Tages-Anzeiger



Psychostress als Zürcher Statussymbol

Réda El Arbi am Samstag, den 3. Januar 2015
In Zürich ist Stress ein Ausdruck der eigenen Wichtigkeit.

In Zürich ist Stress ein Ausdruck der eigenen Wichtigkeit.

Wir Zürcher sind die glücklichsten Schweizer, wie eine Umfrage der Uni Zürich belegt. Wir sind fit und erfolgreich, rauchen nicht, saufen weniger und üben uns in Selbstdisziplin. Trotzdem klagen bei uns am meisten Menschen über psychischen Stress. (Kollege Beat Metzler hat dieses Paradox  anhand der Theorien des deutschen Philosophen Byung-Chul Han analysiert.)

Nun, zuerst einmal ist das Verschwinden des gesellschaftlichen Tabus «psychische Beschwerden» zu begrüssen. Man kann darüber sprechen ohne verurteilt zu werden. Wenn man es anspricht, findet man in jeder Familie und jedem Freundeskreis mindestens eine Person, die schon einmal wegen psychischer Probleme in Behandlung war. Was es anderen dann auch erleichtert in schwierigen Situationen selbst ohne Scham Hilfe zu holen.

Es hat aber noch eine andere Qualität: Das Wording, die Benennung des eigenen Befindens, hat sich geändert. Früher hatten meine Kollegen ein paar Tage «en Aschiss», heute hat man eine kleine «Depression», früher war man zwischendurch ein paar Tage «uf de Fressi», «uf de Stümpe» oder «voll am Arsch», heute leidet man unter einem «Burnout». Die inflationäre Benutzung von pathologisierenden Begriffen für die eigene psychische Situation tut den Menschen, die wirklich psychisch leiden, keinen Gefallen. Es schmälert die Bedeutung der echten psychischen Probleme und deren Folgen für den Einzelnen. Bei Kindern sieht man die Entwicklung da, wo lebendige, vielleicht unruhige Kids plötzlich alle an «ADHS» leiden und Ritalin eingeworfen kriegen.

Es gibt einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem erfolgreichen und glücklichen Zürcher und dem inflationären  Zürcher Psychostress. Glücklich sein, Erfolg haben, ein gestählter Körper und Selbstdisziplin sind Statussymbole. Grundsätzlich ist man in Zürich nur glücklich, wenn man erfolgreich ist. Wenn man einen Zürcher fragt, wie es ihm geht, wird er antworten «Super, echt guet, aber voll im Stress». Immer. Ein Zürcher, der nicht von seinen  wirklich geilen Aktivitäten aufgefressen wird, ist nicht erfolgreich oder glücklich. Auch Stress ist ein Statussymbol, zeigt die eigene Wichtigkeit und signalisiert der Umgebung, dass sie sich glücklich schätzen darf, etwas von der Zeit des Zürchers zugeteilt zu bekommen.

Nun hat man aber das Problem, dass ALLE coolen Zürcher gestresst sind. Wenn man sich da noch abheben will, muss man schon mit stärkerem Geschütz auffahren, um Eindruck zu schinden. «Ich schliddere am Rande eines Burnouts entlang» ist da die Steigerungsform. Ein gefühlsmässiges Tief ist dann plötzlich eine Depression und macht aus einem persönlichen Frust ein medizinisch relevantes Drama.

Aber auch die Leute, die wirklich auf dem Weg in ein psychisches Leiden sind, verhalten sich nicht wirklich vernünftig. Anstatt etwas in ihrem Leben zu ändern, bekämpfen sie die Symptome. Schliesslich hat man Selbstdisziplin und die Welt kann nicht auf die eigene Leistung verzichten. Man hält durch. Man macht weiter. Wenn man nicht schlafen kann, wirft man Medis ein – oder noch besser: trinkt Bio-Schlaftee. Wenn der Arzt etwas von «Work/Life-Balance» schwafelt, geht man ins Yoga oder in Meditationskurse – natürlich nicht anstatt zu arbeiten, sondern zusätzlich nebenbei in den Randzeiten. Wenn der Körper nicht mehr mitmacht, geht man zur Massage oder einmal mehr ins Fitness, wiederum, ohne die eigentliche Belastung abzubauen.

Was dann dazu führt, dass man an einem gewissen Punkt wirklich zusammenbricht und mehr Schaden davonträgt, als man bei einer Änderung des Lebenswandels erlitten hätte.

In diesem Sinne, liebe Zürcher: Stress ist nicht geil, ein Burnout macht euch nicht wichtiger und Work/Life-Balance bedeutet, dass ihr eines eurer geilen Projekte aufgeben müsst. Bevor ihr wirklich in einer Klinik landet. Auf Yoga und Schlaftee könnt ihr auch ohne Stress zurückgreifen.

So, ich rauch jetzt mal eine Zigarette und faulenze. Ich hab grad keinen Stress.

Der Tod der guten Vorsätze

Réda El Arbi am Freitag, den 2. Januar 2015
Man kann nicht immer siegen. Nicht mal über sich selbst.

Man kann nicht immer siegen. Nicht mal über sich selbst.

Leise zieht der Rauch über ein Schlachtfeld aus unbenutzten Nikotinersatzprodukten, gemeuchelten Guetzlisäcken  und grausam zerrissenen Schoggiverpackungen. Es ist der 2. Januar, und der innere Schweinehund hat bereits mehrere Schlachten gewonnen und die meisten guten Vorsätze massakriert.

Der heldenhafte Vorsatz mit dem Rauchen aufzuhören fiel schon früh nach heroischem Kampf im Morgennebel des ersten Januars. Wir trauern. Einige Stunden später erlag das Versprechen, gesünder und weniger zu Essen, der Übermacht der Resten des Silvesterbuffets. Gefolgt vom Vorsatz des zeitweiligen Alkoholverzichts, der zwei  Colas lang durchgehalten hatte, bevor er aus dem Hinterhalt von einem Drink umgenietet wurde.

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Noch fühlen wir uns nicht besiegt, noch schütteln wir dem inneren Schweinehund die Faust vor dem Gesicht und knurren bitter «Aber morgen! Morgen ganz sicher!». Schliesslich haben wir ja auch noch Einiges in der Hinterhand. Man wirft nicht seine ganze Streitmacht in die erste Schlacht.

Da wäre zum Beispiel der Vorsatz von mehr Fitness, wohl unsere teuerste Geheimwaffe. Haben wir doch einen Haufen Geld in ein Abo fürs Fitnessstudio ausgegeben. Das wird uns bei Stange halten, nicht so wie die letzten Jahre, in denen dieser Vorsatz nach sechs Besuchen leise und unauffällig verschied. Ganz sicher!

Und natürlich werden wir weniger arbeiten und mehr Zeit mit  Familie und Freunden verbringen, ohne dauernd auf irgendein Display zu glotzen. Wir haben uns dafür sogar eine Erinnerung im Handy gesetzt. Sie sehen, kaum einer der Neujahresvorsätze wird seinen ersten Geburtstag erleben.

Aber, liebe Vorsatzverlierer, trauern Sie nicht zu lange. Vorsätze sind nicht dazu da, eingehalten zu werden. Was würden wir sonst nächsten Silvester tun? Vorsätze sind dazu da, uns unseren Umgang mit uns und dem Leben vor Augen zu führen. Sie sollen regulierend eingreifen und per schlechtem Gewissen und Scham über das eigene Versagen den ungesunden Lebensstil ein wenig in die Schranken weisen. Sie sollen nicht unser Leben umkrempeln.

Aber, wie schon Buddha sagte: Das Leben ist das Rad der Wiedergeburt. All die guten und löblichen Vorsätze, die in diesen Tagen das Zeitliche segnen, werden Ihnen fröhlich und begeistert nächsten Dezember wieder in die Wohnung schneien, als sei nie etwas passiert.

In diesem Sinne, starten Sie mit dem Bewusstsein in die ersten Wochen des neuen Jahres, dass Sie einen inneren Schweinhund haben, den Sie niemals ganz besiegen können. Aber auch mit der Sicherheit, dass Sie den Kampf niemals länger als bis zum Silvester aufgeben werden.

Wenns hilft, setzen Sie sich ins Tram und schauen Sie sich um. Die anderen habens alle auch nicht geschafft. Das tröstet ein wenig, nicht?

 

Kaufrausch – eine kleine Konsumkritik

Réda El Arbi am Mittwoch, den 31. Dezember 2014
Alles billiger: Ein Verlockung jenseits des Benötigten.

Alles billiger: Eine Verlockung jenseits des Benötigten.

Nach dem vorweihnachtlichen Konsumrausch steht der nachweihnachtliche Konsumrausch an: Die Menschen strömen in die Stadt, um, gelockt von neonfarbenen und leuchtroten Schildern in den Schaufenstern, von den Ausverkaufsangeboten zu profitieren.

Grundsätzlich bin ich kein Feind des Kapitalismus, aber ich denke, man sollte sich ein oder zwei Gedanken machen, bevor man sich in den Konsumtaumel der verbilligten Produkte stürzt.

Da wären einmal die ganz persönlichen Voraussetzungen: Es ist super, wenn man etwas zum halben Preis kaufen kann. Sofern man es benötigt und nicht einfach mitnimmt, «weil es so günstig war». Und natürlich spart man nur dann Geld, wenn man dafür nicht fünf andere Dinge poschtet, die man mitnimmt – warum wohl? – «weil sie auch so günstig waren».

Der alljährliche Konsumrausch ist nicht nur dem Namen nach ein Rausch. Beim Einkaufen werden Endorphine freigesetzt, körpereigene Belohnungshormone, die kurze Zeit glücklich machen. Aber entgegen anderen Räuschen erleidet nicht der Körper einen Kater, sondern ihr Portemonnaie.

Natürlich ist der Detailhandel abhängig vom nachweihnachtlichen Ausverkauf. Die Zürcher Ladenketten haben sogar darüber gejammert, dass viele Konsumenten nicht wissen, dass der 2. Januar ein offizieller Einkaufstag ist und deshalb den Geschäften fernbleiben. Und ja, der Konsumrausch sichert Arbeitsplätze, auch wenn man über den Verdienst im Detailhandel streiten könnte. Die Gewinne sind, gerade bei den grossen Ketten, hoch, während der Verdienst der Leute an der Front erbärmlich bleibt, trotz des Einsatzes der Verkäufer.

Aber es sind ja nicht nur die Arbeitsplätze im Detailhandel, die durch den Konsumrausch gesichert werden, auch die Sklavenarbeiter von Foxconn in China oder die Näherinnen in Bangladesch sehen ihre Arbeitssituationen gesichert. Rechnen wir kurz nach: Einen Pullover für 19.50 Franken. Das ist in der Schweiz nicht mal ein Stundenlohn. Davon wird  das Material, die Verschiffung, die Werbung und das Verkaufspersonal bezahlt. Die Marge für den Laden natürlich auch. Was für die Näherinnen, die Färberinnen etc. übrig bleibt, lässt sich da leicht abschätzen.

Vielleicht sollte man sich kurz daran erinnern, dass Produkte und die Rohstoffe, aus denen sie hergestellt werden, in der Schweiz nicht an den Bäumen wachsen. 

Ich will hier nicht den Moralapostel spielen, hab ich doch selbst genug Schrott zuhause, den ich eigentlich nicht brauche. Aber ich versuche mich daran zu erinnern, dass meine Schränke bereits voll von Dingen sind, die ich nicht benutze, deren einziger Zweck es war, mich für zehn Minuten nach dem Kauf glücklich zu machen. Und frage mich, ob ich mir ein gutes Gefühl wirklich auf diese Art kaufen muss.

Ich möchte Sie nur bitten, sich kurz zu überlegen, ob Sie das Ding, das Sie gerade kaufen wollen, auch wirklich brauchen. Ob die Herstellungsbedingungen, die verbrauchten Ressourcen und die Arbeit, die darin stecken, durch den Mehrwert den das Produkt in Ihr Leben bringt, gerechtfertigt sind.

Oder obs einfach in einer Ecke landet und nur noch dann beachtet wird, wenn man sich überlegt, ob man es wegschmeissen soll.

Der gute Vorsatz

Alex Flach am Montag, den 29. Dezember 2014
Das Pre-Opening im Alice Choo war schon vielversprechend.

Das Pre-Opening im Alice Choo war schon vielversprechend.

Daniel Szakats alias DJ DiscoD hat an diesem Wochenende dem neuen Club Alice Choo einen ersten Besuch abgestattet. Szakats war, zusammen mit Tony Bolli, der heute als Geschäftsführer die Geschicke des Plaza leitet, Teil des Duos Smash FX, das vor über zehn Jahren das Genre Breakbeats in der Schweiz etabliert hat. Heute veranstaltet er unter anderem die Killer-Partys und ist am Blok-Club, ehemals Labor-Bar, beteiligt. Wer über ein solches Palmares verfügt, ist selbstverständlich befugt, Clubs zu bewerten und Szakats ist keiner, der nicht zu seiner Meinung steht:

«OK! Alice Choo Zürich Zusammenfassung: DJ = Crap, Bar-Staff = Crap, Setup = Crap, Music = Crap, ABER = Shaqiri dete gsi!» lautet sein nicht gerade mildes Fazit auf Facebook. Szakats steht mit seinem Urteil bestimmt nicht alleine da, jedoch ist es zu einer Unsitte geworden, neue Clubs erst einmal als unbrauchbar einzustufen, anstatt ihnen Zeit zu geben, sich zu finden. An der vorgefassten, auf individuellen Vorlieben basierenden, Meinung wird nicht gerüttelt und Neuankömmlinge in der Szene machen prinzipiell alles falsch, selbst wenn sie noch gar nichts gemacht und ihr Lokal noch nicht mal eröffnet haben.

Die Tatsache, dass ein neuer Club mindestens ein halbes Jahr benötigt, bis all seine Abläufe und seine Crew eingespielt sind, ist zwar allgemein bekannt, fliesst aber deshalb noch lange nicht in die (voreilig) verlautbarten Bewertungen mit ein – Bashing ist Volkssport, das gilt auch fürs Clubvolk. Der Verfasser dieser Zeilen ist da keine Ausnahme, denn bereits mit der damaligen Ankündigung, dass die ehemaligen Betreiber des Clubs Opera in Luzern die ehemaligen Räumlichkeiten des Club Q übernommen haben, war mein Urteil gefällt: Ein Gratisclub namens Wow mit (zumindest unzweideutigen) Partynamen wie «Titty Flash», «Handjob» und «Sextape» wird in Zürich nie und nimmer reüssieren. Von wegen: Anstatt des Gerüchts einer anstehenden Schliessung macht jenes die Runde, die Wow-Macher würden in Bälde die Räumlichkeiten des ehemaligen Queens wieder in Betrieb nehmen, um mehr Platz für ihr stetig wachsendes Publikum zu schaffen.

Mir widerstrebt zwar weiterhin alles das aus dieser Ecke kommt. Jedoch liegt das vor allem daran, dass ich nicht viel mit Clubs anfangen kann, die sich nicht primär über ihre Musik definieren, sondern über den Kopulationswillen ihrer Gäste. Die Wow-Chefs scheinen jedoch tatsächlich Einiges richtig zu machen und für das von ihnen angestrebte Publikum scheint das Angebotene zu stimmen. Jeder darf seine Meinung haben, jedoch sollte man sich bisweilen fragen, ob diese die einzig richtige ist.

«Vielfalt» bedeutet nicht, dass es möglichst viel von etwas Bestimmtem gibt, auch nicht im Bereich des Clubbings. Zürich verfügt über ein ungemein facettenreiches Nachtleben mit Teilnehmern aus den unterschiedlichsten Bereichen. Prinzipiell begrüssen das alle, schlussendlich beurteilt dann aber doch jeder nur nach seinem ureigenen Gusto und dies zumeist auch noch vorschnell, egal ob er damit jemandem schadet. Falls also jemand noch einen guten Vorsatz braucht …

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Schrott-Geschenke

Réda El Arbi am Samstag, den 27. Dezember 2014
Lagern und beim Besuch von Tante Frieda aufhängen: Kann ein Erbe einbringen.

Lagern und beim Besuch von Tante Frieda aufhängen: Kann ein Erbe einbringen.

Geschenke können das Leben bereichern – oder eben auch nicht. Obwohl ihr Umfeld sich klar vom weihnachtlichen «Konsumterror» befreit hat und Ihnen hoch und heilig versprach, dass es an Heiligabend keine Geschenke gäbe, waren Sie der Einzige , der dann ohne Geschenke dastand, weil alle Anderen «etwas Kleines» mitbrachten? Und natürlich stehen diese Lastminute-Zwangsgeschenke in einem eher lockeren Verhältnis zu Ihrem Geschmack oder Ihren Bedürfnissen? Wir zeigen Ihnen fünf Wege, wie Sie Ihre Schrott-Geschenke wieder loswerden, ohne sie gleich in den Müll zu werfen.

1. Die Wahrheit

Sie schauen mit Tränen in den Augen auf das koreanische Tablet, mit dem Sie laut Packungsbeschrieb eine Version «Tetris» spielen und vier weitere vorinstallierte Apps benutzen können – darunter die Fahrplanapplikation der Verkehrsbetriebe von Seoul? Sie wissen nicht, wie Sie ihrer 74-jährigen Mutter für dieses Stück Technik danken sollen? Oder Sie reissen billiges Geschenkpapier von einem Kunstdruck, den ihr neuer Schwarm in der Ikea für Sie erstanden hat «weil es so gut zu den anderen sorgfältig weltweit gesammelten Kunstwerken in Deiner Wohnung passt»? Seien Sie ehrlich! Beginnen Sie ihren Satz mit «Ich will ja nicht undankbar sein, aber ..» Ihr Gegenüber hat soviel Respekt verdient. Sagen Sie ehrlich und mutig, was Sie von diesem Geschenk halten. Wir verprechen Ihnen, das Se nie mehr ein unpassendes Geschenk bekommen werden. Oder überhaupt ein Geschenk.

2. Die Heuchelei

Sie sind nicht der mutige Typ und wünschen sich nicht nur zu Weihnachten ein harmonisches Zusammenleben mit Ihrem Umfeld? Dann empfehlen wir eine sorgfältige Lagerung der unbrauchbaren Geschenke.  Räumen Sie die Sachen in einen Schrank im Keller, versehen mit einer Etikette, auf der Jahr und Geschenkgeber notiert sind. Jedesmal, bevor Sie Besuch bekommen, werfen Sie einen Blick in den Schrank und holen das Geschenk hervor, das zu den Besuchern gehört und drappieren es auffällig in der Wohnung. Mit einigen Worten der Wertschätzung weisen Sie den Besuch auf diese unschätzbare Bereicherung ihres Lebens hin. Damit sichern Sie harmonische Beziehungen und vielleicht werden Sie ja auch im Testament berücksichtigt.

3. Das Recycling

Sie kriegen vor Weihnachten immer mittelmässigen Wein von Geschäftsfreunden, die sich bei Ihnen einschleimen wollen? Nicht trinken! Wechseln Sie die Verpackung (stellen Sie sicher, dass kein Kärtchen mehr an der Flaschen klebt) und verschenken Sie die Flaschen an Geschäftsfreunde, bei denen Sie sich einschleimen wollen. So sparen Sie den Preis für mehrere Flaschen mittelmässigen Wein und können sich mit dem Geld einen teuren Champagner leisten, mit dem Sie mit ihren echten Freunden ins neue Jahr feiern können. Bei anderen Geschenken ziehen Sie ihre Agenda zu Rate und schauen Sie nach, wer in nächster Zeit Geburtstag hat. So werden Sie die Dinge wieder los und haben dabei sogar noch ein gutes Gewissen, weil Sie die Ressourcen des Planeten geschont haben. Sollte sich keine passende Gelegenheit finden, können Sie die Sachen beim Firmen-Wichteln im nächsten Jahr elegant entsorgen.

4. Die Therapie

Sie wollen befreit ins neue Jahr? Werden Sie die ganzen Aggressionen los und zerstören Sie etwas! Ideal sind all die Weihnachtsgeschenke, die ihr Leben nur mit materiellem Ballast beschweren. Befreien Se sich! Nehmen Sie einen grossen Hammer und zertrümmern Sie die kapitalistischen Ketten des Eigentums! Wir versprechen Ihnen, dass sinnlose Zerstörung Adrenalin freisetzt (sehen Sie sich nur die Reclaim-The-Streets-Chaoten an!) und Sie einen ganzen Tag grinsen lässt. Und Sie brauchen für ihren Befreiungsschlag auch kein schlechtes Gewissen zu haben: Durch die Zerstörung von Produkten halten Sie den Konsumkreislauf in Gang, denn es werden natürlich sofort neue nutzlose Dinge produziert, was das weltweite Wirtschaftswachstum ankurbelt.

5. Die sinnvolle Alternative

Sie haben zu viele Dinge? Sie haben Geschenke bekommen, die nicht ihrem Alter oder ihren Bedürfnissen entsprechen oder die Sie bereits haben? Wenn darunter nützliche Dinge sind, vergessen Sie die vorherigen Vorschläge und packen Sie ihre Sachen in ein Paket und bringen Sie das dann zur Post. Mit der Aktion «2 x Weihnachten» bieten das Schweizerische Rote Kreuz und die Post eine Möglichkeit, Leuten die Weihnachtszeit WIRKLICH zu verschönern. Ihre Sachen finden einen Weg zu Menschen, die etwas damit anfangen können. Sie werden keinen Dankesbrief erhalten, Sie werden nicht mal erfahren, wer sich über Ihr Paket freut, aber Sie werden sicher sein, dass Sie etwas Sinnvolleres getan haben, als Ihrem verwöhnten Fratz ein weiteres neues Smartphone zu kaufen.

Neulich in der Alterssiedlung

David Sarasin am Dienstag, den 23. Dezember 2014
Foto 2

Manchmal musste Felicia Braunwalder in ihrem Restaurant auf die Stühle stehen.

«Kommen Sie rein, ich parkiere nur rasch meinen Cadillac.» Felicia Braunwalder betritt ihre Wohnung im vierten Stock des Alterswohnheims Hardau-Bullinger, der Stadtblog folgt. Stadtblog, wie bitte? Nein, einen Computer besitze sie nicht. «Aber nehmen Sie bitte Platz.» Die 94-Jährige parkt den Cadillac, so nennt sie ihren Rollator, in der Ecke ihres kleinen Appartements mit Blick auf die umliegenden Hochhäuser. «Ist es nicht wunderbar hier?»

Zur Erklärung: Was macht der Stadtblog in der Alterssiedlung? Müssten wir uns nicht ums Nachtleben und die aufregenden Dinge in der Stadt kümmern? Vielleicht. Doch fällt auf, dass man den Kontakt zu solchen Heimen verliert, wenn die eigenen Grosseltern sterben. Man könnte sich nun glücklich schätzen, dass man diese miefigen Institutionen, in denen alte Menschen ihren Lebensabend verbringen, nicht mehr aufsuchen muss. Man kann aber auch die Gelegenheit ergreifen und schauen, wie es da zugeht. Warum nicht zu Weihnachten. So viel vorweg: Bedürftigkeit haben wir in der Alterssiedlung ebenso wenig angetroffen wie muffige Tristesse. Dafür viele freundlich gestimmte Menschen. Aber erst mal zurück zu Frau Braunwalder.

Foto 1

Felicia Braunwalder in ihrer Wohnung in der Alterssiedlung.

Felicia Braunwalder ist 1920 in Niederurnen geboren. Dass sie jünger als 94 aussieht, könnte an ihrer positiven Art liegen, die einem von Beginn weg entgegenspringt. Sie findet nicht nur ihren «Cadillac» wunderbar, sondern auch die Stimmung im Heim oder den Radio, den sie von ihrer Tochter geschenkt gekriegt hat. Täglich hört sie damit die Musikwelle und tanzt zur Musik – sitzend, wie sie sagt. Auch ihr im Jahr 2000 verstorbener Mann sei ein guter Tänzer gewesen. «Wenn ich Radio höre, sind wir kurz wieder zusammen, das ist wunderbar.»

Sie kramt ein Fotoalbum hervor und erzählt Geschichten vom Restaurant Casino Aussersihl, das sie während 30 Jahren mit ihrem Mann betrieb. Ein armes Mädchen aus Glarus sei sie gewesen, alle ihre Schwestern hätten in der Fabrik gearbeitet. Auch sie schuftete schwer: 15 Jahre am Stück hat sie durchgearbeitet. Ferien gab es ebenso wenig wie freie Tage unter der Woche. «Mein Mann und ich hatten ein gutes Leben», sagt Braunwalder trotzdem.

«Ein altes Guetzli»

Felicia Braunwalder ist eine von gut 130 Bewohnern der Alterssiedlung im Komplex der Hardau-Hochhäuser. Viele leben in eigenen kleinen Appartements.

Ob sie nochmals jung sein möchte? Jung sein schon, aber nicht im Jahr 2014. Es sei alles viel zu kompliziert geworden. Der 1. Mai etwa sei damals bloss ein grosses Fest gewesen, ruhig und freundlich. Und die Langstrasse glich damals sogar der Bahnhofstrasse, es gab «ganz viele tolle Läden». Ein Ereignis ist ihr ganz besonders geblieben. Als in den Sechzigern jemand die Aussenfassade ihres Restaurants angesprayt hat, versammelten sich Schaulustige vor dem Lokal. Es dürfte eines der ersten Graffiti in der Stadt gewesen sein, mutmasst Braunwalder. «Nixon Mörder», stand da in roten Buchstaben. «Es war der Anfang einer neuen Entwicklung.»

Frau Braunwalder ist nicht nur Grossmutter, sie ist vor ein paar Jahren auch Urgrossmutter geworden, an Weihnachten trifft sie die Familie. Freunde habe sie nur vereinzelt, sagt sie, sie hatte ja ihren Mann, da habe sie das nicht gebraucht. «Doch, doch, ich bin langsam ein altes Guetzli», fügt Braunwalder noch an und schaltet, kurz bevor wir gehen, das Radio ein.

Wir streifen durch die Gänge der Alterssiedlung. Im Nebenraum gruppieren sich Leute um einen Tisch, in dessen Mitte spielt ein Radio Entspannungsmusik. «Das ist die Aktivierungsgruppe, hier sitzen jene, die nicht mehr so richtig zwäg sind», erklärt eine Angestellte. Niemand dreht sich um, als wir das Zimmer betreten. Die Stationschefin ruft durch den Raum, eine andere antwortet.

Mehr so als Plausch

Gottlieb Tanners Zimmertüre steht weit offen, als wir ankommen. Der 84-Jährige sitzt in einem Polstersessel in der Ecke, um ihn herum formieren sich zahlreiche Fernsteuerungen. Sein «Kontrollzentrum», wie er sagt. Aus einem Radio schallt Jazz. «Hier hören Sie gerade eines meiner Haupt-Hobbys», sagt Tanner mit dünner Stimme. Der Rentner ist 1930 in Zürich geboren und hat sein ganzes Leben im Kreis 4 verbracht. Viele Jahre hat er sein bescheidenes Geld in der Korsett-Branche verdient, wie er sagt. «Da gab es viele Mannequins.» Ein glamouröses Leben also? Ganz und gar nicht. Weil sie kein Auto besassen, konnte er mit seiner Frau dann und wann nach England fliegen, mehr lag nie drin. Auch wusste er nichts davon, was die Zürcher heute Nachtleben nennen. Tanner fehlte das Geld, um seine Zeit in Bars zu verbringen. Um das Leben etwas aufregender zu gestalten, kämpften er und seine Freunde als Buben mit den Kindern aus den Nachbarstrassen. Mehr so als Plausch.

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Godi Tanner und sein Geheimfach.

Manchmal klatschten ihm die weiblichen Angestellten im Heim beim Vorbeigehen auf den Hintern, erzählt Tanner und lacht. «Man nennt mich heute noch Mädchenheld.» In seine weissen Haare habe er niemals Gel gestrichen, und trotzdem seien nicht wenige Frauen davon angetan, sagt Tanner. Dass er ein fröhlicher Mensch ist, wird schnell klar. Dabei hätte Tanner Grund dazu, verbittert zu sein. Seine Frau starb früh an Krebs. Ebenso einer seiner beiden Söhne. «Meine Frau hat mir zwei Tage vor ihrem Tod noch gesagt, ich solle mir ein GA kaufen, damit ich etwas zu tun habe. Das habe ich auch gemacht.» Tanner, der an Parkinson leidet, geniesst die Zeit in der Alterssiedlung. Er treffe sich stets mit Leuten, könne seine gesellige Seite ausleben und, eben, mit den Frauen flirten.

Foto 3

Das Bild an der Wand zeigt Tanner mit seinem Chef.

Mit dem Rollator begleitet er uns zu seinem Tresorfach im Gemeinschaftsraum – jeder Bewohner hat Anspruch auf ein solches. Tanners Fach ist gefüllt mit Schokolade. Eines seiner Haupt-Hobbys, wie er sagt.

Tanner begleitet den Stadtblog bis zum Zimmer von Frau Tischhauser, eine feine Person», wie er sagt. Frau Tischhauser bittet uns herein. «Herr Tanner ist ein herziger Mann», sagt die 91-Jährige, als jener wieder abgezottelt ist. Als sie vor ein paar Monaten aus Altstetten hierher gezogen sei, stand er plötzlich vor ihrer Türe, weil er sich offenbar verirrt habe. Dann hätten sie kurz geplaudert.

Frau Tischhauser erzählt uns eine jener Liebesgeschichten, die man von einer Frau ihres Alters zu hören wünscht. Eine, die in Zeiten von Tinder und edate.ch wie aus einem anderen Universum entsprungen scheint. Frau Tischhauser hat ihr ganzes Leben lang in Apotheken gearbeitet. Ein Kunde sei ihr irgendwann aufgefallen, weil er fast wöchentlich Zahnpasta gekauft hatte. Ob er eine ganze Kompanie damit versorgen müsse, fragte sie irgendwann. «Ich würde gerne mit ihnen ausgehen», erwiderte er. Eine lange Ehe, Kinder und Enkelkinder waren die Folge dieser Begegnung. «Ein glückliches Leben», sagt Frau Tischhauser. Wir sitzen noch eine Weile bei ihr, sie ist wach und freundlich, man könnte stundenlang mit ihr plaudern. Doch sie muss bald los, schauen, was im Gemeinschaftsraum los ist.

Als naiver Enkel ist man mässig interessiert an den Geschichten seiner Grosseltern. Das ist wohl auch gut so. Doch irgendwann bemerkt man, wie viel Wert diese Geschichten haben. Weil sie ein Fenster in eine andere Zeit öffnen. Weil sie das sind, was bleibt. Zumindest für die Nachfahren. Die älteren Menschen selber scheinen auch so eine gute Zeit zu haben in der Alterssiedlung. Einen Besuch dort können wir nur empfehlen. In dem Sinne, Frohe Weihnachten!

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Die Alterssiedlung Hardau-Bullinger ist bereit für das grosse Fest.

Weihnachtszauber statt Weihnachtsgeschäft

Alex Flach am Montag, den 22. Dezember 2014
Keine weihnachtliche Stimmung an Clubweihnachten?

Keine weihnachtliche Stimmung an Clubweihnachten?

Tanzverbot. Ein Wort, das heute aktiven Clubbern ein verständnisloses Runzeln auf die Stirn zaubert, in den 90ern jedoch allen geläufig war. Bis zum Jahr 2000 war das Feiern von Partys an hohen Feiertagen wie Ostern, Karfreitag, Pfingsten und Weihnachten untersagt. Ein Unding war das Tanzverbot natürlich schon lange vor seinem Fall: Der Staat schreibt seinen Bürgern vor, wie sie an hohen kirchlichen Feiertagen (nicht) feiern sollen – aus heutiger Sicht eine belustigende Unverfrorenheit.

Selbstverständlich hielten sich beileibe nicht alle Schäfchen an die, imperativ vorgetragenen, Wünsche ihrer säkularen und sakralen Hirten, suchten sich für Ostern und Weihnachten ein leerstehendes Kellergewölbe ohne lärmempfindliche Nachbarschaft, mieteten sich eine Soundanlage und frönten dann mit Gleichgesinnten lustvoll der Illegalität.

Die paar wenigen Partys, die in den Tanzverbot-Nächten vonstattengingen, waren ausnahmslos gut besucht: Der Spagat zwischen Mundpropaganda und Verschwiegenheit funktionierte zumeist hervorragend, so dass zwar hunderte Partygänger von der Party erfuhren, die Polizei hingegen ahnungslos blieb. Dennoch stellten einige Veranstalter sicherheitshalber einen laufstarken Gehilfen neben die Kasse, der im Falle einer behördlichen Aufwartung mit den Einnahmen durch die Hintertür verduften konnte.

Vielleicht wusste die Polizei aber auch von den Partys, liess aber Fünfe gerade sein, da selbst nicht restlos von der Existenzberechtigung des Reliktes Tanzverbot überzeugt. Jedenfalls vermochte das kollektive Wissen um die Illegalität dieser Feten einen Zauber zu erzeugen, der tatsächlich weihnachtlich war: Man gehörte zu einer verschworenen Gemeinschaft, einer Familie, bestehend aus lauter Nichtverwandten.

Dieses Gefühl wurde von einigen Partymachern wie Urs Kind verstärkt, indem sie ihre Events mit einer frisch geschlagenen und mit kiloweise Lametta geschmückten Tanne versahen. Vielen Ehemaligen dürften diese Nächte auch heute noch, fünfzehn Jahre später, in bester Erinnerung sein. Ein Blick auf das gigantische Partyprogramm der nächsten Tage zeigt, dass das Tanzverbot zwar tatsächlich der Vergangenheit angehört, dass aber handkehrum viel von dem Zauber früherer Tage verlorengegangen ist.

Viele Clubs lassen das Christkind aussen vor, verzichten komplett auf weihnachtliche Attribute und spulen einfach nur ihr gängiges Programm runter. Das ist vielleicht auch ganz okay so, denn viele der Clubber, die Mittwoch- und am Donnerstagnacht unterwegs sind, wollen sich explizit von allzu viel familiärer Nähe und santa-klaustrophobischer Weihnachtsatmosphäre erholen.

Ein wenig schade ist es trotzdem, dass der Zauber früherer Tage verlorengegangen ist, dass Weihnachten auch im Nachtleben nur noch ein Geschäft ist. Zumindest in Zürich: In den Kantonen Uri, Glarus, Obwalden, Solothurn, Aargau oder Appenzell Innerrhoden herrscht immer noch (ein zumindest partiell gültiges) Tanzverbot an hohen christlichen Feiertagen. Im Aargau ist aktuell ein von der Piratenpartei initiiertes Volksbegehren hängig, welches das dortige Verbot aufheben möchte. Vielleicht sollten sich das die Piraten nochmals überlegen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

«Ich bin Muslim»

Réda El Arbi am Samstag, den 20. Dezember 2014
Man kann ohne Probleme Schweizer UND Muslim sein. (Symbolbild)

Man kann ohne Probleme Schweizer UND Muslim sein. (Symbolbild)

Islam und Islamophobie waren diese Woche – neben dem Streit um die Egos von Roger Schawinski und Andreas Thiel – das zentrale Thema in den sozialen Medien. Wir wollten uns nicht von einem weiteren Experten langweilen lassen und sprachen deshalb mit Arshem, einem 27-jährigen Muslim aus der Region Zürich. Arshem bat sich Anonymität aus, weil er nicht öffentlich zwischen die Fronten von Islamhassern und dem frömmlerischen Teil des Islamischen Zentralrats der Muslime kommen will. Das Interview wurde als Facebook-Chat geführt.

Arshem, du bist Muslim. Betest du fünf Mal am Tag?

Haha, nein. Dazu hätte ich keine Zeit, ich arbeite schliesslich den ganzen Tag.

Trotzdem nennst du dich Muslim. 

Ja. Ich bete, wenn sich Ruhe und Gelegenheit bietet. Wer wirklich an Gott glaubt, wer Gott in seinem Innern trägt, braucht sich und andere nicht fünf Mal am Tag daran zu erinnern. Ich halte weitestgehend die Feiertage und den Ramadan ein, wenn ich dabei Arbeit und Umfeld nicht zu stark vernachlässigen muss.

Gehst du in die Moschee?

Nicht so oft, wie ich wollte. Aber ich treffe mich mit anderen Muslimen, und manchmal sprechen wir auch über unseren Glauben.

Sind deine Freunde alle Muslime?

Nein, sicher nicht. Bei einigen weiss ich gar nicht, ob sie an einen Gott glauben, andere sind eher so Lifestyle-Buddhisten. Aber solange sie mich und andere anständig behandeln, ist das doch völlig nebensächlich, nicht?

Du hast die Diskussion um Andreas Thiels Islamkritik mitbekommen. Was meinst du dazu?

Was soll ich dazu meinen? Thiel hat einige Stellen aus dem Koran aus dem historischen und inhaltlichen Zusammenhang gerissen und daraus eine Waffe gegen eine Religion gemacht. Dafür, dass er im Namen des Friedens sprechen will, ist das ziemlich scheinheilig.

Aber er kennt sich mit dem Inhalt des Korans aus?

Ja, wahrscheinlich besser als ich. Nur ist das in dieser Angelegenheit völlig irrelevant, weil er sich nicht mit Muslimen auskennt. Ich kann ein Buch über die Fliegerei lesen, kann aber deswegen nicht losgehen und bei allen Piloten die Tendenz zu Bruchlandungen diagnostizieren. Thiel macht seine Angriffe in erster Linie für sich selbst.

Mit den Gräueltaten des IS und der pakistanischen Taliban in der letzten Zeit leidet der Islam klar unter einem Imageproblem. Distanzierst du dich von diesen Gruppierungen?

Distanzierst du dich von Mördern, die sich selbst als Christen sehen? Ist das notwendig? Was viele Schweizer nicht verstehen, ist, dass die Islamisten in erster Linie gegen Muslime vorgehen. Sie bringen sie um, setzen sie unter Druck und üben Macht aus. Muslime müssen sich nicht von ihren Peinigern distanzieren, das ist absurd.

Aber nicht alle Muslime sind so liberal wie du. Ich denke da an Qaasim Illi und seinen Zentralrat ...

Haha, der Illi erinnert mich immer an einen Ex-Raucher, der jetzt gegen Raucher wettert. Die Konvertiten müssen sich selbst beweisen, dass sie es viel mehr «verdient haben» Muslime zu sein. Illi repräsentiert die Verunsicherten, nicht die Gläubigen. Wer an Gott glaubt, braucht keinen Illi. Illi steht nicht für den «Islam»,  er steht in erster Linie für sich selbst und seine Selbstdarstellung, ähnlich wie Thiel. Beide missbrauchen meine Religion, um ihre Gesichter in die Presse zu bekommen.

Du wirst nächstes Jahr heiraten. Eine Christin. Hat dein Umfeld damit keine Probleme?

Meine Eltern und meine Geschwister nicht. Mein Vater ist froh, dass ich in meinem Alter endlich sesshaft und seriös werde, meine Mutter liebt meine zukünftige Frau von Herzen. Natürlich gibts Leute in meinem weiteren Umfeld, die fragen «Hast du keine anständige Braut aus deinem Land gefunden» oder «Muss es denn gerade so eine sein». Aber sobald sie sie kennenlernen, ist alles vergessen.

 In welcher Religion werdet ihr eure zukünftigen Kinder erziehen?

Wir werden ihnen mit Gottes Hilfe die Grundwerte des menschlichen Zusammenlebens vermitteln. Wir werden ihnen Vertrauen in eine höhere Macht vermitteln. Ob sie später dann den Lehren Mohammeds, dem christlichen Erlöser Jesus oder Buddha folgen, wird ihre Entscheidung sein. Gott hat uns den freien Willen geschenkt. Diesen bei anderen Menschen zu unterdrücken, ist gottlos.

Interessensbindung: Der Autor, Reda El Arbi, wurde katholisch getauft und wuchs in christlich/westlicher Tradition in der Schweiz auf. Seit seinem 13. Lebensjahr versteht er sich als Atheist, der übernatürliche Dinge nicht ausschliesst, nur weil er sie nicht sehen kann.

Bürger und Uniform – wenns uns gerade passt

Stadtblog-Redaktion am Dienstag, den 16. Dezember 2014
Freund und Helfer oder  Feindbild: Die Stadtpolizei.

Freund und Helfer oder Feindbild: Die Stadtpolizei.

Von Thomas Meyer

Die Ausschreitungen in der Stadt Zürich, am Abend des 12. Dezember von einer Horde Vandalen verübt, rufen zurecht grosse Empörung hervor. Die mutwillige Zerstörung von fremdem Eigentum ist durch nichts zu rechtfertigen, und die pseudopolitische, pseudolinke Verbrämung durch Anliegen, die eindeutig ihre Berechtigung haben, wie beispielsweise Kritik an der Gentrifizierung, mutet an wie ein schlechter und zynischer Witz.

All die eingeschlagenen Scheiben, angezündeten Autos und verletzten Polizisten muten dabei jedoch an wie das Werk einiger weniger Wahnsinniger, mit denen die übrige Gesellschaft nichts zu tun hat. Hat sie aber. Denn diese Demolierungsorgie war kein gesondertes Phänomen, sondern ist vielmehr die masslose Übertreibung einer populären Geisteshaltung.

Wie oft hört man von den «Scheissbullen», die angeblich «nichts Besseres zu tun haben, als Parkbussen zu verteilen», und häufig genug bekommen es die Betroffenen gleich selbst zu hören. Wie oft werden Postbeamte am Schalter angepöbelt, bloss weil sie Preise verlangen, die sie nicht selbst bestimmt haben. Wie oft werden SBB-Kontrolleure beleidigt, bloss weil sie jemanden bitten, die Füsse vom Polster zu nehmen, oder ihn beim Schwarzfahren erwischt haben. Wie oft trifft man Sperrmüll an, den jemand auf die Strasse gestellt und mit der Mitteilung «Gratis zum Mitnehmen» versehen hat, im offenkundigen Glauben, sich damit von der Pflicht der sachgemässen Entsorgung befreit zu haben, und wie übersät ist der öffentliche Raum von weiterem Abfall, für den sich die Verursacher in keiner Weise verantwortlich fühlen.

Die Liste der politisch, sozial und charakterlich unreifen Verhaltensweisen liesse sich beliebig fortsetzen und ist alles andere als originell. Originell ist dafür die Idee, schlechtes Benehmen sei erst ab einem bestimmten Grad schlechtes Benehmen und bis zu diesem Punkt völlig unproblematisch, wenn nicht sogar Ausdruck urbaner Coolness.

Wer die Chaoten verurteilen möchte, die am 12. Dezember 2014 ihre Wut über «das System» dadurch kundgetan haben, indem sie die Ladengeschäfte von Kleingewerblern verwüstet haben, sollte sich zuerst ein paar interessante Fragen stellen:

1. Wie ist denn mein Verhältnis zum Staat? Zu Gesetzen, Steuern, Politik?

2. Wie ist denn mein Verhältnis zur Polizei? Zu Bussen, Regeln, Autorität?

3. Wie ist denn mein Verhältnis zur Bürgerpflicht? Zu Eigenverantwortung, Respekt, Abfallentsorgung?

Die Idioten, die letzten Freitagabend alles kaputtgemacht haben, sind unglaubwürdig. Ihre Gesellschaftskritik ist unglaubwürdig, denn das Geld für die Smartphones, mit denen sie sich gegenseitig auf diesen heiteren Anlass aufmerksam gemacht haben, stammt, wie die Smartphones selbst, irgendwo aus dem «System», wie auch die Petarden, Hoodies und Gasmasken. Zudem ist ein brennender Mercedes kein politisches Argument, sondern Ausdruck von Hass, Neid und generell schlechtem Charakter.

Unglaubwürdig ist es aber eben auch, das zerstörerische Treiben einiger Extremisten zu kritisieren, wenn man selbst in einem abgemilderten Masse nichts anderes tut. Und das gilt für weite Kreise einer Gesellschaft, deren grösstes Problem nicht die sogenannt linksautonome Szene ist, sondern die ganz allgemein an einer postpubertären Frechheits- und Undankbarkeitsstörung erkrankt ist. Und dies nicht nur an einem bestimmten Freitagabend, sondern eigentlich immer.

Wer es nicht glaubt, möge einmal das Gespräch mit Polizisten, Sanitätern und anderen Angestellten staatlicher Betriebe suchen und sich anhören, was diese Menschen sich in ihrem Berufsalltag alles so gefallen lassen dürfen vom Durchschnittsbürger, der nie eine Scheibe einschlagen würde.

Thomas-Meyer Thomas Meyer, 40, ist Schriftsteller und lebt in Zürich.

Supermarket bleibt!

Alex Flach am Montag, den 15. Dezember 2014
Supermarket

Traditionsclub Supermarket darf nochmal 3 Jahre bleiben

Es war beschlossene Sache: Auf Ende Januar sollte der Supermarket für immer dicht machen. Nach über 16 Jahren – die Zeit, in der an der Geroldstrasse 17 ein Club namens Garage Gäste empfing, nicht eingerechnet – würde das traditionsreiche Lokal einer Ladenpassage Platz machen. Damit wäre in der Partymeile Zürich West eine Lücke entstanden, die für die (vorerst) dort verbleibenden Clubs wie Hive, Härterei und Blok nur schwer zu schliessen gewesen wäre: Der Supermarket ist nicht nur der älteste noch bestehende Club an Zürichs Partymeile, er befindet sich auch in ihrem Zentrum, ist ihr geografischer und historischer Dreh- und Angelpunkt.

In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten hat der Supermarket viele Hochs und Tiefs durchschritten und durfte in den vergangenen Monaten, wohl nicht zuletzt wegen der anstehenden Schliessung, einen weiteren Frühling mit gut besuchten Partys erleben. Wäre der Supermarket tatsächlich verschwunden, es wäre eine der letzten Verteidigungslinien zwischen dem betanzbaren Zürich West mit seinen altgewerblichen, kulturellen Freiräumen (der Supermarket befindet sich in einer ehemaligen Autowerkstatt) und dem in die Höhe strebenden und klinisch properen Stadtviertel samt seinen glitzernden, und bisweilen seelenlosen, Büro- und Hoteltürmen gefallen.

Nun, rechtzeitig zur Weihnachtszeit, haben die Betreiber, Angestellten und Anhänger des Supermarkets von dessen privater Vermieterschaft ein Präsent in Form eines Sinneswandels unter den Baum gelegt gekriegt: Der Supermarket darf bleiben und erhält einen neuen, auf drei Jahre befristeten Mietvertrag.

Sandro Bohnenblust, der Geschäftsführer des Clubs, ist merklich erleichtert: «Die Freude ist riesig, denn wir haben uns zwei Jahre lang erfolglos um gleichwertige Räumlichkeiten bemüht. Es ist enorm schwierig wegen des städtebaulichen Wandels in Zürich etwas Neues zu finden, das unseren Vorstellungen eines urbanen Clubbetriebes entspricht. Der Supermarket würde in einem Neubau nicht funktionieren. In dieser Stadt scheint keine Zukunft für alte Industriegebäude zu existieren, nur für Luxuswohnungen, teure Büros und dergleichen.»

Bohnenblust, der dem Supermarket seit anderthalb Jahrzehnten seinen Stempel aufdrückt, sieht den neuen Mietvertrag denn auch als Zeichen der Hoffnung für das gesamte Viertel: «Mit dieser Verlängerung bleibt das Geroldareal ein kleines, charmantes Biotop inmitten des sich rasant entwickelnden Zürich West Quartiers». Man merkt Bohnenblust an, wie schwer die Last gewesen sein muss, die nach der zermürbenden, zwei Jahre dauernden und schlussendlich erfolglosen Suche nach einer geeigneten Nachfolge-Adresse auf seinen Schultern lag. Nachdem 2013 auch die städtischen Pläne für einen Kongresshaus-Neubau auf dem Geroldareal gescheitert sind, bedeutet die jetzige Supermarket-Verlängerung, dass es für das Areal beim Bahnhof Hardbrücke wie gewohnt weitergeht und dass dort auf Jahre hinaus im gewohnten Rhythmus gefeiert werden wird: Auch der Frau Geroldsgarten verfügt beispielsweise über einen Vertrag bis 2019.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.