Liebi Meitli,

Thomas Wyss am Samstag, den 26. November 2016

Schaad Märkli bellevue Stehsatz Autor: Thomas Wyss

Liebi Meitli, genau. Und das wars dann auch schon. Im ersten Moment zumindest (doch der dauerte fast dreieinhalb Stunden). Die Krux: Anders als beim Verhaltensappell an die Buben – siehe Gebrauchsanleitung vom letzten Samstag –, wo wir instinktiv die richtigen Themen anpirschten und die Pfeile mitten in die darkdunklen Herzen der Probleme jagten (wie etliche Väter per entzücktem SMS mitteilten), waren wir bei den frühpubertären Girls absolut nicht «fly», um es mit dem Jugendwort 2016 zu formulieren. Für ältere Leser: Wir hatten null Ahnung, welch altklugen Rat man den jungen Meitli in ihren Lebensweg-Rucksack packen könnte.

Einerseits lag das natürlich an der falschen genetischen Stammeszugehörigkeit: Ein Männchen kann ja bestenfalls das Triebverhalten anderer Männchen begreifen, das Wesen des Weibchens zu entschlüsseln, bleibt ihm jedoch verwehrt (gewisse Männchen sagen auch: erspart). Dass das schon vor 790 000 Jahren der Fall war – damals gelang es dem Homo-erectus-Männchen, erstmals ein Feuer zu entfachen, worauf das Homo-erectus-Weibchen aufgeregte Grunzlaute ausstiess, die das Männchen fälschlicherweise als akute Erregung statt als weitsichtige Warnung vor diesem Höllenzeugs deutete, das Weibchen flachlegte und es danach an den Herd (also an die Feuerstelle) befehligte –, macht die Sache fast noch schlimmer.

Anderseits war das Scheitern auch einem Mangel an «Anschauungsmaterial» geschuldet. Konkret: Im persönlichen Umfeld dieser Gebrauchsanleitung existiert gerade mal ein Gör in besagtem Alter; es spielt oft mit einer Selbstdarstellungs-App, findet Buebe «kindisch» und sucht in sozialen Medien nach «BFF» (Best Friends Forever); repräsentativ geht anders.

Und doch: Versprochen ist versprochen. Drum reichen wir das Mikrofon nun in fremde Hände, will sagen, wir rezitieren für den Appell weise Aussagen von vier bedeutenden (Wahl-) Zürcherinnen. Meitli, welche diese Worte beherzigen, werden – im Jugendwortslang gesprochen – Uhrensöhne und derbe Tintlinge künftig zu meiden wissen, auf Banalverkehr oder Vollpfostenantennen verzichten, isso.

1. «Ich habe mich früh für Zeitungen zu interessieren begonnen. Ich weiss, dass ich schon in der zweiten Klasse den ‹Tages-Anzeiger› las.» (Emilie Lieberherr, SP-Politikerin und erste Frau in der Zürcher Stadtregierung)

2. «Heute werden wir Frauen alt, wir werden sehr alt. Wir haben alt zu werden, und dies in einer Welt, die auf ihren Märkten Jugend, Schönheit, Liebe anbietet. Diese Diskrepanz fühlt heute jede Frau, bewusst oder unbewusst, wenn sie 50 Jahre alt geworden ist.» (Laure Wyss, Medienpionierin und Schriftstellerin)

3. «Ich denke, dass wir aufgezeigt haben, dass man einfach machen soll, wozu man Lust hat, auch wenn die Idee keinem Trend entspricht, auch wenn man zu Beginn etwas unbedarft ist. Dieser Do-it-yourself-Geist ist heute vielleicht noch wichtiger als zu unsrer Zeit. Weil man heute nur noch eine Chance hat, wenn man wirklich seinen eigenen Weg geht.» (Marlene Marder, Punkpionierin und Gitarristin bei den Bands Kleenex und Liliput)

4. «Wenn man in gewissen Bereichen diszipliniert und korrekt ist, kann man sich andernorts auch ungehörige Dinge erlauben.» (Ludmila Vachtova, Kunstkritikerin und Publizistin)

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 25. November 2016

«Ich bin der Chef der besten Polizei der Schweiz.»

(Foto: Raida Durandi) Zum Artikel

Der Weihnachtszirkus Conelli auf dem Bauschänzli ist wieder da. An der Premiere freuten sich die Besucher über viel Akrobatik – und das neue Clown-Trio. Natürlich waren auch Promis geladen wie hier auf dem Bild SP-Regierungsrat Mario Fehr, der sich später in der Vorstellung vom Meisterdieb Charly Borra die blaue Krawatte vom Hals weg stehlen liess. Vor der Show war er noch sicher: «Die Polizei ist immer auf alles vorbereitet. (Foto: Raida Durandi) Zum Artikel

«Beim Sadomaso lernt man Seiten kennen,
die vielleicht unangenehm sind.»

(FotoL: Raisa Durandi) Zum Artikel

Sidonia Guyer (links) und Michelina Fuchs veranstalten Partys, bei denen die Sexualität im Mittelpunkt steht. Den beiden Frauen geht es darum, die Komfortzone zu verlassen. Ein mögliches Mittel dazu: Peitschenhiebe. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Kein linkes Unterhosentheater mehr,
jetzt spielen wir nur noch nackt.»

Die Künstlergruppe "Zentrum für politische Schönheit" performt im Stück "Roger Köppel - Eine Abschiebung", aufgenommen am Freitag, 18. März 2016, in Zürich. (Tages-Anzeiger/Urs Jaudas)

Dem Neumarkttheater war im Zusammenhang mit der “Entköppelungsaktion” von SVP und FDP vorgeworfen worden, dort werde “linkes Unterhosentheater” gespielt. Neumarkt-Schauspieler Simon Brusis konterte an der letzten Generalversammlung auf seine Weise. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

«Wann gibt es wieder eine solche Aktion?»

(Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Der deutsche Finanzberater Joachim Ackva liess diese Woche in Zürich Geld in Form von 10er-Noten vom Zürcher Himmel regen. Er machte mit dieser Aktion darauf aufmerksam machen, dass noch immer mehrere Hundert Millionen Menschen in Armut leben – obwohl der Wohlstand der Privilegierten neue Rekordwerte erreicht. Der Mann, der am meisten Geld erwischte, hatte übrigens keine Ahnung, um was es bei der Aktion ging. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Ob der Niklaus-Meienberg-Weg
je gebaut wird, ist offen»

(Foto: SonntagsZeitung) Zum Artikel

Kurioses aus Oerlikon: Eigentlich hätte neben dem Max-Frisch-Platz ein Niklaus-Meienberg-Weg entstehen sollen. Nun steht ihm aber eine Eventhalle im Weg. Charlotte Koch Keller, die Geschäftsführerin der Strassenbenennungs-Kommission im Sicherheitsdepartement der Stadt Zürich, ist skeptisch, ob ein solcher Weg einst existieren wird. (Foto: SonntagsZeitung) Zum Artikel

«Ich habe eine emotionale Bindung
zu meinen Rechnen.
»

Vintage-Computer-Festival in der Roten Fabrik . 19.11.2016 (Tages-Anzeiger/Urs Jaudas)

Wer sagt da: Alt ist alt. Das Vintage-Computer-Festival in der Roten Fabrik zeigte klar: Auch Laien haben Freude an alten Rechnern. Fast alle Aussteller besassen ihre Vintage-Computer schon als Jugendliche. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«30 bis 50% der geflüchteten Kinder
und Jugendlichen sind gefährdet.»

(Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Die Psychologin Christina Kohli hat einen Leitfaden für den Umgang mit geflüchteten traumatisierten Kindern und Jugendlichen in der Schule miterarbeitet. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Vor allem Turnlehrer Maurer
hat uns oft verklopft.»

(Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel)

Sie gingen 1950 in die Sek im Zürcher Schulhaus Feldstrasse. Nun, da sie alle ihren 80. Geburtstag feiern, kommen sie wieder zusammen – und tauschen wilde Erinnerungen aus. René Bai erinnert sich vor allem an einen Lehrer und an die Zeiten, als Prügel noch zur Schule gehörte. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Ab vom Schuss.»

(Foto: Heinz Unger) Zum Artikel

Die grossen Hotellobbys dieser Stadt und kaum einer hält sich dort lange auf. Weshalb nicht? Stilkritiker Mark van Huisselings Kommentar zur Lobby im Dolder Grand: Zu weit weg. Und was meint er zu jener im Baur au Lac? “Dort sitzen Frauen, deren Männer die interessanteres Gesprächspartner wären.” (Foto: Heinz Unger) Zum Artikel

 

«Der Mammutbaum muss nicht gefällt werden.»

(Foto: Werner Schüepp) Zum Artikel

Die Bauarbeiten (Strasse wird verbreitert) für die Limmattalbahn hätten für einen der seltenen Mammutbäume in der Stadt Zürich beinahe das Todesurteil bedeutet. Die Banker von der Bank Julius Bär hat sich für den Schutz des Baumriesen eingesetzt. (Foto: Werner Schüepp) Zum Artikel

 

«Unser Baby ist wieder da.»

(Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

Diese Woche ist Bertrand Piccards Weltumflieger Solar Impulse 2 in Dübendorf gelandet – im Bauch eines 747-Superfrachters. Piccard und sein Co-Pilot wurden von einer Zuschauermenge bejubelt. Das Abenteuer Erdumrundung sei nun vorbei, «die Botschaft aber geht weiter», sagte Piccard – nämlich Lösungen gegen die Klimaveränderung zu finden. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Weil ich mich an der Olma in eine
Bratwurst verliebt habe.»

(Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

Daniel Rohr, Theaterleiter und Schauspieler, auf die Frage, weshalb er kein Veganer ist. (Foto: Doris Fanconi)

 

«Es war ein hartes Ringen.»

(Foto: Keystone/Walter Bieri) Zum Artikel

Ein neues Riesenprojekt für 1,8 Milliarden Franken in Zürich: Die SBB räumen entlang der Gleise in Zürich drei grosse Gebiete. Auf 140’000 Quadratmetern werden Wohnungen und Gewerbebauten erstellt. Die Verhandlungen mit den SBB waren gemäss SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch (auf dem Bild mit SBB-CEO Andreas Meyer) nicht immer einfach. (Foto: Keystone/Walter Bieri) Zum Artikel

 

«Meine Qualität ist,
Menschen zusammenzubringen.»

Rolf gerber, Chef des Amtes für Landschaft und Naturschutz beim Kanton Zürich, tritt auf Ende Jahr in den Ruhestand

Rolf Gerber, der erste Chef des Zürcher Amtes für Landschaft und Natur, hat Naturschützer und Bauern gegen sich aufgebracht. Dabei fühlt er sich beiden eigentlich verbunden. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Der Himmel über Zürich hat
plötzlich etwas Magisches.»

(Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

Advent, Advent: Hunderttausende kleine Lichter brennen wieder in Zürichs Gassen und Strassen. Was wäre die Stadt Zürich ohne seine Weihnachtsbeleuchtung namens Lucy an der Bahnhofstrasse. Die Kinder waren verzaubert, eine jüngeren Frau sieht den Himmel über Zürich plötzlich mit anderen Augen. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

Wir kleinen Rädchen

Miklós Gimes am Donnerstag, den 24. November 2016

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Das alte Rom hatte im ersten Jahrhundert nach Christus mehr als 1 Million Einwohner – zwischen 1,1 und 1,6 Millionen – die Forscher sind sich nicht einig. Aber jedenfalls eine enorme Menschenmenge, «eine moderne Metropole, ein Turm zu Babel», schreibt Emmanuel Carrère im grossartigen Buch «Das Reich Gottes», einer Geschichte des frühen Christentums.

Rom muss ein Magnet gewesen sein, überschwemmt von Einwanderern, immer neue Gürtel von Elendsvierteln wuchsen «in den Händen von Spekulanten, die sparten, wo sie nur konnten: mit papierdünnen Wänden und Treppenhäusern voller Fäkalien», schreibt Carrère. Die Häuser wurden immer höher und gefährlicher, Kaiser Augustus musste eine obere Grenze festsetzen, acht Stockwerke – eine Verordnung, die «nach allen Regeln der Kunst» umgangen worden sei.

Draussen auf dem Land hätte man für den Preis einer bescheidenen Römer Wohnung ein Anwesen mieten können, schreibt Carrère, doch niemandem wäre es in den Sinn gekommen, wegzuziehen, «denn in Rom passierten die wichtigen Sachen». Wer es in Rom schaffte, schaffte es überall.

Es schaudert einen, wenn man das liest. Arm und Reich, Aufsteiger und Verlierer, Gentrifizierung, Melting Pot, Misstrauen gegenüber den Fremden, alles schon da gewesen. Sogar seinen fremdenfeindlichen Satiriker hatte Rom: Juvenal, «die römische Version des geistreichen Reaktionärs» schreibt Carrère. Dieser Juvenal beklagte das Ende der Sitten unter dem Ansturm der Griechen und Juden. Ihn störte vor allem, dass die Religionen aus dem Orient bei den Jungen mehr Zulauf fanden als die einheimischen Götter.

Dass junge Menschen nach London ziehen, nach Mexiko-Stadt oder Shanghai, weil diese Städte die Labors des Neuen sind, dass die Jungen bescheiden leben, den Gürtel enger schnallen, um dort zu sein, wo es passiert: no news. Städte sind nichts anderes als ewige Maschinen, die irgendwann in grauer Vorzeit aufgezogen wurden, und wir Stadtbewohner sind kleine Rädchen im grossen Uhrwerk. Das gilt für Zürich wie für London.

Vor Wochen, als der Herbst noch mild war, spazierte ich in der Nacht durch Wiedikon. Das Viertel ist malerisch geworden, mit liebevollen Beizen an jeder Ecke, einheimischen Designern, man fühlt sich wie in Berlin oder Wien. Gut, das Quartier wirkt ein bisschen kuratiert, weil ja das Drehbuch an anderen Orten schon geschrieben wurde. Aber immerhin: Der Film spielt hier und jetzt, mit einheimischen Akteuren.

Um Mitternacht überquerte ich den Platz vor dem Bahnhof Wiedikon. Im Licht der Strassenlampe sah ich einen Mann flach auf dem Tramgleis liegen, regungslos, Bauch nach unten, blutige Nase, schiefe Brille, ein älterer Mann in abgewetzter Windjacke, er hatte die Arme neben dem Kopf ausgestreckt, als wollte er nach etwas greifen. Ich ging näher. Ein smarter Deutscher, Finanzbranche vermute ich, hatte den Verletzten schon angesprochen. Ein Junger blieb auch stehen, wir halfen dem Alten auf die Beine, riefen ein Taxi, warteten, bis er eingestiegen war, er wollte partout nicht ins Spital.

Dann ging jeder seines Weges, für einen Moment fiel Zürich aus dem kuratierten Bild. Eine Stadt eben.

«Halleluja»

Beni Frenkel am Donnerstag, den 24. November 2016
Blick in den neuen Pfuusbuss im Albisgueetli, aufgenommen am Montag, 14. November 2016 in Zuerich. Der Bus oeffnet am 15. November ein halbes Jahr seine Tueren und begruesst die Gaeste mit einem neuen Bus und einem Vorzelt. Statt bisher 12 Liegen stehen im Bus nun 15 Betten und im neuen Vorzelt zusaetzliche 25 Schlafplaetze den Gaesten zur verfuegung. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Blick in den Pfuusbus im Albisgüetli. Der Bus öffnete am 15. November für ein halbes Jahr seine Türen und begrüsst dieses Jahr die Gäste mit einem neuen Bus und einem Vorzelt. (Keystone/Ennio Leanza)

Auch Sozialwerke müssen mit der Zeit gehen. Viel Ahnung habe ich von dem Thema nicht. Aber ich denke, heutzutage gibt es auch sich vegan ernährende Obdachlose mit Lactoseintoleranz. Die Frage ist: Bekommen auch die eine anständige Suppe und wärmende Worte? Das zu klären, ist meine verdammte Pflicht als Journalist.

Um 18 Uhr stehe ich vor dem Pfuusbus, unterhalb der Schiessanlage Albisgüetli. Ich habe mich extra nicht schön angezogen. Michael, der natürlich anders heisst, sagt zu mir: «Du, wir müssen warten. Die machen erst um 19 Uhr auf.» Eine Stunde in der Kälte warten? Ich fahre runter zum Sihlcity-Coop um Prix-Garantie-Bier zu kaufen. Im Laden haben sie einen roten Teppich für die Kunden ausgelegt. Ein unbeschreibliches Gefühl, einmal – in meinem Fall das erste Mal – auf so einem VIP-Teppich zu schreiten. Vielleicht bin ich auch etwas euphorisch. However, ich kaufe gleich zwei Prix-Garantie-Bierdosen. Eine lauwarme Dose trinke ich an der Haltestelle aus, die andere giesse ich über meine Schuhe. Ich will authentisch wirken.

Mit dem 13er-Tram fahre ich wieder hoch. Vor dem Wagen mit aufgespannten Zelt stehen sechs andere Männer. Um 19 Uhr kommt der Leiter heraus. Ich sage: «Ich bin der Beni und zum ersten Mal hier.»  – «Hoi Beni, zum Schlafen oder zum Essen?» – «Nur zum Essen» – «Weisst du schon, wo du heute schlafen wirst?» – «Ja».

Noch kurz mich registrieren lassen und dann darf ich rein. Die Helfer legen Matratzen auf den Boden. Es ist schön warm hier drin. Mein Magen brummt. Ich habe Riesenhunger. Seit Mittag habe ich nichts gegessen.

Ich sehe eine Treppe zur Küche. Am Herd stehen zwei ältere Frauen und kochen eine Fleischsuppe. Mist, denke ich. Ich wollte doch eine vegane Suppe. Missmutig hänge ich meine Tasche an einen Haken. «Nei, das gaht gar nöd», zischt mich eine Köchin an. Ich saudoofer Veganer habe meine Tasche an ihren Haken gehängt. Die Köchin spricht zu mir wie zu einem Dreijährigen: «Das mini Haken, ja? Du dini Sachen runternehmen, ja?» Jetzt kommt auch noch der Leiter.

Ich entschuldige mich und nehme die Tasche runter. Im Schlafraum, der auch als Speisesaal dient, setze ich mich auf einen Stuhl. Hunger. Da sehe ich einen Gabentisch. Entweder abgelaufene Lebensmittel oder milde Gaben. Ich entdecke eine lange Nougatstange. Sicher 50 Zentimeter lang. Ohne Verpackung, ohne Ablaufdatum.

Die packe ich in meine Tasche und gehe raus. An der Haltestelle schiebe ich mir die 50 Zentimeter lange Stange in den Mund. Oh, Gott, schmeckt das gut. Gierig zerhacke ich das lange Stück mit meinen Zähnen. Brösmeli fallen auf den Boden. Die Leute gucken mir fasziniert zu. Ich murmle leise «Halleluja» und denke mit Dankbarkeit an Pfarrer Ernst Sieber.

Marx vs Samichlaus

Réda El Arbi am Montag, den 21. November 2016
Mit Bart und ziemlich rot: Samichlaus und Marx

Mit Bart und ziemlich rot: Samichlaus und Marx.

Als bekannter, linksgrün-versiffter Atheist sollte ich jetzt, da die Adventszeit vor der Tür steht, dauerempört sein. Mit moralischem Zeigefinger könnte ich über die unaussprechliche Kommerzialisierung eines eh schon unzeitgemässen, irrationalen, religiösen Festes lamentieren. «Oh weh», müsste ich jammern, «schon seit Oktober Weihnachtsdekoration im Blablabla!  Es geht nur ums Geld! Überall nur Gier und Kommerz!»

Stattdessen freue ich mich auf die Weihnachtszeit. Ihr wisst schon, Kerzen und Tee und Guetzli und so. Dabei waren Weihnachten in meiner Kindheit  eine eher deprimierende Angelegenheit, in der sich die Familie mehr oder weniger alkoholisiert die Zeit nahm,  übers Jahr angesammelte Sticheleien und Gehässigkeiten genüsslich über die Punch-Tassen in die geröteten Gesichter der Sippe zu blasen. Natürlich bis irgendwer schrie oder weinte und die Kinder einpackte, um daheim weiter zu feiern.

Seit ich erwachsen bin – also seit ungefähr vier Jahren – liebe ich die Weihnachtszeit. Ich hab meinen eigenen Baum, lade nur Menschen ein, die ich mag und hab dabei offenes Feuer im Kamin. Die Adventsfilme, der Tee und Zimt und der ganze Kitsch. Super. Es gibt nichts Gemütlicheres.

Und die ganze Religion? Als Atheist?

Nun, ich hab keine Probleme mit der Figur des Jesus. Soweit ich seine Geschichte verstehe, war er ein linksalternativer Hippie, der sich gegen Konventionen auflehnte und lieber mit Pennern und Gaunern rumhing, als sich mit der Schickeria und dem Establishment abzugeben. Er wusch einer Prostituierten die Füsse und verbrachte seine Zeit in einer Gruppe von Jungesellen,  (Obacht, Evangelikale!) die alle keine Freundin vorweisen konnten.  Sicher war er Sozialist, wie seine Aktion gegen die neoliberalen Geldwechsler im Tempel ahnen lässt.

Er predigte Vergebung statt Rache, war also eher Pro-Kuscheljustiz, und teilte seine paar Brötchen und Fische mit Leuten, die Hunger hatten. Seine Eltern waren Flüchtlinge mit Migrationshintergrund und man könnte ihn wohl einer Patchwork-Family zuordnen. Vaterschaft und so.

Dass er wie alle grossen Persönlichkeiten eine narzisstische Störung hatte und sich in seinem Messiaskomplex für Gottes Sohn hielt, ist verzeihlich. Wir haben alle unsere kleinen Schwächen. Nein, mit Jesus hab ich kein Problem.

Und all der Kommerz?

Ich bin nicht wirtschaftsfeindlich. Ich liebe es, einmal im Jahr all meine Bekannten zu unterstützen, die in ihrem kreativen Wahn irgendeine Boutique eröffnet haben. Ich poschte dort überteuerte Weihnachtsgeschenke, mit deren Ertrag sie wieder bis Mitte Januar ihr Hipsterleben leben können. Eine gestrickte Designermütze eines Ortsansässigen da, ein selbstgetöpfertes Irgendwas eines Kunsti-Absolventen hier, begleitet von fussgemalten Karten glücklicher, aus dem Regenwald geretteter Schimpansen. Dazu die Spendenquittungen von allen genehmen Hilfsorganisationen. Ja, die Weihnachtszeit macht einen Gutmenschen wie mich glücklich.

Ich bin jetzt sogar Teil des Systems. Während meine alten Genossen bei einem Bärtigen mit Hang zu Rot wohl eher an Marx denken, werde ich daran erinnert, dass ich dieses Jahr der Samichlaus in meiner Gemeinde bin. Nicht dass ich mit dieser patriarchalen, autoritären Figur etwas anfangen könnte. Dazu erinnere ich mich viel zu gut an die Ängste, die ich ausstehen musste, wenn der alte Knacker wieder fällig war. Ich bewaffnete mich mit meinem Sackmesser, um mich im aus dem Sack schneiden zu können, falls er mich mitnähme.

Aber man muss das System von innen her unterwandern. Und so werde ich zu den Kindern wohl viele Sachen sagen, über die die Eltern vielleicht etwas konsterniert sein werden.

Ausserdem kann ich so etwas Medienkompetenz vermitteln. Wenn mich die Kleinen fragen, woher ich soviel über sie wisse, kann ich einfach antworten: «Von der NSA, Whatsapp, Google und Facebook». Die werden sich dann in Zukunft hüten, irgendwelche vertraulichen Sachen online zu stellen.

Hach, Weihnachtszeit. Ich freu mich!

Drogen, Neid und Nachtgeflüster

Alex Flach am Montag, den 21. November 2016
Ein Leben zwischen Neid und Abstuirz: Benjamin von Stuckrad-Barre

Vier Jahre Zürcher Nachtleben in extremis: Benjamin von Stuckrad-Barre.

Benjamin von Stuckrad-Barre hat vorgestern Samstag im Zürcher Schauspielhaus aus seinem neuen Buch «Panikherz», in dem er auch seine vier, von Drogen, Ausschweifungen und Nightlife geprägten, Zürcher Jahre aufarbeitet vorgelesen. (Interview hier)

Jede Leseratte, die sich 1998 im Zürcher Nachtleben bewegte, hat Benjamin von Stuckrad-Barres Buch «Soloalbum» gelesen: Hier schreibt einer von uns, einer der weiss, was uns tatsächlich umtreibt. Soloalbum war damals der eine Roman der das Leben all jener auf den Punkt brachte, die sich damals die Nächte unter einer Discokugel um die Ohren geschlagen haben.

Als Stuckrad-Barre vier Jahr später nach Zürich zog, war er ein Star – und zwar einer mit einem ausgeprägten Faible für das Partyleben und all seine Begleiterscheinungen. Die Szene hat ihn umgehend vereinnahmt, ihre extrovertiertesten Anführer haben sich um ihn geschart und Stuckrad-Barres Exzesse wurden zum ersten Gesprächsthema an Bars und vor Clubs.

Wie oft kommt es denn vor, dass eine internationale Berühmtheit nach Zürich zieht und sich dann auch noch mit Schwung ins hiesige Nachtleben stürzt? Klar, Tina Turner ist in den 90er Jahren hierhergezogen, aber sie war damals schon weit über 50 und ihre Nightlife-Affinität hat sich auf gelegentliche Besuche des Kaufleutens und da vor allem des Restaurants beschränkt.

Stuckrad-Barre war bei seinem Umzug nach Zürich 2002 noch nicht einmal 30 Jahre alt und ein reinrassiger Partylöwe, der scheinbar keine Grenzen oder Tabus kennt: Schnell rankten sich die fantastischsten Anekdoten um ihn, die man sich entweder unter Gelächter oder mit abschätziger Missgunst erzählte, je nachdem ob man sich zu Stuckrad-Barres Entourage zählen durfte oder nicht.

Obschon sein Dunstkreis bereits nach kurzer Zeit beachtliche Dimensionen angenommen hatte, so war die Zahl jener die keinen Zugang zu ihm fanden dennoch stets viel grösser und die der Neid-geschwängerten Gehässigkeiten in den Geschichten über ihn damit ebenfalls. Man kannte ihn zwar nicht, mochte ihn aber noch weniger.

«Die Stadt und ihre Bewohner wissen sehr genau um ihre Vorteile gegenüber der Restwelt und sind ebenso gut informiert über ihre Schwächen. Eine interessante Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und gleichzeitiger Überheblichkeit».

Mit diesen Sätzen, die Stuckrad-Barre Cherix ins Notizbuch diktiert, bringt er auch die sich aus ihnen erschliessende und fürs Zürcher Nachtleben prägende Neid-Unkultur in dessen Kastensystem auf den Punkt: «Zählst du nicht zu den Meinen und stehst in der Hackordnung unter mir, dann ignoriere ich dich. Zählst du nicht zu den Meinen und stehst über mir, dann verfolge ich jeden deiner Schritte und versuche dir wenn immer möglich ein Bein zu stellen».

Man braucht nicht wie Stuckrad-Barre nach Deutschland zu ziehen, um dieses Dauer-Hickhack Zürcher Prägung aus der Ferne mit einem Lächeln goutieren zu können: Seine Funktionalitäten zu durchschauen und eine gesunde Portion Gelassenheit reichen vollkommen.

alex-flach2-150x150-1-1Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

 

Liebi Buebe,

Thomas Wyss am Samstag, den 19. November 2016

Schaad Märkli bellevue Stehsatz Autor: Thomas Wyss
Auch wenn das damalige Maya-Kalender-Drama im Rückblick bloss noch wie die gelungene PR-Aktion eines Tourismusbüros wirkt, wärs vielleicht wirklich besser gewesen, die Welt wäre am 21. Dezember 2012 untergegangen – so wären uns wenigstens die vergangenen 46 Wochen erspart geblieben. Oder um es in den Worten des Comedians John Oliver zu sagen (die ich genauso gesagt hätte, bei mir wären sie jedoch von der hausinternen Sittenpolizei zensuriert worden): «Fuck you, 2016!»

Nichtsdestotrotz warten am Horizont die besinnlichen Weihnachtstage; sie üben bereits fleissig den «Oh du fröhliche»-Kanon und stimmen sich, als sei nichts passiert, aufs «Friede, Freude, Fondue chinoise»-Tamtam ein. Und darum tun wir jetzt einfach auch so, als sei nichts passiert – und verteilen schon mal erste Geschenke beziehungsweise: erfüllen Kundenwünsche.

Am häufigsten eingegangen sind flehende Bitten von offenbar überforderten Zürcher Eltern, unsere Gebrauchsanleitung möge ihrem frühpubertären Nachwuchs doch ein paar pädagogisch wertvolle Ratschläge erteilen; im O-Ton klang das dann so: «Der Rotzlöffel tut so, als habe er die Weisheit mit Baggerschaufeln gefressen, und wenn ich mich mal beklage, nennt er mich ‹Opfer›. Unverschämt! Bitte stopfen Sie ihm sein vorlautes Mäulchen!» (Wies scheint, sind gewisse Erzieher tatsächlich davon überzeugt, dass ihre Facebook-Kids noch glauben, was in der Zeitung steht – doch das ist definitiv nicht unser Problem.)

Los gehts heute mit den Buben, nächste Woche sind dann die Mädchen dran. Und damit der Appell ein wenig Rhythmus und Schmackes hat, haben wir uns am ersten Teil einer zeitgeistigen Hip-Hop-Predigt orientiert, sie heisst «Thou Shalt Always Kill» und stammt vom famosen Duo Dan le Sac vs. Scroobius Pip.

«Liebi Buebe, ihr sollt nicht stehlen, wenn die Geschädigten eure eigenen Eltern sind. Ihr sollt weder Youtuber verehren noch zu ‹The Voice of Germany›- Juroren hochschauen. Ihr sollt nie über Ueli Beck, Hans Gmür, Heidi Abel, Wysel Gyr, Ruedi Walter oder Margrit Rainer lästern. Ihr sollt nicht denken, dass jemand, der ein Büsi krault, das nicht ihm gehört, ein Tierquäler ist – gewisse Menschen sind einfach nur nett.

Ihr sollt niemals die ‹Breitbart News› lesen. Ihr sollt nicht aufhören, Puma-Sneakers cool zu finden, bloss weil diese zufällig wieder mal trendy sind. Ihr sollt eure Schulbücher nicht aufgrund des Einbands beurteilen. Ihr sollt kein Coci kaufen. Ihr sollt nicht mit der Freundin eures besten Freundes in den Wald gehen, Kaugummi kauen und Händchen halten. Ihr sollt keine Emojis, Klingeltöne oder Siri-Sprüche benutzen, um einem Mädchen ans Höschen zu gelangen – braucht diese Dinge, um ihren Intellekt zu erobern.

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Gazza, nur ein Fussballer

Ihr sollt keine Fifa-Game-Stars vergöttern, egal, wie grossartig sie sind oder waren. Messi: nur ein Fussballer. Ronaldo: nur ein Fussballer. Neymar: nur ein Fussballer. Ibra: nur ein Fussballer. Pogba: nur ein Fussballer: Shaqiri: nur ein Fussballer. Gascoigne: nur ein Fussballer. Das nächste Jahrhunderttalent: nur ein Fussballer.»

Das wärs. Und für die Eltern: Nach 25-mal lesen müsste der Hirnwäschefaktor wirken. Falls das nicht eintrifft, muss man halt warten, bis die Pubertät um ist. Als Trost: Es dauert nicht ganz so lang wie Trumps Amtszeit.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 18. November 2016

«Jedes Training ist ein
Wettkampf mit mir selber.»

 

(Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

Gil Hernandez ist einer der besten B-Boys der Welt. Der mexikanische Breakdancer wohnt seit dreieinhalb Jahren in Zürich. Bald misst sich Dr. Hill in Japan mit den besten der Welt. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Vom Kellerlabor zur Backstube.»

(Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

Die Gebrüder Leibacher (auf dem Bild Claudio Leibacher) haben eine Appenzeller Tradition ins Zürcher Oberland geholt und im Keller ihres Elternhauses eine Manufaktur eingerichtet. Die Devise: Regional vor Bio. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

«Ein Künstler mit Welterfolg und Weltformat.»

(Foto: Dominique Meienberg)

Magier Peter Marvey hat viele Tricks auf Lager. Auf die Frage, wen für ihn die eindrücklichste Zürcher Figur, ob lebend oder tot ist, nennt er HR Giger. Seine Bilder, so Marvey, werden einzigartig bleiben. Zürich könne stolz darauf sein. Giger starb im Mai 2014. (Foto: Dominique Meienberg)

 

«Um diese Menschen machen
viele Leute einen grossen Bogen.»

(Foto: Nicola Pitaro) Zum Artikel

Hélène Vuille verteilt Lebensmittel, die sonst im Müll landen würden. Und sie hört den Randständigen zu. Mittlerweile ist daraus ein kleines Hilfswerk geworden. Mehrere Migros-Filialen und verschiedene Bäckereien geben ihr abends die übrig gebliebenen Tagesfrischprodukte ab. TA-Redaktorin Helene Arnet hat über die interessante Frau ein Buch geschrieben. (Foto: Nicola Pitaro)

 

«Ein Monument der Kleinwüchsigkeit.»

(Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

Der neue Brunnen auf dem Paradeplatz ist der erste von über 1200 Brunnen in der Stadt Zürich, der auf politischen Druck eigens für Menschen mit kurzen Armen aufgestellt wurde, schreibt TA-Redaktor Jürg Rohrer in seiner Analyse. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Jeder zehnte Mensch leidet an Depressionen.»

(Foto: Dominique Meinenberg) Zum Artikel

Die Zürcher Psychiaterin Fulvia Rota glaubt, dass die Digitalisierung Einfluss auf unsere Psyche hat. Das Smartphone halte viele Menschen von der Auseinandersetzung mit sich selbst ab. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«In Ausgehvierteln sollte die Blaue Zone
nachts abgeschafft werden.»

(Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Da ist Ärger programmiert: In der Stadt gibt es deutlich mehr Blaue-Zone-Parkkarten als Parkplätze. Vor allem in der Innenstadt gibts ein Gedränge um die Plätze. Was wäre die Lösung? Gemeinderätin Karin Rykart (Grüne) weiss eine. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Money Makes the World Go Round.»

(Foto: PD) Zum Artikel

Das Kultmusical Cabaret kommt 50 Jahre nach der Uraufführung am New Yorker Broadway ins Bernhard-Theater. In der Zürcher Version mit dabei ist Fabienne Louves, die einst die TV-Sendung Musikstar gewann. Das Musical läuft bis am 15. Januar. (Foto: PD)

 

«Für mich ist es eine Rückkehr nach Zürich.»

(Foto: Nicola Pitaro) Zum Artikel

Die Nachfolge von Jacky Donatz im Fifa-Restaurant ist geregelt – und wie: Marcus G. Lindner sorgt neu hinter dem Herd für gastronomische Spitzenleistungen. (Foto: Nicola Pitaro) Zum Artikel

 

«Er ist gar nicht so mächtig.»

(Foto: Keystone/Anthony Anex) Zum Artikel

Grosser Tag für eine Schulklasse aus dem Zürcher Aemtler-Schulhaus. Sie durften ins Bundeshaus nach Bern, wo sie der Bundespräsident Johann Schneider-Ammann (FDP) empfing. Das Fazit der Schülerin Armina war klar: Sie hat sich den Mann anders vorgestellt und noch etwas ist ihr beim Besuch aufgefallen: Er spricht so langsam.  (Foto: Keystone/Anthony Anex)

 

Geht doch aufeinander los, ihr Pussys

Beni Frenkel am Donnerstag, den 17. November 2016
Für Züritipp: Buch auf Sofa (Tamedia AG/Thomas Egli 18.11.2015)

(Foto: Tamedia AG/Thomas Egli)

Finster schaut mich der Kameramann an. Ich komme gerade aus der Behindertentoilette und habe nicht gerechnet, dass mich jemand sieht. Ich versuche zu lächeln: «Wo ist der Bücherclub?» Er antwortet mir nicht einmal, sondern zeigt nach unten. Da stehen schon hundert Menschen. Sie halten weisse SRF-Einladungskarten und warten auf den Lift, der sie hoch zum Papiersaal (Sihlcity) fährt. Ich bin der einzige, der keine Einladungskarte hat. Denn ich habe mich nur kurz am Telefon vorhin angemeldet. Ob ich wohl durchkomme? Ich habe keine Angst. In solchen Situationen mache ich einfach auf sympathisch kompliziert. Mich hat noch niemand aufgehalten. Heute bin ich so gut aufgelegt, dass ich sogar noch einen Getränkebon bekomme. Das soll mir jemand nachmachen.

Im Saal hat es nur noch hinten freie Sitzplätze. Schnell setzen sich Frauen hinten, vorne und neben mich hin. Sie alle haben ihren Getränkebon gegen ein Weinglas getauscht und kichern wie blöd.

Langsam füllt sich der Saal. Aber noch immer laufen Frauen mit Weingläsern herum und suchen nach freien Sitzen. Dabei zuzuschauen, bereitet mir Freude. Oder lyrisch ausgedrückt: Ich ergötze mich daran, wie die Menschen immer nervöser werden. Bin ich deswegen ein schlechter Mensch? Vielleicht.

Endlich kommen sie herein, die Literaturkritiker. Aber anstatt gleich Bücher zu zerfetzen, werden Dutzende Tonproben gemacht. Das dauert eine Ewigkeit. Immerhin habe ich Zeit, die beiden Literaturkritikerinnen genauer anzuschauen. Beide haben schöne Beine, volle Lippen und leicht transparente Blusen. Später – während der Sendung – kapiere ich: Diese Frauen sind ausserdem dreimal so gescheit wie ich.

Uff, die Tonproben sind hinter uns. Besprochen werden nun  vier Bücher. Jeder sagt etwas über das Buch und dann redet der andere. Es ist ein bisschen wie im Tram, anderen Menschen und ihren Problemchen auf der Arbeit zu lauschen. Ich mochte das Literarische Quartett von Marcel Reich-Ranicki. Da wurde noch gefightet – im Literaturclub hingegen bei jedem Buch nach dem Konsens gerungen. Mann, geht doch aufeinander los, ihr Pussys.

Interessant finde ich die vier Kameraleute. Das ist doch eine hohe Zahl von Kameraleuten für so eine statische Sendung. Wie viele Kameraleute wohl beschäftigt sind bei einem Porno? Wahrscheinlich noch mehr als vier, denn bei einem Porno läuft ja mehr  als im Literaturclub.

So denke ich über dies und jenes nach, da kommt doch tatsächlich ein Kameramann und filmt mich aus einer Distanz von zehn Zentimeter. Ganz ruhig bleiben. Denk an den albanischen Kollegen, der dir 50 Franken gibt, wenn du mit den Händen jetzt den Doppeladler machst. Wie geht der schon wieder? Mist, der Kameraguy hat sich von mir bereits abgewendet.

Ich gucke auf die Uhr. Nur noch zehn Minuten. Das vierte Buch wird gerade besprochen. Man ist gerade dabei, wieder einen Konsens zu finden. Das bedeutet, die Sendung ist bald vorbei. Ich will der erste bei der Garderobe sein. Und das schaffe ich auch. Obwohl ich dick bin.

Draussen ist kalte Luft. Ich renne auf den 72er-Bus und erwische ihn knapp.

Neues vom Strichplatz

Miklós Gimes am Mittwoch, den 16. November 2016

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Vor paar Tagen trank ich Kaffee im Odeon mit einer jungen Soziologin aus Budapest, die nach Zürich gereist ist, um auf dem Strassenstrich Sozialarbeit zu machen. Ein Grossteil der Prostituierten kommt immer noch aus Ungarn, meine Bekannte erzählte von Frauen, deren Mütter schon hier angeschafft hätten, «sie sind stolz auf ihre Familientradition», sagte sie. Aber die Konkurrenz habe zugenommen. Der Strichplatz in Altstetten sei noch in ungarischer Hand, doch an der Langstrasse, wo der Sex teurer sei, stünden heute vor allem Bulgarinnen und Rumäninnen.

«Gibt es Revierkämpfe?», fragte ich. Nein, sagte meine Bekannte, die Zuhälter hätten sich untereinander abgesprochen. Sie reisten meist gar nicht mit nach Zürich, das Geld werde von Frauen eingetrieben, die in den Westen geschickt würden, um die Prostituierten zu kontrollieren. «Man spricht vom Kaposystem», sagte meine Bekannte: Kapos nannte man Aufseher im Konzentrationslager, die unter den Häftlingen ausgewählt wurden.

Kämpfe gebe es eher unter den Frauen, erzählte sie, «Eifersucht oder Mobbing gegen die Schwachen, die geplagt werden, bis sie nach Hause gehen».

Meine Bekannte schreibt eine Doktorarbeit über ungarische Prostituierte im Ausland, sie war sechs Wochen in Zürich und hat neben ihrer Sozialarbeit Interviews gemacht und Tagebuch geführt. Sie hat auch in Amsterdam recherchiert und findet, die Prostitution sollte verboten werden; sie ist für die prohibitive Linie, wie sie Schweden und Frankreich verfolgen.

«Die Gesellschaft muss ihre Verantwortung wahrnehmen», sagte sie, «es gibt kein moralisch vertretbares Argument, warum sich Frauen prostituieren sollen.»

«Ausser sie wollen gutes Geld verdienen», sagte ich. «Auch dann gehen sie diesen Weg aus einer Notlage heraus», antwortete sie. «Es gibt immer ein Gefälle. Der Freier hat immer das dickere Portemonnaie.»

Wenigstens hätten die Prostituierten im liberalen Klima von Zürich die Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten, sagte ich, es gebe Frauen, die es ohne Freier schaffen. «Wenn man die Prostitution verbietet», sagte ich, «zwingt man die Frauen in die Illegalität, und sie brauchen erst recht einen Zuhälter, der sie beschützt.»

Die Frauen seien mit einem Bein immer in der Illegalität, antwortete sie. Sie würden ständig von der Polizei kontrolliert, ob ihre Papiere in Ordnung seien. «Zürich sabotiert seine eigene Grosszügigkeit», sagte sie.

«Es kommt ja auch vor, dass Frauen aussteigen», sagte ich, «meist mit der Hilfe von Frauenorganisationen.» – «Es ist nicht einfach», erwiderte meine Bekannte, «sie brauchen Schutz vor dem Zuhälter, neue Papiere, eine Arbeit, einen neuen Lebenssinn.»

«Was macht ihr eigentlich draussen auf dem Strichplatz?», fragte ich. «Wir sind einfach da. Besorgen einen Arzt, wenn die Frauen einen brauchen, oder einen Anwalt, wenn sie gebüsst werden.» – «Akzeptieren sie euch?» Ja, sagte meine Bekannte mit einem Lächeln.

Man merkte, dass sie überzeugt war, mit ihren Ansichten im Recht zu sein. Ich versuchte herauszufinden, warum sie so denkt. Vielleicht hat sie ein illusionsloses Bild von den Männern. Im Grunde habe ich keine Ahnung, was da draussen läuft. Zum Glück müssen wir nicht über ein Verbot abstimmen.

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