Oster-Burnout

Réda El Arbi am Dienstag, den 18. April 2017
Sie hätten sich erholen können. Selber schuld.

Sie hätten sich erholen können. Selber schuld.

Erholt sollten Sie eigentlich sein nach diesen vier Tagen verlängertem Wochenende. Frisch und voller Tatendrang sollten Sie an Ihrem Arbeitsplatz sitzen und helle Lebenskraft ausstrahlen.

Tun Sie aber nicht. Wahrscheinlich schleichen Sie mit verquollenen Augen an Ihren Kollegen vorbei, fragen sich, wieso sich dieser Dienstag schlimmer als jeder Montag anfühlt, und zählen die Minuten, bis Sie wieder nach Hause dürfen.

Sie wurden Opfer des «Verlängerten Wochenende»-Wahnsinns. Der ist leider ansteckend.

Vielleicht verbrachten Sie über Ostern 12 Stunden im Stau, um 36 Stunden südlich der Alpen zu verbringen, auf Sonne hoffend. Sie sind schon Donnerstagmittag abgefahren – clever wie 10’000 andere – um ihren Facebook- oder Instagram-Account mit Bildern aus dem Tessin oder Norditalien zu fluten, in einem fremden, unbequemen Bett zu schlafen und sich bereits ab Samstagabend Sorgen über die qualvolle Rückfahrt zu machen.

Oder Sie setzten sich in ein Flugzeug für einen Ostertrip nach London, Paris oder Rom. Dort rannten Sie durch die Stadt und versuchten, in der kurzen Zeit alles zu erleben, was man in einer dieser Städte erleben muss – unterbrochen nur von überteuerten Kaffees und Mahlzeiten. Sie legten zu Fuss Kilometer um Kilometer zurück, weil Ihnen die Distanzen nicht vertraut waren und Sie dem ÖV misstrauten. Gemeinsam mit Tausenden anderen liessen Sie sich auf dem Rückweg zum Flughafen vom Taxifahrer ablinken und sassen im Flugzeug neben einem alkoholausdünstenden Fussballfan.

Vielleicht liessen Sie sich aber auch von «Freunden» zu einem Ausflug mit «kleiner Wanderung» und Übernachtung in einer SAC-Hütte überreden. Sie quälten sich acht Stunden auf einen Berg, um sich dann fünf Minuten im Adrenalinrausch zu freuen, dass Sie es geschafft haben, bevor Sie mit Ihrem Gesicht bewusstlos in die angebrannten Älplermagronen knallten, die zu so einem Erlebnis gereicht werden. Bis Montagmorgen weinten Sie bittere Tränen, weil Sie wussten, dass Sie mit Ihrem Muskelkater die ganze Strecke zurück in die Zivilisation wieder auf Ihren nonfunktionalen Beinen zurücklegen mussten.

Vielleicht waren Sie aber auch einfach an Partys, weil Sie wieder mal das Ende des Tanzverbots an Ostern feiern wollten und sich dachten, dass man ja genug Zeit hätte, um sich zu erholen. Ja, falsch gedacht.

Wochenenden waren mal dafür gedacht, sich zu erholen. Verlängerte Wochenenden sind dazu da, der arbeitenden Bevölkerung die nötige Regenerationszeit zu verschaffen, damit sie nicht zusammenbricht. Wer diese Zeiten fahrlässig mit Aktivitäten verbringt, die mehr Kraft kosten, als sie die Batterien aufladen, muss sich danach bis zu den Sommerferien am Rande des Zusammenbruchs durchschleppen.

Was ich gemacht hab? Ich hab mein Sofa nur verlassen, um Snacks aus dem Kühlschrank zu holen.

Bald kommt Auffahrt. Und sagen Sie dann nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

Wie man Promis meistert (2)

Thomas Wyss am Samstag, den 15. April 2017

Am letzten Samstag konnten wir ja trotz des weiten Umwegs über die frühere Fernsehsendung «Teleboy» imposant aufzeigen, dass heutige Zürcherinnen und Zürcher oft dramatisch überfordert sind, wenn sie unverhofft einem Star nahe kommen.

Als Beweis führten wir die grundsätzlich gut geerdete Frau F. (Name d. Red. bekannt) ins Feld, die in einem Zugabteil plötzlich vis-à-vis von Stephan Eicher landete – er ist im Genre «Schöne Chansons mit Tiefgang plus fast ausnahmslos geglückte Mani-Matter-Coverversionen» ihr grösster Heroe – und darob so sehr die Bodenhaftung verlor (sitzend!, und übrigens in der 2. Klasse, was wiederum zeigt, dass Eichers Bodenhaftung absolut intakt ist), dass sie einer Freundin eine «SOS!»-SMS zukommen lassen musste.

Diese schlug F. vor, sie solle doch Eichers Lied «Déjeuner en paix» summen (natürlich möglichst «gut», damit er tatsächlich eine Chance auf Wiedererkennung bekäme), also poetisch gesagt eine Brücke legen, auf der ihr Eicher mitsummend oder gar redend entgegenkommen könnte.

Der Schlusssatz des Beitrags versuchte dann den Cliffhanger, er lautete: «Warum der Rat doppelt bescheuert war, und wie man solche und ähnlich ‹heisse› Situationen souverän meistert – also Promibegegnungen unbeschadet übersteht –, lesen Sie am Ostersamstag». Das ist heute, genau. Damit sind wir jetzt buchstäblich up to date und können fortfahren. Und das tun wir mit der durchaus bemerkenswerten Bemerkung, dass man im Journalismus – anders als in der Literatur – ersten und letzten Sätzen nie zu viel Bedeutung beimessen sollte. Weil sie häufig mehr versprechen, als sie letztlich einzulösen vermögen. In unserem Fall ist das aber erfreulicherweise grad andersrum: Es wird nämlich noch viel besser, als wir (und Sie!) erwartet hätten!

Grund dafür ist der von uns hochgeschätzte Jack Stark. Wem der Name kein Begriff ist: In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1967 – vor präzis 50 Jahren! – führte Jack die Rolling-Stones-Member Mick Jagger und Brian Jones, die nach ihrem wilden Gig im Hallenstadion noch den Drang nach Party verspürten, zum Privatclub High-Life an der Lessingstrasse. Dort amtete der ältere Securitas Stöckli als Türsteher; die Stones kannte er nicht, doch er wusste, wie Anstand aussieht – weshalb er dem für seinen Geschmack viel zu exzentrischen Jüngling (also Jagger) den Eintritt verwehrte, die attraktive «Blondine» mit Federboa und Schlapphut (also Jones) jedoch passieren liess.

Der hübschen Episode kurzer Sinn: Dr. iur. Herbert «Jack» Stark, der damals als erster Schweizer People-Journalist und Promikenner wirkte, hat spontan zugesagt, uns zu berichten, mit welchen Tricks er sich die Jetsetter und Stars für ein offenes Gespräch oder Interview «gewogen» machte. Es sind wenige goldene Regeln, doch wer sie befolgt, kann jeden Promi meistern.

Dazu aber mehr nächste Woche in Teil 3, hier gibts jetzt die Auflösung des Rätsels, wieso der Rat der Freundin an Frau F. «doppelt bescheuert» war.

1. Eicher trug Kopfhörer, er hätte das Summen also gar nicht gehört.

2. Wenn schon summen, dann sicher keinen seiner Hits (das ist anbiedernd), sondern vielmehr eines der nach wie vor eher unbe- bis ver-kannten Stücke, beispielsweise «Ce soir (je bois)».

Das nennt man Fürsorge

Beni Frenkel am Donnerstag, den 13. April 2017

Der perfekte Überblick: Sitzbank beim Entlisbergtunnel. (Bild: Beni Frenkel)

Mit 30 wollte ich eigentlich Auto fahren lernen. Ich meldete mich an für den Erste-Hilfe-Kurs an der Migros-Klubschule Oerlikon. Wir waren etwa 20 Teilnehmer. Der zweitälteste war vielleicht 18 Jahre und 10 Tage alt. Wir mussten uns der Reihe nach vorstellen. Als ich mein Alter sagte, ging ein Raunen durch den Raum. Die vorwiegend männlichen Teilnehmer sahen mich entsetzt an: Wie kann man 12 Lebensjahre ohne Autofahren verstreichen lassen? Auch der Kursleiter guckte irritiert. Warum ich mich erst jetzt angemeldet hätte, wollte er wissen. Ich wusste keine gescheite Antwort. In den nächsten vier Kurstagen galt ich bei den anderen als «schwul». Niemand wollte in den Übungen von mir gerettet werden.

Heute bin ich 40 und kann immer noch nicht Auto fahren. Das ist für viele Menschen unverständlich. Angenommen, ich gewinne nächstes Jahr den Nobelpreis in Physik oder Chemie. Dann würde ein «Blick»-Journalist mich wohl fragen: «Gratulation zum Nobelpreis. Aber warum können Sie eigentlich immer noch nicht Auto fahren? Sind Sie dumm, oder was?»

Dumm bin ich nicht, aber ein bisschen reaktionsträge. Jetzt, wo es so wärmer wird, sitze ich einmal in der Woche auf einer Sitzbank über dem Entlisbergtunnel. Das Rauschen der A 3 vermengt sich mit dem Gezwitscher der Vögel und dem Schnaufen der Jogger, die mit schmerzverzerrten Gesichtern an mir vorbeirennen. Ich hingegen sitze bequem auf der Bank und mache Striche. Und zwar für jede Automarke, die in den Tunnel reinfährt. Ich kann nicht alle Autos erfassen, da ich ja ein bisschen reaktionsträge bin. Ausserdem kenne ich nicht alle Marken, nur etwa die Hälfte. Nach einer Stunde bin ich aber immer gespannt, welche Automarke gewonnen hat. Ich zähle die Striche zusammen und summe die Eurovisionsmelodie: 3. Platz: Töff (32 Striche), 2. Platz: Mercedes (45 Striche), 1. Platz: Volkswagen (49 Striche).

Viele Leute fragen mich: Und, noch andere Hobbys? Nein, eigentlich nicht. Ich bin hobbylos. Jetzt fährt gerade ein grosser Wohnwagen in den Tunnel. So ein Ding hätte ich gerne. Ich würde an der Miniküche ein leckeres Omelett kochen. Aber wer fährt? Vielleicht meine Frau? Die könnte das. Aber wir haben schon viele Ehekrisen erlebt, weil sie fahren kann und ich nicht. Ich fühle mich unwohl, neben ihr im Auto. Sie faucht mich immer an, ich solle meine Klappe halten. Dabei habe ich ihr nur mitgeteilt, sie solle doch bitte mit beiden Händen das Lenkrad halten und auf die Fahrbahn schauen.

Ausserdem fährt sie schlecht. Ich habe keine Ahnung, wie sie die Prüfung bestehen konnte. Sie kommt ja eigentlich aus der DDR. Das sozialistische System ist bekanntlich so aufgebaut, dass man gar nicht durchfallen kann. Interessant ist ferner, dass ich die meisten Gefahren längst vor ihr erkenne! Weil mir ihr Leben halt wichtig ist, schreie ich sie an. Das nennt man Fürsorge oder sogar Liebe.

Aber wir haben uns jetzt geeinigt, dass wir nicht mehr zusammen im gleichen Auto sitzen. Ich persönlich finde das schade. Das habe ich ihr auch so gesagt. Und zwar vor einer Stunde. Sie ist irgendwo hingefahren, ich glaube zu ihrer Mutter.

Wilde Ehe

Miklós Gimes am Mittwoch, den 12. April 2017

Es gebe Gegenden in Zürich, erzählte ein Bekannter, diese Hüsliquartiere aus den Vorkriegsjahren, die seien wie eine Zeitreise. «Die Jungen sind aus­gezogen, und die Alten rufen die Polizei, sobald der Nachbar am Sonntag im Garten arbeitet.» «Meines Wissens ist am Sonntag Gartenarbeit nicht verboten, nur Rasenmähen», erwiderte jemand, «wegen des Lärms.»

Darf man am Sonntag tatsächlich nicht im Garten arbeiten? Wir haben gegoogelt, aber niemand fand die todsichere Antwort.

Auf jeden Fall scheint ein generelles Sonntagsverbot der Gartenarbeit kaum durchsetzbar. Ausser man nimmt in Kauf, ständig von den Nachbarn beschnüffelt zu werden. «Wie früher», sagte jemand, «als die Polizei die Zahnbürsten kontrollierte.» Das war die Zeit, als in Zürich unverheiratete Paare nicht zusammenleben durften. Wilde Ehe nannte man das, wenn man so formlos Bett und Tisch teilte. Es soll tatsächlich vorgekommen sein, dass die Polizei aufkreuzte und die Zahnbürsten beschlagnahmte; meist waren die Liebenden von Nachbarn verpfiffen worden, oder ein betrogener Ehemann hatte eingegriffen. Verhältnisse wie in Saudiarabien – und so lange ist das gar nicht her. Das sogenannte Konkubinatsverbot war 1972 abgeschafft worden.

Offenbar haben Oasen des damaligen Zeitgeistes in den stillen Quartieren überlebt, wo Ginster und Rosenbüsche die kleinen Häuser umrahmen. «Trotzdem», sagte mein guter Bekannter, der die Geschichte von den netten Nachbarn und der Sonntagsarbeit erzählt hatte, «trotzdem, Zürich ist die beste Stadt. Ich möchte in keiner anderen leben.»

Er ist ein viel gereister Mann, hatte für eine grosse, international tätige Organisation gearbeitet; er hatte in asiatischen Städten gelebt, in Südamerika, am Mittelmeer, aber Zürich, sagte er, sei sein Zuhause, sein Basislager, der ideale Ort, um die Welt zu erkunden und wieder zurückzukehren. Nicht zu gross, nicht zu klein, perfekt erschlossen von einem feinmaschigen Verkehrssystem, mit einer anständigen Verwaltung. «Wo gibt es das?», fragte er, «vielleicht in Kopenhagen oder in Stockholm: Aber dort ist es mir zu kalt. Die langen Winter – nein.»

Wir plauderten und vergassen die Zeit im Coop in Wollishofen, als ein älterer Mann sich den Weg durch die Gestelle bahnte, er hätte uns fast gerammt, kein Sorry, kein Bitte. Vielleicht hatte ihn die Frau zum Einkaufen geschickt, aus dem stillen Strässchen, wo der Ginster blüht und die Rosenstöcke, alles störte ihn, alles. Zu uns gesellt hatte sich ein ehemaliger Quartierbewohner, der vor kurzem nach Deutschland zurückgekehrt war, IT-Branche, nach zwanzig Jahren Wanderschaft durch Europa, London, Mailand, acht Jahre Zürich. «Als die Kinder in die Schule kamen, war es Zeit, nach Hause zu gehen», sagte er.

Jetzt war er auf Durchreise mit der Familie. Sie wohnen in Bayern, Ende der Wanderschaft. «Schön, wieder an einem Ort zu sein», sagte er, «wo die Nachbarin, die am Gartenzaun mit dir plaudert, mit dir aufs Gymnasium gegangen ist.» Schön, solange sie nicht die Polizei ruft, wenn er am Sonntag im Garten arbeitet.

Die Heuchler

Réda El Arbi am Dienstag, den 11. April 2017
Sein Umfeld war nicht ahnungslos.

Sein Umfeld war nicht ahnungslos.

Ich will nicht über den Fall Jürg Jegge schreiben. Das Thema ist zu sensibel und ein Blog wird weder den Opfern noch den widerlichen Taten gerecht.

Worüber ich aber sprechen muss, ist die selbstgerechte Art, wie der Fall von heute aus beurteilt wird. Damals schienen wohl eine Menge Leute gewusst oder vermutet haben, dass Jegge sich an den Jugendlichen verging, ohne sich eingemischt zu haben. Es gingen Gerüchte herum, man sprach hinter vorgehaltener Hand. Das ist grauenhaft und in meinen Augen beinahe so schwerwiegend wie die Tat selbst. Wenn das Umfeld es weiss und niemand eingreift,  raubt das den Opfern das Vertrauen in die Gesellschaft, ins Umfeld, ins Leben an sich.

Und heute ist aber alles anders?  Heute geschieht das nicht mehr, weil unsere Gesellschaft viel sensibler ist? Mitnichten. Nur die Behörden sind offener, sensibler. Die Gesellschaft selbst nicht wirklich.  Wie oft hat man sich schon unwohl gefühlt, weil in irgendeiner Familie, bei der Arbeitskollegin, bei einem Kind in der Klasse, bei der Nachbarin oder dem Nachbarsbuben etwas nicht stimmte? Und wie oft hat man sich eingemischt, nachgefragt, insistiert? Ja, es kann unangenehm werden. Aber manchmal kann es Seelen retten.

Aber in der Schweiz mischt man sich nicht ein. Man tuschelt heute noch genauso hintenrum über solche Verdächte wie damals in den 70ern. Oder kennt ihr vielleicht keine Situation in eurem Umfeld in den letzten Jahren, in denen es Gerüchte gab?

Ja, sexuelle Übergriffe wurden etwas enttabuisiert, die Opfer finden leichter selbst einen Weg, sich zu helfen. Es gibt mehr Meldestellen. Aber das Umfeld hat sich nicht geändert. Die meisten sexuellen Übergriffe werden in Familie und Umfeld begangen, egal ob an Frauen, Kindern oder Jugendlichen. Und genau dieses Umfeld scheut sich, etwas wahrzunehmen.

Nein, heute ist es nicht besser. Es gibt nur grössere Empörung, wenn so ein Fall es in die Medien schafft. Aber die meisten Fälle schaffen es nicht in die Medien, schaffen es nicht vor Gericht oder zur Anzeige. Die meisten Fälle schaffen es nur bis in die Gerüchteküche der Familie, des Vereins oder der Nachbarschaft. Und niemand hat die Eier, sich einzumischen und damit in eine unangenehme Situation zu begeben. Man will ja nicht involviert werden.

Traurigerweise sind es oft die gleichen Leute, die laut nach harten Strafen rufen, sich selbst aber lieber raushalten und im gleichen Atemzug die KESB und andere Institutionen verurteilen. Hinter dem Laptop lässt sich leicht mutig sein, aber im eigenen Umfeld wirklich hinschauen mögen sie nicht.

Also, wenn ihr das nächste Mal ein ungutes Gefühl habt, fragt nach. Natürlich setzt ihr euch damit dem Unwillen des Gegenübers aus. Natürlich ist das nicht angenehm. Natürlich braucht es Überwindung. Aber Zivilcourage ist nun mal nicht gratis.

Und lieber einmal zuviel nachgefragt, als ein einziges Kind, eine einzige Frau, in so einer Situation alleingelassen. Euer Unwohlsein beim Einmischen ist nämlich nichts im Vergleich zum Leiden der Opfer.

 

Galionsfigur der jungen Club-Stadt

Alex Flach am Sonntag, den 9. April 2017
Geschichte und Nachtleben schliessen sich nicht aus.

Geschichte und Nachtleben schliessen sich nicht aus.

Wer im Nachtleben nach den bestimmenden Strippenziehern sucht, der findet vorwiegend Leute, die zwischen Ende 30 und 50 Jahre alt sind. Einige wie beispielsweise Jean-Pierre Grätzer (Club Supermarket, ehemals Roxy) sind gar wesentlich älter.

Hier unterscheidet sich das Nightlife nicht von anderen Wirtschaftsbereichen: Man braucht Zeit um bis nach ganz oben zu gelangen, muss erst Erfahrung und Kontakte anhäufen und finanzielle Mittel freischalten können, um beispielsweise einen eigenen Club eröffnen zu können.

Dies vermittelt den Eindruck, dass die Zürcher Szene von Herren mittleren Alters bestimmt wird. Wie gesund der Clubbing-Nachwuchs ist, offenbart sich dem Aussenstehenden erst mit dem Blick auf eine Etage unter der Führungsebene: In den letzten Jahren ist in Zürich eine junge Generation leidenschaftlicher DJs, Produzenten und Veranstalter herangewachsen, die dereinst in den Chefsesseln Platz nehmen wird.

Nicholas «Nici» Faerber ist eine der Galionsfiguren dieser Generation und die Ausnahme von der Regel zugleich, denn er ist mit seinen 27 Jahren bereits Mitbesitzer eines Clubs und zwar des Klaus an der Langstrasse. Gegründet hat er diesen zusammen mit Tony Prati, Oli Jordan und dem Heaven Club-Betreiber Alain Mehmann, den er als Resident-DJ an dessen Behave-Partys in Friedas Büxe schätzen gelernt hat.

Das Klaus ist aber nicht Nici Faerbers einziger Job: Er arbeitet im Service des Locherguts und ist zudem ein gefragter DJ. Seine Hauptbeschäftigung ist jedoch die des Studenten der Geschichte mit Nebenfach deutsche Literatur an der Uni Zürich. Nici Faerber: «Ich hatte stets grosses Glück mit meinen Geschichtslehrern, die sich nie nur auf die reine Stoffvermittlung beschränkt haben und die darauf bedacht waren in ihren Schülern die Begeisterung für das Fach zu wecken. Ich könnte mir gut vorstellen einmal selbst Geschichte an einem Gymnasium zu unterrichten».

Sein Einstieg ins Nachtleben ist dem Zufall zu verdanken: Vor circa zehn Jahren ist er mit Lukas Hess alias Luke Redford an einer WG-Party für die DJs eingesprungen, die da eigentlich hätten spielen sollen und denen kurz vor ihrem Set der Laptop kaputtgegangen ist. Daraus ist dann das Duo Starship Troopers entstanden: «Wir waren Teenager und fanden das Pseudonym damals mega lässig», sagt Faerber. Kurz nach der Gründung sorgten die beiden auch gleich für den ersten Aufruhr und zwar als DJs der legendären Tram-Partys während derer beim Stadelhofen der hintere Wagen eines 2er-Trams geentert wurde, samt Deko und Soundsystem. Nici Faerber lacht: «Als sogar Tele Züri die Story brachte, hat uns die Panik gepackt und wir haben unsere Artist-Page von Facebook gelöscht».

Aus einem Sammelsurium von Zufällen und Anekdoten ist eine der aktuell steilsten Zürcher Nachtleben-Karrieren geworden, wobei Nici Faerber sich nicht sicher ist, ob seine berufliche Zukunft tatsächlich in diesem Umfeld liegt: Er hält sich alle Türen offen und wer weiss… vielleicht wird aus ihm ja tatsächlich ein Geschichtslehrer.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof Basel, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Wie man Promis meistert (Teil 1)

Thomas Wyss am Samstag, den 8. April 2017

Damals, als die Welt noch friedlich und niedlich analog war, gab es im Schweizer Fernsehen eine Unterhaltungssendung namens «Teleboy». Sie war beliebt, und am 13. September 1975 war sie gar unfassbar beliebt – an jenem Samstagabend erreichte sie mit 2 073 000 Fraue und Manne nämlich die höchste je gemessene Zuschauerzahl in der Schweiz.

Diese Popularität kam natürlich nicht von ungefähr, sie hatte viel mit dem Pioniergeist des Machers und Moderators Kurt Felix zu tun. Durch die «versteckte Kamera» etablierte er eine national anerkannte Schadenfreude (wobei das Gipfelitunken und die «Söll emal cho!»-Episode längst in der Hall of Fame des Schweizer ­Humors verewigt wären, wenn es die gäbe). Mit dem in jeder Sendung herunterfallenden Kalenderblatt (bei der Bekanntgabe des Einsendeschlusses für die Zuschauerfrage) präsentierte er hierzulande den allerersten Running Gag. Zudem lancierte er Kliby & Caroline und brachte damit kleine Buben um den Schlaf, weil eine Geräusche machende oder gar sprechende Puppe – egal, wie beknackt sie aussieht –, etwas vom Gfüürchigsten ist, was man einem kleinen Buben vorsetzen kann (das hat angeblich mit der zweitletzten pränatalen Phase zu tun, genauer weiss ich es auch nicht, doch bei kleinen Mädchen ist das dezidiert anders, deshalb auch der in jeder Beziehung unheimliche Erfolg dieser schlimmen Kreatur namens Baby Annabell).

Genauso war das. Doch darum gehts eigentlich gar nicht. Nein, was mir neben der Caroline-bedingten Schlaf­losigkeit vom «Teleboy» blieb – mindestens erinnerungsschwadenhaft –, war diese eine Ausstrahlung im Winter, in der ein Mitspielerteam die Aufgabe erhielt, im Laufe der Livesendung in Zürich prominente Persönlichkeiten ausfindig zu machen. Also strebten die Suchenenden zur Kronenhalle beim Bellevue, wo sie dann, wenn ich mich recht entsinne, brav und schlotternd draussen warteten, bis die eine oder andere Bekanntheit aus dem fürstlichen Lokal heraustorkelte.

Was ich damit aufzeigen will: ­Damals war die Promidichte in Zürich geringer als die derzeitige Häuserdichte im Bleniotal. Und das lag primär an der Promiqualität; das VIP-Etikett wurde, ganz anders als heute, in jenen Tagen enorm selektiv verteilt, sogar vom «Blick» und von der «Schweizer Illustrierten».

All dies führt nun viele Jahrzehnte später zur verblüffenden Tatsache, dass selbst weltoffene junge Menschen heutzutage heillos überfordert sind, wenn sie mal einer genuin berühmten Persönlichkeit nahekommen.

Wie kürzlich Frau E. F. (Name d. Red. bekannt), die im Zugabteil plötzlich und unabsichtlich vis-à-vis von Stephan Eicher sass. Der – das ist eigentlich gut, war in jenem Moment aber blöd – zu ihren musikalischen Helden zählt. Weshalb E. F., sonst durchaus geerdet, völlig die Fasson verlor. Sollte sie spontan in Ohnmacht fallen? Einfach mal laut loskreischen? So lange erröten, bis er es bemerken würde? Sie schrieb einer Freundin ein «SOS!»-SMS und bekam als Antwort: «Summe sein Lied ‹Déjeuner en paix›!»

Warum der Rat doppelt bescheuert war und wie man solche und ähnlich «heisse» Situationen souverän meistert – also Promibegegnungen unbeschadet übersteht –, lesen Sie am Ostersamstag.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 7. April 2017

«Zuerst denken, dann klicken.»

Ein «Like» bei einem Rassismus- und Antisemitismus-Vorwurf gegen Tierschützer ­ Erwin Kessler bringt einen Veganer in Bedrängnis: Ihm drohen Geldstrafe und Busse. Was der Anwalt Martin Steiger über den ersten Facebook-Like-Prozess in der Schweiz sagt.  (Foto: Dado Ruvic/Reuters) Zum Artikel

 

«Ziemlich deftige sexuelle Handlungen.»

Ein neues Buch von Hugo Stamm (rechts auf dem Bild) belastet den Autor und Musterpädagogen Jürg Jegge: Er soll Schüler psychisch und physisch missbraucht haben. Die Taten wären inzwischen verjährt. Für Jegge gilt die Unschuldsvermutung. (Foto: Walter Bieri/Keystone) Zum Artikel

 

«Die meisten Pointen sehe ich kommen.»

Die Komikerin und Ex-Miss-Schweiz Stéphanie Berger sagt, welche Witze wirklich zum Lachen sind. Und warum US-Präsident Donald Trump für sie ein gefährlicher Mann ist und trotzdem in ihrem neuen Programm vorkommt. (Foto: PD) Zum Artikel

 

«Ich mache so lange weiter,
wie ich gesund bin.»

Ernst Bachmann ist 71 Jahre jung und wirtet seit 50 Jahren – und denkt nicht ans Aufhören. Der Muggenbühl-Pächter ärgert sich bis heute über das Rauchverbot in Restaurants. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Der Laden muss sich
auch finanziell rechnen.»

Hurra, die Stadt bekommt wieder einen Buchladen für Architektur, Kunst und Fotografie. An einem Ort mit blutiger Vergangenheit, denn dort war früher eine Metzgerei. Geschäftsführer Thomas Kramer will Amazon trotzen, weiss aber auch um die Risiken. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Luege! Lose! Laufe!
Bildig nöd verchaufe!»

Hunderte Schülerinnen und Schüler demonstrierten diese Woche in der Zürcher Innenstadt – aufgeschreckt durch Sparmassnahmen im Kanton Luzern. Sie gingen auf die Strasse und taten ihren Unmut kund. (Foto: Sophie Stieger) Zum Artikel

 

«Mut zur Ehrlichkeit und Peinlichkeit.»

Wieso schlittern Männer ab Mitte 40 so oft in die Krise? Das war die erste Frage an den Zürcher Filmemacher Jann Preuss, der uns in «Der Frosch» einen Scheiterer vorführt. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Hoffentlich trifft der Henker gut.»

Zwar längst vergangen, aber doch gruselig und unheimlich: Welche Stationen ein Verurteilter in Zürich auf dem Weg zum Schafott durchlaufen musste. Nichts für schwache Nerven. (Foto: Zentralbibliothek Zürich) Zum Artikel

 

«Die Warteschlangen bei
den Frauen sind sehr lang.»

Tiziana Gulino, «The Voice of Switzerland» 2014 auf die Frage, in welchen Situationen sie lieber ein Mann wäre. Zurzeit spielt sie ein Bauernmädchen im Musical «Ewigi Liebi». (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Toni ist ein Pferdemann. Wo
Pferde sind, ist er daheim.»

Der Unternehmer Anton Kräuliger hat die marode Pferderennbahn in Dielsdorf rundum erneuert. Für die Gemeinde ist er ein Gewinn – als Philanthropen sieht er sich dennoch nicht. Da erstaunt der Kommentar seiner Frau Vreni nicht. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Ein Zürcher Joghurt-Pionier.»

Vor 100 Jahren reiste Lenin aus Zürich ab, viel von seinem Geist hat aber bis heute überlebt. Was weiss man noch von ihm im Zusammenhang mit Zürich. Acht Erinnerungen, zusammengestellt von TA-Redaktorin Ev Manz. (Foto: Archiv Tages Anzeiger) Zum Artikel

Ich pumpte wie blöd

Beni Frenkel am Donnerstag, den 6. April 2017

Die Klopstockwiese: Warum sitzen hier bloss so wenig Menschen? (Foto: Beni Frenkel)

Ich sitze auf einer Bank und blicke hinunter auf die Klopstockwiese. Auf der Sitzbank nebenan schwatzen aufgeregt mehrere Alkoholsüchtige. Alles Männer und eine Frau. Obwohl ich so nahe bin, verstehe ich fast nichts. Am Boden liegen mehrere Bierdosen.

Mit der Klopstockwiese verbinde ich viele schöne Jugenderinnerungen. Hier habe ich früher immer Tessinerbrot gegessen. Die Brotscheiben bestrich ich mit Mayonnaise und veredelte alles ein bisschen mit dem Aromat-Streuer. Damals hatte ich nicht so viel Geld. Häufig mussten fünf Franken pro Tag reichen.

Jetzt halte ich in meiner rechten Hand ein Bier ohne Kohlenhydrate (ich bin Diabetiker) und ein Würstli in der linken Hand. Von aussen gesehen könnte man schnell den Eindruck erhalten, ich gehöre zu den Alkoholikern nebenan. Aber das stimmt nicht.

Ich gucke nochmals auf die Wiese hinunter und frage mich: Warum sitzen hier eigentlich so wenige Menschen? Dabei könnte die Lage nicht besser sein. Nebenan befindet sich Sihlcity und rundherum kleine Läden. Warum geniesst hier niemand die ruhige Feierabendstimmung? Ein 72er-Bus fährt vorbei. Er ist proppenvoll. Alle wollen so schnell nach Hause, um auf SRF 1 «Schweiz aktuell» zu schauen.

Aber allzu sehr bekümmert mich das nicht. Ich bin ja glücklich und habe ein Würstli in der Hand. Vor vielen Jahren, als ich noch ein Primarschullehrer war, bin ich mit der fünften Klasse jeden Sommer auf die Klopstockwiese gegangen. Um mich bei den Schülern ein bisschen beliebter zu machen, habe ich im Fach «Mensch und Umwelt» stets Raketen gebastelt.

Gemäss Lehrplan hätte ich eigentlich die Flüsse und Berge des Kantons Zürich durchpauken müssen. Aber erstens interessierten mich die Berge auch nicht so, und zweitens unterrichtete ich an einer Privatschule. Da nimmt man alles nicht so streng. Wir haben also eine Fahrradpumpe mitgenommen und in halb volle Plastikflaschen Luft gepumpt. Die Kinder standen in einem Sicherheitsabstand von zehn Meter um mich herum. Ich pumpte wie blöd. Irgendwann ist das Ding in die Luft geschossen. Manchmal treffe ich ehemalige Schüler. Dann erzählen sie von früher. Das, was von mir am prägendsten war, waren anscheinend die Plastikflaschen.

Ich sehe zu den Alkoholsüchtigen herüber. Die Frau lallt irgendetwas. Es muss verdammt lustig sein, denn die Männer krümmen sich vor Lachen. Ich selber habe schon sehr lange nicht mehr so gelacht. Als Lehrer hätte ich eigentlich häufig Gelegenheit dazu gehabt, ich war ja an der Quelle. Aber das wusste sogar ich: Schüler auslachen, das geht gar nicht.

Neben der Klopstockwiese gibt es einen jüdischen Bagel-Laden. Das gehört für mich auch zum Sommer: Auf der Wiese einen Bagel ohne Kohlenhydrate essen und in die Sonne blinzeln. Wie auf Bestellung kriechen nach ein paar Sekunden die ersten Ameisen das Bein hoch in Richtung Unterhose.

Ich werf meine Bierdose zu den anderen und greife zur Tasche. Da entdecke ich noch einen Weichkäse, der schon halb verflossen ist. Schnell esse ich ihn auf.

Zurück nach Hause. Im Bus will sich niemand neben mich setzen.

«Fitness? Nein, danke!»

Réda El Arbi am Dienstag, den 4. April 2017
Ein typisches Fitnessopfer.

Ein typisches Fitnessopfer.

«Zwotausendneunhundereinundsiebzig!» grinst mein Kollege mit Blick auf sein Armband stolz beim Mittagessen. Das ist die Anzahl der Schritte, die er seit dem frühen Morgen hinter sich gebracht hat. Sein Armband meint, er sei ein guter Junge, gibt ihm ein Sternchen und schickt die Daten an seine Krankenkasse. Brav. Dann grübelt er sein Handy aus der Tasche, fotografiert die Flasche seines Softdrinks und runzelt die Stirn. Offenbar teilt ihm seine Kalorienapp mit, dass das Getränk des Teufels ist.

Es ist Frühling und der Fitnesswahn greift wieder um sich. Es ist zum Weinen. Sonst eigentlich vernünftige Menschen verfallen der Sucht nach körperlicher Optimierung. Bei jungen Menschen kann ich nachvollziehen, dass sie ihrem natürlichen Bewegungsdrang nachgeben müssen. Das kenn ich von jungen Hunden. Aber ich bemitleide die Ü35, die sich in die Fitnessfalle begeben haben.

Bei Männern ist es die Vorstufe zum verzweifelten Triathlon in der Midlife Crisis, bei Frauen ein etwas trauriger Jugendwahn. Man muss fit sein, in shape. Meine Geschlechtsgenossen im Fitnessstudio kämpfen gegen ihre eigenen Rekorde an, um noch ein letztes Mal das Gefühl der Leistungssteigerung zu erfahren, bevor der Zahn der Zeit seine Bissspuren in ihren Körpern hinterlässt. Verhärmt, verschwitzt und devot dem Diktat der Fitness unterworfen. Die Frauen marschieren mit verbissenem Blick auf die Konkurrenz Trampelpfade in die Laufbänder – immer auf dem Weg zur besseren optischen Beschlafbarkeit, die sie zwar vorweisen wollen, was sie aber niemals zugeben würden.

Der Körperverbesserungswahn erscheint mir sinnlos. Man erschafft nicht irgendwas, um dann zufrieden zu sein. Es ist, als würde man Sandburgen in die Brandung der Zeit bauen, die mit jeder kleinen Welle wieder zerfallen. Verzweifelte Sisyphosarbeit, ohne Aussicht auf Sieg. Dabei könnte man sich in die Sonne legen, die Gischt der Ewigkeit über sich hinwegspülen lassen und in die Sonne blinzeln, bis der Ozean der Zeit den Körper wieder einfordert, den man vom materiellen Universum ausgeborgt hat.

Aber nein. Man muss sich wortwörtlich mit Händen und Füssen strampelnd wehren.

«Man muss doch etwas für die Gesundheit tun!», meint eine Kollegin. Wirklich? Für mich bedeutet «Etwas für die Gesundheit tun» ab und zu auf explizit ungesunde Sachen zu verzichten. Es bedeutet nicht, Teile meines Alltags in chromlinienförmigen Folterinstrumenten turnend oder auf Kreiswegen ohne Ziel rennend zu verbringen. Es bedeutet nicht, die heiligen Energien des Universums sinnlos durch meinen Körper brennen zu lassen, ohne damit etwas Sinnvolles zu erschaffen.

Und wirklich: Fitte Leute leben nicht unbedingt länger, sie sterben einfach gesünder. Ich hab schon tausend Geschichten vom Opa gehört, der 104 wurde, obwohl er jeden Tag Zigarren rauchte und soff wie ein Loch. Aber niemand hat mir bisher die Geschichte von der Oma erzählt, die 98 wurde, weil sie jeden morgen vor der Arbeit noch 10 Kilometer joggte.

«Ich fühle mich danach einfach besser», ist eine Rechtfertigung, die ein anderer Kollege anbringt, «Sport macht mich glücklich.» Ja, auch das kann ich nachvollziehen. 50 Situps sind ein Ziel, das sich leicht erreichen lässt und es beschert ein Erfolgserlebnis inklusive Endorphinausstoss. Das ist einfacher als das Leben.

Aber auch hier die Falle: Es hört nicht auf. Wär Fitness eine Substanz, die man einnehmen könnte, würde sie als Droge klassifiziert: Zu Beginn muss man nach übertriebenem Konsum kotzen, dann gewöhnt man sich dran und wird mit gutem Gefühl belohnt. Nur dass es nicht anhält und man wieder und wieder davon nehmen muss, um die Wirkung zu erhalten.

Also Kinder, wenn jemand kommt und euch sowas anbietet: Sagt laut NEIN zu Fitness!