Niemand sitzt mehr richtig

Miklós Gimes am Mittwoch, den 6. Juli 2016

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Das Gute am Brexit ist, dass wir nicht mehr allein sind. Man liest jeden Tag Interviews mit berühmten englischen Architekten und Schriftstellerinnen, die ihr Land nicht mehr verstehen. Die sich entsetzt fragen: Wo leben wir eigentlich? Es ist, als hätten wir grosse Brüder und grosse Schwestern erhalten, denen es auf einmal auch so geht wie uns.

Für uns ist das ja alles nicht neu, damit schlagen wir uns seit 1992 herum, seit der verlorenen Abstimmung über den EWR, 50,3 Prozent Nein.

Das kennen wir, erst das Staunen, das Nichtwahrhabenwollen, dann die Wut, die kämpferischen Töne – haben wir alles durchgemacht. Dann das Auf­wachen und die Erkenntnis, dass es offenbar Menschen gibt – leider die Mehrheit im Land –, die ein anderes Weltbild haben als die 49,7 Prozent der Proeuropäer. Nichts zu machen.

Ihr Engländer werdet noch sehen, denkt man etwas resigniert, wie die Europafrage eure Medien verstopfen wird, ihr werdet von nichts anderem reden, endlos verhandeln, der Schriftsteller William Boyd sieht es richtig voraus: «Man wird eine Menge Zeit, Kosten und Mühen in ein Vertragswerk stecken, dessen Vorteile man als EU-Mitglied selbstverständlich geniesst. Und am EU-Tisch mitreden kann man dann auch nicht.»

Und doch haben sie etwas Erfrischendes, die ersten Äusserungen von der Insel, es kommen neue Argumente, undogmatisch, hoffnungsvoll. «Generell halte ich Volksentscheide für ein schwieriges Instrument», sagt William Boyd im TA, «die meisten entscheiden aus dem Bauch heraus; kaum einer ist in der Lage, die Tragweite solcher Entscheidungen zu durchschauen. Der Mensch ist ein kurzsichtiges Tier, volatil, subjektiv, stimmungsabhängig. Es bräuchte eine 60-Prozent-Hürde. Solche Abstimmungen spalten die Gesellschaft, sind nicht eindeutig – und führen zu einem schmutzigen Wahlkampf voller Vereinfachungen.»

Wer bei uns so etwas sagte, der würde gelyncht. Man würde ihm Arroganz vorwerfen, niemand darf sich bei uns zum Richter über das Volk aufschwingen, die Engländer haben keine Ahnung von direkter Demokratie. Aber wir werden ihre nächsten Schritte beobachten.

So wie wir die Österreicher beobachten werden, die haben auch Probleme, es zeichnet sich eine Front ab, die quer durch Europa geht, es kocht, es brodelt. «Niemand sitzt mehr richtig», schreibt der österreichische Filmregisseur David Schalko in der FAZ, «man hat das Gefühl, in einer Gesellschaft der Überforderten und Unterforderten zu leben. Eine aufgeriebene Zeit, in der sich niemand mehr auf irgendjemanden verlassen kann.» Schalko beschreibt eine Endzeitstimmung, er hofft auf Anregungen aus der digitalen Welt: «Es geht um die aktive Gestaltung von Lebenswelten, eines offenbart die Wut der Rechten: die Sehnsucht nach etwas Gemeinsamem

Wir leben in aufregenden Zeiten, und das Paradoxe dabei: Unser einsames Leiden am Populismus ist zu einer europäischen Krankheit geworden, wir sind nicht mehr allein, aber wir haben viel Erfahrung. Vielleicht könnte Zürich zu einer Drehscheibe der Antipopulisten werden, wo Ideen ausgetauscht werden; wäre eine Abwechslung, zwischen zwei Fifa-Kongressen.

Frauenquote im Club

Alex Flach am Montag, den 4. Juli 2016
Ist das Geschlechterverhältnis nicht ausgeglichen, kann die Party schnell langweilig werden.

Ist das Geschlechterverhältnis nicht ausgeglichen, kann die Party schnell langweilig werden.

Die sozialen Medien geben dem Volksgemüt ein Gesicht und das guckt oft empört, dann wieder erzürnt und bisweilen steht ihm vor Entsetzen der Mund weit offen. Hat man früher den Unmut über des Lebens Unfairness in einen Leserbrief abgefüllt oder ihm mit einer leidenschaftlichen Rede am Stammtisch Ausdruck verliehen, so widmet man ihm heute einen Status auf Facebook und lässt sich diesen von seinen Freunden liken. Doch manchmal, bei wahrhaft skandalösen Ungerechtigkeiten und wenn die ganze Welt davon erfahren soll, braucht man ein grösseres Ventil um Dampf abzulassen. Dann ruft man die Zeitung an.

So auch die 23jährige 20minuten-Leserin J.K., die solch unfassbarem Leid Gewahr wurde, sodass sie sich nicht mehr anders zu helfen wusste. Hier ihre Geschichte: «Mich hat vor dem Zürcher Club Plaza ein verzweifelter Mann angesprochen – er habe für den Abschluss der Offiziersschule extra eine Lounge reserviert, um dies mit seinen Kollegen zu feiern. Weil die Gruppe aus rund zehn Typen ohne Frau bestand, wurde ihr der Einlass verwehrt. Ich und meine zwei Freundinnen hatten Mitleid mit ihnen und sind mit den Jungs zum Türsteher. Doch auch das reichte nicht: Der Security beharrte auf einer Frauenquote von 50 Prozent und liess deshalb nur einen Teil der Gruppe in den Club. Ich finde das unfair».

J.K.s Klagelied stiess nicht auf taube Ohren: Nach 122 Leserkommentaren musste die Onlineredaktion des 20minuten die Kommentarfunktion wegen „der hohen Zahl eingehender Meinungsbeiträge zum aktuellen Thema“ schliessen. Am meisten Zustimmung (sagenhafte 696 Likes) fand ein Kommentar mit dem Titel «Feministen am Werk»: «Der Herr Angst (Mitglied Geschäftsleitung Plaza) hat wohl Angst und die Feministin vergleicht Äpfel mit Birnen. Anstatt dass man schaut, dass Frauen gleich viel verdienen wie Männer, sorgt man nun einfach dafür, dass Männer andere Nachteile im Leben als Frauen bekommen. Super Sache! Ausserdem: Wieso muss die Tanzfläche attraktiv wirken? Geht es in Clubs nur noch darum andere aufzureissen? Klingt für mich auch sehr sexistisch. Und wegen einigen Raufbolden die sich nicht zu benehmen wissen, alle Männer in die gleiche Schublade zu stecken, geht auch überhaupt nicht!».

Mal abgesehen davon, dass das Plaza leider nicht viel dazu beitragen kann, dass Frauen gleich viel verdienen wie Männer: Bei dieser 50%-Regelung geht es nicht um Raufbolde, sondern um ein möglichst ausgeglichenes Geschlechterverhältnis – ein dauerhaft zu hoher Männeranteil bedeutet für jeden Clubmacher auf lange Sicht das Aus, Betreiber von Schwulenclubs natürlich ausgenommen. Zudem: Eine Tanzfläche muss selbstverständlich attraktiv wirken.

Je länger man der Stampede der Entrüsteten unter dem 20minuten-Artikel zusah, umso klarer manifestierten sich zwei Fragen: Wann sind wir zu den peinlichen Wohlstands-Luschen geworden, die wegen Lounge-Reservationen(!) ein solches Tamtam veranstalten und wann ist es legitim geworden, sowas Unbedeutendes wie das hier auf eine Stufe mit geschlechterspezifischer Benachteiligung im Berufsleben zu hieven?

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Züri Fäscht: Piercing? Yolo! 2 für 1!

Réda El Arbi am Samstag, den 2. Juli 2016
Yay! Fast gratis! Unbedingt voll ausnutzen! Körpeschmuck-Discount!

Yay! Fast gratis! Unbedingt voll ausnutzen! Körpeschmuck-Discount!

Beim Durchstöbern der Angebote am diesjährigen Züri Fäscht bin ich neben gefühlten 10 000  Lounge-Bar-Clubs auf ein wortwörtlich bestechendes Angebot gestossen:

Giahi-Tattoo (ihr wisst schon, diese Tattoo-Ladenkette, das Starbucks-Äquivalent für Sternchen im Nacken und gepiercte Oberlippen) bietet am Züri Fäscht Piercings 50 Prozent billiger an. Ich kann mir also meine Lippe doppelt stechen lassen – oder alle vier für den halben Preis. Natürlich in einer Lounge-Bar-Clubamosphäre. Der Traum jedes 20-jährigen Partyhuhns!

Natürlich ist es da, mitten im Trouble des Fäschts, auch die beste Entscheidung, sich irgendwo ein Loch hineinstechen zu lassen. Dass die hygienischen Verhältnisse nach dem 14. Lounge-Club-Bar-Besuch beim Rumstolpern im Müll oder beim Austausch von Körperflüssigkeiten mit dem neuen Fäscht-Gschpusi rapide auf den Level einer Deponie in Mexiko City sinken könnten, ist bei dem Preisvorteil vernachlässigbar.

Tätowieren lassen kann man sich übrigens nur mit Voranmeldung. Da scheinen die einheimischen Tätowierer viel aus dem Film «Hangover II» gelernt zu haben. Aber auch die Tattoos sind 20 Prozent billiger! (Yay, das sind 6 statt 5 kleine herzige Sternchen für ein ganzes Leben  am Handgelenk und im Nacken! Oder so.) Wenigstens müssen sie sich nicht mit Strafklagen von Männern herumschlagen, die sich besoffen in filigranen, chinesischen Buchstaben «Dicke Titten» auf die Brust haben stechen lassen.

Auch Piercings werden nicht an Betrunkenen durchgeführt. Obwohl ich mich frage, wie man das kontrollieren will. Gibts so Röhrchen, in die die Leute blasen müssen? Weil, es ist Züri Fäscht, und man merkt den Leuten den Alkohol nicht so gut an, wenn sie auf Koks oder XTC sind.

Egal. Die Löcher wachsen ja wieder zu, wenn mans nicht mag. Meistens. Und die Entzündungen sind sicher weniger schlimm, als die, die man hatte, als man sich das Zungenpiercing am Open Air hat stechen lassen. Schliesslich hats kaum Schlamm in der Stadt.

Also! Los! Yolo! Yolo zum halben Preis!

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 1. Juli 2016

«Je nach Wetter ist die Luftfeuchtigkeit anders, das spielt bei Tortelli eine Rolle.»

Wer sagt es denn: Um schöne Pasta zu produzieren, braucht man gute Eier. Und fast noch wichtiger ist das Eigelb. Spezialisten kennen einen Trick, wie so gelb wird wie gewünscht. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Eine Regel, die nach wie vor gilt: Um schöne Pasta zu produzieren, braucht es gute Eier. Und fast noch wichtiger ist das Eigelb. Spezialisten kennen einen Trick, wie es so gelb wird wie gewünscht. Wie zum Beispiel der Gastronom Marce Pero vom «Little Italy». (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Ein bisschen gestört ist das schon hier drin.»

Die Manifesta hat sich in Zürich ausgebreitet. Die Macher sagen: Sie ist für alle da! Wirklich? Bendrit Bajra, Facebook-Star, ist da aber ganz anderer Meinung. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

Die Manifesta hat sich in Zürich ausgebreitet. Die Macher sagen: Sie ist für alle da! Wirklich? Bendrit Bajra, Facebook-Star und Klick-König mit grosser Anhängerschaft, hat bei diesem Thema eine ganz anderer Meinung.Vor allem als er «The Zurich Load» des Amerikaners Mike Bouchet sieht, beziehungsweise riecht. Bouchet hat für sein Kunstwerk 80 Tonnen Kot von der Kläranlage Werdhölzli ins Löwenbräu-Areal verschoben. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

«Disziplin.»

Katja Früh auf die Frage, welches Talent sie gerne hätte. (Foto: Raisa Durandi)

Die Regisseurin Katja Früh auf die Frage, welches Talent sie gerne hätte. (Foto: Raisa Durandi)

 

«Wir schauen, wie die Geräte beim Publikum ankommen.»

Muskeltraining unter freiem Himmel: Am Letten können sich Sportbegeisterte so richtig austoben. Foto: Raisa Durandi Zum Artikel

Muskeltraining unter freiem Himmel: Am Letten können sich Sportbegeisterte neuerdings so richtig austoben. Die Maschinen hat die Stadt Zürich aufgestellt, die damit den Trend zum Outdoortsport unterstützt. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Es herrscht in der ZHdK eine Schickeria total.»

Seit knapp zwei Jahren befindet sich die Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) auf dem Toni-Areal. Das Gebäude ist ein Prunkbau, der mehr als 500 Millionen Franken verschlungen hat. Und seit seiner Eröffnung für viel Ärger sorgt. (Foto: Ennio Leanza/Keystone) Zum Artikel

Seit knapp zwei Jahren befindet sich die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) auf dem Toni-Areal. Das Gebäude ist ein Prunkbau, der mehr als 500 Millionen Franken verschlungen hat. Und seit seiner Eröffnung für viel Ärger sorgt. Kritiker sagen, die Funktionalität wurde einer durchgestalteten Architektur gopfert. (Foto: Ennio Leanza/Keystone) Zum Artikel

 

«Wenn ich ins Wasser will, muss ich jetzt über gröbere Steine steigen.»

Fünf Millionen Franken hat sich die Stadt das neue Ufer des 130 Jahre alten Arboretums zwischen Hafen Enge und General-Guisan-Quai kosten lassen. Nun ist es wieder im Originalzustand. Pensionär Gütner Kiebert hat dennoch eine Kritik. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

Fünf Millionen Franken hat sich die Stadt das neue Ufer des 130 Jahre alten Arboretums zwischen Hafen Enge und General-Guisan-Quai kosten lassen. Nun befindet es sich wieder im Originalzustand. Pensionär Gütner Kiebert, der oft hier ist, hat dennoch eine Kritik. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Stopp, nochmals von vorne.
Die Hälfte war nicht bereit.»

In Winterthur wird auf Musik gesetzt: iM Schulhaus Rebwiesen ist das Musizieren, beziehungsweise das Geigenspiel ein pädagogischer Eckpfeiler. Es fördert Konzentration und die Integration von Ausländerkinder. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

In Winterthur wird auf Musik gesetzt: Im Schulhaus Rebwiesen ist das Musizieren, beziehungsweise das Geigenspiel ein pädagogischer Eckpfeiler. Es fördert Konzentration und die Integration von Ausländerkinder. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Sie haben ihr eigenes Ladenkonzept
mehrmals geändert.»

Kaum zu glauben: Mehr als zwei Jahre schon stehen in einem Gebäude an der Bahnhofstrasse drei Stockwerke leer. Es handelt sich um das zukünftige Verkaufslokal der Luxusmarke Prada. Der Bau an Zürichs teuerster Einkaufsmeile verzögert sich weiter. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

Kaum zu glauben: Mehr als zwei Jahre schon stehen in einem Gebäude an der Bahnhofstrasse drei Stockwerke einfach leer. Es handelt sich um das zukünftige Verkaufslokal der Luxusmarke Prada. Der Bau an Zürichs teuerster Einkaufsmeile verzögert sich weiter. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Die Politik könnte bei Musikförderung mehr tun.»

Die Walliser Sängerin Sina trat diese Woche mit 170 Kinder im Zürcher Volkshaus auf. Mit dem Event machte sie darauf aufmerksam, wie wichtig eine frühe Musikförderung ist. Nach ihrer Meinung unternimmt der Staat diesbezüglich zu wenig. (Foto: Basil Stücheli)

Die Walliser Sängerin Sina trat diese Woche mit 170 Kinder im Zürcher Volkshaus auf. Mit dem Event machte sie darauf aufmerksam, wie wichtig eine frühe Musikförderung ist. Nach ihrer Meinung unternimmt der Staat diesbezüglich eindeutig zu wenig. (Foto: Basil Stücheli) Zum Artikel

 

Die dreiste Wasser-Masche von Zürcher Beizern

Simon Eppenberger am Donnerstag, den 30. Juni 2016
Ein Mann fuellt sich das neue Souvenir von Zuerich, die Wasserflasche ZH2O, an einem Brunnen auf in Zuerich am Dienstag, 4. April 2006. Mit der Wasserflasche ZH2O will Zuerich Werbung für das hochwertige Trinkwasser machen, an welchem sich Heimische und Reisende an staedtischen Wasserhahnen sowie den 1200 sprudelnden Brunnen gleichermassen laben. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Aus Wasser mach Geld: Ein Liter H2O aus dem Hahn kostet in Zürich 0,2 Rappen, in der Beiz auch mal knapp zehn Franken. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Dies ist eine Story, wie man sie wohl nur in Zürich erlebt. Ein neues Restaurant geht auf und positioniert sich mit “ökologischer Verantwortung, heimischen Produkten und einfacher Zubereitung” irgendwo zwischen chic und hip. Das hat seinen Preis, aber dieser ist “der Qualität angemessen”, wie sich die Geschäftsführung zur Eröffnung zitieren lässt.

Für den Gast bedeutet das folgendes: Bestellt man zu Fisch und Weisswein zusätzlich Hahnenburger (heimisches Produkt), dann wird man kommentarlos aus einer Mehrweg-Flasche mit Bügelverschluss bedient (einfach und ökologisch). Zum Espresso ist die Flasche leer, man bestellt nochmals Hahnenwasser – und staunt dann bei der Rechnung nicht schlecht: “Wasser ohne, 19 Franken”. Auch wenn das Wasser einwandfreie Qualität hat, diesen Preis halten wir nicht für angemessen – und das Ganze deshalb für einen Irrtum.

Auf den Hinweis, man habe explizit Hahnenwasser und nicht Mineralwasser bestellt, erklärt einem die Bedienung, dass das Hahnenwasser sei. Für fast zehn Franken den Liter? Ja, man wolle auch was für den Service. (Die Rechnung belief sich auf deutlich über 100 Franken für zwei Personen). Wir machen so grosse Augen, dass sie hastig erklärt, dass dies so üblich sei am See, das würden auch andere Beizer so machen. Und “Wasser mit” in Beizen sei ja auch nur Sprudel aus dem Sodaclub.  

Nett, diese Ehrlichkeit. Zürcher Gastronomen ziehen ihre Gäste also gleich reihenweise über den Tisch und verwandeln Züri-Wasser in flüssiges Geld. Es sprudelt in Karaffen oder fliesst aus hippen Bügelflaschen. Und weil es alle machen, sollen wir das akzeptieren? Das Wasserwerk liefert 1000 Liter für 1 Franken 85 in jede Küche. Macht nicht mal 0,2 Rappen pro Liter. Und da war ja auch noch die Diskussion über die Preise für Zürcher Hahnenwasser.

Sie sorgte bereits vor sechs Jahren für Schlagzeilen. Damals enervierten sich viele Restaurantbesucher, wenn sie vier, fünf Franken für einen Liter berappen mussten. Wir haben einen Aufwand und bieten Service!, riefen die Wirte. Die Gäste arrangierten sich damit. Und Beizer, welche sich Ärger ersparen wollen, haben zwei simple Lösungen etabliert: Sie servieren Wasser gratis oder der Gast holt es sich selber. Dem Rest bleibt, die Preise zu kommunizieren.

Ob dem Konzept, für Hahnenwasser klammheimlich beinahe zehn Franken für einen Liter zu verlangen und das am Ende als “Wasser ohne” zu deklarieren, darüber kann man als Gast nur staunen. Übrigens kostet der halbe Liter 6 Franken 50.

Es ist interessant zu sehen, ob sich diese Masche am Ende auszahlt. Statt chic und hip am See kehren wir lieber einmal mehr in unserem Stammlokal ein. Dort ist das Wasser genauso frisch. Und das erst noch zu einem angemessenen Preis: Einem Lächeln und der Weinempfehlung des Tages. Darauf gehen wir gerne ein. Flaschenweise.

Haus am Meer mit Pool

Miklós Gimes am Mittwoch, den 29. Juni 2016

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Diesen Sommer freuen wir uns auf Ferien mit Freunden. Die Planungen laufen seit einiger Zeit. Wir suchten ein Haus in Italien, wenn möglich am Meer, die Kinder wünschten sich einen Pool. Das Angebot im Internet ist riesig, in allen Sprachen, von Airbnb bis zur holländischen Website für Kenner der italienischen Innenarchitektur.

Grundsätzlich gab es Häuser am Meer, meist wilde Bausünden, finanziert mit dem Geld der Emigranten, oder wunderschöne Villen und umgebaute Bauernhäuser in den Hügeln, mit allen möglichen Varianten dazwischen.

Wir diskutierten viel – bin ich der Meer/Strand-Typ oder eher der Country/Relax-Typ? –, wir berechneten An­fahrtswege und Distanzen zur nächsten Bäckerei, wir wussten, ob Kies- oder Sandstrand und wie laut die Strasse ist, die man überqueren muss, doch immer bremste uns etwas vor der finalen Entscheidung. Vielleicht ist einfach die Vorstellung deprimierend, irgendwo hinzufahren, an einen Ort, den man nur von Fotografien aus dem Computer kennt und den Satellitenbildern von Google. So verloren wir Wochen. Im Grunde warteten wir auf ein Wunder.

Doch dann, auf der Website einer seriösen italienischen Agentur, fanden wir ein Haus an der ligurischen Küste, das dem Wunder nahekam, schön eingerichtet, mit einem Pool, man sah ihn auf Google Earth glitzern, man erkannte den Eingang zum Garten und den Parkplatz, das Strässchen zum Meer, es war nicht billig, aber zahlbar, wir schrieben sofort. Am nächsten Tag wollten wir den Fund unseren Freunden zeigen, doch das Haus war nicht mehr auf der Website.

Ja, der Vertrag mit der Agentur sei ausgelaufen, schrieb der Vermieter auf unsere Anfrage, aber das Haus sei zu haben, er mailte uns alle Informationen, Bankverbindungen, den Betrag der Anzahlung, die Kosten für Bett­wäsche und wöchentliche Reinigung, er wies auf die Kurtaxe hin, schickte eine Liste der Läden in der Umgebung. Sehr nett. Ich begann mich zu freuen.

Doch meine Frau war misstrauisch geworden. Der Vermieter hatte uns einen Vertrag geschickt, mit Namen und Adresse, doch seine Unterschrift fehlte. «Es riecht nach Betrug», sagte meine Frau, während ich staunte, wie schnell Begeisterung umschlägt in Misstrauen, ohne dass man gesicherte Fakten hat. Ich gab mir Mühe, sie ernst zu nehmen, als sie sich bei den ligurischen Gemeindebehörden nach unserem Vermieter erkundigte. Die Antwort kam postwendend, es sei kein Mann mit diesem Namen bekannt, und die seriöse italienische Agentur schickte uns eine Warnung, dass unser Vermieter wohl ein Betrüger sei, die von ihm geforderte Anzahlung sei zu hoch. Aus der Traum, es gibt keine Wunder.

Immerhin hatten wir jetzt an den Nachtessen eine aufregende Geschichte zu bieten, sie war der Startschuss zu weiteren Storys, eine Familie mit drei kleinen Kindern hatte in New York eine Wohnung gemietet, als sie abgekämpft vom Flug aus dem Taxi stiegen, standen sie vor einer Baustelle. «Früher sorgten Reisebüros dafür, dass man nicht übers Ohr gehauen wurde», sagte jemand. Ja, früher hat man stundenlang mit dem Vermieter telefoniert.

Wir suchen immer noch, die Zeit drängt. Wir sind guten Mutes. Aber es ist eine böse Welt da draussen.

«Ey, glotz nicht so!»

Réda El Arbi am Dienstag, den 28. Juni 2016
Im Sommer angenehm, ziehen aber auch Blicke an.

Im Sommer angenehm, ziehen aber auch Blicke an.

«Hast du gesehen, wie der geglotzt hat? Der Sabber lief ihm schon aus dem Maul!» – vor mir zwei junge Frauen, so um die 20, die sich über einen Typen unterhalten, der gerade ausgestiegen ist. Und ja, ich muss zugeben, der Typ hat die beiden Frauen angestarrt. Sie trugen beide Hotpants, diese lächerlichen Riemchensandalen, die an Ben Hur erinnern, und eher knappe Blusen.

Sogar ich habe einen Blick riskiert. Oder zwei.

Eine meiner feministischen Bekannten meinte später, bei der Hitze hätten die Frauen das Recht, sich knapp bekleidet in der Öffentlichkeit zu bewegen und nicht angestarrt zu werden. Das Verhalten der Männer zeige nur wieder, wie stark die Frauen als Objekte herhalten müssten.

Nun, nein. Jeder Mensch hat das Recht, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, ohne sexuell belästigt zu werden. Blicke gehören nicht dazu. Man kann es widerlich finden, man darfs sogar mit einem «Glotz nicht so» ansprechen. Aber sexuell motivierte Blicke sind nicht Ausdruck der Unterdrückung der Frau. Sie sind Ausdruck des Menschen als sexuelles Wesen. Solche Blicke werden nicht vom Bewusstsein gesteuert, sondern kommen reflexartig und sind Teil des evolutionären Programmes.

Sie zu verdammen hiesse, die sexuelle Natur, den kategorischen Imperativ, den der Fortpflanzungsdruck in den Menschen gepflanzt hat, zu verleugnen. Wir können nicht sexuelle Botschaften aussenden und erwarten, dass diese keine Reaktion hervorrufen. Solange die Reaktionen die persönliche Freiheit nicht verletzten, muss man damit leben. Und Blicke sind nicht verboten.

Was viele Frauen nicht wissen: Es ist vielen Männern extrem unangenehm, wenn ihnen «das Auge ausrutscht». Die Muskelbewegung im Auge ist oft schneller als der zivilisatorische Kontrollmechanismus im Hirn. Wir reagieren auf nackte Haut und auf erotische Ausstrahlung. Sonst würde niemand Werbung damit machen (was wiederum in manchen Fällen wirklich sexistisch ist). Sonst wären wir als Spezies ausgestorben. Wir sind deswegen nicht schwanzgesteuert. Wir verhalten uns anständig, wir drängen uns nicht auf. Wir haben oft nicht mal den Mut, ein freundliches Lächeln hinter dem Blick herzuschicken. Wir haben nur geglotzt.

Wenn wir gegen diese urmenschlichen, sexuellen Impulse vorgehen, verleugnen wir nicht nur unsere Natur, wir bewegen uns – wenn auch auf der anderen Seite – auf dem gleichen Pfad wie die islamistischen Sittenwächter, die diese Blicke und ihre sexuelle Implikation mit einer Burka unterbinden wollen. Die sexuelle Anziehung zu zensieren ist wider die Natur. Zivilisation bedeutet, angemessen mit Sexualität umzugehen – nicht, sie zu verdammen.

Die Freiheit, sich im öffentlichen Raum zu kleiden wie man will, ist nicht ohne Preis. Man setzt sich so der Freiheit der anderen aus, auf das Äussere so zu reagieren, wie diese wollen. Solange dies nicht die Integrität verletzt, müssen beide Seiten mit der Freiheit des Anderen leben.

Drei Minuten später im Tram. Junger Mann steigt ein, gross, Muskeln unter dem Vintage-T-Shirt, Stoppeln im Gesicht und halblange Surferfrisur.

Junge Frau 1 stupst junge Frau 2 mit dem Ellbogen an und nickt mit dem Kinn in seine Richtung. Beide mustern den Typen von oben bis unten.

Junge Frau 2: «Der bemerkt uns nicht mal …»

Clubs am Züri Fäscht

Alex Flach am Montag, den 27. Juni 2016
Wo man nach dem Feuerwerk noch weiterfeiern kann.

Wo man nach dem Feuerwerk noch weiterfeiern kann.

Als die Vandalen unter König Geiserich im Jahr 455 Rom plünderten, öffneten ihnen die Bürger der ewigen Stadt bereitwillig die Tore. Um Kampfhandlungen und Brandschatzungen zu vermeiden, eilte Papst Leo I. gar an die Stadtmauer zu Geiserich um ihm zu versichern, dass es keinen Widerstand geben werde. In der Folge räumten die Horden Rom bis auf das letzte Goldstück, aber ohne überbordende Gewalt und ohne die Stadt niederzubrennen – es muss eine gigantische Party für die Vandalen gewesen sein.

Während des Züri Fäschts am kommenden Wochenende dürften sich bei manchem Stadtzürcher beim Blick aus dem Fenster ähnliche Gefühle einstellen wie damals bei seinen altrömischen Leidensgenossen während der Plünderung. Mit dem Unterschied, dass die prognostizierten 2,5 Millionen marodierenden Fremden Geld in die Stadt tragen und nicht welches abtransportieren kommen. Dennoch ergreifen auch am diesjährigen Züri Fäscht viele Stadtzürcher die Flucht und haben schon vor Wochen ein Zimmer in einem lauschigen Hotel auf dem Land gebucht. Auch die Zürcher Nachtleben-Macher sehen dem grössten Schweizer Volksfest mit gemischten Gefühlen entgegen: Viele Clubs und Veranstalter stellen zwar eine eigene Festwirtschaft, ihr Club bleibt aber geschlossen.

Der Supermarket, die Friedas Büxe, die Zukunft, die Härterei, das Lexy, das Exil, das Kaufleuten, die Amboss Rampe und viele mehr werden ihren Partygästen an ihrer gewohnten Adresse nicht zu Verfügung stehen und stattdessen in den meisten Fällen mit einem Alternativprogramm am Züri Fäscht präsent sein. Einige Locations wie der Supermarket oder die Amboss Rampe zeigen zwar weiterhin die Spiele der dann immer noch laufenden Euro 2016, verzichten aber auf das Ausrichten ihrer gewohnten Partys und Konzerte.

Andere wiederum wie beispielsweise das Hive bieten in ihren Räumlichkeiten nur ein reduziertes Programm und verzichten auf die Buchung teurer ausländischer DJs und Musiker. Dabei reagieren sie flexibel auf das Wetter am kommenden Wochenende: Sollte es regnen werden einfach ein paar der DJs von der Festwirtschaft am Seebecken in den Club beordert und das dortige Line Up-Aufgebot auf diese Weise vergrössert. Das Stairs wiederum verlegt sich auf das Organisieren von Afterhours: Wenn vorne am See irgendwann Schluss ist, kann man hier ab morgens um fünf Uhr weiterfeiern. Nur sehr wenige Tanzlokale wie der Stall 6 (mit einer Dancehall/Reggae-Party am Freitag und Drum’n’Bass am Samstag), das Hard One und der Helsinki Klub machen unbeirrt weiter und bieten ihren Gästen die übliche Kost.

Wer eine echte Alternative zum Züri Fäscht sucht, der hält sich an Christian Gamp und seinen gds.fm-Sender: Ab dem 30. Juni wird wieder täglich aus der kleinen und gemütlichen Elisaburg an der Elisabethenstrasse gesendet. Besucher sind willkommen und derweil vorne am Seebecken die Massen toben, kann man sich hier mit den gds.fm-Leuten gemütlich übers Radiomachen unterhalten und dennoch das eine oder andere Bierchen zwitschern. Und zwar gänzlich ohne Vandalenhorden.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 24. Juni 2016

«Ins Parkhaus, da lege ich mich hinter die Vordersitze meines Autos.»

(Foto: Urs Jaudas)

Er ist nie um eine Antwort verlegen. Der Kabarettist mit dem zackigen, farbigen Haarschnitt: Andreas Thiel, auf die Frage eines Journalisten, wohin er in der Stadt Zürich geht, wenn er allein sein will. (Foto: Urs Jaudas)

 

«Eine Maus sagte zur anderen: Fertig lustig!»

(Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

Viereinhalb Jahre lebte die tschetschenische Familie M. in Kilchberg. Trotzdem mussten sie kürzlich mit ihren Eltern das Land verlassen. Magazin-Reporter Erwin Koch hat die Mädchen vor der Abreise getroffen. Sie erzählten ihm, wie sie einmal von Mäusen träumten, von vielen kleinen, lieben Mäusen. Aber die Mäuse waren zugleich Menschen. Oder Soldaten. Sie befahlen den Mädchen, in ein Auto zu steigen und brachten sie zum Flughafen. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Ich habe von der Polizei
noch nichts gehört.»

(Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

Der Künstler Thomas Santhori verpackte in einer Blitzaktion eine Radaranlage am Walcheplatz. Es ging nicht lange und die Polizei liess die Skulptur, die einen Radarkasten verschluckt hat, entfernen. Jetzt ist der verkleidete Blechpolizist im Seefeld auferstanden. (Foto: Thomas Egli)

 

«Ich würde öfter in die Oper gehen,
wenn es billiger wäre.»

(Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

Es hat zum grossen Teil geregnet, aber die Stimmung war trotzdem gut. Für viele Zuschauer war die «Oper für alle» auf dem Zürcher Sechseläutenplatz mehr als ein kulturelles Spektakel mit schönen Stimmen. Vielen ging es in erster Linie um Feiern – egal, zu welchem Anlass. (Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

 

«Fliegt eine Fledermaus ins Haus hinein,
fliegt der Teufel hintendrein.»

(Foto: Walter Bieri/Keystone) Zum Artikel

Im Zürcher Zoo haben auch Batman und Vampire ihren Auftritt: Die neue Ausstellung der Stiftung Fledermausschutz beschäftigt sich, wie könnte anders sein, mit der Fledermaus. Multimedial geht es zu und her, dass man sich zum Affen macht. (Foto: Walter Bieri/Keystone) Zum Artikel

 

«Ich hoffe, ich bekomme für meine Tracks
ein bisschen Respekt.»

(Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

Sein Rap ist abgedreht und punktgenau: Thomas Zolliker alias Sulaya war viel zu lang ein Phantom. Jetzt hat er sich und seiner Heimatstadt ein musikalisches Denkmal gesetzt. (Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

 

«Die Kollegen waren nicht traurig, als ich freiwillig
den Eintrag «zue» übernahm.»

(Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Christoph Landolt ist Redaktor beim schweizerdeutschen Wörterbuch Idiotikon. Zweieinhalb Jahre hat er sich mit dem Wörtchen zue beschäftigt. Im siebenköpfigen Redaktoren-Team ist er der Dramatik-Liebhaber. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Viele Pächter sind zeitlich und gärtnerisch überfordert.»

(Foto; Raida Durandi) Zum Artikel

In Zürich gibt es im Form des Gruppengärtners einen neuen Trend: Der Gemeinschaftsgarten. Aber das passt nicht allen: Den alteingessenen Familiengärtnern in Altstetten zum Beispiel, die wegen der Eishockey-Arena zügeln müssen. Stunk ist vorprogrammiert. (Foto; Raida Durandi) Zum Artikel

 

«So schnell. Es ist einfach unfassbar.»

(Foto: Sabina Bobst)

Diese Woche berichteten die beiden Zürcher Ständeräte , Daniel Jositsch (SP, Bild) und Ruedi Noser (SP) an einer Veranstaltung, wie gut sie in Bern zusammen arbeiten. Dabei beklagte sich Jositsch, dass Ständeratspräsident Raphäel Comte, ein Romand, so schnell rede. (Foto: Sabina Bobst)

 

 

«Faszinierend schön.»

(Foto: Doris Fanconi)

Eine Zürcher Malerin auf den Spuren eines grossen Architekten: Rita Ernst stellt zurzeit im Architekturforum ihre Werke aus: Bilder, die als Basis die Grundrisse von Mies van der Rohe verwenden.  Für die Künstlerin hat jeder Grundriss seine Geheimnisse. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Wir sind böse auf Petrus, dass er uns so lange warten liess.»

(Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Endlich, zum ersten Mal kam diese Woche so richtig Sommer-Feeling auf mit Temperaturen um die 30 Grad. Wer konnte, lag in der Badi, im schattigen Quartierpark oder nahm sonst irgendwo eine erfrischende Abkühlung. Nicht ganz zufrieden mit dem Wetterboss ist Olivier Woischnig, Geschäftsführer der Container-Beiz Primitivo. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

 

 

Alte Liebe

Miklós Gimes am Mittwoch, den 22. Juni 2016

gimes

Ursprünglich wollte ich die «Stadtgeschichten» zur EM-freien Zone erklären. Aber diese Europameisterschaft ist ziemlich aufwühlend, und über Fussball kann man immer reden. Natürlich auch in Serbien, im Norden, wo die ungarische Minderheit lebt. Wie ich dorthin gekommen bin an diesem Wochenende, ist eine Geschichte für sich.

Sie beginnt in einer Zürcher Flüchtlingsunterkunft während des Jugoslawienkriegs, mit dem Serben Branko und seinem Betreuer Christoph. Nach dem Friedensabkommen geht Branko zurück, aber in Kroatien, wo er ursprünglich herkommt, kann er nicht mehr leben, und so wird er in Serbien angesiedelt, in einem Dorf, wo überwiegend Ungarn wohnen.

Die Wirtschaftslage ist schlecht. Wer kann, haut ab ins Ausland, doch Branko gibt nicht auf und versucht, sein Dorf am Leben zu erhalten, er importiert aus der Schweiz alte Fahrräder und alte Computer, dabei hilft ihm sein Freund Christoph aus Flüchtlingstagen. Gemeinsam haben Branko und Christoph die einzige Beiz des Ortes aufgemöbelt, das Café Mimosa, auch dank des Engagements von Zürcher Fussballfreunden, die mit Christoph in der alternativen Liga spielen, das muss mal gesagt sein. Im Café Mimosa sah ich am Samstag das Spiel Island gegen Ungarn.

Als ich als kleiner Bub in die Schweiz kam, war ich grosser Fan der Ungarn – für Emigrantenkinder ist der Fussball oft das Band zur verlorenen Heimat. Ich fuhr zu den Länderspielen, wo die Ungarn die Schweizer bös verhauten, und das war gut so. Dann wurden die Schweizer besser, und ich begann mit ihnen zu fiebern, aber Ungarn blieb meine grosse Liebe, auch weil der ungarische Fussball einfach uneinholbar war, bis zum Absturz an der WM 1986. Dann kehrte es, fussballerisch gesehen: Die Ungarn spielten nie mehr an einem grossen Turnier.

Aber das Entscheidende geschah in der Politik, man musste sich schämen für ein Land, das einen Viktor Orban zum Präsidenten wählt. Ich gab den ungarischen Fussball auf. Deshalb war ich gespannt, wie ich auf ihren Auftritt an der EM reagieren würde, und wie das ist mit einer alten Liebe, sie blühte erst ganz zaghaft auf. Aber dann geschah etwas Seltsames: Meine Kinder sind in meine alte Haut geschlüpft und zu bedingungslosen Fans der Ungarn geworden, als wollten sie die alte Heimat ihres Vaters idealisieren, hochleben lassen. Ich weiss nicht, ob aus Suche nach Identität oder um sich auf dem Pausenplatz interessant zu machen.

Wie auch immer, ich sass am Samstag nägelkauend vor dem Fernseher in einem serbischen Dorf, das zum grossen Teil von Ungarn bewohnt wird, in einer Bar, die mit Schweizer Hilfe gebaut worden war, und als endlich drei Minuten vor Schluss der Ausgleich fiel, den wir herbeigesehnt hatten, stand ein stämmiger, breitgesichtiger Bauer, der wortlos hinter mir gesessen hatte, auf. Drehte sich zu mir, klatschte schweigend ein High Five ab mit seiner Pranke und setzte sich still wieder zu seinem Bier.

Am Sonntag bei Frankreich – Schweiz war ich ganz mit den Schweizern, wie ein alter Casanova, der mit einer anderen Frau ausgeht. Im Fernsehen sagten sie, Ungarn und die Schweiz spielten im Herbst gegeneinander in der Ausscheidungsgruppe für die WM. Daran wollen wir jetzt nicht denken.

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