Tages-Anzeiger



Tanzen, Titten und Sexismus

Alex Flach am Montag, den 27. Oktober 2014
Hätte Sie DJane Micaela Schäfer erkannt? Auf diesem Bild trägt sie Kleider.

Hätten Sie DJane Micaela Schäfer erkannt? Auf diesem Bild trägt sie Kleider.

Alice Sophie Schwarzer, Kämpferin für Frauenrechte und Herausgeberin der Frauenzeitschrift Emma, würde schwarz vor Augen werden, fände sie die Musse, sich mit dem hiesigen Nachtleben auseinanderzusetzen.

Nicht nur aufgrund der Tatsache, dass in diesem Wirtschaftsbereich Frauen in Führungspositionen dünner gesät sind, als kluge Bemerkungen des Ex-Bachelors Vujo Gavric, sie werden mit einer Selbstverständlichkeit auf ihre äusserlichen Attribute reduziert, die selbst Hugh Hefner die Schamesröte ins Gesicht treiben würde.

Nicht nur von professionellen Chauvinisten wie Matthias Pöhm, dem Verfasser des nach Aufriss-Potential gewichteten Clubrankings «Die besten Verführungsclubs von Zürich», sondern in zunehmender Form auch von allen anderen Stakeholdern des Nightlife: ob Clubber, ob DJ, ob Club-Betreiber, ob Veranstalter, ob Partyfotograf oder Türsteher. Aus Sicht der Nachtleben-Schaffenden sind Frauen Club-füllende Männermagneten und aus jener der männlichen Gäste Freiwild, das es zu erlegen gilt.

Klar: Der Jagdinstinkt vieler Frauen steht jenem ihrer männlichen Abschlepp-Kollegen in nichts nach, jedoch manifestiert sich dieser vorwiegend im bilateralen Balzspiel an der Bar oder im Club und nicht in solch penetrant-öffentlicher Manier, wie es beim männlichen Willen zum Aufriss der Fall ist. Auf der Eventplattform tilllate.com gibt es eine Rubrik «Neueste Supergirls», in der bisweilen nur die Oberweiten abgelichteter Frauen zu sehen sind, einige Clubs buchen regelmässig Stripperinnen, um ihre männlichen Gäste zu ergötzen, bei den für die Animation zuständigen Dancecrews interessiert vor allem der Anteil nackter Haut (auch wenn die Tänzerinnen selbst oftmals immer noch denken, es gehe um tänzerischen Ausdruck) und im Gratisclub Wow in Zürich West gibt es tatsächlich ein Partylabel namens «Titty Flash».

Agenturen für kommerziell orientierte elektronische Musik (insbesondere im EDM- und Deep House-Bereich) haben längst entdeckt, dass ihre Youtube-Clips ein paar tausend Klicks mehr generieren, wenn sie diese mit, möglichst textilfreien, weiblichen Hintern bebildern und es gibt unzählige topless-DJanes wie Micaela Schäfer, die die Dauergeilheit männlicher Clubber eigennützig bedienen, ungeachtet der Tatsache, dass sie ihren weiblichen Berufkolleginnen ohne Hang zum Exhibitionismus das Bestehen in diesem chauvinistischen Umfeld zusätzlich erschweren.

Selbstverständlich sind Clubs munter sprudelnde Hormonquellen und sollen dies auch sein. Sie sind keine Plattformen für intellektuelle Diskussionen, alleine schon wegen der Alkoholpegel aller Beteiligter und der Kommunikations-verhindernden Lautstärke. Jedoch droht die einseitige Erotisierung des Nachtlebens aktuell im Sexismus zu verenden und damit wäre nun wahrlich niemandem gedient, da sich immer mehr Frauen dazu entschliessen könnten, sich nicht mehr freiwillig vor die Flinten männlicher Freizeit-Casanovas zu begeben.

Diese wiederum könnten, wenn sie das nächste Mal in einem Club eine Frau anquasseln, ihr wieder mal in die Augen sehen, anstatt nur auf ihre Brüste zu starren: Veränderung beginnt im Kleinen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Zürich vollkommen abriegeln!

Réda El Arbi am Donnerstag, den 23. Oktober 2014
EIne VBZ-Kontrolle am Stadtrand.

Eine VBZ-Kontrolle am Stadtrand.

SVP-Mann Christoph Mörgeli hatte wieder mal eine  Idee: Er will die Schweizer vor einer Ansteckung mit Ebola schützen, indem er verlangt, die Grenzen für Menschen aus dem Epidemie-Gebiet zu schliessen. Natürlich ist das für einen Medizinhistoriker ein wenig dürftig, wenn nicht gar peinlich. Weiss man hierzulande doch, dass die Gefahr für Stadtzürcher, an einer Grippe zu sterben, 4 107 184.5 Mal grösser ist, als mit Ebola in Kontakt zu kommen. Also, kein Wort mehr zu Ebola und der nichtexistenten Gefahr.

Betrachtet man Mörgelis Idee aber unter dem Grippe-Aspekt, müssen wir vom Stadtblog zugeben, dass der Abriegelungsgedanke durchaus etwas für sich hat. Die Grippezeit steht vor der Tür und die Epidemie wird gnadenlos zuschlagen: Sie wird uns ganze Abende ans Bett fesseln, die wir in Clubs, Restaurants oder mit neuen Flirts im Kino verbringen könnten. Der volkswirtschaftliche Schaden wäre nicht zu beziffern. Und eingeschleppt wird diese Pest natürlich von den Pendlern und Wochenend-Party-Touristen aus dem Umland. (Es ist erwiesen, dass die Grippe ihren Ursprung nicht in Zürich hat. Verschwörungstheoretiker gehen davon aus, dass die Basler Pharma den Erreger absichtlich ins Trinkwasser giesst, um uns dann teure Grippeimpfungen verkaufen zu können.)

Wir haben deshalb beschlossen, einen «Abriegelungsplan G» zu entwerfen und in Kraft zu setzen.

 

Bei den ersten Fällen ausserhalb des Stadtgebietes führen speziell ausgebildete VBZ- und ZVV-Mitarbeiter an der Stadtgrenze eine gründliche Ganzkörper-Desinfektion bei einreisenden Fahrgästen durch.

 

Handys und andere Gegenstände, die eventuell mit Speichel oder anderen Körperflüssigkeiten in Verbindung kamen, werden rigoros verbrannt.

 

Es wird bei jedem einzelnen Einreisenden eine Fiebermessung (rektal) vorgenommen. Bei erhöhter Temperatur wird der Infektionsherd isoliert und der Pharmaindustrie zu Impftestzwecken überstellt. Der Transport nach Basel geht zu Lasten des Infizierten.

Zugezogene, die weniger als zwei Jahre in der Stadt leben, werden in ihren Behausungen unter Quarantäne gestellt.

 

Risikogruppen, die mit Infizierten in Kontakt kommen könnten, werden mit Schutzkleidung ausgestattet. So dürfen Prostituierte in den Strichboxen nur noch mit Vollkörperkondom mit ihren ausserstädtischen Kunden verkehren. Verkehrspolizisten ist es erlaubt, sich verdächtige Personen mit Waffengewalt vom Leib zu halten, präventiv, sofern der Delinquent ein ausserkantonales Nummernschild besitzt. Bei ZH-Nummernschildern wird das Auto konfisziert und verbrannt.

 

Clubs und Lokalitäten, die hauptsächlich von Ausserstädtischen frequentiert werden, können bei Gefahrenstufe 1 geschlossen werden. Bei Gefahrenstufe 2 werden sie zum Schutz der Wohnbevölkerung niedergebrannt.

 

Die Stadt wird die Türsteher der Zürcher Hipsterclubs zwangsverpflichten. Ihr Knowhow, gefährliche Provinzler bereits an ihrem Äussern zu erkennen, wird in der Krise wertvolle Dienste leisten.

 

Um unser Gesundheitssystem zu schützen, werden bereits Infizierte, die es trotzdem in die Stadt schaffen, nicht Ärzten oder Krankenhäusern zugewiesen, sondern in Zelten auf Park&Ride-Parkplätzen in Stettbach von «Medicins sans Frontiers» betreut. Bei fortgeschrittener Krankheit greifen die Notstandsverfügungen und sie werden direkt verbrannt. Die Öfen vom Happy Beck werden zu diesem Zweck requiriert.

 

Um die Versorgung der Stadt sicher zu stellen, werden wir eine Luftbrücke aus der EU einrichten. Und um unserem Mitgefühl mit den Massen da draussen Ausdruck zu verleihen, werden wir Vitamin-C-Pakete über dem Mittelland abwerfen. Der Korridor City-Flughafen wird nur mit einer gepanzerten Glatttalbahn zugänglich sein. Alle Stationen ausserhalb Oerlikons werden nicht mehr bedient und mit Minen gesichert.

 

Nicht betroffen von den Notstandsmassnahmen sind Leute, auf deren Dienste die Stadt aus wirtschaftlichen oder infrastrukturellen Gründen nicht verzichten kann. Sie dürfen einreisen, müssen dann allerdings bis zum Ende der Krise innerhalb der Absperrung bleiben. Untergebracht werden sie in Zivilschutzunterkünften. Familiennachzug ist nicht gestattet und sie dürfen sich nur in den für ihre Arbeit notwendigen Bereichen bewegen.

So, liebe Städter, Sie sehen, wir haben an alles gedacht. Verabschieden Sie sich von Ihren Bekannten aus dem Umland, wenn möglich ohne Körperkontakt, und stellen Sie sich innerlich darauf ein, sie nie wieder zu sehen.

 

Anm. 1: Wer Infizierten oder Zuwanderern aus dem Gefahrengebiet Unterschlupf bietet oder sie vor den zuständigen Autoritäten versteckt, muss mit harten Strafen rechnen: bis zu zehn Jahren Zwangsarbeit in der Mausefalle oder anderen Agglomagneten.

Die zufriedene Jugend

Réda El Arbi am Mittwoch, den 22. Oktober 2014
kann die heutige Jugend nur noch zufrieden in de Asche spielen? Ist alles schon erreicht?

Kann die heutige Jugend nur noch zufrieden in der Asche spielen? Ist alles schon erreicht?

Früher war wohl doch nicht alles besser. Die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen im Land sind heute laut des CS-Jugendbarometer sehr zufrieden. Sie wünschen sich eigentlich nur noch gute Karrieren und weniger Ausländer. Nun ja, meine Generation war nicht zufrieden. Wir wollten Dinge erreichen. Wir wollten Veränderung.

Ich bin also mal ins Tram gestiegen und hab mir unsere Jugend angesehen. Und als Erstes fiel mir die Einheitlichkeit des Äusseren auf. Vielleicht erinnert ihr euch selbst noch: Wir hatten Jugendsubkulturen. Man bekannte sich zu einem Lebenstil, einem Wertesystem, einem Musikstil, einer Gruppe von Nonkonformisten.

Da gabs zum Beispiel Popper, die Stunden für ihre Frisuren und ihre Klamotten aufwandten. Sie hörten natürlich das, was damals unter Pop verkauft wurde (ergänzt durch Italo-Schnulzen), trugen Blazer, schmale Krawatten und asymetrische Haarschnitte, die sie nötigten, dauernd ihre Haare aus dem Gesicht zu werfen. Sie hatten keine politischen Werte, dafür aber ungeheures Gemeinschaftsgefühl und ein ausgeprägtes individuelles Selbstbewusstsein.

Weiter waren da die Freaks, eine Art politisierte Hippies. Sie zeichneten sich durch Röhrchenjeans, Wildlederjacken oder Militärparkas und «Adidas Rom»-Turnschuhe aus. Sie trugen violette Windeln als Halstücher und lasen Hesses «Siddharta» (Hesse war unser Coelho, einfach mit Sprachgefühl und mehr Schwermut), diskutierten über Politik, engagierten sich oft in der Anti-AKW-Bewegung, hörten Velvet Underground, Rolling Stones, David Bowie, Pink Floyd, Bob Marley und erste Indie-Rockbands.

Waver-Sound

Oder die Waver, quasi die Urgrossväter der Emos, hervorgegangen aus den Punks, brachten sie das «No Future»-Lebensgefühl auf eine persönliche Ebene. Depression war das Lebensgefühl und an besonders fröhlichen Tagen vielleicht eine geschwächte Melancholie. Schwarze, lange Mäntel, schwarze Haare, schwarzes Makeup und weisse Haut. Begleitet wurden sie von The Cure, The Jesus And The Marie Chain und vielen anderen Bands, die mit «The» begannen.

Ich könnte noch einige Gruppen aufzählen, die Heavy Metaller zum Beispiel, ohne jegliches politisches Bewusstsein, dafür mit ungeheuer eindrücklichen Plattensammlungen und sehr schweren Lederjacken, die mit Nieten nochmals um zwei Kilo bereichert wurden. Oder die Teddies, die sich an den 50ern orientierten und grosse Tollen kombiniert mit spitzen Stiefeln und steinzeitlichem Gedankengut trugen.

Metaller

Allen Gruppierungen und Subkulturen war Eines gemeinsam: Man wollte sich von den anderen abgrenzen. Man wollte sein eigenes Lebensgefühl schaffen. Man wollte der Welt den eigenen Lebenstil verkünden und natürlich wollte man sich von den anderen Gruppen unterscheiden. Soweit, dass man sich auch schon mal prügelte, sich gegenseitig die Töffli sabotierte (Popper fuhren Ciao, Metaller und Freaks Puch, bzw. alte Zweigang-Schleudern). Man stand für eine eigene Identität ein, bei der man auch das Riskio einging, gehasst zu werden. Ja, manchmal war das einzige Ziel, gehasst oder belächelt zu werden.

Die meisten der Kids damals lernten also, für ihre (wenn auch noch so lächerlichen) Werte einzustehen, anzuecken, Selbstwertgefühl zu entwickeln und Dinge einzufordern.

Heute ist es schwierig für Jugendliche. Die Gruppenzugehörigkeit hat sich in der Superindividualisierung aufgelöst. Und die Superindividualisierung hat sich in Beliebigkeit verwandelt. Man ist seine eigene, persönliche Aussage, die man aus dem Angebot der Mainstream-Klamottenläden zusammensetzt. Das Dazugehören ist wichtiger als das Abgrenzen. Wenn überhaupt so etwas wie politisches Engagement aufkommt, ist es meisten gegen Irgendwas, nicht für Irgendwas. Es ist auch schwer, sich für irgendwas zu engagieren, wenn bereits alles da ist.

Meine Generation war wohl die erste, die quasi bis Dreissig Berufsjugendliche sein durfte. Den heutigen Kids bleiben eigentlich nur noch die frühe Biederkeit, die Zufriedenheit und konservative Werte. Die Wildheit begrenzt sich auf Feiern was das Zeug hält. Wenn sie aufmucken oder etwas fordern, müssen sie sich anhören, dass sie ja bereits alles haben. Was stimmt, woran sie aber keine Schuld tragen.

Wollten sie rebellieren, selbst gewalttätig, müssen sie sich anhören, dass ihre Eltern und Grosseltern bereits in den 60ern und in den 80ern  viel krasser waren. Nehmen sie Drogen, müssen sie diese vor ihren Eltern verstecken, da die ihnen sonst die Pillen wegfressen und das Gras wegdampfen. Am Ende jedes extremen, rebellischen Weges treffen sie auf die vorherige Generation, die da im Schaukelstuhl sitzt, Pfeife raucht und meint: «Auch schon hier?»

Die Jugend ist zufrieden, es bleibt ihnen ja nichts anderes übrig. Eigentlich wäre das schön. Es ist, als ob man ein Ziel erreicht hat. Aber auf der anderen Seite macht es mir auch ein wenig Angst. Ich mag ihnen ihre gute Welt gönnen, aber ich befürchte auch ein wenig Stillstand. Sogar eine Regression. Wenn unsere Jugend zufrieden ist, wenn sie nichts mehr anstreben, sondern sich nur noch für Dinge einsetzen, die sie NICHT wollen (Ausländer, Veränderung, Risiken), dann bringt das unsere gesellschaftliche Entwicklung zum Stillstand.

Sie müssen nicht Molotov-Cocktails schmeissen und «Freie Sicht zum Mittelmeer» fordern. Aber es wäre doch schön, wenn sie eine eigene gesellschaftliche Utopie, eine eigene Vorstellung der Zukunft, die über das eigene Einfamilienhaus und das eigene Auto hinausgeht, anstreben würden. Nicht?

Aber vielleicht bin ich ja einfach einer dieser nostalgischen alten Säcke.

Raubbau am Nachtleben

Alex Flach am Montag, den 20. Oktober 2014
Nicht einmal New York ist vor der Entwicklung sicher: Der Finanzdistrikt ist erneuert und nach 18 Uhr tot.

Nicht einmal New York ist vor der Entwicklung sicher: Der Finanzdistrikt ist erneuert und nach 18 Uhr tot.

Am 1. November werden die Juso Berner Oberland in Thun das dortige Nachtleben zu Grabe tragen, samt Sarg, letztem Geleit und Rede eines (ungeweihten) Pfarrers. Die jungen Thuner Sozialisten wollen mit der symbolischen Bestattung einen Appell an die Stadtverwaltung Thuns richten, sich doch endlich um den Erhalt der dortigen Clubkultur zu kümmern.

Mit dem Selve Areal verfügte das Tor zum Berner Oberland bis circa 2006 über eine stattliche und quicklebendige Partymeile mit alt-industriellem Flair, die chicen Neubauten zum Opfer gefallen ist. Wie überall sonst in der Schweiz haben auch die Thuner Beamten damals viel zu wenig getan, um für Ersatz zu sorgen: «Das Nachtleben auf dem Selve verschwindet, na und?».

Jedoch muten die heutigen Thuner Nächte an, als ob in der mittelalterlichen Stadt erst kürzlich die Pest gewütet hätte: Es ist totenstill. Die Exponenten der Stadtverwaltung, die damals untätig zugeschaut haben wie das Selve-Areal untergeht, denken nun darüber nach, eine neue städtische Partymeile entstehen zu lassen.

Aber was interessiert es schon den Zürcher, was den Thuner umtreibt? Viel, denn auch hier verschwindet seit Jahren alte Industrie-Infrastruktur, der Boden auf dem innovatives Nachtleben erst gedeihen kann. Clubbetreiber wie beispielsweise Sandro Bohnenblust und Jean-Pierre Grätzer vom Supermarket, deren Lokal nächstes Jahr einer Ladenpassage weichen muss, haben unzählige Stunden und Tage mit der erfolglosen Suche nach geeigneten Nachfolgeräumlichkeiten verbracht, ohne effiziente Unterstützung seitens Stadtverwaltung.

Die kulturellen Freiräume verschwinden, die bezahlbaren Flächen ebenfalls und gleichzeitig bauen Firmen wie Mobimo in Zürich West einen Wohnturm nach dem anderen, gedacht für Mieter, denen Zürcher Verwurzelung und Kulturgeschichte im Quartier schnurz sind. Clubmacher werden nicht gefragt, sie werden vor vollendete Tatsachen gestellt, siehe beispielsweise Härterei: Neben dem Club ist ein Wohnsilo entstanden, das der Trabantenstadt im gleichnamigen Asterix-Band alle Unehre machen würde.

Anstatt dass sich nun die neuen Mieter an die länger dort ansässige Härterei hätten anpassen müssen, wurden dem Club lärmdämmende Massnahmen auferlegt, die ihm den Garaus gemacht hätten, wäre auf dem Maag Areal nicht glücklicherweise ein weiterer Raum verfügbar gewesen. Die Stadt stellt (nicht nur) in ihrem Westen das exzessive Hochziehen glitzernden Büro- und Wohn-Paläste für Betuchte weit über den Erhalt der Nachtkultur. Die Stadt bietet den Nachtbelebenden keine Alternativen an und auf der anderen Seite fliessen jährlich sagenhafte 75 Millionen ins Opernhaus.

Das ist kompletter Verhältnisblödsinn, ein trauriger Witz und solange dieser erzählt wird, winken auch hier am Horizont Thuner Zustände. Es fragt sich, wieso die Verantwortlichen nicht endlich zur Einsicht gelangen, dass Vorbeugen besser als Heilen ist – und warum alle halbpatzigen Gegenmassnahmen so mut-, kraft- und saftlos erscheinen. Aber vielleicht tun sie es ja angesichts der Tatsache, dass nicht sie sich mit den Folgen der Vernichtung von Nachtkultur-Optionen herumschlagen müssen, sondern ihre Nachfolger.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Toter Wohnraum

Réda El Arbi am Freitag, den 17. Oktober 2014
Teuer, luxuriös, aber seelenlos und austauschbar.

Teuer, luxuriös, aber seelenlos und austauschbar.

Es wäre zum Lachen, wenns der Stadt nicht solchen Schaden zufügen würde: Der Luxuswohnungsmarkt erwürgt sich selbst. Mit viel Geld sind die grossen Player – Allreal, Implenia und wie sie alle heissen – in die alten Quartiere der Stadt eingefallen und haben teuer neu gebaut oder saniert, um noch mehr Geld herauszuholen. Dabei wedelten sie mit Zertifikaten der höchsten Lebensqualität in Städterankings, wurden von Stadt und Wirtschaft hofiert und hofften auf Expats, Tennisspieler und Manager, die sich dann Zweizimmerwohnungen ab 4000 Franken als Zweitwohnsitz in der Stadt leisten würden.

Nun, die Rechnung scheint nicht aufzugehen. Wie der Tages Anzeiger heute berichtet, stehen immer mehr dieser Luxusbleiben leer. Die Immobilienkonzerne müssen den Preis runtersetzen und bringen die «Apartements» trotzdem nicht los. Und sie verstehen es nicht. Schliesslich hats in London, Schanghai, Singapur und Bangkok doch auch funktioniert. Mit denselben Architekten und vergleichbaren Preisen.

Aber es liegt nicht nur an den hohen Preisen. Es liegt daran, dass gerade der Teil Zürichs Lebensqualität ausmacht, den diese Renovationen und Neubauten vertreiben. Der Mix aus Familien, Kulturen, WGs, kleinen Läden und altem Stadtcharme ist das erste Opfer der Bauinvasion. Und wo der Charme fehlt, will keiner wohnen. Und warum soll man sich als Expat oder Aufenthalter auf Zeit eine überteuerte kleine Wohnung in einem seelisch abgemurksten Quartier leisten, wenn man für denselben Preis 20 Autominuten entfernt ein klassisches Bauernhaus mieten kann? Zürich ist nicht LA. Hier kommt man innert nützlicher Frist in die Innenstadt.

Die Investoren haben an Zürichs Image vorbeigebaut. Sie gingen davon aus, dass eine Finanzstadt auch ein kühles Business-Image hat. Aber meine Expat-Freunde sind nach Zürich gekommen, weil ihnen der alte Charme der Limmatstadt gefiel, das Kleine, das Gemischte. Sie haben das Wort «herzig» auf Deutsch gelernt, um bei ihren Freunden in London, Schanghai und Singapur mit Zürich angeben zu können.

Es ist auch nicht nur die fehlende Seele, die den gentrifizierten Quartieren die Attraktivität nimmt. Ich bin ja kein Architekt oder Architekturkritiker, aber man fragt sich schon, ob die Studenten während des Architekturstudiums  gebrainwasht wurden, damit sie nachher mit fünf nicht zu unterscheidenden Glas/Beton-Konzepten geprägt werden konnten. Und nebenbei: Auch die Leute die da wohnen sollen, sind keine Architekten oder Architekturkritiker. Es sind Leute, die ein Zuhause wollen, keine Bühne wie im Film «Wolf of Wallstreet», um sich vor ihren reichen Freunden in Szene zu setzen. In einem Magazin mögen solche Wohnungen geil aussehen, aber wenn man schon Geld hat, will man wohl lieber Lebensqualität als Design. (Vielleicht sollte man grundsätzlich alle Architekten zwingen, mindestens fünf Jahre in ihren eigenen Entwürfen zu leben. Und fünf Jahre im Haus gegenüber, wo sie ihre eigenen Entwürfe jeden Tag ansehen müssen).

Die Luxuswohnungen sehen dann auch alle gleich aus, ein wenig offene Lounge, ein wenig Geometrie, die Raumeinteilung absolut familienuntauglich – und wenn man nicht aus dem Fenster sieht, weiss man nicht, in welcher Stadt man sich gerade befindet. Teuer, aber trotzdem nicht exklusiv, sondern beliebig und austauschbar. Es fehlt die Identität, die entweder mit Kreativität geschaffen werden kann, oder eben durch eine eigene Geschichte entsteht.

Nun werden also die superteuren Wohnungen billiger. Das heisst nicht, dass sie dann für Normalsterbliche, kleine Angestellte oder Familien erschwinglich würden. Es ist nur ein Trick, um den Verlust durch die ausfallenden Mieten für die Bilanz ein wenig zu verkleinern. Dass man planungstechnisch an der Seele Zürichs vorbeigebaut hat, würde niemand zugeben. Dass man in einer Stadt, in der seit dreissig Jahren Wohnungsnot herrscht, auch gleich noch Wohnraum abmurkst, ist ein zusätzliches Verbrechen.

«Schliesslich hats doch auch in Schanghai funktioniert», bleibt das weinerliche Credo der Projektplaner. Und damit machen sie sich auf, in die nächste Stadt, ins nächste Quartier, in die nächste Nachbarschaft einzufallen. Wo sie weiteren toten Wohnraum schaffen.

♪♫ «Oh, du fröhliche … » ♫♪

Réda El Arbi am Mittwoch, den 15. Oktober 2014
Samichlaus ist viel zu warm angezogen für seine neuen Arbeitszeiten.

Ein Fall für die Gewerkschaft: Samichlaus ist viel zu warm angezogen für seine neuen Arbeitszeiten.

Liebe Schweizer Detailhändler,

vielen Dank, dass ihr uns nun schon seit zwei Wochen an das auch dieses Jahr wieder stattfindende Weihnachtsfest  erinnert. Wir hätten es sonst vielleicht nicht gemerkt. Früher reichte es, wenn ihr uns erst acht Wochen vor dem Fest der Liebe mit drei kitschig überfüllten Regalen an unsere Pflicht mahntet, möglichst viel Geld auszugeben.

Nun, wir werden alle älter und vergesslicher. So ist es vielleicht zu erklären, dass ihr uns bereits ab Ende September mit alltäglichen Produkten wie Schokolade und Guetzli, überteuert und mit Sternchen dekoriert, auf die bevorstehende Konsumschlacht im Dezember  hinweist. Einigen von euch ist das so wichtig, dass ihr sogar die Halloween-Kinderabzocke einschränkt, damit Samichlaus, Engel und Christbäumchen Platz finden.

Aber ehrlich, wir hätten es nicht vergessen, ich schwör! Und wie jedes Jahr kaufen wir unsere Weihnachtssachen in den letzten zwei Tagen vor dem Fest, zusammen mit allen anderen im alljährlichen Kaufrausch der Vorweihnachtszeit. Die nennt man übrigens «Advent» und sie beginnt am ersten Sonntag im Dezember. Aber das ist nur so christliche Folklore und hat eigentlich nichts mit dem eigentlichen Zweck von Weihnachten – euren Umsatz Ende Jahr nochmals aufzumöbeln – zu tun.

Ich verstehe, dass eure Bilanzen jedes Jahr wachsen müssen. Aber dass ihr deshalb ganz normale Produkte als Weihnachtssachen verpackt, ist doch nicht nötig. Ihr könnt eurer Buchhaltung doch einfach erklären, dass alle Verkäufe nach Ostern zum Weihnachtsumsatz gezählt werden dürfen.

Auch könntet ihr Geld sparen, indem ihr an den Verpackungen arbeitet: So könnten die Produkte jeweils eine Seite mit Fasnachtsmotiv, eine mit Ostermotiv, eine mit Halloween und eine mit Weihnachtssujets aufweisen. So könnten ihr sie einfach drehen und – voilá – ihr habt die neue Kaufrausch-Stimmung. Natürlich geht das nicht bei allen Produkten. Aber ihr könntet eure kreativen Köpfe auch daran setzen, ein allgemeingültiges Verpackungslayout zu entwerfen. Mir schwebt da ein verkleideter Hase im Bikini mit Krippe, Esel und Samichlaus vor.

Auf jeden Fall freuen wir uns jetzt, da Weihnachten vor der Tür  steht (hm, sagen wir mal, an sie steht jetzt ungefähr in Olten und steigt in den Zug), dass ihr uns, eure treuen Kunden, nicht vergessen habt.

Aber ehrlich, ihr müsst uns nicht so deutlich unter die Nase reiben, dass ihr uns für schwachsinnige, konsumgeile Idioten haltet, die nur dazu da sind, um eure Umsätze zu garantieren. Das könnte dazu führen, dass wir wieder anfangen, im Dezember (!) selbst Guetzli zu backen und Selbstgebasteltes verschenken. So hätten wir wieder Zeit, uns am bunten Herbst zu freuen.

Herbst ist übrigens die Jahreszeit, die zwischen Ostern und Weihnachten liegt.

Freundlichst

eure Stadtblogger

Der selbsternannte Aufriss-Guru

Alex Flach am Montag, den 13. Oktober 2014
Sie warten nur darauf, vom Aufriss-Gurur Pöhm bewertet zu werden.

Sie warten nur darauf, vom Aufriss-Guru Pöhm bewertet zu werden.

Der Gründer der Anti Powerpoint Partei Matthias Pöhm gibt Rhetorik- und Schlagfertigkeit-Seminare und ist Autor episch betitelter, aber etwas skurriler Lebensratgeber («Die Welt ist perfekt, genauso wie sie ist: Nichts muss sich ändern – die Lösung für das Leid der Erde»).

Für Schlagzeilen sorgt Matthias Pöhm aktuell aber vor allem als selbsternannter Verführungsexperte: Pöhm weiss, wie man die Gunst der holden Weiblichkeit gewinnt und er möchte seinen Erfahrungsschatz mit anderen teilen – gegen Geld versteht sich. Wie das 20minuten berichtete, hat Matthias Pöhm ein Team, bestehend aus fünf jungen Männern aus der Zürcher «Pick-Up Szene» (fragen Sie lieber nicht was das ist…), zusammengestellt und die verschiedenen Zürcher Clubs, respektive deren weibliche Gäste, ein Jahr lang auf ihre Verführungstauglichkeit getestet.

Auf seiner Homepage www.poehm.com ist der Aufriss-Messias voll des, in holprigem Deutsch formulierten, Eigenlobes: «Matthias Pöhm hat für die Zürcher Männerwelt Aussergewöhnliches gemacht. Er hat eine Karte erstellt, wo die hübschesten Frauen Zürichs ausgehen und, noch besser, wo ihr am einfachsten an sie rankommt. Wo ist der beste Flirt-Faktor in Züricher (mit «i»!!!!) Clubs».

Dann ein Lobpreisung auf ein pöhmsches Buch mit dem verheissungsvollen Titel „Ich kann euch alle haben“, bevor zu den Kriterien, auf denen das Club-Rating beruht, übergeleitet wird: Männerüberschuss (Verhältnis Männlein/Weiblein im getesteten Club), Hotty-Faktor (wie viele sexy Frauen sind im Club), Zicken-Faktor (wie gross ist deren Zugänglichkeit), Brüll-Faktor (kann man sich im getesteten Club mit Frauen unterhalten ohne brüllen zu müssen), Rückzugs-Faktor (kann man sich im Club mit dem Objekt der Begierde in eine ruhige Ecke zurückziehen um zu knutschen) und Aufriss-Faktor (Punktesystem, das die getesteten Clubs nach ihrem Aufrisspotential bewertet).

Gemäss Pöhm eignet sich das Hiltl am ehesten um eine Frau aufzureissen, gefolgt vom Supermarket und vom Jade. Ganz unten in der Liste rangieren Mausefalle, Kanzlei und Mascotte. Vor allem Kanzlei und Mascotte kamen bei den fünf Test-Minipöhms gar nicht gut an: Ein Hotty-Faktor von gerade mal 0.00 Punkten im Kanzlei (Hiltl kommt auf stattliche 16.22) und nur eine 2.00 bei den Rückzugsmöglichkeiten fürs Mascotte (das Hive kommt hier auf eine kugelrunde 10.00).

Pöhm, der sich auf Fotos gerne in weissem Beinkleid und mit rosa Hütchen auf dem kahlköpfigen Haupt präsentiert, beweist auf seiner Page eine Unmenge unbeabsichtigten Humor: Ein Bild, das den Casanova umschart von viel willigem Weibsvolk zeigt, trägt beispielsweise die Beschriftung „das Foto links ist nicht gestellt“. Die Reaktionen bei den Betreibern der getesteten Clubs fielen sehr unterschiedlich aus und lagen irgendwo zwischen freudiger Ironie und verärgertem Spott.

Auf den Punkt bringt es wohl Alfonso Siegrist, Chef des, 2011 mit dem Swiss Nightlife Award für den besten Schweizer Club ausgezeichneten, Mascotte: «Wenn schon Letzter in einer Rangliste, dann bitteschön in dieser».

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Es lebe die Videothek!

David Sarasin am Donnerstag, den 9. Oktober 2014
Der Film «Be Kind Rewind» (2008) ist ein einziges Argument für den Erhalt der Videotheken.

Der Film «Be Kind Rewind» (2008) ist ein einziges Argument für den Erhalt der Videotheken.

Einiges spricht heute gegen den altehrwürdigen Filmverleih um die Ecke. Doch nicht für unseren Autoren. Hier das Pamphlet eines Süchtigen.

Eigentlich ist die Sache bereits verloren. In den 90er-Jahren gab es in der Schweiz fast 600 Videotheken, heute sind es noch ein paar Dutzend. Und seit vor ein paar Wochen der Streaming-Dienst Netflix in der Schweiz eingezogen ist, wurde die Videothek nur ein Stück weit mehr obsolet. Eine Institution, so überflüssig wie die Brieftaube also? Im Gegenteil. Ohne jetzt in eine Früher-war-alles-besser-Leier einzustimmen, hier fünf Gründe, warum es sich nach wie vor lohnt, Videotheken zu besuchen. Der Autor dieser Zeilen hat übrigens selber mal in einem Videoladen gearbeitet und besucht solche Einrichtungen heute noch zweimal in der Woche.

1. Die Schwäche der anderen

Wer online eine Reise bucht, dem erscheint in den Monaten danach genau jene bereits gebuchte Reise als Werbung in der Facebook-Sideline. Ein Beispiel dafür, wie nutzlos Algorithmen sein können. Bei den Filmen empfiehlt einem Amazon, wenn man etwa nach so naheliegenden Dingen wie «Kill Bill» sucht, bloss alle anderen Filme von Quentin Tarantino. Die hat man natürlich längst gesehen. Jeder nur halbwegs smarte Videothekenverkäufer macht seine Arbeit besser. Zudem ist es vergnüglich, beim Streifen durch die Gestelle auch Zufallsfunde zu machen, Dinge, von denen Algorithmen nichts wissen.

2. Das Angebot

Klar, die normale Provinzvideothek, verbreitet in der 80ern, hat ausgedient. Billige Horrorfilme sind etwas aus der Mode gekommen, und Pornos gibts gratis im Netz. Auch die meisten Blockbuster kriegt man günstiger und schneller online. Was also tun? Die Inhaberin der Zürcher Videothek Filmriss, Liliane Forster, sagt es so: «Blockbuster sind Sargnägel für jeden Videothekar.» Sie setzt deshalb auf ein Nischenangebot. Eine Wette meinerseits: Innert 5 Minuten 20 Filme finden, die in den Videotheken Filmriss und Les Videos zu finden sind, aber bei keinem gängigen Onlinedienst.

3. Humor

Nochmals zu den Algorithmen. Die besitzen keinen Humor, Videothekare dagegen schon. Gewisse machen sich einen Spass daraus, zum Beispiel einem bereits in der «Mainstream-Schublade» einsortierten Kunden belgische Dramas unterzujubeln. Das macht die Sache lebendig, und am Schluss ist allen gedient.

4. Die Nostalgie

Nostalgie ist kein gutes Argument, Dinge am Leben zu erhalten. Doch erinnern wir uns kurz an jenen verrauchten Luftschutzkeller unterhalb des Spielsalons, in dem man Slasher-Filme auch schon als Neunjähriger ausleihen durfte, wie das in gewissen Provinzstädten üblich war. Und man kriegt fast Mitleid mit den jungen Menschen heute, dass sie solche Einrichtungen nicht mehr kennen, dass ihr dieser Teil der Sozialisation, ja, der Menschwerdung verborgen bleibt. Das darf doch nicht sein.

5. Der Charme

«Be Kind Rewind» von Michel Gondry aus dem Jahr 2008 ist ein einziges Argument für den Erhalt der Videotheken. Als sämtliche Kassetten im Angebot eines Provinzfilmverleihs bei einen Betriebsunfall gelöscht werden, machen sich zwei Mitarbeiter (gespielt von Jack Black und Mos Def) daran, die Filmszenen selber nachzuspielen und aufzunehmen. Das Ergebnis kommt bei der Kundschaft saugut an. Anders gesagt: Etwas funktioniert, weil es Charme besitzt und nicht weil es immer professioneller wird.

In dem Sinne: Leihen Sie aus, debattieren Sie mit dem Verkäufer, erkennen Sie, dass hinter jeder Hülle eine potenzielles Lebenswerk steckt. Kurz: Besuchen Sie Videotheken!

Das schönste Scheisshaus

Réda El Arbi am Dienstag, den 7. Oktober 2014
Nichts ist zu Edel für den A****.

Nichts ist zu edel für den A****.

Ich stell mir die Szene so vor:

Die «Swiss Gastro»-PR-Verantwortlichen waren wieder mal verzweifelt. Sie hatten schon seit Jahren keine innovative Idee mehr – und langsam fragten sich ihre Chefs, für was die so viel Geld verdienten. Da kam einer mit dem Vorschlag: «Lasst uns doch die Jungen fragen!».

Gesagt, getan. Sie sprachen an der HTW Chur vor. Die Studis dort dachten einen Augenblick nach und sagten dann in ihrer saloppen Art: «Ey, lasst uns doch noch so einen Scheiss-Award machen.»

Und bevor die Studenten ihnen sagen konnten, für was der Award vergeben werden soll, waren die PR-Leute schon wieder abgerauscht. Im Gepäck die Idee: «Wir machen einen Scheiss-Award!». Sie fanden das so lustig, dass sie vor lauter Schenkelklopfen kaum «Sauglatt!» sagen konnten. Das Projekt «Best Swiss Gastro Toilet» war geboren! (Hier die Infos dazu)

So weit, so gut. Und es scheint auch zu funktionieren: Blick am Abend hat über die Idee berichtet, auch TeleZüri entblödete sich nicht, eine Reportage aus einem pinkfarbenen Klo mit Riesenpudel auf der Tapete zu machen, bei der eine Blondine dauernd die Klo-Lampe befummelte und von «exquisitem Design» schnatterte. Aber was solls. Es gibt ja anscheinend keine schlechte Publicity, wie mal ein verzweifelter Kommunikationsberater zu seinem wütenden Kunden sagte.

Nur, ganz zu Ende gedacht haben die Herren das nicht. Nehmen wir an, ein Gastrobetrieb wird für seinen glamourösen Fäkalientempel ausgezeichnet. Er kriegt einen Pokal in einer eindeutigen Form und eine Tafel mit der notariell beglaubigten Auszeichnungsurkunde, die er aufhängen darf.

Toilet AwardWo stellt bzw. hängt man sowas hin? Den Pokal auf den Tresen oder in eine Vitrine? Und die Tafel? Unter die Gault Millau-Auszeichnung oder die Michelin-Sterne? Neben den Swiss Swiss Gastro Award für die ausgezeichnete Küche? An die Klotür, damit man sich dahinter dann erfurchtsvoll erleichtern kann? Oder diskret als kleiner Abdruck auf die Speisekarte, damit man gleich weiss, dass man nicht nur edle Speisen vorgesetzt bekommt, sondern sie auch exquisit wieder abseilen kann? Fragen über Fragen.

Natürlich hat man ein Problem, wenn die Küche noch gar keine Auszeichnung erhalten hat, und man nur mit einem prämierten Scheisshaus dasteht. Wie soll man das den Gästen erklären? «Uns liegt die vortreffliche Ernährung in all ihren Aspekten am Herzen?»

Dann wäre noch das Problem mit dem Namen des Pokals. Wie nennt man sowas? «Super Bowl»? Oder «Glory Hole?». Egal. Ich wills gar nicht wissen.

Naja, ich bin sicher, die meisten meiner Stammkneipen werden den Award nicht gewinnen. Es sei denn, es gäbe, wie beim Oscar, verschiedene Kategorien:

«Und in der Sparte «Most Smelly» geht der diesjährige Award an ....»

DJ Antoine und die billige Publicity

Alex Flach am Montag, den 6. Oktober 2014
Hat für ein bisschen Ruhm seine Seele dem Teufel (Bohlen) verkauft.

Hat für ein bisschen Ruhm seine Seele dem Teufel (Bohlen) verkauft.

Unentdeckten Talenten eine Chance zu bieten, war noch nie das primäre Ziel des RTL-Formats DSDS. Der viele Jahre lang andauernde – sich in den letzten Jahren jedoch verflüchtigende – Erfolg der Castingshow beruht auf peinlich berührtem Fremdschämen. Mittlerweile ist die Show gar an einem Punkt angelangt, an dem man sich fragen muss, was den virtuosen Selbstvermarkter Antoine Konrad alias DJ Antoine bloss geritten hat, als er sich zur Mitgliedschaft in der DSDS-Jury verpflichtete.

Nebst dem unantastbaren Jury-Diktator Dieter Bohlen und dem Quotenschweizer DJ Antoine sitzen dort auch Heino (Schwarzbraun ist die Haselnuss) und Mandy Capristo, Ex-Mitglied von Monrose, Ex von Pöbelrapper Kay One und Aktuelle von Mesut Özil. DJ Antoine teilt sich die Aufmerksamkeit also mit einem 76jährigen Schlagersänger und einer Ex oder Aktuellen von irgendwem oder irgendwas und das bei einer Castingshow, die ihre Glanzzeiten längst hinter sich hat.

Klar: Allzu wählerisch war der Basler bei der Wahl seiner Mittel zur Generierung von Aufmerksamkeit noch nie, aber hier schlägt er einen gefährlichen Weg ein, der ihm zwar kurzfristig höhere Absätze bescheren dürfte, der aber selbst seine treusten Anhänger, ansonsten beileibe keine Kostverächter, etwas verstören dürfte. Dabei hätte er doch mit Patrick Nuo auf einen Schweizer Präzedenzfall zurückgreifen können, dem die Teilnahme an der DSDS-Jury gar nicht gut bekommen ist: DSDS hat in all den Jahren nur eine Karriere nachhaltig befruchtet und zwar jene von Dieter Bohlen. Allen anderen DSDS-Protagonisten hat die Teilnahme an der Show kein Glück gebracht.

Aber nicht nur DJ Antoine scheint ein Problem mit Beratern zu haben, die ihm eintrichtern, dass jede Form von Aufmerksamkeit gute Aufmerksamkeit sei: Roland Bunkus alias Mr. Da-Nos schmiss sich kürzlich in die neue Uniform der Zürcher Stadtpolizei und stapfte darin über den Laufsteg der Zürcher Herbstmesse Züspa. Auf Facebook postete er Selfies von sich in Uniform und versehen mit, sagen wir mal witzigen, Kommentaren wie «Olé, olé ich habe die Seite gewechselt, wer will sich verhaften lassen?» oder «Achtung jetzt gilt’s ernst! Ab sofort gebe ich nicht nur an den Partys den Ton an, sondern auch bei der Stadtpolizei Zürich» – Tatütata, der Da-Nos ist da...

Nachtleben-affine Facebook-Nutzer wussten ein paar Tage lang gar nicht recht, wohin mit dem vielen Spott. An Mr. Da-Nos scheint Hohn zwar abzutropfen wie Wasser an einem Entenbürzel, dennoch erstaunt es, dass er sich diesem immer wieder freiwillig aussetzt oder von seinen Beratern aussetzen lässt. Bei Andreas Hohl alias Mr. Pink erübrigt sich die Frage: Dass der Ostschweizer bei jedem Ungemach als erstes zur Presse rennt um sich auszuweinen (Versicherungsbetrug, Autoklau, nach nur acht Monaten Ehe von der Frau verlassen, Erfolglosigkeit, Ärger mit dem ehemaligen Mentor, etcetera, etcetera) lässt sich nur mit grenzenloser Naivität, gepaart mit einer ausgeprägten Profilneurose erklären. Aber eigentlich sollte man den Cervelat-DJs, zu denen beispielsweise auch Christopher S zählt, dankbar sein: Ohne sie wäre es nur halb so lustig.