass er wieder gehen kann weil er heute Abend nicht ins Gesamtbild passe. Aber wir wissen wohl beide wie das enden würde… Ihr seid auch Gastronomie, ja. Aber wir sind dennoch nur entfernte Verwandte».

Es scheint tatsächlich als ob im zeitgenössischen Nachtleben sehr oft vergessen wird, dass da tatsächlich ein «Gast» in Gastronomie versteckt ist, und dass das Nachtleben zum Wirtschaftszweig Gastronomie zählt. Selbst wenn das Elitäre und das Jonglieren mit Zahlen bei einer bestimmten Gruppe gut anzukommen scheint… wie denken wohl all jene darüber, die nicht zu dieser Gruppe gehören und was hat es für Auswirkungen auf das Nachtleben als Ganzes, wenn sich zu viele Leute ausgeschlossen oder zur Geldquelle degradiert fühlen?

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Provinz bleibt Provinz

Alex Flach am Montag den 7. November 2016
Machen den Stadtclubs keine Konkurrenz: Luca Hänni im Alpenrock

Machen den Stadtclubs keine Konkurrenz: Luca Hänni im Alpenrock.

Für den Stadtzürcher endet der Kanton beim Milchbuck. Hermatswil? Schleinikon? Von einer Ortschaft namens Aesch hat man zwar schon einmal gehört, aber dass es im Kanton Zürich gleich drei Dörfer mit diesem Namen gibt… da staunt der Wiediker und auch der Züribergler wundert sich. Der Städter nimmt den Kantönler nur bei Abstimmungen wahr und dann meistens als «Verhinderer», «Landei» und «Hinterwäldler».

Dabei schielt er jeweils neidisch gen Basel Stadt: «Hach… haben die ein Glück, dass sie sich die Urne nicht mit der Landbevölkerung teilen müssen». Redet man über Clubkultur, dann kennt der Stadtzürcher die Vorgänge in Berlin besser als jene in Winterthur: Le canton de zurich n’existe pas.

Es ist noch gar nicht allzu lange her, dass die kantonalen Nachtlebenmacher ihre städtischen Kollegen das Fürchten lehrten. Bis vor wenigen Jahren war man zwischen Tiefenbrunnen und Bahnhof Altstetten der Meinung, dass die städtischen Clubs durch die rasant anschwellende Konkurrenz auf dem Land in die Bredouille kämen: Nicht nur in der Zürcher Landschaft haben damals die Clubs im Monatstakt eröffnet, sondern auch im Kanton Aargau, dessen junge Bevölkerung einen guten Teil des Publikums in Zürcher Clubs ausmacht. Viele Stadtzürcher Clubbetreiber haben damals dunkle Wolken aufziehen sehen: «Wenn die einen eigenen Club vor der Haustür haben… warum sollten sie dann noch den Weg nach Zürich unter die Räder nehmen?».

Die Sorgenfalten hätten sie sich sparen können, denn so schnell wie das Nachtleben auf dem Land aufgetaucht ist, so plötzlich ist es auch wieder verschwunden. Von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen, konnten sich Clubs mit urbaner Programmierung ausserhalb der grössten und der kantonalen Hauptstädte wie Zürich, Bern oder Basel nirgendwo durchsetzen: Auf dem Land wohnende Ausgeher mit Vorliebe für zeitgenössischen House und Techno haben sich zwar über jede Club-Eröffnung in ihrer Nähe gefreut und dem betreffenden Lokal in den Anfangswochen auch die Ehre erwiesen, sind dann aber nach kurzer Zeit an den Wochenenden wieder nach Basel in den Nordstern oder nach Zürich ins Hive gefahren.

Wer heute an einem Samstagabend über die Stadtgrenzen hinausfährt, um zu gucken, was in Dübi, Effi oder Richti läuft, sollte seine Abneigung gegenüber Shisha Lounges, Pubs und auf Clubmusik machende Hitparadenmucke tunlichst zuhause lassen. Die einzigen Nachtlebenbetriebe, die sich auf dem Land zu etablieren vermochten, sind jene, die gar nicht erst versucht haben auf Stadt zu machen, deren Betreiber sich von Anfang an bewusst waren, dass sie sich an ein Publikum wenden müssen, das nicht in die Stadt fährt, weil es dem dortigen Nightlife nichts abgewinnen kann und dem man ein auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Programm bieten muss. Im Alpenrock in Dietikon läuft Musik von DJ Antoine, im Pirates in Hinwil setzt man auf Classic Rock, Schlager und 80‘s und im Evita in Wetzikon auf einen musikalischen Kessel Buntes und neuerdings auch auf Shishas.

Die städtischen Clubbetreiber können sich zurücklehnen: Ihre Welt endet wieder am Milchbuck.

alex-flach2-150x150-1Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Früher war alles besser!

Alex Flach am Montag den 5. September 2016
Raver Eugen K.: War schon dabei, als alles noch cool war.

Raver Eugen K.: War schon dabei, als alles noch cool war.

Die Ankündigung, dass das Q zurückkommt, hat bei manchem Clubber falsche Hoffnungen geschürt: Was an der Förrlibuckstrasse 151 wiedereröffnet, ist nicht der Techno- und House-Club Q der im Frühjahr 2001 lanciert wurde, sondern das musikalisch breit angelegte Q Zurich der letzten paar Jahre (bis 2013).

Der irreführende Namenswechsel war damals durchaus beabsichtigt: Nach einem Umbau musste das, von Wechseln geprägte, Führungsteam seinen Club wegen der veränderten Rahmenbedingungen auf ein neues Publikum ausrichten, wollte aber nicht auf die Zugkraft der bekannten Nightlife-Marke «Q» verzichten. Insbesondere Einer freut sich ganz und gar nicht über die Reinkarnation dieses Buchstabens: Club Q-Mitgründer und DJ Peter Gogo Sacco. Als er vergangene Woche von dieser Wiedereröffnung und dem Wirbel in den sozialen Medien Wind bekam, schaltete er sich in die Diskussion ein, tat seinen Missmut kund und wurde postwendend von einer Lawine des Wohlwollens verschüttet. Quintessenz: Er wird demnächst eine Club Q-Remember-Party organisieren.

Ob er will oder nicht (Gogo ist ja auch Teil der heute aktiven Clubszene): Damit wird er nicht zuletzt auch die Horden der Nachtleben-Nostalgiker auf den Plan rufen, die nicht müde werden zu monieren, dass früher alles besser gewesen sei. Früher seien die Clubmacher noch mit Herz bei der Sache gewesen, früher hätten die DJs noch mit Vinyl aufgelegt, früher war die Musik schöner, früher war alles familiärer, etcetera, etcetera.

Auf Facebook haben sich die alten Hasen schon einmal mit entsprechenden Statements für Gogos Party angemeldet. Klar: Früher, in den 90er Jahren, war tatsächlich alles familiärer, denn es war die Zeit des Chefbeamten Raphael «Don Raffi» Huber, der keine Gastro-Bewilligungen erteilte, ausser man hat seine Taschen mit Schmiergeld gefüllt. Das Nachtleben verteilte sich auf eine Handvoll Clubs wie das Gothic und die Garage und einige illegale Bars.

Aber war das Reich eines korrupten Beamten tatsächlich besser als das «jeder darf’s versuchen» von heute? Die viel grössere Clubdichte und die damit einhergehende verschärfte Konkurrenz haben dafür gesorgt, dass die heutigen Clubs viel besser klingen als ihre Ahnen. Nicht nur wegen des Fortschritts im Bereich der Soundsysteme, sondern auch weil es viel mehr junge und hungrige DJs und Produzenten gibt: Sie alle müssen sich den Hintern aufreissen um gegen unzählige nicht minder talentierte Konkurrenten bestehen zu können.

Genau hier haust auch die versteckte Anmassung der Club-Nostalgiker, denn mit ihrem «früher war alles besser» sprechen sie der heute aktiven Generation die Fähigkeit ab, es ebenso gut zu machen wie sie und ignorieren dabei die Tatsache, dass eigentlich nur die Euphorie ihrer eigenen Jugend der Gewöhnung Platz gemacht hat: Man kennt’s halt, es ist nicht mehr aufregend. Betrachtet man die grosse Anzahl guter Clubs und die beeindruckende Armee junger Clubmusikanten, dann ist das «früher war alles besser» nur noch seltsam. Es war nicht besser, es war nur anders.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Wieder mehr Rave und weniger Fasnacht

Alex Flach am Montag den 15. August 2016
Einfach tanzen.

Einfach tanzen.

2008 war ein entscheidendes Jahr in der Geschichte der Street Parade. Damals hat der Stadtrat die Sonderbewilligung für Outdoor-Bars und Musikanlagen im Freien während der Street Parade aufgehoben. Nach einer vierjährigen Beobachtungsphase hat Stadtrat Daniel Leupi im März 2012 entschieden auch weiterhin keine Outdoor-Bars zuzulassen. Eine entsprechende Bewilligung würde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wieder zu einem deutlichen Anstieg von verletzten Personen führen: Seit 2008 seien sowohl die Anzahl der Körperverletzungen als auch der Behandlungen durch Schutz & Rettung markant zurückgegangen.

Jedoch hat die Verweigerung dieser Sonderbewilligung auch Schattenseiten. War zuvor die ganze Stadt ein einziger Dancefloor und bereits der Gang zur Strecke Bahnhofstrasse oder das Limmatquai hinunter ein Bass-unterlegtes Happening, gleicht der Zug der Raver zum See heute einem Schweigemarsch, begleitet von kleinen Partyreisegruppen die sich in Seitengassen verstecken um die Drogen für den Tag unter sich aufzuteilen.

Zudem hat sich das Nachtleben mit der Verweigerung der Sonderbewilligung endgültig vom Umzug verabschiedet: Wegen der hohen Kosten, der vielen Auflagen und des enormen Personalaufwands für das Stellen eines Love Mobiles verzichteten circa seit der Jahrtausendwende immer mehr Zürcher Clubs und Veranstalter auf einen eigenen Lastwagen und fokussierten sich stattdessen auf die einträglichen Afterpartys und auf die Organisation von Outdoor-Partys wie jener im Rosenhof am Limmatquai.

Als 2008 diese innerstädtischen Club-Präsenzen während des Umzugs plötzlich keine Bewilligung mehr erhielten, wurde aus der Street Parade der Clubber endgültig ein Karneval für die ganze Familie. Zwar hat das Organisationskomitee diese Entwicklung mit diversen Soundstages etwas dämpfen können, aber es war und ist nicht mehr dasselbe.

Durch die 25. Parade wehte jedoch der leise Hauch von Umkehr. Es waren weniger Familien mit Kindern auszumachen und auch der Anteil an Verkleideten war deutlich kleiner als in früheren Jahren. Dass weniger Familien an der Strecke waren hing sicher mit der Angst vor einem Terroranschlag zusammen – die schrecklichen Bilder aus Nizza gingen wohl auch den 900‘000 Furchtlosen an der Strecke bisweilen durch den Kopf.

Warum sich hingegen immer weniger Leute verkleiden, liess sich gut an einem kleinen Zwischenfall abseits der Strecke ablesen: Als sich einer aus einer Gruppe mit blauen Perücken und ebensolchen Röcken bewehrter Männer im fortgeschrittenen Alter laut wunderte, dass nur vereinzelt andere Fasnächtler auszumachen sind, entgegnete ihm ein vorbeigehender Raver lapidar, dass sich halt nur Deppen verkleiden würden.

Es wäre schön, wenn die kommende Clubber-Generation aus dem Fasching für Jung und Alt wieder ein Anlass der elektronischen Musik machen würde. Jedoch müssten dann die Love Mobiles bezüglich Soundqualität nachziehen: Die schwankte auf vielen Lastwagen auch in diesem Jahr zwischen nervtötend und nicht vorhanden und einfach nur Insomnia von Faithless mit 160 BPM abspielen ist nicht die Art von repräsentativem Beitrag den die Street Parade als grösste Technoparty der Welt zur Musik leisten sollte.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Keine Liebe für Lovemobiles

Alex Flach am Sonntag den 7. August 2016
DJs, die nicht vom Motorengeräusch zu unterscheiden sind: Keine Seltenheit an der Street Parade.

DJs, die nicht vom Motorengeräusch zu unterscheiden sind: Keine Seltenheit an der Street-Parade.

Hierzulande kann man immer häufiger zu Sets von Frauen wie Patrischa, Eli Verveine, Honorée, Frau Hug oder Vanita tanzen. Sie alle spielen in den besten Clubs mit subkultureller Programmierung wie der Friedas Büxe, dem Basler Nordstern oder dem Supermarket. Auch die Bernerin Carol Fernandez vermag sich seit längerer Zeit in der Männerdomäne DJing zu behaupten. Im Unterschied zu den Genannten ist sie aber in sehr kommerziellen Gefilden zuhause, samt Gastauftritten bei der SRF-Sendung Glanz & Gloria. Ähnlich wie die Ostschweizerin Tanja La Croix vermarktet sie sich denn auch nicht primär über ihre Musik, sondern mit peppigen Modelfotos.

An der Street-Parade vor zwei Jahren hat Fernandez ein Zeichen gesetzt, das man trotz Absenz von Absicht als Statement interpretieren kann, und hat den ehemaligen Sidekick von Harald Schmidt und heutigen Ballermann-DJ Oliver Pocher auf ihr Lovemobile gebucht. Klar… dieses Booking war wohl eher das Resultat einer enormen Fehleinschätzung der Ansprüche leidenschaftlicher Raver, aber trotzdem hat sie damit die Entwicklung auf den Punkt gebracht, welche die Zürcher Clubs von der Street-Parade fernhält: Die Musik die von den Lastwagen runterdonnert ist mehr Tortur als Kunst und hat nichts mit dem zu schaffen, was beispielsweise in einem Club Zukunft läuft – dort würde man Pocher und Fernandez wenn nötig mit Gewalt von den Plattentellern fernhalten.

Auch in diesem Jahr lässt einen die Durchsicht der Lovemobile-DJs erschaudern. Klar gibt es Ausnahmen wie beispielsweise das «Mimmo & Friends»-Lovemobile mit DJs wie Dario D’Attis oder Mirco Esposito oder das „Black & White Lovemobile“ auf dem unter anderem das Mad Katz DJ Team zugange ist. Aber alles in allem wünscht man sich bei den meisten Lovemobiles die Motoren wären lauter als das Soundsystem. Ganz anders sieht es hingegen auf den Bühnen aus: Der Street-Parade-Booker Robin Brühlmann hat ganze Arbeit geleistet und seine acht Stages hochkarätig besetzt. Loco Dice, Mind Against, Martin Buttrich, Pan-Pot und Steve Lawler sind nur ein paar der grossen DJs die da spielen.

Vor diesem Hintergrund ist die Idee zu sehen, die neulich in den sozialen Medien aufgetaucht ist, man könnte doch die Lovemobiles abschaffen und die Street-Parade zum elektronischen Festival umbauen. Dieser Gedanke ist nicht neu und es waren bereits zögerliche Ansätze zu beobachten aus der Parade ein mehrtägiges Happening analog der Sonàr in Barcelona zu machen. Jedoch sollte auch dann keinesfalls auf den Lastwagen-Umzug verzichtet werden: Auch wenn der Zürcher die Lovemobiles nur noch als akustisches Ärgernis sieht, so sind doch sie es, die die Street-Parade so einzigartig machen. Egal wie scheusslich der Sound bisweilen ist: Die Lastwagen sind als Herzstück und ultimativer Wiedererkennungswert der Street-Parade nicht ausklammer- oder abschaffbar. Egal wie man’s dreht und wendet: Soll sich was ändern müssen die Clubs mit eigenen Lastwagen zurück an die Strecke. Je früher desto besser.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Um den Sound herum gebaut

Alex Flach am Montag den 18. Juli 2016
Kühle Geometrie für heisse Sommernächte. Clubben im Schiff

Kühle Geometrie für heisse Sommernächte. Clubben im Schiff.

Nicht nur der Sport kennt eine off season, auch das Schweizer Nachtleben. Damit sind die warmen Monate zwischen Ende Mai und Anfang September gemeint, wenn die Clubber ihre Füsse lieber in ein stehendes oder fliessendes Gewässer halten anstatt sie auf eine überdachte Tanzfläche zu setzen. Die Clubmacher eröffnen ein neues Lokal deshalb auch viel lieber im Herbst als im Juli, da ihnen dann eine fulminante Lancierung viel eher gelingt.

Agron Isaku und seine Basler Club-Nordstern-Crew zählen zu den wenigen glücklichen Nightlife-Exponenten, die sich den Luxus leisten können auf solche Regeln keine Rücksicht zu nehmen: Vorgestern Freitag haben sie auf dem Rheinschiff «Expostar» ihren neuen Club vom Stapel laufen lassen und selten hat man gestandene Nachtleben-Grössen wie Arnold Meyer oder Moe Zahowi, den neuen strategischen Leiter des Härterei-Clubs, ähnlich beeindruckt aus der Wäsche gucken sehen.

Das Schiff war zwar bereits früher ein Nachtleben-Betrieb, aber mit dessen anrührendem 70’s-Chic hat der neue Nordstern nichts am Hut: Die Firma WSDG, die beispielsweise auch die Akustik des New Yorker «Jazz at Lincoln Center» verantwortet, hat einen Raum im Raum konzipiert und den Club mit Equipment von L-Acoustics bestückt. Hier hat man also nicht versucht als gegeben angesehene Infrastruktur möglichst gut zu beschallen, hier wurde der Raum um die Akustik herum gebaut, und das mit beeindruckendem Endergebnis.

Der neue Nordstern ist eine Alternative zum state of the art der musikaffinen Schweizer Clubs. Zur Veranschaulichung eignet sich das Zürcher Haus von Klaus (ehemals Kinski Club), das gerade einen eindrücklichen Hype erlebt. Die Betreiberschaft um DJ Nici Faerber und Alain Mehmann (Heaven Club) durfte bei Eröffnung Anfang dieses Jahres nicht eben auf Vorschusslorbeeren bauen – nicht wenige Szeneleute winkten gar verächtlich ab und gaben “dem Laden” ein paar Monate bis zur Aufgabe. Sie haben sich getäuscht. 

Ihr zweigeschossiger Langstrasse-Club sieht ein wenig aus, als sei er von Divine und dem verrückten Hutmacher aus Alice im Wunderland eingerichtet worden: Überall wo man hinschaut gibt es witzige und überraschende Details zu entdecken, alles wirkt zusammengewürfelt und kommt doch zu einem stimmungsvollen Ganzen zusammen. Das Haus von Klaus ist ein mit viel Liebe eingerichteter Do It Yourself-Club, bei dem man annimmt die Besitzer hätten kurz vor Türöffnung die letzte Glühbirne eingedreht und die Einrichtungsgegenstände nochmals zurechtgerückt. Dieser heimelige Charme ist eine Gemeinsamkeit vieler Zürcher und Schweizer Subkultur-Clubs.

Der Nordstern hingegen wirkt auf den ersten Blick kühl und geometrisch, einige fühlen sich bei seinem Anblick gar an den Film Tron mit Jeff Bridges erinnert. Dennoch könnte er ein Blick in eine mögliche Zukunft des Schweizer Clubbings sein. Für die Akustik gebaute Clubs wie der neue Nordstern werden die verspielten Wohnzimmer-Lokale nicht ablösen weil das einfach sehr Vielen gefällt. Müssen sie auch gar nicht: Sie eröffnen eine neue Dimension die mit dem Status Quo eine Koexistenz eingehen kann.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Die 25. Street-Parade

Alex Flach am Montag den 11. Juli 2016
Als die Street Parade noch nicht Massenfasnacht war: 1992 (Bild: Tom Kawarra)

Als die Street-Parade noch ein Kleinkind und kein Mittzwanziger war: 1992 (Bild: Tom Kawara)

Am 13. August zuckeln zum 25. Mal die Lovemobiles durch Zürich und selbst der Street-Parade-Gründer Marek Krinsky hätte sich 1992 wohl nicht träumen lassen, dass sein Umzug 24 Jahre später die Raver noch immer in Massen zu mobilisieren vermag. Dies ist beileibe keine Selbstverständlichkeit, denn die grösste Techno-Party der Welt war zeit ihres Bestehens stets von Feinden umzingelt und stand bereits 1994 das erste Mal vor dem Aus, als der damalige Stadtrat Robert Neukomm sich weigerte, sie ein weiteres Mal zu bewilligen: Sie sei zu laut, sie verschmutze die Strassen und die Innenstadt sei für solche Grossanlässe völlig ungeeignet.

Zudem seien die Initianten ein «unwichtiges Grüppchen» und man könne diesen Umzug doch auch in Basel oder Bern durchführen. Glücklicherweise darf man in der Schweiz irrenden Politikern die Meinung geigen und so machte der Stadtrat nach anhaltenden Protesten der Bevölkerung und der Clubszene einen Rückzieher.

Ironie der Geschichte: Ein Vierteljahrhundert später wird der Stadtrat nicht müde zu betonen, wie wichtig die Street-Parade für das Image Zürichs ist, derweil ihr die Szene demonstrativ den Rücken zukehrt. Selbst anlässlich ihrer diesjährigen Jubiläumsausgabe verweigern ihr die Nachtleben-Macher die Zuneigung: Kein einziger Zürcher Club mit Renommee wird mit einem Lovemobile am Umzug teilnehmen, derweil bis zur Jahrtausendwende noch Rangeleien um die besten Startplätze zu beobachten waren.

Heutzutage wird man auf der Suche nach gewichtigen Zürcher Nightlife-Namen lediglich bei den DJs fündig. Neben international bekannten Star-DJs wie Carl Cox, Chris Liebing, Loco Dice, Mind Against, Martin Buttrich, Steve Lawler, Felix Kroecher, Nic Fanciulli, Pan-Pot und Art Department, werden auch bekannte Zürcher DJs aus (beinahe) sämtlichen bekannten elektronischen Clubmusik-Genres auflegen – und zwar ohne dass der Street-Parade-Booker Robin Brühlmann dafür einen Rappen Gage in die Hand nehmen muss.

Die Turntable-Grössen, die in- wie auch die ausländischen, werden mehrheitlich nicht auf den Lovemobiles ihrem Tagwerk nachgehen, sondern auf einer der acht verschiedenen und entlang der Strecke positionierten Bühnen. Vor allem eine dieser Stages dürften die Herzen der Techno-Nostalgiker höher schlagen lassen und zwar die 25 Years Jubilee Stage mit dem Berliner Loveparade-Gründer Dr. Motte und den Street-Parade-Veteranen Styro 2000, Gogo, Mas Ricardo, Art of Etienne, Cut A Kaos, Madness und Viola.

Trotz der abermaligen Absenz der Zürcher Clubs ist es dem Street-Parade-OK um seinen Präsidenten Joel Meier gelungen, ein beeindruckend besetztes und äusserst vielseitiges Programm auf die Beine zu stellen. Wer weiss: Vielleicht animiert dies doch den einen oder anderen Clubbesitzer sich heimlich an die Street-Parade zu stehlen und Meier zum Jubiläum die Hand zu schütteln. Und selbst wenn nicht: Für ihn und seine Kollegen wird der 13. August wohl trotzdem ein sehr erfolgreicher und schöner (wenn auch anstrengender) Tag. Zum Jubiläum jedenfalls nur das Beste, liebe Street-Parade.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Frauenquote im Club

Alex Flach am Montag den 4. Juli 2016
Ist das Geschlechterverhältnis nicht ausgeglichen, kann die Party schnell langweilig werden.

Ist das Geschlechterverhältnis nicht ausgeglichen, kann die Party schnell langweilig werden.

Die sozialen Medien geben dem Volksgemüt ein Gesicht und das guckt oft empört, dann wieder erzürnt und bisweilen steht ihm vor Entsetzen der Mund weit offen. Hat man früher den Unmut über des Lebens Unfairness in einen Leserbrief abgefüllt oder ihm mit einer leidenschaftlichen Rede am Stammtisch Ausdruck verliehen, so widmet man ihm heute einen Status auf Facebook und lässt sich diesen von seinen Freunden liken. Doch manchmal, bei wahrhaft skandalösen Ungerechtigkeiten und wenn die ganze Welt davon erfahren soll, braucht man ein grösseres Ventil um Dampf abzulassen. Dann ruft man die Zeitung an.

So auch die 23jährige 20minuten-Leserin J.K., die solch unfassbarem Leid Gewahr wurde, sodass sie sich nicht mehr anders zu helfen wusste. Hier ihre Geschichte: «Mich hat vor dem Zürcher Club Plaza ein verzweifelter Mann angesprochen – er habe für den Abschluss der Offiziersschule extra eine Lounge reserviert, um dies mit seinen Kollegen zu feiern. Weil die Gruppe aus rund zehn Typen ohne Frau bestand, wurde ihr der Einlass verwehrt. Ich und meine zwei Freundinnen hatten Mitleid mit ihnen und sind mit den Jungs zum Türsteher. Doch auch das reichte nicht: Der Security beharrte auf einer Frauenquote von 50 Prozent und liess deshalb nur einen Teil der Gruppe in den Club. Ich finde das unfair».

J.K.s Klagelied stiess nicht auf taube Ohren: Nach 122 Leserkommentaren musste die Onlineredaktion des 20minuten die Kommentarfunktion wegen „der hohen Zahl eingehender Meinungsbeiträge zum aktuellen Thema“ schliessen. Am meisten Zustimmung (sagenhafte 696 Likes) fand ein Kommentar mit dem Titel «Feministen am Werk»: «Der Herr Angst (Mitglied Geschäftsleitung Plaza) hat wohl Angst und die Feministin vergleicht Äpfel mit Birnen. Anstatt dass man schaut, dass Frauen gleich viel verdienen wie Männer, sorgt man nun einfach dafür, dass Männer andere Nachteile im Leben als Frauen bekommen. Super Sache! Ausserdem: Wieso muss die Tanzfläche attraktiv wirken? Geht es in Clubs nur noch darum andere aufzureissen? Klingt für mich auch sehr sexistisch. Und wegen einigen Raufbolden die sich nicht zu benehmen wissen, alle Männer in die gleiche Schublade zu stecken, geht auch überhaupt nicht!».

Mal abgesehen davon, dass das Plaza leider nicht viel dazu beitragen kann, dass Frauen gleich viel verdienen wie Männer: Bei dieser 50%-Regelung geht es nicht um Raufbolde, sondern um ein möglichst ausgeglichenes Geschlechterverhältnis – ein dauerhaft zu hoher Männeranteil bedeutet für jeden Clubmacher auf lange Sicht das Aus, Betreiber von Schwulenclubs natürlich ausgenommen. Zudem: Eine Tanzfläche muss selbstverständlich attraktiv wirken.

Je länger man der Stampede der Entrüsteten unter dem 20minuten-Artikel zusah, umso klarer manifestierten sich zwei Fragen: Wann sind wir zu den peinlichen Wohlstands-Luschen geworden, die wegen Lounge-Reservationen(!) ein solches Tamtam veranstalten und wann ist es legitim geworden, sowas Unbedeutendes wie das hier auf eine Stufe mit geschlechterspezifischer Benachteiligung im Berufsleben zu hieven?

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.