Was ist los?

Miklós Gimes am Mittwoch, den 14. September 2016

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Ich schaute den Kindern lange nach, als sie schlaftrunken aus dem Haus gingen. Ein schwarzer Nissan steuerte auf den Zebrastreifen zu, neben ihm pedalte ein Elektrobiker, ich staunte, wie mühelos der Radfahrer das Tempo mithielt. Von weitem sah ich, wie der Nissan anhielt, um die Kinder über die Strasse zu lassen. Das Elektrovelo fuhr weiter, als ob es keinen Fussgängerstreifen gäbe. Unbeirrt. Mir stockte der Atem.

Die Kinder reagierten cool. Sie liessen den Velofahrer durch, bevor sie die Strasse querten. Ich weiss nicht, was ich getan hätte an ihrer Stelle. Vielleicht wäre ich gedankenlos losmarschiert. «Elektrovelos gehören verboten», sagte ich meiner Frau.

«Du siehst alles zu negativ», antwortete sie. «Gut», sagte ich, «verbieten ist ein starkes Wort. Aber es regt mich auf, dass sie sich als Fahrräder ausgeben. Elektrovelos sind eine Art Moped.» «Vielleicht können sie einfach nicht bremsen», sagte sie, «wenn sie mit Vollgas auf eine Kreuzung zufahren. Vielleicht geraten sie ins Schleudern.»

«Elektrovelos denken nicht ans Bremsen», sagte ich. «Elektrovelos haben das Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein. Weltgeschichtlich gesehen. Schaut her, wir tun etwas für die Umwelt. Deshalb stehen wir über den Regeln des Strassenverkehrs.»

«Du bist sarkastisch», sagte meine Frau, «ich mag das nicht.»

«Das ist gefährlich, was die machen», sagte ich. «Du hörst sie nicht, und sie sind schnell. Ausgerechnet in der Schweiz, wo alles reguliert wird. Vermutlich ist die Lobby der Velofabrikanten dahinter. Mit den Grünen.»

«Warum siehst du alles immer schwarzweiss?», fragte meine Frau. «Die Welt funktioniert nicht so.»

«Was du schwarzweiss nennst», sagte ich, «das nenne ich politischen Instinkt. Manchmal ist es gut zu wissen, wo man hingehört. Auf welcher Seite man steht. Links oder rechts. Arbeiter oder Unternehmer. Grenzen dicht oder Grenzen auf. Stadt Zürich oder Kanton Aargau.»

Ich war in Fahrt gekommen. «Jetzt wollen die Kantone draussen in der Agglomeration die Stadt aushungern», sagte ich. «Sie wollen nichts mehr an die Oper zahlen, ans Theater, an die Tonhalle. Sie wollen uns erwürgen. Kulturell die Luft abschneiden. Gut», sagte ich, «dann sollen sie erst mal was zahlen, wenn sie in die Stadt fahren. Dann gibts Roadpricing. Dann gibts eine Maut.» Das Wort gefällt mir. Maut.

«Bist du schon mal mit einem Elektrobike gefahren?», fragte meine Frau.

«Nein», sagte ich. «Was hat die Frage damit zu tun?» Ich dachte zurück an die letzten Jahrzehnte, wie sich die Stadt verändert hat, auf Druck von unten, von den Wilden, von der Strasse, und wie sich jetzt Verunsicherung breitmacht, wie es weitergehen soll, wenn der Druck von der anderen Seite her kommt. «Ohne ein bisschen Radikalität geschieht nichts», sagte ich.

«Versuchs doch mal», sagte meine Frau. Ich schaute sie an. Vor etwa zehn Jahren hatte ich die ersten Elektrobikes auf der Strasse entdeckt: Alte Leute, die wieder Velo fuhren, Mütter mit kleinen Kindern im Anhänger, es gab Familien, die ohne das Gefährt nicht mehr existieren konnten. Und jetzt will ich sie verbieten. Bin ich ein Wutbürger geworden? Was ist los?

Probleme mit der Midlife Crisis

Réda El Arbi am Montag, den 12. September 2016
In der Selbstwahrnehmung jugendlich, in der des Umfelds kindisch.

In der Selbstwahrnehmung jugendlich, in der des Umfelds kindisch.

Ich bin diese Woche Siebenundvierzig (in Zahlen: 4 und 7!) geworden und war etwas deprimiert. Freunde, die mich aufheitern wollten, sagten Sachen wie: “Aber du hast dich doch ganz gut gehalten. Für dein Alter.” Nicht hilfreich, ehrlich.

Ich hab also in einem Tag den Sprung vom Mittvierziger zum Endvierziger gemacht und dachte mir, dafür hätte ich einen Trost verdient. Ich wollte mir eine kleine Midlife Crisis leisten. Ihr wisst schon: Dinge tun, die das eigene Alter in der eigenen Wahrnehmung negieren und dich in den Augen des Umfelds völlig lächerlich erscheinen lassen. Dinge, von denen du denkst, sie seien “jugendlich”, während sie eigentlich nur “kindisch” sind. Einen Irokesen schneiden und ihn bunt färben zum Beispiel.

Aber eine Midlife Crisis ist gar nicht so einfach in meiner Generation. Die meisten Zürcher in meinem Alter sind sowieso schon Berufsjugendliche (ich, Bloggerkollege Alex Flach und Rainer Kuhn, um nur einige aufzuzählen). Wir konnten bis 35 ohne Probleme so tun, als wären wir in der Pubertät und haben danach eine verzögerte Entwicklung durchgemacht. So würden wir uns mit den klassischen Midlife Crisis-Sachen nur vier, fünf Jahre jünger fühlen. Das funzt irgendwie nicht. Nächte auf Koks in Clubs für Junge durchzufeiern, wirkt mit Ü40 eher peinlich als jugendlich. Und da ich drogenfrei lebe, müsste ich nüchtern zwischen den Kids rumhängen und könnte mir nicht mal vorlügen, es sei cool.

Bei einer Umfrage nach Ideen für eine kurze MLC hat sich herausgestellt, dass man als linksgrüner, abstinenter, verheirateter Gutmensch voll die Arschkarte gezogen hat. Die meisten Vorschläge drehten sich um Harleys, Sportwagen oder sonstige Verbrennungsmotoren. Was mir, ohne Führerschein, nicht besonders  viel bringt. Ausserdem könnte ich diese Autos nicht vor meinem grünen Gewissen verantworten. Und eine Harley? Eine Juristenschleuder? Ich hab auch noch Selbstachtung. Der einzig brauchbare Vorschlag aus dieser Ecke war der Tesla. Leider kann ich bei den Lieferzeiten erst meine Pension im Elektro-Sportler geniessen.

Die zweite Kategorie Vorschläge hatte mit jungen Frauen zu tun. Aber ich hab so meine Zweifel, ob das wirklich funktioniert. Neben einer 20-Jährigen fühl ich mich durch den Kontrast eher älter als jünger. Und ich will ja den jungen Menschen nicht zu nahe treten, aber die meisten hätten ihre Lebensgeschichte bei einem Espresso im Stehen erzählt. Ausserdem hasse ich es, wenn ich bei jedem wundervollen Erlebnis nur mit “been there, done that” antworten kann. Da fühl ich mich alt.

“Mach doch auf Darbellay!”, empfahl mir eine Bekannte. Aber ehrlich, ein Seitensprung mit Folgen ist nicht jugendlich. Das gehört zum Stammrepertoire meiner gleichaltrigen Bekannten. Ich kenn Männer, die haben mit 50 drei Kinder von vier Frauen. Und ausserhalb der CVP gilt das auch nicht als “Wild at Heart”, sondern heisst “Patchwork-Family”.

Einige kamen dann mit Extremsportarten: Marathon, Fallschirmspringen und Golf. Golf spiele ich dann mit 70, um mich wie 50 zu fühlen. Und bei den adrenalinintensiven Aktivitäten ist in meinem Alter das Risiko für einen Herzinfarkt einfach zu hoch. Was diese ganzen Ausdauersportarten wie Marathon und Triathlon und so angeht: habt ihr mal so einem Ü45 beim Training ins Gesicht geschaut? Da steckt so viel jugendlicher Spass drin, dass man vermutet,  man sollte sich lieber waterboarden oder mit einer Bleistange verprügeln lassen. Das wär vergnüglicher.

Natürlich kamen auch noch Kleidungs- und Frisurenvorschläge. Aber da ich meinen Stil seit den 90ern nur rudimentär geändert habe, gelte ich bereits als “retro”. Und ich lass mir weder einen Rossschwanz wachsen noch schneide ich mir einen Iro. Echt nicht.

Also, Ihr seht: Keine leichte Aufgabe.

Ich hab dann auf dem Weg zum Bahnhof Songs aus meiner Kindheit auf die Kopfhörer geblasen und dazu getanzt und Luftgitarre gespielt. Ganze vier Minuten lang. Das muss genügen.

News zum Saisonstart

Alex Flach am Montag, den 12. September 2016
Man feiert die Nächte wieder in den Clubs.

Man feiert die Nächte wieder in den Clubs.

Der Sommer 2016 liegt in den letzten Zügen. Zu den Wenigen die sich darüber freuen, zählen die Angehörigen der Berufsgattungen Clubmacher, deren Tanzflächen sich nun endlich wieder füllen werden: Ein schöner Sommer ist schlecht fürs Geschäft, da dann selbst treue Stammgäste lieber unter freiem Firmament und bis morgens um 2 Uhr um eine Feuerstelle sitzen anstatt unter einem Dach zu House- und Techno-Beats zu zappeln. Deshalb führen viele Clubs zwischen Juni und Mitte September nur ein reduziertes Programm, verzichten weitgehend auf Bookings teurer, ausländischer DJs oder gönnen sich ebenfalls ein paar Wochen Urlaub.

Entsprechend umtriebig zeigen sie sich dann zum Saisonbeginn und auch in diesem Jahr wabern durchs nächtliche Zürich etliche Gerüchte, Halb- und Ganzwahrheiten. Wahr ist beispielsweise, dass das Adagio nicht mehr aus der Sommerpause zurückkehren wird. Der zu Freddy Burgers fbm group zählende Club hat seine Pforten für immer geschlossen und der Adagio-Geschäftsführer Niels Clasen leitet nun die Geschicke des Petit Prince am Bleicherweg.

Auch die nur ein Steinwurf vom Adagio entfernte Palavrion Bar wird am kommenden Samstag die Segel streichen. Wer sich von dem überregional bekannten Afterwork-Lokal verabschieden möchte, kann dies an der «Uustrinkete» am kommenden Wochenende tun. Auch das Closing des Blok Clubs (ehem. Labor-Bar) scheint nun endgültig zu sein: Der letzte Eventeintrag auf der Facebook-Seite stammt aus dem Mai.

Es gibt aber auch Neuzugänge zu verzeichnen. Neben dem Comeback des Q Zurich an der Förrlibuckstrasse in Zürich West wird auch das ehemalige Striplokal Kings Club an der Talstrasse demnächst als Tanzlokal wiedereröffnen. Dem nostalgischen 70’s-Chic des Kings Club wurde der Garaus gemacht und die Location soll nach einem grosszügigen Umbau nicht wiederzuerkennen sein. Geführt wird der Club von Paolo Manduca, der bislang als Geschäftsführer des Alice Choo tätig war. Sein Nachfolger dort wird Pedram Khodaparast, der dafür seinen Job bei der erst kürzlich eröffneten Bar des FIFA Museums beim Bahnhof Enge quittieren wird. Zuvor war Khodaparast für den P1 Club in Dübendorf tätig.

Ebenfalls für zünftiges Brodeln in der Gerüchteküche sorgt derzeit die ehemalige Adresse des Café Gold an der Langstrasse: Scheinbar wird dort demnächst ein neuer Club eröffnen. Hinter dieser Neueröffnung sollen die Luzerner Betreiber des dortigen Lions Clubs stehen, die früher auch den berüchtigten Froschkönig-Club in Kriens geführt haben. Obschon die beiden Zentralschweizer Clubs für eine Hip Hop-Programmierung bekannt waren resp. sind, scheinen die Betreiber ein Lokal mit elektronischer Musik zu planen. Ob sie damit reüssieren werden ist zumindest fraglich, denn über die in diesem Bereich wichtige Zürcher Community scheinen sie nicht zu verfügen.

Zu guter Letzt Beruhigendes für Zürich West-Ausgeher: Die Mietverträge der Lokale auf dem Geroldareal wurden verlängert und die dortigen Clubs und Beizen werden ihren Gästen bis mindestens 2021 erhalten bleiben. 

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Geboren und gestorben in Zürich

Beni Frenkel am Donnerstag, den 8. September 2016
Neu

Hans Jakob Oeri: Heimkehr der Zürcher aus der Schlacht bei Dättwil, 1851. Öl auf Leinwand. (Foto: PD)

Es ist heiss, furchtbar heiss. Ich trinke viel Tee und schwitze noch mehr. Der Nachmittag ist nicht zu ertragen. Endlich ist es fünf Uhr, Feierabend. Ich versuche im Schatten zu laufen. Beim Heimplatz herrscht Chaos. Und es sieht aus wie in Italien: Frauen im Minijupe, genervte Autofahrer, Hupkonzert. Das 5er-Tram kommt. Irgendwann muss es heute eine technische Störung gegeben haben. Die Trams stauen sich hinten. Der 5er hier sieht aus wie Mallorca. Kein Platz ist mehr frei, die Luft flirrt.

Ich steige wieder aus. Wo kriege ich nur eine Abkühlung? Da sehe ich das Kunsthaus. Grosses Haus, kombiniere ich, grosse Kühle. Beim Ticketschalter sitzt eine junge Frau und giesst sich Wasser ein. Ich warte geduldig, bis sie fertig getrunken hat. Das billigste Angebot ist heute die Ausstellung von Hans Jakob Oeri. Die kostet nur 15 Franken. Die Frau überreicht mir einen Button. Den muss ich an mein T-Shirt befestigen.

Hans Jakob Oeri, dass sollte man schon wissen, ist ein Schweizer Künstler, der viele Ähnlichkeiten mit mir aufweist. Er trug einen Schnauz, der über die Oberlippe hing. Das stört die Frauen beim Küssen. Ich will hier niemanden langweilen. Also, machen wir es kurz: Oeri hat viel gemalt. Geboren und gestorben in Zürich, dazwischen Aufenthalte in Paris, Moskau. Gelebt hat er vor vielen, vielen Jahren.

Hans Jakob Oeri hat schöne Bilder gezeichnet. Vor einem stehe ich gerade: «Männlicher Akt, liegend« mit kleinem Penis. Das war damals aber normal. Heute muss ja alles mega oder giga sein. Im 19. Jahrhundert galten fünf Zentimeter als ordentlich, mehr als zehn Zentimeter als ordinär.

 Ich stehe vor dem Bild und versuche die kleine Bildbeschreibung zu lesen. Mega klein! Da kommt plötzlich eine ältere Frau und will auch die Bildbeschreibung lesen. Da hängen hundert Bilder und diese Frau muss jetzt unbedingt die Bildbeschreibung von «Männlicher Akt, liegend» lesen. Ich mache natürlich mega langsam. Das tue ich übrigens auch vor dem Bancomat, wenn hinter mir eine nervöse Person steht. Dann lasse ich alles zweimal ausdrucken.

 Neben dem Nackten hängt ein Tiger (Aquarell). Und jetzt muss ich doch ein bisschen Kunstkritik ausüben, auch wenn ich nicht vom Fach bin. Also, der Rolf Knie, der kann Tiger besser malen als Hans Jakob Oeri. Rolf Knie ist zurzeit aber nicht in Vergessenheit geraten. Erst kürzlich trat er bei TeleZüri auf. Moderatorin Tina Biedermann: «Din Namää käänt diä ganzi Schwiz.» 

 Am Ende stehe ich vor einem Riesenbild: «Heimkehr der Zürcher aus der Schlacht bei Dättwil 1351». Ich komme aus Dättwil! Das ist ein kleiner Vorort von Baden. In der Schlacht bei Dättwil fand vor über 660 Jahren der Match zwischen Zürich und Basel statt. Zürich hat 6:0 gewonnen, aber wie.

 Auf dem sehr schönen Riesenbild sieht man müde, aber glückliche Zürcher Kämpfer. Ein paar Frauen heulen, weil ihre Männer getötet wurden, andere Frauen stürzen sich auf die Heimkehrenden. Das macht meine Frau leider nie. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, sagt sie nur: «Du hast die Milch nicht in den Kühlschrank gestellt.»

 Oh, Gott, ich habe zuhause gar nicht angerufen. Die weiss gar nicht, dass ich hier bin. Ich rufe sie gleich an. Nein, das tue ich nicht. Sie soll ruhig ein bisschen Angst um mich bekommen. Vielleicht umarmt sie mich dann so stürmisch wie diese Frauen hier auf dem Bild. 

Die Ausstellung mit Werken von Hans Jakob Oeri ist im Kunsthaus Zürich noch bis am 23. Oktober zu sehen.

Badekappe im Ozean

Miklós Gimes am Mittwoch, den 7. September 2016

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Ich muss aufpassen. Kaum ist die Patina der Ferien abgebröckelt, bin ich das alte A*** von früher. Ein hässiger, ungeduldiger Socken. Drei Wochen waren wir weg gewesen, und als wir zurückkamen, fühlte ich mich so etwas von Zen wie ein tibetischer Mönch. Ausgeglichen, sanft und gleichmütig. Ich fuhr durch die Stadt und staunte, wie schnell sich die Leute aufregen. Wegen nichts. Wie sie dich belehren. Wie geladen sie sind. Warum eigentlich?, dachte ich. Es geht uns doch gut. Irgendetwas scheint sie zu plagen, die Zürcher.

Jetzt bin ich wieder genau gleich wie sie. Heute traf ich einen alten Kollegen, wir wollten etwas besprechen wegen einer Arbeit. Ich war einigermassen pünktlich, mein Kollege war noch nicht da, er sei unterwegs, hiess es, und ich spürte, wie ein unbändiger Groll in mir hochstieg. «Willst du im Sitzungszimmer warten?», wurde ich gefragt, aber ich wollte überhaupt nicht warten. Ich war nicht bereit, das Programm zu wechseln. «Wir hatten abgemacht», wiederholte ich scharf.

Zehn Minuten später tauchte mein Kollege auf, und es war, als würde ich aus eine Art Wachkoma erwachen, wie ein Boxer, der nach einem Schlag weggedriftet ist. Ich war wieder auf Sendung, die Zahnrädchen griffen wieder ineinander, das Programm lief. Aber vorher hatte ich es nicht geschafft, mich auf die neue Lage ein­zustellen. Vielleicht machen wir zu viel, dachte ich, vielleicht sind wir mit so vielen Sachen gleichzeitig beschäftigt, dass uns kein Raum bleibt für die kleinen, unvorhergesehenen Kapriolen des Alltags, für die Löcher im Fahrplan, für Improvisation, Freundlichkeit, nette Gesten. Für alles, was wir bewundern an den anderen, den Mediterranen, sogar den Deutschen und Engländern.

Vor zwei Wochen, an der Seeüberquerung, hatte ich mir geschworen, mich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen. Wir waren in einem Pulk von ein paar Hundert Schwimmern gestartet, in einem Knäuel von Armen und Beinen, ein Sinnbild für das Gestrampel des Lebens, jeder für sich, irgendwie vorwärts. Ich blieb ruhig, machte mich schmal, wich aus, den Schlägen und Stössen der anderen, schwamm und schwamm, unter mir die grüne Tiefe.

Irgendwann vergass ich, wo ich war, es gab nur das Wasser, ich erschrak richtig, wenn der Wind die Stimmen aus den Rettungsbooten an mein Ohr trug. Ich hätte stundenlang weiterschwimmen können, ein Leben lang, ein Wasserwesen. Manchmal zog eine rote Badekappe vorbei, Nummer 5671 oder ähnlich, einmal hatte ich einen Krampf. Am Ziel war ich ziemlich geschafft und trank wortlos meine Bouillon, immer noch im Knäuel aus Armen und Beinen, rund 8600 Menschen hatten den See überquert, und alle schienen sich im Bad Tiefenbrunnen zu drängen. Doch dann im Tram hatte ich das schöne Gefühl, von irgendwo weit weg zurückgekommen zu sein, einem unbekannten Ort.

Das scheint alles wie ein ferner Traum. Jetzt bringt mich eine kleine Verspätung aus der Fassung oder ein begriffsstutziges Kind oder eine Dis­kussion zu viel bei der Arbeit. Gott­ sei Dank sind bald Ferien. Bis es so weit ist, schwimme ich zurück, vom Tiefenbrunnen zum Mythenquai, eine rote Badekappe im Ozean.

Endlich fertig Sommer!

Réda El Arbi am Montag, den 5. September 2016
Fertig lustig. Jetzt gilts wieder ernst.

Fertig lustig. Jetzt gilts wieder ernst.

Gestern ging der Sommer zu Ende. Endlich. Bemerkt hab ich es gestern früh im Tram. Alles fühlte sich so besonders an, so frei, so hygienisch. Es dauerte einen Augenblick, bis ich drauf kam, dass es an der Geruchskulisse lag. Keine grusig verschwitzten Leute links und rechts. Keine Jugendlichen, die ihr grusig Verschwitztsein mit Tonnen von kampfstofffähigen Deowolken überdecken wollen. Keine älteren Herren, die denken, Rasierwasser im Gesicht sei proportional zu den Schweissflecken unter den Achseln anzuwenden.

Man schwitzt nicht wie ein Schwein.

Nur trockene, ruhige Passagiere, die bereits mit ihren Gedanken beim Arbeiten sind, anstatt sich zu überlegen, wie sie möglichst früh aus dem Büro abhauen könnten, um sich als Statisten für dieses sommerliche Baccardi-Feeling zwischen die arbeitsscheuen Studenten in eine Badi zu drapieren. Niemand hält sich heimlich für einen Surferboy oder eine Strandqueen, die zur Arbeit versklavt wurden. Jeder wird sich seiner Verantwortung für Unternehmen und Gesellschaft wieder bewusst.

Und man schwitzt nicht wie ein Schwein.

Ich hasse den Sommer nicht, wirklich. Auch dann nicht, wenn sich in der Schlange am Badikiosk ein dicker, haariger, verschwitzter Bauch an meinem Rücken reibt. Ich denke nur, die Lebensqualität in der Schweiz nimmt mit jedem Sommertag über 24 Grad Celsius ab. Die Leute können mit dem eingedickten Blut im Gehirn nicht mehr denken. Die Arbeitsmoral sinkt. Ab dem 1. September kann man wieder davon ausgehen, dass die Mails innerhalb von 24 Stunden beantwortet werden, und man kann den darin formulierten Inhalt auch wieder einem Menschen und nicht einem Schimpansen zuordnen.

Und man schwitzt nicht wie ein Schwein.

Die Menschen sind wieder anständig gekleidet und ihr Denken nicht von ihren Trieben beherrscht. Es käme zum Beispiel niemand auf die hirnlose Idee, im tiefsten Winter, wenn alle bis zu den Augen in Wollschals gepackt sind, ein Burkaverbot zu diskutieren – wegen der kulturellen Werte. Im Sommer hingegen werden Frauen, die nicht in kurzen Sommerkleidchen unterwegs sind, als kulturfremd empfunden.

Und man schwitzt nicht wie ein Schwein.

Und jetzt im Herbst ersetzt emotionale Tiefe den oberflächlichen, optischen Hormonrausch zwischen den Geschlechtern. Man stellt sich vor, wie man mit jemandem einen Abend zu zweit mit einer Tasse Tee oder einem Glas Rotwein verbringen kann, ohne sich zu langweilen, und wird nicht von Bikinis und Sixpacks von den bleibenden Werten eines möglichen Partners abgelenkt.

Und man schwitzt nicht wie ein Schwein.

Man bekommt auch wieder etwas Anständiges zu essen: Fertig Alibi-Salate, Grillklumpen und Fleischersatzwürste für vegane Vegetarier. Pasta mit raffinierten Saucen, liebevoll hergerichtete Wildgerichte, frisches Herbstobst, Trauben ersetzen halb verkohlte Tierleichen vom Balkon. Speck, Butter, Rahm und Kohlenhydrate ersetzen den Diätwahn der halbnackten Jahreszeit.

Und man schwitzt nicht wie ein Schwein.

Natürlich brauchts den Sommer, sonst würden wir die anderen Jahreszeiten gar nicht zu schätzen wissen.

Aber man ist auch immer wieder froh, wenn die Sonne ihre krebserregenden Strahlen etwas zurücknimmt und die Gehirne wieder in den dafür vorgesehenen Parametern funktionieren.

Und man schwitzt nicht wie ein Schwein.

PS: Bitte postet eure liebsten Herbstsongs in den Kommentaren, damit wir gemeinsam eine hübsche kleine Playlist für die nächsten Wochen zusammenstellen können.

Früher war alles besser!

Alex Flach am Montag, den 5. September 2016
Raver Eugen K.: War schon dabei, als alles noch cool war.

Raver Eugen K.: War schon dabei, als alles noch cool war.

Die Ankündigung, dass das Q zurückkommt, hat bei manchem Clubber falsche Hoffnungen geschürt: Was an der Förrlibuckstrasse 151 wiedereröffnet, ist nicht der Techno- und House-Club Q der im Frühjahr 2001 lanciert wurde, sondern das musikalisch breit angelegte Q Zurich der letzten paar Jahre (bis 2013).

Der irreführende Namenswechsel war damals durchaus beabsichtigt: Nach einem Umbau musste das, von Wechseln geprägte, Führungsteam seinen Club wegen der veränderten Rahmenbedingungen auf ein neues Publikum ausrichten, wollte aber nicht auf die Zugkraft der bekannten Nightlife-Marke «Q» verzichten. Insbesondere Einer freut sich ganz und gar nicht über die Reinkarnation dieses Buchstabens: Club Q-Mitgründer und DJ Peter Gogo Sacco. Als er vergangene Woche von dieser Wiedereröffnung und dem Wirbel in den sozialen Medien Wind bekam, schaltete er sich in die Diskussion ein, tat seinen Missmut kund und wurde postwendend von einer Lawine des Wohlwollens verschüttet. Quintessenz: Er wird demnächst eine Club Q-Remember-Party organisieren.

Ob er will oder nicht (Gogo ist ja auch Teil der heute aktiven Clubszene): Damit wird er nicht zuletzt auch die Horden der Nachtleben-Nostalgiker auf den Plan rufen, die nicht müde werden zu monieren, dass früher alles besser gewesen sei. Früher seien die Clubmacher noch mit Herz bei der Sache gewesen, früher hätten die DJs noch mit Vinyl aufgelegt, früher war die Musik schöner, früher war alles familiärer, etcetera, etcetera.

Auf Facebook haben sich die alten Hasen schon einmal mit entsprechenden Statements für Gogos Party angemeldet. Klar: Früher, in den 90er Jahren, war tatsächlich alles familiärer, denn es war die Zeit des Chefbeamten Raphael «Don Raffi» Huber, der keine Gastro-Bewilligungen erteilte, ausser man hat seine Taschen mit Schmiergeld gefüllt. Das Nachtleben verteilte sich auf eine Handvoll Clubs wie das Gothic und die Garage und einige illegale Bars.

Aber war das Reich eines korrupten Beamten tatsächlich besser als das «jeder darf’s versuchen» von heute? Die viel grössere Clubdichte und die damit einhergehende verschärfte Konkurrenz haben dafür gesorgt, dass die heutigen Clubs viel besser klingen als ihre Ahnen. Nicht nur wegen des Fortschritts im Bereich der Soundsysteme, sondern auch weil es viel mehr junge und hungrige DJs und Produzenten gibt: Sie alle müssen sich den Hintern aufreissen um gegen unzählige nicht minder talentierte Konkurrenten bestehen zu können.

Genau hier haust auch die versteckte Anmassung der Club-Nostalgiker, denn mit ihrem «früher war alles besser» sprechen sie der heute aktiven Generation die Fähigkeit ab, es ebenso gut zu machen wie sie und ignorieren dabei die Tatsache, dass eigentlich nur die Euphorie ihrer eigenen Jugend der Gewöhnung Platz gemacht hat: Man kennt’s halt, es ist nicht mehr aufregend. Betrachtet man die grosse Anzahl guter Clubs und die beeindruckende Armee junger Clubmusikanten, dann ist das «früher war alles besser» nur noch seltsam. Es war nicht besser, es war nur anders.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 2. September 2016

«Ich habe einen Seich gemacht.»

(Foto: Tom Kawara) Zum Artikel

Seit seine unglaubliche Geschichte öffentlich wurde, weiss die ganze Schweiz, dass Ernst Suter kaum lesen und schreiben kann. Deshalb hat der Mann auch nie eine Steuererklärung eingereicht. Und die Gemeinde Dürnten ihn deshalb Jahr für Jahr falsch eingeschätzt. Sie musste ihrem Bürger rund 250’000 Franken zu viel bezahlte Steuern rückerstatten. Was hat Suter seither mit dem Geld getan? (Foto: Tom Kawara) Zum Artikel

 

«Ich bin nicht der Typ, der abends
den Bettel hinschmeisst.»

(Foto: Tom Kawara) Zum Artikel

Ist er der gute Mann vom Zürichberg? Hat er wirklich keine Feinde? In 25 Jahren hat Alex Rübel als Direktor den Zoo Zürich zu einem der modernsten weltweit gemacht. Sein Erfolg ist das Resultat aus einer Kombination von Ehrgeiz und Bescheidenheit – und viel Arbeit. (Foto: Tom Kawara) Zum Artikel

 

«Kein Ort, an dem man innehalten würde.»

(Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

Seine Lieder sind Klassiker und bis heute beliebt: Mani Matters Unfallort dagegen ist weniger bekannt. Am 4. August wäre der unvergleichliche Liedermacher 80 Jahre alt geworden. Dort wo er 1972 tödlich verunfallt wäre, fahren heute täglich Tausende vorbei. Einen Gedenkstein bei der A3 gibt es trotzdem nicht. Matter-Biograph Wilfried Meichtry hält das auch nicht für angebracht. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Das Ganze war ziemlich krass.»

(Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

Der Zürcher Schauspieler Alireza Bayram gilt als Geheimtipp. Und er hat auch international Erfolg: Er konnte sich in der fünften Staffel der erfolgreichen TV-Serie «Homeland» eine Rolle ergattern. Die Dreharbeiten waren für ihn eine Erfahrung für sich. Am Drehort in Berlin bekam er sogar einen eigenen Wohnwagen. (Foto: Thomas Egli)

 

«Wir können offene Stellen nicht mehr besetzen.»

(Foto: Nicola Pitaro) Zum Artikel

Bald ist der Velo-Lieferdienst des ZüriWerks Vergangenheit, weil es ihn nicht mehr gibt. Die Behindertenstiftung muss sparen. Zudem findet sie zu wenig Fachkräfte. ZüriWerk-Direktorin Beata Hochstrasser bedauert, denn die Nachfrage nach der Dienstleistung wäre durchaus vorhanden.  (Foto: Nicola Pitaro)

 

«Männer haben es generell einfacher im Leben.»

(Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

Es gibt durchaus Situationen, in denen die Journalistin Hildegard Schwaninger gerne ein Mann wäre.  Wenn sie bei einer Fee einen Wunsch offen hätte, wäre sie liebend gerne ein Jahr lang ein Mann: jung, schön und klug. (Foto: Raisa Durandi)

 

«Das kann ich besser.»

(Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

Schlichtes Design, einfach zu bedienen: Mit der «Zuriga» konstruierte der Zürcher Moritz Güttinger eine Kaffeemaschine, die auf das Wesentliche reduziert ist. Sein Ziel: Die Maschine soll einfach guten Espresso machen. Und das tubelisicher. (Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

 

«Bis spätestens Ende Jahr.»

(Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

Im vergangenen April rammte die MS Albis mit Getöse den Anlegesteg in Küsnacht. Zehn Personen wurden verletzt. Eine Fehlmanipulation der Motorsteuerung könnte die Ursache für den Vorfall gewesen sein. Der Untersuchungsbericht soll gemäss zuständigem Staatsanwalt Donat Welti bald veröffentlicht werden. (Foto: Reto Oeschger)

 

«Ich habe viel gelesen und ausprobiert.»

(Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

Ist sie das grüne Gegenstück der Modezarin Trudi Götz? In Albisrieden eröffnete Gudrun Ongania bereits ihre dritte Veg-and-the-City-Filiale, eine Art Gartenshop. Urbanes Gärtnern ist definitiv in Zürich angekommen. (Foto: Reto Oeschger)

 

«Jetzt räume ich mein Konto
und lagere das Geld privat.»

(Foto: Adrian Moser) Zum Artikel

Beim aktuellen Zins bringt ein Bankkonto nichts – manche Leute lösen es auf und lagern ihr Geld lieber zu Hause. Zürcher Tresoranbieter freut das – sie haben in letzter Zeit vermehrt Zulauf. Marco Bundi von Targo Tresore über den neuen Trend. (Foto: Adrian Moser) Zum Artikel

 

«Erst mit hoher Qualität, könne wir
heute ein Kinoerlebnis bieten.»

(Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

Vorbei sind die Zeiten des engen Klappstuhls: Im frisch renovierten Kino Capitol sitzt man wie in einer Lounge. Kitag-CEO Philippe Täschler weiss, wie er das Publikum in den Kinosaal locken will. Der Eintrittspreis dafür ist allerdings gestiegen. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 Jugendträume

Miklós Gimes am Donnerstag, den 1. September 2016

gimes

Als wir klein waren, schlossen wir die Augen und versuchten, am Motorengeräusch die Marke des herannahenden Autos herauszufinden. Wenn ein schnittiger Triumph Spitfire oder ein Austin-Healey vorbeikrachte oder ein Porsche 911, schauten wir ihm lange nach, manchmal sass eine junge Frau im Cabrio, und wir fragten uns, wie es sein werde, das Leben als Erwachsener.

Seither sind ein paar Jahrzehnte vergangen, der Umweltschutz kam, die Ölkrise und der Treibhauseffekt, aber meine Kinder zeigen immer noch fachmännisch auf die Strasse, wenn sie einen Lamborghini sehen oder wenn der Aston Martin aus dem Parkplatz gegenüber elegant hinauskurvt.

Ich weiss nicht, woher sie das haben, die Bewunderung für teure Autos. Vielleicht von den Kollegen in der Schule. Vielleicht ist es genetisch. Oder vielleicht habe ich eben doch unbewusst die Botschaft weitergegeben, dass Menschen in schnittigen Autos ein sorgloseres Leben führen als Menschen in einem Familienwagen der Mittelklasse.

Wobei, der Massstab für «schnittige Autos» wird immer strenger, und der Porsche, ist mir aufgefallen, ist definitiv kein Thema mehr. Es gibt einfach zu viele. Sonst müssten meine Kinder bei jedem dritten oder vierten Wagen den Arm heben. Denn wenn man mich fragt, was sich wirklich verändert hat in unserer Stadt, dann ist es die Anzahl von Porsche auf der Strasse. Sie fallen gar nicht mehr auf, ausser eben die alten 911er. Wir haben uns an den Porsche gewöhnt. Er lebt unter uns.

Manchmal frage ich mich, was das bedeutet. Nehmen wir die Vespa, überhaupt die Roller, auch sie sind überall auf den Strassen, wie Heuschrecken sind sie über die Stadt hergefallen. Schmirgeln und schlängeln, jenseits jeder Sicherheitslinie, man wähnt sich manchmal in Palermo oder in Rom. Sie überholen rechts und links, wie man es in Italien gesehen hat oder in den italienischen Filmen. Denn darum geht es ja, um die Geschichte hinter einem Fahrzeug. So eine Vespa ist eine italienische Legende. Und jeder kann sich heute auf eine Vespa setzen, den Fahrtwind spüren, diesem lebensmüden Ton nachjagen, der immer lauter wird in der heissen Sommernacht.

Es geht immer um die Story. Auch wenn einer meiner Söhne im komplett ausgewaschenen T-Shirt von Zlatan Ibrahimovic zum Training geht – ein anderes Trikot zieht er nicht an, lieber bleibt er zu Hause. Dann hat man das Gefühl, dass ihn der Fussball nicht mal so sehr interessiert, es geht um Zlatan. Er ist Zlatan. Der Rebell mit dem Rossschwanz. Die Story ist alles.

Zurück zu den Tausenden, die sich in den letzten Jahren einen Porsche gekauft haben. Wer sind sie? Was stellen sie dar? Gut, sie haben sich einen Jugendtraum erfüllt, einen Porsche. Aber was ist die Geschichte? Möchten sie so wie die Jungs im Silicon Valley sein? Die Softwaretüftler mit den Facebook-Aktien? Jung, smart, Porsche? Was für eine Subkultur wächst da heran? Und was hat das alles zu tun mit den dunklen, hochgetunten BMW der Secondos aus Kosovo, ihrer schwarzen, brummenden Armee? Dem balkanischen Jugendtraum? Kommt der Showdown? Wann?

Diese Geschichte muss noch geschrieben werden.

Ade Franz-Carl-Weber

Beni Frenkel am Donnerstag, den 1. September 2016
FCW

Die Franz-Carl-Weber-Filiale an der Bahnhofstrasse. (Bild: Thomas Egli)

 

Manchmal gehe ich mit den Kindern in den Franz-Carl-Weber an der Bahnhofstrasse. Jedes Kind darf sich dann für 20 Franken ein Spielzeug aussuchen. So viel Geld auszugeben, reut mich nicht. Ich bin ein recht grosszügiger Mensch, der viel Herz für Kinder hat. Klar, manchmal überlege ich mir schon, ob meine Kinder wirklich sooo dringend neue Schuhe oder Lebensmittel benötigen. Aber dann überwinde ich mich doch. Das Leuchten der Kinderaugen ist wertvoller als alle Edelsteine der Welt!

Diesmal war der Besuch etwas besonderes. Ende Jahr schliesst der Laden seine Pforten und verabschiedet sich von der Bahnhofstrasse. Das ist schon bedauernswert. Ich bin ehemaliger Aargauer. Dort, wo ich aufwuchs, gab es keine Spielzeugläden. Wer eine Pistole wollte, musste in die EPA gehen oder zur Migros. Überhaupt gab es im Aargau wenig zum Spielen. Die Jugendlichen meiner Generation landeten entweder auf der Strasse oder wurden DJ Bobo. Ein Franz-Carl-Weber in Zürcher Dimensionen hätte bei uns nur schon von der Grösse her keinen Platz gehabt. Woran ich mich ebenfalls erinnere, sind die grossen Weihnachtskataloge von Franz-Carl-Weber.

Doch jetzt genug der Nostalgie. Im zweiten Stock gibt’s nämlich einen Roboter mit Fernbedienung! Ein Demofilm zeigt, wie das funktioniert. Ein kleiner japanischer Junge läuft lachend zum Spielplatz. Hinter ihm rollt langsam der ein Meter hohe Roboter. Die nächste Filmsequenz zeigt ein Rudel nervöser Kinder, die staunend den Roboter umringt. Der japanische Junge lacht immer noch und zeigt stolz, was der Roboter so alles kann: Im Kreis fahren, mit den Augen leuchten, eine Fernbedienung tragen. Dann stoppt der Film.

Mein Junge hüpft unsympathisch vor meinen Füssen: «Kauf mir den Roboter, kauf mir den Roboter!». Ich versuche ihm zu erklären, dass Papi nur unterer Mittelstand ist. Aber sogar wenn ich reich wäre, würde ich keinen Roboter kaufen, erkläre ich ihm schonend. Kinder verstehen das natürlich nicht. Im Gegenteil, wenn Kinder an der Macht wären, müssten wir ihnen den halben Franz-Carl-Weber kaufen. Und nachher noch ein Glacé.

Die Tochter zerrt mich zum Erdgeschoss. Da steht ein riesengrosser Steiff-Teddybär. Grösser als ich. Er kostet 2000 Franken. Dann zupft wieder der Junge. Nochmals hoch in den zweiten Stock. Zu den Drohnen. «Hier, hier, hier», schreit er. In der Vitrine liegt eine sprachgesteuerte Drohne mit Kamera, die auch im Dunkeln filmen kann. Die Nachbarin von oben kommt mir in den Sinn. Gegen Abend empfängt sie häufig männliche Besucher.

Krisenrat. Alle Kinder zu mir. Jeder von euch bekommt nur 20 Franken. In 10 Minuten habt ihr etwas gefunden oder wir gehen leer nach Hause. Ich setze mich auf ein Sofa. Neben mir sitzt schon ein Araber. Seine Kinder dürfen mehr auswählen als meine. Drohne, Carrera-Bahn, Wasser-Pistolen. Zwei verschleierte Frauen schreien gutturale Laute in ihre Smartphones. Müde blickt mein Sitznachbar zu mir herüber. Dann lächelt er leise.

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