Beiträge mit dem Schlagwort ‘clubs’

Turntable-Sexismus

Alex Flach am Montag den 26. Juni 2017
DJ Konstantin hält Platten auflegen für einen Männerberuf. Wegen des Barts?

DJ Konstantin hält Platten auflegen für einen Männerberuf. Wegen des Barts?

«Ich empfinde es als ungerecht, dass weibliche DJs zurzeit so sehr gefördert werden, obwohl sie meist schlechter auflegen als Männer. Für Frauen ist es wesentlich einfacher, als DJ erfolgreich zu werden, da die wenigen Frauen, die sich für das Auflegen interessieren, unverhältnismässig gepusht werden. Frauen, die eine Karriere in dem von Männern dominierten DJ-Business anstreben, verlieren ihre ‘weiblichen Qualitäten’ und ‘vermännlichen’ zusehends.»

Es ist eine Weile her, dass im Nachtleben Sätze für ähnlich viel Furore gesorgt haben wie diese von DJ Konstantin, Mitgründer des Weimarer Technolabels Giegling, die er einer Groove Magazin-Autorin ins Notizbuch diktiert hat. Die Entschuldigung Konstantins, die Journalistin hätte ihn und seinen schlechten Humor missverstanden, wirkt reichlich verlogen, haben die beiden Giegling-Mitglieder Dustin und Frauke die Ansichten ihres Kollegen doch bereits im selben Artikel bestätigt, in dem dieser seinen sexistischen Nonsense zum Besten gegeben hat:

Diese seien «im Kollektiv eine explizite, wenn auch nicht unbekannte, Einzelmeinung, die nichts mit den Ansichten der restlichen Labelmitglieder zu tun hat». Warum DJing ein Männerberuf sein soll, geht aus seinen bisherigen Statements nicht hervor (von hanebüchenen Aussagen zur Inhärenz des männlichen Macht- und Geltungsdrangs abgesehen): Es gibt keine zentnerschweren DJ-Koffer mehr zu schleppen und zwei, drei Stunden am DJ-Pult stehen und sich zwischendurch einen Drink einschenken kann man nun wirklich nicht als körperliche Schwerstarbeit taxieren. Bleibt also nur die Erklärung, dass in Konstantins klitzekleiner Welt Frauen weniger Sinn und Gespür für die Musik und den Umgang mit ihr haben. Das zu beweisen dürfte Konstantin angesichts der vielen weiblichen Turntable-Grössen wie beispielsweise Magda, Black Madonna, Anja Schneider, Ellen Allien oder Monika Kruse allerdings schwer fallen.

Ein bisschen Kopfnuss-Shitstorm hätte dem Ewiggestrigen also bestimmt ganz gut getan. Was da aber über ihn und sein Label hereingebrochen ist, ist ein brauner Online- und Fachpresse-Tornado, inklusive vereinzelter Buchungsstornierungen von Festivals für Giegling – im Clubbing existiert die Kollektivstrafe offenbar noch. Das wiederum zeugt nun von ziemlicher Verlogenheit seitens Nightlife-Community, denn auch die erdrückende Mehrheit der Schweizer Clubs wurde von Männern erdacht, von Männern gebaut, werden von Männern geführt und nicht zuletzt auch mehrheitlich von Männern bespielt. Konstantin hat eigentlich nur ausgesprochen, womit sich Frauen Wochenende für Wochenende konfrontiert sehen, mit der Tatsache, dass sie vor allem Konsumations-Anheizerchen für paarungswillige Männchen sind, ob vor oder hinter der Bar.

Die Aufregung um Konstantins Chauvinisten-Geseiere in Ehren, aber wenn sich die Herren Clubmacher, Veranstalter, etc. abgeregt haben, könnten sie das Ganze doch zum Anlass nehmen, sich des bisweilen irritierenden Frauenmangels in ihrem direkten Umfeld anzunehmen. Wenn weibliche Gäste doch so gut fürs Geschäft sind … könnte man da nicht mal einer Frau strategische Verantwortung übertragen?

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Basel ist nicht Zürich

Alex Flach am Montag den 22. Mai 2017
Es lebt! Basler Nachtleben an der Heuwaage, Früher Techno , heute RnB und Hiphop.

Oft Totgesagte leben öfter länger: Basels Nachtleben lebt!

Im Basler Nachtleben drücken sich Champagnerlaune und Katerstimmung im Wechselspiel die Klinke in die Hand. Derzeit – wegen des Closings der Hinterhof Bar an diesem Wochenende – scheint dort die allgemeine Gemütsverfassung gerade wieder auf «düster» zu stehen. Nicht auf «zappenduster» wie vor rund anderthalb Jahren, als die Basler Nightlife-Affinen fürchten mussten in Bälde ihre gesamte Clublandschaft zu verlieren, aber doch genug, um Thom Nagy und Olivier Joliat zu einem ausführlichen Beitrag in der Basler Tageswoche zu animieren, der auch in der Zürcher Community Aufsehen erregt hat.

Das Problem verorten die beiden Autoren in der Einwohnerzahl Basels: «Im Jahr zwei nach dem grossen Clubsterben spielt das Basler Nachtleben auf Weltklasseniveau. In einer Stadt mit 200’000 Einwohnern ist das ein Problem».

Auch Zürich kann bezüglich Grösse nicht mit Metropolen wie Berlin, Paris oder London mithalten und auch hier stehen die Untergangspropheten an den Clubecken und prophezeihen das nahe Ende. Andere verkünden bei jeder Gelegenheit, wie man es besser machen könnte. In Tat und Wahrheit, gibt es nicht viel zu verbessern: Die Politik ist dem Nachtleben wohlgesonnen wie nirgendwo sonst, nicht wenige behaupten Zürich hätte die grösste Clubdichte Europas und selbst in diesem, bis auf den letzten Platz besetzten, Umfeld kann man mit einer Neueröffnung noch reüssieren, wenn man beim Publikum die richtigen Knöpfe zu drücken weiss – die Macher des Klaus Clubs haben das eben erst eindrücklich bewiesen.

Das Zürcher Nachtleben ist immens facettenreich und vom Ultrakommerz-Club bis zum Musik-Club für höchste Ansprüche, wird hier jeder Gusto bedient. Natürlich: Es ist kein Geheimnis, dass ein paar der Club-Eröffnungen der letzten Jahre Rohrkrepierer waren und dass ein, zwei neue Clubs gerade auf dem «besten» Weg sind welche zu werden. Die Schuld für all diese Havarien ist aber meist nicht bei einem rückläufigen Ausgehbedürfnis des Zielpublikums zu suchen, sondern bei den jeweiligen Betreibern: Oft sind sie Hasardeure mit einer erschreckenden Ignoranz gewissen (sprichwörtlich existenziellen) Punkten wie Rahmenbedingungen oder Finanzplanung gegenüber.

Nichtsdestotrotz: Das Zürcher Nachtleben ist im Markt angekommen, ist ein Teil desselben wie alle anderen Wirtschaftsfelder ebenfalls, und nun spielen halt Angebot und Nachfrage. Wer Rückschlüsse von den aktuellen Zuständen in Basel auf Zürich zieht, der vergleicht Leckerli mit Tirggeln und übergeht auch nonchalant die Tatsache, dass Zürich tatsächlich über doppelt so viele Einwohner verfügt wie die Stadt im äussersten Nordwesten des Landes.

Zudem kämpft Basels Nachtleben mit einem weiteren Standortnachteil, den Nagy und Joliat in ihrem Beitrag nicht erwähnen, einem stark eingeschränkten Einzugsgebiet nämlich. Die Zürcher Clubs würden ohne die Gäste aus dem Aargau, aus Schwyz, Luzern und dem Zürcher Norden nicht laufen. Basler Clubs hingegen haben gegen Norden und Westen kein Publikum, weil sich die Deutschen und Franzosen die hiesigen Eintritts- und Getränkepreise nicht leisten können.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof Basel, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Zuerst Fegefeuer, dann Zürichsee

Beni Frenkel am Donnerstag den 18. Mai 2017

Mit dem Schiff auf dem Zürichsee vom Bürkliplatz Richtung Küsnacht. (Foto: Beni Frenkel)

Vor zwölf Jahren verlobte ich mich. Damals lief auf MTV die Serie «My Super Sweet 16». Die Story: Daddy organisiert eine kleine Geburtstagsparty für die Tochter. Nur die tausend besten Freundinnen sind eingeladen. Das dicke Geburtstagskind kriegt von den Eltern einen pinkfarbenen Porsche und eine Brustvergrösserung.

Ich wollte meinen Gästen auch etwas Besonderes bieten. Darum mietete ich ein Schiff. Mein Geld reichte für das Motorschiff Zimmerberg und für die Strecke Bürkliplatz–Zürichhorn. Auf einen Apéro mussten die Gäste leider verzichten. Das hätte sich finanziell, aber vor allem zeitlich, kaum gelohnt. Die Fahrt dauert nur 13 Minuten.

In den letzten 12 Jahren ging ich dann nie wieder auf ein Schiff.

Warum auch? Sorry, aber ich gehöre zu den 100 coolsten Zürchern. Mich trifft man nicht auf einem ZSG-Schiff, sondern in den angesagten Clubs. Ich bin so cool, ich könnte der nächste Trauzeuge von Melanie Winiger sein.

Trotzdem, am Montagabend wollte ich wieder einmal mit einem ZSG-Schiff fahren. Ich sage zur Ticketverkäuferin am Bürkliplatz: Buchen Sie mir das nächste Schiff nach Küsnacht

Die Menschen stürmen alle aufs Oberdeck. Ich setze mich im Restaurant hin. Ein fröhlicher Kellner quatscht mich an. Ich will ihn loswerden und bestelle einen Kaffee. Er schnattert: und gewiss auch eine Kirschtorte, hahaha! Nein, ich bin Diabetiker. Er entschuldigt sich sofort und schleicht davon

Aber gleich kommt der nächste Komiker angetanzt. Ein Billettkontrolleur. Er schunkelt wie Käpt’n Blaubär von links nach rechts. Warum sind hier alle auf LSD? Hoffentlich ist der Typ nüchtern, der das Schifffährt.

Ich gucke aus dem Fenster. Das Zürichhorn ist längst hinter uns. Als ich noch Primarschullehrer war, da habe ich in der 5. Klasse immer erwähnt, dass Wissenschaftler herausgefunden haben, dass im Zürichsee dreimal die Menschheit Platz fände. So tief ist der Zürichsee. Ich habe während des Unterrichts häufig Blödsinn erzählt. Das Schöne am Unterrichten ist ja, dass dir alle glauben. Du musst nur sagen: «Wissenschaftler haben herausgefunden», und das Publikum gehört dir. Manchmal hatte ich leider kritische Schüler. Sehr unangenehm. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Lehrer drei natürliche Feinde kennen: dumme, kluge und kritische Schüler.

Wir halten in Küsnacht-Heslibach. Niemand steigt ein oder aus. Überhaupt, nur wenige Menschen befinden sich auf Schiff. Eine hübsche Blondine sitzt drei Sitzreihen links von mir. Im Club Es Paradis auf Ibiza würde ich die Lady natürlich ansprechen. Aber sicher nicht in Küsnacht Heslibach.

Nach Erlenbach überqueren wir den See. In der Ferne sehe ich einen Wasserskifahrer. Das sieht toll aus. Als leidenschaftlicher Cineast kommt mir gleich ein Sexfilm in den Sinn. Wie hiess der Film schon wieder? Keine Ahnung. Ich schalte immer den Ton aus. Im Film kommt ein Typ mit Sonnenbrille vor. Er hat eine Jacht mit 20 Frauen, die miteinander schnackseln.

Schäm dich, Beni! Immer diese Gedanken. Hoffentlich kommst du ins Fegefeuer (als Läuterung) und nachher in den Zürichsee (zur Abkühlung).

Wie man Promis meistert (2)

Thomas Wyss am Samstag den 15. April 2017

Am letzten Samstag konnten wir ja trotz des weiten Umwegs über die frühere Fernsehsendung «Teleboy» imposant aufzeigen, dass heutige Zürcherinnen und Zürcher oft dramatisch überfordert sind, wenn sie unverhofft einem Star nahe kommen.

Als Beweis führten wir die grundsätzlich gut geerdete Frau F. (Name d. Red. bekannt) ins Feld, die in einem Zugabteil plötzlich vis-à-vis von Stephan Eicher landete – er ist im Genre «Schöne Chansons mit Tiefgang plus fast ausnahmslos geglückte Mani-Matter-Coverversionen» ihr grösster Heroe – und darob so sehr die Bodenhaftung verlor (sitzend!, und übrigens in der 2. Klasse, was wiederum zeigt, dass Eichers Bodenhaftung absolut intakt ist), dass sie einer Freundin eine «SOS!»-SMS zukommen lassen musste.

Diese schlug F. vor, sie solle doch Eichers Lied «Déjeuner en paix» summen (natürlich möglichst «gut», damit er tatsächlich eine Chance auf Wiedererkennung bekäme), also poetisch gesagt eine Brücke legen, auf der ihr Eicher mitsummend oder gar redend entgegenkommen könnte.

Der Schlusssatz des Beitrags versuchte dann den Cliffhanger, er lautete: «Warum der Rat doppelt bescheuert war, und wie man solche und ähnlich ‹heisse› Situationen souverän meistert – also Promibegegnungen unbeschadet übersteht –, lesen Sie am Ostersamstag». Das ist heute, genau. Damit sind wir jetzt buchstäblich up to date und können fortfahren. Und das tun wir mit der durchaus bemerkenswerten Bemerkung, dass man im Journalismus – anders als in der Literatur – ersten und letzten Sätzen nie zu viel Bedeutung beimessen sollte. Weil sie häufig mehr versprechen, als sie letztlich einzulösen vermögen. In unserem Fall ist das aber erfreulicherweise grad andersrum: Es wird nämlich noch viel besser, als wir (und Sie!) erwartet hätten!

Grund dafür ist der von uns hochgeschätzte Jack Stark. Wem der Name kein Begriff ist: In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1967 – vor präzis 50 Jahren! – führte Jack die Rolling-Stones-Member Mick Jagger und Brian Jones, die nach ihrem wilden Gig im Hallenstadion noch den Drang nach Party verspürten, zum Privatclub High-Life an der Lessingstrasse. Dort amtete der ältere Securitas Stöckli als Türsteher; die Stones kannte er nicht, doch er wusste, wie Anstand aussieht – weshalb er dem für seinen Geschmack viel zu exzentrischen Jüngling (also Jagger) den Eintritt verwehrte, die attraktive «Blondine» mit Federboa und Schlapphut (also Jones) jedoch passieren liess.

Der hübschen Episode kurzer Sinn: Dr. iur. Herbert «Jack» Stark, der damals als erster Schweizer People-Journalist und Promikenner wirkte, hat spontan zugesagt, uns zu berichten, mit welchen Tricks er sich die Jetsetter und Stars für ein offenes Gespräch oder Interview «gewogen» machte. Es sind wenige goldene Regeln, doch wer sie befolgt, kann jeden Promi meistern.

Dazu aber mehr nächste Woche in Teil 3, hier gibts jetzt die Auflösung des Rätsels, wieso der Rat der Freundin an Frau F. «doppelt bescheuert» war.

1. Eicher trug Kopfhörer, er hätte das Summen also gar nicht gehört.

2. Wenn schon summen, dann sicher keinen seiner Hits (das ist anbiedernd), sondern vielmehr eines der nach wie vor eher unbe- bis ver-kannten Stücke, beispielsweise «Ce soir (je bois)».

Die Unermüdliche

Alex Flach am Montag den 30. Januar 2017
Freundlich hinter der Bar - ohne auszubrennen.

Freundlich hinter der Bar – ohne auszubrennen. Foto: Amanda Nikolic.

Susan Peter steht seit 18 Jahren hinter der Bar des Supermarkets, mit einem ein-, zweijährigen Unterbruch, während dem sie an jener des «alten» Q gearbeitet hat. Dabei war sie den meisten ihrer Gäste (und es waren abertausende) ein bekanntes Gesicht mit einem unbekannten Menschen dahinter: Derweil man als Barkeeper in einer Bar die Musse hat die Leute in Gespräche zu verwickeln, ist das Bartending in einem gut laufenden Club mehr Hochleistungssport mit Marathon-Charakter. Für den Barkeeper und seinen Kunden bleibt keine Zeit sich kennenzulernen, erst recht nicht wenn man an einer 360 Grad-Bar arbeitet wie Susan und die Durstigen nicht nur vor sondern auch hinter einem nach Flüssigem lechzen.

Sie generiert die Job-Nestwärme denn auch nicht aus der Interaktion mit ihren Gästen, sondern aus dem Team: «Die Supermarket-Belegschaft ist eine über viele Jahre zusammengewachsene Familie, heute mehr denn je. Wenn man so lange zusammenarbeitet, dann ist ‚Familie‘ auch keine leere Floskel mehr». Susan ist es wichtig, dass an dieser Stelle der Zusammenhalt im Club hervorgehoben wird.

Sie selbst hat keine Kinder, obschon sie sich früher gerne als Mutter gesehen hätte. Trotzdem ist Babysitten Teil ihres derzeitigen Lebensentwurfs: Sie hat vor zwei Jahren ihren Wochenjob in einer Zahnarztpraxis gekündigt, um sich eine Weile auf die für sie wesentlichen Dinge des Lebens zu fokussieren, und dazu zählen für sie vor allem das Hüten der Kinder einer Freundin und ehemaligen Kollegin, sowie das Kümmern um die betagte Grossmutter. Sie lebt somit ausschliesslich von dem, was sie an der Supermarket-Bar verdient. Sie brauche nicht viel Geld, habe für das Leben, das sie sich ausgesucht hat, auch ihren Lebensstandard auf ein spartanisches Niveau heruntergeschraubt. Das sei es ihr aber wert.

Dass sie ihr Job nicht bereits nach zwei, drei Jahren ausgebrannt hat, wie so viele ihrer Kollegen und Kolleginnen, liegt wohl daran, dass sie den ganzen Trubel und die Hektik im Club als Energiequelle sieht und nicht als etwas, was Energie kostet. An ihrem Job würden ihr alleine Gäste auf die Nerven gehen, die um mehr Wodka im Glas oder um Freidrinks betteln, denen nicht klar sei, dass ein Clubbetrieb Geld kostet: “An der Migros-Kasse fragt ja auch keiner, ob er zu seinem Einkauf noch eine Tafel Schokolade gratis dazu kriegt”.

Warum es dann so viele im Club tun, will auch ihr nicht in den Kopf. Was sie hingegen geniesst, ist die mütterliche Rolle für weibliche Clubgäste, die erst kurz vor ihrem Stellenantritt im Supermarket zur Welt gekommen sind: «Es kommt schon vor, dass ich Mädels sage sie sollen doch bitte auf ihre Freundin aufpassen, die gerade penetrant von einem zwielichtigen Typen angebaggert wird». Susan schmunzelt.

Zum Schluss blickt mich die bescheidene Schwarzhaarige mit den melancholischen Augen entschuldigend an und meint es täte ihr leid, dass sie nicht viel Aufregendes zu erzählen habe: Sie sei halt schon eine eher langweilige Person.

Jetzt muss ich schmunzeln.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Der Gast als Rohstoff

Alex Flach am Montag den 9. Januar 2017
Gäste erst eine Stunde warten lassen und dann evt. abweisen: Das können sich nur Clubs leisten.

Gäste erst eine Stunde warten lassen und dann evt. abweisen: Das können sich nur Clubs leisten.

Das Nachtleben ist ein gutes Geschäft. Zumindest wenn man die Zahlen, welche die Bar- und Clubkommission BCK auf ihrer Page unter der Überschrift «BCK Wirtschaftsdaten 2014» veröffentlicht hat zur Rate zieht: Gemäss der Auswertung einer Stichprobe erwirtschaftete die BCK-Aktivmitglieder 2014 hochgerechnet rund 200 Millionen Umsatz mit durchschnittlich 74`615 Gästen pro Weekend und beileibe nicht alle Nightlife-Mitverdiener sind BCK-Aktivmitglieder.

Ein Chef einer Zürcher Eventagentur mit Partys in Lokalen wie dem Hiltl Club, dem Plaza, dem Nordportal oder dem Mascotte, jonglierte kürzlich auf Facebook mit beeindruckenden Zahlen: Mit 2,75 Events pro Woche, 143 verteilt auf das Jahr 2016, vermochten er und seine Mitstreiter unzählige Besucher anzulocken, die ihnen stattliche Summen in die Kasse spülen. Andere Veranstalter und Clubmacher verzichten auf die Veröffentlichung konkreter Zahlen und posten lieber Fotos der endlos langen Warteschlangen vor ihren Türen um ihren Erfolg zu unterstreichen.

Das Nachtleben ist ein elitäres Geschäft. Wie Lina Giusto in ihrem Beitrag in der Limmattaler Zeitung vom vergangenen Freitag schreibt, feiern «private» Clubs eine Renaissance. Member-Partys und -Clubs, die man nur besuchen kann, wenn ein goldfarbener Member-Anhänger am Schlüssselbund klimpert oder wenn man mit Namen auf einer Liste steht, erfreuen sich eines beeindruckenden Publikumszuspruchs. Andere Party- und Clubmacher setzen auf Mundpropaganda als einziges Promotionsmittel, wiederum andere auf eine harte Selektion an der Tür: Trägt man die falschen Hosen oder die falsche Jacke und hat man obendrein auch noch den falschen Haarschnitt auf dem Kopf, dann wird man vom Selekteur oder der Selekteurin freundlich aber bestimmt weggewiesen.

Kürzlich hat mich Lukas Strejcek, der Chefkoch des Restaurants Camino mit einer Aussage ordentlich aus dem Konzept gebracht. Er sei der Ansicht, dass der Tonfall, den das Nachtleben gegenüber seinen Gästen anschlägt, in der Gastronomie nicht möglich sei. Auf die Erwiderung das Nachtleben sei doch auch Teil der Gastronomie antwortete Strejcek: «Das ist ein anderes Paar Schuhe. Wir im Restaurantbereich können ja mal versuchen den Gast eine Stunde lang draussen in der Kälte stehen zu lassen, nur um ihm dann zu sagen, dass er wieder gehen kann weil er heute Abend nicht ins Gesamtbild passe. Aber wir wissen wohl beide wie das enden würde… Ihr seid auch Gastronomie, ja. Aber wir sind dennoch nur entfernte Verwandte».

Es scheint tatsächlich als ob im zeitgenössischen Nachtleben sehr oft vergessen wird, dass da tatsächlich ein «Gast» in Gastronomie versteckt ist, und dass das Nachtleben zum Wirtschaftszweig Gastronomie zählt. Selbst wenn das Elitäre und das Jonglieren mit Zahlen bei einer bestimmten Gruppe gut anzukommen scheint… wie denken wohl all jene darüber, die nicht zu dieser Gruppe gehören und was hat es für Auswirkungen auf das Nachtleben als Ganzes, wenn sich zu viele Leute ausgeschlossen oder zur Geldquelle degradiert fühlen?

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Provinz bleibt Provinz

Alex Flach am Montag den 7. November 2016
Machen den Stadtclubs keine Konkurrenz: Luca Hänni im Alpenrock

Machen den Stadtclubs keine Konkurrenz: Luca Hänni im Alpenrock.

Für den Stadtzürcher endet der Kanton beim Milchbuck. Hermatswil? Schleinikon? Von einer Ortschaft namens Aesch hat man zwar schon einmal gehört, aber dass es im Kanton Zürich gleich drei Dörfer mit diesem Namen gibt… da staunt der Wiediker und auch der Züribergler wundert sich. Der Städter nimmt den Kantönler nur bei Abstimmungen wahr und dann meistens als «Verhinderer», «Landei» und «Hinterwäldler».

Dabei schielt er jeweils neidisch gen Basel Stadt: «Hach… haben die ein Glück, dass sie sich die Urne nicht mit der Landbevölkerung teilen müssen». Redet man über Clubkultur, dann kennt der Stadtzürcher die Vorgänge in Berlin besser als jene in Winterthur: Le canton de zurich n’existe pas.

Es ist noch gar nicht allzu lange her, dass die kantonalen Nachtlebenmacher ihre städtischen Kollegen das Fürchten lehrten. Bis vor wenigen Jahren war man zwischen Tiefenbrunnen und Bahnhof Altstetten der Meinung, dass die städtischen Clubs durch die rasant anschwellende Konkurrenz auf dem Land in die Bredouille kämen: Nicht nur in der Zürcher Landschaft haben damals die Clubs im Monatstakt eröffnet, sondern auch im Kanton Aargau, dessen junge Bevölkerung einen guten Teil des Publikums in Zürcher Clubs ausmacht. Viele Stadtzürcher Clubbetreiber haben damals dunkle Wolken aufziehen sehen: «Wenn die einen eigenen Club vor der Haustür haben… warum sollten sie dann noch den Weg nach Zürich unter die Räder nehmen?».

Die Sorgenfalten hätten sie sich sparen können, denn so schnell wie das Nachtleben auf dem Land aufgetaucht ist, so plötzlich ist es auch wieder verschwunden. Von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen, konnten sich Clubs mit urbaner Programmierung ausserhalb der grössten und der kantonalen Hauptstädte wie Zürich, Bern oder Basel nirgendwo durchsetzen: Auf dem Land wohnende Ausgeher mit Vorliebe für zeitgenössischen House und Techno haben sich zwar über jede Club-Eröffnung in ihrer Nähe gefreut und dem betreffenden Lokal in den Anfangswochen auch die Ehre erwiesen, sind dann aber nach kurzer Zeit an den Wochenenden wieder nach Basel in den Nordstern oder nach Zürich ins Hive gefahren.

Wer heute an einem Samstagabend über die Stadtgrenzen hinausfährt, um zu gucken, was in Dübi, Effi oder Richti läuft, sollte seine Abneigung gegenüber Shisha Lounges, Pubs und auf Clubmusik machende Hitparadenmucke tunlichst zuhause lassen. Die einzigen Nachtlebenbetriebe, die sich auf dem Land zu etablieren vermochten, sind jene, die gar nicht erst versucht haben auf Stadt zu machen, deren Betreiber sich von Anfang an bewusst waren, dass sie sich an ein Publikum wenden müssen, das nicht in die Stadt fährt, weil es dem dortigen Nightlife nichts abgewinnen kann und dem man ein auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Programm bieten muss. Im Alpenrock in Dietikon läuft Musik von DJ Antoine, im Pirates in Hinwil setzt man auf Classic Rock, Schlager und 80‘s und im Evita in Wetzikon auf einen musikalischen Kessel Buntes und neuerdings auch auf Shishas.

Die städtischen Clubbetreiber können sich zurücklehnen: Ihre Welt endet wieder am Milchbuck.

alex-flach2-150x150-1Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Früher war alles besser!

Alex Flach am Montag den 5. September 2016
Raver Eugen K.: War schon dabei, als alles noch cool war.

Raver Eugen K.: War schon dabei, als alles noch cool war.

Die Ankündigung, dass das Q zurückkommt, hat bei manchem Clubber falsche Hoffnungen geschürt: Was an der Förrlibuckstrasse 151 wiedereröffnet, ist nicht der Techno- und House-Club Q der im Frühjahr 2001 lanciert wurde, sondern das musikalisch breit angelegte Q Zurich der letzten paar Jahre (bis 2013).

Der irreführende Namenswechsel war damals durchaus beabsichtigt: Nach einem Umbau musste das, von Wechseln geprägte, Führungsteam seinen Club wegen der veränderten Rahmenbedingungen auf ein neues Publikum ausrichten, wollte aber nicht auf die Zugkraft der bekannten Nightlife-Marke «Q» verzichten. Insbesondere Einer freut sich ganz und gar nicht über die Reinkarnation dieses Buchstabens: Club Q-Mitgründer und DJ Peter Gogo Sacco. Als er vergangene Woche von dieser Wiedereröffnung und dem Wirbel in den sozialen Medien Wind bekam, schaltete er sich in die Diskussion ein, tat seinen Missmut kund und wurde postwendend von einer Lawine des Wohlwollens verschüttet. Quintessenz: Er wird demnächst eine Club Q-Remember-Party organisieren.

Ob er will oder nicht (Gogo ist ja auch Teil der heute aktiven Clubszene): Damit wird er nicht zuletzt auch die Horden der Nachtleben-Nostalgiker auf den Plan rufen, die nicht müde werden zu monieren, dass früher alles besser gewesen sei. Früher seien die Clubmacher noch mit Herz bei der Sache gewesen, früher hätten die DJs noch mit Vinyl aufgelegt, früher war die Musik schöner, früher war alles familiärer, etcetera, etcetera.

Auf Facebook haben sich die alten Hasen schon einmal mit entsprechenden Statements für Gogos Party angemeldet. Klar: Früher, in den 90er Jahren, war tatsächlich alles familiärer, denn es war die Zeit des Chefbeamten Raphael «Don Raffi» Huber, der keine Gastro-Bewilligungen erteilte, ausser man hat seine Taschen mit Schmiergeld gefüllt. Das Nachtleben verteilte sich auf eine Handvoll Clubs wie das Gothic und die Garage und einige illegale Bars.

Aber war das Reich eines korrupten Beamten tatsächlich besser als das «jeder darf’s versuchen» von heute? Die viel grössere Clubdichte und die damit einhergehende verschärfte Konkurrenz haben dafür gesorgt, dass die heutigen Clubs viel besser klingen als ihre Ahnen. Nicht nur wegen des Fortschritts im Bereich der Soundsysteme, sondern auch weil es viel mehr junge und hungrige DJs und Produzenten gibt: Sie alle müssen sich den Hintern aufreissen um gegen unzählige nicht minder talentierte Konkurrenten bestehen zu können.

Genau hier haust auch die versteckte Anmassung der Club-Nostalgiker, denn mit ihrem «früher war alles besser» sprechen sie der heute aktiven Generation die Fähigkeit ab, es ebenso gut zu machen wie sie und ignorieren dabei die Tatsache, dass eigentlich nur die Euphorie ihrer eigenen Jugend der Gewöhnung Platz gemacht hat: Man kennt’s halt, es ist nicht mehr aufregend. Betrachtet man die grosse Anzahl guter Clubs und die beeindruckende Armee junger Clubmusikanten, dann ist das «früher war alles besser» nur noch seltsam. Es war nicht besser, es war nur anders.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Wieder mehr Rave und weniger Fasnacht

Alex Flach am Montag den 15. August 2016
Einfach tanzen.

Einfach tanzen.

2008 war ein entscheidendes Jahr in der Geschichte der Street Parade. Damals hat der Stadtrat die Sonderbewilligung für Outdoor-Bars und Musikanlagen im Freien während der Street Parade aufgehoben. Nach einer vierjährigen Beobachtungsphase hat Stadtrat Daniel Leupi im März 2012 entschieden auch weiterhin keine Outdoor-Bars zuzulassen. Eine entsprechende Bewilligung würde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wieder zu einem deutlichen Anstieg von verletzten Personen führen: Seit 2008 seien sowohl die Anzahl der Körperverletzungen als auch der Behandlungen durch Schutz & Rettung markant zurückgegangen.

Jedoch hat die Verweigerung dieser Sonderbewilligung auch Schattenseiten. War zuvor die ganze Stadt ein einziger Dancefloor und bereits der Gang zur Strecke Bahnhofstrasse oder das Limmatquai hinunter ein Bass-unterlegtes Happening, gleicht der Zug der Raver zum See heute einem Schweigemarsch, begleitet von kleinen Partyreisegruppen die sich in Seitengassen verstecken um die Drogen für den Tag unter sich aufzuteilen.

Zudem hat sich das Nachtleben mit der Verweigerung der Sonderbewilligung endgültig vom Umzug verabschiedet: Wegen der hohen Kosten, der vielen Auflagen und des enormen Personalaufwands für das Stellen eines Love Mobiles verzichteten circa seit der Jahrtausendwende immer mehr Zürcher Clubs und Veranstalter auf einen eigenen Lastwagen und fokussierten sich stattdessen auf die einträglichen Afterpartys und auf die Organisation von Outdoor-Partys wie jener im Rosenhof am Limmatquai.

Als 2008 diese innerstädtischen Club-Präsenzen während des Umzugs plötzlich keine Bewilligung mehr erhielten, wurde aus der Street Parade der Clubber endgültig ein Karneval für die ganze Familie. Zwar hat das Organisationskomitee diese Entwicklung mit diversen Soundstages etwas dämpfen können, aber es war und ist nicht mehr dasselbe.

Durch die 25. Parade wehte jedoch der leise Hauch von Umkehr. Es waren weniger Familien mit Kindern auszumachen und auch der Anteil an Verkleideten war deutlich kleiner als in früheren Jahren. Dass weniger Familien an der Strecke waren hing sicher mit der Angst vor einem Terroranschlag zusammen – die schrecklichen Bilder aus Nizza gingen wohl auch den 900‘000 Furchtlosen an der Strecke bisweilen durch den Kopf.

Warum sich hingegen immer weniger Leute verkleiden, liess sich gut an einem kleinen Zwischenfall abseits der Strecke ablesen: Als sich einer aus einer Gruppe mit blauen Perücken und ebensolchen Röcken bewehrter Männer im fortgeschrittenen Alter laut wunderte, dass nur vereinzelt andere Fasnächtler auszumachen sind, entgegnete ihm ein vorbeigehender Raver lapidar, dass sich halt nur Deppen verkleiden würden.

Es wäre schön, wenn die kommende Clubber-Generation aus dem Fasching für Jung und Alt wieder ein Anlass der elektronischen Musik machen würde. Jedoch müssten dann die Love Mobiles bezüglich Soundqualität nachziehen: Die schwankte auf vielen Lastwagen auch in diesem Jahr zwischen nervtötend und nicht vorhanden und einfach nur Insomnia von Faithless mit 160 BPM abspielen ist nicht die Art von repräsentativem Beitrag den die Street Parade als grösste Technoparty der Welt zur Musik leisten sollte.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Keine Liebe für Lovemobiles

Alex Flach am Sonntag den 7. August 2016
DJs, die nicht vom Motorengeräusch zu unterscheiden sind: Keine Seltenheit an der Street Parade.

DJs, die nicht vom Motorengeräusch zu unterscheiden sind: Keine Seltenheit an der Street-Parade.

Hierzulande kann man immer häufiger zu Sets von Frauen wie Patrischa, Eli Verveine, Honorée, Frau Hug oder Vanita tanzen. Sie alle spielen in den besten Clubs mit subkultureller Programmierung wie der Friedas Büxe, dem Basler Nordstern oder dem Supermarket. Auch die Bernerin Carol Fernandez vermag sich seit längerer Zeit in der Männerdomäne DJing zu behaupten. Im Unterschied zu den Genannten ist sie aber in sehr kommerziellen Gefilden zuhause, samt Gastauftritten bei der SRF-Sendung Glanz & Gloria. Ähnlich wie die Ostschweizerin Tanja La Croix vermarktet sie sich denn auch nicht primär über ihre Musik, sondern mit peppigen Modelfotos.

An der Street-Parade vor zwei Jahren hat Fernandez ein Zeichen gesetzt, das man trotz Absenz von Absicht als Statement interpretieren kann, und hat den ehemaligen Sidekick von Harald Schmidt und heutigen Ballermann-DJ Oliver Pocher auf ihr Lovemobile gebucht. Klar… dieses Booking war wohl eher das Resultat einer enormen Fehleinschätzung der Ansprüche leidenschaftlicher Raver, aber trotzdem hat sie damit die Entwicklung auf den Punkt gebracht, welche die Zürcher Clubs von der Street-Parade fernhält: Die Musik die von den Lastwagen runterdonnert ist mehr Tortur als Kunst und hat nichts mit dem zu schaffen, was beispielsweise in einem Club Zukunft läuft – dort würde man Pocher und Fernandez wenn nötig mit Gewalt von den Plattentellern fernhalten.

Auch in diesem Jahr lässt einen die Durchsicht der Lovemobile-DJs erschaudern. Klar gibt es Ausnahmen wie beispielsweise das «Mimmo & Friends»-Lovemobile mit DJs wie Dario D’Attis oder Mirco Esposito oder das „Black & White Lovemobile“ auf dem unter anderem das Mad Katz DJ Team zugange ist. Aber alles in allem wünscht man sich bei den meisten Lovemobiles die Motoren wären lauter als das Soundsystem. Ganz anders sieht es hingegen auf den Bühnen aus: Der Street-Parade-Booker Robin Brühlmann hat ganze Arbeit geleistet und seine acht Stages hochkarätig besetzt. Loco Dice, Mind Against, Martin Buttrich, Pan-Pot und Steve Lawler sind nur ein paar der grossen DJs die da spielen.

Vor diesem Hintergrund ist die Idee zu sehen, die neulich in den sozialen Medien aufgetaucht ist, man könnte doch die Lovemobiles abschaffen und die Street-Parade zum elektronischen Festival umbauen. Dieser Gedanke ist nicht neu und es waren bereits zögerliche Ansätze zu beobachten aus der Parade ein mehrtägiges Happening analog der Sonàr in Barcelona zu machen. Jedoch sollte auch dann keinesfalls auf den Lastwagen-Umzug verzichtet werden: Auch wenn der Zürcher die Lovemobiles nur noch als akustisches Ärgernis sieht, so sind doch sie es, die die Street-Parade so einzigartig machen. Egal wie scheusslich der Sound bisweilen ist: Die Lastwagen sind als Herzstück und ultimativer Wiedererkennungswert der Street-Parade nicht ausklammer- oder abschaffbar. Egal wie man’s dreht und wendet: Soll sich was ändern müssen die Clubs mit eigenen Lastwagen zurück an die Strecke. Je früher desto besser.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.