Beiträge mit dem Schlagwort ‘Clubbing’

Der fröhliche Klaus

Alex Flach am Montag den 6. März 2017
In den Räumen des ehemaligen Kinski sind jetzt fröhliche Leute zu Gast.

In den Räumen des ehemaligen Kinski (Bild) sind jetzt fröhliche Kläuse zu Gast.

Ende 2015 musste der Kinski Club an der Langstrasse für immer schliessen. Bei der Schliessung des Clubs wurde (wie bei den meisten Gastrolokalen an der Langstrasse) hinter vorgehaltener Hand auch von einer zu hohen Raummiete gesprochen und dem mit dem Kinski-Closing angekündigten Klaus Club (Eröffnung am 9. Januar 2016) wurden damals nur geringe Überlebenschancen eingeräumt.

Alain Mehmann und Nici Faerber, die exponierten Klaus-Macher, kannte man zwar. Jedoch hat sich Mehmann als Mitbetreiber des Heaven-Club im Niederdorf und als Veranstalter der Behave-Partys in der Büxe nur in der Gay-Szene einen Namen geschaffen und Nici Faerber war zwar bereits ein bekannter DJ, aber zu jung, um als Clubchef ernst genommen zu werden.

Längere Zeit blieb es denn auch ruhig ums Klaus. Man hörte nicht viel und aus der Gerüchteküche ertönte das Zirpen der Grillen und nicht das Klappern von Töpfen. Doch dann begannen die Szene-Leader, also jene Leute die über einen (selbst- oder fremdattestierten) Riecher für die ultimativen Partys und Clubs verfügen, bei jeder Gelegenheit zu erwähnen, dass man dem Klaus unbedingt einen Besuch abstatten muss – es schien sich was zu tun, hinter der unscheinbaren Tür an der Langstrasse 112.

Das Klaus ist ein kleiner Club. Hat man das Prozedere an der Kordel (fürs Klaus steht jeder an, egal wie viel Gewicht er im Zürcher Nachtleben hat) absolviert und zählt zu den Glücklichen die den Code für die betreffende Partynacht in der Tasche oder ihren Namen auf der «friend of Klaus»-Liste stehen haben (hat man beides nicht kann man sich das Anstehen sparen: Das Klaus ist ein Member-Club) betritt man das ebenerdige Fumoir, das aussieht, als wären ein Händler von Vintage-Lampen und der Betreiber eines Brockenhauses zusammengezogen.

Gays und Heteros sind hier bunt gemischt und zwar nicht nur an entsprechenden Themenpartys sondern immer. Man kennt sich, man mag sich, man plaudert unmittelbar drauflos und mittendrin wuseln freundliche Klaus-Mitarbeiter wie der stets in die Jacke einer alten Kadettenuniform gehüllte und ebenfalls am Club beteiligte Host Oli Jordan. Es kann auch vorkommen, dass Klaus-Chef Alain Mehmann die Gäste im Hugh Hefner-Bademantel begrüsst.

Unten im Keller brodelt es derweil: Techno- und House-DJs, manchmal aus dem Ausland angereist, meist jedoch mit Lebensmittelpunkt in Zürich, verwandeln den in rotes Licht getauchten Club-Keller in eine lustige Hölle, immer gefüllt mit fröhlichen Menschen. Und fröhlich heisst hier tatsächlich fröhlich, nicht selbstverständlich für einen Zürcher Club. Und auch immer heisst immer: An diesem Wochenende hatte das Klaus ab Freitagabend bis Sonntag durchgehend geöffnet – nicht zum ersten Mal.

Das Klaus ist der Club der Zürich seit der Schliessung des Cabarets an der Geroldstrasse gefehlt hat: ein Memberclub, der es tatsächlich schafft nicht elitär zu sein, der zwar mit einem ausgrenzenden Membersystem geführt wird, der aber an der Tür selbst alle gleich behandelt und sich keinen Deut um irgendwelche Szene-Vernetzungen schert. Selbst wenn das bedeutet, dass auch ich mich eine halbe Stunde lang mit zig anderen, maulenden und künstlich empört aus der Wäsche blinzelnden Einlasswilligen die Hauswand entlangdrücken muss: Das Klaus erzeugt auf diese Weise bei seinen Gästen ein Kollektivgefühl (die Basis für eine ureigene Clubbing-Atmosphäre) und hat damit ein Stück verloren geglaubte Nachtkultur nach Zürich zurückgebracht.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Supermarket: Eine Institution wird erwachsen

Alex Flach am Montag den 3. Oktober 2016
Schon einige Generationen Clubber standen hier für eine vergnügliche Nacht an. (Bild: tilllate.ch)

Der Club an der Geroldstrasse 17 ist jetzt 18. (Bild: tilllate.ch)

Jetzt ist er also doch noch volljährig geworden, der Supermarket. Lange Zeit und immer wieder einmal musste man fürchten, dass die Stadtverwaltung an der Geroldstrasse die Bagger auffahren lässt um dem kleinen, weissen Backsteinhaus den Garaus zu machen.

Letztmals mussten die Freunde des Clubs um ihr zweites Zuhause fürchten, als sich die Obrigkeit in den Kopf gesetzt hatte ebendort ein neues Kongresshaus hochzuziehen. Das Land, auf dem das Hive steht, hatte sich die Stadt einverleibt und die Betreiber des Cabaret Clubs waren in Erwartung des Unausweichlichen von dannen gezottelt. Doch dann durchkreuzte Dr. Georg Mayer-Sommer, dem ein Grossteil des Areales zwischen Geroldstrasse und Geleisen gehört, die Kongresshauspläne, indem er sich weigerte der Stadt sein Land zu verkaufen.

Man kann Mayer-Sommer nicht genug danken. Nicht bloss als Clubber (Hive, Supermarket und Helsinki), als Sommerfrischler (Frau Geroldsgarten), als Geniesser mit Faible für urbane Gastronomie (Rosso, Gerolds-Chuchi und Gaul) oder als Badminton-Spieler (Yonex Badmintonhalle), sondern auch als Stadtzürcher ganz generell: Die Geroldstrasse ist das Herz von Zürich West und würde es nicht schlagen, dann wäre die Gegend nach Geschäftsschluss bloss noch ein gigantisches Beispiel für städteplanerische Rücksichtslosigkeit aus Glas und Beton.

Zur Veranschaulichung braucht man nur etwas später am Abend von der Hardbrücke Richtung Technopark und weiter zu schlendern. Bereits auf dem grossen Turbinenplatz hinter dem Schiffbau und beim Puls 5 ist man versucht «Hallo? Ist noch jemand da?» zu rufen. Das ist kein Platz, das ist eine Platzverschwendung. Geht man weiter wird’s nicht besser: Nach dem Technopark ergreift den Nacht-Spaziergänger gar ein leichter Verfolgungswahn und man kann nachvollziehen, wie sich Will Smiths Charakter in «I Am Legend» im ausgestorbenen New York gefühlt haben muss.

Alles Leben abseits des geschäftlichen strebt in Zürich West zur Geroldstrasse hin. Auch die Nightlife- und Kulturbetriebe, die nicht direkt an ihr liegen, sind von ihr abhängig. Würde noch jemand für den 4. Akt, die Aya Bar, das Aubrey, das Hard One, das Les Halles oder das Big Ben an die Hardbrücke fahren, wenn an der (bereits jetzt lärmgebeutelten) Langstrasse doch viel mehr los ist? Selbst die riesigen Räumlichkeiten des Schiffbau (Theater) oder der Maag Music Hall (Konzerte und Musicals) könnten ihren Verlust nicht lindern, da diese Betriebe über keine Laufkundschaft verfügen. Dort fährt man hin, besucht eine Vorstellung und fährt dann wieder weg.

Das alles macht den 18. Geburtstag des Supermarket zu mehr als einem blossen Club-Jubiläum. Der Supermarket ist länger dort aktiv als alle anderen Nachtbetriebe, er ist die Konstante in einer Gegend, die sich in den vergangenen 15 Jahren grundlegend verändert hat und das nicht nur zum Guten. Der Club von Jean-Pierre Grätzer und Sandro Bohnenblust ist durch seinen steten Kampf gegen das Verdrängtwerden zum Mahnmal geworden: «Wenn man mir die Lichter auspustet, haucht Zürich West sein Leben aus». Happy Birthday!

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Party für alle

Alex Flach am Montag den 31. August 2015
Clubber gehen in die Badi, Badigäste offenbar an die Street Parade.

Clubber gehen in die Badi, Badigäste offenbar an die Street Parade.

«Früher war alles besser». Nirgendwo kriegt man dieses universell anwendbare Pauschalurteil öfter zu hören als im Nachtleben und wie (beinahe) überall sonst trifft es auch hier nicht zu. Der Mensch neigt dazu Vergangenes zu verklären und euphorische Momente werden im Rückspiegel und mit den Jahren immer schöner. Dazu kommt, dass Clubbing für 20jährige was Neues ist und jede Nacht in der Grossstadt eine aufregende Safari ins unbekannte Unterholz. Hat man dann die ersten fünf Jahre Ausgang hinter sich gebracht, wirkt alles kleiner und weniger spektakulär: Man kennt’s halt. Das Einzige, das man auch nach Jahren immer wieder neu entdecken kann, ist die Musik.

Was das anbelangt muss sich die Street Parade alljährlich Mutlosigkeit und einen Hang zum Ultrakommerz vorwerfen lassen. Nicht ganz zu Unrecht, zumindest was den Sound der Lovemobiles betrifft: Fans innovativer Clubmusik, wie sie beispielsweise der Club Zukunft bietet, werden hier schon lange nicht mehr glücklich. Auch in diesem Jahr war das, was an Sets von den Lastwagen dröhnte, öfter bedenklich als denkwürdig. Wer sich aber umsah kam zum Schluss, dass das eigentlich gar keine Rolle spielt: Die Street Parade der Gegenwart ist ein Karneval für die gesamte Familie (wobei wohl nicht jedes Kostüm für Kinderaugen gedacht war) und die Musik nur die akustische Untermalung zum Hedonismus der Eintagesraver. Und wenn eine Million Leute in friedlicher Einhelligkeit sich selbst und den Sommer feiern, kann auch der musikaffine und erprobte Nachtschwärmer nur schwer was gegen sagen.

Die scheinen sich seit diesem Jahr endgültig damit abgefunden zu haben, dass der Umzug nicht mehr ihnen gehört und sind ohne zu murren auf die begleitenden Partys ausgewichen wie beispielsweise die Rakete Schleudergang in der Badi Mythenquai. Dort drängten sich bereits mit Türöffnung um 17 Uhr die Massen am Eingang und bereits nach wenigen Minuten versuchten die ersten Verwegenen sich unbefugterweise Zugang zum Gelände zu verschaffen, indem sie über den Zaun kletterten. Dort trafen sie dann auf Badegäste, die einen ruhigen Tag am See geniessen wollten, was bisweilen zu skurrilen Begegnungen führte. So beschied beispielsweise ein ausländischer Badegast einem DJ, dieser möge doch bitte umgehend den Sound abschalten: Er hätte bestimmt nicht acht Franken Eintritt bezahlt um sich jetzt mit Bässen zuballern zu lassen. Der leicht irritierte DJ versuchte dem Badegast dann zu erklären, was die Street Parade ist.

Schlussendlich fand man aber doch einen gemeinsamen Nenner und am Ende war die Feier in der Badi Mythenquai ein gelungenes Beispiel dafür, wie die Unterteilung an der Street Parade auch künftig aussehen wird: Die Clubber und Städter feiern an den Partys, alle anderen an der Strecke. Wer nun in die vielen fröhlichen Gesichter geguckt, die Atmosphäre dieses spätsommerlichen Tages in sich aufgesogen und dabei seine, von längst vergangenen Erlebnissen geprägte, Nostalgie über Bord geworfen hat, der kam unweigerlich zum Schluss, dass es früher nicht besser war. Es war bloss anders.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Sinnvolle Night Life Awards

Alex Flach am Montag den 19. Januar 2015
Die Awards könnten auch etwas bedeuten.

Die Awards könnten auch etwas bedeuten. (Bild: Usgang.ch)

In drei Wochen werden im Komplex 457 die Swiss Nightlife Awards 2014 verliehen. Überraschungen wird es keine geben: Die Kategorien sind mehr oder weniger dieselben wie in den Jahren zuvor und die drei Finalisten pro Kategorie sind meist ebenfalls Altbekannte.

Anstatt aber wie immer nur zu kritisieren, werde ich nun erklären wie man es besser machen kann: Weg mit dem Public Voting, weg mit den Kategorien Best Club, Best Big Club, Best New Location, Best Festival, Best Event Serie, Best Event und vor allem weg mit The Most Original Nightlife Bar. Begründung: Was macht einen Club zum besten Club? Was macht eine Nightlife Bar «most original»?

Das ist alles nur schwammig, viel zu sehr in individuellen Wahrnehmungen fussend und nicht empirisch begründbar. Es müssen Kategorien geschaffen werden die mit Fakten bewertet werden können: Welcher Club führt das beste Bartending, welcher die besten Line Ups (nach Genre), welche Location bietet abseits dieser beiden Basiselemente am meisten, wer bietet die besten Visuals und wer die opulentesten Dekos?

Klar: Bezüglich Qualität der Line Ups gibt es immer noch viel individuellen Spielraum, aber man könnte Bewertungsinstrumente wie «Internationalität» oder «musikalische Kompaktheit» einführen. Mit den aktuell geführten Wischiwaschi-Sparten werden alljährlich einfach nur die bekanntesten Clubs und Bars ins Finale kommen und nicht jene, die im abgelaufenen Award-Jahr tatsächlich Ausserordentliches geleistet haben.

Dasselbe gilt für die DJs: Was macht einen Aufleger zum besten House DJ, wieso stehen Bazooka, Green Giant und Vincz Lee im Finale auf den Titel des besten Open Format DJs? Was haben sie konkret geleistet? Auch hier müssen die nichtssagenden Kategorien durch griffige ersetzt werden: Wer hat im abgelaufenen Jahr den Aufsehen erregendsten Track produziert? Welcher DJ hat die besten Bookings gekriegt? Wer hat die besten Sets (technisch und musikalisch) abgeliefert?

Bei den Clubmusikanten existiert noch ein weiterer, markanter Makel: Was ist mit den Live-Musikern? Clubmusik lebt längst nicht mehr nur vom DJing, im Gegenteil: Es sind nicht zuletzt die live Spielenden, die die Genres weiterentwickeln. Und sie werden an den Swiss Nightlife Awards ignoriert.

Hier also ein paar Alternativvorschläge zu den jetzigen Kategorien, angefangen bei den Clubs und Bars: Line Ups (unterteilt nach Genres), Bartending, Eventkreativität, Visuals, Deko und Innenarchitektur, Specials (Gäste-Treatment). Für Clubmusiker und DJs: Track, Album und Compilation des Jahres, Bookings (zu bewerten nach Renommee der buchenden Clubs und Labels), Innovationscharakter der Sets, technische Skills.

Für das Komitee würde eine Umgestaltung der Kategorien grossen Abklärungs- und Evaluations-Mehraufwand bedeuten. Jedoch könnten so tatsächlich die Leistungen für ein Award-Jahr gewürdigt, die Kategorien könnten auf Basis von Fakten vorgenommen und es könnten Preise verliehen werden, die tatsächlich Sinn ergeben. Es wären die Swiss Nightlife Awards, die das Swiss Nightlife verdient.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Weihnachtszauber statt Weihnachtsgeschäft

Alex Flach am Montag den 22. Dezember 2014
Keine weihnachtliche Stimmung an Clubweihnachten?

Keine weihnachtliche Stimmung an Clubweihnachten?

Tanzverbot. Ein Wort, das heute aktiven Clubbern ein verständnisloses Runzeln auf die Stirn zaubert, in den 90ern jedoch allen geläufig war. Bis zum Jahr 2000 war das Feiern von Partys an hohen Feiertagen wie Ostern, Karfreitag, Pfingsten und Weihnachten untersagt. Ein Unding war das Tanzverbot natürlich schon lange vor seinem Fall: Der Staat schreibt seinen Bürgern vor, wie sie an hohen kirchlichen Feiertagen (nicht) feiern sollen – aus heutiger Sicht eine belustigende Unverfrorenheit.

Selbstverständlich hielten sich beileibe nicht alle Schäfchen an die, imperativ vorgetragenen, Wünsche ihrer säkularen und sakralen Hirten, suchten sich für Ostern und Weihnachten ein leerstehendes Kellergewölbe ohne lärmempfindliche Nachbarschaft, mieteten sich eine Soundanlage und frönten dann mit Gleichgesinnten lustvoll der Illegalität.

Die paar wenigen Partys, die in den Tanzverbot-Nächten vonstattengingen, waren ausnahmslos gut besucht: Der Spagat zwischen Mundpropaganda und Verschwiegenheit funktionierte zumeist hervorragend, so dass zwar hunderte Partygänger von der Party erfuhren, die Polizei hingegen ahnungslos blieb. Dennoch stellten einige Veranstalter sicherheitshalber einen laufstarken Gehilfen neben die Kasse, der im Falle einer behördlichen Aufwartung mit den Einnahmen durch die Hintertür verduften konnte.

Vielleicht wusste die Polizei aber auch von den Partys, liess aber Fünfe gerade sein, da selbst nicht restlos von der Existenzberechtigung des Reliktes Tanzverbot überzeugt. Jedenfalls vermochte das kollektive Wissen um die Illegalität dieser Feten einen Zauber zu erzeugen, der tatsächlich weihnachtlich war: Man gehörte zu einer verschworenen Gemeinschaft, einer Familie, bestehend aus lauter Nichtverwandten.

Dieses Gefühl wurde von einigen Partymachern wie Urs Kind verstärkt, indem sie ihre Events mit einer frisch geschlagenen und mit kiloweise Lametta geschmückten Tanne versahen. Vielen Ehemaligen dürften diese Nächte auch heute noch, fünfzehn Jahre später, in bester Erinnerung sein. Ein Blick auf das gigantische Partyprogramm der nächsten Tage zeigt, dass das Tanzverbot zwar tatsächlich der Vergangenheit angehört, dass aber handkehrum viel von dem Zauber früherer Tage verlorengegangen ist.

Viele Clubs lassen das Christkind aussen vor, verzichten komplett auf weihnachtliche Attribute und spulen einfach nur ihr gängiges Programm runter. Das ist vielleicht auch ganz okay so, denn viele der Clubber, die Mittwoch- und am Donnerstagnacht unterwegs sind, wollen sich explizit von allzu viel familiärer Nähe und santa-klaustrophobischer Weihnachtsatmosphäre erholen.

Ein wenig schade ist es trotzdem, dass der Zauber früherer Tage verlorengegangen ist, dass Weihnachten auch im Nachtleben nur noch ein Geschäft ist. Zumindest in Zürich: In den Kantonen Uri, Glarus, Obwalden, Solothurn, Aargau oder Appenzell Innerrhoden herrscht immer noch (ein zumindest partiell gültiges) Tanzverbot an hohen christlichen Feiertagen. Im Aargau ist aktuell ein von der Piratenpartei initiiertes Volksbegehren hängig, welches das dortige Verbot aufheben möchte. Vielleicht sollten sich das die Piraten nochmals überlegen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Supermarket bleibt!

Alex Flach am Montag den 15. Dezember 2014
Supermarket

Traditionsclub Supermarket darf nochmal 3 Jahre bleiben

Es war beschlossene Sache: Auf Ende Januar sollte der Supermarket für immer dicht machen. Nach über 16 Jahren – die Zeit, in der an der Geroldstrasse 17 ein Club namens Garage Gäste empfing, nicht eingerechnet – würde das traditionsreiche Lokal einer Ladenpassage Platz machen. Damit wäre in der Partymeile Zürich West eine Lücke entstanden, die für die (vorerst) dort verbleibenden Clubs wie Hive, Härterei und Blok nur schwer zu schliessen gewesen wäre: Der Supermarket ist nicht nur der älteste noch bestehende Club an Zürichs Partymeile, er befindet sich auch in ihrem Zentrum, ist ihr geografischer und historischer Dreh- und Angelpunkt.

In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten hat der Supermarket viele Hochs und Tiefs durchschritten und durfte in den vergangenen Monaten, wohl nicht zuletzt wegen der anstehenden Schliessung, einen weiteren Frühling mit gut besuchten Partys erleben. Wäre der Supermarket tatsächlich verschwunden, es wäre eine der letzten Verteidigungslinien zwischen dem betanzbaren Zürich West mit seinen altgewerblichen, kulturellen Freiräumen (der Supermarket befindet sich in einer ehemaligen Autowerkstatt) und dem in die Höhe strebenden und klinisch properen Stadtviertel samt seinen glitzernden, und bisweilen seelenlosen, Büro- und Hoteltürmen gefallen.

Nun, rechtzeitig zur Weihnachtszeit, haben die Betreiber, Angestellten und Anhänger des Supermarkets von dessen privater Vermieterschaft ein Präsent in Form eines Sinneswandels unter den Baum gelegt gekriegt: Der Supermarket darf bleiben und erhält einen neuen, auf drei Jahre befristeten Mietvertrag.

Sandro Bohnenblust, der Geschäftsführer des Clubs, ist merklich erleichtert: «Die Freude ist riesig, denn wir haben uns zwei Jahre lang erfolglos um gleichwertige Räumlichkeiten bemüht. Es ist enorm schwierig wegen des städtebaulichen Wandels in Zürich etwas Neues zu finden, das unseren Vorstellungen eines urbanen Clubbetriebes entspricht. Der Supermarket würde in einem Neubau nicht funktionieren. In dieser Stadt scheint keine Zukunft für alte Industriegebäude zu existieren, nur für Luxuswohnungen, teure Büros und dergleichen.»

Bohnenblust, der dem Supermarket seit anderthalb Jahrzehnten seinen Stempel aufdrückt, sieht den neuen Mietvertrag denn auch als Zeichen der Hoffnung für das gesamte Viertel: «Mit dieser Verlängerung bleibt das Geroldareal ein kleines, charmantes Biotop inmitten des sich rasant entwickelnden Zürich West Quartiers». Man merkt Bohnenblust an, wie schwer die Last gewesen sein muss, die nach der zermürbenden, zwei Jahre dauernden und schlussendlich erfolglosen Suche nach einer geeigneten Nachfolge-Adresse auf seinen Schultern lag. Nachdem 2013 auch die städtischen Pläne für einen Kongresshaus-Neubau auf dem Geroldareal gescheitert sind, bedeutet die jetzige Supermarket-Verlängerung, dass es für das Areal beim Bahnhof Hardbrücke wie gewohnt weitergeht und dass dort auf Jahre hinaus im gewohnten Rhythmus gefeiert werden wird: Auch der Frau Geroldsgarten verfügt beispielsweise über einen Vertrag bis 2019.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

 

Belangloses Eierschaukeln

Alex Flach am Montag den 17. November 2014
Alle Jahre wieder dasselbe: Swiss Nightlife Awards. (Bild: usgang.ch)

Alle Jahre wieder dasselbe: Swiss Nightlife Awards. (Bild: usgang.ch)

Der nächste Swiss Nightlife Award findet am 7. Februar 2015 im Komplex 457 statt. Die veranstaltende Amiado Group, zu der unter anderem die Ausgehplattformen usgang.ch und partyguide.ch gehören, geht auf Nummer sicher und hat gegenüber der letztjährigen Ausgabe nur wenig geändert.

Die Moderation übernehmen abermals Max Loong und Zoë Torinesi, auch die fünfte Verleihung findet in Zürich statt, der «presenting partner» Carlsberg sorgt wie stets dafür, dass die Page im Konzern-gerechten Grün erstrahlt und auch an den Kategorien wurde nicht gross herumgeschraubt. Natürlich: Kontinuität ist ein Merkmal der meisten Award-Verleihungen, auch die Konzepte der Oscarverleihung und der Grammy Awards werden nicht jährlich neu erfunden.

Jedoch ist bei diesen Veranstaltungen zumeist klar, wofür die Film- und Musikschaffenden nominiert werden, denn man hat ihre Filme gesehen oder ihre Songs gehört. Die Kategorien des Swiss Nighlife Awards und auch die Listen der nominierten Partylabels, Clubs, Bars und DJs wirken hingegen beliebig: Warum soll ich beispielsweise in der Sparte «Best House DJ» für Sir Colin oder Mr. Mike stimmen? Haben die beiden im vergangenen Jahr irgendwelche überragenden Hits abgeliefert? Haben sie ein extraordinäres Set gespielt? Falls nein: Warum wurden sie nominiert?

Es müsste entweder erklärt werden, für welche Jahresverdienste sie aufgestellt wurden oder die Macher des Swiss Nightlife Awards sollten die Auswahl an Nominierten eingrenzen und nur Leute aufstellen, denen man tatsächlich ausserordentliche Leistungen im abgelaufenen Jahr zuordnen kann. Wozu zwanzig DJs in einer Kategorie nominieren, wenn man die Auswahl auf fünf Plattenleger beschränken kann, die im vergangenen Jahr tatsächlich etwas Bemerkenswertes abgeliefert haben?

Was von den Verantwortlichen des Swiss Nightlife Award hingegen sträflich vernachlässigt wird, ist das Umfeld, das eine blühende Clublandschaft erst möglich macht: Weder dem Verein Pro-Nachtleben Bern, noch der Zürcher Bar und Clubkommission (BCK) und auch nicht dem Zürcher Polizeichef Richard Wolff, der Juso Thun oder allen anderen, die in diesem Jahr Anstrengungen unternommen haben, die Rahmenbedingungen für das Nachtleben zu verbessern, werden offenbar Würdigungs-Kategorien eingeräumt. Es wäre eine schöne Geste gewesen, eine, die eventuell dafür gesorgt hätte, dass sich diese Personen und Institutionen weiterhin mit Nachdruck für die Sache einsetzen.

Dafür darf sich Sacha Winkler alias Kalabrese Hoffnungen auf den Titel als «Best Electronica DJ» machen, obschon er primär Musiker ist. Das liegt vielleicht daran, dass auch die, immer wichtiger werdende, live eingespielte Clubmusik ebenfalls nicht stattfindet. Kurzum: Die Verantwortlichen des Swiss Nightlife Awards verlegen sich auf Kategorien von der Stange, nominieren einfach nur bekannte Namen, scheuen Skandale und Provokation, verzichten auf Innovation und Kreativität und tun eigentlich alles dafür, dass der Swiss Nightlife Award nicht so recht aus der Belanglosigkeit kommt. Er ist nach wie vor nicht viel mehr als ein gefälliges Eierschaukeln für Clubschaffende, die schon immer gewusst haben, dass sie besser sind als alle anderen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Quo vadis, Nightlife?

Alex Flach am Montag den 10. November 2014
Zukünftg nur noch Nightlfe für Leute mit viel Kohle? Der neue Club Alice Choo. (Bild: tilllate.com)

Zukünftg nur noch Nightlfe für Leute mit viel Kohle? Der neue Club Alice Choo. (Bild: tilllate.com)

Zürichs neuster Nightlife-Betrieb heisst Alice Choo. Ganz neu ist das Lokal, das vergangene Woche Eröffnung feierte, jedoch nicht, denn an seiner Adresse hat sich vorher jahrelang Philippe Hausseners Indochine befunden. Auch das Team der neuen Gaststätte setzt sich aus bekannten Nachtleben-Exponenten zusammen: Für die Bookings sind aktuell die DJs Valentino (Friedas Büxe) sowie der Schweizer Turntable-Pionier Gogo zuständig und beim Aufbau der Community hilft der Edel-Gastronom Dr. Wolf Wagschal (Five AG).

Hinter dem Alice Choo stehen potente Unternehmer wie Francesco Nucera (u.a. ImmoSky), die sich ihren neuen Betriebe etwas kosten haben lassen: Viele der Einrichtungsgegenstände sind Spezialanfertigungen, alles ist nur vom Feinsten. Der Hybrid aus Club, Restaurant und Bar wendet sich denn auch an ein entsprechend exklusives Publikum: Memberkarten kosten mehrere tausend Franken jährlich, ein Limousinenservice steht im Angebot und Club-Member werden den ganzen Abend über von einem Butler umsorgt.

Mit dem Booking von Sven Väth für die Party vom 15. November stellen die Betreiber des Clubs klar, dass sie es nicht wie andere Nobelclubs beim Zusammenbuchen leidlich versierter Local-DJs belassen werden, sondern versuchen, ihrem Publikum auch musikalisch etwas zu bieten. Damit wagt das Alice Choo den Spagat, der dem Club Bellevue von Louis Bisang, Marco Ammann und Marco Giuliani bereits gelungen ist: Elektronische Musik von bekannten DJs und Produzenten, kombiniert mit einem edlen Ambiente und gedacht für Gäste, die sich in Underground-Clubs mit alt-industriellem Flair nicht wohl fühlen, die aber dennoch nicht auf Qualitäts-Electronica verzichten mögen.

Damit ist das Alice Choo ein Hinweis darauf, wohin der Weg des Zürcher Nachtlebens künftig führen könnte: Für Zürcher Clubbetreiber werden geeignete und günstig zu mietende Räumlichkeiten in alten Gewerbegebäuden immer rarer. Die Bevölkerungsdichte wächst und Immobilien ohne Anwohner in Hörweite sind selten und teuer geworden. Ein Club zu eröffnen ist mittlerweile ein Wagnis, ausser man verfügt über umfangreiche finanziellen Mittel und kann sich die hohen Miet-, Einrichtungs- und Schalldämmungskosten locker leisten, ohne von Beginn weg ums finanzielle Überleben kämpfen zu müssen – wer einen Club eröffnet braucht wegen der starken Konkurrenz einen langen Atem.

Solch gut gepolsterte Clubinhaber werden jedoch kaum Locations für Studenten mit leeren Brieftaschen lancieren, sondern solche, die ihrem eigenen Lebensstil entsprechen: Sie stehen vielleicht auf den Sound der in den elektronischen Undergroundclubs gespielt wird, umgeben sich aber auch im Ausgang gerne mit Luxus. Das Leben in Zürich ist ein teures, das gilt längst auch für das Nachtleben. Clubs für weniger Begüterte dürften in Zukunft aber noch seltener werden: Die Kombination aus luxuriösem Ambiente und dem Sound, der bis anhin Clubs vorbehalten war, in denen der Besitzer am Abend vor Eröffnung noch höchstpersönlich die letzten Glühbirnen eingeschraubt hat, dürfte  das Zürcher Nightlife immer stärker prägen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Raubbau am Nachtleben

Alex Flach am Montag den 20. Oktober 2014
Nicht einmal New York ist vor der Entwicklung sicher: Der Finanzdistrikt ist erneuert und nach 18 Uhr tot.

Nicht einmal New York ist vor der Entwicklung sicher: Der Finanzdistrikt ist erneuert und nach 18 Uhr tot.

Am 1. November werden die Juso Berner Oberland in Thun das dortige Nachtleben zu Grabe tragen, samt Sarg, letztem Geleit und Rede eines (ungeweihten) Pfarrers. Die jungen Thuner Sozialisten wollen mit der symbolischen Bestattung einen Appell an die Stadtverwaltung Thuns richten, sich doch endlich um den Erhalt der dortigen Clubkultur zu kümmern.

Mit dem Selve Areal verfügte das Tor zum Berner Oberland bis circa 2006 über eine stattliche und quicklebendige Partymeile mit alt-industriellem Flair, die chicen Neubauten zum Opfer gefallen ist. Wie überall sonst in der Schweiz haben auch die Thuner Beamten damals viel zu wenig getan, um für Ersatz zu sorgen: «Das Nachtleben auf dem Selve verschwindet, na und?».

Jedoch muten die heutigen Thuner Nächte an, als ob in der mittelalterlichen Stadt erst kürzlich die Pest gewütet hätte: Es ist totenstill. Die Exponenten der Stadtverwaltung, die damals untätig zugeschaut haben wie das Selve-Areal untergeht, denken nun darüber nach, eine neue städtische Partymeile entstehen zu lassen.

Aber was interessiert es schon den Zürcher, was den Thuner umtreibt? Viel, denn auch hier verschwindet seit Jahren alte Industrie-Infrastruktur, der Boden auf dem innovatives Nachtleben erst gedeihen kann. Clubbetreiber wie beispielsweise Sandro Bohnenblust und Jean-Pierre Grätzer vom Supermarket, deren Lokal nächstes Jahr einer Ladenpassage weichen muss, haben unzählige Stunden und Tage mit der erfolglosen Suche nach geeigneten Nachfolgeräumlichkeiten verbracht, ohne effiziente Unterstützung seitens Stadtverwaltung.

Die kulturellen Freiräume verschwinden, die bezahlbaren Flächen ebenfalls und gleichzeitig bauen Firmen wie Mobimo in Zürich West einen Wohnturm nach dem anderen, gedacht für Mieter, denen Zürcher Verwurzelung und Kulturgeschichte im Quartier schnurz sind. Clubmacher werden nicht gefragt, sie werden vor vollendete Tatsachen gestellt, siehe beispielsweise Härterei: Neben dem Club ist ein Wohnsilo entstanden, das der Trabantenstadt im gleichnamigen Asterix-Band alle Unehre machen würde.

Anstatt dass sich nun die neuen Mieter an die länger dort ansässige Härterei hätten anpassen müssen, wurden dem Club lärmdämmende Massnahmen auferlegt, die ihm den Garaus gemacht hätten, wäre auf dem Maag Areal nicht glücklicherweise ein weiterer Raum verfügbar gewesen. Die Stadt stellt (nicht nur) in ihrem Westen das exzessive Hochziehen glitzernden Büro- und Wohn-Paläste für Betuchte weit über den Erhalt der Nachtkultur. Die Stadt bietet den Nachtbelebenden keine Alternativen an und auf der anderen Seite fliessen jährlich sagenhafte 75 Millionen ins Opernhaus.

Das ist kompletter Verhältnisblödsinn, ein trauriger Witz und solange dieser erzählt wird, winken auch hier am Horizont Thuner Zustände. Es fragt sich, wieso die Verantwortlichen nicht endlich zur Einsicht gelangen, dass Vorbeugen besser als Heilen ist – und warum alle halbpatzigen Gegenmassnahmen so mut-, kraft- und saftlos erscheinen. Aber vielleicht tun sie es ja angesichts der Tatsache, dass nicht sie sich mit den Folgen der Vernichtung von Nachtkultur-Optionen herumschlagen müssen, sondern ihre Nachfolger.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Wo ist der nächste Hype?

Alex Flach am Montag den 25. August 2014
Waren die Clubs früher wirklich unique - oder hatten sie einfach weniger Konkurrenz?

Waren die Clubs früher wirklich unique – oder hatten sie einfach weniger Konkurrenz? (Oxa)

An diesem Wochenende hat Ricardo Abenojar alias Mas Ricardo im Club Supermarket sein dreissigstes Plattenleger-Jubiläum gefeiert. Er war bereits in den 80er Jahren Resident-DJ in Jean-Pierre Grätzers Club Roxy und war Teil des Tarot-Veranstalterteams, das mit seinen Afterhour-Partys dem Oxa zu internationaler Bekanntheit verhalf. Er war Mitte der 90er Jahre einer der Initianten der Grodoonia-Partys in Rümlang und zwischen 1996 und 1999 einer der Betreiber des Clubs Sensor in Oerlikon, in dem mit Sven Väth, Paul Oakenfold und Kruder & Dorfmeister die einflussreichsten DJs und Clubmusiker zu hören waren. Danach wurde es ruhiger um Mas Ricardo.

Roxy, Grodoonia, Tarot und Sensor waren Meilensteine am Weg des elektronisch geprägten Zürcher Nachtlebens von seinen Anfängen in den 80er Jahren bis hin zu seiner heutigen Form. Die illegalen Bars in der ersten Hälfte der 90er Jahre, die frühen Blushin Pink-Partys, der Club Garage (heute Supermarket), Dani Königs Donnerstage im Kaufleuten, die Dachkantine und die Hermetschloo-Partys waren weitere Publikumsmagneten, welche die Spreu vom Weizen zu trennen vermochten: Wer hier feierte gehörte dazu, alle anderen waren bloss Zaungäste.

Der Erfolg heute legendärer Partymarken gründete jeweils nur bedingt in ihren Line Ups, denn viele verzichteten zeit ihres Bestehens komplett auf Bookings teurer ausländischer DJs. Wie auch bei anderen Hype-Marken, beispielsweise in der Mode oder der Computertechnologie (die Preise von Apple-Produkten lassen sich wohl nicht mehr mit einem Technologie- und Design-Vorsprung des Riesen aus Cupertino gegenüber seiner asiatischen Konkurrenz erklären), muss man in der Diffusionstheorie nach Gründen für den Erfolg suchen.

Die Betreiber der genannten Clubs und Partylabels haben das System der Adaption, das Spiel zwischen Meinungsführung und Übernahme durch andere, besser für ihre Zwecke zu nutzen verstanden, als ihre Mitbewerber. Ihr Fehler bestand jedoch zumeist darin, dass sie Club und Label zu fest an ihre eigene Person gebunden haben: Als der Hype um ihr Produkt abflachte, gelang es ihnen jeweils nicht, ihren Erfolg zu wiederholen, da auch sie selbst, und damit alles was sie künftig versucht haben, nicht mehr als hip galten. Der mehrfach erfolgreiche Mas Ricardo, und auch diverse heute erfolgreiche Gastro-Unternehmer, agierten und agieren aus der Gruppe heraus und achten darauf, dass ihre Unternehmen nicht zu stark mit ihren Namen assoziiert werden.

Ein Club oder eine Eventreihe, die in der Szene als imperative Hingeher gelten, sind aktuell nicht auszumachen. Einen Hype zu generieren, wie er seinerzeit von den Blushin Pink-Machern um Oliver Nater kreiert wurde, ist heute ungleich schwieriger geworden: Die Anzahl Zürcher Clubs und Partylabels ist seit dem Jahrtausendwechsel exponentiell gewachsen und eine in sich geschlossene Szene wie in den 90ern, in der sich alle kannten und die alle gemeinsam dieselben Lokale und Partys besuchten, existiert nicht mehr. Jedoch lieben Clubber Hypes mehr als alles andere: Daher wartet das nächste dicke Ding wohl trotzdem bereits hinter der nächsten Ecke.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.