Tages-Anzeiger



Public Partying

David Sarasin am Freitag, den 27. Juni 2014
Wenn die Schweiz gewinnt, sind alle Schweizer. Wie unsere Mannschaft.

Wenn die Schweiz gewinnt, sind alle Schweizer. Wie unsere Mannschaft.

Selten feierten die Fans eine WM so ausgelassen wie diese. Analysen und Kommentare aus dem Stadtblog-WM-Studio an der Langstrasse.

Spätestens nach dem ersten Schweiz-Spiel war uns klar: Das wird eine der besten Fussball-Weltmeisterschaften aller Zeiten. Und jetzt nach den Gruppenspielen müssen wir gestehen: Wir hatten recht. Nicht fussballerisch, das zu beurteilen ist nicht unser Metier, sondern feiertechnisch. Als die Schweizer Nati ihren Letzte-Minute-Sieg im ersten Spiel gegen Ecuador einfuhr, barst die Piazza Cella, wo wir für diese WM unser Haupt­quartier aufschlugen, beinahe aus allen Nähten. Doch nicht nur dann. Bald wurde uns auch klar, dass man auch Unentschieden feiern kann wie Weltmeistertitel, dass das Wort «wir» während der WM an Bedeutung gewinnt, und vor allem, dass es von jedem Team, das am Turnier teilnimmt, in Zürich ein paar Fans gibt und dass diese nach dem Ab­pfiff schnurstracks an die Langstrasse fahren. Doch erst mal ein paar Fakten und Beobachtungen rund um die Vorrundenfeierlichkeiten.

Elektroroller
Es gab bei dieser WM Innovationen im Bereich der Rasensprays zu verzeichnen. Doch auch bei den hupenden Autokolonnen gab es Neuerungen: Vermehrt gleiten die Fans dieser Tage im Elektrorollerkonvoi durch die Langstrasse. Die sind umweltfreundlich und in etwa so leise wie eine Katze, die über einen Samtpullover tappt. Doch deren Hupen funktionieren, wie wir merkten, recht ordentlich. Zum Einsatz kamen sie etwa nach dem Eröffnungsspiel der kroatischen Elf, als deren Fans die Startniederlage ihres Teams feierten.

Memphis
Die Bar direkt an der Langstrasse hat die Erfolgsformel für die WM recht früh im Turnier geknackt: Radiohits und günstiges Bier. Das ist mehr als genug, um die Fans nach den Spielen um sich zu scharen wie der Schiedsrichter die Spieler nach einem unglücklichen Entscheid. Songs wie «We are the Champions» oder «Seven Nation Army» stehen im Memphis dabei sehr hoch im Kurs und schallen auch mal nach einem Vorrunden-Unentschieden durch die Strasse. Dreimal in Folge. Doch der Erfolg gibt dem Memphis recht. Besagtes Sturmduo wird auch bei den kommenden Spielen schwer zu stoppen sein.

Der Stelzenmann
Bedeutend viel bunter noch als die Schuhmode an der diesjährigen Weltmeisterschaft ist die feiernde Menge nach einem Spiel der Schweizer Nationalmannschaft auf der Piazza Cella. Der Stürmer mit Rasta­frisur und mit dem rot-weissen Hut erhebt stolz seine Faust, die Frau aus ­Puerto Rico im Mittelfeld schwenkt gekonnt ihre Flagge, und Hans Meier aus Brüttisellen singt, eingebunden in eine engmaschige Viererkette freilich, das einlullende «Schweizer Nati olé, olé»-Mantra.

Der Secondo aus dem Maghreb währenddessen hupt sich durch die solide Verteidigung. Doch erst als der Captain auf den Zweimeterstelzen und mit der Schweizer Fahne in der Hand auf der Bildfläche erscheint, gerät die Menge ausser Rand und Band. Ein unwiderstehliches Team haben wir in diesem Jahr. Wir zählen ganz besonders im Achtelfinal wieder auf folgende typischen Schweizer Tugenden: Leidenschaft, kreatives Chaos, Lust am spontanen Feiern. Oder bringen wir hier etwas durcheinander?

Entsorgung und Recycling
Zu den erfolgreichsten und fleissigsten Mannschaften an dieser WM gehört die Putzmannschaft. Anstatt von 4 Uhr in der Früh bis 22 Uhr sind die weissen Wagen mit den grün-blauen Wappen des ERZ an den Spieltagen während 24 Stunden im Einsatz. Was nicht unbedingt für ihre Stärke spricht: Sie fegen vor allem Flaschen vom Feld. Harhar.

Die Schiedsrichter
Man diskutiert ja viel und gern über die Männer mit der Pfeife im Mund. Es war nach dem ersten Schweiz-Spiel, als in der Menge mit den feiernden Fans auch einer mit einem entsprechenden gelben Referee-Trikot auftauchte. Er demonstrierte, was wir eigentlich schon immer wussten: Fan sein hat nie etwas mit der Stärke des Teams zu tun. Ausserdem blieb der Mann unauffällig und liess das Spiel trotz einiger Grobheiten laufen. Es scheint fast so, als ob die Stadtpolizei in diesem Jahr ihre Strategie diesem ein­samen Schiedsrichter abgeschaut hat. Weiter so!

Der 31er
Erkenntnis: Nicht jeder Hühnerhaufen verursacht eine Strassensperre. Trotz des Sieges der beiden eigentlich feierstarken Teams Griechenland und Kolumbien konnte der Busbetrieb der Linie 31 durchgehend gewährleistet werden. Da drücken sie bereits wieder durch, die alten Schweizer Tugenden.

Schland
2014 geht als Jahr in die Geschichte ein, in dem die Deutschland-Fans in Zürich so richtig loslegen. Nach dem fulminanten 4:0 der deutschen Auswahl gegen Portugal war man als Nicht-Deutscher zuallervorderst gespannt, wie die Fans der deutschen Elf auftreten würden, nachdem sie beim letzten Turnier eher verhalten, ja fast etwas schüchtern agiert hatten. Doch bald schon füllte sich die Langstrasse mit Schwarz-Rot-Gold-Tüchern, bald brausten erste Ruhrpott-BMW an, bald erschallten aus der Memphis-Bar Schlager, bald ging die Sause so richtig dicke durch die Decke. Ein beinahe schon weltmeisterlicher Einsatz, der uns überraschte und auf die Finalspiele hoffen lässt.

Wetteinsätze
Apropos Einsatz. Eine Empfehlung, die sich in der Vorrunde an der Langstrasse herauskristallisiert hat: Setzen Sie nie auf ein Team, dessen Fans bekannt sind, die ganze Nacht durch die Gassen zu hupen.?Und wetten Sie auch nicht gegen?die Feiertätigkeit etwa der Mexikaner oder der Chilenen. Da ist mächtig was los. Dann schon viel eher auf bissige Spieler.

Drohnen
Analog zur Torkamera der Fifa hat auch die Nachbarschaft technisch aufgerüstet. Über der Menschenmenge auf der Piazza Cella kreiste nach dem Spiel Honduras gegen die Schweiz nämlich eine Drohne (fachsprachlich: Multikopter). Doch ganz im Gegensatz zur Torkamera bleibt diese Technik bei den Fans an der Langstrasse umstritten. Klar ist: Von nun an bleibt kein Treffer mehr unentdeckt.

Idaplatz
Glaubt man dem «Blick», gibt es am anderen grossen Spielort in der Stadt, am Idaplatz, reichlich Zoff. Weil der Kiosk an der Ecke nicht mit dem gleichen Signal sendet wie alle anderen Lokale rund um den Platz, die sich extra für die WM abgesprochen haben.

Also jubeln die Fans beim Kiosk zehn Sekunden früher als alle anderen auf dem Platz. Man nennt diese Taktik auch Sieg durch Verwirrung, an der Lang­strasse wird sie bisher nur ganz selten ange­wendet.

Hipster
Eine Erkenntnis: Fanutensilien der Schweizer Nationalmannschaft taugen nicht zum ironischen Statement, wie es Hipster mit ihrer Kleidung gern abgeben. Diese Nachricht ist offenbar noch nicht bei jenen jungen Menschen mit den Fussballkäppis angekommen, deren Statement schlicht und einfach in der feiernden Masse untergegangen ist. Sicher­lich eine schmerzhafte Erfahrung.

Der Juniortrainer

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag, den 26. Juni 2014
Begeisterung und Disziplin? Fussball ist für Kinder sozialer Massstab.

Begeisterung und Disziplin? Fussball ist für Kinder sozialer Massstab und für den Trainer offenbar Kampf.

Unser Juniorentrainer ist ein grosser Kerl, sicher über eins neunzig, eine markante Erscheinung, Kraushaar, Halbglatze. Als Erstes brachte er uns Eltern und den Kindern Pünktlichkeit bei. «Wer zu spät kommt, muss einen Kuchen backen», sagte er, und alle dachten, er mache Witze. Es gab Eltern, die murrten. «Es sind Kinder», sagten sie, wenn sie vor einem Hallenturnier in der Morgendämmerung am Samstag zum Treffpunkt kamen, «es sind Zweitklässler, Drittklässler. Sie hatten eine harte Woche.»

Doch unser Juniorentrainer blieb hart. Und als wieder ein Junge zu spät zum Training kam, drohte er, dass er den Nächsten, der nicht zur Zeit da sei, beim Turnier nicht aufstellen werde. Das wirkte.

Er selber war immer pünktlich. Zum Training kam er im eisigsten Winter mit dem Velo. Bei den Spielen fuhr er in seinem alten VW-Bus vor, mit dem er sonst seine grosse Familie herumkutschiert, er hat vier Söhne, die grösseren spielen alle Fussball. Meist lud er noch ein paar Junioren in den Bus, dann fuhren sie los, zur Musik von Geier Sturzflug: «Ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt.» Oder es lief «Chumm, bringen häi» von Baschi.

Eigentlich sei er ein grosser Fan von Bruce Springsteen, erzählte unser Juniorentrainer, und als der Boss im Frühling 1999 in die RocknRoll Hall of Fame aufgenommen wurde, flog er nach New York und schaffte es in den Ballsaal des Waldorf Astoria, wo die Zeremonie stattfand, Bono hielt eine legendäre Rede, es muss ein grossartiges Wochenende gewesen sein.

Man hört viel von der integrativen Kraft des Fussballs, der unser Land zusammenhält, all die Einwanderer, schwarz, weiss, Schweizer, Kosovaren – aber in unserem Quartier schickt eher der Mittelstand die Buben zum Fussball, unterer, mittlerer, oberer Mittelstand. Was nicht heisst, dass unserem Juniorentrainer die pädagogische Arbeit ausging, er brachte den Kindern bei, ihre Fussballschuhe zu binden und ihre Taschen zusammenzuhalten, ihre erste Schule der Selbstständigkeit, gejammert hat niemand.

Und dann mussten sie lernen, ihm zuzuhören. Unser Club nimmt alle auf, Talente und Ungeschickte, manchmal war das Training chaotisch, ein Sack voll Flöhe. Aber langsam wurden sie besser, im Verlauf des Winters gewannen sie ihr erstes Turnier, ausgerechnet in Deutschland, auf der anderen Seite der Grenze, in den Pausen fuhr unser Trainer mit dem Bus zum Supermarkt und machte einen Grosseinkauf für seine Familie. Zurück in Zürich feierten wir unseren Sieg, wir sassen lange zusammen, und ich hatte das Gefühl, zu einem Quartier zu gehören.

Bei allem Jubel vergass er nie, zu sagen, dass wir einen zweiten Kunstrasenplatz brauchen. Damit seine Junioren auch im Regen trainieren können, wie bei anderen Clubs in der Stadt. Jetzt habe ich gehört, dass unser Juniorentrainer vor den Sommerferien aufhört. Eine schlechte Nachricht. Wir werden ihn verabschieden, voller Wehmut, wir werden ihn ehren, aber den Kunstrasenplatz für den FC Wollishofen werden wir ihm nicht schenken können. Der Kampf geht weiter, Philipp.

MiklosMiklós Gimes ist Reporter beim «Magazin», Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Filmemacher («Bad Boy Kummer»). Jeden Donnerstag lesen Sie seine Stadtgeschichten hier bei uns im Stadtblog und auf der Bellevueseite in der Printausgabe.

Frys Sisyphus-Urteil

Réda El Arbi am Mittwoch, den 25. Juni 2014
Fry macht sich mit seinem Stil nicht nur Freunde. Das kostet ihn jetzt seine Terrasse.

Fry macht sich mit seinem Stil nicht nur Freunde. Das kostet ihn jetzt seine Terrasse.

Nun muss er seine Umbauten wieder abreissen. Das Bundesgericht hat entschieden, dass den Bauten, die Hotelier und Unternehmer Guisep Fry an seinem Hotel angebracht hat, die Berechtigung fehlt. Die engagierten Naturschützer, die sich gegen Fry eingesetzt haben, applaudieren. Dem Gesetz ist Genüge getan. Recht hat sich durchgesetzt, alles ist also gut.

Aber ist es das wirklich? Unter dem Aspekt der Verhältnismässigkeit ergibt sich Bild, das nicht ganz so stimmig ist. Der Rückbau der Terrasse beim Hotel wird nämlich überhaupt nichts zum Naturschutz beitragen. Die Massen von Tagestouristen sind nicht die Zielgruppe dieser Terrasse. Die kaufen sich eine Wurst und sitzen draussen. Oder sie bringen ihr eigenes Essen mit und werfen im schlimmsten Fall ihren Abfall in den Wald. Darüber könnte man sich ereifern und vielleicht eine Sperrung des Üezgis für Naherholungskonsumenten fordern. Also, wie hat Fry dann seine Gegner gegen sich aufgebracht? Am ehesten wohl mit seinem persönlichen Stil und dem Nichtbeachten von Regeln – im besten Fall ein Nonkonformist, im schlimmsten einer, der denkt, Regeln gälten nur für andere. Aber sollte ein Bundesgerichtsurteil sollte nicht eher zum Besten der Gemeinschaft führen, anstatt Frys Persönlichkeit bestrafen?

Beim Anbau handelt es sich um einen Teil des Hotel- und Restaurantangebots, dass von einem ganz kleinen Teil der Üezgi-Besucher genutzt wird. Da finden romantische Dinner statt, Essen wird an Kongressteilnehmer serviert und Geschäftsleute schliessen da zum Cognac ihre Verträge ab. Das Hotel Uto Kulm gehört als Edelstein in die Kette attraktiver Zürcher Anziehungspunkte. In einer Reihe mit dem Dolder, dem Baur au Lac oder dem Eden au Lac. Zwar ist das Uto Kulm nicht schon seit Generationen in der Stadt, aber die Location und was Fry daraus gemacht hat, kann sich mit den schönsten Plätzen der Region messen.

Nun, wir haben also einen Anziehungspunkt für den Tourismus, ein Verkaufsargument für die Region auf der einen Seite und den Streit zwischen Fry und seinen Gegnern, der sehr persönliche Züge trägt, auf der anderen. Nun opfert man quasi die Fassung einer Perle, nur um einem etwas kantigen Unternehmer zu zeigen, wo sein Platz ist.

Nicht, dass ich Frys Vorgehen entschuldigen will. Er ist illegal vorgegangen und sollte dafür auch zur Rechenschaft gezogen werden. Aber das könnte man auch, indem man ihn büsst. Oder in dem man ihn dazu verdonnert, einen Teil des in Zukunft zu erwartenden Gewinns aus dieser Terrasse in Naturschutzprojekte zu investieren. So hätte man sowohl dem Nutzen für die Region wie auch dem Strafgedanken Rechnung getragen. Auf jeden Fall mehr, als wenn man jetzt Baumaschinen auf den Üetliberg karren muss, um den Abriss zu ermöglichen. Und damit weder dem Rechtsverständnis noch den Ansprüchen der Naturschützer gerecht wird.

Aber offenbar kann das Bundesgericht keine eigenen Ansätze finden, sondern nur bereits bestehende Entscheide bestätigen oder ablehnen. Konstruktive Lösungen sehen anders aus. Nun wird Fry nach dem Abriss wohl warten, bis die Uto Kulm umgezont wird, um seine Terrasse neu und grösser wieder aufzubauen. Eine kleine Sisyphus-Geschichte.

Hafenkram zum Letzten

Réda El Arbi am Dienstag, den 24. Juni 2014
In dem Augenblick, als er aufgestellt wurde, verlor er seine Wirkung: Der Hafenkram.

In dem Augenblick, als er aufgestellt wurde, verlor er seine Wirkung: Der Hafenkram.

Wortgewaltige Kommentarschlachten wogten über Online- und Print-Presse, wutschäumende Gegner und selbstgerechte Befürworter warfen sich verbal in Pose, um Dekadenz bzw. den Untergang der Kunstfreiheit zu mahnen. Das Objekt des Meinungskrieges, der Hafenkran, bekam für die einen messianische, für die anderen diabolische Züge. Man schlug sich ohne Gnade, beschimpfte sich aufs Übelste und die Moderatoren der Medienforen mussten viele hundert Kommentare löschen, weil der Kampf um den Kran die Leute so aufbrachte, dass sie jeglichen Anstand verloren und in eine eine Art verbalen Blutrausch verfielen.

Dann, vor ein paar Wochen, hat man ihn hingestellt, den Kran. Weder ging die Welt unter, noch strahlt eine Botschaft der geistigen und kulturellen Befreiung durch Europa. Oder die Schweiz. Oder Zürich. Der Kran steht einfach da und rostet vor sich hin. Er ist amüsant, wenn man drauf achtet, dass er da eigentlich nicht hingehört. Damit ist seine Wirkung aber bereits verpufft.

Eine kleine Gruppe japanischer Touristen wird vom Reiseführer darauf aufmerksam gemacht, dass der Kran eigentlich nur einen Kunstzweck erfüllt und etwas irritiert wird der Stahlkoloss abfotografiert. Die Hafenkran-T-Shirts in den Shops am Limmatquai waren gerade mal in der ersten Woche ein Verkaufsschlager. Jetzt schmiegt sich der Koloss ins Panorama, als ob er da zuhause wär. Die Zürcher fahren auf  dem Velo oder im Tram an ihm vorbei und bemerken ihn nicht mehr, die Touristen muss man explizit auf seinen künstlerischen Wert hinweisen. Er hat  die Stadt nicht verändert, weder im Guten noch im Schlechten. Die Stadt hat ihn einfach absorbiert und zu einem eher belanglosen Teil des des Stadtbildes gemacht.

Vielleicht liegts daran, dass überall in der Stadt höhere, gewaltigere Kräne stehen, die noch in Betrieb sind, wie zum Beispiel der, mit dem man den Hafenkran aufgestellt hat. Vielleicht liegts aber auch daran, dass er jetzt, nachdem er Realität geworden ist, weder Hoffnungen noch Ängste generiert. Er eignet sich nicht mehr als Projektionsfläche für Katastrophen oder hohe Ideale. Die reaktionären Wutbrüger und die selbstgerechten Freiheitskämpfer haben das Interesse verloren, sind weiter gezogen, sich um etwas anderes zu prügeln, etwas das noch nicht die ernüchternde Wirkung des Realen hat.

Zur Zeit steht der Kran einfach da, nicht einmal Graffiti-Künstler beachten ihn. Er ist wohl das einzige Industrie-Objekt in der Stadt, das nicht versprayt ist. Aber keine Angst, der Stahlkoloss hat noch nicht seine letzte Schlacht erlebt. Spätestens wenns darum geht, ob er nun wirklich wieder abgerissen wird (wie geplant), oder ob er weiter an der Limmat stehen soll, werden die Schlachtreihen geschlossen und ein weiterer gesellschaftspolitischer Waffengang steht an. Ein Waffengang, der uns nur vor eine einzige Frage stellt:

Haben wir eigentlich keine echten Probleme?

Die Street Parade-DJs

Réda El Arbi am Montag, den 23. Juni 2014
Das DJ Duo Nervo mit eigenem Lovemobile an der Parade.

Das DJ Duo Nervo mit eigenem Lovemobile an der Parade.

Die alljährlich grösste Herausforderung des Street Parade Komitees um seinen Präsidenten Joel Meier ist es über die Runden zu kommen. Der enorme finanzielle Druck ist einer der Gründe, weshalb die Planung des Grossevents nur Jahr für Jahr vorgenommen werden kann. Küchenmeister Schmalhans regiert in allen Bereichen, auch bei den DJ-Bookings.

Dass man das den Line Ups nicht ansieht, ist nicht zuletzt der Verdienst des internationalen Netzwerkes des Street Parade-Bookers Robin Brühlmann, der auch für die diesjährige Street Parade vom 2. August bekannte ausländische Acts wie Paul van Dyk, Robin Schulz, Stimming, Pan-Pot, Danny Avila, Deniz Koyu, Stefan Dabruck, Fedde Le Grand, Hard Rock Sofa und Moguai verpflichten konnte, ohne einen Rappen Gage als Gegenleistung erbringen zu müssen - das australische DJ-Duo Nervo eröffnet die Street Parade gar mit einem eigenen «Nervo Nation»-Lovemobile. Die meisten dieser DJs kommen extra für die Street Parade nach Zürich und reisen nachher weiter. Einzig Pan-Pot (an der Party des Clubs Café Gold im Volkshaus) und die deutsche Trance-Ikone Paul van Dyk, der abends zuvor im Club Bellevue auflegt, kombinieren ihr Street Parade-Engagement mit einem Club-Set.

Dies bedeutet natürlich nicht, dass nach dem Umzug nur Zürcher in den Clubs auflegen werden, wobei dies durchaus ein Trend für kommende Jahre sein könnte: Sandro Bohnenblust vom Club Supermarket hat angekündigt per sofort verstärkt auf nationale DJs setzen zu wollen, weil er sich die Abzocke international agierender Booking-Agenturen mit ihren, immer absurder werdenden Gagenforderungen, nicht mehr gefallen lassen will. In diesem Jahr schmücken die anderen Clubs und Veranstalter ihre Street Parade-Afterpartys aber nochmals mit Sets namhafter Clubmusikanten: Im Kaufleuten spielt der Schweizer EDM-Export Maurizio Colella alias EDX, im Oxa steht Kai Tracid an den Turntables und im Plaza sorgen DJ Noir und Sam Divine für Stimmung. An der Doppelparty Café Gold und Volkshaus musizieren neben Pan-Pot auch Catz’n’Dogz und Tube & Berger und die Electric City in der Maag Halle beschallen unter anderem Carl Cox, Guy Gerber, Len Faki, Marek Hemmann, Andrea Oliva, Kollektiv Turmstrasse und Format:B.

Da die Energy im Hallenstadion dieses Jahr ausfällt, ist die Electric City sicherlich der grösste Publikumsmagnet nach der Street Parade 2014. Das Hive setzt auf Acts wie andhim, Alle Farben, Lee van Dowski, Elekfantz, Edu Imbernon, Animal Trainer und Solée, die Amboss Rampe auf House von Herr Vogel, Wade und Mark Fanciulli und die Alte Kaserne wird von Oliver Koletzki und diversen weiteren Stil vor Talent-Exponenten besetzt. In der Zukunft spielen David August und Adriatique und im Blok in Zürich West sind Butch, Rodriguez Jr., Till von Sein und Jimi Jules am Werk. Wie nicht anders zu erwarten, und trotz des voraussichtlichen Verzichts der Supermarket-Macher auf ausländische Prominenz, dürfte damit der Street Parade-Samstag auch in diesem Jahr zum wichtigsten und überaus exquisit besetzten Schweizer Schaulaufen ausländischer Electronica-Grössen avancieren.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Zürich, das Jammertal

Réda El Arbi am Freitag, den 20. Juni 2014
Es gibt tausend Dinge, über die wir uns aufregen können.

Es gibt tausend Dinge, über die wir uns aufregen können.

«Hier ist nie wirklich Sommer» hiess es vor ein paar Wochen. Dann, vor ein paar Tagen: «Es ist viel zu heiss», und jetzt wieder: «Der Sommer ist schon wieder vorbei.»

Das Tram kommt zwei Minuten zu spät und alle an der Haltestelle motzen oder wirken genervt. Im Tram wird dann über die zu kalte Klimanlage - oder die fehlende - gejammert. Das Essen im Restaurant ist zu teuer, zu kalt, zu wenig oder zu viel. Der Verkehr zu aggressiv, zu langsam, zu schnell. Die Leute zu unfreundlich, oder dann zu aufdringlich. Die Frauen zu kühl, die Männer zu blöd, die Kinder zu laut und die restliche Stadt zu gestresst.

Public Viewing? Unbedingt. Aber nur damit wir hingehen und darüber schimpfen können, dass es dort zu viele Leute hat und das Bier schal und sowieso zu teuer ist. Wir ärgern uns über die langweiligen Zürcher  Bünzlis UND über die Zugewanderten aus In-und Ausland, die sich nicht so verhalten, wie's von einem Zürcher zu erwarten ist. Wir gehen an Szeneorte, nur um uns dann darüber aufzuregen, dass es kein Geheimtipp mehr ist. Wir wohnen in der Stadt und nerven uns über die Anziehungskraft der einzigen Minimetropole der Schweiz, beziehungsweise über die Pendler und die Wochenend-Lawine an Spassjunkies. Wir wollen endlos feiern, aber spritzen Wasser aus dem Fenster, wenn die Partygänger gerade in der Nacht laut abgehen, in der wir ausnahmsweise zu Hause bleiben.

Wir ereifern uns über den Polizeistaat, wenn Beamte uns als Velofahrer vom Trottoir holen, rufen aber die gleichen Uniformierten, wenn jemand seinen Hund im Park nicht an der Leine hat.  Und natürlich sind immer die Anderen schuld. Gemessen am Lebenstandard (einer der höchsten weltweit) sind wir Zürcher Weltmeister der Unzufriedenheit.

Darauf angesprochen, behaupten wir, unsere Nörgelei sei der elegante Ausdruck einer kritischen Weltsicht. Aber nein, wir sind eifnach nur verwöhnt und undankbar. Wir gehen durch die Welt und achten nicht auf die Dinge, die uns Spass machen, sondern auf die Dinge, von denen wir selbstverständlich annehmen, sie müssten für uns ganz persönlich um Welten besser sein.

Insofern ist die Internet-Aktion #100happydays eigentlich für uns Zürcher gemacht. Die Aufgabe ist einfach: Man soll jeden Tag ein Bild von etwas ins Web stellen, das uns an diesem Tag zufriedener oder glücklicher macht. Einen positiven Aspekt des Alltags hervorheben, sich darüber freuen und andere daran teilhaben lassen. Und was geschieht? Man soll dadurch zufriedener werden. Die Leute, die's schon machen, schwören auf die Wirkung. Mehr Zufriedenheit? Das kann uns Zürchern sicher nicht schaden.

Ich werds mal versuchen: Nur für heute werde ich ein kleines Detail finden, dass besser ist, als erwartet. Und nicht wie sonst immer nur darauf achten, was nicht so ist, wie ich's am Liebsten hätte.

www.100happydays.com

 

In der WM-Zentrale

David Sarasin am Donnerstag, den 19. Juni 2014
Sepp Blatter winkt uns zum Abschied.

Sepp Blatter winkt uns zum Abschied.

Manchmal darf man Einladungen auch einfach mal annehmen. «Das Home of Fifa ist die Heimat, das Zuhause unserer weltweiten Fussballgemeinschaft», schreibt Sepp Blatter in einer Broschüre. Wir fühlen uns angesprochen und würden gerne im Hauptgebäude der Fifa ein Spiel schauen. Dort, wo alte Männer Entscheide über Schaumsprays treffen und wo Couverts nicht nur an Geburtstagen herumgeschoben werden sollen. Ja, böse Zungen vergleichen das Gebäude gar mit den ausgehöhlten Bergen in Bond-Filmen. Orten, wo Bösewichte Katzen massieren und versuchen, die Welt zu kontrollieren. Dass der Vergleich hinkt, sollten wir am vergangenen Dienstag bald herausfinden.

Private-public Viewing

Begonnen hatte unsere Mission mit einem Mail von der Fifa. Man versicherte uns darin, die Angestellten schauten zwar dann und wann gemeinsam Spiele, doch Auswärtige hätten keinen Zutritt.

Wir lassen uns nicht beirren und versuchen, Einlass in den heiligen Tempel des Fussballs zu erhalten. Es ist so gegen 16 Uhr, und als Erstes stossen wir auf die Spuren der Demonstranten, die am letzten Samstag den gleichen Pilgerweg auf sich genommen haben. Das Fifa-Logo schimmert trotz offensichtlicher Putz­bemühungen noch immer rötlich vom Farbanschlag. Ganz sauber wird das wohl nie mehr, denken wir.

Wie die Fifa-Konzernstruktur: Eine Pyramide auf den Schultern der Massen.

Wie die Fifa-Konzernstruktur: Eine Pyramide auf den Schultern der Massen.

Vorbei am Haupttor, betreten wir den Vorgarten, ein mit Spazierwegen durchzogenes, kultiviertes Stück Land. Jeder Teil der Anlage ist einer der sechs Weltföderationen gewidmet. Mitten im afrikanischen, offenbar einer Savanne nachempfundenen Teil, türmt sich wie ein Totem eine zu einer Fussballerpyramide geschnitzte Holzplastik. Uns aber bleibt wenig Zeit, all diese wunderbaren Dinge auf uns wirken zu lassen, schliesslich wollten wir rein, ins 240-Millionen-Bauwerk. Beim Standaschenbecher am oberen Ende des Hauses treffen wir auf ein paar Angestellte. Zeit für einen Schwatz gibts nicht. Per Fingerprint-Scan öffnen sie die Schiebetüren und huschen davon. Ernst Stavro Blofeld hätte seine Freude an der Szene gehabt.

In der Empfangshalle treffen wir auf eine Gruppe knipsender Japaner. Wir lesen in der Broschüre zum Gebäude: «Einzelne sollen sich aufgenommen fühlen, viele räumlich nicht bedrängt.» Wir glauben den wohlformulierten Zeilen und fühlen uns bald sehr wohl. Unsere Hoffnung schwillt an wie ein Heissluftballon bei der Wärmeflutung – denn über allem thront das Objekt unserer Begierde: eine Leinwand fürs Public Viewing, das eigentlich ein Private Viewing ist: «Hier können nur Angestellte die Spiele schauen, und das auch nur an ausgewählten Tagen», bestätigt die Frau hinter dem Pult das Mail, freundlich, aber bestimmt. Sogar ein kleiner Rundgang bleibt uns verwehrt. Was bleibt uns übrig, als in der Broschüre zu lesen, was wir alles verpassen: den in Lapislazuli eingelassenen Grundstein des Hauses, den riesigen Kristallleuchter im Hauptsaal und auch den Andachtsraum (!), «ein leuchtender, sich nach oben ausweitender Onyxkörper», werden wir nicht sehen. «Licht und Beleuchtung ?– eine entscheidende Bedeutung», schreibt die Broschüre unter dem Titel «Nah am Herzen». Ein Herz aus Stein, wie wir finden, ausgeschlossen wie Favela-Kinder vor dem Stadion.

Die einladende Fassade des Fifa-Hauptsitz.

Die einladende Fassade des Fifa-Hauptsitz.

Nachdem wir einen kurzen Moment mit dem Gedanken gespielt haben, einen mit FIFA™ beschrifteten Artikel im Merchandise-Shop zu kaufen, verlassen wir das Fifa-Gelände. Leicht enttäuscht zwar, doch auch erleichtert, dieser Mischung aus Esoterik und James Bond unbeschadet entkommen zu sein. Zurück im Tal, besuchen wir eine der vielen gut bevölkerten WM-Bars, wo das Bier fliesst und der Lärmpegel beachtlich ist. Das andere «Zuhause der weltweiten Fussballgemeinschaft». Unseres halt.

«Die Unsicheren, die Arroganten & die Idioten»

Réda El Arbi am Mittwoch, den 18. Juni 2014
Nichtbeachtung erzeugt Interesse. Verkehrte Welt.

Nichtbeachtung erzeugt Interesse. Verkehrte Welt.

Zürich gilt als Stadt für Singles. Das ist durchaus nachvollziehbar: Auf der einen Seite haben wir all die Nightlife-Möglichkeiten und Orte der Begegnung, die viele Menschen in Beziehungen nicht mehr nutzen und die als Tummelplatz für Singles gelten. Auf der anderen Seiten haben wir eine Flirtkultur, die dafür sorgt, dass Singles auch Singles bleiben – und die uns darüber staunen lässt, dass wir noch nicht ausgestorben sind.

Gestern durfte ich Zeuge eines Gesprächs zwischen zwei Frauen um die Dreissig werden, das mir die Augen für das komplizierte Paarungsverhalten in der Stadt öffnete:

Frau 1: «Immer wenn ich mich ein wenig zurechtmache, getraut sich nachher keiner mehr, mich anzusprechen. Es ist, als ob ich zu sexy zum Flirten wär. Die Männer schauen nur ein wenig und wenden gleich den Blick ab, wenn ich zurückschaue. Sie haben einfach nicht mehr die Eier, eine Frau anzusprechen.»

Frau 2: «Aber das stimmt doch gar nicht! Gestern am Match hattest du das Sommerkleid an und mindestens zwei Typen haben dich angequatscht. Und der Dunkelhaarige hat dir zwei Mal mit seinem Bier zugeprostet. Das nenn ich keine schlechte Ausbeute.»

Frau 1: «Ja, aber das waren Idioten. Hast du das T-Shirt des Dunkelhaarigen gesehen? Abercrombie? Da kann ich ja gleich an eine Ü30-Singleparty. Und die anderen Beiden waren einfach nur aufdringlich und plump. Echt. Der an der Bar hingegen war süss, aber der hat nur alle paar Minuten rübergelinst, ohne die Cojones, mich anzusprechen. Und der geile Typ später am See hat mich nicht mal beachtet. In Spanien war alles viel lockerer, offener. Die Männer sind da eher noch Männer.»

Aus der Sicht des Mannes ist das ein unlösbares Dilemma: Wenn wir auf eine Frau zugehen und sie ansprechen, sind wir «einfach nur aufdringlich», kurz Idioten. Wenn wir zurückhaltend flirten und ab und zu den Blickkontakt suchen, sind wir Weicheier. Wirklich interessant werden wir aber nur dann, wenn wir die Frauen, die uns faszinieren, ignorieren, also die Arroganz raushängen lassen. Schaffen wir es, die Angst zu überwinden und eine Frau anzusprechen, kriegen wir einen Korb, der, egal wie oft eingefangen, immer wieder weh tut. So schauen wir die Frauen an, denken, dass diese Schönheit sowieso nichts für uns ist, und nippen weiter an unserem Bier.

Inzwischen verstehe ich, dass Männer gar nicht mehr versuchen, jemanden Neuen kennen zu lernen. Die meisten normalaussehenden Männer ohne speziellen Status haben vor ihrem 30. Lebensjahr ihre tausend schmerzhaften Abweisungen eingefahren. Das prägt und nimmt die Lust, auf Frauen zuzugehen. So werden wohl auch in Zukunft die meisten Beziehungen am Arbeitsplatz oder im erweiterten Freundeskreis entstehen, ohne den kitzelnden Flirt.

Für die Zürcher Single-Frauen hab ich einen Tipp: Versuchen Sie mal den 1. Schritt zu machen und sich eine Abfuhr abzuholen. Spüren Sie der Erniedrigung etwas nach und machen Sie sich klar, dass Männer das oft verspüren, wenn sie den Mut aufbringen, eine Frau anzusprechen. Vielleicht entlockt Ihnen dann der nächste Versuch ein Lächeln, und wenns nur eins ist, das die Abfuhr versüssen soll.

Und bevor Sie über den fehlenden Flirtelan der Zürcher Männer jammern und sich nach ihrem Ferienort sehnen (wo doch alles viel lockerer und offener war), fragen Sie sich doch mal, wie viel lockerer und offener Sie selbst da unten am Strand waren. Und dann stehen Sie auf, gehen Sie auf einen Mann zu und beginnen Sie ein freundliches Gespräch. Wir leben schliesslich im 21. Jahrhundert.

 

«Toibeli-Bueb» Schawinski

Réda El Arbi am Montag, den 16. Juni 2014
Roger Schawinski wird vom eigenen Sender befragt.

Roger Schawinski wird vom eigenen Sender befragt.

Ich frage mich, ob Roger Schawinski als Kind auch das Monopoli-Spielbrett an die Wand warf und zum Mami rannte, wenn er am Verlieren war. So wirkt nämlich sein rechtlicher Schritt, sich wegen des Radio-Konzessionsstreits von 2006 an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu wenden.

In meinen Augen macht sich der Dinosaurier der Medienwelt damit zum Gespött. Aber offenbar kann er einfach nicht verlieren, niemals. Roger hat immer Recht. Das hat einen gewissen Unterhaltungswert im Fernsehen und im Radio. Wenn man «Schawinski» schaut, weiss man, was man kriegt. Kennt man den Gast, den er eingeladen hat, weiss man auch, welche provozierenden Fragen er ihm (seltener ihr) stellen wird. Schawinski der Kämpfer, Schawinski, der Goliath, der sich selbst als David sieht.

Nur, der Gang an der Gerichtshof für Menschenrechte ist zuviel. Noch mehr Geld machen ist kein Menschenrecht. Mit seinem Anliegen blockiert er diese wichtige Institution für Fälle von Leuten mit echten Problemen. Es ist eine Trotzreaktion, ein Toibelen, das für einen Mann, der soviel erreicht hat, einfach unwürdig ist. Er macht seine persönliche, geschäftliche Angelegenheit zu einem Gesellschaftsproblem. Er geht wieder mal durch alle Instanzen, aber diesmal nicht, um etwas für die Gemeinschaft zu erreichen, sondern aus verletztem Stolz. Wäre er Gast in seiner Sendung, müsste er die Frage hören:

«Herr Schawinski, ist ihr Ego so gross, dass Sie Ihre nicht erhaltene Radiokonzession für eine Verletzung der Menschenrechte halten? Sind Sie ein schlechter Verlierer?»

Roger Schawinski hat viel für die Medienlandschaft in der Schweiz geleistet, und das werden vorallem wir Zürcher ihm nie vergessen. Inzwischen führt er zwei Lokalradios und hat eine Sendung beim SRF. Er ist ein etablierter Mediengorilla, ein Weissrücken mit Macht. Aber er hat niemals gelernt, sich an die Regeln zu halten. Er denkt, Regeln seien da, um von ihm neu geschrieben zu werden. Und, wie viele alternde Stars, weiss er nicht, wanns genug ist. Mit diesem vielleicht letzten Kampf verspielt er viele der Meriten, die er sich im Laufe seines Lebens verdient hat.

Deshalb mein Rat:

«Gib uf, Schawi. Du hast bereits verloren. Wenn nicht den Gerichtsfall, dann zumindest einen Teil deiner Würde.»

Bortoluzzis schwuler Albtraum

Réda El Arbi am Samstag, den 14. Juni 2014
Lebensbejahende Freude an der Gay Pride.

Lebensbejahende Freude an der Gay Pride.

Dieses Wochenende trafen sich Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender zu ihrem Fest in der Stadt, der Gay Pride. Dabei gings in erster Linie um Lebensfreude und Vielfalt in der Regenbogengemeinde (die übrigens Heteros einschliesst). Aber nicht nur Party ist angesagt. Wie diese Woche klar wurde, ist offensichtlich auch noch viel Aufklärung und ein Ringen um Akzeptanz nötig.

SVP-Mann Toni Bortoluzzi hat sich mit der Aussage, Schwule und Lesben seien «Fehlgeleitete» mit einem «unnatürlichen Verhalten» lächerlich gemacht. Jeder aufgeklärte und weltoffene Mensch der Stadt hat sich beinahe in die Hosen gemacht vor Lachen. Bortoluzzi vermittelt das Gefühl, als sei er weltanschaungsmässig mit Ross und Wagen auf einer Autorennbahn unterwegs. Aber ganz so lustig ist es eben nicht.

Wenn man sich die Kommentarspalten der verschiedenen Schweizer Newsportale ansieht, bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Da wird gehetzt, auf die «natürliche, biologische Ordnung» verwiesen (übrigens: Die Tierwelt kennt hunderte Arten mit homosexuellem Verhalten, aber nur eine einzige mit Homophobie ...) und mit christlichen Werten argumentiert. Natürlich distanzieren sich viele Politiker und Leser von Bortoluzzis Aussage. Die ist ihnen zu eindeutig. Für Politiker ausserhalb der SVP ist eine solche Abwertung ja auch der politische Tod.

Jetzt kommt das grosse ABER. Viele der Aussagen beginnen mit «Ich habe ja nichts gegen Schwule, solange sie nicht ...» oder «Ich hab auch schwule Bekannte, aber ...». Das ist Homophobie unter einem Mäntelchen politischer Akzeptanz. Grundsätzlich meinen diese Leute: Schwule und Lesben sind ok, solange ich nichts von ihrem Schwulsein mitkriege.

Sie meinen, weil Schwule seltener angespuckt oder verprügelt werden, sei das Toleranz oder Akzeptanz. Sie denken, weil Homosexualität nicht mehr vom Gesetz verfolgt werden, wie noch bis in die 50er Jahre hier in Zürich, sei eine Gleichstellung vor dem Gesetz gegeben. «Wir haben hier keine russische Verhältnisse» werden einige sagen. Das stimmt. Hier ist der Hass auf Homosexuelle nicht das Hauptproblem, sondern die Homophobie, die Angst vor dem Anderen, vor dem Ungewohnten. Und da liegt die Gefahr. Hass ist immer aus Angst entstanden. Und Männer, die sich vor Schwulen fürchten, reagieren gerne mal mit Gewalt auf ein flirtendes Augenzwinkern vom«falschen» Geschlecht. (Bemerkenswert übrigens, dass homophobe Männer oft mehr Angst vor Schwulen als vor Lesben haben). Zürich war aber immerhin 2009 Gastgeber der Europäischen Gay Pride, doch offenbar reicht das nicht.

Grundsätzlich aber gehen diese Leute davon aus, dass Heteros die Norm sind, und die anderen 10 Prozent der Bevölkerung sich daran zu orientieren hätten. Hört sich im ersten Augenblick verführerisch überzeugend an, nicht? Aber nehmen wir mal ein anderes Beispiel:

Nur 1 bis 2 Prozent der Weltbevölkerung ist rothaarig. Hm, müssen die jetzt ihre Haare färben oder Perücken tragen in der Öffentlichkeit, damit unser Empfinden der «Normalität» nicht gestört wird?  Nein, natürlich nicht, werden Sie sagen. Das sei etwas ganz anderes. Aber das ist es nicht: Bis ins späte Mittelalter wurden Rothaarige oft als Hexen (männlich und weiblich) stigmatisiert und nicht selten auch dafür hingerichtet.

Stellen Sie sich vor, in drei- oder vierhundert Jahren schauen die Menschen in Geschichtsbücher und lesen von einer Stadt, in der Politiker Schwule und Lesben als abnorm betrachteten und erfahren, dass ihnen von christlichen Parteien gleiche Rechte vor dem Gesetz verwehrt (Ehe- und Adoptionsrecht) wurden. Diese zukünftigen Zürcher werden ob so viel primitiver Barbarei den Kopf genauso schütteln, wie wir heute über die Verfolgung von Rothaarigen.

Also, es gibt offenbar noch viel zu tun.

Lieber Herr Bortoluzzi und liebe andere Homophobe,

ich lade Sie herzlich ein, mit mir heute oder morgen die Gay Pride zu besuchen. Und keine Angst, ich bin weder schwul noch Single. Ich bin ein verheirateter Hetero-Mann, der seine Zuneigung zu anderen Männern mit dem klassischen Box gegen den Oberarm oder vielleicht einmal mit einem verlegenen Schulterklopfen ausdrückt. Ich werde Sie also nicht angrabschen. Und ich werde Sie mit meinem Leben vor sexuellen Uneindeutigkeiten beschützen, ich schwör!