Tages-Anzeiger



Richard Wolffs Erbe: Das Spass-Hamsterrad

Réda El Arbi am Donnerstag, den 4. September 2014
Mehr Freiräume gefordert - ein Clubs-Konsum-Wunderland bekommen.

Mehr Freiräume gefordert - ein Club-Konsum-Wunderland bekommen.

In den 80ern gabs in Zürich 40 Kneipen mit Nachtbewilligung, meist im Millieu angesiedelt, heute gibts 12 Mal mehr - und die Polizei soll sie beschützen. Damals ging der jetzige Polizeivorsteher Wolff mit seinen Genossen auf die Strasse, um Zürich aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Der zwinglianische Mief sollte weg und einer weltoffenen, lebensfrohen Stadt Zürich Platz machen. Das kostete Zürich Blut und Tränen(gas). Doch offenbar hat die Bewegung etwas erreicht.

Wolffs Generation hat Freiräume erkämpft. Nicht immer problemfrei, waren doch die Junkies am Platzspitz und am Letten die ersten Erben der Bewegung, sich ausbreitend vom AJZ über die Wohlgroth bis zur offenen Drogenszene. Aber auch dieses Problem scheinen wir assimiliert zu haben, eingebunden in Kontrolle, und unsere Junkies sind inzwischen gestriegelt, wohnversorgt und amtlich zugedröhnt.

Heute ist also Anarcho Wolff Polizeivorsteher und Zürich verfügt über 650 Lokale mit Nachtbewilligung. «Juhui», würden Einige denken, «Wir sind am Ziel. Wir habens geschafft.»

Aber was haben wir eigentlich geschafft? Wie ich mich erinnere, waren in den letzten Sommern immer wieder Ausschreitungen von jungen Leuten, die mehr von diesem ominösen «Freiraum» wollten. Illegale Outdoorparties boomen, die Kids wollen offenbar die Art von Freiraum nicht, die wir für sie erkämpft haben.

Früher hiess es «Die Revolution frisst ihre Kinder» – bei uns heisst es eher «Die Revolution kauft ihre Kinder».  Wie alles, was einmal revolutionär, visionär und avantgardistisch war, dauerte es nicht mal eine Generation, um ein Konsumgut daraus zu machen.

Wir haben die Freiheit erkämpft, uns zwischen 650 Lokalen zu entscheiden, in denen wir Eintritt bezahlen und konsumieren dürfen. Wir haben einen Gastrofilz, der beinahe überall seine Finger drin hat, wo ein DJ auflegt. (Wo ist eigentlich die Gay-Community hin, die früher die krassesten Clubs betrieb?). Wir haben einen Kinderkreuzzug von einigen Zehntausend Partygängern, der jedes Wochenende in die Stadt einfällt wie die Hunnen, um zu konsumieren. Wir haben ein MDMA-betriebenes und alkoholgeschmiertes Disney-Partywunderland, das es dem Mittelstand ermöglicht, (Thank God its Friday!) jedes Wochenende Dampf abzulassen, um sich Montags wieder gestriegelt und zufrieden am Bruttosozialprodukt zu beteiligen. Ein Ventil für die Marktwirtschaft.

Der Club-Filz ist so elitär wie die Zünfte, nur sind die Aufnahmebedingungen nicht so klar. Natürlich hilft Vitamin B, meist in Form eines Credits von anderen, bereits etablierten Clubbetreibern, um ein neues Lokal zu eröffnen.

Nun, Richard Wolff hat nun seine Mannen instruiert, sich der Probleme des Nachtlebens anzunehmen, quasi als Schutzwand zwischen der Wohnbevölkerung und der Geldmaschine Nachtleben. Denn die offene, lebensfreudige Stadt Zürich hat leistet sich keine kulturellen Freiräume, sie leistet sich eine weitere Industrie, die Umsatz machen muss, die Geld einbringen soll. Das Ziel der Clubs ist es schon lange nicht mehr, frischen Wind in die Köpfe und in die Kultur zu bringen. Die Aufgabe des Nachtlebens ist es, Rendite zu erzielen. Meist reicht dazu ein Brei aus Mainstream-Sound, mit einer Prise Berlin und einem Tropfen London. Eigenes haben wir schon eine Weile nicht mehr geschaffen. Die globalisierte Kultur kommt immer mit einer Verspätung von vier bis fünf Jahren hier an, nimmt aber niemals ihren Anfang an der Limmat.

Was hätte der junge Wolff wohl gedacht, wenn man ihm vor 30 Jahren prohpezeit hätte, dass er als Vorsteher der Polizei mal erweiterte Türsteherdienste für die rein kapitalistisch ausgerichtete Clubsszene leisten wird?

Nun, man sagt, das Schlimmste, was einem passieren könne, sei, wenn man die eigenen Träume habe Wirklichkeit werden lassen, nur nicht ganz so, wie man sich das damals ausmalte..

Ich persönlich hoffe auf eine junge Generation, die die verkrustete Spassindustrie richtig aufmischt, mit Charme, Kreativität und Innovation. So dass man nicht bei jedem Lokal das Gefühl bekommt, man befinde sich in einem einträglichen Club-Klon aus Berlin oder London. Andernfalls droht der Stadt das ewige Konsum-Hamsterrad von «Geld verdienen um Spass zu kaufen».

Frisches aus der Club-Gerüchteküche

Alex Flach am Montag, den 1. September 2014
Sind die alle im Knast?

Sind die alle im Knast?

Warum sich mit Wahrheiten langweilen, wenn man sich mit Gerüchten vergnügen kann? Im Nachtleben gibt man sich gerne bedeckt: Berichte über das stets exzellente Programm mit all seinen, selbstverständlich ausnahmslos herausragenden, DJs sind herzlich willkommen, wer jedoch einen Blick hinter die Kulissen werfen möchte, dem wird meist der Vorhang vor der Schnüffelnase zugezogen. Dies ist ein idealer Nährboden für Gerüchte und Gemunkel, ein Umfeld, in dem sich urbane Märchentanten, die ihr, bisweilen haarsträubendes, Gewäsch gerne als Wahrheiten anpreisen, pudelwohl fühlen.

Die unwahre Spreu vom wahren Weizen zu trennen fällt da bisweilen schwer, so auch aktuell:

«Stimmt es, dass Rolf Hiltl von der Security des Zürich Openairs vom Gelände geworfen wurde, weil er sich ohne gültiges Ticket Einlass erschlichen hat?»

«Ist es wahr, dass die ehemaligen Betreiber des Clubs Cabaret bald einen Relaunch ihrer legendären Location vornehmen?»

«Sitzt die Geschäftsleitung des am Donnerstag von der Gewerbepolizei geschlossenen Rex Populi beim Helvetiaplatz tatsächlich noch in Untersuchungshaft?»

«Hat die Polizei überstürzt gehandelt, als sie am 22. August einer Outdoor-Party auf der Allmend kurz vor deren Start die Bewilligung entzogen hat?»

«Muss das Hive wirklich in den nächsten Monaten schliessen

«Macht das Komplex 457 tatsächlich dicht, weil in unmittelbarer Nachbarschaft eine Wohnsiedlung gebaut wird?».

Zu all diesen Fragen lassen sich unzählige Party-Weise finden, welche die unumstössliche Wahrheit kennen. Seltsamerweise unterscheiden sich diese „Wahrheiten“ voneinander nicht nur marginal wie Darwinfinken, sondern differieren auf frappante Weise wie, um in der Vogelwelt zu bleiben, beispielsweise Emus und Buntspechte.

Im Nachtleben nach Tatsachen zu suchen, heisst sich erst durch einen riesigen Haufen frei Erfundenes, vermischt mit Fehlinterpretationen und subjektiv Gewichtetem wühlen zu müssen. Selbst bei Direktbetroffenen nachfragen hilft oft nicht weiter, schon gar nicht bei für die Involvierten unangenehmen Sachverhalten. Da stiften die Auskünfte zumeist mehr Verwirrung als Aufschluss.

Das mag sich in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ähnlich verhalten, für das Nachtleben gilt dies jedoch ganz besonders: Wer viel weiss gehört dazu und wer nichts weiss kriegt keine Memberkarten. Also erfinden sich viele Szenegänger und -gängerinnen einfach ein Wissen, wie beispielsweise jener Freizeit-DJ, der auf sämtliche offenen Nightlife-Fragen Antworten bereithält (ob man ihm diese Frage überhaupt gestellt hat oder nicht, interessiert ihn jeweils nur sekundär – er vertickt sein umfangreiches Insiderwissen am liebsten im Stile eines Hausierers), wobei sich viele seiner Anekdoten bereits auf den ersten Blick als frei erfunden erweisen.

Zum Schluss und um meine eigenen Memberkarten zu rechtfertigen, hier noch meine Antworten auf die sechs Fragen in der ersten Hälfte des Textes, zur freien Überprüfung und in logischer Reihenfolge: «Wahrscheinlich ja», «nein», «nein», «wohl eher nicht», «nein» und «da ist wohl noch nichts entschieden».

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Zürich Openair: Das verlorene Woodstock

Réda El Arbi am Samstag, den 30. August 2014
«Meh Dräck» forderte Chris von Rohr mal. Unser Autor kann ihn verstehen.

«Meh Dräck» forderte Chris von Rohr mal. Unser Autor kann ihn jetzt verstehen.

Ich will ja nicht wie einer dieser Typen erscheinen, die immer behaupten, früher sei alles besser gewesen. Aber seien wir ehrlich: Früher war alles besser.

Als Beispiel bieten sich grosse Rockkonzerte an, wie das Zürich Openair dieses Wochenende. Könnt ihr euch noch an die ultimative Parole des Wilden Lebens erinnern? Sex, Drugs & Rock'n'Roll? Dieses unbeschreibliche Lebensgefühl, das unsereins beschlich, wenn wir von Roadies von der Bühne wieder ins Publikum geworfen wurden? Bassisten, die für einen Stagedive den Bass auf die Bühne warfen? Schlägereien wegen unterschiedlichen Musik- oder Kleidergeschmacks? Zugehörigkeit?  Solches Zeugs eben.

Das Areal ist zweigeteilt: In den Campingbereich, wo die Besucher eigenes Bier und Essen konsumieren dürfen, und den Bühnenbereich, wo man kaufen muss. An der Eingangsschranke in den ganzen Bereich wird man nach Glasflaschen und Deos gefragt. Nein, sie haben keine Angst, dass man etwas gegen den authentischen Festivalgestank unternehmen will. Sie befürchten, dass die Besucher sich mit Deosprays selbst verletzen könnten. Die Fürsorge ist herzerwärmend. Ich bewahre meine Deos zuhause auch im Gefahrengut-Schrank auf.

Natürlich war früher nicht alles besser. Es gibt heute weniger Verletzte an Grossanlässen. Weniger Überdosen irgendwelcher Drogen, gute medizinische Versorgung. Manchmal ist heutzutage sogar das Toilettenproblem gelöst (meist sind  genügend Toiletten aber eher ein Anzeichen dafür, dass der Event floppt). Nur, welchen Preis fordert die bessere Organisation?

Das Festival wird von Getränkesponsoren gründlich von der Konkurrenz abgeschottet.

Das Festival wird von Getränkesponsoren gründlich von der Konkurrenz abgeschottet.

Zuerst einmal die Besucher: Besucher, die sich darüber aufregen, wenn eben nicht alles perfekt organisiert ist. Besucher, die sich über Wartezeiten nerven. Besucher, die nach der Security schreien, wenn ihnen ein Besoffener auf die Schuhe kotzt. Dabei weiss doch jeder, dass die Security dazu da ist, das Bier des Sponsoren vor Konkurrenz zu schützen. (Ein Wunder, dass Leuten, die versuchen lokales Zürcher Bier reinzuschmuggeln, nicht die Hand abgehackt wird.) Inzwischen sind Festivals ein Anlass für Leute, die Rock'n'Roll leben, indem sie ihre Handys vor der Bühne in die Luft halten. Zugegeben, viel mehr können sie nicht machen, da der Bereich um die Bühne heutzutage stärker gesichert ist, als das Podium des US-Präsidenten bei einer Rede in Afghanistan.

Die Hälfte der Zelte, die auf dem Areal stehen, sind von Sponsoren oder von Medienpartnern. Ganz wichtig sind die Bankomat-Buden und die Merchandising-Stände. Wenns regnet, schweben helfenden Engel der Gratiszeitungen herbei und offerieren gratis Regencapes, natürlich mit Werbelogo quer über dem Rücken. Hier kann kein Rock'n'Roll-Feeling aufkommen, wenn man das Gefühl vermittelt bekommt, man sei einfach nur Marketing-Zielgruppe in einem Openair-Einkaufszentrum. Selbst ein gutes Line-Up reisst da den Karren nicht mehr aus dem sauber abgedeckten Dreck.

Natürlich gibts am Festival auch eine Hippie/Hipster-Ecke, man will schliesslich woodstocken. Ihr wisst schon, lokale Trend & Homecraftshops mit mundgeblasenen Hipsterbrillen und fussgewirkten Batik-Pluderhosen zum Preis eines durchschnittlichen Monatslohns. «Wir waren schon cool, als «cool sein» noch lauwarm war.» Dort trifft sich auch die Szeneprominenz, wenn sie nicht gerade im abgesperrten VIP-Bereich Cüpli süffelt.

Hipster-Ausrüstung für Alle!

Hipster-Ausrüstung für Alle!

Dann die Acts. Ja, es gab echte Musiker, aber gefühlte 90 Prozent des Line-Ups bestand aus DJs. Man kann sich grundsätzlich fragen, was DJs an einem Openair verloren haben. Das Hauptproblem bei elektronischer Musik von DJs ab Konserve auf Live-Bühnen ist, dass sie einfach nicht abgehen. Kein Gitarrenzertrümmern, kein Zusammenbrechen vor Erschöpfung, nur lahmes «Händs up in die Är» und «I wanna sii iur Händs». Ehrlich, Rock'n'Roll ist das nicht. Es stört vielleicht nicht, wenn man sich in Clubs auf Ecstasy einen Wolf tanzt, aber Festivalstimmung kommt da keine auf. Rock'n'Roll ist hier so subversiv wie ein Che-Guevara-T-Shirt aus dem H&M.

Ok. Das hört sich jetzt sogar für mich sehr miesepetrig an. Und es ist wirklich nicht alles nur schlecht. Wenn man sich ganz nach vorne an die Bühne bemüht, von Bass und Band angeblasen wird und los tanzt, ist es, als ob man in einem eigenen Universum schwebt. Und wenn man sich danach wieder aus der Crowd löst, kann man den Blick zu Boden richten, wenn man nicht wie eine Gans  mit Werbebotschaften gestopft werden will.

Und der Blick zu Boden zeigt auch, was unserer Festival-Kultur fehlt: Meh Dräck. Zum Glück hilft da bei allen Schweizer Festivals das Wetter immer nach: Ohne den Schlamm wärs nicht mehr als ein netter Abend in einem Openair-Einkaufszentrum mit Hintergrundberieselung.  Ein wenig wie Dreirad-Fahren mit Helm in Rock'n'Roll-Disneyland.

PS: Wieso kämpfen diese Grossanlässe eigentlich immer mit roten Zahlen? Hier geben die Leute Non-Stopp Geld aus und trotzdem schaffen es die Organisatoren nicht, einen Teil davon in die Festival-Kasse umzuleiten. Da müsste mal einer die Sponsorendeals unter die Lupe nehmen. Und vielleicht die Journalisten, die sich vor lauter Freude über einen Gratis-Eintritt nicht mehr getrauen, kritisch über den Anlass zu schreiben.

Das Schöne an diesem Sommer …

Réda El Arbi am Donnerstag, den 28. August 2014
So nicht: Hippie-Allüren und in der Sonne Hauptkrebs holen.

So nicht: Hippie-Allüren und in der Sonne Hautkrebs holen.

Alle jammern übers Wetter und behaupten, dass dieses Jahr der schlechteste Sommer seit immer sei. Wir wollen nicht alles so negativ sehen und haben sechs Gründe gefunden, weshalb man diesen Sommer lieben muss.

 

1. Bruttosozialprodukt

Wir bleiben fleissig.

Wir bleiben fleissig.

Jeden Sommer, wenn im August die Hitze wirklich zuschlägt, arbeiten alle in dieser Stadt nur noch mit einem Viertel des Elans. Die Pausen werden länger, die Kollegen hängen schwitzend und geistesabwesend vor den Ventilatoren und man macht schon eine halbe Stunde früher Schluss, um schnell in die Badi zu pilgern. Nicht dieses Jahr: Wir arbeiten so, wie es sich für Schweizer gehört. Das kühle Wetter hilft bei der Konzentration – es gibt keinen Grund, länger Mittag zu machen und faul in der Sonne zu liegen.

 

2. Bikinifigur

Wir können uns so schön fühlen, wie wir sind.

Wir können uns so schön fühlen, wie wir sind.

Man hat sich bis Ende Mai jedes bisschen Schokolade verweigert und es trotzdem nicht in die richtige Sommerfigur geschafft. Natürlich hätte man in einem normalen Sommer darunter gelitten und sich seine Komplexe im Spiegel der Umkleidekabinen deutlich vor Augen geführt. Nicht so dieses Jahr. Wer dieses Jahr in Badehosen rumläuft, muss mit einer Lungenentzündung rechnen. Das führt dazu, dass die Menschen dieser Stadt eine bessere Beziehung zu sich und ihrem Körper haben. Und zum ersten Mal ist Glacé-Essen im Sommer auch ohne schlechtes Gewissen möglich.

 

3. Lärmklagen

Die Leute beenden ihre Outdoor-Partys, bevors ausartet.

Die Leute beenden ihre Outdoor-Partys, bevors ausartet.

In anderen Jahren feierten sich lärmige Nachbarn bis früh morgens auf ihren Dachterrassen und Hinterhöfen. Betrunken pinkelten sie übers Geländer auf die Strasse, johlten Indie-Rocksongs mit und klirrten mit den Flaschen, bis einem aufrechten Bürger nichts anderes mehr übrig blieb, als die Polizei zu rufen. Dieses Jahr sind die Leute ab 22.00 Uhr drinnen, weils draussen einfach zu kalt wird. Das entlastet auch Richard Wolffs Polizeibudget.

 

4. Mehr Platz

Wir haben wieder Platz in unseren Kneipen.

Wir haben wieder Platz in unseren Kneipen.

Da es zu kalt ist, um nachts um die Häuser zu ziehen, bleiben am Wochenende auch die Agglo-Touris eher zuhause. Plötzlich hat man an der Langstrasse auch am Wochenende wieder Platz in den Beizen. Man muss nicht 20 Minuten auf sein Bier warten und man ist wieder mehr unter sich. Nachts auf dem Heimweg pinkeln nicht so viele Leute in die Hinterhöfe, und wenn doch, wäscht der Regen den Gestank innert kürzester Zeit wieder weg.

 

5. Sommerhit

Dieses Jahr sind wahrscheinlich auch einige Songs wie «Macarena» oder «The Ketschup-Song» geschrieben worden. Aber die Sonne hat die Hirne nicht so aufgeweicht, dass wir uns das dann auch angehört hätten. So gibts diesen Sommer keinen schwachsinnigen Song, bei dem wir uns in den zukünftigen Jahren dafür schämen müssen, weil wir den Text von A-Z auswendig kennen.

 

6. Frische Luft

Da die Menschen nicht so verschwitzt sind, haben sie auch nicht das Bedürfnis, ihre persönlichen Gerüche mit chemischen Kampfmitteln wie «Axe» oder anderen penetranten Deos zu würzen. Was das Reisen in öffentlichen Verkehrsmitteln wieder um einiges angenehmer macht. Sogar die Banker an der Bahnhofstrasse gehen zurückhaltender mit ihren teuren Aftershaves um. Das könnte jedoch auch an den Auswirkungen der Bankenkrise liegen.

Sie sehen, dieser Sommer hat seine Vorteile. Für uns, als gute Optimisten, ist das Glas auf jeden Fall halb voll.

... wenn auch mit Regenwasser.

 

Wo ist der nächste Hype?

Alex Flach am Montag, den 25. August 2014
Waren die Clubs früher wirklich unique - oder hatten sie einfach weniger Konkurrenz?

Waren die Clubs früher wirklich unique - oder hatten sie einfach weniger Konkurrenz? (Oxa)

An diesem Wochenende hat Ricardo Abenojar alias Mas Ricardo im Club Supermarket sein dreissigstes Plattenleger-Jubiläum gefeiert. Er war bereits in den 80er Jahren Resident-DJ in Jean-Pierre Grätzers Club Roxy und war Teil des Tarot-Veranstalterteams, das mit seinen Afterhour-Partys dem Oxa zu internationaler Bekanntheit verhalf. Er war Mitte der 90er Jahre einer der Initianten der Grodoonia-Partys in Rümlang und zwischen 1996 und 1999 einer der Betreiber des Clubs Sensor in Oerlikon, in dem mit Sven Väth, Paul Oakenfold und Kruder & Dorfmeister die einflussreichsten DJs und Clubmusiker zu hören waren. Danach wurde es ruhiger um Mas Ricardo.

Roxy, Grodoonia, Tarot und Sensor waren Meilensteine am Weg des elektronisch geprägten Zürcher Nachtlebens von seinen Anfängen in den 80er Jahren bis hin zu seiner heutigen Form. Die illegalen Bars in der ersten Hälfte der 90er Jahre, die frühen Blushin Pink-Partys, der Club Garage (heute Supermarket), Dani Königs Donnerstage im Kaufleuten, die Dachkantine und die Hermetschloo-Partys waren weitere Publikumsmagneten, welche die Spreu vom Weizen zu trennen vermochten: Wer hier feierte gehörte dazu, alle anderen waren bloss Zaungäste.

Der Erfolg heute legendärer Partymarken gründete jeweils nur bedingt in ihren Line Ups, denn viele verzichteten zeit ihres Bestehens komplett auf Bookings teurer ausländischer DJs. Wie auch bei anderen Hype-Marken, beispielsweise in der Mode oder der Computertechnologie (die Preise von Apple-Produkten lassen sich wohl nicht mehr mit einem Technologie- und Design-Vorsprung des Riesen aus Cupertino gegenüber seiner asiatischen Konkurrenz erklären), muss man in der Diffusionstheorie nach Gründen für den Erfolg suchen.

Die Betreiber der genannten Clubs und Partylabels haben das System der Adaption, das Spiel zwischen Meinungsführung und Übernahme durch andere, besser für ihre Zwecke zu nutzen verstanden, als ihre Mitbewerber. Ihr Fehler bestand jedoch zumeist darin, dass sie Club und Label zu fest an ihre eigene Person gebunden haben: Als der Hype um ihr Produkt abflachte, gelang es ihnen jeweils nicht, ihren Erfolg zu wiederholen, da auch sie selbst, und damit alles was sie künftig versucht haben, nicht mehr als hip galten. Der mehrfach erfolgreiche Mas Ricardo, und auch diverse heute erfolgreiche Gastro-Unternehmer, agierten und agieren aus der Gruppe heraus und achten darauf, dass ihre Unternehmen nicht zu stark mit ihren Namen assoziiert werden.

Ein Club oder eine Eventreihe, die in der Szene als imperative Hingeher gelten, sind aktuell nicht auszumachen. Einen Hype zu generieren, wie er seinerzeit von den Blushin Pink-Machern um Oliver Nater kreiert wurde, ist heute ungleich schwieriger geworden: Die Anzahl Zürcher Clubs und Partylabels ist seit dem Jahrtausendwechsel exponentiell gewachsen und eine in sich geschlossene Szene wie in den 90ern, in der sich alle kannten und die alle gemeinsam dieselben Lokale und Partys besuchten, existiert nicht mehr. Jedoch lieben Clubber Hypes mehr als alles andere: Daher wartet das nächste dicke Ding wohl trotzdem bereits hinter der nächsten Ecke.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Von Brüsten und Burgern

Réda El Arbi am Samstag, den 23. August 2014
Bluecheese Burger im Hooters. Sexy.

Bluecheese Burger im Hooters. Sexy.

Es ist mir etwas peinlich, vor dem Hooters zu sitzen, mitten an der Langstrasse, wo mich Kollegen und Freunde sehen könnten. Das Hooters, mit dem unmöglich sexistischen Konzept, kann man sich als aufgeschlossener, emanzipierter Mann aus urbanem Umfeld nicht antun. Und schon gar nicht, wenn man alleine Essen geht.

Trotzdem setze ich mich an einen der Tische und warte auf die Hooters-Kellnerin in Hotpants und hautfarbenen Strümpfen. Die Hooters-Girls sollen, nach der amerikanischen Ur-Idee, das Essen mit praller Erotik versüssen. Deshalb die orangefarbenen, superknappen Höschen und die hässlichen Strümpfe.

Was in einer prüden Gesellschaft wie den USA offenbar gut funktioniert, scheint hier an der Langstrasse wohl ein Schuss in den Ofen. Dreissig Meter weiter stehen Prostituierte, die weniger Stoff tragen, und in jedem Shop in Reichweite arbeiten weit hübschere Hipstermädchen. Das Hooters mit seinen Girls in orangen Hotpants und engen Oberteilen wirkt hier im Kreis 4 wie eine etwas heruntergekommene Disneykulisse mitten im echten Leben, surreal und zu bunt.

Wer aber besucht denn das Hooters an der Langstrasse? Am Nebentisch sitzen zwei pensionierte Jeansgilet-Träger, deren wilde Zeiten ich auf Mitte 70er datiere. Sie geniessen die Sonne und schauen dem Treiben auf der Kreuzung zu. Ab und zu fällt eine Bemerkung und ein trockenes Lachen folgt. Sie scheinen mit sich und der Welt zufrieden.

Inzwischen ist meine Kellnerin da, in ihrem «aufreizenden» Outfit. Sie trägt es so unaufgeregt, als wärs eine Pöstleruniform. Auch während ich bestelle, kann ich kein bisschen Koketterie feststellen. Das nimmt den grellen Höschen die Peinlichkeit. Auch meine Tischnachbarn würdigen die durchaus gute Figur der Angestellten nicht mit einem Blick. Wahrscheinlich hätte ein Kellner im Frack mehr Aufsehen erregt.

Bei meiner Recherche zum Thema «Hooters» hab ich mir die amerikanischen Hooters-Girls angesehen. Dort ist es eine Auszeichnung, wenn man bei der Burgerkette einen Job kriegt. Das hat genau so viel Prestige, wie wenn man Vice-Miss Minnesota wird. Die Girls werden regelrecht gecastet und es gibt Hooters-Singshows mit viel Gekicher. Die Jobs sind für US-Verhältnisse gut bezahlt. Natürlich macht es Sinn, in einem Land, in dem ein langer Blick schon als sexuelle Belästigung ausgelegt werden kann, Personal speziell für das Entgegennehmen anzüglicher Bemerkungen zu bezahlen, als gesellschaftliches Ventil sozusagen. Grundsätzlich machen die US-Hooters-Girls aber auch den Eindruck, als seien sie geistig nicht so toll ausgestattet, wie in der Oberweite. Aber vielleicht ist das nur Show.

In den USA ein begehrter Job: Hooter-Girl

In den USA ein begehrter Job: Hooters-Girl

Hier ganz anders. Die Kellnerin nimmt ohne sich Notizen zu machen meine Bestellung – Bluecheese Burger mit Curly Fries – auf und stellt das Essen einige Minuten später zurückhaltend und elegant vor mich auf den Tisch. Und jetzt sehe ich das Fleisch, für das es sich wirklich lohnt, ins Hooters zu gehen: Der Bluecheese Burger schmeckt hervorragend, die Pommes sind knusprig und frisch.

Jetzt setzen sich zwei Damen um die 70 zu mir an den Tisch, trinken ihren Prosecco und plaudern über Beerdigungen, ganz wie in einem «seriösen» Café. Mein dicker Burger ist schnell in meinem Magen verschwunden und ich bestelle mir einen Espresso – inzwischen ist es mir egal, wer mich hier sehen könnte. Zufrieden mit Essen, Bedienung und Preis (18.80  der Burger, 3.- die Curly Fries, Cola 3.90 und der Espresso 4.-), lehne ich mich zurück und schaue den Frauen mit grossen Sonnenbrillen und kurzen  Blümchenröckchen nach, die auf ihren Rennrädern wohl auf dem Weg ins Atelier durchs Quartier düsen. Dezente Erotik, wie man sie in Zürich konsumieren darf.

Sex gibts im Hooters  nicht, die hautfarbenen Strümpfe würgen auch schon den kleinsten Funken an möglicher Erotik ab. Ich kann mir vorstellen, dass die Girls mit zunehmendem Alkoholgenuss der Gäste auch die eine oder andere Anzüglichkeit hören müssen. Aber ehrlich, das müssten sie auch, wenn sie in Jeans und Pullover in einer der anderen Bars an der Langstrasse arbeiten würden.

Attraktives Fleisch findet man hier aber, gut zubereitet und mit interessanter Aussicht auf den Kreis 4 serviert. Ich werde wiederkommen.

PS: Die einzige Koketterie fand ich ganz zum Schluss auf der Rechnung. Und das war auch irgendwie herzig.

Handgemalte Herzchen. Kriegt wahrscheinlich jeder Gast, ist aber trotzdem nett.

Handgemalte Herzchen. Kriegt wahrscheinlich jeder Gast, ist aber trotzdem nett.

 

Die dunklen Stunden der 24-Hours-Gesellschaft

Réda El Arbi am Montag, den 18. August 2014
Zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens ist der Bahnhof ein Friedhof.

Zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens ist der Bahnhof ein Friedhof.

«24-Stunden-Gesellschaft» ist eines der Schlagworte, wenn in der Schweiz von Stadtentwicklung gesprochen wird. Wir spüren diesem urbanen Lebensgefühl des endlosen Tages im Hauptbahnhof nach, zwischen Samstagmitternacht und Sonntag sechs Uhr früh. Ein Augenschein.

23.57 Uhr
Die meisten Lokale am HB sind noch geöffnet, vor dem Federal sitzen die Stammgäste beim letzten Bier, die grosse Halle leert sich langsam. Partygänger strömen Richtung Escher-Wyss-Platz und Langstrasse. Man sieht grosszügig grelles Make-up, nicht geeignet für das Bahnhofsneonlicht. Irgendjemand muss den jungen Frauen weisgemacht haben, es wäre Sommer – die Miniröcke nicht breiter als Gürtel. Eine Welle aus Axe-Deo und Testosteron nebelt die Uhr am Treffpunkt ein. Jugendliche glühen vor, mit Wodka und Red Bull bei den Bänken in der Halle, um später in den Clubs kein Geld für Drinks zu verschwenden. Im Nachtshop in der Hallenecke kaufen einsame Männer einsame Fertigmahlzeiten auf dem Nachhauseweg.

0.16 Uhr
Unten bei den Schliessfächern kleidet sich eine kostümierte Hen-Night-Gruppe um, die Alltagsklamotten legen sie für fünf Franken im Teilzeit-Safe der SBB ab. Die Unsitte, in lächerlichen Kostümen in die Stadt zu kommen und alkoholisiert andere Alkoholisierte zu belästigen, hat in letzter Zeit überhandgenommen. Die jungen und nicht mehr ganz so jungen Damen sehen aber schon erschöpft aus. Sie sind auf dem Nachhauseweg, haben ihren Bissen der 24 Stunden bereits geschluckt.

Papa sucht einen neuen Schlafplatz. In Indien undenkbar: Schlafverbot am Bahnhof.

Papa sucht einen neuen Schlafplatz. In Indien undenkbar: Schlafverbot am Bahnhof.

Daneben eine Familie, dunkelhäutig und mit teurem Gepäck. Die Rail Security versucht sie wegzuweisen. «Schlafen ist nicht erlaubt», erklärt einer der jungen Uniformierten dem Vater der Familie. Und als dieser auf Englisch antwortet, dass sie nur auf den nächsten Zug nach München warten, schreit der Securitymann etwas lauter «Schlafen nicht erlaubt!», als ob die fremdsprachige Nachricht mit mehr Dezibel für den Mann verständlicher würde. Die Familie packt ihre Sachen zusammen und lässt sich von der halben Rolltreppe in die Mitte der Halle tragen. Ich erkläre dem Vater, dass man sich auch hier nicht hinlegen darf. Sitzen darf man die ganze Nacht, aber man sollte aufpassen, dass man sich nicht zur Seite neigt, sonst könnte man weggewiesen werden.

Im Zürcher Hauptbahnhof sind Nacht und Müdigkeit noch lange kein Grund, sich hinzulegen. Die jungen Sicherheitsleute wissen wahrscheinlich nicht, dass diese Regel noch aus den 90ern stammt, aus Platzspitz- und Lettenzeiten, als im Park nebenan Tausende Junkies lebten und dealten. Die Regel: «Kein Schlafen im Hauptbahnhof» war auf diese Drogensüchtigen gemünzt, nicht auf indische Europa-Reisende, deren Kinder kaum mehr die Augen offen halten können.

1.05 Uhr
Ich gehe weiter und genehmige mir einen Mitternachtsimbiss bei Burger King, einer der wenigen Anlaufstellen, die bis morgens um sechs geöffnet haben. Hier herrscht grosser Ansturm, eine letzte Stärkung vor dem Club, und für einige soll das Essen den bereits getrunkenen Alkohol aufnehmen und seinen Weg in die Blutbahn abbremsen.

1.18 Uhr
Nach Mitternacht bis morgens um zwei ist die ruhigste Zeit im Bahnhof. Die einen sind weg, die anderen noch nicht zurück. Die majestätischen Hallen leer, die eleganten Fernzüge dösen gemütlich auf ihren Gleisen der nächsten Reise entgegen. Einzig die Infrastruktur ist gefragt. Vor den Geldautomaten stehen Leute an, um Geld ins Zürcher Nachtleben zu tragen. Vor den Toiletten warten Leute, um das mit dem Geld eingekaufte Gut wieder in den Kreislauf der Stadt einzuspeisen. Das ewige Spiel des Lebens.

Kleine wieselflinke Reinigungskarts flitzen durch die Halle und nutzen die Stunde vor dem Rückflug der Partyvögel, um leere Bierbüchsen und umgekippte Pappbecher zusammenzukehren. Die Zeit schleicht. Ein Team Kantonspolizisten bereitet sich auf die Nachtschicht vor, scharf rasiert und freundlich die Männer, die Frauen abweisend mit praktisch zusammengebundenen Haaren.

«Samstag ist wie Vollmond», sagt einer der Beamten. Die Einsätze seien häufiger, mehr Randale, mehr Betrunkene. Für ihn bedeutet «24-Stunden-Gesellschaft» in erster Linie Nachtschicht. Ich frage ihn nicht, wies denn wär, wenn der Vollmond auf einen Samstag fiele.

2.05 Uhr
Ich setze mich ins Baretto, ein kleines Café. An der Bar bettelt eine Betrunkene in teuren Kleidern um einen weiteren Drink, nebenan sitzt eine junge Frau in einem 70er-Jahre-Kleidchen und lächelt gedankenverloren zwei Rosen an, die sie offenbar an diesem Abend geschenkt bekommen hat. Sie scheint einen guten Abend ausklingen zu lassen. Ich wünsche ihr, dass das gute Gefühl länger hält als die gefroren importierten Rosen.

Die Dame macht nicht Werbung fürs Nachtleben, sondern für die Bahnhofsapotheke.

Die Dame macht nicht Werbung fürs Nachtleben, sondern für die Bahnhofsapotheke.

2.15 Uhr
Ich mache meine nächste Runde um den Bahnhof und stelle fest, dass die Permanence, die ewige Arztpraxis, geschlossen ist. Das, obwohl sie sinnbildlich das Zürcher Nachtleben in den Auslagen ausstellt: Eine übergrosse Schönheit wirft sich eine Pille ein. Tagsüber fällt diese kleine Alltagsironie kaum auf.

2.47 Uhr
Die Nacht fordert ihr erstes Opfer: Zwei junge Frauen reden auf eine dritte ein, die in einer Pfütze am Boden sitzt und weint. Man weiss nicht genau, ob die Pfütze schon vorher da war, aber man hofft, dass die Frau sich bald erhebt. Eine Mischung aus Fremdschämen und Mitgefühl.

Endlich das erste grosse Drama: Die Taxifahrer auf dem Bahnhofsplatz weigern sich, Gäste für «zu kurze Fahrten» mitzunehmen. Also bis Goldbrunnenplatz oder Bullingerplatz. Die Zürcher Gäste lassen sich das nicht bieten und beschimpfen die Fahrer lautstark, andere Passanten unterstützen sie. Die Fahrer zeigen sich ungerührt. Endlich erbarmt sich einer, wohl weil er einen grösseren Aufstand fürchtet. Der Zürcher Servicegedanke ...

Der Akkordeonspieler aus Bukarest spielt nachts als wärs Nachmittag.

Der Akkordeonspieler aus Bukarest spielt nachts, als wärs Nachmittag.

Vor der Treppe beim Landesmuseum spielt ein Roma auf der kleinen Wiese Akkordeon, einige Leute sitzen da, man spricht miteinander, man bietet sich Zigaretten an und es könnte auch 18 Uhr oder jede andere Tageszeit sein. Keiner der Anwesenden kommt aus Zürich, die Umstehenden aus der Agglo, der Akkordeonist aus Bukarest. Und alle warten auf den Zug, der sie nach Hause bringt. Hier geht einem auf, wie es sich in einer Nonstop-Stadt anfühlen könnte.

3.05 Uhr
Die Clubber kommen in kleinen Gruppen zurück, getrennt nach Geschlecht. Die Jungs versuchen noch in den letzten Minuten vor der Heimkehr im Nachtzug ihr Glück bei den kleinen Herden grell geschminkter Bambis, die sich bereits den ganzen Abend erfolgreich gegen männliche Jäger verteidigt haben. Ab und zu bricht ein alkoholisiertes Reh im Cluboutfit aus und geht auf einen Spruch ein, nur um von den Leitmädchen wieder in die Reihe geschubst zu werden. Man gibt aufeinander acht.

3.45 Uhr
Ich drehe eine weitere Runde, auch durch den neuen Teil des Bahnhofs. Hell erleuchtet und verwaist gleicht er einer Kulisse aus einem Science-Fiction-Film. Die kleinen Reinigungsdroiden, gesteuert von dunkelhäutigen Männern mit müden Augen, unterstreichen die surreale Wirkung der Szenerie. Mit dem Strom, den man hier für die Beleuchtung braucht, könnte man wohl wirklich ein Raumschiff betreiben. Man lässt die Nacht nicht dunkel werden.

Surreale Kulisse im neuen Bahnhof-Teil.

Surreale Kulisse im neuen Bahnhof-Teil.

5.45 Uhr
Der Bahnhof füllt sich wieder mit den Gästen, die es aus den Clubs schwemmt. Die, die schon jetzt nach Hause gehen, konnten dem Alkohol wohl keine anderen Stimulanzien entgegensetzen. Einige scheinen wirklich Spass zu haben, andere scheinen jedoch eher unter ihrem Konsum zu leiden. Streitereien auf der Rolltreppe, eine Frau wirft ihre Handtasche nach ihrem Begleiter, nur um nachher weinend Lippenstift, Schlüssel und wahrscheinlich das Handy von den Rillen der bewegten Stufen zu klauben. Die ganz privaten kleinen Tragödien, von Samstagnacht-Drinks an die Öffentlichkeit gespült.

6.10 Uhr
Die ersten Sonntagspendler bevölkern den Bahnhof, die Dämmerung bricht an und wir verlassen die dunkle Seite des Stadtlebens.

Zur 24-Stunden-Stadt fehlt Zürich die Normalität des Nachtlebens. Bis auf einige wenige Lokale und die Clubs ist nachts in Zürich tote Hose. Kein Nachteinkauf wie in Bangkok, keine Schichtindustrie wie in New York, nur die Vergnügungsmeile ist in Betrieb. Die meisten Nutzer dieser schmalen urbanen Rund-um-die Uhr-Dienstleistungsgesellschaft scheinen auch nicht aus der Stadt selbst zu sein. Die Stadt nicht als Schmelztiegel, sondern als grosses Theater, in dem man sich kurz auf die Bühne begibt und wieder abtritt, wenn der Vorhang fällt. Zu einer echten Nonstop-Urbanität fehlen uns doch noch ein paar Stunden. Und die Selbstverständlichkeit, morgens um drei ein Mittagessen zu sich zu nehmen, wie man es etwa in Tokio macht.

Moderne Bahnhofsarchitektur ohne Menschen hat immer etwas Futuristisches.

Moderne Bahnhofsarchitektur ohne Menschen hat immer etwas Futuristisches.

Wer sind die Rich Kids?

Alex Flach am Montag, den 18. August 2014
Für eine Flasche Champagner mehr bezahlen als andere an einem Tag verdienen.

Für eine Flasche Champagner mehr bezahlen als andere an einem Tag verdienen.

«Endlich zuhause nach vier Stunden Gehweg von Zürich Altstetten nach Bremgarten. Das wird mir eine Lehre sein den letzten Zug zu verpassen.» Gemäss Google Maps braucht man für diese Strecke nur etwas über drei Stunden. Jedoch war der Verfasser dieses sympathischen Facebook-Status, der Aargauer Clubber Heni Henix, nicht bei Tageslicht und wohl auch nicht gänzlich nüchtern unterwegs.

Die meisten von uns kennen solche ausgedehnten Nachtspaziergänge, haben in ihren Sturm- und Drangjahren selbst welche unternommen: Die Brieftasche ist leer, ein Taxi unerschwinglich und die Wegstrecke scheint einem ziemlich gemütlich zu bewältigen. Nach drei Kilometern, wenn sich der letzte Rest Alkohol vom Blut verabschiedet und man erkennt, dass erst ein Fünftel der Strecke zurückgelegt ist, legt sich der Optimismus ein wenig.

Die Rich Kids von der Goldküste dürften solche Anekdoten nicht in ihrer Biografie stehen haben, sie beschäftigen andere Probleme: Wie das 20minuten am Donnerstag verkündet hat grämen sie sich weil nur noch Agglos in «ihren» Zürcher Edelclubs feiern. Sie würden daher auf Nobellokale im Ausland ausweichen oder ihren Champagner an privaten Home-Partys verspritzen. Aber was sind Rich Kids überhaupt?

Seit dem Bahnhofstrasse-Club St. Germain ist ihr Profil in Stein gemeisselt: Dekadente Söhnchen oder Töchterchen reicher Eltern, die sich nicht um die Erziehung ihres Nachwuchses kümmern und die ihre daraus resultierenden Schuldgefühle kompensieren, indem sie deren Taschen mit Geld füllen. Das ist natürlich nur ein stereotypes Vorurteil, ein Bild, das von ein paar betuchten Partyposern mit Hang zum schlechten Geschmack gemalt und das dann von der (nicht so begüterten) Allgemeinheit nonchalant auf alle jungen Goldküstenbewohner angewandt wurde.

Viele junge Menschen aus gutem Haus planen ihren Ausgang aufgrund ihres akademischen und kulturell interessierten Backgrounds und nicht anhand der Höhe des elterlichen Kontostandes, sind bereits zu St. Germain-Zeiten lieber an die Langstrasse oder nach Zürich West clubben gegangen als an die Bahnhofstrasse. Bloss haben sie sich in ihrem Umfeld nie als Kinder reicher Eltern zu erkennen gegeben und sind daher auch nie aufgefallen, ganz im Gegensatz zu ihren Geldgenossen in den Edelclubs. Die wiederum stammten oftmals gar nicht aus reichem Hause, sondern haben nur getan als ob und sich bisweilen gar in Schulden gestürzt, nur um mit ihren gut betuchten Kollegen mithalten zu können.

Andererseits waren und sind selbst Anführer der Zürcher Subkultur eigentliche Rich Kids: Tobias Rihs, einer der Betreiber der legendären Dachkantine auf dem Toni-Areal, ist der Sohn des Multimillionärs Andy Rihs (ehemals Phonak). Die Öffentlichkeit liebt Stereotypen, zeigt liebend gerne mit dem Finger auf Gruppen oder Einzelpersonen, ohne vorher abzuklären, ob die Wahrheit eventuell nur ein Vorurteil ist. In Geldmangel gründende Gewaltmärsche wie Heni Henix letzte Woche einen unternommen hat, brauchen wohl auch die im kulturellen Teil des Nachtlebens verkehrenden Rich Kids keine zu unternehmen. Mit der sinnentleert prassenden Geldjugend eines St. Germain haben sie aber noch viel weniger gemein.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Gesehen und für gut befunden

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag, den 14. August 2014
Klebrig und geil.

Klebrig und geil.

Dieser Sommer ist ja ein bisschen lauwarm, fast so wie eine dauerhafte Affäre. Zeit, die Zügel selber in die Hand zu nehmen und sich dem Genuss hinzugeben. Deshalb ein paar neue Dinge, die uns in Zürich aufgefallen sind und die auch etwas mit dem Sommer zu tun haben.

Grün und gesund.

Grün und gesund.

Der Saftladen
Man sieht sie in Grossstädten gerne: diese dickflüssigen, giftgrünen Säfte. Nun gibt es auch in Zürich einen neuen Laden, in dem man solche – sicherlich äusserst gesunden – Mixturen kaufen kann. In der Sasou Saftbar an der Neugasse mixt Tiffany Kappeler die Fruchtsäfte und die Smoothies gleich vor Ort. Wir haben einen namens Karma Police probiert. Was da drinsteckt? Fast nichts jedenfalls, was man sich in einem Getränk vorstellt: Gurke, Sellerie, Spinat, Birne, Petersilie, Koriander, Zitrone. Ist nicht nur ein gutes Accessoire, sondern schmeckt auch ausgezeichnet. Daneben gibt es im Sasou Sandwiches, Brotaufstriche, hausgemachte Kuchen und kalte Suppen zum Mitnehmen. Neugasse 41, 8005 Zürich. Facebook

Foto 2

Good to Go.

Feine Sandwiches
Der Good to Go bietet eine willkommene Alternative zum überall vorherrschenden Kebab-Einerlei. Hier sind die Sandwiches und die Salate mit frischen und originellen Zutaten angefertigt. Wir haben das Chicken Run probiert, es enthält unter anderem Mango, Crème fraîche, Kräuter, Avocado, Randensprossen und Sojasauce. Die «Lady-Portion» schlägt mit 9.50 Franken zwar stattlich zu Buche, doch das Sandwich ist gut. Die doppelt so grosse Variante kostet übrigens 16.50 Franken. Gerne mehr solche Orte in der Stadt, trotzdem.
Spitalgasse 12, 8001 Zürich. Good to Go

Bunt und klebrig.

Geiles Gazosa.

Champagner für Arme
Und wieder etwas, das einfach wahnsinnig gut aussieht, wenn man es trägt. Das Gazosa oder wie man es im Tessin wegen des zischenden Geräuschs beim Öffnen nannte, der Champagner der Armen. Es ist ja nicht so, dass das Angebot an Gazosa (Gazosi?) in Zürcher Lokalen nicht irgendwo zwischen umfassend und erschöpfend schwanken würde. Doch das Gazosa 1883 macht nochmals richtig Freude, auch weil es in Zürich entwickelt wurde und laut Hersteller alleine aus natürlichen Aromen gebraut wird. Das sind die Sorten, jede natürlich mit einer anderen, an den fernen Sommer erinnernden Farbe: Mela verde, Pompelmo rosa, Sanguinella, Moscato, Limone, Mandarino und neu auch Mirtille. Wie es schmeckt? Klebrig und geil. Erhältlich in der Bar Ihres Vertrauens oder online bei Langendorf.

Gebrüder Müller.

Gebrüder Müller.

Möbel für alle
Im Quartier Enge haben die Brüder Samuel und Dominik Müller das Möbellager eröffnet. Sie schreiben: «Egal ob Beizenstuhl, Gartenmöbel, Gussfüsse, BAG-Turgi-Lampen oder Eames-Stühle, Einzelstücke oder Grossaufträge, bei uns sind Sie richtig.» Glauben wir auf der Stelle, weil die Müllers feine Typen sind. Gleich nebenan gibts übrigens eine Kaffeerösterei und das billigste Benzin der Stadt. Bederstrasse 85, 8002 Zürich. Möbellager

Gute Getränke.

Gute Getränke.

Piraten am See
Und dies noch: Dieser Anlass katapultiert einen mental in die Südsee. Wir waren im letzten Jahr schon an der Rum-Degustation im Fischers Fritz direkt am Zürichsee – in Leinenhosen, Panama-Hut und bis zum Bauchnabel geöffnetem Hemd, versteht sich. Werden wir auch in diesem Jahr tun, Wetterkapriolen hin oder her. Mittwoch, 20. August ab 17 Uhr. Paul Ullrich

Foto

Gone.

Adieu!
Und dann doch noch dies: Eigentlich wollten wir auch etwas über den neuen Kaffeeladen gleich bei uns um die Ecke schreiben. Der hatte immer lustige Schilder draussen. Doch ist da nichts mehr ausser dem hingeschmierten Hinweis «Danke Züri». Schade. Und gerne wüssten wir mehr über dieses kurze Glück.

Ein Zürcher in Wien

Réda El Arbi am Mittwoch, den 13. August 2014
Irgendein Winer Held, der irgendwann mal die Geschicke Europas verändert hat.

Irgendein Wiener Held, der irgendwann mal die Geschicke Europas verändert hat.

Wir Stadtblogger verlassen die Stadt Zürich immer mal wieder, um unseren Horizont zu erweitern – und um uns zu überzeugen, dass Zürich noch immer der Nabel der Welt ist. Dieses Mal war unser Autor in Wien.

Mit dem Zug nach Wien zu reisen verhindert einen Kulturschock. Die rund zehnstündige Zugreise beginnt mit einem Abteil voller Zürcher, die sich Station für Station langsam gegen Österreicher einwechseln. Bei St Pölten, kurz vor Wien, merkt man plötzlich, dass man die Leute zwar noch versteht, dass sich die Atmosphäre im Waggon aber eindeutig geändert hat. Die Leute sprechen miteinander, auch wenn sie sich nicht vorgängig kennen.

In Wien angekommen, nehm ich die U-Bahn vom Westbahnhof in den 2. Bezirk. Und hier, im U-Bahnwagen, fällt mir der erste grundlegende Unterschied zwischen Zürich und Wien auf. Ich komme aus einer Stadt der stummgeschalteten Handys. Wenn in Zürich jemand per Whatsapp oder per SMS kommuniziert, erntet er beim dritten Bimmeln böse Blicke. Hier in Wien fühlt man sich wie in einem MTV-Werbespot für Klingeltöne. Niemand scheints zu stören, und auch ich bin nur ein wenig erstaunt, dass ich im Gebimmel und Geklingel der Mobiltelefone Melodien erkenne, die ich seit zehn Jahren nicht mehr gehört hab.

Ein Vollbad in Geschichte

«Du gehst nach Wien?», fragte mein Umfeld vor meiner Reise, um gleich anzuführen: «Wunderbare Stadt! Blablabla Kultur! Blablabla Geschichte! Blablabla Sissi! Blablabla Freud!», während ich eigentlich nur «Schnitzel!» und «Kaffeehäuser!» denke. Ich muss zugeben, Museen und Kultur interessieren mich nur am Rande. Ich wollte eher Wiener kennenlernen. Nur, in Wien kriegt man das eine nicht ohne das andere.

Jede Ecke dieser grossen Stadt ist geschwängert mit Vergangenheit, vollgesogen mit Zeitgeschehen. Während in der Zürich Geschichte gepflegt werden muss, gammelt sie hier in Wien in jeder Häuserzeile vor sich hin. Statuen grosser Männer, die irgendwann mal in Kultur, Politik oder Wissenschaft Europa geprägt hatten, stehen an jeder zweiten Kreuzung den Tauben zur Verfügung. In der Schweiz wär das unerträglich, da wir unsere Helden viel stärker herausputzen. Hier in Wien gibts einfach zu viele davon, als dass man sich noch wirklich um die Einzelnen kümmern könnte. Und so rosten die Helden so mancher geschlagenen Schlacht mitten in den Abgaswolken vor sich hin, ohne dass jemand sie beachtet. In Wien muss man keine Museen besuchen. Wien ist insgesamt ein etwas vernachlässigtes Museum. Das macht die geballte Ladung an Vergangenheit erträglich.

Titel und Status

Aber es sind nicht nur die Strassen, die alte Geschichten erzählen. Auch die Gesellschaftsstruktur trägt noch die Züge der Monarchie. Mir, als direktdemokratischem Schweizer ohne monarchistischem Hintergrund, fällt auf, dass die Menschen hier noch in einer Hierarchie eingebunden sind, die mir völlig unverständlich ist. Adel zählt, genauso wie ein akademischer Titel, Während meine Freunde ihren «Dr.» eher hinter ihrem praktischen Leistungsausweis verstecken, wird hier auch eine Psychotherapeutin von ihren Klienten noch mit «Frau Doktor» angesprochen. Man stellt sogar einen «Magister» vor seinen Namen, wenn man einen hat. Auch Adelstitel klingen noch immer in der Who-is-Who-Welt Wiens. Wo wir C-Promis haben, haben die Wiener die letzten übriggebliebenen Brosamen der Monarchie.

Die Vorstellung, dass eine Elite die Gesellschaft führen müsse, ist hier noch sehr lebendig. Auf der anderen Seite ist hier die Linke auch wirklich noch eine Arbeiterbewegung und nicht ein Verein mittelstandsverweichlichter Möchtegern-Sozialisten wie bei uns. Die politische Kultur erinnert an die 1920er Jahre in Zürich.

Der bescheidene Habsburger

Ich treffe in einem Café beim Palmhaus per Zufall einen Habsburger, einen echten. Eduard Habsburg-Lothringen (mit vollem Namen: Eduard Karl Joseph Michael Marcus Antonius Koloman Volkhold Maria Habsburg-Lothringen). Er benutzt nur seinen Kurznamen und protzt auch nicht mit seinen anderen Titeln (obwohl er sich wahrscheinlich Professor und Erzherzog nennen darf). Er erzählt Geschichten, in denen Geschichte mitschwingt. Seine Grosseltern mussten vor den Russen fliehen, in die Schweiz und danach nach Deutschland. Er kam zurück nach Wien. Er versucht, seine weitläufige Familie ins 21. Jahrhundert zu führen. Zum Beispiel mit einer Facebookgruppe für die Adelsfamilie Habsburg oder mit seinem Twitteraccount. Er erzählt, dass sie (die Habsburger) sich kürzlich einig werden mussten, wie man sich zum 100. Jahrestag des 1. Weltkriegs verhielte. Keine leichte Aufgabe, wenn die eigene Familie für einen Weltkrieg verantwortlich gemacht wird. Und trotz aller Bescheidenheit glaubt Eduard an Hierarchie. Er ist Medienreferent des Bischofs von St Pölten und überzeugter Anhänger des Papstes, der wohl als letzter Mensch auf der Welt noch eine Art kaiserlichen Status besitzt.

Hier ist alles etwas grösser, etwas gewichtiger. Wien war das Herz Europas, jahrhundertelang der Motor europäischer Geschichte. Jetzt steht dieses Herz jedoch in einem Konservierungsglas des medizinhistorischen Museums. In der Gegenwart ist Wien irrelevant für das politische Europa. Das erklärt vielleicht, wieso hier die Geschichte noch Platz im Alltag hat.

Freizeit und Kontakt

Abends mache ich mich auf in die Hipstergegend, ins Museumsquartier. Hier treffen sich die Wiener im Ausgang. Natürlich gehts auch hier nicht ohne Kunst und Kultur, aber die Atmosphäre ist gelöst, man trinkt Bier auf dem Platz. Es dauert etwa zwanzig Minuten, bis mir auffällt, dass etwas fehlt: Keiner kifft. In Zürich ist ein Sommerabend in der Stadt ohne den süssen Duft einheimischen Grases undenkbar. Auch findet man hier schnell Kontakt, Leute sprechen mit mir, ohne dass ich jemanden kenne. Erstaunlich, wenn man aus Zürich kommt, wo man erst als Freund eines Freundes ein Gespräch mit jemandem beginnen darf. Die Wiener leben ihren Status und ihren Dünkel eher im Alltag, mit ihren Titeln und ihrem gesellschaftlichen Stand. Die Zürcher hingegen zeigen ihren Status eher in der Freizeit. Es ist uns wichtiger, den DJ zu kennen, als den Architekten, der den Club gebaut hat.

Nach zwei Tagen Wien vermisse ich noch immer die sprichwörtliche  Wiener Leichtigkeit. Ich sauge eine etwas melancholische Stimmung auf und mir wird die Stadt zu schwer – alles ist gewichtig, monumental, etwas grossspurig. Ich setze mich in den Zug nach Zürich, zurück in die Gegenwart, zurück in die oberflächliche Leichtigkeit, weg von der mächtigen Donau, heim an die beschauliche Limmat.

Wien ist wunderbar. Aber, genau wie das Wiener Essen, ist die Stadt vollgesogen mit sinnbildlichem Öl, das zwar gut runterrutscht, aber schwerer im Magen liegt, als man erwartet.