Tages-Anzeiger



Seifenblasen statt Pflastersteine!

Réda El Arbi am Sonntag, den 29. März 2015
«Aufruhr, Widerstand! Es gibt kein ruhiges Hinterland! Seifenblasenaufstand (Bild: Michael Caviglia /FB)

«Aufruhr, Widerstand! Es gibt kein ruhiges Hinterland!» Seifenblasenaufstand (Bild: Michael Caviglia /FB)

Am Samstagnachmittag fand auf dem Sechseläutenplatz eine ganz spezielle Form von unbewilligter Demonstration statt. Nachdem der pensionierte Architekt Gunnar Jauch  von der Stadtpolizei zweimal mit 250 Franken für das Steigenlassen von Seifenblasen gebüsst wurde, fanden um 15 Uhr über fünfhundert Personen zusammen, um ihren Unmut und ihre Solidarität zu zeigen, indem sie Seifenblasen steigen liessen.

Dieser Akt des zivilen Ungehorsams ist nicht nur speziell, weil er den Sechseläutenplatz in eine zauberhafte Fläche verwandelte, sondern weil er die Intention der «Reclaim the Streets»- und der «Occupy»-Bewegungen so umsetzte, wie es vielleicht ursprünglich mal gedacht war.

Familien, Kinder, Rentner, Schüler, Männer und Frauen aus den verschiedensten sozialen Schichten fanden zusammen und beanspruchten den Platz ihrer Stadt, um ein Zeichen gegen Ungerechtigkeit zu setzen. Während die «Occupy»-Bewegung zum Schluss nur noch für einen kleinen Teil konsumkritischer, kapitalismushinterfragender Aktivisten stand, und die RTSler die Strassen eher verwüsteten als beanspruchten, waren am Samstag wirklich die «99 Prozent» auf der Strasse. Menschen, die in dieser Stadt leben und sie mitgestalten wollen. Friedlich, witzig und provokativ.

Die Bewaffnung  eines Demonstrierenden.

Die Bewaffnung eines Demonstrierenden.

Den Passanten, die nachfragten, um was es gehe, wurde der Grund erklärt. Viele blieben und organisierten sich ein kleines Seifenblasenset. Sofort wurden Sympathien für den Anlass freigesetzt und in den Köpfen vielleicht sogar etwas bewegt, das sich in Wahlen oder Abstimmungen auswirken könnte. Es wurde Bewusstsein für die eigene Stadt geschaffen.

Wie speziell dieser Anlass war, sieht man auch an der überforderten Reaktion der Presse: Eine Kollegin von der NZZ meinte, sie wisse gar nicht, ob das eine Geschichte gebe. Die Kollegen von Watson brachten eine kleine Bildstrecke mit schönen Seifenblasen. Wenns nicht chlöpft, ist der Empörungswert einer Geschichte nicht gegeben, also fällt sie aus dem Fokus. Da haben wir Medien vielleicht noch etwas Lernbedarf.

Wenn man mit den Menschen gesprochen hätte, wären Statements gekommen wie «Ich will nicht, dass in meiner Stadt mehr oder minder ungestraft Geld gewaschen werden kann, aber ein Pensionär wegen Seifenbasen hart gebüsst wird» oder «Es braucht Regeln, aber dieser Staatsanwalt hat mit diesem Strafbefehl bewiesen, dass er keine Ahnung von Recht, Rechtmässigkeit und Verhältnismässigkeit hat. Ein Stümper.»

Polizeivorsteher Richi Wolff wird wohl seinen Mannen sagen, dass sie sich zurückhalten sollen. Es schmerzt politisch mehr, wenn man in der Öffentlichkeit lächerlich dasteht, als wenn man Wasserwerfer einsetzen muss. Die politischen Freunde des besagten Staatsanwalts werden ihn sicher beiseite nehmen und ihm zum Thema «Law&Order» ins Gewissen reden. Insgesamt bewirkt diese Art des Prostest sicher mehr, als wenn man trötzlet, täubelet, Parolen schreit und Dinge kaputt macht und dabei den meisten Stadtbewohnern tierisch auf den Sack geht.

Oder wies John Lennon einmal formulierte (bitte auf den Text achten, nicht nur mitgrölen):

Flirttipps für Zürcher

Réda El Arbi am Mittwoch, den 25. März 2015
Checkt euer Beuteschema und passt es der Realität an.

Checkt euer Beuteschema und passt es der Realität an.

Es ist Frühling, und wie jedes Jahr fluten überall die Sexualhormone die Hirne von Männern und Frauen. Überall? In Zürich scheinen da jedes Jahr eher Stresshormone ausgeschüttet zu werden. Um es ehrlich zu sagen: Ohne Zuwanderung aus ländlichen Gebieten, dem Ausland und schwergedopten bzw. alkoholisierten One Night Stands in Clubs wären wir Zürcher schon lange ausgestorben. Unsere Mentalität lässt lockeres Flirten im Frühling einfach nicht zu. Und lockeres Flirten ist das, was irgendwann Nähe entstehen lässt. Und daraus könnte dann auch mehr werden.

Zwinglianisch wie wir sind, gibts bei uns kein Flirten, wenn kein «Abschluss» in Sicht ist. Flirten ist sozusagen die Arbeit, die zum Sex führen soll. Also bemühen wir uns nur, wenn wir einen Koitus anstreben. Bei Frauen führt diese Denke zum Fluchtreflex, bei Männern zu notgeilen Aktionen. Aber merkt euch das: Flirten ist wie Tanzen. Es geht nicht darum, sich möglichst schnell hinzulegen, sondern sich elegant umeinander zu drehen. Deshalb wieder einmal ein paar Tipps, um die verkrustete Geschlechtersituation in Zürich aufzubrechen.

Für Frauen:

1. Zugänglichkeit

Wirkt eisig. Oder verkatert, aber sicher niemals flirty.

Wirkt eisig. Oder verkatert, aber sicher niemals flirty.

Um angeflirtet zu werden, ist es vonnöten, sichtbar zu sein. Gerade jetzt, wenn die Sonne sich wieder zeigt, haben viele Frauen nichts eiligeres zu tun, als sich eine Sonnenbrille von der Grösse eines Solarkraftwerks ins Gesicht zu klatschen. Ehrlich, das mag vielleicht unheimlich stylisch und cool wirken. Es wirkt aber auch so, als ob ihr eure Emotionen in einem alten russischen Panzer spazierenfahrt. Nicht umsonst heisst es «Die Augen sind die Tore zur Seele». Wer seine Augen nicht zeigt, wirkt eher eisig als cool. Natürlich macht es mehr Sinn, der Welt offen und freundlich zu begegnen, als eine Barriere vor dem Kopf zu tragen. Das heisst nicht, dass ihr auf jeden dämlichen Anmachspruch eingehen müsst. Aber eure Autonomie und Souveränität besteht nicht darin, von Anfang an alles abzublocken, sondern offen auf euer Gegenüber zu reagieren. Auch wenns nur eine freundliche Absage ist.

2. Kongruenz

Überlegt euch, welchen Situationen ihr draussen ausgesetzt sein könntet. Kleidet euch so, wie ihr es auch vertragt. Supersexy ist im Club sicher angebracht, kann aber zur Hölle werden, wenn ihr morgens um Vier irgendwo alleine auf ein Taxi warten müsst. Versteht mich nicht falsch, es geht nicht darum, wie andere auf euer Outfit reagieren. Es geht darum, dass ihr euch darin wohlfühlt und souverän mit eurer Umwelt umgehen könnt. Wenn ihr dauernd das Röckchen runterzupfen müssen, weil es sich plötzlich viel zu kurz anfühlt, könnt ihr nicht offen auf einen Flirt reagieren. Und kleistert euch das Gesicht nicht mit Makeup zu. Männer mögen einfach gestrickt sein, aber die meisten können Gemaltes von Echtem unterscheiden.

3. Mitgefühl

Gehen wir davon aus, jemand hat endlich den Mut aufgebracht, ist über ziemlich furchteinflössende drei Meter auf euch zugekommen und hat euch angesprochen. Ja, es kann durchaus sein, dass dieser Mensch nicht euer Typ ist. In dieser Situation ist es angebracht, trotzdem ein paar Sätze diesem Menschen zu wechseln. Beim Flirten hat jeder seinen Preis zu zahlen. Bei Männern ist es der Mut, sich–  trotz wahrscheinlichem Korb – aufzuraffen und einen ersten Schritt zu machen. Bei Frauen besteht der zu bezahlende Preis darin, öfters mal ein wenig Konversation mit Männern zu pflegen, die eigentlich nicht dem Beuteschema entsprechen. Und ehrlich, vielleicht seid ihr überrascht, wie viel Spass es machen kann, unbeschwert mit einem Fremden zu plaudern.

4. Beuteschema

Der vermeintlich «Richtige» kann euch mit dem dämlichsten Spruch anmachen, es funzt. Dafür kann der «Falsche» so originell sein, wie er will, er wird sich einen Korb abholen. Aber Hand aufs Herz: Wie oft hat sich euer herkömmliches Beuteschema als der Volltreffer erwiesen, als der Märchenprinz, den ihr euch in euren schmachtenden Tagträumen ausgemalt habt? Wie oft seid ihr auf denselben gutaussehenden, souveränen Typ hereingefallen, um euch ein paar Wochen oder Monate später mit gebrochenem Herzen und einer Flasche Weisswein bei einer Freundin die Augen auszuweinen? Eben. Öffnet euren Horizont. Es gibt jede Menge Typen, die witzig, liebevoll, unterhaltsam und vor allem keine Vollidioten sind. Nur sind das meist nicht die Alphamännchen, sondern eben die auf den ersten Blick ganz alltäglichen Typen.

5. Initiative

Wir gingen in den ersten vier Tipps von der klassischen, leider noch viel zu verbreiteten Konstellation aus, in der Männer den ersten Schritt machen müssen. Nun, es liegt an euch, das zu durchbrechen. Ein freundliches Wort oder ein Lächeln können der Beginn eines Flirts werden. Es reicht manchmal einfach nicht, attraktiv irgendwo rumzuhängen, cool in die Luft zu starren und vom Gegenüber zu erwarten, dass er die Bereitschaft zum Flirt an eurer Stirn abliest. Männer sind keine Hellseher. Dazu sind wir meist noch unsicher und lassen im Zweifelsfalle lieber eine Gelegenheit aus. Was dann zu Schatzchäschtli-Einträgen wie «Letzten Dienstag im Tram 5, Du blond, ich mit grauer Jacke. Hab deinen Blick ... blablabla». Los, macht den ersten Schritt.

Für Männer:

1. Kongruenz

Ihr seid nicht George Clooney oder irgendein Superheld. Wenn ihr's wärt, würdet ihr nicht hier beim Lesen dieser Tipps verweilen. Also versucht auch nicht, den supercoolen Typen zu spielen. Sollte ein Flirt nämlich länger als dreissig Sekunden dauern, würde euer Gegenüber euch durchauen und ihr steht mit abgesägten Hosen da. Sei dich selbst. Sprich über Dinge, die du kennst, die dich begeistern. Selbst wenns deine Modelleisenbahn ist: wenn du Leidenschaft dafür empfindest, wirkt die Modelleisenbahn sexier als jedes aufgesetzte In-Thema über das die Hipster der Stadt gerade labern.

2. Keine Bühne

SlapDie Welt ist keine Bühne und auch kein Marktplatz. Also halte dich mit Show und Selbstanpreisungen zurück. Vielleicht schafft ihr es, ein Gespräch zu beginnen. Verderbt  nicht alles, indem ihr euer Gegenüber zuquatscht. Führt  ein Gespräch, hört zu. HÖRT IHR ZU! *Patsch an den Hinterkopf* Sollte die Dame nämlich mehr als eure Libido ansprechen, ist es von Vorteil, wenn man nicht erst nach zwei Wochen herausfindet, dass sie dumm wie Brot ist. Ausserdem schaffen Gespräche Intimität. Monologe schaffen Langeweile.

3. Training

Das Ziel des Flirtens ist nicht Sex, sondern Intimität, Nähe. Daraus kann durchaus Sex entstehen, muss aber nicht. Deshalb kann man(n) durchaus auch mal flirten, wenn absolut kein Beischlaf dabei herauskommen könnte. Also, ein dahingeworfener, freundlicher Satz, ein Kompliment im Vorbeigehen, ein Lächeln ohne Konsequenz. Das hat zwei Vorteile: Erstens macht man damit einem Gegenüber den Tag etwas schöner – und zweitens (wichtiger!) bekommt man etwas Übung in unverkrampfter Konversation, was für das Flirten unabdinglich ist. Also, los gehts!

4. Beuteschema

Ich verrat euch jetzt mal ein Geheimnis, liebe Männer: Nähe, Intimität und Erotik entstehen in der Realität und nicht in euren Hollywoodvorstellungen einer geilen Frau. Und genauso, wie ihr keine George Clooneys seid, genauso ist euer Gegenüber selten eine Charlyze Theron. Also sucht euch jemanden, mit dem ihr euch wohl fühlt, und nicht jemanden, mit dem ihr dann bei den Kumpels angeben wollt. Schönheit liegt im Auge des Betrachters, sagt man. Wenn ihr aber auf allen Augen blind seid und nur mit dem Ego oder euren Pornovorstellungen sucht, werdet ihr bald ziemlich frustriert sein. Ah, ihr seid schon frustriert? Dann ist es höchste Zeit. Sprecht mit den Frauen um euch herum, nicht mit den Supermodels in eurer Fantasie.

5. Romantik

Liebe Männer, die meisten von euch verwechseln Romantik mit Kitsch. Vergesst, was ihr in Hollywoodfilmen gelernt habt. Kerzen und Rosen funktionieren vielleicht, wenn ihr mal fünfzehn Jahre verheiratet seid, aber auch da eher nicht. Wenn ihr also wirklich die ersten Hürden überwunden habt und vor einem Date mit einer Frau steht, versucht nicht, künstlich irgendeine Art von «Bachelor»-Kitsch vorzubereiten. Lasst euch nicht täuschen, auch wenn die Dame auf Facebook andauernd Sonnenuntergänge, Pferde und Blüemli mit wahnsinnig tiefen Lebensweisheiten in Schnörkelschrift postet, bei einem ersten Date ist Realität gefragt. Macht Komplimente, die ihr noch nirgends gehört habt. Versucht nicht, die erotische Anziehung mit vorgespielten Gefühlen zu kaschieren. Ihr trefft die Dame zum ersten Mal. Vielleicht seid ihr ein wenig verknallt, aber faselt nichts von Liebe. Geniesst die Zeit, die ihr zusammen verbringt und nicht die Zeit, die ihr gerne in Zukunft mit ihr verbringen würdet.

So, liebe Zürcherinnen und Zürcher,

wenn ihr es langsam angeht, ehrlich bleibt und für einmal nicht auf Erfolg, sondern auf Kommunikation aus seid, kanns sogar funktionieren. Und noch was: Es wird nicht sofort klappen. Ihr braucht 20 - 30 Versuche, bis was draus wird. Also arbeitet an eurer Frustrationstoleranz.

Schönen Frühling wünsche ich!

Verletzter Stolz

Alex Flach am Montag, den 23. März 2015
Im Nachhinein bestätigt: Solche Typen sollte man nicht in den Club lassen.

Im Nachhinein bestätigt: Solche Typen sollte man nicht in den Club lassen.

Der Ablauf, der zu Gäste-Ausrastern an Clubtüren führt, ist zumeist derselbe: Erst langes Warten in der Schlage, dann an der Kasse die Abweisung und, als Tüpfelchen aufs i, eine unglaubwürdige Begründung der Schmähung obendrauf: «Wir sind zu voll», «zu viele Männer, daher kein Eintritt ohne weibliche Begleitung» und «wir schliessen demnächst». Spätestens wenn der Nächste in der Schlange mit Handschlag begrüsst und eingelassen wird, sind diese Begründungen nur noch Ausreden, die den Eindruck des unerwünscht seins weiter verstärken.

Mutige, Alkoholisierte und alkoholisierte Mutige gehen dann umgehend in einen Infight mit dem Türpersonal. Selbstverständlich nicht mit Fäusten, sondern mit Worten, wobei diese Gefechte immer gleich enden: Der Abgewiesene zottelt irgendwann von dannen und das Türpersonal der Clubs ist um etwas Zeit und viele Nerven ärmer.

Seit sich Smartphones durchgesetzt haben, gehen die Türkämpfe oftmals in eine weitere Runde: Die Geschmähten nutzen die Wegzeit zum nächsten Taxistand um den Clubbetreibern via Facebook-Nachricht mitzuteilen, was sie von ihnen und ihrem Personal halten. So auch ein gewisser D.M., der einem ihn abweisenden Zürich West-Club folgenden (unvollständig wiedergegebenen) Facebook-Monolog übermittelt hat:

03:11 «Fuck Off! Drecks-Schuppen!»

03:17 Uhr «Idioten!»

03:31 «Ihr seid behindert!»

05:43 «Ans Telefon gehen könnt ihr auch nicht!»

05:43 «Vollmongos!»

05:44 «Drecks Drogenschuppen»

05:44 «Keine Stellungnahme… weder per Text oder per Telefon»

06:43 «Armselig»

06:43 «Hoffe Ihr verreckt»

Später gleichentags, um 16:03: «Eure Türpolitik ist doch voll beschissen… Ihr, bzw. die Türsteher haben uns nicht einmal sagen können warum wir nicht rein dürfen. So etwas habe ich noch nie erlebt! Was denkt Ihr eigentlich wer Ihr seid?! Nicht einmal per Telefon habt Ihr Stellung nehmen können».

Nun ist es so, dass nicht allzu viele Clubs ein Sorgentelefon für düpierte Nachtschwärmer führen, das morgens um halb 3 Anrufe enttäuschter Abgewiesener entgegennimmt. Zudem dürfen Clubs frei entscheiden wen sie reinlassen und wen nicht, solange sie sich dabei an die gesetzlichen Vorschriften bezüglich Alkoholverkauf an Minderjährige halten und zwar ganz ohne Stellung nehmen zu müssen. Drittens: Wer tatsächlich eine gut gemeinte und fundierte Erklärung erwartet, warum er am betreffenden Abend nicht eingelassen wurde, sollte sein Anfrage vielleicht nicht mit einem «Fuck Off! Drecks-Schuppen!» eröffnen…

D.M. ist beileibe kein Einzelfall: Immer häufiger müssen sich die Social Media-Verantwortlichen der Clubs mit solchen Facebook-Nachrichten auseinandersetzen. Vor allem junge Clubber kommen mit einer Abweisung nur schwer klar. Haben sie jedoch früher ihren Ärger meist woanders mit ein, zwei Bierchen runtergespült, machen sie diesem immer häufiger gleich vor Ort oder etwas später in den sozialen Medien Luft. Oft zur Freude der Clubmacher, die solche Attacken (nicht ganz zu Unrecht) als Bestätigung ihrer Türpolitik werten: Wer zu ungehaltenen Ausbrüchen tendiert wie D.M., hat in einem Club eigentlich nichts verloren.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Kriminelle Seifenblasen

Réda El Arbi am Donnerstag, den 19. März 2015
Seifenblase greift Passantin an. (Bild: Marcel Steiner/ Facebook)

Seifenblase greift Passantin an. (Bild: Marcel Steiner/ Facebook)

Nachdem wir gestern das Sitzverbot auf den Treppen des Hauptbahnhofs hinterfragt haben, sind wir noch auf eine andere erwähnenswerte «Law&Order»-Geschichte gestossen. Der Fall der illegalen Seifenblasen.

Ein Mann, nennen wir ihn «XY» (weil das so gefährlich tönt), hat sich erdreistet, Mitte Februar im Niederdorf vor der Züribar grosse Seifenblasen zu produzieren. Wohlgemerkt, der Mann hat weder aktiv noch passiv Geld gesammelt, sondern sein Hobby zur Unterhaltung vieler erfreuter Menschen praktiziert.

Die Stadtpolizisten, die den Unhold auf frischer Tat ertappten, konnten eindeutig eine kriminelle Handlung in den grossen, schimmernden Blasen erkennen und das Stadtrichteramt büsste den Blasio jetzt mit 100 Franken plus 150 Franken Kosten- und Gebührenpauschale. Grund: Strassenkunst ist nur in den Seeuferanlagen erlaubt, und auch da nur mit Bewilligung.

Die Polizei dein Freund & Helfer.

Die Polizei dein Freund & Helfer.

Ehrlich, wir sehen durchaus die Gefahr, die von Seifenblasen für Anwohner und Passanten ausgeht. Wir danken den Polizisten für ihren zurückhaltenden Einsatz bei der Sicherung unserer zivilgesellschaftlichen Werte.

Wir empfehlen, beim nächsten Mal härter durchzugreifen und sehen einen Schusswaffeneinsatz vor: Die Blasen, die sich bereits auf der Flucht befinden, dürften ohne weitere Warnung erschossen werden.

Nebenbei unterstützen wir die Stapo bei ihrem Einsatz und nehmen jedem Kind, das wir mit diesen gefährlichen Gegenständen unterwegs antreffen, sofort den Seifenwasserbehälter und den Stab weg und vernichten das Gefahrengut mittels Zertrampeln direkt vor den Augen der jungen Delinquenten.

Ordnung muss sein!

PS: Derselbe Staatsanwalt, der für diesen Strafbefehl zuständig ist, hat übrigens auch einen Velofahrer mit insgesamt über 500 Franken gebüsst, weil er «zu nahe aufgefahren»  ist und kein Licht (nur eine batteriebetriebene Lampe) hatte. Wir werden seine Urteile im Auge behalten.

Wehret den Anfängen!

Réda El Arbi am Mittwoch, den 18. März 2015
Schützt uns vor dem Untergang der Zivilisation: Sitzverbot im Bahnhof.

Schützt uns vor dem Untergang der Zivilisation: Sitzverbot im Bahnhof.

Es dauerte ein paar Sekunden, bevor ich die Botschaft des Verbotsschildes auf der Bahnhoftreppe bei Landesmuseum verstand: «Sitzen verboten». Unbedarft wie ich bin, dachte ich mir, dass es sicher einen guten Grund für das Verbot, sich auf die Treppen zu setzen, geben musste. Mir wollte nur ums Verrecken keiner einfallen. Also fragte ich bei einer Bekannten nach, die für die Bahnhofsicherheit arbeitete.

Sie meinte, es sei nicht  nur verboten, auf den Treppen zu sitzen, es gebe laut «Hausordnung» im ganzen Areal des Hauptbahnhofes ein Verbot, sich auf den Boden zu setzen oder zu legen. Damit wolle man Randständige davon abhalten, im Bahnhof herumzugammeln. Oder Jugendliche daran hindern, am Wochenende alkoholisiert im Bahnhof zu nächtigen, zu randalieren und Leute anzupöbeln. Die Hausordnung umfasst nebst «Sitzen und Liegen auf Boden und Treppen» das «Mitführen frei laufender Hunde» oder das «Füttern von Vögeln», und vor allem verbietet die Bahnhofordnung «ungebührliches Verhalten» gegenüber Reisenden oder gegenüber dem SBB-Personal.

Das scheint mir einleuchtend. Schliesslich ist das Sitzen auf Treppen der erste Schritt zu Sodom und Gomorrha. Darum auch kein Schild «Leute anpöbeln verboten», sondern eben ein «Sitzen verboten»-Schild, auf dem die «Null-Tolleranz»-Politik der SBB vollständig zum Tragen kommt. Ist ja nur konsequent. Schliesslich hatte man damals auch die Sitzbänke im ganzen Bahnhof mit Einzelsitzschalen umgebaut, damit sich Randständige nicht hinlegen können.

Wie sähe dass denn aus, wenn sich diese komischen Leute, nachdem sie ihren Fusel im Schnapsladen im Bahnhof gekauft haben, betrunken in Sichtweite der gutzahlenden SBB-Kunden herumliegen würden? Kaum würde man das zulassen, würden die wohl gleich ganze Camps aufbauen. Diesen Randständigen ist alles zuzutrauen.

Und auch die Jugendlichen, die sich im «Drinks of the World» mit Wodka und Shots in kleinen Flaschen eindecken, sollen ihren Spass woanders haben. Sie könnten ja laut werden.

Umhimmelsgottsswillen.

Es lägen auch feuerpolizeiliche Gründe vor, um die Treppen freizuhalten. Das ist gut nachzuvollziehen, sehe ich doch schon diese renitenten jungen Menschen vor mir, die bei Massenpanik und Grossbrand auf der Treppe sitzen bleiben und erst ihr (im Bahnhof gekauftes) Sandwich fertigessen, bevor sie die Leute fliehen lassen.

Aber wie siehts denn mit den Reisenden aus? Die Security sei kulant, meinte meine Bekannte, die auf keinen Fall namentlich in dieser Geschichte über Recht und Ordnung erscheinen will. Wenn jemand sich mal auf den Boden setze, um auf den nächsten Zug zu warten, werde er wohl nicht weggeschickt. Nur Gruppen von Sitzenden würden weggewiesen. Also auch die fünfköpfige Familie, die drei Stunden auf den Anschlusszug nach Mailand warten muss? Ja, auch die.

Schliesslich hat die SBB den neuen schönen Bahnhof in auszeichnungswürdiger Steriloptik nicht mit unserem Geld gebaut, damit da Menschen mit ihrer Anwesenheit die atmosphärische Wirkung kaputtmachen. Auf dem Modell der Planer sassen ja auch keine Leute auf den Treppen.

Es sei ja nicht so, dass die Bahnpolizei oder die Kapo, die für den Bahnhof verantwortlich sei, den ganzen Tag herumgehe und Leute wegweise. Es sei einfach so, dass man mit Hausordnung und den Verbotsschildern eine Handhabe gegen unerwünschte Anwesende habe. Hm, klever. So kann man also dann selbst entscheiden, wem das Sitzen auf Treppen gestattet wird, und wer damit die «öffentliche Ordnung» stört. Selektiv-präventive Verbote. Das ist ungemein praktisch.

Aber grundsätzlich geht mir das einfach nicht weit genug. Denn Ansammlungen können auch entstehen, wenn Leute auf der Treppe rumstehen. Um die allgemeine Ordnung zu stören muss man ja nicht sitzen oder liegen. Viel effektiver wärs, wenn da gar nicht erst Menschen hinkämen, die sich setzen oder hinlegen könnten. Man müsste also den Bahnhof grundsätzlich von störenden Menschen abriegeln. Aus den Neunzigern ist ja noch die Bahnhofsverriegelung übrig, eine im Boden versenkte Stahlwand, die den Bahnhof bis auf wenige Ein- und Ausgänge hermetisch abriegelt. So könnte man an den Durchgängen checken, ob der Bahnhofbesucher eine Gefahr für die öffentliche Ordnung oder das ästhetische Empfinden darstellt und ihn im Zweifelsfalle schon gar nicht erst in den Bahnhof lassen.

Und ganz im Sinne einer «Null Toleranz»-Gesellschaft fordere ich: «Wehret den Anfängen! Sonst seht ihr dann schon, wo das alles enden wird! Ehrewort!»

Eine Gefahr für Sitte und Ordnung! (Bild aus dem Internet geklaut).

Eine Gefahr für Sitte und Ordnung! (Bild aus dem Internet geklaut).

 

Clubben mit Senioren

Alex Flach am Montag, den 16. März 2015
Hätten wir mit unseren Eltern die Wochenenden durchfeiern wollen?

Hätten wir mit unseren Eltern die Wochenenden durchfeiern wollen?

«Wer älter ist als dreissig Jahre, hat in einem Club nichts zu suchen» – noch Anfang der 90er Jahre hatte diese Regel durchaus Gültigkeit: Wer die eigenen roaring Twenties gut erkennbar hinter sich gelassen hatte, erntete damals im Kaufleuten oder im Gothic mitfühlende Blicke, geknüpft an die unausgesprochene Aufforderung, sich doch bitte nach einem zeugungsfähigen Partner zur Familiengründung und einem passenden Reiheneinfamilienhaus umzuschauen. Auch wenn die Clubbesitzer wie Freddy Müller oder Jean-Pierre Grätzer bereits damals einer älteren Generation angehörten, ihre Gäste waren zumeist knallgrün hinter den Ohren.

Heute streben die Clubs ein Publikum an, dessen Durchschnittsalter weit über jenem zu Zeiten der ersten Street Parades liegt. Dies gilt nicht nur für Lokale mit Ü30-, Ü40- oder ähnlich anrührigen Partylabels für graue Panther im Programm, sondern auch und vor allem für elektronische Clubs, die oft keine Gäste unter 21 Jahren einlassen. Dies bedeutet aber nicht, dass man mit 21 bereits das Wunschalter der Clubchefs erreicht hat: Wer die Tanzfläche voller 21jähriger hat, muss sich heutzutage die Frage gefallen lassen, ob er nicht doch lieber eine Kindertagesstätte eröffnen möchte.

Waren es früher die älteren Semester die despektierliche Blicke ernteten, sind es heute vor allem die jungen Clubgäste, die sich bisweilen unerwünscht fühlen.

Mit dem Techno-Boom Anfang der 90er und dem Fall des alten Wirtegesetzes ein paar Jahre später wurde das Nachtleben vom Betätigungsfeld einiger weniger Exoten zu einer rasant wachsenden Branche mit vielen neuen Stellen, die nicht selten noch immer von denselben Leuten besetzt werden wie damals. Aus einigen ehemaligen Partyveranstaltern wurden zwar zwischenzeitlich Clubbesitzer, aber über den Daumen gepeilt wird das Zürcher Nachtleben von Leuten betrieben, die sich seit zehn Jahren und länger in diesem Umfeld betätigen. Da sich nun niemand gerne im eigenen Geschäft wie ein Greis fühlt, versuchen die Gastgeber das Alter ihrer Gäste dem eigenen häufig anzugleichen.

Dazu gesellt sich das Phänomen der Ewigjugendlichen: 40jährige wohnen heute in WGs und gehen lieber mit Freunden feiern als mit dem Nachwuchs spazieren. Aber selbst Kinder sind längst kein Grund mehr, sich nicht die eine oder andere Nacht in den Clubs um die Ohren zu schlagen – wozu gibt es denn Grosseltern, wenn nicht aus Gründen der Enkel-Betreuung?

Clubbing ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten vom exklusiven Vorrecht Zwanzigjähriger zu einem festen Teil der Freizeitgestaltung mehrerer Generationen geworden. Noch gibt es Ü16-Partys die einem Publikum zwischen 16 und 20 Jahren vorbehalten sind und Ü40-Partys, an denen niemand tanzen darf, der in seinem Sportverein noch nicht zu den Senioren zählt. In vielen elektronischen Clubs jedoch feiern die Generationen miteinander. Vielleicht wird diese Entwicklung künftig gar zur Lösung des Kommunikationsproblems zwischen Jugendlichen und Betagten, die sich wohl bald über die neusten Veröffentlichungen von elektronischen Musiklabels wie Stil vor Talent oder Innervisions unterhalten können.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Grafik 15: Sinnlich, kitschig und 3D

Réda El Arbi am Freitag, den 13. März 2015
Grafik kann durchaus gesellschaftskritisch UND schön sein.

Grafik und Design kann durchaus gesellschaftskritisch UND schön sein.

Die Grafik XX war mir immer schon lieber als die anderen Blofeld-Anlässe Foto XX oder Kunst XX. Die Grafik-Branche zieht offenbar einfach weniger Diven und Narzissten an, wohl weil die Ausstellenden nicht für den eigenen Ruhm oder ein höheres Ideal arbeiten, sondern für nörgelige Kunden, wie die meisten von uns. Natürlich war die Vernissage gestern auch ein Magnet für Hipster, aber das ist in der Kreativszene wohl einfach ein zu akzeptierendes Übel.

Tausend Tore in andere Welten, geöffnet von sympathischen Nerds.

Tausend Tore in andere Welten, geöffnet von sympathischen Nerds.

In der ersten Halle liessen die Game-, Web-,  und App-Designer mein Digitalherz höher schlagen. Da ich als PC-Spieler den Monitor nicht als flache Scheibe, sondern als durchlässiges Tor in andere Welten betrachte, war ich leicht  einzufangen. Interaktion und Optik ergeben für mich ein sinnliches Erlebnis und ich kann jedem Begeisterten nur empfehlen, sich die Arbeiten der eher jungen Entwickler anzusehen. Auch hier waren eher Nerds als Künstler unter den Ausstellern, darunter ein junger Mann, der mir in französisch gefärbtem Englisch mit einer solchen Begeisterung von seiner Musik-Rate-App für Couleur 3 vorschwärmte, dass ich sie ihm wirklich abgekauft hätte.

Tierlikitsch war einer der Trends. Die Wölfe hab ich nicht fotografiert.

Tierlikitsch war einer der Trends. Die Wölfe hab ich nicht fotografiert.

Im hinteren Teil, der eher der klassischen Grafik gewidmet ist, hab ich auch einige Perlen entdeckt, darunter mein Liebling vom Artikelbild oben. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass mehr dreidimensionale Arbeiten ausgestellt wurden, was mir eher entspricht als die diversen im ewigen Retro-Stil gearbeiteten Plakate, die auch unter den Exponaten zu finden waren. Zwei Trends hab ich ausmachen können: Erstens den unsäglichen Kitsch, von dem wir glaubten, ihn in den 80ern hinter uns gelassen zu haben. Zum Beispiel Zeichnungen von Wölfen und anderen wilden Tierli, wie sie früher auf Plüschpostern in unsäglichen Kitschshops erhältlich waren. Und zweitens einen Trend zu einfachen, naiven Grafiken, die klar von den gezeichneten Internetmemen beeinflusst wurden. Die einen mag ich, die anderen nicht.

Dreidimensionale Modelle wecken das Bedürfnis, mit den Eponaten zu spielen wie ein Kind.

Dreidimensionale Modelle wecken das Bedürfnis, mit den Exponaten zu spielen wie ein Kind.

Was gibts sonst noch zur Vernissage zu sagen? Nicht viel. Mitten in der Menge Blofeld-Chef und Organisator Michel Pernet, jovial lächelnd bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Gesprächig macht er Menschen miteinander bekannt, die sich eigentlich gar nicht kennenlernen wollen. Höflich murmelt man den Namen des Unbekannten, zu dessen Händedruck man genötigt wird und vergisst ihn gleich wieder.

Klar von den naiven Internetmemen beeinflusst.

Klar von den naiven Internetmemen beeinflusst.

Aber solange Pernet solche Anlässe organisiert, lässt man auch sein «Netzwerken» stoisch über sich ergehen, um sich danach wieder den Exponaten zu widmen, für die es sich auch dieses Jahr lohnt, die Grafik 15 zu besuchen.

«Auf ein Wort, Herr Freimaurer.»

Réda El Arbi am Dienstag, den 10. März 2015
Sinnspruch der deutschen Freimaurerei: Vor dem Tod sind alle gleich.

Sinnspruch der deutschen Freimaurerei: Vor dem Tod sind alle gleich.

Sie sollen im Geheimen den Gang der Welt beeinflusst haben, verantwortlich für die Verfassungen der USA und der Schweiz sein, hinter dem Mord an Mozart stecken und grosse Geister wie Sir Winston Churchil, Sir Arthur Conan Doyle, Astronaut John Glenn, John Edgar Hoover und Harry Houdini als Mitglieder angezogen haben. Im 21. Jahrhundert ist es aber ruhig geworden um die Freimaurer. Geheimdienste wie die NSA haben die geheimnisumwitterten Logen als verdächtigte Protagonisten der Weltverschwörung abgelöst. Und in Zürich? Wir sprachen mit Daniel Hofer, dem Meister vom Stuhl der Zürcher Loge «Modestia cum Libertate», über Ziele und Zweck der Zürcher Freimaurer.

Herr Hofer, wollen die Freimaurer die Weltherrschaft?

Nein. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie diese erreicht werden könnte.

Was ist sind die Ziele der Freimaurer auf gesellschaftlicher Ebene?

Der Freimaurer soll in seinem Umfeld wie Beruf, Familie, Politik oder Zivilgesellschaft (Vereine etc.) als Beispiel positiv wirken und so die ganze Gesellschaft schrittweise und im Rahmen seiner Möglichkeiten weiterbringen.

Warum spielen Freimaurer in so vielen alten Verschwörungstheorien eine tragende Rolle?

In der Freimaurerei gibt es Dinge, die nur Eingeweihte wissen und zu sehen bekommen. Aussenstehende reagieren darauf mit ihren eigenen Vorstellungen und entwickeln je nach Interessenlage ihre eigenen Theorien.

Warum die Geheimhaltung und die Anonymität?

Der freimaurerische Werdegang geschieht mittels Einweihungen in bestimmte Symbole, Lehrbilder und Ritual-Handlungen. Diese hinterlassen beim Einzuweihenden den stärksten Eindruck, wenn deren Vermittlung von einem gewissen Überraschungsmoment begleitet wird. Ist alles schon zum voraus bekannt, sind diese Überraschungsmomente nicht mehr möglich oder zumindest in ihrer Wirkung eingeschränkt.

Sie sind Meister vom Stuhl der Zürcher Freimaurerloge Modestia cum Libertate. Was ist ein Meister vom Stuhl? Sind Sie eine Art Hohepriester?

Eine Freimaurerloge ist juristisch gesehen ein Verein. Und der Meister vom Stuhl ist eigentlich der Vereinspräsident. Der wird an der Generalversammlung gewählt und bleibt für eine bestimmte Amtsdauer.

Wieso sind Sie Freimaurer geworden?

Ich hab meiner Frau vor langer Zeit gesagt, dass ich mit 45 Philosoph werden würde. Natürlich ging ich damals davon aus, dass ich dann nicht mehr arbeite und mit den Füssen auf dem Tisch über Gott und die Welt nachdenke. Ich arbeite aber immer noch. Stattdessen wurde ich in diesem Alter Freimaurer, was mir die Gelegenheit gibt, mich in diesem Rahmen mit den Grundfragen der Menschheit und philosophischen Aspekten des Lebens auseinanderzusetzen.

Die Freimaurer berufen sich auf eine höhere Macht. Es heisst, dass Atheisten nicht aufgenommen werden.

Doch, hier in Zürich haben wir Mitglieder, die sich «Atheisten» nennen. Wenn man aber genau nachfragt, stellt sich heraus, dass sie durchaus an etwas glauben. Sie fühlen sich einfach den herkömmlichen, dogmatischen Religionen nicht verbunden.

Also Atheisten werden aufgenommen. Und Frauen?

Nein, unsere Loge nimmt keine Frauen auf.

Verzichten die Logen da nicht auf ein ungeheures Potential?

Das kann sein. Aber wir vermeiden so auch die Geschlechterdynamik in einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe. Es gibt auch Frauenlogen, und dort ist dann den Männern die Mitgliedschaft verwehrt. So gibts keine amourösen Komplikationen innerhalb der Loge und wir haben Kopf und Herz frei, um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Wie alt ist der durchschnittliche Freimaurer?

Wir haben auch jüngere Mitglieder. Aber es ist von Vorteil, wenn sich die Lebensumstände schon ein wenig beruhigt haben. Man kann sich nicht wirklich in die Loge einbringen, wenn man zum Beispiel immer wieder in London oder Singapur arbeiten muss. Und es ist für das Mitglied selbst von Vorteil, wenn es schon ein wenig Lebenserfahrung mitbringt.

Man muss über einen guten Leumund verfügen, um den Freimaurern beitreten zu können.

Ja, bei Eintritt muss man unter anderem einen Strafregisterauszug bringen. Aber wenn da Parkbussen erwähnt werden, ist das kein eigentliches Hindernis. Auch Andere, weniger schlimme Vergehen müssen nicht die Ablehnung eines Kandidaten bedeuten. Heute sind da ja Verhaltensweisen beispielsweise im Umwelt- oder Wirtschaftsrecht strafbar, die vor zwanzig Jahren noch legal waren. Bei der Beurteilung ist ein gewisses Augenmass vonnöten.

Wie siehts aus, wenn man straffällig wird, wenn man bereits Freimaurer ist? Heisst es nicht «Einmal Freimaurer, immer Freimaurer»?

Grundsätzlich schon. Aber bei Vergehen gegen die Bruderschaft gibt es klare Ausschlussgründe, also wenn zum Beispiel jemand in die Kasse greift. Kapitalverbrechen wie Mord oder Vergewaltigung sind wohl auch Ausschlussgründe, allerdings ist mir kein solcher Fall bekannt. Ein Freimaurer soll ja in der Gesellschaft auch als Vorbild wirken.

Freimaurer sind ja schon lange aktiv in unserer Gesellschaft und haben Einfluss genommen. Zum Beispiel wurde die Schweizer Demokratie, wie sie heute existiert, massgeblich vom Freimaurer Jonas Furrer  mitgestaltet.

Die Freimaurer nehmen als Loge keinen politischen Einfluss, wir lobbyieren nicht. Die Freimaurerloge bezieht keine politische Stellung. Es kann aber sein, dass ein Politiker Freimaurer ist.

Die Freimaurer haben ihre Wurzeln in der Aufklärung und in der humanistischen Tradition. Hier in der Schweiz haben wir bereits sehr viele dieser Ideale umgesetzt. Brauchts die Freimaurerei noch oder sind sie nur noch ein Club zur philosophischen Debatte?

Ich denke schon, dass es Vereinigungen wie die Freimaurer braucht. Eine Gesellschaft braucht wohl immer in sich gefestigte Menschen, die Werte vertreten. Gerade heute, in einer Zeit, in denen Führungspersönlichkeiten ihre Meinung je nach Popularität wechseln, sind grundlegende, unveränderliche Werte wichtig.

Die Schweizer Freimaurerei stand historisch immer dem Freisinn nahe. Der hat sich aber von seinen Anfängen als radikale Bewegung über lange Jahrzehnte als staatstragendste Partei bis zur heutigen diffusen Ausrichtung verändert. Wo liegt heute die Verbindung?

Natürlich sind uns die freiheitlichen Werte wichtig. So wenig Staat wie nötig, so viel Eigenverantwortung wie möglich.

Glauben Sie an das Gute im Menschen? Wenn Sie die Auswüchse der Selbstbedienung in der Wirtschaft und die Betrügereien im Bankenwesen der letzten Jahre anschauen, vertrauen Sie da auf die Eigenverantwortung der Mächtigen?

Wenn die Gesellschaftsordnung zu kollabieren droht, werden wieder vermehrt Führungspersönlichkeiten mit klaren Wertvorstellungen und dem Sinn für eine Verantwortung für die ganze Gesellschaft in Erscheinung treten. In den letzten Jahren wurden solche Leute immer wieder herbei beschworen, wirklich gefragt waren sie aber nicht. In einer von Populismus gelenkten Gesellschaft sind Führungspersönlichkeiten, die auch Unangenehmes verkünden und durchbringen müssen, nicht sehr beliebt. Der Weg des geringsten Widerstandes hat solange Vorrang, als die Mehrheit der Bevölkerung durch das Verhalten der Führungselite keine spürbaren Nachteile erlebt.

Es gibt keinen «Türsteher»-Mord

Alex Flach am Montag, den 9. März 2015
Hatte diese Gewalttat ihre Wurzeln im Nachtleben oder nicht?

Screenshot: Hatte diese Gewalttat ihre Wurzeln im Nachtleben oder nicht?

«Türsteher-Mord von Zürich: Ist dieser Club-Schläger der Todes-Schütze?»

Mit dieser Überschrift schleift der Blick die Schiesserei von Zürich-Affoltern, bei der ein 30-jähriger Montenegriner getötet wurde, ins Zürcher Nachtleben. Anscheinend hat sich der Tatverdächtige vor einigen Jahren im Club Q geprügelt und das Opfer stand zehn Jahre lang an der Tür des Mascotte beim Bellevue.

Reicht dies tatsächlich bereits aus um aus diesem Kapitalverbrechen eine Angelegenheit der Zürcher Clubszene zu machen wie dies der Blick mit dieser Headline tut? Anscheinend schwelte zwischen dem Opfer und dem Verhafteten seit Jahren eine Fehde, jedoch existieren bis anhin keine Anzeichen dafür, dass deren Wurzeln in einer Clubnacht liegen. Selbstverständlich: Ein «Türsteher-Mord» und ein «Club-Schläger» passen hervorragend zur aktuell heiss diskutierten und von der Kommission für Justiz und öffentliche Sicherheit losgetretenen Diskussion für härtere Vorschriften für private Sicherheitsfirmen (keine vorbestraften Gewalttäter an Clubtüren). Selbst wenn das Opfer der Türsteher war, auch wenn der Montenegriner seinen Job seit zehn Jahren ohne Anlass zu Tadel erfüllt zu haben scheint und auch wenn der Tatverdächtige sich offenbar auch ausserhalb der Clubs leidenschaftlich gerne zur einen oder anderen Straftat hinreissen liess.

Ganz ähnlich verhielt es sich mit dem «Club Q Messermörder» vor knapp fünf Jahren. Der Mörder kam mit dem Fahrrad und erstach sein Opfer ohne vorher oder nachher einen Fuss in den Club zu setzen. Obschon die Tat ausserhalb des Wirkungskreises der Club-Security geschah, wurde der Name des Club Q damals wochenlang durch die Medien geschleift, was verheerende Auswirkungen auf den Geschäftsverlauf hatte. Der Club Q hat sich nie mehr von dieser Geschichte erholt: Heute empfängt an dieser Adresse der Gratisclub Wow seine Gäste. Es ist nicht anzunehmen dass dem Mascotte nun ähnliches Ungemach blüht, denn bis anhin hat der Blick noch keinen Weg gefunden, aus der Tat einen «Mascotte-Mord» zu machen.

In den Zürcher Clubs gibt es neben Alkohol auch Drogen zu kaufen, ein Umstand, der sich nicht wegdiskutieren lässt. Dazu kommt die aufgeheizte und durch Hormone befeuerte Stimmung, die einem vollen Club nunmal zueigen ist. Es ist turbulent, die Leute sind benebelt und die Stimmung kocht. Zudem werden an jedem Wochenende zehntausende Gäste durch die Zürcher Clubs geschleust. Nimmt man all dies zusammen… ist es dann nicht erstaunlich, wie wenige Gewalttaten mit Todesfolge das Zürcher Nachtleben in den letzten zwanzig Jahren zu verdauen hatte? Klar ist bereits eine einzige eine zuviel, aber man kann nun wirklich nicht behaupten, das Zürcher Nachtleben sei ein Magnet für potentielle Mörder.

Vielleicht ist dies der Grund, warum einige Medienschaffende so verzweifelt versuchen, aus einem Verbrechen wie der Schiesserei in Zürich-Affoltern eine Angelegenheit der Clubs zu machen, wie es der Blick gerade tut: Das Nachtleben selbst generiert einfach zu wenige dramatische Vorfälle für reisserische Geschichten. Also zieht man den Zusammenhang auch mal an den Haaren herbei.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

«Femmes fatale» übernehmen

Réda El Arbi am Donnerstag, den 5. März 2015
Nicht nur schmückendes Beiwerk sondern in Charge: «Femme fatale» .

Nicht nur schmückendes Beiwerk sondern in Charge: «Femme fatale» .

Normalerweise überlasse ich es unserem Nachtleben-Fachmann Alex Flach, über Clubs zu schreiben. Heute aber habe ich eine kleine Geschichte, die auch gesellschaftspolitisch relevant ist.

Die Zürcher Clubszene ist für Frauen ein eher hartes Pflaster. Nicht an den Clubtüren, da werden Frauen gerne gesehen, müssen oft weniger oder gar keinen Eintritt bezahlen, gelten sie doch als Publikumsmagneten. Sie sollen wie Honig die Fliegen (Männer) anziehen. Ansonsten sollen sie möglichst sexy tanzen, möglichst leicht bekleidet sein und die Atmosphäre mit der nötigen Erotik aufladen. Steht einmal eine Frau hinter den Plattentellern, ist sie gleich dem Verdacht ausgesetzt, wegen ihres Aussehens oder ihres Exotensstatus, nicht wegen ihres Könnens, gebucht worden zu sein. Soweit, so banal.

Schaut man aber die Anzahl der Frauen unter den Clubbesitzern, den Partyveranstaltern und den DJ(ane)s an, siehts eher schäbig aus. In der Lobbyorganisation Zürcher Bar & Club Kommission sind Frauen nicht mal mit 10 Prozent vertreten. Die ach so moderne Zürcher Clubsszene kann sich in Sachen Frauenanteil also nicht mal mit der normalen Schweizer Marktwirtschaft messen. Clubbusiness ist Männersache.

Darum war ich wirklich erfreut als ich von der im April startenden Partyreihe «Femme fatale» hörte. Von Kathrin Hasslwanter ins Leben gerufen, will dieses neue Format in erster Linie eine Plattform für Frauen sein. Das heisst, von der Organisatorin über die DJanes bis zur Security werden die Jobs nur an Frauen vergeben. So sollen neben internationalen Acts auch CH-DJanes (Auftakt am 10.4 mit Manon, Frau Hug, Susie Star, Samsara, Rennie Takeda, Rina Lou und Clit Eastwood) endlich mal die Möglichkeit haben, regelmässig vor einem einheimischen Publikum zu spielen und ihr Können zu zeigen.

Ironischerweise findet die Party im ehemaligen Füdlischuppen und jetzigen In-Club «Revier» mitten in der Strichmeile an der Langstrasse statt. Hoffentlich nehmen die anderen Clubbetreiber der Stadt die Möglichkeit wahr und schauen sich das einheimische weibliche Schaffen an den Plattentellern auch mal an. Man könnte ja jemanden sehen, den man für den eigenen Club buchen könnte.

Ansonsten bin ich gespannt, ob wir Männer an der Clubtüre jetzt mit einem süssen Augenaufschlag und knappen Shorts auch eher reinkommen. Und wie viele männliche Groupies extra sexy vor den DJ-Pulten tanzen.

Auf jeden Fall freuen wir uns auf diese spezielle Partyreihe. Sie hat schon heute das Stadtblog-Gütesiegel.