Tages-Anzeiger



Zürich, ein Nightlife-Vampir

Alex Flach am Montag, den 7. Juli 2014
Zürich zieht den letzten Tropfen Nachtleben aus der Agglomeration.

Zürich zieht den letzten Tropfen Nachtleben aus der Agglomeration.

Die Stadt saugt dem Kanton das Nachtleben aus. Wer einen Club eröffnen möchte, braucht erst einmal geeignete Räumlichkeiten. Als «geeignet» gilt eine Immobilie mit moderatem Mietzins, in deren unmittelbarer Umgebung sich kulante Anwohner eingenistet haben und in die nicht erst Millionen investiert werden müssen, um das Wohlwollen amtlicher Gastronomie-Schergen zu gewinnen. Vor allem der Standort muss weise gewählt werden. Wer mit seinem Club Glamour versprühen möchte, erwählt sich die Innenstadt. Wer in seinem Club tätowierte Lebenskünstler tanzen sehen will, eröffnet sein Lokal entweder an der Langstrasse oder in Zürich West.

Wer einen Nachtleben-Unternehmer fragt, warum er sein neues Lokal nicht einfach in Schwamendingen oder Stettbach eröffne, da dort die geeigneten Räumlichkeiten viel zahlreicher seien, erntet nur ein müdes Lächeln. Die Stadt endet am Milchbuck und Schwamendingen und Stettbach sind ungeeigneter als die dunkle Seite des Mondes. Das hat nichts mit einer allfälligen Diskrimierung dieser Stadtkreise zu tun, sondern mit Erfahrungswerten: Sämtliche Versuche dort einen Club mit grossstädtischen Attributen zu eröffnen, sind gescheitert. Urbane Clubber wollen nach Zürich West, an die Langstrasse oder in den Kreis 1.

Wer Samstagnacht die imaginäre Grenze auf dem Milchbuck überfährt und sich gar über die Stadtgrenzen hinaus und in die weiten Steppen des Kantons wagt, findet nur Tristesse. Abgesehen von Winterthur (gross genug) und Hinwil (weit genug von der Kantonshauptstadt entfernt), verfügt keine Ortschaft über ein Nachtleben, das den Wortteil «leben» rechtfertigen würde. Einige der im Kanton verstreuten Clubs haben via Spezialisierung zum Erfolg gefunden, wie beispielsweise das Rinora 4 in Rümlang (Albaner), das Dilaila in Dübendorf (Türken) oder das Evita in Wetzikon (Latin). Jedoch sind positive Beispiele rar: Viele der kantonalen Clubs , darunter auch die mittlerweile geschlossenen Lokale Envy (Dübendorf) und Cheers Club (Volketswil), aber auch die nach wie vor aktiven wie The View (zwischen Effretikon und Winterthur), Ice Cube (Wetzikon) und Hall of Fame (Wetzikon) befinden sich in seelenlosen Industrievierteln und in Gebäuden, die man schon tagsüber ungern betritt und erst recht nicht, um dort eine rauschende Nacht zu verbringen.

Clubs mit einem anspruchsvollen Musikprogramm sucht man vergebens: Im Floor Club in Kloten gibt’s Ü40-Tanzpartys, im P1 in Dübendorf heissen die Festivitäten Malibu Beach und im Star Club in Uster spielt im September eine Band namens Blitzkrieg. Der einzige Club draussen im Kanton, der in der Stadt Zürich wahrgenommen wird, ist das UG in Bülach. Und das verfügt, als «Teeniefalle» und „Goaladen“ verschrien, nicht eben über das beste Image. Es gab vor ein paar Jahren eine Zeit, in der sich die Stadtzürcher Clubmacher vor der wachsenden Konkurrenz im Kanton fürchteten. Diese Angst hat sich verflüchtigt: Der unwiderstehliche Sog des Stadtzürcher Nachtlebens verurteilt weiterhin jeden Versuch zum Scheitern, jenseits des Milchbucks oder von Wollishofen und Altstetten einen Club auf die Beine zu stellen, der das Kaufleuten, das Hive, das Mascotte, die Zukunft oder das Bellevue in deren jeweiliger Disziplin auch nur annähernd ausstechen könnte.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Das erste Vorbild

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag, den 3. Juli 2014
Die ersten Schritte ins Leben ausserhalb der Familie sollen richtig begleitet werden.

Die ersten Schritte ins Leben ausserhalb der Familie sollen richtig begleitet werden.

Das Fest im Kindergarten war wie immer, gute Stimmung, dabei wurden nicht nur die Älteren verabschiedet, sondern auch die Kindergärtnerin, Verena Graf geht in Pension. Nach 42 Jahren am Honeggerweg. Sie hat zum letzten Mal mit den Kindern gesungen. «Mi Ma Monsterstund, ich freu mi, wänn mis Monster chunt.» Zum letzten Mal das Buffet aufgebaut, die grossen Kinder in die erste Klasse geschüttelt und zum Abschluss den Vulkan gezündet.

Als ich zum ersten Mal in ihrem Klassenzimmer stand, wusste ich, hierhin möchte ich meine Jüngste schicken. Eine Welt aus Holzschubladen, Fotografien, Werkzeugen, Zeichnungen, Spielsachen, Kunstwerken. Reich, aber nicht überladen. Zauberhaft, aber nicht abgehoben. Wenn Verena den Kindern etwas erzählte, klang sie nicht wie eine Lehrerin, aber auch nicht wie eine Erwachsene, die sich klein macht. Sie hatte Stil.

Sie führte einen dreijährigen Kindergarten, den Studienkindergarten, den das Schulamt 1954 zusammen mit Marie Meierhofer eingerichtet hatte, der grossen Zürcher Kinderpsychiaterin. Hinten im Raum gibt es eine Kabine mit einem Einwegfenster, um das Verhalten der Kinder zu beobachten. Es war ein normaler städtischer Kindergarten, ausser dass hier alle paar Jahre Filme und Studien entstanden; das Beobachten, sagt Verena, lehre Vorurteile zu hinterfragen und die Kinder machen zu lassen, bevor man ihnen Grenzen setze. Kinder können sich gegenseitig viel beibringen, wenn man ihnen vertraut, das war Meierhofers Überzeugung. Nach Verenas Pen­sionierung wird es den dreijährigen Kindergarten leider nicht mehr geben.

«Wie findest du Verena?», fragte ich meine Tochter.

«Sie ist eine gute Lehrerin. Weil sie so nett ist. Weil sie so vieles kann.»

«Was kann sie alles?»

«Alles», sagte meine Tochter. «Sie ist über 60. Glaubst du, dass sie einen Krieg erlebt hat?»

«Nein», sagte ich. Sie hat den Frieden erlebt. Den Babyboom. Die 50er-Jahre in Wiedikon. Drei Geschwister, Geborgenheit, Mittelstand. Die 60er-Jahre, als junge Frauen die Haare rot färbten, als man alternative Schulen gründete. Die Trichtenhauser-Mühle zum Beispiel, wo sie sich einsetzte. In der Trichti gab es keine Noten. Es wurde diskutiert über Leistung, Autorität, Freiheit. Damals war der Kindergarten freiwillig, heute ist er Teil der Volksschule. Grosse Kämpfe, grosse Veränderungen, sie in erster Reihe. Und sie sucht immer noch nach Antworten. Dabei hatte sie eine klare Handschrift, alles war überlegt, jede Geste Teil eines grossen Rituals. Viel Arbeit dahinter.

Was ist eine gute Kindergärtnerin? Sie muss Kinder gern haben. Sie muss sich selber sein. Eine Frau, an die man sich das ganze Leben erinnert. Das erste Vorbild ausserhalb der Familie. Die erste Geliebte. Rote Lippen, Sommersprossen, grosse, schwere Fingerringe, schwarze Kleider. Wie Meret Oppenheim, wenn sie Kindergärtnerin geworden wäre.

Was soll ich über dich erzählen, fragte ich Verena Graf. Kürzlich erhielt ich ein Mail. «Was ich auch gerne mag», schrieb sie: «Schinkenbrot.»

MiklosMiklós Gimes ist Reporter beim «Magazin», Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Filmemacher («Bad Boy Kummer»). Jeden Donnerstag lesen Sie seine Stadtgeschichten hier bei uns im Stadtblog und auf der Bellevueseite in der Printausgabe.

Tschüss Jugendkultur!

Alex Flach am Montag, den 30. Juni 2014
Nimmt den Jungen den Platz weg: David Guetta , 46

Nimmt den Jungen den Platz weg: David Guetta , 46

Berufsjugendliche haben der Jugend die Kultur gestohlen. Spätestens seit den 50er Jahren und mit dem Rock’n’Roll und der Beatnik-Bewegung hatte die Jugend stets ihren eigenen kulturellen Garten, der nur ihr vorbehalten war und den sie exklusiv gestalten durfte. Nicht dass den Altvorderen der Zutritt explizit verboten gewesen wäre, jedoch war die Rebellion (oder zumindest die Abgrenzung) gegenüber der Welt der Eltern stets eine tragende Säule dieser Ären, was ein Ausschluss von Menschen ab circa 30 Jahren automatisch impliziert – «we don’t trust anyone over 30» (Jack Weinberg).

Auf die Beatniks folgten die Hippies, auf die Hippies die Punks, auf die Punks die Goths, die Popper und die Heavys (Metalheads) und die wiederum wurden durch die Raver und die Skater abgelöst. Zur Jahrtausendwende machte sich dann der Hip Hop breit, auf den aber nur noch kurzlebige Seltsamkeiten wie Emo oder Cosplayer folgten. Erwachsene spielten bei all diesen Kulturbewegungen eine Rolle, jedoch nur als Mentoren, Mäzenen und Strippenzieher hinter dem Vorhang. Sie hatten die Macht und das Geld um aus Strömungen globale Hypes zu machen und sie waren es jeweils auch, die wussten wie man eine Jugendkultur und deren Anführer mit Gier infiziert, wie man sie zu Geld machen und damit dem Untergang weihen kann.

EDM ist die Abkürzung für Electronic Dance Music und EDM ist die Musik, die derzeit aus den Teenager-Zimmern dröhnt. Ursprünglich ein Sammelbegriff für alle elektronischen Musikstile, ist EDM mittlerweile zu einem eigenen Genre mutiert, wobei niemand so genau sagen kann, wie dieses definiert wird. Von Dubstep, Trap und Breakbeats über gewisse Elektro- und House-Spielarten bis hin zu Trance findet alles unter dem EDM-Dach Platz.

Als die US-Amerikaner, welche die gesamte Technobewegung der 90er Jahre verpennt haben, die elektronische Musik für sich entdeckten, erkannten DJs im fortgeschrittenen Alter wie David Guetta (46), Tiësto (45) und Steve Aoki (36) schnell das Potential der EDM-Definitionslücken: Tiësto, bis dato der bekannteste Trance-DJ der Welt, gab 2010 bekannt, dass er das Ende von Trance gekommen sieht und er sich daher fortan auf Elektro-House fokussieren werde. Eine geniale Geschäftsfinte, denn dieser Begriff ist dermassen schwammig, sodass er seine bisherige Kompositionsweise nur geringfügig modifizieren musste um zu verhindern, dass der Niedergang des Trance auch zu seinem eigenen wird.

Viele etablierte Senioren wie Paul van Dyk (42) oder altgediente Schweizer wie Dave202 (41) folgten seinem Beispiel und erklärten, dass sie fortan als EDM-DJs bezeichnet werden wollen. Klar gibt es auch viele junge EDM-Leader wie Avicii (24), Skrillex (26) oder Calvin Harris (30), aber sie teilen sich ihr Spielfeld mit den genannten grauen Electronica-Panthern. Eben deshalb ist EDM keine Jugendkultur: Wenn ein Teenager heute Tïesto aus seinen Boxen in seinem Zimmer dröhnen lässt, riskiert er nicht mehr eine Standpauke seines erbosten Vaters, sondern dass ihm dieser begeistert mitteilt, dass er bereits an der Street Parade 1998 zu den Songs des Holländers abgegangen sei. Es ist höchste Zeit, dass sich die Jugend wieder selbst bewegt und zwar unter Ausschluss von Acts die ihre Eltern sein könnten.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Die WM-Heuchelei

Réda El Arbi am Sonntag, den 29. Juni 2014
Dieses Bild sollte Sie nur dazu verleiten, auf den Artikel zu klicken.

WM – Lebensfreude pur oder Geschäft mit dem Tod?

Alle hassen die Fifa – und alle lieben die WM. Ganz Zürich ist im WM-Fieber, aber niemand kümmert es, dass wir auch die Hauptstadt der Fifa-Korruption sind. Diese etwas schizophrene Haltung hab ich nicht nur bei meinen sonst aufgeklärten und kritischen Freunden entdecken können, nein, auch bei mir persönlich ist diese Spaltung in der Wahrnehmung sichtbar. Ich bin weiss Gott kein Fussballfan, aber als die Schweizer in der 93. Minute ihren ersten Sieg einfuhren, war ich am Jubeln. Insgesamt hab ich während dieser WM sicher 45 Minuten Fussball geschaut. Das sind nach meiner Überzeugung zu viel.

Die Medien sind gerade voll von Korruption bei der Fifa, öffentlich geworden durch die Weitergabe interner Daten und Mails an die «Sunday Times», in Brasilien wurden ganze Stadtteile geräumt, dabei gabs Schiessereien mit Gangs, deren Mitglieder zum Teil noch Kinder waren. Auf Katars WM-Baustellen starben bisher 1200 (!) Arbeiter (die wie Sklaven gehalten werden) und über die WM 2018 in Russland will zur Zeit gar niemand sprechen, da die nach der Olympia-Katastrophe ja gerade in einem nicht erklärten Krieg mit der Ukraine stecken.

Die Medien machen es sich einfach: Die böse Fifa, das ist Sepp Blatter, der Machiavelli des Weltfussballs und seine Kohorten. Die gute WM, das ist Lebensfreude pur, Sport und Fairness. Alle blenden aus, dass wir, die Zuschauer, die Toten in Katar finanzieren. Die nette WM ist das Hauptprodukt der bösen Fifa, und es wird uns besser verkauft, als jedes andere Produkt weltweit.

Die Fifa macht ihr Geld mit den Fernsehrechten für die Übertragung  der Spiele, und mit der Vergabe von Lizenzen, um mit der WM, dem offiziellen WM-Logo und vielem Weiteren zu werben. Also bezahlen Sie, lieber Fussballfan, jedesmal, wenn Sie einen Match schauen oder wenn Sie eine Werbung schauen, mit. Die Lizenzen wären nämlich nichts wert, wenn man mit dem Produkt keine Leute erreichen würde.

Der Werbung kann man sich schlecht entziehen. Die ist omnipräsent – und wirkt zum Glück bei vielen schon wieder paradox. Ich vermeide Produkte mit WM-Logo, weils mir auf den Sack geht, wenn man mir so penetrant ein Label aufdrängt. Und natürlich, weil ich weiss, dass der Werbewert der Fifa-Marke mit jedem Produkt steigt, das jemand kauft.

Bei den Spielen staune ich, wie die Heuchelei um sich greift. Jede Beiz versucht noch irgendwie Geld aus der WM zu quetschen. Leute, die bei Grosskonzernen wie Nestlé oder Glenncore fuchsteufelswild werden, lassen sich ohne einen Mucks für die Geldmaschine Fifa einspannen. Beim Public Viewing bezahlt man Lizenzen, Abgaben, lässt sich vorschreiben, dass nur das Bier des WM-Sponsors ausgegeben wird. Dazu dekoriert man brasilianisch – «Lebensfreude pur!» – und vergisst, eine minderjährige Drogenprostituierte in eine Ecke zu setzen, um das Bild realitätsnah zu halten.

Viele Fussballfans, die nicht auf die Spiele verzichten wollen, argumentieren mit anderen Anlässen und Situationen, die «auch nicht sauber» seien. Ja, natürlich gibts neben der Fifa-WM noch viele Beispiele für Korruption und Menschenverachtung. Nicht viele in dieser Grössenordnung, aber es gibt sie. Nur, «Aber die Anderen haben auch ...» ist ein Kindergartenargument und macht die WM nicht besser. Keiner würde zugeben, dass er die Spiele schauen will und es ihm egal ist, wieviele Leute dafür ihr Heim, ihren Lebensunterhalt oder sogar ihr Leben verlieren. Selten konnte man so parallel sehen, wie sich die Welt teilt: Die Spiele und die generierten Milliarden auf der einen Seite, die Vertriebenen und die Verreckten auf der anderen Seite.

Das Alles ist sehr unangenehm, das muss der durchschnittliche Fussballfan ausblenden. Ich glaube auch nicht, dass wegen dieses kleinen Kommentars jemand auf das Schauen eines WM-Spiels verzichtet. Aber vielleicht schaffts ja der eine oder andere zuzugeben: «Mir sind die Umstände, die Toten und die Gier hinter der WM egal. Hauptsache ich bekomme Brot und Spiele.»

Public Partying

David Sarasin am Freitag, den 27. Juni 2014
Wenn die Schweiz gewinnt, sind alle Schweizer. Wie unsere Mannschaft.

Wenn die Schweiz gewinnt, sind alle Schweizer. Wie unsere Mannschaft.

Selten feierten die Fans eine WM so ausgelassen wie diese. Analysen und Kommentare aus dem Stadtblog-WM-Studio an der Langstrasse.

Spätestens nach dem ersten Schweiz-Spiel war uns klar: Das wird eine der besten Fussball-Weltmeisterschaften aller Zeiten. Und jetzt nach den Gruppenspielen müssen wir gestehen: Wir hatten recht. Nicht fussballerisch, das zu beurteilen ist nicht unser Metier, sondern feiertechnisch. Als die Schweizer Nati ihren Letzte-Minute-Sieg im ersten Spiel gegen Ecuador einfuhr, barst die Piazza Cella, wo wir für diese WM unser Haupt­quartier aufschlugen, beinahe aus allen Nähten. Doch nicht nur dann. Bald wurde uns auch klar, dass man auch Unentschieden feiern kann wie Weltmeistertitel, dass das Wort «wir» während der WM an Bedeutung gewinnt, und vor allem, dass es von jedem Team, das am Turnier teilnimmt, in Zürich ein paar Fans gibt und dass diese nach dem Ab­pfiff schnurstracks an die Langstrasse fahren. Doch erst mal ein paar Fakten und Beobachtungen rund um die Vorrundenfeierlichkeiten.

Elektroroller
Es gab bei dieser WM Innovationen im Bereich der Rasensprays zu verzeichnen. Doch auch bei den hupenden Autokolonnen gab es Neuerungen: Vermehrt gleiten die Fans dieser Tage im Elektrorollerkonvoi durch die Langstrasse. Die sind umweltfreundlich und in etwa so leise wie eine Katze, die über einen Samtpullover tappt. Doch deren Hupen funktionieren, wie wir merkten, recht ordentlich. Zum Einsatz kamen sie etwa nach dem Eröffnungsspiel der kroatischen Elf, als deren Fans die Startniederlage ihres Teams feierten.

Memphis
Die Bar direkt an der Langstrasse hat die Erfolgsformel für die WM recht früh im Turnier geknackt: Radiohits und günstiges Bier. Das ist mehr als genug, um die Fans nach den Spielen um sich zu scharen wie der Schiedsrichter die Spieler nach einem unglücklichen Entscheid. Songs wie «We are the Champions» oder «Seven Nation Army» stehen im Memphis dabei sehr hoch im Kurs und schallen auch mal nach einem Vorrunden-Unentschieden durch die Strasse. Dreimal in Folge. Doch der Erfolg gibt dem Memphis recht. Besagtes Sturmduo wird auch bei den kommenden Spielen schwer zu stoppen sein.

Der Stelzenmann
Bedeutend viel bunter noch als die Schuhmode an der diesjährigen Weltmeisterschaft ist die feiernde Menge nach einem Spiel der Schweizer Nationalmannschaft auf der Piazza Cella. Der Stürmer mit Rasta­frisur und mit dem rot-weissen Hut erhebt stolz seine Faust, die Frau aus ­Puerto Rico im Mittelfeld schwenkt gekonnt ihre Flagge, und Hans Meier aus Brüttisellen singt, eingebunden in eine engmaschige Viererkette freilich, das einlullende «Schweizer Nati olé, olé»-Mantra.

Der Secondo aus dem Maghreb währenddessen hupt sich durch die solide Verteidigung. Doch erst als der Captain auf den Zweimeterstelzen und mit der Schweizer Fahne in der Hand auf der Bildfläche erscheint, gerät die Menge ausser Rand und Band. Ein unwiderstehliches Team haben wir in diesem Jahr. Wir zählen ganz besonders im Achtelfinal wieder auf folgende typischen Schweizer Tugenden: Leidenschaft, kreatives Chaos, Lust am spontanen Feiern. Oder bringen wir hier etwas durcheinander?

Entsorgung und Recycling
Zu den erfolgreichsten und fleissigsten Mannschaften an dieser WM gehört die Putzmannschaft. Anstatt von 4 Uhr in der Früh bis 22 Uhr sind die weissen Wagen mit den grün-blauen Wappen des ERZ an den Spieltagen während 24 Stunden im Einsatz. Was nicht unbedingt für ihre Stärke spricht: Sie fegen vor allem Flaschen vom Feld. Harhar.

Die Schiedsrichter
Man diskutiert ja viel und gern über die Männer mit der Pfeife im Mund. Es war nach dem ersten Schweiz-Spiel, als in der Menge mit den feiernden Fans auch einer mit einem entsprechenden gelben Referee-Trikot auftauchte. Er demonstrierte, was wir eigentlich schon immer wussten: Fan sein hat nie etwas mit der Stärke des Teams zu tun. Ausserdem blieb der Mann unauffällig und liess das Spiel trotz einiger Grobheiten laufen. Es scheint fast so, als ob die Stadtpolizei in diesem Jahr ihre Strategie diesem ein­samen Schiedsrichter abgeschaut hat. Weiter so!

Der 31er
Erkenntnis: Nicht jeder Hühnerhaufen verursacht eine Strassensperre. Trotz des Sieges der beiden eigentlich feierstarken Teams Griechenland und Kolumbien konnte der Busbetrieb der Linie 31 durchgehend gewährleistet werden. Da drücken sie bereits wieder durch, die alten Schweizer Tugenden.

Schland
2014 geht als Jahr in die Geschichte ein, in dem die Deutschland-Fans in Zürich so richtig loslegen. Nach dem fulminanten 4:0 der deutschen Auswahl gegen Portugal war man als Nicht-Deutscher zuallervorderst gespannt, wie die Fans der deutschen Elf auftreten würden, nachdem sie beim letzten Turnier eher verhalten, ja fast etwas schüchtern agiert hatten. Doch bald schon füllte sich die Langstrasse mit Schwarz-Rot-Gold-Tüchern, bald brausten erste Ruhrpott-BMW an, bald erschallten aus der Memphis-Bar Schlager, bald ging die Sause so richtig dicke durch die Decke. Ein beinahe schon weltmeisterlicher Einsatz, der uns überraschte und auf die Finalspiele hoffen lässt.

Wetteinsätze
Apropos Einsatz. Eine Empfehlung, die sich in der Vorrunde an der Langstrasse herauskristallisiert hat: Setzen Sie nie auf ein Team, dessen Fans bekannt sind, die ganze Nacht durch die Gassen zu hupen.?Und wetten Sie auch nicht gegen?die Feiertätigkeit etwa der Mexikaner oder der Chilenen. Da ist mächtig was los. Dann schon viel eher auf bissige Spieler.

Drohnen
Analog zur Torkamera der Fifa hat auch die Nachbarschaft technisch aufgerüstet. Über der Menschenmenge auf der Piazza Cella kreiste nach dem Spiel Honduras gegen die Schweiz nämlich eine Drohne (fachsprachlich: Multikopter). Doch ganz im Gegensatz zur Torkamera bleibt diese Technik bei den Fans an der Langstrasse umstritten. Klar ist: Von nun an bleibt kein Treffer mehr unentdeckt.

Idaplatz
Glaubt man dem «Blick», gibt es am anderen grossen Spielort in der Stadt, am Idaplatz, reichlich Zoff. Weil der Kiosk an der Ecke nicht mit dem gleichen Signal sendet wie alle anderen Lokale rund um den Platz, die sich extra für die WM abgesprochen haben.

Also jubeln die Fans beim Kiosk zehn Sekunden früher als alle anderen auf dem Platz. Man nennt diese Taktik auch Sieg durch Verwirrung, an der Lang­strasse wird sie bisher nur ganz selten ange­wendet.

Hipster
Eine Erkenntnis: Fanutensilien der Schweizer Nationalmannschaft taugen nicht zum ironischen Statement, wie es Hipster mit ihrer Kleidung gern abgeben. Diese Nachricht ist offenbar noch nicht bei jenen jungen Menschen mit den Fussballkäppis angekommen, deren Statement schlicht und einfach in der feiernden Masse untergegangen ist. Sicher­lich eine schmerzhafte Erfahrung.

Der Juniortrainer

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag, den 26. Juni 2014
Begeisterung und Disziplin? Fussball ist für Kinder sozialer Massstab.

Begeisterung und Disziplin? Fussball ist für Kinder sozialer Massstab und für den Trainer offenbar Kampf.

Unser Juniorentrainer ist ein grosser Kerl, sicher über eins neunzig, eine markante Erscheinung, Kraushaar, Halbglatze. Als Erstes brachte er uns Eltern und den Kindern Pünktlichkeit bei. «Wer zu spät kommt, muss einen Kuchen backen», sagte er, und alle dachten, er mache Witze. Es gab Eltern, die murrten. «Es sind Kinder», sagten sie, wenn sie vor einem Hallenturnier in der Morgendämmerung am Samstag zum Treffpunkt kamen, «es sind Zweitklässler, Drittklässler. Sie hatten eine harte Woche.»

Doch unser Juniorentrainer blieb hart. Und als wieder ein Junge zu spät zum Training kam, drohte er, dass er den Nächsten, der nicht zur Zeit da sei, beim Turnier nicht aufstellen werde. Das wirkte.

Er selber war immer pünktlich. Zum Training kam er im eisigsten Winter mit dem Velo. Bei den Spielen fuhr er in seinem alten VW-Bus vor, mit dem er sonst seine grosse Familie herumkutschiert, er hat vier Söhne, die grösseren spielen alle Fussball. Meist lud er noch ein paar Junioren in den Bus, dann fuhren sie los, zur Musik von Geier Sturzflug: «Ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt.» Oder es lief «Chumm, bringen häi» von Baschi.

Eigentlich sei er ein grosser Fan von Bruce Springsteen, erzählte unser Juniorentrainer, und als der Boss im Frühling 1999 in die RocknRoll Hall of Fame aufgenommen wurde, flog er nach New York und schaffte es in den Ballsaal des Waldorf Astoria, wo die Zeremonie stattfand, Bono hielt eine legendäre Rede, es muss ein grossartiges Wochenende gewesen sein.

Man hört viel von der integrativen Kraft des Fussballs, der unser Land zusammenhält, all die Einwanderer, schwarz, weiss, Schweizer, Kosovaren – aber in unserem Quartier schickt eher der Mittelstand die Buben zum Fussball, unterer, mittlerer, oberer Mittelstand. Was nicht heisst, dass unserem Juniorentrainer die pädagogische Arbeit ausging, er brachte den Kindern bei, ihre Fussballschuhe zu binden und ihre Taschen zusammenzuhalten, ihre erste Schule der Selbstständigkeit, gejammert hat niemand.

Und dann mussten sie lernen, ihm zuzuhören. Unser Club nimmt alle auf, Talente und Ungeschickte, manchmal war das Training chaotisch, ein Sack voll Flöhe. Aber langsam wurden sie besser, im Verlauf des Winters gewannen sie ihr erstes Turnier, ausgerechnet in Deutschland, auf der anderen Seite der Grenze, in den Pausen fuhr unser Trainer mit dem Bus zum Supermarkt und machte einen Grosseinkauf für seine Familie. Zurück in Zürich feierten wir unseren Sieg, wir sassen lange zusammen, und ich hatte das Gefühl, zu einem Quartier zu gehören.

Bei allem Jubel vergass er nie, zu sagen, dass wir einen zweiten Kunstrasenplatz brauchen. Damit seine Junioren auch im Regen trainieren können, wie bei anderen Clubs in der Stadt. Jetzt habe ich gehört, dass unser Juniorentrainer vor den Sommerferien aufhört. Eine schlechte Nachricht. Wir werden ihn verabschieden, voller Wehmut, wir werden ihn ehren, aber den Kunstrasenplatz für den FC Wollishofen werden wir ihm nicht schenken können. Der Kampf geht weiter, Philipp.

MiklosMiklós Gimes ist Reporter beim «Magazin», Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Filmemacher («Bad Boy Kummer»). Jeden Donnerstag lesen Sie seine Stadtgeschichten hier bei uns im Stadtblog und auf der Bellevueseite in der Printausgabe.

Frys Sisyphus-Urteil

Réda El Arbi am Mittwoch, den 25. Juni 2014
Fry macht sich mit seinem Stil nicht nur Freunde. Das kostet ihn jetzt seine Terrasse.

Fry macht sich mit seinem Stil nicht nur Freunde. Das kostet ihn jetzt seine Terrasse.

Nun muss er seine Umbauten wieder abreissen. Das Bundesgericht hat entschieden, dass den Bauten, die Hotelier und Unternehmer Guisep Fry an seinem Hotel angebracht hat, die Berechtigung fehlt. Die engagierten Naturschützer, die sich gegen Fry eingesetzt haben, applaudieren. Dem Gesetz ist Genüge getan. Recht hat sich durchgesetzt, alles ist also gut.

Aber ist es das wirklich? Unter dem Aspekt der Verhältnismässigkeit ergibt sich Bild, das nicht ganz so stimmig ist. Der Rückbau der Terrasse beim Hotel wird nämlich überhaupt nichts zum Naturschutz beitragen. Die Massen von Tagestouristen sind nicht die Zielgruppe dieser Terrasse. Die kaufen sich eine Wurst und sitzen draussen. Oder sie bringen ihr eigenes Essen mit und werfen im schlimmsten Fall ihren Abfall in den Wald. Darüber könnte man sich ereifern und vielleicht eine Sperrung des Üezgis für Naherholungskonsumenten fordern. Also, wie hat Fry dann seine Gegner gegen sich aufgebracht? Am ehesten wohl mit seinem persönlichen Stil und dem Nichtbeachten von Regeln – im besten Fall ein Nonkonformist, im schlimmsten einer, der denkt, Regeln gälten nur für andere. Aber sollte ein Bundesgerichtsurteil sollte nicht eher zum Besten der Gemeinschaft führen, anstatt Frys Persönlichkeit bestrafen?

Beim Anbau handelt es sich um einen Teil des Hotel- und Restaurantangebots, dass von einem ganz kleinen Teil der Üezgi-Besucher genutzt wird. Da finden romantische Dinner statt, Essen wird an Kongressteilnehmer serviert und Geschäftsleute schliessen da zum Cognac ihre Verträge ab. Das Hotel Uto Kulm gehört als Edelstein in die Kette attraktiver Zürcher Anziehungspunkte. In einer Reihe mit dem Dolder, dem Baur au Lac oder dem Eden au Lac. Zwar ist das Uto Kulm nicht schon seit Generationen in der Stadt, aber die Location und was Fry daraus gemacht hat, kann sich mit den schönsten Plätzen der Region messen.

Nun, wir haben also einen Anziehungspunkt für den Tourismus, ein Verkaufsargument für die Region auf der einen Seite und den Streit zwischen Fry und seinen Gegnern, der sehr persönliche Züge trägt, auf der anderen. Nun opfert man quasi die Fassung einer Perle, nur um einem etwas kantigen Unternehmer zu zeigen, wo sein Platz ist.

Nicht, dass ich Frys Vorgehen entschuldigen will. Er ist illegal vorgegangen und sollte dafür auch zur Rechenschaft gezogen werden. Aber das könnte man auch, indem man ihn büsst. Oder in dem man ihn dazu verdonnert, einen Teil des in Zukunft zu erwartenden Gewinns aus dieser Terrasse in Naturschutzprojekte zu investieren. So hätte man sowohl dem Nutzen für die Region wie auch dem Strafgedanken Rechnung getragen. Auf jeden Fall mehr, als wenn man jetzt Baumaschinen auf den Üetliberg karren muss, um den Abriss zu ermöglichen. Und damit weder dem Rechtsverständnis noch den Ansprüchen der Naturschützer gerecht wird.

Aber offenbar kann das Bundesgericht keine eigenen Ansätze finden, sondern nur bereits bestehende Entscheide bestätigen oder ablehnen. Konstruktive Lösungen sehen anders aus. Nun wird Fry nach dem Abriss wohl warten, bis die Uto Kulm umgezont wird, um seine Terrasse neu und grösser wieder aufzubauen. Eine kleine Sisyphus-Geschichte.

Hafenkram zum Letzten

Réda El Arbi am Dienstag, den 24. Juni 2014
In dem Augenblick, als er aufgestellt wurde, verlor er seine Wirkung: Der Hafenkram.

In dem Augenblick, als er aufgestellt wurde, verlor er seine Wirkung: Der Hafenkram.

Wortgewaltige Kommentarschlachten wogten über Online- und Print-Presse, wutschäumende Gegner und selbstgerechte Befürworter warfen sich verbal in Pose, um Dekadenz bzw. den Untergang der Kunstfreiheit zu mahnen. Das Objekt des Meinungskrieges, der Hafenkran, bekam für die einen messianische, für die anderen diabolische Züge. Man schlug sich ohne Gnade, beschimpfte sich aufs Übelste und die Moderatoren der Medienforen mussten viele hundert Kommentare löschen, weil der Kampf um den Kran die Leute so aufbrachte, dass sie jeglichen Anstand verloren und in eine eine Art verbalen Blutrausch verfielen.

Dann, vor ein paar Wochen, hat man ihn hingestellt, den Kran. Weder ging die Welt unter, noch strahlt eine Botschaft der geistigen und kulturellen Befreiung durch Europa. Oder die Schweiz. Oder Zürich. Der Kran steht einfach da und rostet vor sich hin. Er ist amüsant, wenn man drauf achtet, dass er da eigentlich nicht hingehört. Damit ist seine Wirkung aber bereits verpufft.

Eine kleine Gruppe japanischer Touristen wird vom Reiseführer darauf aufmerksam gemacht, dass der Kran eigentlich nur einen Kunstzweck erfüllt und etwas irritiert wird der Stahlkoloss abfotografiert. Die Hafenkran-T-Shirts in den Shops am Limmatquai waren gerade mal in der ersten Woche ein Verkaufsschlager. Jetzt schmiegt sich der Koloss ins Panorama, als ob er da zuhause wär. Die Zürcher fahren auf  dem Velo oder im Tram an ihm vorbei und bemerken ihn nicht mehr, die Touristen muss man explizit auf seinen künstlerischen Wert hinweisen. Er hat  die Stadt nicht verändert, weder im Guten noch im Schlechten. Die Stadt hat ihn einfach absorbiert und zu einem eher belanglosen Teil des des Stadtbildes gemacht.

Vielleicht liegts daran, dass überall in der Stadt höhere, gewaltigere Kräne stehen, die noch in Betrieb sind, wie zum Beispiel der, mit dem man den Hafenkran aufgestellt hat. Vielleicht liegts aber auch daran, dass er jetzt, nachdem er Realität geworden ist, weder Hoffnungen noch Ängste generiert. Er eignet sich nicht mehr als Projektionsfläche für Katastrophen oder hohe Ideale. Die reaktionären Wutbrüger und die selbstgerechten Freiheitskämpfer haben das Interesse verloren, sind weiter gezogen, sich um etwas anderes zu prügeln, etwas das noch nicht die ernüchternde Wirkung des Realen hat.

Zur Zeit steht der Kran einfach da, nicht einmal Graffiti-Künstler beachten ihn. Er ist wohl das einzige Industrie-Objekt in der Stadt, das nicht versprayt ist. Aber keine Angst, der Stahlkoloss hat noch nicht seine letzte Schlacht erlebt. Spätestens wenns darum geht, ob er nun wirklich wieder abgerissen wird (wie geplant), oder ob er weiter an der Limmat stehen soll, werden die Schlachtreihen geschlossen und ein weiterer gesellschaftspolitischer Waffengang steht an. Ein Waffengang, der uns nur vor eine einzige Frage stellt:

Haben wir eigentlich keine echten Probleme?

Die Street Parade-DJs

Réda El Arbi am Montag, den 23. Juni 2014
Das DJ Duo Nervo mit eigenem Lovemobile an der Parade.

Das DJ Duo Nervo mit eigenem Lovemobile an der Parade.

Die alljährlich grösste Herausforderung des Street Parade Komitees um seinen Präsidenten Joel Meier ist es über die Runden zu kommen. Der enorme finanzielle Druck ist einer der Gründe, weshalb die Planung des Grossevents nur Jahr für Jahr vorgenommen werden kann. Küchenmeister Schmalhans regiert in allen Bereichen, auch bei den DJ-Bookings.

Dass man das den Line Ups nicht ansieht, ist nicht zuletzt der Verdienst des internationalen Netzwerkes des Street Parade-Bookers Robin Brühlmann, der auch für die diesjährige Street Parade vom 2. August bekannte ausländische Acts wie Paul van Dyk, Robin Schulz, Stimming, Pan-Pot, Danny Avila, Deniz Koyu, Stefan Dabruck, Fedde Le Grand, Hard Rock Sofa und Moguai verpflichten konnte, ohne einen Rappen Gage als Gegenleistung erbringen zu müssen - das australische DJ-Duo Nervo eröffnet die Street Parade gar mit einem eigenen «Nervo Nation»-Lovemobile. Die meisten dieser DJs kommen extra für die Street Parade nach Zürich und reisen nachher weiter. Einzig Pan-Pot (an der Party des Clubs Café Gold im Volkshaus) und die deutsche Trance-Ikone Paul van Dyk, der abends zuvor im Club Bellevue auflegt, kombinieren ihr Street Parade-Engagement mit einem Club-Set.

Dies bedeutet natürlich nicht, dass nach dem Umzug nur Zürcher in den Clubs auflegen werden, wobei dies durchaus ein Trend für kommende Jahre sein könnte: Sandro Bohnenblust vom Club Supermarket hat angekündigt per sofort verstärkt auf nationale DJs setzen zu wollen, weil er sich die Abzocke international agierender Booking-Agenturen mit ihren, immer absurder werdenden Gagenforderungen, nicht mehr gefallen lassen will. In diesem Jahr schmücken die anderen Clubs und Veranstalter ihre Street Parade-Afterpartys aber nochmals mit Sets namhafter Clubmusikanten: Im Kaufleuten spielt der Schweizer EDM-Export Maurizio Colella alias EDX, im Oxa steht Kai Tracid an den Turntables und im Plaza sorgen DJ Noir und Sam Divine für Stimmung. An der Doppelparty Café Gold und Volkshaus musizieren neben Pan-Pot auch Catz’n’Dogz und Tube & Berger und die Electric City in der Maag Halle beschallen unter anderem Carl Cox, Guy Gerber, Len Faki, Marek Hemmann, Andrea Oliva, Kollektiv Turmstrasse und Format:B.

Da die Energy im Hallenstadion dieses Jahr ausfällt, ist die Electric City sicherlich der grösste Publikumsmagnet nach der Street Parade 2014. Das Hive setzt auf Acts wie andhim, Alle Farben, Lee van Dowski, Elekfantz, Edu Imbernon, Animal Trainer und Solée, die Amboss Rampe auf House von Herr Vogel, Wade und Mark Fanciulli und die Alte Kaserne wird von Oliver Koletzki und diversen weiteren Stil vor Talent-Exponenten besetzt. In der Zukunft spielen David August und Adriatique und im Blok in Zürich West sind Butch, Rodriguez Jr., Till von Sein und Jimi Jules am Werk. Wie nicht anders zu erwarten, und trotz des voraussichtlichen Verzichts der Supermarket-Macher auf ausländische Prominenz, dürfte damit der Street Parade-Samstag auch in diesem Jahr zum wichtigsten und überaus exquisit besetzten Schweizer Schaulaufen ausländischer Electronica-Grössen avancieren.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Zürich, das Jammertal

Réda El Arbi am Freitag, den 20. Juni 2014
Es gibt tausend Dinge, über die wir uns aufregen können.

Es gibt tausend Dinge, über die wir uns aufregen können.

«Hier ist nie wirklich Sommer» hiess es vor ein paar Wochen. Dann, vor ein paar Tagen: «Es ist viel zu heiss», und jetzt wieder: «Der Sommer ist schon wieder vorbei.»

Das Tram kommt zwei Minuten zu spät und alle an der Haltestelle motzen oder wirken genervt. Im Tram wird dann über die zu kalte Klimanlage - oder die fehlende - gejammert. Das Essen im Restaurant ist zu teuer, zu kalt, zu wenig oder zu viel. Der Verkehr zu aggressiv, zu langsam, zu schnell. Die Leute zu unfreundlich, oder dann zu aufdringlich. Die Frauen zu kühl, die Männer zu blöd, die Kinder zu laut und die restliche Stadt zu gestresst.

Public Viewing? Unbedingt. Aber nur damit wir hingehen und darüber schimpfen können, dass es dort zu viele Leute hat und das Bier schal und sowieso zu teuer ist. Wir ärgern uns über die langweiligen Zürcher  Bünzlis UND über die Zugewanderten aus In-und Ausland, die sich nicht so verhalten, wie's von einem Zürcher zu erwarten ist. Wir gehen an Szeneorte, nur um uns dann darüber aufzuregen, dass es kein Geheimtipp mehr ist. Wir wohnen in der Stadt und nerven uns über die Anziehungskraft der einzigen Minimetropole der Schweiz, beziehungsweise über die Pendler und die Wochenend-Lawine an Spassjunkies. Wir wollen endlos feiern, aber spritzen Wasser aus dem Fenster, wenn die Partygänger gerade in der Nacht laut abgehen, in der wir ausnahmsweise zu Hause bleiben.

Wir ereifern uns über den Polizeistaat, wenn Beamte uns als Velofahrer vom Trottoir holen, rufen aber die gleichen Uniformierten, wenn jemand seinen Hund im Park nicht an der Leine hat.  Und natürlich sind immer die Anderen schuld. Gemessen am Lebenstandard (einer der höchsten weltweit) sind wir Zürcher Weltmeister der Unzufriedenheit.

Darauf angesprochen, behaupten wir, unsere Nörgelei sei der elegante Ausdruck einer kritischen Weltsicht. Aber nein, wir sind eifnach nur verwöhnt und undankbar. Wir gehen durch die Welt und achten nicht auf die Dinge, die uns Spass machen, sondern auf die Dinge, von denen wir selbstverständlich annehmen, sie müssten für uns ganz persönlich um Welten besser sein.

Insofern ist die Internet-Aktion #100happydays eigentlich für uns Zürcher gemacht. Die Aufgabe ist einfach: Man soll jeden Tag ein Bild von etwas ins Web stellen, das uns an diesem Tag zufriedener oder glücklicher macht. Einen positiven Aspekt des Alltags hervorheben, sich darüber freuen und andere daran teilhaben lassen. Und was geschieht? Man soll dadurch zufriedener werden. Die Leute, die's schon machen, schwören auf die Wirkung. Mehr Zufriedenheit? Das kann uns Zürchern sicher nicht schaden.

Ich werds mal versuchen: Nur für heute werde ich ein kleines Detail finden, dass besser ist, als erwartet. Und nicht wie sonst immer nur darauf achten, was nicht so ist, wie ich's am Liebsten hätte.

www.100happydays.com