Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 9. Juni 2017

«Eine Bieridee während der Party.»

Philip Douglas hat die Velomarke Simpel kreiert. Trotz der Lieferung von 4100 Armeevelos geriet die Firma aber in Schieflage – dank neuem Partner soll sie bald wieder auf dem Markt sein. (Foto: Keystone/Gaetan Bally) Zum Artikel

 

«Man bleibt fit und gibt keine Schadstoffe ab.»

In Zürich und Winterthur gibt es neuerdings Ausleihstationen für Cargobikes. Damit einem beim Schwertransport nicht der Schnauf ausgeht, sind sie elektrisch. Barbara Gunthard-Meier, FDP-Vorsteherin des Departements Sicherheit und Umwelt der Stadt Winterthur, passt das Projekt. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Der Kunstmarkt ist eine Mafia.»

Jeremie Maret hat die Nase voll vom Klischee des brotlosen Künstlers. Für sein neues Projekt muss es Millionen Franken regnen – dank Hirst. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Das Schöne wird beleuchtet,
das Hässliche bleibt im Dunkeln.»

Was bleibt vom einst gefeierten Plan Lumière, der die Stadt Zürich besser beleuchten soll? Die acht Millionen Franken des Rahmenkredits sind aufgebraucht. Der Plan Lumière sei ja kein Projekt, sondern ein Programm, ein Konzept, sagt Stefan Hackh, Sprecher des Tiefbauamtes. (Foto: Keystone/Eddy Risch) Zum Artikel

 

«Diesen Tätern ist nichts heilig.»

Sie plündern den Opferstock, brechen in Kirchenhäuser ein und klauen vergoldete Zeiger der Turmuhr  ja sogar Betende werden bestohlen, wie Judith Hödl, Sprecher der Zürcher Stadtpolizei, sagt. (Foto: (Keystone/Alessandro Della Bella) Zum Artikel

 

«Die Hündeler sind Geheimbündler.»

«House of Cards» steckt in der Krise, der US-Kultserie gehen wegen dem realen Präsidenten Donald Trump langsam aber sicher die Ideen aus. Wo nach neuer Inspiration suchen? Da, wo sie Mr. President sicher nicht sucht: in Zürich, Sweden. (Foto: Keystone/Christian Beutler) Zum Artikel

 

«Der Stadtrat ist im Panikmodus.»

Keine Woche, ohne das ihm ERZ nicht ein neuer Skandal aufgedeckt wird. Diesmal: Das Entsorgungsamt (ERZ) baut eine Freizeitoase im Wert von 2,5 Millionen Franken. Die Regierung schweigt – und eckt damit an. Wenig später wird ERZ-Direktor Urs Pauli entlassen, nachdem er vor zwei Wochen freigestellt wurde. Sündenbock gefunden? Andreas Kirstein, Präsident der AL-Fraktion im Gemeinderat, wirft der Zürcher Regierung kopfloses Handeln vor. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Das Projekt brachte mich
an den Rand des Wahnsinns.»

Der Zürcher Patrick Hohmann stellt Uhren her, die aus Schrott von Raketenuhren gefertigt sind – und sammelte auf Kickstarter eine Rekord-Startsumme. Ab November ist die Uhr erhältlich. Ein Countdown von der fixen Idee bis zum fertigen Schmuck. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Rocker mögen Bier,
also mögen wir die Rocker.»

Guns N’Roses in Zürich: Im Letzigrund Hardrock, bei den Nachbarn Ländler. Der einzige gemeinsame Nenner: Bier. Für Wirt Stefan Keller geht die Rechnung auf. (Foto: Epa/Luis Tejido) Zum Artikel

 

 «Ein Vergleich ist heikel.»

An den Zürcher Tramhaltestellen Bellevue, Bahnhofquai und Milchbuck haben Delikte wie Bedrohungen, Raub und Diebstahl zugenommen – trotz Videoüberwachung. Dennoch sei ein Vegleich schwierig, sagt VBZ-Sprecher Thomas Rieser. (Foto: Keystone/Christian Beutler) Zum Artikel

Endlich – der Zirkus ist weg

Beni Frenkel am Donnerstag, den 8. Juni 2017

Endlich wieder leer geräumt: Sechseläutenplatz mit Oper im Hintergrund. (Foto: Beni Frenkel)

Endlich ist der Circus Knie weg vom Sechseläutenplatz! Ich habe mich einen Monat lang darüber aufgeregt, dass dieser schöne Platz öffentlich nicht zugänglich war. Wer braucht einen Zirkus in der Stadt? Niemand. Ich verstehe die Leute nicht, die so etwas toll finden. Das bisschen Rumgehopse und Jonglieren nervt mich gewaltig.

Meine Kinder wissen: Papi geht mit ihnen nie in einen Zirkus. Dafür bin ich einfach zu mondän. Es gibt so viele Sachen, die ich am Zirkus schrecklich finde. Ich kann zum Beispiel überhaupt nicht nachvollziehen, was so lustig sein soll, einen kleinwüchsigen Mann anzustellen, um Tickets zu verkaufen. Ich meine dabei den Clown Spidi vom Circus Knie. Der trägt eine schöne Uniform. Die Kinder lachen ihn aus.

Das ist so etwas von 19. Jahrhundert. Damals hat man Riesen, Kleinwüchsige, Frauen mit Bärten, siamesische Zwillinge ausgestellt und dafür Geld verlangt. Ist das lustig? Darf man Witze über Menschen machen? Darf ich hier schreiben, dass Frau Géraldine Knie früher gertenschlank war?

Ich bin kein Tierfanatiker. Manche esse ich sogar. Aber selbst ich habe Mitleid mit den armen Geschöpfen im Zirkus. Das Schöne an der Evolution ist ja, dass Tiere nicht reden können. Was würden die wohl im Interview erzählen? «Was ich so den ganzen Tag durch mache? Also, am Morgen hänge ich im Käfig herum, und am Abend muss ich durch einen Reifen springen. Aber es gibt Schlimmeres. Kollege Elefant muss jeden Abend Géraldine Knie transportieren.»

Die Römer pflegten früher zu fragen: «Cui bono?» Wem nützt ein Zirkus? Die Leute antworten dann, den Kindern. Aber stimmt das wirklich? Was bringt es einem Kind, drei Stunden in einem überfüllten Zelt zu sitzen? Kann es nachher den Handstand besser? Oder ist dann einfach die Hose wieder einmal versaut, weil Glace-essen im Zelt einfach nicht klappt.

Wenn ich mit meinen Kindern etwas unternehmen muss, dann gehen wir in den Wald oder in die Badeanstalt. Ich sage den Kindern: «Papi liest jetzt Zeitung. Stört mich nicht.» Jedes Balg kriegt einen Fünfliber und beschäftigt sich selber. Und das funktioniert. Auch im Wald.

Ich verstehe auch nicht, warum Eltern ihre Kinder in den Zirkus schleppen, damit der Nachwuchs die Tiere von nahem sieht. Die sollen doch besser die heimischen Tiere kennen lernen. In meiner Schultätigkeit bin ich nie einem Schüler begegnet, der die Unterschiede zwischen einem Spatz und einem Rotkehlchen kannte. Dabei gibt es so viel in der Umgebung zu entdecken. Wer rätscht im Baum? Es ist der Eichelhäher.

Ich bin einmal mit dem Velo über eine Eidechse gefahren. Die hat dann ihren Schwanz abgeworfen und ist weggerannt. Den Schwanz habe ich gleich in eine Box gelegt und am nächsten Morgen in die Schule mitgenommen. Die Kinder haben geschrien! Am nächsten Tag überraschte mich ein Schüler. Er hatte ein Ameisennest aufgestöbert und für mich eine Garnison Ameisen in eine grosse Dose gelegt. Weil er a) die Dose mitnahm und b) viele Luftlöcher in die Dose stach, mussten wir den Abwart rufen.

Aber so etwas lernt man eben nicht im Zirkus.

Selnau für immer

Miklós Gimes am Mittwoch, den 7. Juni 2017

Was ist wichtiger, Freundschaft oder Liebe? Freundschaften dauern meist länger, sie begleiten dich vom Pausenplatz an – wobei ich die Homies beneide, die zusammen aufgewachsen sind, in derselben Siedlung, demselben Quartier, alles geteilt haben, Freud und Leid.

Ein Fachmann in Sachen Homies ist Mai Ooki, der an der Zentralstrasse mit seinem Vater und einem seiner älteren Brüder ein japanisches Restaurant betreibt, von dem die halbe Stadt spricht; aber das ist eine andere Geschichte. Mai ist aus der Selnau-Siedlung zwischen Stauffacher und Stockerstrasse, der Jüngste von vier Geschwistern. Jetzt ist er 21, und seit er auf der Welt ist, trifft er sich sozusagen jeden Tag mit sechs etwa gleichaltrigen Jungs, ein paar wohnen noch im Selnau, die anderen sind ausgezogen. «Wir sind Freunde seit Tag eins», sagt er. Die sieben sind alle im Selnau aufgewachsen, gleiche Krippe, gleiche Primarschule, gleiche Sek (einer scherte ins Gymi aus, blieb aber ihr Freund); sogar die Eltern sind befreundet.

Sie spielten zusammen Fussball, hörten Musik, halfen sich, wenn es einem schlecht ging. In der Badi Tiefenbrunnen lernten sie sieben Homies aus dem Seefeld kennen, freundeten sich an, ein Mädchen aus der Siedlung verliebte sich in einen der Seefelder.

Vor einem Jahr hatten sie die Idee, ihre Kräfte zu messen, Selnau gegen Seefeld, ein fairer Kampf, Nägel einschlagen, Papierfliegercontest, Ringen, Schnitzeljagd, es ging um die Ehre. Erste Disziplin war ein Wettkochen, eine neutrale Jury sollte entscheiden. Das ist ein halbes Jahr her, aber Mai Ooki kann die Speisefolge immer noch auswendig: Entenbrust mit Honigglasur, Kürbissuppe, Magerquarkspätzli, Schweinebauch, Rotkraut. Als Dessert Marronikuchen mit Zwetschgenkompott. Die Seefelder kochten eine Kartoffel-Thymian-Suppe mit Focaccia, Auberginensalat mit Safrandips, Granatäpfeln, Basilikum, Pinienkernen und hausgemachte Ravioli mit Ricottafüllung. Unglaubliche Menüs, ich habe die Bilder auf Instagram gesehen.

Selnau hatte einen Jungkoch in den Reihen, der in einem guten Lokal beschäftigt ist, Seefeld einen Lehrling, der am Wettkampftag leider arbeiten musste. Vielleicht ist deshalb die Tarte Tatin mit dem hausgemachten Eis nicht ganz geglückt. Die Probleme mit der Glacemaschine gaben den Ausschlag zugunsten des Teams Selnau. Ich fragte Mai, ob die Wahl der Speisen etwas aussagt über den Charakter der Gruppen. Selnau schien mir währschafter, Seefeld eher weltgewandt, Ottolenghi-Style. «Wir Selnauer sind im Allgemeinen etwas verschlossener», meint Mai.

Zweimal hatten sie sich letzten Herbst zum Kochen und Essen getroffen, 17 Jungs, die Freundinnen waren nicht dabei. «Es ist nicht so, dass wir uns abgrenzen, im Gegenteil. Aber das Band, das uns Jungs verbindet, ist sehr stark», sagt Mai. Was ist wichtiger, die Liebe oder die Freundschaft? «Wenn meine Freundin sich mit den Jungs nicht versteht, sehe ich keine Zukunft mit ihr», findet er.

Wie geht es weiter? Ein Leben weg von Zürich könne er sich nicht vorstellen, meint Mai. Werden sie im Quartier bleiben? Gemeinsam etwas aufziehen? Mai Ooki betrachtet die Fotografie, 17 Jungs winken an einer üppigen Tafel. «Wir haben geliefert», sagt er.

Bis dass der Tod …

Réda El Arbi am Dienstag, den 6. Juni 2017
Kein Happy End: Hochzeit ist der Beginn eines schwierigen Lebens. Nur ist man damit nicht alleine.

Kein Happy End: Hochzeit ist der Beginn eines schwierigen Weges. Nur ist man damit nicht alleine.

Die Ehe sei nicht mehr zeitgemäss, unfair anderen Formen des Zusammenlebens gegenüber und schaffe nur Streit und Kosten, so das Fazit von Bettina Weber in ihrem Essay in der Sonntagszeitung.

Nun, es stimmt, dass die Ehe anderen Lebensplänen gegenüber bevorzugt wird. Das heisst aber eher, dass die anderen Lebensentwürfe der Ehe gleichgestellt werden sollten. Wer die Ehe abschaffen will, hat sie nicht verstanden.

Die Ehe ist kein Versprechen für Glückseligkeit. Die Ehe ist kein Ziel, das man mit einem Partner/einer Partnerin erreichen will. Die Ehe ist kein Statement gegenüber Familie, Freunden und Umfeld. Die Ehe ist kein Hollywood-Happyend und keine Realityshow. Sie ist keine Anleitung für Partnerschaft, sie ist keine Versicherung für Liebe. Die Ehe ist weder Zwang noch Garant für irgendwas. Die Ehe ist kein iPhone, das man wegschmeisst, sobald man denkt, es sei was Geileres auf dem Markt. Die Ehe ist nicht die Erfüllung, sondern das Gefäss, in das man sein Leben giessen will.

Und sicher ist die Ehe kein Mittel, um den Partner in Treue und Loyalität zu binden. Wer so empfindet, sollte sicher nicht heiraten. Das Commitment der Ehe ist eine Form, SICH SELBST an Verpflichtungen und Einhaltung von Regeln zu binden. Die Regeln auszuhandeln, ist dann Sache der Ehepartner.

Die Ehe ist ein Signal nach innen, in die eigene Seele. Sie ist ein rituelles Commitment, eine verbindliche Zusage, für einen anderen Menschen da zu sein. In den alten christlichen Hochzeitsritualen heisst es «In guten wie in schlechten Zeiten». Damit sind nicht etwa Krieg und Hunger gemeint. Damit ist gemeint, für den Partner da zu sein, wenn er spinnt, wenn er sich verändert, wenn sich die Beziehung als schwierig herausstellt, wenn er krank ist und wenn nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Die «gute Zeit» ist kein Strohfeuer des Verliebtseins, es die langanhaltende Glut der Liebe. Die Ehe ist nur dann angebracht, wenn man sich vorstellen kann, mit dem Gegenüber alt zu werden. Egal, was sonst alles geschieht.

Das ist nicht einfach. Natürlich kann man das auch ohne Ehe machen. Aber es ist nicht das gleiche, wie wenn man ein rituelles Versprechen abgegeben, einen Vertrag abgeschlossen hat. Wenn man sich darauf vorbereitet und sich im Innern mehrmals gefragt hat, ob man wirklich bereit ist, diese Verpflichtung einzugehen. Verträge, rituelle Eide und öffentliche Bekenntnisse sind nun mal der Kitt, mit dem die menschliche Gesellschaft seit Anbeginn der Zeit zusammengehalten wird. Wer behauptet, ohne Vertrag die gleiche Verbindlichkeit zu empfinden, soll mal ohne eine solche «rituelle» Vereinbarung ein Haus kaufen oder eine Firma gründen.

Rund 42 Prozent aller Ehen werden geschieden. Das ist ok. Daraus zu schliessen, dass man die Ehe für die anderen 58 Prozent abschaffen soll, ist etwas einseitig. Es zeigt viel mehr, dass viele Leute heiraten, die entweder die Ehe nicht begriffen haben, oder sich selbst und ihren Partner nicht gut genug kannten, um eine solche Vereinbarung einzugehen.

Die Ehe ist nicht für alle. Sie ist – unabhängig von Geschlecht, sexueller Ausrichtung und sexuellem Selbstverständnis – nur etwas für Menschen, die eine verbindliche Zusage an einen anderen Menschen machen wollen. Und sich gut genug kennen, um dies auch zu können. Und das ist unseren Zeiten  superindividualisierter Lebensentwürfe nicht einfach.

Menschen verändern sich, Ziele, Lebenumstände, Zuneigung, alles kann neue Formen annehmen. In unseren Zeiten kann man diese Veränderungen bei der Form der Ehe, die man lebt, berücksichtigen. Ich kenne Paare, die offene Beziehungen führen, oder auf zwei Kontinenten leben, ohne auch nur eine Sekunde am Commitment ihres Ehepartners/ihrer Ehepartnerin zu zweifeln. Sie wissen, das Gegenüber wird sofort um den Planeten fliegen, um Beistand zu leisten, Krisen mitzutragen, über Leben und Tod zu entscheiden. Man muss nicht aneinander kleben, braucht kein Einfamilienhaus mit Hund, kein verstaubtes Rollenverständnis und kein Klischeeleben, um eine Ehe zu führen. Man braucht nur Liebe (nicht zu verwechseln mit Verliebtsein) und etwas Loyalität.

Meine Ehe hat einen besseren Menschen aus mir gemacht. Zum Einen, weil ich eine Partnerin gefunden habe, die mich mit all meinen Macken und Fehlern (nicht wenige) liebt – und ich so ohne Druck an meinen Unzulänglichkeiten arbeiten darf. Zum Anderen, weil ich innerhalb der Ehe flexibler und offener bin, als ich jemals zuvor war. Und natürlich, weil ich für meine Partnerin ein besserer Mensch sein will.

Ehe ist wirklich nicht für alle. Und die Scheidungsrate wäre sicher niedriger, wenn man die Ehe von dem 50er-Jahre-Image und von dem Kitsch befreien würde. Ehe ist etwas für Erwachsene, die den Eid «bis dass der Tod euch scheidet» verstehen und bereit sind, ihn einzugehen.

Allen anderen würde ich eine ganz unverbindliche Lebensabschnittspartnerschaft empfehlen. Mit einer offenen Option für andere Pläne mit anderen Partnern. Das ist weder besser noch schlechter als die Ehe. Es ist einfach ein ganz anderer Weg.

Der letzte Eindruck

Thomas Wyss am Samstag, den 3. Juni 2017

Im Geschäftsleben, heisst es, habe man keine zweite Chance, um einen ersten Eindruck zu machen. Stimmt wohl. Selbe Regel sollte aber auch am anderen Ende der Skala gelten – also beim letzten Eindruck, dem Adieu beim Stellenwechsel oder Erreichen des Rentenalters. Dieser Abgang sollte stilvoll und adäquat, sprich den kulturellen und sozialen Umständen angepasst sein.

Wir nehmen an, dass jetzt vielerorts zustimmend genickt wird (wir können das nicht überprüfen, wir sind drum im Piemont, wo wir heute Abend beim Genuss eines fantastischen Achtgängers zusehen werden, wie in Cardiff eine elegante «Alte Dame» einer Gang von Lackaffen die Gelfrisuren zerzausen wird… o ja, bitte-bitte-bitte, grosser Fussball-Manitu, lass es so sein, lass uns gewinnen! Ich werde zum Dank die nächste Saison nichts Herablassendes über Basel und die Bayern schreiben, heiliges Ehrenwort! Oder wenigstens in der Vorrunde, das schaff ich!); da und dort wird nach diesem Intro aber bestimmt auch einer maulen: «Also echt jetzt, das versteht sich doch von selbst, diese Züricher Gebrauchsdingens hier ist auch nicht mehr, was sie mal war, und dafür bezahlt man teures Abogeld! Damit könnten wir uns auch Gescheites leisten, vielleicht Sylt, oder einen Jahresvorrat Spreewald-Gurken, es gäbe da zweifellos gute Optionen.»

Wir erwidern darauf: Diese Züricher Gebrauchsdingens hier war noch nie richtig gut (und darum früher auch kaum je besser), doch wahrscheinlich war sie noch nie so wichtig wie heute! Weil sie heute – siehe PS – wirklich Wichtiges zu verkünden hat. Weiter erwidern wir, dass sich das tatsächlich von selbst verstehen müsste, dass die Realität (die folgenden drei Beispiele sind nämlich wahrhaftig passiert!) jedoch dramatisch anders aussieht.

Wenn eine kleine Angestellte über die Hälfte des Essens, das sie für ihren Abschiedsapéro kaufte, zur Heilsarmee tragen muss, weil über die Hälfte der angekündigten Kolleginnen und Kollegen unentschuldigt fernbleibt, ist das – sorry – beschissen. Wenn sich ein KMU-Manager etwa zwei Monate nach der freiwilligen Kündigung von Mitarbeiter XY beim Personalchef erkundigt, wies eigentlich um Mitarbeiter XY bestellt sei, er habe den länger nicht mehr gesehen, ist das – nochmals sorry – nochmals beschissen. Und wenn man einer treuen Seele, die 42 (!) Jahre im Unternehmen tätig war, das Dienstaltersgeschenk in Form des doppelten Lohnes verweigert, bloss weil der Verwaltungsrat knapp zwei Wochen vor der Pensionierung der treuen Seele die Abschaffung solcher Geschenke beschlossen hat, ist das… ach, echt.

Auch unsere Zeitung hat was abgeschafft, nämlich die Erwähnung «Mit diesem Artikel verabschiedet sich…». Die ultimative Würdigung passte wohl einfach nicht mehr so zu unserem hektisch fluktuierenden Zeitgeist, schade ist es allemal. Tja.

PS: Mit diesem Artikel möchten wir unsere liebe Kollegin Denise Marquard verabschieden, sie geht in den sehr verdienten Ruhestand, und wir werden sie sehr vermissen.

PPS: Ich hatte das schon mal publik gemacht, aber ein Reminder schadet nie: Möchte man mir dann bei meinem Abschied einen guten letzten Eindruck machen, schenke man mir am besten einen Chariot de Fromage. Mässi.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 2. Juni 2017

«Der Vater soll bei der Geburt
unterstützen und nicht filmen.»

Der Handywahn im Gebärsaal nimmt zu: Die überbordende Nutzung des Smartphones rund um die Geburt gerät zunehmend zur Belastung. Fachleute wie Angela Kuck, Chefärztin der Frauenklinik im Paracelsus-Spital, warnen vor den Folgen für die Entwicklung Neugeborener. (Foto: Sif Meincke (Plainpicture) Zum Artikel

 

«Wir haben eine schwarze Kasse entdeckt.»

Neuer Ärger für FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger: Die Staatsanwaltschaft hat bei Entsorgung und Recycling Zürich eine Schwarze Kasse beschlagnahmt. Zweck: unbekannt. Und es kommt noch mehr ans Licht. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Er konnte mit seiner Kreativität
die Leute begeistern.»

Seine Löwen, Kühe, Bären und der singende Weihnachtsbaum haben die Bahnhofstrasse geprägt und Kontroversen ausgelöst. Nun ist Beat Seeberger überraschend gestorben. André Kofmehl erinnert sich an. 19 Jahre lang haben die beiden zur Weihnachtszeit in Zürich den Singing Christmas Tree organisiert.(Foto: zvg) Zum Artikel

 

«Uns ist das Lachen vergangen.»

Durch den Betrieb von Werner Locher in Bonstetten fahren täglich mehr als 1400 Fahrzeuge zur Autobahn. Experten schlagen nun Alarm, denn die Situation hat sich in den letzten Jahren stetig verschärft. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Der Polizist muss raus zu den Leuten.»

Patrick Jean ist der erste Facebook-Polizist der Schweiz. Was erlebt man in diesem Job? Seine Bilanz nach drei Jahren. Klar ist: Der öffentliche Raum, wo Polizisten Präsenz markieren und für Sicherheit sorgen sollen, beginnt längst nicht mehr erst draussen vor der Haustür. Er beginnt bei den Fingerspitzen der Menschen, sobald sie ihre Handys einschalten und die ersten Meldungen auf Facebook posten. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich bin überhaupt nicht ausgebrannt.»

Nach den Rücktritten von mehreren Mittelschulrektoren wie zum Beispiel Niklaus Schatzmann, Rektor Freudenberg, will Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) die Amtszeitbeschränkung aufheben. Doch dazu ist im Parlament noch eine ganze Menge Überzeugungsarbeit nötig. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Wir haben viel Arbeit vor uns.
Und auch viel Spass.»

Der neue Boss mit dem trocknen Humor: Der 54-jährige Este Paavo Järvi wird der neue Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters: Eine gute Wahl. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Es ist Zeit für eine Umstromung.»

Ein Kuriosum verschwindet: Die Uetlibergbahn (SZU) wechselt nach 100 Jahren von Gleichstrom auf Wechselstrom und passt sich damit der Sihltalbahn und den SBB an. Es sei Zeit dafür, sagt Bertram Henning, Abteilungsleiter für elektrische Anlagen bei der SZU. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Zu viele abgelaufene Silberzwibeli.»

Der Schauspieler und Tatort-Kommissar Stefan Gubser auf die Frage, was er immer in seinem Kühlschrank aufbewahrt. (Foto: Reto Oeschger)

 

 

Upper Wollishofen

Beni Frenkel am Donnerstag, den 1. Juni 2017

Wenn das Cargo-Tram einfährt, ist etwas los in Wollishofen. (Foto: Beni Frenkel)

Ich wohne gerne in Wollishofen. Rechts ist der See, links die Autobahn. Wenn ich Leuten erzähle, dass ich in Wollishofen lebe, muss ich immer relativieren: «Ich bin aber trotzdem nicht reich.» Das Gleiche mache ich auch, wenn ich Leuten erzähle, dass ich Jude bin. Dann relativiere ich auch: «Ich bin aber trotzdem nicht reich.»

Ich wohne eben nicht in Upper Wollishofen, wo die Strassen so aussehen wie die Wisteria Lane aus der Fernsehstaffel «Desperate Housewives».
Was ich in Wollishofen allerdings vermisse, das sind die geselligen Anlässe. Nur selten wird etwas für das Quartier organisiert. Das hat zur Folge, dass ich die meisten Menschen aus Wollishofen höchstens vom Aussehen kenne. Wo sind all die jungen Leute, die etwas auf die Beine stellen könnten?

Im letzten Jahr war ich genau einmal bei einem Anlass, wo es gratis Essen gab! Nur einmal! Das Pflegezentrum Entlisberg organisierte einen Sonntagsbrunch. Anschliessend konnte man an einer Führung teilnehmen. Ein Pflege-Heini zeigte uns die riesengrosse ­Küche. «Hier wird alles püriert», erklärte er uns. Anschliessend giesst man den Brei in Förmchen. Die Bewohner kriegen dann Fleischpüree in Form eines Schenkeli oder Broccolimatsch in Form von Broccoli. So erkennen die Bewohner, was sie eigentlich essen.

Es gibt aber ein Fest, wo sich Alt und Jung in Wollishofen trifft. Nämlich dann, wenn das Cargo-Tram neben dem Depot hält. Dann ist bei uns etwas los. Aus allen Quartierecken strömen die Menschen herbei und entsorgen Tische und andere Möbelstücke, die aussehen wie nach einem Ehestreit. Ein alter Mann schleift Skis hinter sich her. Er bleibt stehen. Da ist ja der Kuno! «He, was machsch?» Auch Kuno hat etwas unter dem Arm: einen Käfig für Meerschweinchen.

Starke Männer nehmen die Hab­seligkeiten in Empfang und schmeissen sie in den Anhänger. Und weg ist das Zeug. Viel geredet wird nicht. Höchstens: «Kein Elektro. Andermal Elektro.»

Am Montag habe ich die Garage ausgemistet. Zwei Matratzen, drei Teppiche, ein Schuhschrank. Ich musste ein paar Mal laufen. Ein alter Jugo sass an einer Ecke und guckte mir immer in den Schubkarren. Mit dem roten Teppich machte ich ihn glücklich, die Matratzen wollte er nicht. Zuerst war ich ein bisschen beleidigt. Dann habe ich die Matratzen nochmals angeschaut. Gott, sind die hässlich! Und zwar beide. Flecken auf beiden Seiten. Igitt. Wie konnte ich nur ­zwanzig Jahre auf ihnen schlafen?

Okay, manche Flecken sind harmlos. Bevor ich heiratete, habe ich das Abendbrot auf der Matratze gegessen. Links eine XXL-Packung Chips, rechts eine Schale Dip. Die fettigen Hände habe ich an der Matratze abgewischt. Dass man Bettlaken waschen kann, hat mir erst die Frau beigebracht.

Früher, als ich noch Lehrer war, da habe ich die Mutter eines schwachen Schülers vor dem Cargo-Tram ge­troffen. Sie schleppte einen wunder­schönen Teppich. Mit so einem Stück würde ich auch mein Weib beglücken, dachte ich mir. Soll ich sie anbetteln? Aber ist das nicht eine Form von Bestechung? Werde ich beim nächsten Diktat Fehler übersehen? So moralisch habe ich früher gedacht. Der Teppich befindet sich heute in unserem ­Wohnzimmer.

Neuland

Miklós Gimes am Mittwoch, den 31. Mai 2017

Nach den Wahlen in Frankreich, als Emmanuel Macron von jungen Freiwilligen an die Macht getragen wurde, fragte ich mich, ob es in Zürich auch Leute gibt, die sich in keiner Partei zu Hause fühlen, aber bereit sind, für ihr Land, ihre Stadt, für eine moderne Politik ihre wertvolle Zeit herzugeben. Dann habe ich gestern Emilia Pasquier und Maximilian Stern getroffen, und ja, es gibt sie. Sie haben mir eine Lektion in Politik erteilt.

Vor ein paar Wochen war ich an ein Nachtessen in Hottingen eingeladen, am Tisch sassen ein Stadtrat, eine Chefbeamtin, die Gründerin eines erfolgreichen Freiwilligenprojekts, ein Sozialfachmann. Wir alle hatten irgendwie mit Migration zu tun, beruflich oder wegen unserer Lebensgeschichte.

Gastgeber waren ein paar höfliche junge Frauen und Männer vom Forum Aussenpolitik. Die Organisation ist bekannt unter dem Namen Foraus. An der Maturfeier meiner ältesten Tochter hatte ein Junger von Foraus die Festrede gehalten, aber der Funken war nicht gesprungen; es sind brave Frauen und Jungs, dachte ich, die sich mit ihrem Universitätswissen für den diplomatischen Dienst empfehlen wollen oder für die Vorzimmer der UNO. Im Februar 2016 brachten solche braven Frauen und Jungs die Durch­setzungsinitiative der SVP zu Fall.

Eigentlich sei es ein Spin-off, die Operation Libero, gewesen, die sich zum Motor des Nein gemacht habe, erklärten Maximilian Stern und Emilia Pasquier. Beide sind um die dreissig, die erste Generation, die globalisiert aufgewachsen sei, sagten sie, «mit Erasmus und Easyjet», die erste Generation, für die klar ist, dass Aussenpolitik auch Innenpolitik ist und umgekehrt: «Wie will man sonst eine Haltung zur Energiefrage entwickeln, zur Migrationspolitik, zur Digitalisierung – ohne die globale Perspektive?»

Es ist die Generation, die als Studenten politisiert worden ist durch die Abstimmungsthemen der SVP. Seit 2009 ist Foraus eine Plattform für Ideen, wissenschaftlich fundiert, weltoffen, überraschend, unideologisch. Politiker, Parteien, Organisationen wüssten ihre Papers zu schätzen.

Sie seien auch die erste Generation, sagte Emilia Pasquier, die verstanden habe, das Denken von vielen anzuzapfen und zugänglich zu machen, Crowd­sourcing, sagte sie. Heute hat Foraus zwölf bezahlte Stellen, Partner im Ausland und tausend Mitglieder in den Universitätsstädten der Schweiz, freiwillige Mitdenker und Mitdenkerinnen. Die wenigsten machen in einer Partei mit.

Nichts gegen die Arbeit der Politiker, aber sie verstünden nicht, «warum man die Ochsentour machen muss, wenn man gute Ideen hat? Wir sind die Generation Y», sagte Pasquier, «wir wollen uns jetzt einbringen

Es gebe in der Schweiz Raum für mutige Projekte, sagte Maximilian Stern. Die Teilnahme am digitalen Binnenmarkt müsse kommen, sagte er. Oder eine liberale Migrationspolitik ohne Kontingente und Inländervorrang. Oder die Legalisierung von Cannabis, die Ehe für alle, eine zeit­gemässe Einbürgerungspraxis: «Es ist absurd, dass die Hälfte unserer Altersgenossen in Zürich nicht abstimmen kann. Die Hälfte!»

Heute Abend stellt Foraus in Bern sein Buch zur Schweizer Migrationspolitik vor. Es heisst «Neuland».

«Du bist so eine Pussy!»

Réda El Arbi am Dienstag, den 30. Mai 2017
So sollen Männer auftreten, und dabei noch Philosophie und Gedichte vortragen.

So sollen Männer auftreten – und dabei noch Philosophie und Gedichte vortragen.

– «Sei nicht so ein Macho!»

– «Sei nicht so ein Mädchen!»

– «Echte Männer weinen nicht!»

– «Echte Männer weinen!»

– «Das ist sooo unmännlich!»

Sätze aus Unterhaltungen im Tram, die mir wieder mal aufzeigen, wie konfus die Vorstellungen von Männlichkeit in einer weltoffenen, modernen Stadt noch sind.  Die Anforderungen an einen Mann erinnern selbst 2017 noch an einen Eintrag in ein Jungmädchen-Tagebuch oder ein Anforderungprofil auf einer Datingplattform:

«Er muss leidenschaftlich sein, aber zurückhaltend. Kompromissbereit, aber entschlossen, risikobereit, aber vernünftig. Geradlinig und flexibel. Dominant, aber sehr einfühlsam und rücksichtsvoll. Selbstbewusst und bescheiden. Sensibel, aber charakterlich gefestigt. Er soll seine ‘feminine’ Seite leben können, aber dabei ein Fels in der Brandung sein. Er muss einen ‘guten Humor’ haben, darf auch mal ‘das Kind im Manne’ herauslassen, aber niemals kindisch sein. Und natürlich muss man mit ihm Pferde stehlen können.»

Ich beneide die jungen Männer nicht, von denen eine Persönlichkeit aus einer Mischung zwischen Poet, Philosoph, Psychologe, CEO und Neandertaler gefordert wird. Wir hatten es auch nicht leicht, aber wir konnten uns wenigstens entscheiden, ob wir Machos oder Softies sein wollten. Die Männer von heute müssen beides zugleich und noch viel mehr sein und dabei dürfen sie nicht mal bipolar wirken.

Zum Glück scheren sich auch einige junge Männer überhaupt nicht um die Vorstellungen der Gesellschaft oder des anderen Geschlechts. Sie lassen sich weder von ewiggestrigen Antifeministen noch von militanten Feministinnen oder sonstwem vorschreiben, wie sie ihr Mannsein leben. Sie suchen sich einfach die Teile aus, die ihnen passen. Und es ist ihnen egal, ob sie «Macho», «Softie», «Mädchen» oder sonstwie genannt werden.

Anderer Tag, anderer Dialog im Tram unter männlichen Teenagern:

«Ey, deine Frisur ist sooo schwul!»

«Swag!* Und ich kann sie sogar auch tragen, wenn ich auf Pussys stehe. Du spielst ja auch am liebsten als Lara Croft.»

Pause.

«Stimmt, aber die hat auch Eier.»

Gefolgt von einer Diskussion, welche PC-Games man besser mit einem weiblichen Charakter zockt. Die Vorstellung, virtuell das Geschlecht zu wechseln, scheint die beiden nicht im geringsten zu irritieren.

Das Männerbild ist offenbar dabei, von einer neuen Generation neu definiert zu werden. Irgendwo zwischen Actionhero, «Swag» und Lara Croft. Jetzt beneide ich gerade zukünftige Generationen.

*Swag: «secretly we are gay»

«Wääk, Sommer!»

Alex Flach am Montag, den 29. Mai 2017
Wozu Club, wenn man draussen tanzen kann?

Wozu Club, wenn man draussen tanzen kann? Zumindest bis um 22 Uhr der Stecker gezogen wird.

Der Sommer ist nach Zürich zurückgekehrt und alle freuen sich. Alle ausser jenen, die ihren Lebensunterhalt mit dem Betrieb eines Fonduestüblis oder eines Clubs bestreiten.

Derweil sich die professionellen Zürcher Käseschmelzer immerhin auf die Witterungsunabhängigkeit der kulinarischen Neugier ausländischer Touristen verlassen können, mussten die Zürcher Nachtmacher erstmals in diesem Jahr Bekanntschaft mit der meteorologisch motivierten Sommer-Fahnenflucht ihres Stammpublikums machen: Petrus, hierzulande meist ein zuverlässiger Verhinderer von wochenendlichen Outdoor-Aktivitäten, war den Zürcher Club-Cäsaren der mit Grillzange meuchelnde Brutus auf der Senatstreppe.

Die städtischen Clubberinnen und Clubber hat es wenig gekümmert, denn mit Partys am Oberen Letten, auf dem Üetliberg, der Allmend oder in einem direkt an der Limmat gelegenen Lokal, standen ihnen genügend Frischluft-Alternativen zu Verfügung um sich die so dringend benötigte Dosis Beats und Bass zu verabreichen.

Jedoch scheinen sich die Veranstalter dieser (tagsüber stattfindenden) Feste bisweilen gegenseitig das Wasser abgegraben und potenzielle Gäste abgezwackt zu haben: Die eine oder andere Party scheint die Erwartungen in ernüchternder Manier unterboten zu haben. Aber die Macher nur mässig besuchter Draussenfeste waren an diesem Wochenende nicht die am ärgsten Gebeutelten, sondern die Chefs von Clubs ohne akzeptablen Aussenbereich, wie ihn beispielsweise das Hive oder der Supermarket ihr Eigen nennen.

Wenn auch die beiden genannten Lokale ihre Gäste nicht in gewohnter Anzahl zu mobilisieren vermochten, im Vergleich zu den reinen Indoor-Clubs waren sie klar im Vorteil: Dort gerieten selbst einige «todsichere» Nummern, Partys bei denen die Konstellation aus Club, Veranstalter und Line Up üblicherweise Garant für eine rappelvolle Tanzfläche ist, zu melancholischen Einsamkeiten mit eremitärem Anstrich.

Nun ist es aber nicht so, dass sich die Clubchefs wegen des wetterbedingten Umsatzeinbruchs an diesem Wochenende in Selbstmitleid suhlen und der Verzweiflung ergeben: Im Unterschied zu der auch durch Unerfahrenheit geprägten Aufbruchzeit elektronischer Clubs in den 90er Jahren, verfügen professionell agierende Nachtleben-Treibende heute über genügend monetäre Mittel und Know How um die Baisse der heissen Sommermonate unbeschadet zu überstehen.

Das Ausbleiben der Gäste während der heissen Wochenenden zwischen Mai und September ist einkalkuliert und einige Lokale, wie beispielsweise die Friedas Büxe in der zweiten Junihälfte, schliessen gar für ein paar Wochen im Wissen, dass sie mit 30 Grad Aussentemperatur nicht konkurrieren können. Jedoch gibt es auch den einen oder anderen Club der wider Erwarten noch nicht im Zürcher Nachtleben angekommen ist, dessen Betreiberschaft noch auf kein genügendes finanzielles Polster zurückgreifen kann und der sich deshalb leider kaum in den Herbst retten können wird: Der Sommer 2017 wird mit grosser Wahrscheinlichkeit einigen Spreu vom Weizen trennen.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.