Tages-Anzeiger



China-Postpunk in Zürich

David Sarasin am Freitag, den 4. April 2014
«Zürich ist für uns so etwas wie das Tor zu Europa» Foto: Dieter Seeger

«Zürich ist für uns so etwas wie das Tor zu Europa» Foto: Dieter Seeger

Musiker Hua Dong tritt mit seiner Band Re-Tros heute Abend in Zürich auf. Ein Gespräch über Punk, sein Heimatland China, zerschnittene CDs und Bertolt Brecht.

Sie spielen mit Ihrer Band Re-Tros eine Art Punk, wie kommt die Rebellion in Ihrer Heimat China an?

Wir sind gezwungen, Umwege zu gehen. Die Regierung würde einen direkten Angriff nicht tolerieren. Das heisst, wir sagen nicht: «Der Staat ist schlecht», sondern erzählen eine Geschichte, die diesen Sachverhalt möglicherweise verdeutlicht. Kennen Sie Brechts Verfremdungseffekt? Wir wollen damit die Distanz zwischen Publikum und Künstlern erreichen. Das ist ein kraftvoller Effekt.

Reagieren die Behörden nie?

Die wissen wohl nicht einmal, dass es uns gibt. Wir sind zu klein. Wir sind nicht U2 oder was Ähnliches. Wir sind bloss eine etwas berühmtere Undergroundband, was bei der Grösse des chinesischen Marktes aber doch reicht, um davon zu leben. Doch wir singen ja auch Englisch, das verstehen wohl nicht alle Funktionäre. (lacht)

Wenn Sie also berühmter wären, gäbe es Probleme.

Könnte sein. Cuijuian etwa, der Musiker, der als Bob Dylan Chinas gilt, hatte immer viele Probleme mit der Polizei und durfte nicht auftreten. Gerade kürzlich wurde er ins Fernsehen eingeladen, in eine Sendung, die mehrere Millionen Menschen verfolgen. Vor der Show bekam er eine Liste mit den Liedern, die er spielen darf. Da hat er die Show kurzerhand gestrichen. Das war ein Skandal.

Wäre so ein Fall wie der von Pussy Riot auch in China denkbar?

Es gibt Grenzen, die man nicht überschreiten sollte. Etwa sollte man nicht über Sex und Gewalt singen. Wenn wir uns auf dem Tiananmen-Platz vor dem Mao-Denkmal staatskritisch äussern würden, würde es uns wohl ähnlich ergehen wie Pussy Riot. Oder wie Ai Wei-Wei, der genau deswegen im Gefängnis sass. Die Musiker in China haben sich oft diesen indirekten Stil angeeignet, die Methode des Storytellings.

Wie reagieren die Medien auf Sie?

Es ist alles sehr aufregend im Moment. Vor zehn Jahren noch war die Szene sehr überschaubar. In den letzten fünf Jahren ist die Subkultur explodiert. Alle sind gespannt, wie es weitergeht. Vor zehn Jahren gab es vor allem Heavy Metal und eine Subkultur mit vielen Punk- und Hardcore-Elementen. Mit geheimen Konzerten. Das war der Underground.

Sie zählen viele englische Bands wie Joy Division, Bauhaus oder Gang of Four zu Ihren Vorbildern. Waren diese Platten in China erhältlich?

Es war sehr schwierig, an solche Musik heranzukommen. Wir kauften Raubkopien oder sogenannte Cut-off-CDs. Das sind importierte CDs, die vom Zoll extra beschädigt werden. Trotzdem konnte man sich mehr als die Hälfte der Songs auf diesen CDs anhören. Der Markt für solche beschädigten CDs florierte, vor dem Internet hat es bei uns ja fast nur diese gegeben. Ein Freund von mir wurde durch das Geschäft mit Cut-off-CDs zum Millionär.

Wie sieht es derzeit in Sachen Popkultur aus in China?

Trotz Youtube-Verbot wächst die Popkultur seit der Ausdehnung des Internets immens. Die Jungen kommen leicht an westliche Popmusik heran. Auch existieren zahlreiche neue Festivals. Der Markt boomt. Wir spielen mit den Re-Tros diesen Sommer in einem Monat an acht Festivals. Mit dem Geld, das wir verdienen, leben wir danach ein halbes Jahr. Insgesamt gibt es in China rund 150 Musikfestivals pro Jahr. Auch sehr viele ausländische Bands spielen bei uns. Björk hat gerade kürzlich gespielt oder auch die Rolling Stones.

Gab es da nicht einen Skandal?

Genau. Mit Björk gab es Probleme, weil sie ein Lied über Tibet spielte, obwohl es nicht auf ihrer Setlist stand. Diese und die Songtexte musst du vor dem Konzert bei den Funktionären abliefern. Die Isländerin hatte sich nicht an ihre Setlist gehalten. Das ist zwar cool, doch hatten daraufhin vor allem die ansässigen Veranstalter darunter zu leiden. Ebenso die Künstler, die noch kommen: Es ist seither wieder schwieriger geworden, für ausländische Bands. Sogar Elton John bekam nun Probleme, er durfte bei seinem letzten Konzert nur zehn Lieder aufführen.

Sie waren vor zwei Jahren schon in Zürich. Wie erleben Sie die Stadt?

Unser Besuch in Zürich war der erste Aufenthalt für die Band in Europa überhaupt. Ich selber kenne ja den deutschen Sprachraum durch meinen Studienaufenthalt in Halle, wo ich Germanistik studiert habe. Für die Band aber ist Zürich jetzt so was wie das Tor zu Europa. Ich habe mich sehr schnell wohlgefühlt hier. Und klar: Es ist alles sehr entspannt hier und gut organisiert. Sie sollten mal Peking sehen . . .

Ist das Leben in Peking so unterschiedlich?

Nun, wir gehen ebenfalls in Bars und Clubs. Die Stadt ist, was das kulturelle Angebot angeht, sehr westlich geworden in letzter Zeit. Es gibt immer mehr Musikclubs und Bars. Und das nicht nur in Peking, sondern auch in den Provinzstädten. Vor fünf Jahren noch gab es vielleicht zwei, drei tolle Orte für Konzerte in der Stadt. Heute sind es beinahe 20. Tendenz steigend. Die Regierung beginnt sich dafür zu interessieren, weil sie damit Geld verdienen kann oder zumindest den Standortvorteil eines attraktiven kulturellen Lebens erkennt.

Ihre Musik klingt sehr europäisch . . .

. . . vielen Dank!

Benutzen Sie auch traditionelle chinesische Elemente, oder orientieren Sie sich ausschliesslich an westlicher Popmusik?

Die traditionelle chinesische Musik hat keine Bedeutung für uns. Ich hörte immer bloss Musik aus dem Westen. Wir machen mit den Re-Tros halt einfach, was uns echt berührt. Also all die Experimente, die damals im Zuge des Punks vonstattengingen. Punk ist in China jetzt vorbei, wie in England vor 30 Jahren. Nun sind wir beim Postpunk angelangt. Wie Sie sehen, alles ist etwas zeitverzögert. (lacht)

Die Musik der Re-Tros ist sehr kraftvoll. Was ist das Wichtigste für Sie beim Musikmachen?

Franz Kafka hat gesagt: «Ein Buch muss sein wie eine Axt, um das Eis der Seele zu spalten.» Dasselbe gilt für mich für die Musik. Ich will Musik machen, welche die Leute aufwühlt.

Hua Dong spielt mit seiner Band am China-Drifting-Festival.

Eltern gegen Lehrer

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag, den 3. April 2014
Früher hatten Pädagogen eine andere Stellung.

Früher hatten Pädagogen eine andere Stellung.

An einem Nachtessen sprachen wir wieder mal über die Schule, über den Trend, uns Eltern mit Informationen einzudecken, jeden Tag ein Papier oder eine Mail: Die neue Pausenordnung, eine Schlägerei, ein Kratzer auf der Backe, das geht offenbar in allen Quartieren so, ob Seefeld, Unterstrass oder Wollishofen, bald wird jedes Schulhaus einen Kommunikationsberater brauchen.

Man weiss, dass die Pädagogen unter Druck geraten sind, weil die Eltern mitreden wollen. Und die Lehrer versuchen, sich bei ihnen abzusichern, ja keinen Fehler zu machen, man weiss ja nie. Das ist gut und schön, aber manchmal wäre ich froh, die Schule würde Verantwortung übernehmen und uns verschonen.

Einverstanden, niemand will zurück zum Klassenzimmer von einst, umgeben von einer Mauer des Schweigens wie bei der sizilianischen Mafia. Ich habe einmal zwei Jahre unterrichtet, als es im Kanton Zürich zu wenig Lehrer gab und hergelaufene Wirtschaftsstudenten im dritten Semester vor eine Klasse geschickt wurden. Ich sah aus wie ein Althippie, trotzdem hat mich ein italienischer Vater mit «Herr Direktor» angesprochen, Signor Direttore.

Heute werden jeden Frühling die Schulpflegen überschwemmt mit Gesuchen, weil den Eltern die ihren Kindern zugeteilten Lehrerpersonen nicht passen, es zirkulieren schwarze Listen mit den Namen von Horrorpädagogen. «Dabei hat jeder Lehrer seine Gegner und seine Fans», erzählte ein Vater, dessen Kind bei so einem unbeliebten Lehrer gelandet ist. Warten wir mal ab, hätten sie sich gesagt, eingreifen kann man immer. Er habe vor jedem, der sich vor eine Klasse hinstelle, erst mal Achtung, sagte der Vater, «der Job ist nicht einfach».

Doch die Öffentlichkeit schreit nach einem Lehrer-Ranking, die Schweiz sucht den Lehrer-Star. Klar gibt es neurotische, parteiische, ausgebrannte, aggressive und vor allem uninspirierte und langweilige Lehrer – die Frage ist, ob sie der Entwicklung der Kinder schaden. Etwas Gelassenheit würde wahrscheinlich guttun, es ist wie im Fussball, manchmal lernt man mehr unter miesen Bedingungen, wenn man sich auf dem Bolzplatz durchsetzen muss, das Leben ist nun mal kein Galadiner.

Aber zurück zu unserem Nachtessen. Meine Tischnachbarin erzählte, ihr Kind gehe in eine Privatschule, dort werde sie in Ruhe gelassen. Keine Mails, keine Formulare. Dabei würde man doch erwarten, dass die Eltern in einer Privatschule nonstop auf dem Laufenden gehalten würden, sie zahlen ja schliesslich. Das Gegenteil sei der Fall. Die Eltern zahlen, ja, weil sie das Konzept der Schule gut finden. Sie zahlen, damit die Schule Verantwortung übernimmt. Damit die Lehrer sagen, wo es langgeht. Sie zahlen dafür, dass die Lehrer den Mut haben, zu erziehen.

Die Volksschule dagegen muss sich dauernd rechtfertigen, weil alle mitreden wollen. Vielleicht, weil sie gratis ist? Oder steckt dahinter die Angst der Eltern, dass ihr Kind nicht genug gefördert wird in unserer harten Gesellschaft? Ist der Verteilungskampf in der Schule angelangt? Stoff genug für einige Nachtessen.

MiklosMiklós Gimes ist Reporter beim «Magazin», Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Filmemacher («Bad Boy Kummer»). Jeden Donnerstag lesen Sie seine Stadtgeschichten hier bei uns im Stadtblog und auf der Bellevueseite in der Printausgabe.


Drogen, Korruption und ein schwarzer Plot

Réda El Arbi am Dienstag, den 1. April 2014
Er befasst sich auch in der Freizeit mit Drogen, Korruption und Gewalt.

Er befasst sich auch in der Freizeit mit Drogen, Korruption und Gewalt: Michael Herzig. Bild: Pino Ala, Zürich

Fixerstübli, Waffengewalt und die Strichboxen in Altstetten gehören zum Arbeitsfeld von Michael Herzig. Er war jahrelang Drogenbeauftragter der Stadt Zürich und ist jetzt Vize-Chef der Sozialen Einrichtungen der Stadt. Mit was beschäftigt sich der Kader-Sozialarbeiter in seiner Freizeit? Genau: Mit Drogen, Gewalt und Polizeikorruption – in Buchform. Michael Herzig veröffentlichte diese Woche seinen neuen Züri-Krimi um die hartgesottene Polizistin  Johanna di Napoli. Wir sprachen mit ihm über die dunkle Seite der Limmatstadt.

Michael, du schreibst «Hard Boiled»-Krimis im klassischen US-Stil, die aber hauptsächlich in Zürich spielen. Ist der harte Macker, in diesem Fall die harte Polizistin, in der Schweiz des Polizisten Wäckerli und des Wachmeister Studers glaubwürdig?

Klar, die Figuren sind ja nicht einfach hart und böse, sondern machen eine Entwicklung durch, die dem Leser glaubwürdig verständlich machen soll, wie auch hier Menschen verhärten können. Natürlich ist es überzeichnet, wie ja auch die harten Bullen in der US-Krimis nicht wirkliche Menschen sind.

Wenn die Lebensumstände in L. A. oder New York einen Polizisten korrupt und gewalttätig werden lassen, leuchtet das ein. Aber am Zürisee?

Wir müssen nicht lange zurückschauen, um eine kriminell einzigartige Situation in der Stadt zu finden. Im Sumpf der grossen Drogenszene in den Neunzigern, am Letten und am Platzspitz, waren die Voraussetzungen durchaus gegeben, um einen halbwegs anständigen Polizisten in Versuchung zu führen. Deshalb hab ich die Wurzeln meiner beiden Bösewichte in dieser Zeit angesiedelt.

Damals, vor allem am Letten, standen die Polizisten an vorderster Front in einem Krieg der Schweiz gegen die eigene Jugend. Überlastet und hilflos mussten sie zusehen, wie Dealer, die sie am Tag zuvor verhaftet hatten, bereits wieder Geld machten. Weil dem Suchtproblem mit repressiven Mitteln nicht beizukommen war, bestand eine Hauptaufgabe der Polizisten damals darin, den Handel zu stören, also Geld und Drogen aus dem Verkehr zu ziehen. Bunker mit packweise Heroin und bündelweise Geld zu finden und zu beschlagnahmen, kann schon eine Versuchung sein, etwas in die eigene Tasche zu stecken. Gerade wenn man von der Situation bereits frustriert und zynisch geworden ist.

Als Drogenbeauftragter der Stadt Zürich hattest du in den letzten sechzehn Jahren Einblick in die Mechanismen der Drogenkriminalität und der Polizeiarbeit in diesem Bereich. Sind deine Figuren der Realität entnommen?

Nein, meine Figuren sind frei erfunden. Um ihnen jedoch die Glaubwürdigkeit einzuhauchen, die sie benötigen, verwende ich die eine oder andere Geschichte, die ich während meiner Arbeit miterlebt oder gehört habe.

Die Stadtpolizisten in deinem Krimi werden am Letten/Platzspitz erst korrupt, danach wechseln sie die Seiten komplett und erscheinen in der Gegenwart als richtige Verbrecher. Machst du dir mit diesem Bild von der Stapo nicht Feinde unter den Leuten, mit denen du beruflich noch zusammenarbeiten musst?

Nein, ich denke nicht. Die Stadtpolizisten, von denen ich einige sehr gut kenne, können das einordnen. Sie sind die Ersten, die zugeben, dass die Situation in der offenen Drogenszene damals auch für Polizisten die Hölle war und dass der eine oder andere daran zerbrach und seine moralische Orientierung verlor. Aber genau deshalb ist heute auch die Situation bei der Stapo eine andere. Zum Beispiel gehört das Kennenlernen von Einrichtungen der Drogenhilfe wie z.B. der Fixerstübli zur Ausbildung bei der Stadtpolizei. Die Ideologien der 70er, 80er und 90er Jahre sind einem nützlichen Pragmatismus gewichen. Alle Beteiligten legen mehr Wert darauf, Probleme zu lösen, als sie niederzuschlagen. Man erwartet von den Polizisten, dass sie die Problematik verstehen, der sie täglich begegnen.

Ist die Situation denn nun wirklich besser? Erst gerade hatten wir den Fall «Chilli's», bei dem sich Polizisten von Milieu-Figuren bestechen liessen.

Ja, ich denke wirklich, dass die Situation besser geworden ist. Man siehts gerade am Fall «Chilli's». Die Verantwortlichen gingen so schnell und so hart gegen die eigenen Leute vor, wie es früher kaum der Fall gewesen wäre. Damals hätte man das wohl eher intern erledigt und den Ruf des Corps und die Kollegialität hätten Vorrang gehabt.

Hast du nicht genug Einsicht ins Elend in den letzten Jahren als Verantwortlicher für Drogenhilfe, Prostitution und die damit zusammenhängende Kriminalität, musst du auch noch in deiner Freizeit darüber schreiben?

Ich schreibe schon seit ich ein kleiner Junge bin. Schreiben ist, neben Musik (er spielt in der Punkband «The Goodbye Johnnys») die Leidenschaft in meinem Leben. Für mich ist es nur natürlich, dass ich die Fiktion in Aspekte meiner Realität einbette.

Aber es stimmt schon, meine Haut war früher dicker, die Realität, gerade in der Arbeit mit der Strassenprostitution, kann sehr zermürbend sein. Die Hoffnungslosigkeit und das Elend in diesem Milieu muss man ertragen können. Aber während ich mich dem in der Realität stellen muss, kann ich in den Büchern das Ende selbst vorgeben.

Zum Buch

Cover HerzigJohanna di Napoli versucht, ihr Leben in den Griff zu kriegen, mit ihrer ersten stabilen Beziehung seit langem zurechtzukommen, ihren Alkohol- und Tabakkonsum zu reduzieren und sich in ihrem Job als Revierdetektivin bei der Stadtpolizei Zürich nicht mit zu vielen Vorgesetzten gleichzeitig anzulegen. Dann wird sie für einen verdeckten Einsatz nach Deutschland geschickt. Ausgerechnet di Napoli soll einem im Rockermilieu ermittelnden Beamten als Rockerbraut zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen. Der Einsatz endet in einem Fiasko, und Johanna erkennt, dass die heiße Spur in dieser Ermittlung direkt zurück in die Schweiz und in eine unrühmliche Episode der Geschichte der Stadtpolizei Zürich führt. Erschienen im Grafit Verlag Dortmund.

Kein Clubbing mit 16?

Stadtblog-Redaktion am Montag, den 31. März 2014
Sechzehn ist ein Alter ohne Grenzen. Ausser an der Clubtür.

Sechzehn ist ein Alter ohne Grenzen. Ausser an der Clubtür.

Sechzehn zu sein ist nicht leicht. Man möchte alles, man möchte es sofort und darf dann doch beinahe nichts. Auf der Strasse zum Glück stehen einem die Eltern, die Lehrer oder der erbärmliche Kontostand im Weg. Nicht wenige 16-Jährige gehen in ihrer Ernüchterung mit George Bernard Shaws berühmtem Satz «youth is wasted on the young» (Die Jugend ist an junge Leute verschwendet) einig, auch wenn Shaw seinen Ausspruch nicht eben aus Mitgefühl für die Nöte der Teenager heraus geäussert hat.

Auch die Nachtleben-Macher zeigen wenig Interesse für die Belange unmündiger Mitmenschen und lassen sie gar nicht erst in ihre Clubs. Dies hat damit zu tun, dass sie an Jugendliche, die das achtzehnte Altersjahr noch nicht erreicht haben, keine Spirituosen verkaufen dürfen. Das Ignorieren des Ausgehbedürfnisses 16-Jähriger liegt aber auch in der Tatsache begründet, dass es dem Renommee eines Clubs schadet, wenn sich die erwachsenen Stammgäste auf der Tanzfläche plötzlich von (je nach Geschlecht) grölenden oder kreischenden 16-Jährigen umzingelt sehen.

Aus diesen Gründen führen die Clubs ein rigoroses Mindestalter-Regiment, im Zuge dessen die Clubber erst ab Erreichen des 18. Altersjahres eingelassen werden. Nun reift jedoch in einigen Nightlife-Exponenten der Gedanke einen Club explizit für 16 bis 18 jährige zu eröffnen. Ursprung dieser Idee ist der Erfolg von ü16-Partys wie beispielsweise den X-Travagant-Events im X-Tra oder von entsprechenden Grossanlässen wie des jährlich stattfindenden KV Fäschts.

Diese Partys generieren im Handumdrehen weit mehr als tausend Besucher und auch wenn man den Anwesenden nur Bier, Wein, Obstwein und Sekt verhökern darf, so lässt sich der bescheidene pro Kopf-Umsatz von 16-Jährigen mittels der enormen Besucherzahlen, welche diese Altersgruppe zu generieren imstande ist, wieder ausgleichen. Masse statt Klasse ist denn auch der Grundsatz einer jeden ü16-Party, denn was den Teenagern an diesen Anlässen serviert wird, ist so weit von Kultur, Gehalt und Niveau entfernt wie es etwas nur sein kann.

Fürchterliche Sets von DJs, die denken Reggaeton sei ein würdiger Clubmusikstil, Gastspiele von Übelkeit erzeugenden Promis wie der deutschen Exhibitionistin Micaela Schäfer und Auftritte von sich auf musikalisch überaus bescheidenem Niveau bewegenden Eintagesfliegen wie Tacabro (Tacata) sind Standard. Man kann unumwunden sagen, dass ü16-Veranstalter ihren Gästen nicht Qualität vermitteln, sondern sie bloss in möglichst grosser Zahl anlocken wollen, um ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Teenager, die bereits mit 16 einen Musikgeschmack entwickelt haben, der sich nicht mit dem aktuellen «BRAVO Hits»-Sampler deckt, stehen an diesen Partys sowieso auf verlorenem Posten. Es gibt jedoch einen Ausweg aus dieser Clubbing-Zwickmühle: Einen eigenen Partyraum auftreiben, sich beim älteren Bruder das DJ Pult ausborgen, die Nachbarn freundlich vor allfälligen Lärmemissionen warnen und eine eigene Fete schmeissen.

Auf diese Weise schaufelt man auch kein Geld in die Taschen von Veranstaltern, die sich eigentlich gar nicht für die Belange von 16-Jährigen interessieren, nicht zuletzt weil sie dieses aufregende Alter längst hinter sich gelassen haben.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Der Zürcher Verkehrskrieg

Réda El Arbi am Freitag, den 28. März 2014
Besser, die Aggressionen bahnen sich so einen Weg als über das Gaspedal.

Besser, die Aggressionen bahnen sich so einen Weg, als über das Gaspedal.

Gestern löste Miklós Gimes mit seiner Gedankenschau zum Thema Velofahrer wieder mal einen hitzigen Streit zwischen Zweirad-Fanatikern und Vierrad-Kriegern aus – und natürlich hieben und stachen auch die militanten Fussgänger kräftig mit drauflos. Jedesmal, wenn das Thema Stadtverkehr im Stadtblog auftaucht, sehen wir dasselbe Bild: Die Kommentatoren holen mit dem verbalen Zweihänder aus und machen den Gegner nieder.

«Fahrrad-Anarchisten» oder «Umwelt-Mörder» tönt es da, und jeder ist sich sicher, dass seine Position die moralisch einzig mögliche sei. Ich muss zugeben, dass ich beiden Seiten etwas abgewinnen kann. Es ist wohl eine Art religiöses Thema, bei dem tiefe Glaubenssätze zum Ausdruck kommen. Jeder Velofahrer in der Stadt fühlt sich auch ein bisschen wie die legendären New Yorker-Velokuriere und kümmert sich oft wenig um Regeln, die für Autos Sinn machen. Die Autofahrer hingegen sehen sich in Zürich grundsätzlich als Opfer, weil sie hier, in der Innenstadt, halt vernünftigerweise keine «freie Fahrt für freie Bürger» haben. Die Fussgänger wiederum fürchten grundsätzlich um ihr Leben, wenn sie ein Vehikel mit Rädern nur schon von Weitem sehen.

Es schleicht sich das Gefühl ein, die Zürcher Strassen seien eine Art Todespfuhl, eine Arena der Fortbewegungskrieger, in der täglich Massen von Opfern zu beweinen sind.

Sieht man aber genauer hin, muss man feststellen, dass in Zürich der Innenstadtverkehr eher wie ein choreografierter Tanz  funktioniert. Gestern Abend stellten Freunde aus den USA überrascht fest, dass hier die Autos für Velos und Fussgänger bremsen, ohne auch nur einen Augenblick nachzudenken: «In L. A. wärst du tot, wenn du zu Fuss oder mit dem Fahrrad versuchen würdest, einem Auto den Vortritt zu nehmen. Auf den amerikanischen Strassen gilt das Recht des Stärkeren, darum kaufen sich die Leute auch immer noch diese grossen Trucks».

Ich musste einen Augenblick überlegen, bevor ich es Ihnen erklären konnte: «Hier gilt die Pflicht des Stärkeren. Wer mehr Macht hat, muss auch Verantwortung für die Schwächeren übernehmen. Es ist keine Frage des Rechts. Auch wenn der Schwächere sich nicht an die Verkehrsregeln hält, ist es die Pflicht des Stärkeren, Rücksicht zu nehmen und die kleineren Verkehrsteilnehmer zu schützen. Das ist so tief in den Köpfen, dass die Leute nicht mal mehr darüber nachdenken müssen.»

Natürlich darf man danach den Finger zeigen und aus dem Fenster oder über die Lenkstange fluchen. Das ist Teil des Spiels.  Das baut die Aggression ab und wirkt als Ventil, so dass man beim nächsten Mal wieder einen Vollstopp für den Schwächeren hinlegen kann. Aber grundsätzlich kannst du ohne zu schauen auf die Strasse latschen und jeder wird bremsen. Was nicht überall auf der Welt selbstverständlich ist. Der Umgang zwischen den Zürcher Verkehrsteilnehmern hat etwas Urschweizerisches: Man bildet eine Gemeinschaft und schaut aufeinander, aber innerhalb dieser Gemeinschaft darf man streiten, bis die Fetzen fliegen.

Ich weiss, jetzt werden mir wieder einige Kommentatoren Schönfärberei vorwerfen. Nun ja, solange ein tragischer Verkehrstoter hier in Zürich noch ein Politikum ist, und nicht etwa wie in Bangkok oder London ein gewohnter Anblick auf dem Weg zur Arbeit, denke ich, wir jammern auf sehr hohem Niveau.

PS: Beim ÖV ist es übrigens ähnlich: Die SBB muss sich mittels einer öffentlichen Entschuldigung Asche aufs Haupt streuen, wenn ihre Züge zwei Tage hintereinander mehr als drei Minuten Verspätung hatten und der Ersatz nicht innerhalb von weiteren drei Minuten bereitstand. Aber das ist ein anderes Thema und wird ein andermal behandelt. Genauso wie der Dichtestress, der offensichtlich die Leute zum Weinen bringt, wenn sie die zehn Minuten zwischen Winterthur und Stadelhofen keinen Sitzplatz finden.

«Holzschue!» – «Schafseckel!»

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag, den 27. März 2014
In der Hektik des Stadtverkehrs Zeit für kreative Beschimpfungen: Velofahrer.

In der Hektik des Stadtverkehrs Zeit für kreative Beschimpfungen: Velofahrer.

Es gibt Tage, Wochen, da geschieht nichts, was die Öffentlichkeit interessieren könnte. Klar, man hört Geschichten, X ist gestorben, Y hat eine Affäre, Berlin wird überschätzt.

Das Wetter war sorglos, paradiesisch, als ich an einem Morgen über den Fussgängerstreifen ging, auf dem See zogen die Ruderer ihren Strich im Wasser, die Autos, unterwegs zur Arbeit, liessen mich passieren, ein Radfahrer brauste auf dem Velostreifen heran, soll ich jetzt über den Streifen rennen?, dachte ich, nein, der Tag ist zu schön, ich spaziere.

Auf dem Rad sass ein Typ um die fünfzig, wie soll ich sagen, ein Alternativer, aber mit Geld, alles hatte Qualität, sein Rennrad, der schwarze Sweater, der silberne Velohelm, der kleine Rucksack. Er musste bremsen, fiel aus seinem Rhythmus, und wie er sich auf seinem Rad aufrichtete, sah ich: Er verträgt keinen Spass. «Holzschue», sagte er, als er hinter mir vorbeizog, ich schaute ihm nach, wie er wieder Fahrt aufnahm, «Schafseckel», rief ich ihm nach.

Holzschue, wahrscheinlich hat er recht, aber was meinte er damit? Ich sei ein Idiot? Schwerfällig? Nicht zeitgemäss?

Im Verkehr habe ich eine pragmatische Haltung. Das einzige Ziel ist, möglichst reibungslos aneinander vorbeizukommen, je eleganter, desto besser. Belehrungen sind meist langweilig und primitiv. Es ist erstaunlich, wie selbstregulierend die Meute der Autofahrer sein kann, wenn sich alle dem Ziel unterordnen, dass es fliesst, selbst im Chaos von Palermo oder im endlosen, nie abreissenden Strom von Los Angeles. Jeder schaut nur für sich, und weil das alle so machen, kommt man vorwärts.

Die Strasse ist kein Ort der Selbstverwirklichung, sie hat keine andere Aufgabe, als A mit B zu verbinden; Städten und Gegenden, die das begriffen haben, kann man eine zivilisatorische Leistung attestieren. Ich habe das zum ersten Mal vor vielen Jahren realisiert, als ich in Schweden war, wo man stundenlang über Land fahren kann, ohne eine menschliche Behausung zu sehen, trotzdem ist die Geschwindigkeit streng limitiert. In einer fortgeschrittenen Zivilisation ist die Strasse, wie gesagt, eine funktionale Angelegenheit, ein Ort der Vernunft.

Eine Erkenntnis, die für Velofahrer in der Stadt nicht gilt. Auch für mich nicht, übrigens. Auch ich fahre über Trottoirs, springe vom Randstein direkt auf die Fahrbahn, kurve um Fussgänger, gefährde Kinderwagen. Das hat sicher historische Gründe, weil sich das Velo seinen Platz auf den Zürcher Strassen erkämpfen musste und weil es einen gesellschaftlichen Bonus geniesst dank seiner Umweltfreundlichkeit.

Wer sich auf ein Rad setzt, meint immer noch, eine Art Revolutionär zu sein. Und wie es in revolutionären Gesellschaften üblich ist, herrscht da oft ein anarchischer Geist, seltsamerweise gepaart mit einem bornierten Dogmatismus, einer unmenschlichen Rechthaberei, es reicht, die Geschichte der Sowjetunion zu studieren. Da ist so ein «Holzschue» eher harmlos. Aber wie gesagt, es gibt Tage, Wochen, da nicht viel geschieht.

MiklosMiklós Gimes ist Reporter beim «Magazin», Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Filmemacher («Bad Boy Kummer»). Jeden Donnerstag lesen Sie seine Stadtgeschichten hier bei uns im Stadtblog und auf der Bellevueseite in der Printausgabe.

«Willkommen, Schwesterchen!»

Réda El Arbi am Mittwoch, den 26. März 2014
Das neue Schwesterchen: das NZZ-Stadtblog.

Das neue Schwesterchen: das NZZ-Stadtblog.

Die Familie der Stadtzürcher Online-Magazine hat Zuwachs bekommen: Neben den Opas zueri.net (seit 11 Jahren), Ronorp (feiert dieses Jahr das 10-Jährige) und uns Halbwüchsigen (Stadtblog gibts in dieser Form seit zwei Jahren) hat nun auch die alte Tante NZZ Stadtzürcher Nachwuchs hervorgebracht.

«Hallo Zürich – Frequenzen der Stadt» heisst das neue Gefäss und wird von vier Bloggerinnen betreut. Nina Fargahi, Politologin und Newsproduzentin, hat bereits mit ihrem früheren NZZ-Migrationsblog Erfahrungen als Bloggerin gesammelt. Unterstützt wird sie von Katja Baigger, der Leiterin der Panoramarredaktion, Martina Läubli aus der Nachrichtenredaktion (sie war früher mal bei Tagi Online) und Paula Scheidt, ebenfalls aus der Nachrichtenredaktion.

Bis jetzt haben die vier Frauen gute Arbeit geleistet. Mit feinen Einblicken in ihre persönliche Stadt  Zürich lockern sie wöchentlich den grauen Politalltag der seriösen Zürcher Medien auf. Wir freuen uns über das neue Gefäss, hoffen auf gegenseitige Inspiration und werden, wie es sich für ältere Brüder gehört, die ersten Schritte des Schwesterchens aus dem Hause der Konkurrenz wohlwollend im Auge behalten.

Schön wäre es, einmal eine gemeinsame Geschichte zu machen, da uns Stadtbloggern oft der weibliche Zugang zu Themen fehlt – und die vier NZZ-Stadtbloggerinnen vielleicht auch mal über einen Hauch Testosteron nicht unglücklich wären. Wir werden sehen.

In diesem Sinne: «Willkommen, Schwesterchen!»

PS: Wo die NZZ  korrekt deutsch «das Blog» (von «das Weblogbuch») schreibt, behalten wir unseren helvetischen Ansatz und sind natürlich «Der Stadtblog».

Neues aus der Club-Gerüchteküche

Stadtblog-Redaktion am Montag, den 24. März 2014
Wer kaufts Kaufleuten?

Wer kaufts Kaufleuten?

Das leidige Tauziehen um die Zukunft des Kaufleutens, mit den Seniorpartnern Fredi Müller, Bruno Emele und Hanswalter Huggler am einen Ende des Seils und den Juniorpartnern Marc Brechtbühl, Patrick Gertschen und Mark Röthlin am anderen, hat nicht nur in den Medien hohe Wellen geschlagen, sondern natürlich auch im Nachtleben.

Ein Ungemach kommt selten allein und auch dieses hier hat gleich mehrere Begleiter im Schlepptau, denn aktuell schwirren mehr Gerüchte durchs Nachtleben als Fruchtfliegen durch eine unordentliche Küche an einem heissen Augusttag. Beispielsweise soll der Station Club beim Bahnhof Enge nur noch bis Ende März (oder spätestens April) geöffnet sein und sich auf Anfang April aus der Zürcher Clublandschaft verabschieden. Einige denken, die Betreiber des – auf ein kosovarisches Publikum ausgerichteten – Rümlanger Clubs Rinora 4 hätten die Räumlichkeiten übernommen. Nicht zuletzt wegen der leidigen Geschichte des auf Serben ausgerichteten Clubs Jil in Oerlikon, der vor ein paar Monaten von sich reden gemacht hat, weil dessen Geschäftsleitung sich weigerte, Kosovaren Zutritt zu gewähren.

Die Rinora 4-Macher hätten vor, an der jetzigen Station-Adresse mit einem Kosovaren-Club in die Bresche zu springen. Andere wiederum lassen verlauten, die Macher des Clubs Supermarket um Jean-Pierre Grätzer, die in Bälde ihren angestammten Platz an der Geroldstrasse verlassen werden, würden da was Neues eröffnen. Auch der, ebenfalls zur Fortuna Holding zählende, Club Amber werde im Sommer seine Pforten schliessen. Ebenso hätte das sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Amber befindliche Restaurant Movie die Kündigung erhalten, sich jedoch vor Gericht das vorläufige Bleiberecht erstritten. Dem Gemunkel zufolge soll das Amber jedoch nicht verschwinden, sondern in das derzeit von Candrian Catering als Restaurant betriebene Vis-a-Vis an der Talstrasse umziehen, wobei die Fortuna Holding-Exponenten, gemäss anderer Quellen, gar keine Lust hätten, ein neues Amber zu eröffnen.

Ein weiteres Gerücht betrifft das Indochine: Die Familie Haussener, die den Club seit rund einem Dutzend Jahren betreibt, soll sich in Gesprächen mit Übernahme-Interessenten befinden. Dass der Club einiges vom Glanz vergangener Tage eingebüsst hat, ist kein Geheimnis. Jedoch ist ein Ausbleiben des Hypes das Schicksal eines jeden Clubs, der in die Jahre kommt. Einzelne Szene-Angehörige behaupten nun gar steif und fest, der Indochine-Verkauf sei bereits unter Dach und Fach. Auch die Gerüchte um den Gratis-Club Wow (ehemals Club Q) reissen nicht ab: Das Buschtelefon lässt verlauten, dass die finanziellen Bedingungen für eine Übernahme durch die neuen Betreiber nicht erfüllt worden seien und dass sich das Wow demnächst wieder aus dem Zürcher Nachtleben verabschiede.

Zu guter Letzt und um den Kreis zu schliessen: Mark Röthlin, einer der Juniorpartner des Kaufleutens, hätte an diesem Wochenende seinen neuen Gastrobetrieb an der Brandschenkestrasse 105 in Betrieb nehmen sollen. Hat er aber nicht. Irgendwas mit «Abnahme», «Ämter» und «nicht geklappt».

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft

Mitten ins Gesicht

Réda El Arbi am Freitag, den 21. März 2014
Helmi Sigg musste als Versuchskaninchen herhalten.

Helmi Sigg musste als Versuchskaninchen herhalten.

Gestern musste ich wieder mal an eine Vernissage. Diesmal an die Ausstellung der Tortenbilder von Barbara Sigg in der Photobastei und natürlich wieder mit vielen Promis und Weisswein. Und wie immer fühlte ich mich an solchen Anlässen nicht wirklich wohl. Es ist schon erstaunlich: Sobald irgendwer neben einem steht, Helmi Sigg, Vera Dillier oder Melanie Alexander, kommt jemand mit einer Kamera angerannt und macht ein Bildchen. Es ist ja schon praktisch, wenn man seine Selfies für Facebook nicht selbst schiessen muss, aber es ist irgendwie auch irritierend.

Vera Dillier: «Eine Torte kann meiner Würde nichts anhaben».

Vera Dillier: «Eine Torte kann meiner Würde nichts anhaben».

Die Bilder selbst fand ich grandios. Barbara Sigg machte die Bilder während der letzten drei Jahre. Sie überredete Promis und Politiker (Nik Hartmann, Vera Dillier, Melanie Alexander, Andrea Sprecher, Clifford Lilley und andere), sich eine Torte ins Gesicht zu klatschen und danach ablichten zu lassen. Angefangen hatte sie damit für ein Satiremagazin, und als das einging, hat sie einfach weitergemacht. Zu den Bildern gibts nicht viel zu sagen, die sprechen irgendwie für sich selbst.

Auch Nik Hartmann liess sich tortieren.

Auch Nik Hartmann liess sich tortieren. (Klick vergrössert)

Nun ja, ich war zum Glück nicht der Einzige, der sich nicht nur wohl fühlte in seiner Haut. Da war noch das neue alte Fotomodel Peter Graf, der gerade in der Regenbogenpresse herumgereicht wird. Mit ihm, einem richtigen Bauern, der nebenbei noch modelt, hab ich mich über die Vorteile von am Baum reifendem Steinobst gegenüber frühgeerntetem in den Läden unterhalten. Und das war wirklich um Welten spannender als der übliche Szene- und Schickimicki-Tratsch. Aber wie immer hatte ich nach 45 Minuten genug und blieb dann noch 15 Minuten aus Anstand. Ich mag keine Vernissagen, wie gesagt, nicht mal, wenn ich selbst an der Ausstellung beteiligt bin.

Normalerweise beneide ich ja unseren Nachtleben-Kolumnisten Alex Flach, weil er immer seine Interessenbindungen angeben muss, wenn er über Clubs und Partyveranstalter schreibt. Das wirkt irgendwie so wichtig und beeindruckend. Nur ich habe nie irgendwelche Interessenbindungen, offensichtlich bin ich einfach nicht interessant genug.

Bei der Tortenklatsch-Austellung darf ich endlich auch mal: Ich war dabei, als die Bilder entstanden. Ich hab die Torte gehalten. Und ich war der Herausgeber des Satiremagazins, das ich inzwischen in den Konkurs getrieben hab. Jänu. Leider verdiene ich nichts an diesem Bildern oder an der Ausstellung, so dass die Interessenbindung keine wirkliche Bindung ist. Eher so eine Art Interessensaffäre. Ein Interessensflirt vielleicht? Egal.

Schlagrahm und Stil auf Bildern: Die Tortenausstellung. (Bild: Olivia Zeier)

Schlagrahm und Stil auf Bildern: Die Tortenausstellung. (Bild: Olivia Zeier)

Von zwanzig auf hundert

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag, den 20. März 2014
Preise wie vor 40 Jahren (Symbolbild)

Preise wie vor 40 Jahren (Symbolbild)

Von einem Sportreporter des Tagi habe ich gehört, dass ein Coiffeur in der Hallwylstrasse für zwanzig Franken Haare schneidet, Frauen bezahlen dreissig. Der Kollege wunderte sich, wie der Figaro mit seinen Preisen aus den Achtzigerjahren über die Runden kommt. Bei meinen Stammcoiffeusen bezahle ich meist das Doppelte, obwohl es auf meinem Kopf nicht viel zu tun gibt.

An einem Vormittag im Februar bin ich hingegangen, Bassel und Guys heisst der Laden, er befindet sich neben einem jüdischen Café, auf dem Flachbildschirm liefen die Olympischen Spiele von Sotschi, der Biathlon der Männer. Es war ein netter Laden ohne Firlefanz, Parkett, eine Reihe schwarzer Ledersessel. Bassel, der Coiffeur, plauderte mit einem älteren Kunden, er trug ein hochgeknöpftes, olivgrünes Berufshemd mit seinem Schriftzug, ein gut aussehender Mann zwischen dreissig und vierzig Jahren, mit einem jugendlichen Gesicht und kurz geschnittenen grauen Haaren.

In einer Viertelstunde waren wir durch, es kostete tatsächlich zwanzig Franken. Er habe Kunden, sagte Bassel, die mehr zahlten, dreissig, vierzig Franken, wichtig sei aber nicht der Preis, sondern dass die Kunden zufrieden seien.

Er komme aus Zypern, erzählte Bassel, «Sonne, Meer, wenig Arbeit». Darum habe er sich in Europa umgesehen, seine Familie sei es gewohnt, unterwegs zu sein, Bassels Vater stammt aus dem Libanon. Den Laden an der Hallwylstrasse habe er vor einem guten Jahr von einem Kurden übernommen, schon der habe für zwanzig Franken Haare geschnitten, das Geschäft laufe gut, in den Spitzenzeiten könnte er einen Gehilfen anstellen, wichtig sei, dass die Leute nicht warten müssten.

Was wäre die Schweiz ohne die Bassels, dachte ich, als ich ihn erzählen hörte, ohne unternehmungslustige, junge Berufsleute, die bereit sind, neue Wege zu gehen, viel zu riskieren – die Ersparnisse der Familie aus Zypern und dem Libanon steckten in seinem Laden, sagte Bassel.

Ich fragte ihn, ob er von der Abstimmung gehört habe. Klar, antwortete Bassel, er könne die Schweizer verstehen. Die Zeiten hätten sich geändert, die Krise, sagte er, die Konkurrenz sei härter geworden, die Krise sei gut für die Reichen, aber nicht für die Arbeiter, weil immer jemand bereit sei, für einen niedrigeren Lohn zu arbeiten. Und jetzt, sagte Bassel, hätten sich die Schweizer gesagt, dass es Zeit sei, ihr Land zu beschützen. Es klang einsichtig, wie er so redete, mit der Erfahrung eines Weitgereisten.

Beim Abschied sagte Bassel, er habe Probleme mit dem Rücken, vielleicht müsse er den Laden aufgeben. Als ich kürzlich vorbeischaute, war Bassel bereits am Räumen, Ende Monat höre er auf. Sein Nachfolger sei bereit, die Zwanzig-Franken-Politik weiterzuführen, sagte Bassel. Vielleicht steige er ins Autobusiness ein, aber er habe sich auch schon überlegt, als Störcoiffeur zu arbeiten, da müsse man nicht den ganzen Tag stehen, bei den Kunden zu Hause. «Hundert Franken für einen Haarschnitt», sagte Bassel. «Das sollte funktionieren.»

Jeden Donnerstag lesen Sie hier die Stadtgeschichten von Miklós Gimes, Autor beim «Das Magazin» und freier Mitarbeiter beim «Tages Anzeiger».

miklos.gimes@tages-anzeiger.ch