Beiträge mit dem Schlagwort ‘Bellevue’

Hipster-Weihnachtsdörfli

Réda El Arbi am Mittwoch den 25. November 2015
Weihnachts-Sushi gibts nur an einem Zürcher Weihnachtsmarkt. Und in Tokio vielleicht.

Weihnachts-Sushi gibts nur an einem Zürcher Weihnachtsmarkt. Und in Tokio vielleicht.

Normalerweise lästere ich gerne über Hipster ab, aber dieses Mal bin ich voll des Lobes. Obwohl die Betroffenen sich wohl dagegen verwahren würden, Hipster genannt zu werden.

Es geht um das Weihnachtsdörfli am Bellevue. Was der Gewerbeverein Seefeld über Jahrzehnte nicht auf die Reihe gekriegt hat, nämlich einen anständig geschmückten Christbaum und einen Weihnachtsmarkt am Bellevue zu organisieren, ist offenbar ein paar Hipstern gelungen.

Normalerweise wär ein klassischer Weihnachtsmarkt mit «Jingle Bells» aus den Lautsprechern ja etwas für Touristen, und genau darum würde das nicht funktionieren. Die Produkte wären für Nichtzürcher zu teuer und die Einheimischen würden vielleicht einmal schnell durchlatschen und einen einzigen Lebkuchen kaufen. Im Weihnachtsdörfli siehts aber ganz anders aus. Vielmehr Zürich als diesen Markt gibts kaum.

Nach Jahrzehnten endlich einen Christbaum, für den man sich nicht schämen muss.

Nach Jahrzehnten endlich einen Christbaum, für den man sich nicht schämen muss.

Als Beispiel: Da gibts nicht nur Weihnachtssüssigkeiten und Raclette auf Brot, sondern vegane Spiessli, Weihnachts-Sushi, Kaiserschmarrn und chinesische Ente. Es hat Gaststände aus dem Bündnerland die exotische Leckereien anbieten. Also Multikulti-Essen, was uns Zürchern sehr entgegenkommt. Dazu gibts verschiedene Bars, an denen sich die Leute nach Feierabend noch schnell auf ein Bier, einen Caipi oder einen Glühwein treffen. Das Weihnachtsdörfli erfüllt also die soziale Funktion, die Märkte schon seit dem Mittelalter innehaben.

Und nicht nur das: Anstatt selbstgeschnitzte Krippenfiguren, Glasschmuck und sonstigen Kitsch gibts ein Design-Angebot, das man sich sonst über die ganze Stadt zusammensuchen muss. Von handgefertigtem Gartenwerkzeug über Klamotten und Freitagtaschen bis hin zum Brillengestell. Alles ziemlich teuer, aber ey, wir sind in Zürich. Da herrschen sowieso immer Weihnachtspreise.

Für mich wars auf jedenfall sehr praktisch. Beim ersten Besuch hab ich mir die Sachen mal angesehen. Jetzt kläre ich ab, wer was schon besitzt, und beim zweiten Mal kann ich mich dann mit Weihnachtsgeschenken eindecken, die aus den Zürcher Boutiquen stammen, ohne dass ich dafür durch die Kreise 1 bis 5 pilgern muss.

Also, Weihnachtsdörfli am Bellevue: Daumen hoch! Ist einen Besuch wert.

Von zwanzig auf hundert

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag den 20. März 2014
Preise wie vor 40 Jahren (Symbolbild)

Preise wie vor 40 Jahren (Symbolbild)

Von einem Sportreporter des Tagi habe ich gehört, dass ein Coiffeur in der Hallwylstrasse für zwanzig Franken Haare schneidet, Frauen bezahlen dreissig. Der Kollege wunderte sich, wie der Figaro mit seinen Preisen aus den Achtzigerjahren über die Runden kommt. Bei meinen Stammcoiffeusen bezahle ich meist das Doppelte, obwohl es auf meinem Kopf nicht viel zu tun gibt.

An einem Vormittag im Februar bin ich hingegangen, Bassel und Guys heisst der Laden, er befindet sich neben einem jüdischen Café, auf dem Flachbildschirm liefen die Olympischen Spiele von Sotschi, der Biathlon der Männer. Es war ein netter Laden ohne Firlefanz, Parkett, eine Reihe schwarzer Ledersessel. Bassel, der Coiffeur, plauderte mit einem älteren Kunden, er trug ein hochgeknöpftes, olivgrünes Berufshemd mit seinem Schriftzug, ein gut aussehender Mann zwischen dreissig und vierzig Jahren, mit einem jugendlichen Gesicht und kurz geschnittenen grauen Haaren.

In einer Viertelstunde waren wir durch, es kostete tatsächlich zwanzig Franken. Er habe Kunden, sagte Bassel, die mehr zahlten, dreissig, vierzig Franken, wichtig sei aber nicht der Preis, sondern dass die Kunden zufrieden seien.

Er komme aus Zypern, erzählte Bassel, «Sonne, Meer, wenig Arbeit». Darum habe er sich in Europa umgesehen, seine Familie sei es gewohnt, unterwegs zu sein, Bassels Vater stammt aus dem Libanon. Den Laden an der Hallwylstrasse habe er vor einem guten Jahr von einem Kurden übernommen, schon der habe für zwanzig Franken Haare geschnitten, das Geschäft laufe gut, in den Spitzenzeiten könnte er einen Gehilfen anstellen, wichtig sei, dass die Leute nicht warten müssten.

Was wäre die Schweiz ohne die Bassels, dachte ich, als ich ihn erzählen hörte, ohne unternehmungslustige, junge Berufsleute, die bereit sind, neue Wege zu gehen, viel zu riskieren – die Ersparnisse der Familie aus Zypern und dem Libanon steckten in seinem Laden, sagte Bassel.

Ich fragte ihn, ob er von der Abstimmung gehört habe. Klar, antwortete Bassel, er könne die Schweizer verstehen. Die Zeiten hätten sich geändert, die Krise, sagte er, die Konkurrenz sei härter geworden, die Krise sei gut für die Reichen, aber nicht für die Arbeiter, weil immer jemand bereit sei, für einen niedrigeren Lohn zu arbeiten. Und jetzt, sagte Bassel, hätten sich die Schweizer gesagt, dass es Zeit sei, ihr Land zu beschützen. Es klang einsichtig, wie er so redete, mit der Erfahrung eines Weitgereisten.

Beim Abschied sagte Bassel, er habe Probleme mit dem Rücken, vielleicht müsse er den Laden aufgeben. Als ich kürzlich vorbeischaute, war Bassel bereits am Räumen, Ende Monat höre er auf. Sein Nachfolger sei bereit, die Zwanzig-Franken-Politik weiterzuführen, sagte Bassel. Vielleicht steige er ins Autobusiness ein, aber er habe sich auch schon überlegt, als Störcoiffeur zu arbeiten, da müsse man nicht den ganzen Tag stehen, bei den Kunden zu Hause. «Hundert Franken für einen Haarschnitt», sagte Bassel. «Das sollte funktionieren.»

Jeden Donnerstag lesen Sie hier die Stadtgeschichten von Miklós Gimes, Autor beim «Das Magazin» und freier Mitarbeiter beim «Tages Anzeiger».

miklos.gimes@tages-anzeiger.ch

Gähnende Leere oder majestätische Weite?

Réda El Arbi am Montag den 24. Februar 2014
Einschüchternd und menschenleer: Der neue Sechseläutenplatz

Einschüchternd und menschenleer: Der neue Sechseläutenplatz

Die ersten frühlingshaften Tage lassen die Auseinandersetzung um den «grauen Platz», wie manche den Sechseläutenplatz in Anhlehnung an den «Roten Platz» in Moskau bereits nennen, aufflammen.

Von «grosszügiger Weite» und «mutiger Öffnung» sprechen die Einen, wenn sie vor der grossen Granitfläche vor dem Opernhaus stehen. Es sei eine städteplanerische Meisterleistung, ein mutiger Coup, der die Stadt wieder atmen lasse, schwärmt ein befreundeter Architekt.

Die andere Hälfte meiner Freunde spricht von «verschwendeter Leere», nennt den Sechseläutenplatz «die Wüste Globi» (mit Bezug zum Globus). Wo die anderen architektonische Vision erkennen, sehen sie Platzverschwendung.  Sie bemängeln, dass man früher auf der Umgrenzungsmauer «Zmittag» essen konnte, jetzt aber auf das überteuerte Collana oder auf eine der beiden Inseln, in denen bald einige wenige Bänkchen aufgestellt werden, verdrängt wird.

Ein Augenschein zeigt, dass die Schüler und Angestellten aus dem Seefeld über Mittag wirklich kurz auf den Platz kommen. Aber sie bleiben nicht. «Los, der Stein ist zu kalt, gehen wir rüber an den See» meint ein junges Mädchen zu ihren Essen schleppenden Kolleginnen. Offenbar geht sie davon aus, dass der Steinboden am See wärmer sein könnte. Und sie bringt es auf den Punkt: Die Leere wirkt nicht gemütlich, sondern majestätisch – und abweisend.

Auf dem Platz bleiben Touristen stehen und drehen sich beeindruckt einmal um die eigene Achse, bevor sie ein Foto schiessen und weitergehen. Der Platz ist eindrücklich, verbreitet einen Hauch Weltstadt, ich glaube «imposant» wäre das richtige Wort. Aber offenbar nur für Besucher. Ein Strassenkünstler lässt vereinsamt ein bauschiges Etwas durch die Luft schweben, allerdings ohne dass die Passanten auf dem Weg vom Stadelhofen zum See stehen blieben.

«Das wird im Sommer sicher belebter», meint mein Freund, der Architekt. Irgendwie wage ich das zu bezweifeln: Soweit ich mich erinnern kann, werden unbeschattete Steinflächen bei Sonneneinstrahlung unangenehm heiss. Aber vielleicht hat er ja recht, und die Leute braten sich im Sommer ihr Mittagessen gleich auf dem heissen Stein.

Noch kann ich mir kein abschliessendes Urteil über den Platz bilden. Es kann sein, dass der grossen Steinfläche doch noch Leben eingehaucht wird. Vielleicht von Fahradakrobaten, Skatern oder Rollschuhläufern, wenn die Stadt dies denn zulässt. Zur Zeit könnte man noch denken, die Parkplatzlobby hätte den Parkplatzfrieden von anno 1992 gebrochen sich in Zürich mit der grauen Weite ein Denkmal gesetzt.

Sternen-Bratwurst: Der Tod eines Mythos

Réda El Arbi am Freitag den 1. Februar 2013
Die ehemals beste Wurst der Stadt: Bratwurst vom Sternen-Grill. Heute Mittag war sie innen kalt.

Die ehemals beste Wurst der Stadt: Bratwurst vom Sternen-Grill. Heute Mittag war sie innen kalt.

«Die beste Wurst der Stadt» hiess es eine ganze Ära lang von der legendären Bratwurst vom Sternen-Grill beim Bellevue. Saftig, heiss und geschmackvoll war sie. Jeder Stadtzürcher hatte für Olma-Bratwürste und andere Wurstwaren nur ein herablassendes Lächeln übrig. Bis der alte Sternen-Grill abgerissen wurde und der Wurststand in ein Provisorium am Sechseläutenplatz zügelte. Ab da gings bergab mit dem Wurst-Mythos der Stadt.

Der K-Tipp beurteilte die Zutaten als die schlechtesten aller getesteten Würste. Naja, uns war das egal, solange sie schmeckte. Aber das tat sie eben nicht mehr. Wie konnte ein Umzug von knapp 70 Metern der Wurstlegende ein Ende setzen? Es liegt wohl an der Zubereitung.

Die letzten zehn Würste, die ich mir am Sternen-Grill gönnte, waren entweder kalt, verbrannt, trocken oder alles zusammen. Die Sternen-Taler, kleine Geschenk-Münzen für Bratwürste, die mich immer begleiteten, klimpern inzwischen ungenutzt in meiner Tasche. Die Würste werden vorgebraten und liegen dann gelangweilt herum, bis sie am Mittag kurz angwärmt an die Hungrigen verkauft werden. Der Saft bleibt oft im Blech, die Hitze erreicht nicht das Herz der Wurst und der Grill verwandelt die pralle Wursthaut in sprödes Leder oder Kohle.

Es ist nicht so, dass die Wurst besonders schlecht ist. Sie ist eben einfach eine Wurst, wie man sie an jeder Chilbi bekommt. Aber selbst wenn sie richtig gebraten, frisch und heiss ist, bleibt sie eine ordinäre Wurst, die keinesfalls mehr den Mythos rechtfertigt, der über Jahre gepflegt wurde. Früher war der scharfe Senf des Sternen-Grills eine gelungene Beigabe, heute ist er die Voraussetzung, um der Wurst Charakter zu geben.

Im März zügelt der Sternen-Grill wieder an den alten Platz zurück. Wir hoffen, dass, trotz neuem Gebäude, der alte Geist die legendärste Wurst der Stadt wieder beseelt und zu etwas Speziellem macht: liebevoll zubereitet, frisch und eben – zur besten Wurst der Stadt.


Wohin nur am Silvester?

Réda El Arbi am Sonntag den 30. Dezember 2012
Eine Party für Alle: Zürcher Silvesterzauber am Seebecken

Eine Party für Alle: Zürcher Silvesterzauber am Seebecken

Die Züritipp-Redaktion bat mich, einen ausgewiesenen Partymuffel, einige Tipps für den Silvester zusammenzustellen. Normalerweise ess ich am Silvesterabend mit Freunden oder kuschle mich mit meiner Frau auf dem Sofa ein und les ein Buch, um irgendwann um halb Zwölf ins Bett zu gehen. Gesellschaftlich zelebrierte «Gute Laune» ist nicht so mein Ding. Dieses Jahr aber hab ich mich mir einige Gedanken gemacht, wo man in sozialer Interaktion mit wildfremden Menschen den Jahresübergang feiern könnte. Hier meine Tipps:

Silvesterzauber auf der Gemüsebrücke/Bellevuebrücke
Die fünfhundert Meter zwischen Rathaus und Seebecken sind die ideale Location für Leute wie mich. Man kann gemütlich den Abend zuhause verbringen und dann um 23 Uhr aufs Velo oder ins Tram zu steigen und entlang der Limmat mit hunderttausenden anderer Zürchern das Silvesterfeuerwerk zu geniessen. Danach kann man mit wildfremden Menschen mit Selbstmitgebrachtem anstossen und wird vielleicht noch von einer freundlichen Fremden umarmt. Dann kann man gemütlich wieder heim, im Bewusstsein, doch auch noch dabei gewesen zu sein. Nicht die schlechteste Art, das neue Jahr zu beginnen.
www.silvesterzauber.ch

Fritz Kalkbrenner im Komplex
Nicht nur für Housefreaks wie mich: Fritz Kalkbrenner war lange nur die Stimme zum Über-Hit «Sky and Sand» seines Bruders Paul. Fritz Kalkbrenner hat sich aber mittlerweile mit deepen Sets gespickt mit Gesangspassagen einen eigenen Namen gemacht. Selbst wenn man wahrscheinlich keinen Platz mehr ergattern kann: Auch wenn man nur vor dem Gebäude rumsteht, kann man später behaupten, man sei dabeigewesen.
Komplex 457, Hohlstr. 457
Eintritt 42/49 Franken
www.komplex.ch

Abart Abschied
«Happy No More Abart» heisst die Silvesterparty, mit der sich das Abart verabschiedet. Hier werde ich sicher headbangend ins neue Jahr rocken. Unterscheidet sich in der Atmosphäre erfrischend von all den Clubs mit technoidem Einheitsbrei von DJs, dessen Namen man 2 Sekunden, nachdem man das Plakat gesehen hat, wieder vergisst. Leider zum letzten Mal. Aber egal: Rock rulez für eine Nacht.
Manessestrasse 170. 8045 Zürich
Eintritt 25 Franken
www.abart.ch

Flamingo: Nicht vorhandene Nostalgie
Im Flamingo werde ich nostalgisch. Im ursprünglichen Club hab ich Anfangs Neunziger versucht, Mädchen abzuschleppen. Jetzt trau ich mich da nicht mal mehr auf die Tanzfläche, da ich die heissen Latinorhythmen von DJ Alex und Momo nicht in koordinierte Tanzschritte umsetzen kann. Eine Reise in die nicht mehr vorhandene Vergangenheit.
Limmatstr. 65 8005 Zürich
www.clubflamingo.ch

Aubrey: Edel geht die Welt zu Grunde
Inzwischen bin ich alt genug, um mir zu Silvester etwas mehr zu gönnen als Vodka und Redbull. Ein Lachs/Trüffelznacht im Aubrey, zum Beispiel, gefolgt von einer Silvesterparty mit  eher klassischen House-Sets. Wem das nicht reicht, kann eine Tür weiter an die Moulin Rouge-Party, wo Alt-Zürcher Dani König auflegt. Da fühlt man sich nochmals wie vor 20 Jahren, als auch schon Dani König auflegte.
Schiffsbaustr. 10 8005 Zürich
www.aubrey.ch

Rossi Bar: For Zürcher Only
Nur für Zürcher. Und Berliner. Und natürlich Hamburger: Die «Ostkinder»-Party in der Rossi Bar. Electro und Minimal vom Projekt Stromkraft. Ideal um in typisch urbaner Ausgelassenheit mit dem Fuss zu wippen und mit dem Kopf zu nicken. Die Sets werden natürlich ab Vinyl (Wünüül) gespielt. Wer total ausflippen will, kann auch mal eine Faust in die Luft strecken. Aber nicht übertreiben, sonst beschlägt die Nerdbrille und die Wollmütze verrutscht.
Sihlhallenstr. 3 8004 Zürich
www.bar-rossi.ch

Neujahrsmorgen
Wer aber öffentliches Feiern nicht besonders mag, dem sei meine alljährliche Neujahrstradition ans Herz gelegt: Stehen Sie am ersten Januar früh auf und fahren Sie mit dem Tram durch die Stadt. Sie werden sporadisch auf lallende oder schlafende Partyleichen stossen, die sie, je nachdem, für ihren Kater bemitleiden oder auslachen können. Nehmen Sie einen Stock mit, um die Leute anzustupsen, bei denen Sie sich nicht sicher sind, ob sie noch leben. Nach so einer kleinen Stadtfahrt wird mir immer bewusst, wie schön ich mein eigenes neues Jahr begonnen hab, im Vergleich zu den armen Verstrichenen. Das ist ein Hochgefühl. Und dann heim zum Neujahresbrunch mit Frau und Freunden.


Viele Wege führen zum Stadtblog – Der Jahresrückblick (2)

David Sarasin am Freitag den 28. Dezember 2012
Google-Anfragen verraten etwas über die Leser.

Google-Anfragen verraten etwas über die Leser.

Hier kommt der zweite Teil unseres Jahresrückblicks anhand von Google-Suchen (hier zum Teil 1). Wir zeigen Suchanfragen, die dieses Jahr zu unserem Blog geführt haben. Wieso Google mit «Stadtblog» auf so viele Fragen antwortet, wissen wir nicht. Und weils nicht zu jeder Anfrage bei uns eine Antwort gab, wollen wir einen Teil der Suchbegriffe hier gleich selber beantworten. Hier die Google-Suchläufe, die auf unseren Blog führten:

Suchanfrage, die zum Stadtblog führte: Irina Beller Busen
Unsere Antwort: Erstmal: Eine der häufigsten Anfragen 2012. Und ja, die konnte man sehen, wenn man an der Who is Who-Party war, wie Kollege El Arbi oder wenn man seine Bilder von der Party begutachtet. Oder natürlich wenn man Walter Beller heisst. Doch will man keines der Sachen so wirklich. Trotzdem hat Kollege El Arbi an besagter Feier seine Papparazzi-Skills eindrücklich demonstriert. Und damit einen Hit gelandet.

Der Suchbegriff: junkie beach in 63 kellerabteile ein tagesanzeiger
Unsere Antwort: Ruhig bleiben. Und nochmal von vorne. Oder nein, doch besser nicht. Das ist unheimlich, und das war niemals die Absicht des Stadtblogs. Wir schwören es. Next!

Der Suchbegriff: was bezahlt man für sex zürich
Unsere Antwort: Am besten gar nichts. Falls doch: Preislisten finden sich auf den Seiten der Bordelle. Und nicht bei uns im Stadtblog. Wir haben bloss einmal das Sexkino getestet – und Irina Bellers Brüste gezeigt.

Der Suchbegriff: Philipp Ritterman
Unsere Antwort: Der Top-Kommentierer des Stadtblogs, lässt man Kollege El Arbi aussen weg. Vielen Dank für ihre teilweise treffenden Anmerkungen, Herr Rittermann, auch wenn man lange nicht jeden ihrer Kommentare öffentlich machen kann. Sie haben es mit ihrer Kommentiererei immerhin zu einem gewissen Ruhm gebracht, jedenfalls googelt Sie jemand. Oder machen sie das etwa selber? Wie auch immer, wir wünschen uns auch 2013 eine derart aktive Teilnahme an unserem Blog. Die Kommentare von Philipp Ritterman alias Kevin Maria Sonderegger findet man unter jedem einzelnen Eintrag. Und ja, Herr Rittermann hat sich einverstanden erklärt, hier erwähnt zu werden.

Suchanfrage: meine frau läßt unseren sohn Ihre Titten sehen
Unsere Antwort: Schon wieder Busen! Und es hört nicht auf. Doch können wir diesmal Entwarnung geben, denn irgendwo muss das arme Baby ja seine Milch herkriegen. Was das mit dem Stadtblog zu tun hat? Kollege El Arbi hat ja eben, in boulvardesker Manier (er arbeitete mal beim Blick am Abend), bei oben erwähntem Artikel folgenden Titel gewählt: «Bellers Brüste & andere wichtige Zürcher». Und damit nicht nur Klick-Stürme ausgelöst, sondern auch Sex-Ströme auf den Blog geleitet.

Der Suchbegriff: szeni zürich
Unsere Antwort: El Arbi hat sich oft schon gerieben am sogenannten Szeni. Doch gefunden hat er ihn, so glaube ich zumindest, noch nicht. Es gibt ihn nämlich gar nicht, DEN Szeni. Trotzdem kann man die Spezies, auf die es El Arbi wohl abgesehen hat, beschreiben: Man findet ihn etwa tagsüber in Kaffees und nachts in Bars. Er achtet derart auf sein Äusseres, dass man ihn bisweilen für oberflächlich hält, was aber ein Vorurteil sein könnte. Sein wichtigstes Gut ist sein gigantischer Bekanntenkreis – dicht gefolgt von seiner Sneaker-Sammlung. Das wichtigste: Wenn zu viele seiner Sorte an einer Party aufkreuzen, schaut die Party zwar so gut aus wie eine «Friday»-Bildstrecke, doch sinkt die Stimmung sofort unter den Gefrierpunkt. Kurz: wir sind alle Szenis, zumindest ein wenig. Also wenn schon, finden wir den Szeni oder seine Antithese in uns selber. Richtig Herr El Arbi? Einige Artikel behandelten das Thema.Etwa der hier.
Zürcher Kultevents: Ich war nie da!
Oh wie schön ist Panama!
Der Zürcher Gastro-Klüngel

Suchanfrage: sex
Unsere Antwort: Ja

2013: Vorsätze für ein besseres Zürich

Réda El Arbi am Montag den 10. Dezember 2012
Auf eine noch bessere Stadt.

Auf eine noch bessere Stadt.

Es ist Ende Jahr und die Medien bombardieren uns mit Jahresrückblicken. Nun, wir vom Stadtblog wissen, was wir dieses Jahr alles falsch gemacht haben. Wir wollen natürlich in Zukunft alles viel besser machen. Drum gibts hier keine eigentliche Rückschau, sondern einige gute Vorsätze, wie Zürich 2013 eine noch bessere Stadt wird. (Wenn Sie mithelfen wollen, aus Zürich eine bessere Stadt zu machen, schreiben Sie, nachdem Sie den Post gelesen haben, Ihre Vorschläge in die Kommentare.)

Soziales
Wir geben uns Mühe, freundlich zu unseren Nachbarn zu sein, gerade, wenn sie neu in der Stadt sind. (Nicht zu freundlich, sonst werden wir für Berner gehalten.) Wir sprechen mit Deutschen weiterhin Hochdeutsch, damit sie sich ein wenig wie zuhause fühlen.

Wir sollten auch freundlicher zu unseren Gästen und Touristen sein. So könnten wir ihnen etwas von dem, was sie uns bringen, zurückgeben. Zum Beispiel könnten wir nach der Street Parade die kleinen Geschenke, die sie auf der Strasse liegen lassen, (hübsch in braune Säcke verpackt) zurückschicken.

Wir sollten auch das Konzept eines Strichplans für Strassenprostitution überdenken. Viel konsumentenfreundlicher wäre es doch, die Damen gleich zum Kunden nach Hause zu schicken. Damit wär das Problem zu 95 Prozent aus der Stadt verbannt und viele Männer bekämen die Gelegenheit, danach an ihrer Ehe zu arbeiten.

Natürlich dürfen wir in unserer Stadt die Gleichstellung nicht vergessen. Nachdem wir unseren ersten Männerbeauftragten in die Wüste geschickt haben und unser zweiter Männerbeauftragter erst nachweisen musste, dass er sich bisher in erster Linie für Frauen engagiert hat, sollten wir uns langsam darauf vorbereiten, eine Männerbeauftragte einzustellen. Was wäre gleichberechtigter?

Kulturelles
Wir werden bescheidener Auftreten. Die Gigantomanie der letzten Prestige-Objekte, dem Hafenkran oder dem Primetower, sind etwas übertrieben. Man könnte uns einen Minderwertigkeitskomplex unterstellen, wenn wir weiterhin so grosse, phallische Statussymbole projektieren.

Bei den Ausstellungen im neuen Kunsthaus werden wir auch ein wenig Respekt vor den Leuten zeigen, die für uns diese Kunst gesammelt haben: Vielleicht mit einer lustigen Fotoausstellung über die Kriege, in denen die Familie Bührle seit den 20ern das Geld für die bald da zu sehende Sammlung verdient hat.

Wir veranstalten in Zukunft das Sechseläuten nicht mehr auf der Sechseläuten-Baustelle, sondern in der Europa-Allee, damit wenigstens einmal im Jahr jemand diese trostlose Betonwüste besucht und die Rieseninvestition gerechtfertigt ist.

Nun, da bleibt noch die Bildung: Einen Teil unserer Steuern könnten wir dem medizinhistorischen Institut geben, damit sie ihre Kuratoren und Dozenten besser bezahlt. Die sollten sich nicht in der Politik ein Zubrot verdienen und darüber ihre Pflichten vernachlässigen müssen. Wir könnten auch verschiedene Pfadis und Blauring-Vereine darum bitten, dass sie die medizinhistorische Sammlung einmal wöchentlich abstauben und von Ungeziefer befreien.

People
Wir werden Gölä zum Ehrenzürcher machen, da er ja sowieso fast schon an der Dufourstrasse in der Blick-Redaktion wohnt. Wie sonst könnte unsere Lieblings-Boulevardzeitung über jeden Gang aufs Klo des Ausnahmekünstlers berichten?

Wir suchen einen richtigen Zürcher Mann für Ex-Miss-Zürich Melanie Winiger (ja, Miss Schweiz war sie auch mal, aber was zählt das schon?). Mit Männern aus der Fremde hatte sie nur Stress.

Wir legen dem Zürich Film Festival den leider verstorbenen Filmnarr und Freizeit-Regisseur Kim Jong Il als posthumen Preisträger ans Herz. Den Preis könnten sie dem Sohn Kim Jong Un überreichen. Der ging hier zur Schule und hat so sogar einen Schweizer Bezug. Und für Publicy wär gesorgt, wie bei John Travolta oder Roman Polanski.

Umwelt, Verkehr, Tourismus
Wir regen uns nicht mehr darüber auf, dass unsere Stadt mit völlig stadtuntauglichen, übergrossen Autos verstopft wird, sondern zeigen Mitgefühl mit den Leuten, die in den von ihnen selbst verursachten Staus feststecken, während wir im Tram oder auf dem Velo an ihnen vorbeidüsen.

Im öffentlichen Verkehr zeigen wir in Zukunft mehr Geduld mit Pendlern von Ausserhalb, die den ÖV verstopfen. Denn wisse: Jeder Pendler unter 25 wird sich sowieso bald eine Wohnung in der Stadt suchen und dann auch dazugehören. Und jeder Pendler über 35 könnte ein Ex-Stadtzürcher sein, der mit seinen Kindern in eine familiengerechtere Gegend gezogen ist und nun z.B. in Winterthur die Mieten in die Höhe treibt.

Auch sollten wir, wenn wir in anderen Schweizer Regionen sind, nicht so arrogant auftreten. So sollten wir nicht mit unserem Geld da um uns werfen, wo die Leute eh schon ein wenig allergisch auf uns reagieren, sondern es eher dahin bringen, wo die Leute es wirklich nötig haben. Zum Beispiel in österreichische Skigebiete, wo man uns auch gern mag.

Ach ja, und um die Umwelt noch ein wenig zu schonen, lesen wir nur Gratiszeitungen, die bereits im Tram oder Bus auf den Sitzen liegen. Und wenn wir fertig sind, deponieren wir sie wieder in den Verteilerboxen.


Drei heisse Schoggi für 32 Franken

Réda El Arbi am Montag den 3. Dezember 2012
Viel zu teuer und lieblos präsentiert: Die «Intensive» im Cafe Felix.

Viel zu teuer und lieblos präsentiert: Die «Intensive» im Cafe Felix.

Ein Tag wie aus dem Wintermärchen, die Eiskruste knirscht unter den Schuhen, kleine Kinder versuchen mit der Zunge Schneeflocken zu fangen, überall Weihnachtsstimmung und Lichterketten. Genau so ein Tag, an dem man sich, nach einem Spaziergang am See, eine heisse Schokolade mit viel Schlagrahm wünscht.

Wir suchten diese Wärme im Cafe Felix am Bellevue. Sie wissen schon, das Cafe mit der kitschigen Dekoration, der ideale Platz um sich vorweihnachtlich zu verwöhnen. Wir bestellten drei Mal die «Intensive heisse Schokolade mit Schlagrahm». Wir hätten wohl besser auf die Preise achten sollen …

Dreimal ein heisses Getränk kosteten knapp 32 Franken. Eine Schoggi mit Schlagrahm 10.50! Nun, ich erkundigte mich nach dem Grund für diesen horrenden Preis. Die Antwort: «Das ist die Intensive, da hats mehr Schokolade drin.»

Ich rechnete kurz nach: Für knapp 11 Franken bekam ich also 2 dl heisse Milch, einen Esslöfffel Schlagrahm und wieviel Schokolade? Das müssten dann ja ungefähr 500 Gramm sein, um den Preis zu rechtfertigen. Naja, und so überzeugend schmeckte «die Intensive» nicht. Einfach, als ob man ein Löffelchen Pulver mehr in die Milch rührt. Die «Kinderschokolade» mit gleich viel Milch, aber weniger von dem «braunen Gold» kostet übrigens 8.20 Franken mit Schlagrahm. Und die schmeckt nach überhaupt nichts. Dazu gabs nicht mal ein Guetzli, wie mans in jedem Bahnhofbuffet zu einem heissen Getränk bekommt. Und, an diesem Ort der schönen Dekorationen, erinnerte mich die Tasse und die lieblose Präsentation der «Intensiven» an ein Migros-Restaurant.

Aber ich wollte nicht zu früh urteilen. Vielleicht kannte ich mich ja in den Preisen für heisse Schokolade nicht aus. Zum Vergleich ging ich ins Cafe Sprüngli am Paradeplatz, eine uralte Konditorei in bester Lage und hervorragender Schokolade. Hier kostet eine von Hand aus echter Schokolade zubereitete heisse Schokolade mit Schlagrahm 2.50 weniger. Eine heisse Schokolade mit Alkohol ist hier sogar drei Franken billiger als im vergleichbaren Cafe Felix. Ach ja, 2005 bekam man im damaligen Cafe Schober, dem vormaligen Wirkungsfeld von Felix Dättwyler, dem jetzigen Gerant vom Cafe Felix, ein Frühstück mit einer Schober Schoggi (aus Teuscher Schokolade) für 14.50.  Jaja, die Inflation …

Nun ja, da ich die schöne Dekoration nicht mitnehmen durfte, wovon ich wegen der Preise zu Beginn ausging, werde ich in Zukunft wohl nicht mehr da einkehren. Sollen sich die Touristen da abzocken lassen. Ich schau mir nur noch im Vorbeigehen die Schaufenster an und trinke meine Schokolade woanders. Im altehrwürdigen Odeon zum Beispiel.

Der traurigste Christbaum der Stadt

Réda El Arbi am Montag den 26. November 2012
Zwischen Abfallcontainern und Parkplatz: Die stolze Zürcher Tanne

Nackt zwischen Abfallcontainern und Parkplatz: Die stolze Zürcher Tanne

Im Herzen der Stadt, beim Bellevue auf dem Sechseläutenplatz,  wo die Stadt im Sommer an der Street Parade sich selbst feiert, zeichnet sich in der Vorweihnachtszeit ein trauriges Bild: Hier steht der armseligste Christbaum der Schweiz.

Die Tanne steht jedes Jahr halb nackt da, verloren auf der Baustelle/dem Parkplatz und soll da weihnachtliche Stimmung verbreiten, wo im Frühling stolz der Böögg auf seinem Scheiterhaufen steht. Nur, um weihnachtliche Gefühle in den Herzen der Zürcher zu wecken, kann der arme Christbaum gerade mal auf gefühlte 50 nackte Glühbirnen zurückgreifen. Mehr scheint die Weihnachtszeit dem Verein Stadelhofen/Bellevue nicht wert zu sein, keine Christbaumkugeln, keine Schlaufen, keine Bänder, keine Engelsspitze, einfach Nichts.

Die stattliche Tanne wird von Grün Stadt Zürich geliefert, verantwortlich für den Schmuck ist der private Verein der anliegenden Geschäfte und Läden. «Der Schmuck wurde früher immer entwendet», war bisher eines der Argumente des Vereins dafür, dass der Baum so erbärmlich geschmückt ist.

Die Stadt Zürich will nichts mit dem Baum zu tun haben: «Das geht uns nichts an, das ist Sache der Privaten» liess die Stadtregierung letztes Jahr verlauten. Aber ehrlich, dieser schäbige Baum schadet doch auch dem Image unserer «Weltstadt». Das fällt auf uns zurück. Da wäre es wohl klüger, erst gar keinen Christbaum aufzustellen, als ihn dann wie einen gerupften Busch der Welt zu präsentieren.

So sollte ein Christbaum aussehen: Der Baum am Paradeplatz

So sollte ein Christbaum aussehen: Der Baum am Paradeplatz

Aber vielleicht ist das ja Absicht. Die am liebevollsten geschmückte Weihnachtstanne steht nämlich nicht weit entfernt am Paradeplatz. Bezahlt von einer Bank und wahrscheinlich von einer Horde schwuler Innendekorateure aufs Schönste dekoriert, steht er da in seiner Pracht und ist eines der meistfotografierten Sujets im winterlichen Zürich.

Was soll uns das über die Weihnachten in unserer Stadt sagen? Etwa das Gleiche, wie die Tatsache, dass die Weihnachtsbeleuchtung «Lucy» von der invasiven Adventsbeleuchtung der Geschäfte an der Bahnhofstrasse in die Unsichtbarkeit geblendet wird?

Gibts nur Weihnachtsgefühle, wenn man damit auch Geld verdienen kann? Wenn die Stadt dafür Geld aufwenden muss, ist Sense? Wenn Sie das auch traurig macht, schreiben Sie eine Mail an die Stadtregierung und bitten Sie um fröhlicheren Schmuck für die arme nackte Tanne am Bellevue.