Tages-Anzeiger



Gute Veranstalter gesucht!

Alex Flach am Montag, den 1. Dezember 2014
Das Café Felix bietet nun neben Kitsch und Kaffee auch Nightlife.

Das Café Felix bietet nun neben Kitsch und Kaffee auch Nightlife.

Mit Nachtleben lässt es sich gut Geld verdienen. Nun ist also auch Felix Daetwyler vom pompösen Café Felix beim Bellevue, eigentlich ein Brunch- und Kuchenlokal, auf den Geschmack gekommen. Ein Club wird das Café Felix zwar nicht, aber künftig kann man sich dort abends Cocktails mixen lassen. Vielleicht hat sich Daetwyler von Stadtpräsidentin Corine Mauchs ergreifender Rede vom vergangenen Oktober zur Eröffnung der Ausstellung «Nacht Stadt» im Stadthaus inspirieren lassen, in der sie sich für ein lebendiges und vielseitiges Zürcher Nachtleben ausgesprochen hat: Die Rede konnte durchaus als Aufruf zu (noch) mehr Experimentierfreude verstanden werden.

Bereits zuvor wurden das vegetarische Restaurant Hiltl und die Amboss Rampe des gleichnamigen Bierbrauers mit einem Clubbing-Betrieb versehen und demnächst zieht die jüngste Generation der Hotellerie-Familie Manz (u.a. Hotel St. Gotthard an der Bahnhofstrasse) nach und schmeisst in ihrem Restaurant Dal Nastro an der Sihlporte erste Partys. Auch das Alice Choo, das an diesem Wochenende endlich eröffnen durfte, ist gemäss Mitbetreiber Dr. Wolf Wagschal ein Hybrid, der unterschiedliche Facetten der gehobenen Gastronomie abdeckt.

Es ist beeindruckend, wie viel Kreativität aktuell durch Zürichs Nächte wabert und es ist schön zu sehen, dass nun auch Macher aus anderen Gastronomie-Bereichen das Nachtleben mit nonkonformistischen Ideen bereichern. Umso erstaunlicher ist es, dass sich ein ganzer Nightlife-Berufsstand  – die Verantsalter – im Dilettantismus aufzulösen droht, obschon der Bedarf an guten Leuten aus diesem Bereich grösser ist denn je.

Es gibt in dieser Stadt wohl keinen Club, der sich nicht auf der Suche nach guten Veranstaltern befindet. Gleichzeitig lassen sich die professionell agierenden Partymacher an einer Hand abzählen. Ein guter Ausrichter von public Events versteht etwas von Community-Bildung und –Bindung, verfügt über den Mut, die Sensibilität und die Kreativität, Aussergewöhnliches zu bieten, das funktioniert und über die Selbstdisziplin ein Konzept konsequent umzusetzen.

Das Gros der aktuell aktiven Veranstalter versucht jedoch einfach mal ohne vorherige Evaluation etwas, und wenn es nicht gleich mit der Umsetzung klappt, schmelzen Interesse und Einsatzwille schneller als Eis an der Sommersonne. Aufgrund dieses frappanten Mangels an guten Veranstaltern prügeln sich die Clubs um die immer selben Partymacher und greifen in ihrer Verzweiflung gar auf solche zurück, die zuvor wegen überwältigender Unfähigkeit aus anderen Locations geflogen sind. Lokale, die aus unterschiedlichen Gründen nicht über das beste Renommee verfügen, gelangen gar nicht erst an fähige Veranstalter, weil diese sich die Clubs aussuchen können mit denen sie arbeiten.

Wer etwas drauf hat und eine berufliche Zukunft im Nachtleben anvisiert, sollte nicht die Berufe Clubbetreiber oder DJ anpeilen, denn in beiden Gattungen gibt es bereits mehr als genügend fähige Leute. Als Partyveranstalter hingegen kann man es aktuell mit Talent, harter Arbeit und Zuverlässigkeit sehr weit bringen.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Anker Tony und die nackte Hepburn

Réda El Arbi am Freitag, den 28. November 2014
Tony Zimmermann sprengte die Grenzen des damaligen Geselschaftsverständnisses.

Tony Zimmermann sprengte die Grenzen des damaligen Gesellschaftsverständnisses.

Unternehmer, Lebemann, Abenteurer – Tony Zimmermann, 1938 in Vitznau als Sohn des katholischen Sigristen geboren, erlebt in zwischen 1950 und den 90ern die Geschichten, die der normale Schweizer damals nur aus den Klatschspalten der Regenbogenpresse kannte.

Was ist das für ein Mann, der sein Hotel «Schiff» und sein Haus «Anker» taufte? Der in jungen Jahren beinahe von seinem Vater erschlagen wurde, der Nussbäume und Hasen züchtet und dem gleich zwei Kuckuckskinder untergejubelt wurden? Der den ständig verkaterten Richard Burton über den Vierwaldstättersee schipperte?

In einer Zeit, in der Transatlantik-Flüge Luxus waren, die Piloten kleine Götter und Hollywood so weit entfernt wie der Mond, lebt der Innerschweizer Bootsliebhaber den richtigen Jetset. Ob Wasserskifahren mit der (unfreiwillig) nackten Audrey Hepburn oder die Zwischenstationen in London und New York Mitte des 20. Jahrhunderts – Anker Tony war immer mittendrin.

Tonys Herz gehörte aber nicht den wechselnden romantischen und nicht so romantischen Liebesgeschichten oder dem Jetset. Tony Herz gehörte dem Vierwaldstättersee und seinen Booten. Als Reiseunternehmer und Kapitän zog es ihn immer wieder zurück in die Heimat.

Der Zürcher Autor und Comedian Helmi Sigg zeichnete in langen Gesprächen das Leben dieses aussergewöhnlichen Schweizers auf. Süffig geschrieben und ohne glorifizierenden Heldenschimmer erhält der Leser einen Einblick in eine persönliche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Gespannt, berührt und mit einem Lächeln erlebt man die Erfolge und Misserfolge, die Dramen und Triumph

e des Schweizer Kapitäns mit.

Lesung und Interview mit Helmi Sigg und Anker Tony  Samstag 29. November im Sihlcity: Hier klicken

Buch hier bestellen.

Anker Tony am 27.11 2014 bei Kurt Aeschbacher auf SRF:

Der «gute» Gast

Alex Flach am Montag, den 24. November 2014
Der beste Gast ist einer, der konsumiert.

Der beste Gast ist einer, der konsumiert.

Clubs werden nach ihrem Publikum bewertet. Steht ein Lokal im Ruf, gute Gäste zu haben, stimmt auch die Kasse. Wird ihm jedoch nachgesagt, ein Idiotenmagnet zu sein, grämt sich der Clubchef, weil er sich sicher sein darf, dieses negative Bild seines Betriebs kaum mehr übertünchen zu können; ist der Ruf erst ruiniert, sich der Gast von nun an ziert. Wer aber ist ein guter Gast? Was unterscheidet ihn von den Geächteten?

Jeder hält sich selbst für den optimalen Gast, ganz besonders die Szene-Ultras, die überall gratis reinkommen und sich dann vom Nachtchef Drinks spendieren lassen. Das ist natürlich Blödsinn: Clubbesitzer müssen Löhne, Mieten und Wartungskosten bezahlen, also ist der, der nichts bezahlt, der schlechteste Gast. Das Argument, dass Szenis weitere lässige Rädelsführer anziehen, ist ein dummes, weil auch diese mit Memberkarten und Gratisdrinks gefüttert werden müssen, will man sich ihre Loyalität sichern. In letzter Konsequenz hat man die Tanzfläche voller tätowierter Hipster und den Schreibtisch voller offener Rechnungen.

Sind also Investmentbanker und Rich Kids die idealen Gäste, die zwar die Wände mit traubenbasiertem Sprudel vollspritzen, die aber mit Hunderternoten um sich schmeissen, als wäre es Konfetti? Die Opinion Leaders dieser Zielgruppen protzen nicht nur damit, dass sie lieber in London oder New York clubben, sie tun es offenbar auch. Ihre Loyalität zu den lokalen Clubs hält sich also in Grenzen. Aufgrund dieser Absenz von den Luxus liebenden Meinungsführern fällt es den Clubmachern schwer, die Gruppe der monetären Füllhörner an sich zu binden. Der letzte Club dem dies, zumindest für eine gewisse Zeit, gelungen ist, war das St. Germain.

Vielleicht ist der Musiknerd der ideale Gast, der Auskenner, der sich seine Clubs nach deren Line-ups erwählt. Wir leben jedoch in einer Zeit, in der oftmals nicht einmal DJs Genregrenzen ziehen können, geschweige denn das Publikum – die Welt der elektronischen Musik ist eine diffuse, in der nur noch einige wenige Eingeweihte durchblicken. Aus diesem Nebel ragende DJs, die genügend Interessierte anziehen, verlangen mittlerweile astronomisch hohe Gagen, sodass es sich für die Clubs kaum noch lohnt, sie zu buchen. Für 4000 Franken bekommt man keine Plattenprofis mehr, die eine Tanzfläche zu füllen vermögen. Schweizer Clubs mit internationalem Renommee, die deshalb eigentlich teurere DJs zu Vorzugsgagen kriegen, lassen sich an einer Hand abzählen. Das üppige Club-Angebot in Zürich sorgt zudem dafür, dass es beinahe unmöglich geworden ist, sich eine eigene musikalische Nische zu schaffen, da sich in jeder Ecke bereits die Mitstreiter rangeln.

Clubchefs kommen nicht mehr umhin, Kompromisse einzugehen und ihren Türstehern eine grosszügige Einlasspolitik einzubläuen, ausser natürlich, in ihren Club passen nicht mehr als 200 Menschen und sie könnten es sich leisten, auf dem persönlichen Traumgast zu bestehen. Eigentlich eine gute Zeit, ein Idealbild aus den 90ern auferstehen zu lassen: Damals galt ein Club als gut, wenn sich an dessen Bar der Punk und der Banker angeregt über Gott und die Welt unterhalten haben.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Fasnacht für die Männlichkeit

Réda El Arbi am Samstag, den 22. November 2014
Jeder darf sich verkleiden, wie er will. Aber bei der Axt endet der Spass.

Jeder darf sich verkleiden, wie er will. Aber bei der Axt endet der Spass.

Inzwischen sieht man sie auch in Zürich öfters: Lumbersexuelle. Nein, das ist kein neuer Zugang zur LGTB-Regenbogengemeinde, keine Typen die Bäume lieben,  sondern junge Männer, die sich mit wildfusselndem Bart und ungebügelten Karohemden einen Holzfällerlook geben.

Es ist ein Zeugnis dafür, wie stark die wegfallenden Geschlechterrollen die Männer unserer Zeit verunsichern. Wieso sonst müsste man seine Männlichkeit wie eine Halloweenmaske tragen, sorgfältig inszeniert, als ob Mann eine Mittelklasse-Limousine mit einem mächtigen Frontschutzbügel und einem Camouflage-Anstrich zu einem Offroader aufmotzen möchte?

Da sitzen sie dann in den Cafés und Bars îm Kreis 4 und lassen nach einem harten, schweisstreibenden Tag als Grafikdesigner oder Medienfuzzi hinter einem Airbook ihre urchige Wildheit auf die Umgebung wirken. Sie setzen den Hugh-Jackman-Blick auf und versuchen, ihre Naturburschenschaft mit stoischer Attitüde zu unterstreichen.

Man(n) könnte das als weiteren debilen Modetrend abtun, der sich mit der nächsten Brise aus London oder Berlin wieder verzieht. Aber wenn man genauer hinschaut, kann man darin jedoch die Befindlichkeit der heutigen Männer ablesen. Als Metrosexuelle versuchten sie um die Jahrtausendwende ihre weibliche Seite auszuleben. Offenbar kam das aber bei den Frauen nur begrenzt gut an. Dann versuchten sie als Hipster ihre kreative, avantgardistische Ader herauszukehren. Aber nachdem jeder 16-Jährige inzwischen ein Hipsteroutfit aus dem H&M im Kleiderschrank hat, ist auch das nicht mehr sexy genug.

Den vor drei Wochen gehypten «Normcore»-Trend haben die meisten wegen fehlender Selbstironie ausgelassen. Was bleibt, ist, sich an einem romantischen, alten Rollenvorbild zu orientieren, einem reaktionären, echten Mannsbild. Man will wieder  urchig sein, ein Fels, an dem sich das schwache Geschlecht anlehnen kann. Natürlich will man nicht wirklich etwas mit dem Leben als Naturbursche zu tun haben, höchstens mal eine Wanderung auf die Rigi, damit man umgeben von Bäumen ein Lumberjack-Seflie schiessen kann. Man will nicht wirklich mit den Händen schweisstreibende Arbeiten machen und Werkzeug kennt man nur vom Zusammenbauen der Ikea-Möbel.

Viele Frauen finden nach ihrer Emanzipation heraus, dass sie nach wie vor auf das Animalische im Mann stehen, auf das Biest. Natürlich nicht auf echte, unzivilisierte Hinterwäldler, aber auf Männer, die sich den Anschein geben, sie hätten ihren Tag im Büro mit dem Erwürgen von Bären verbracht und müssten sich jetzt den salzigen Schweiss mit Bier von den Lippen spülen.

Es ist irgendwie ein Rollenspiel. Genau wie wenn Frauen versuchen ihren Partner in Dienstmädchen- oder Krankenschwesternkostümen - kurz: in billiger Reizwäsche - scharf zu machen. Das Hemd ist sozusagen der Netzstrumpf des Mannes, der Bart das Silikon, mit dem er den eigenen sexuellen Wert aufpimpt. Ein Aphrodisiaka fürs Selbstbild, das dann auch aufs weibliche Gegenüber wirken soll.

Naja, solange es funktioniert, sollen die Kinder sich doch verkleiden. Aber wenn einer dieser urchigen Mittelland-Ex-Hipster sein Samsung-Smartphone gegen eine Axt eintauscht, ist eine Grenze erreicht. Dann wirds gefährlich.

Inzwischen sind wir normalen Männer mit den Partnerinnen zufrieden, die weder an einem Vaterkomplex noch an einem Naturburschen-Fetisch leiden. Wir sind gespannt auf den nächsten Trend, der Männer, die keine eigene Identität haben, mit einem Image versieht.

 

«No More Hangover!»

Réda El Arbi am Mittwoch, den 19. November 2014
Exzess: Robin Rehmann beim Auftritt mit der Band «Krank».

Exzess: Robin Rehmann beim Auftritt mit der Band «Krank».

Robin Rehmann, 33, Moderator bei SRF Virus, Rampensau der Punkband «Krank» und DJ, hat das Schnapsglas weggestellt. Nach 10 Jahren exzessiven Nachtlebens hat er dem Alkohol abgeschworen und orientiert sich neu. Mit uns sprach er übers Partymachen, nüchtern Tanzen und warum er niemals zu einer «Szene» gehörte.

Robin, was war oder ist geil am Nachtleben?

Nachts gelten andere Regeln. Leute, die tagsüber vielleicht eher unscheinbar sind, können in der Nacht zauberhaft auftreten. In der Dunkelheit fühlt man sich geschützt, ist bereit, über Grenzen zu gehen, gesellschaftliche Konventionen zu ignorieren und andere Seiten der eigenen Persönlichkeit zu zeigen. Es wirkt wie ein Ventil. Die Nacht bringt immer das Gefühl von Abenteuer mit sich. Ich habe viele spannende Leute kennengelernt, viele gute Freundschaften geschlossen, die mich jetzt durch mein Leben begleiten. Und natürlich das Flirten. In dieser aufgekratzten Atmosphäre hab ich Frauen kennengelernt, die sich, wie ich, auf ein paar Stunden Spass einlassen wollten, ohne gleich über eine Familienlimousine und die Farbe des Kinderzimmers nachzudenken.

Das hört sich aber nicht nach dem coolen Zürcher Nachtleben an, wo man eher Angst hat, aufzufallen und wo man dazugehören muss, um Freunde zu finden.

Party ging auch zuhause weiter.

Party ging auch zuhause weiter.

Das Zürcher Nachtleben ist grossartig. Es steht eine unglaubliche Club-Infrastruktur zur Verfügung. Nur, Partymachen ist nicht konsumieren. Ich hab mein Partyleben als 23-Jähriger in Baden gestartet. Da war allen klar: Wenn man eine geile Party erleben will, muss man sie selbst machen. Diese Einsicht hab ich nach Zürich mitgenommen. Wenn wir rausgingen, haben wir die Party mitgebracht und sind nicht einfach in die Clubs an die Bar gehängt und haben gewartet bis sie zu uns kommt. Wir hatten immer ein Programm, wir suchten immer, das letzte Wochenende zu toppen. Was dann auch zu Exzessen führte. Die Bierdusche (man bespuckt sich gegenseitig mit Bier) war einer dieser Auswüchse. Es hat Spass gemacht. Naja, uns hat es Spass gemacht. Wir mussten auch nie zu irgendeiner Szene gehören, Wir waren als Clique unterwegs und wurden auch überall gerne gesehen, weil wir die Action gleich mitbrachten.

Jetzt schraubst du etwas zurück. Warum?

Der Wink mit dem Zaunpfahl kam von meinem Körper. Ich hab eine Autoimmunkrankheit entwickelt, die mich kürzer treten liess. Dazu kam ein schwer verheilender Leistenbruch. Plötzlich hatte ich mehr Zeit, um über mein Leben nachzudenken und mir wurde bewusst, dass ich langsam aus diesem Verhalten herauswachse. Ich betrachtete mein Leben und rechnete nach, wie viel Zeit ich mit Kater und Regeneration verbrachte.  Als ich 23 war, bewunderte ich die coolen 30-Jährigen in den Clubs. Jetzt, mit über 30, schaue ich mir die 40-Jährigen an und hoffe, dass ich niemals so enden werde.

Es ist wie mit dem Lieblingsspielzeug, das ich unheimlich geliebt, mit dem ich Tausende von Stunden gespielt hab, bis ich eines Tages entdeckte, dass die Welt noch viel mehr zu bieten hatte. Mädchen zum Beispiel.

Und jetzt trinkst du nicht mehr?

Nein, ich lebe seit ein paar Monaten nüchtern. Das ist wichtig für meine Gesundheit. Aber noch wichtiger ist es für meine Entwicklung. Zwischen Exzess und Hangover blieb kaum Zeit zur Reflektion, da man ja irgendwann ja auch noch arbeiten muss. Seit ich nichts mehr trinke, hat sich meine Lebensqualität extrem verbessert. Zuerst hatte ich Angst, dass mein kreativer Output unter meiner Abstinenz leiden könnte, aber das Gegenteil hat sich herausgestellt: Ich arbeite intensiver, konzentrierter. Meine Bandkumpel von «Krank» können ohne Probleme mit einem nüchternen Robin leben.

Ausserdem ist es irgendwann einfach eine Frage von Aufwand und Ertrag. Es gab bei jedem Absturz diese unschlagbar grossartigen eineinhalb Stunden, an denen das Universum mir gehörte, in denen die Magie passierte. Aber der Weg an diese Spitze und vor allem der steile Abstieg nach diesem Höhepunkt kostete mich immer mehr. Es gibt viele krasse und vielleicht auch peinliche Augenblicke, an die ich mich erinnern kann. Und wahrscheinlich gibts nochmals doppelt so viele, an die ich mich nicht erinnern kann. Das hat mich einfach zu viel Energie gekostet. Zudem ist es schwierig, Wochenende für Wochenende die Action nochmals zu überbieten.

Und was machst du jetzt? Keine Parties mehr? Volvo, Hund und Häuschen auf dem Land?

Nein, wie gesagt, mit «Krank» bin ich weiter unterwegs. Ich übe mich jetzt darin, nüchtern auf der Bühne die gleiche Energie zu vermitteln. Da mich der Alkohol nicht mehr trägt, muss ich dafür ins Fitnessstudio. Auf Ende Jahr gebe ich jedoch meinen Nacht-DJ-Job auf. Dafür hab ich neue Projekte. Ich werde zum Beispiel als «Kaufhaus-DJ» auflegen. Tagsüber, in einem Kaufhaus Musik für die Kunden, die sich Tracks wünschen können, auflegen. Dann hab ich ja seit ein paar Wochen meine Talkshow «Rehmann» bei Virus. Auch da gehen wir über Grenzen, brechen Tabus und schauen uns die speziellen Aspekte des Lebens an, einfach im Gespräch mit aussergewöhnlichen und gewöhnlichen Menschen mit aussergewöhnlichen Seiten.

Und ich gehe natürlich auch weiter ab und zu an Parties. Letztens war ich an einer Halloween-Party und hab das erste Mal nüchtern getanzt. Einfach war es nicht. Aber nach einiger Zeit vergisst man sich und es geht. Ich komme sogar wieder an dieses Gefühl des magischen Nachtlebens, aber es hält nicht mehr so lange vor und es braucht mehr Mut. Ich werde weiter trainieren, Parties auch nüchtern geniessen zu können, schliesslich leben viele meiner Freunde in der Nacht. Und ich werde wohl noch üben müssen, nüchtern zu flirten. Aber insgesamt werde ich es ruhiger nehmen, mehr auf mich achten und andere, neue Inhalte in mein Leben lassen.

Robins Talkshow «Rehmann» auf Virus.

«Krank» auf Facebook. 

Belangloses Eierschaukeln

Alex Flach am Montag, den 17. November 2014
Alle Jahre wieder dasselbe: Swiss Nightlife Awards. (Bild: usgang.ch)

Alle Jahre wieder dasselbe: Swiss Nightlife Awards. (Bild: usgang.ch)

Der nächste Swiss Nightlife Award findet am 7. Februar 2015 im Komplex 457 statt. Die veranstaltende Amiado Group, zu der unter anderem die Ausgehplattformen usgang.ch und partyguide.ch gehören, geht auf Nummer sicher und hat gegenüber der letztjährigen Ausgabe nur wenig geändert.

Die Moderation übernehmen abermals Max Loong und Zoë Torinesi, auch die fünfte Verleihung findet in Zürich statt, der «presenting partner» Carlsberg sorgt wie stets dafür, dass die Page im Konzern-gerechten Grün erstrahlt und auch an den Kategorien wurde nicht gross herumgeschraubt. Natürlich: Kontinuität ist ein Merkmal der meisten Award-Verleihungen, auch die Konzepte der Oscarverleihung und der Grammy Awards werden nicht jährlich neu erfunden.

Jedoch ist bei diesen Veranstaltungen zumeist klar, wofür die Film- und Musikschaffenden nominiert werden, denn man hat ihre Filme gesehen oder ihre Songs gehört. Die Kategorien des Swiss Nighlife Awards und auch die Listen der nominierten Partylabels, Clubs, Bars und DJs wirken hingegen beliebig: Warum soll ich beispielsweise in der Sparte «Best House DJ» für Sir Colin oder Mr. Mike stimmen? Haben die beiden im vergangenen Jahr irgendwelche überragenden Hits abgeliefert? Haben sie ein extraordinäres Set gespielt? Falls nein: Warum wurden sie nominiert?

Es müsste entweder erklärt werden, für welche Jahresverdienste sie aufgestellt wurden oder die Macher des Swiss Nightlife Awards sollten die Auswahl an Nominierten eingrenzen und nur Leute aufstellen, denen man tatsächlich ausserordentliche Leistungen im abgelaufenen Jahr zuordnen kann. Wozu zwanzig DJs in einer Kategorie nominieren, wenn man die Auswahl auf fünf Plattenleger beschränken kann, die im vergangenen Jahr tatsächlich etwas Bemerkenswertes abgeliefert haben?

Was von den Verantwortlichen des Swiss Nightlife Award hingegen sträflich vernachlässigt wird, ist das Umfeld, das eine blühende Clublandschaft erst möglich macht: Weder dem Verein Pro-Nachtleben Bern, noch der Zürcher Bar und Clubkommission (BCK) und auch nicht dem Zürcher Polizeichef Richard Wolff, der Juso Thun oder allen anderen, die in diesem Jahr Anstrengungen unternommen haben, die Rahmenbedingungen für das Nachtleben zu verbessern, werden offenbar Würdigungs-Kategorien eingeräumt. Es wäre eine schöne Geste gewesen, eine, die eventuell dafür gesorgt hätte, dass sich diese Personen und Institutionen weiterhin mit Nachdruck für die Sache einsetzen.

Dafür darf sich Sacha Winkler alias Kalabrese Hoffnungen auf den Titel als «Best Electronica DJ» machen, obschon er primär Musiker ist. Das liegt vielleicht daran, dass auch die, immer wichtiger werdende, live eingespielte Clubmusik ebenfalls nicht stattfindet. Kurzum: Die Verantwortlichen des Swiss Nightlife Awards verlegen sich auf Kategorien von der Stange, nominieren einfach nur bekannte Namen, scheuen Skandale und Provokation, verzichten auf Innovation und Kreativität und tun eigentlich alles dafür, dass der Swiss Nightlife Award nicht so recht aus der Belanglosigkeit kommt. Er ist nach wie vor nicht viel mehr als ein gefälliges Eierschaukeln für Clubschaffende, die schon immer gewusst haben, dass sie besser sind als alle anderen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

«Who is Who?»

Stadtblog-Redaktion am Freitag, den 14. November 2014
Wir schafften es, im Gedränge die Decke zu fotografieren.

Wir schafften es, im Gedränge die Decke zu fotografieren.

Von Reda El Arbi und David Sarasin.

Wer ist wer? Man weiss es nicht, weil so verdammt viele Leute an die «Who is Who»-Party im Taos in der Altstadt eingeladen wurden. Dichtestress also auch unter den angeblich wichtigsten 200 Zürchern. Und weil wir hier noch nicht einmal Handyempfang haben, können wir das am Nachmittag per Mail erhaltene Papier mit allen Gesalbten drauf auch nicht herunterladen um nachzusehen.

Blofeld-Chef Michel Pernet, Chefredaktor des «Who is Who», nimmt uns in Empfang und – ganz Netzwerker – stellt uns gleich zehn Personen vor, die uns eigentlich gar nicht kennenlernen wollen. Peinlich berührt schütteln wir Hände und vergessen gegenseitig gleich wieder die Namen. In der Menge kann man sowieso kaum ein Gespräch führen.

Was also tun? Erstmal in die Raucher-Lounge, wo sich El Arbi sowieso am wohlsten fühlt. Seine Begleitung an diesem Abend, Ingrid Villafane, soll diesen Anlass quasi nach wissenschaftlichen Massstäben untersuchen. Denn sie kennt sich aus, wenn es um Promis geht. Sie hat bereits in LA solche Events mitorganisiert und ist da zuhause, wo der Glamour lebt.

An einem Tisch treffen wir die Bloggerin Yonni Meyer (Pony M.) und den Zukkihund. Die beschweren sich gerade darüber, dass man im Veranstaltungsraum keinen einzigen Schritt vorwärts machen kann. Die TA-Kolumnistin und Filmemacherin Güzin Kar – auf Seite 70 im Who is Who – erklärt  später, dass Leute mit Fluchtgedanken generell hässlicher aussehen. Das leuchtet ein.

Wir wollen das nicht. Deshalb atmen wir in der Raucherlounge auf, wo die Musik so laut ist, dass man kein einziges Wiehern und kein Bellen mehr versteht. Auch unser Blogger-Kollege Alex Flach hat sich schon über den Platzmangel beschwert. Vielleicht hellt ein Blick ins neue Heft, das wir soeben ausgehändigt bekommen haben, unsere Stimmung auf.

Das tut es. Da steht zum Beispiel folgender Satz zum Topmodel Anja Leuenberger:

«Sie lebt den Modeltraum.Und schlief bis vor Kurzem noch mit vier Models in einer Model-WG im 20. Stock eines Hochhauses. Doch nun ist das erfolgreichste Schweizer Model mit ihrem Modelfreund Edison Kelmendi zusammengezogen.»

Wir verneigen uns geistig ehrfürchtig vor soviel Poesie und sind uns sicher, dass dies ein Model-Hochhaus in einem Model-Viertel in einem Model-Land gewesen ist, in dem Models in Model-Eisenbahnen zu ihren Modeljobs pendeln. Dies alles auf der ersten, nota bene zufällig ausgewählten Seite dieser neuen Ausgabe der Zürcher Model-, äh, Promo-, äh, Promi-Bibel. Das ist jetzt alles noch gar nicht repräsentativ.

Pony M. und Zukkihund sind mittlerweile zu Verbündeten geworden. Man beschwert sich ganz zürcherisch gemeinsam über diesen Anlass, dabei haben wir die Promi-Event-Expertin noch gar nicht konsultiert. El Arbi begibt sich mutig wieder in die Menge, schliesslich hat er die teure Kamera mitgenommen und will Paparazzi-mässig ein paar Bilder von den wichtigen Leuten schiessen.

Aber so einfach ist das nicht. Eingekeilt in der Menschenmenge ist er versucht, laut «Presse! Platz da!» zu schreien. Nur, wenn man sich umschaut, stellt man fest, dass dies wenig Sinn hätte. Die meisten «Promis» sind nämlich selbst Presseleute, die einfach heute Abend im feinen Zwirn und Abendkleid den Status gewechselt haben.  Man hat Körperkontakt wie in einem Darkroom, nur mit dem Unterschied, dass man mit den Leuten, an deren verschwitzte Körper man gepresst wird, höflichen Smalltalk austauscht. Bilder gibts von Hinterköpfen, Grossaufnahmen von Nasenlöchern, und wenn man es schafft, den Arm mit der Kamera aus dem Gedränge zu ziehen, kann man die Decke fotografieren.

Ingrid freut sich über die betrunkenen Zürcher.

Ingrid freut sich über die betrunkenen Zürcher.

Ingrid Villafane, unsere Fachfrau für Glamour, bemerkt, dass es im Damenklo für einmal mehr Platz hat als im Club. Was dazu führe, dass die Damen da entspannt und friedlich rumhängen, wo sonst eitle Eifersucht und Zickerei herrschen.  «Die Damen sind zum Teil so unscheinbar gekleidet, dass es skandalös ist.» Auch der soziale Aspekt ist typisch zürcherisch, Ingrid wurde nur ein einziges Mal angesprochen. Von einem Berner. Sogar wenn die 200 Zürcher unter sich sind, gibts dieses Szenegetue: man spricht nur mit Leuten, die dazugehören. Nur weiss eben niemand genau, wer dazu gehört. Darum spricht man nicht mit Fremden. Die könnten ja unwichtig sein.

Zurück in der Raucherlounge sinniert Sarasin, der andächtig das letzte Molekül Geschmack aus seinem  Drink saugt (schliesslich hat er  mehr als genug dafür bezahlt), darüber nach, selbst mal in die Promibibel zu kommen. El Arbi empfiehlt ihm, sich als «Bachelor» zu bewerben, das sei der direkteste Weg ins Nirvana der Wichtigen. Schliesslich macht Blofeld gleichzeitig zum «Who is Who» auch die Promo-Arbeit für den Sender 3+. Und wie jedes Jahr erwähnt El Arbi, mit aufgesetzter Bescheidenheit, dass er auch mal drin war, in diesem Katalog der Bedeutenden, und das ihm das damals aber sowas von überhaupt nicht beeindruckt hätte.

Inzwischen hat sich die Menge etwas gelichtet, was vielleicht damit zu tun hat, dass es nur bis 20 Uhr Gratisdrinks gab. Die Leute, die noch hier sind, scheinen es offenbar geschafft zu haben, genug von diesen Drinks zu ergattern. Jetzt gefällt es unserer Glamourfachfrau Ingrid auch besser: «Man muss die Zürcher nur abfüllen, dann kommt auch Stimmung auf», freut sie sich und rauscht ab auf die Tanzfläche.

Für uns Stadtblogger geht die Party zu Ende. Wir treten in die Nacht hinaus und stellen fest, dass es 22 Uhr ist. Wir schwören uns ein weiteres Mal, niemals mehr über diesen Anlass zu schreiben. Bis zum nächsten Jahr.

Wer sich die Bilder der Kollegin von Tilllate.com ansehen will, kann das hier tun

Quo vadis, Nightlife?

Alex Flach am Montag, den 10. November 2014
Zukünftg nur noch Nightlfe für Leute mit viel Kohle? Der neue Club Alice Choo. (Bild: tilllate.com)

Zukünftg nur noch Nightlfe für Leute mit viel Kohle? Der neue Club Alice Choo. (Bild: tilllate.com)

Zürichs neuster Nightlife-Betrieb heisst Alice Choo. Ganz neu ist das Lokal, das vergangene Woche Eröffnung feierte, jedoch nicht, denn an seiner Adresse hat sich vorher jahrelang Philippe Hausseners Indochine befunden. Auch das Team der neuen Gaststätte setzt sich aus bekannten Nachtleben-Exponenten zusammen: Für die Bookings sind aktuell die DJs Valentino (Friedas Büxe) sowie der Schweizer Turntable-Pionier Gogo zuständig und beim Aufbau der Community hilft der Edel-Gastronom Dr. Wolf Wagschal (Five AG).

Hinter dem Alice Choo stehen potente Unternehmer wie Francesco Nucera (u.a. ImmoSky), die sich ihren neuen Betriebe etwas kosten haben lassen: Viele der Einrichtungsgegenstände sind Spezialanfertigungen, alles ist nur vom Feinsten. Der Hybrid aus Club, Restaurant und Bar wendet sich denn auch an ein entsprechend exklusives Publikum: Memberkarten kosten mehrere tausend Franken jährlich, ein Limousinenservice steht im Angebot und Club-Member werden den ganzen Abend über von einem Butler umsorgt.

Mit dem Booking von Sven Väth für die Party vom 15. November stellen die Betreiber des Clubs klar, dass sie es nicht wie andere Nobelclubs beim Zusammenbuchen leidlich versierter Local-DJs belassen werden, sondern versuchen, ihrem Publikum auch musikalisch etwas zu bieten. Damit wagt das Alice Choo den Spagat, der dem Club Bellevue von Louis Bisang, Marco Ammann und Marco Giuliani bereits gelungen ist: Elektronische Musik von bekannten DJs und Produzenten, kombiniert mit einem edlen Ambiente und gedacht für Gäste, die sich in Underground-Clubs mit alt-industriellem Flair nicht wohl fühlen, die aber dennoch nicht auf Qualitäts-Electronica verzichten mögen.

Damit ist das Alice Choo ein Hinweis darauf, wohin der Weg des Zürcher Nachtlebens künftig führen könnte: Für Zürcher Clubbetreiber werden geeignete und günstig zu mietende Räumlichkeiten in alten Gewerbegebäuden immer rarer. Die Bevölkerungsdichte wächst und Immobilien ohne Anwohner in Hörweite sind selten und teuer geworden. Ein Club zu eröffnen ist mittlerweile ein Wagnis, ausser man verfügt über umfangreiche finanziellen Mittel und kann sich die hohen Miet-, Einrichtungs- und Schalldämmungskosten locker leisten, ohne von Beginn weg ums finanzielle Überleben kämpfen zu müssen – wer einen Club eröffnet braucht wegen der starken Konkurrenz einen langen Atem.

Solch gut gepolsterte Clubinhaber werden jedoch kaum Locations für Studenten mit leeren Brieftaschen lancieren, sondern solche, die ihrem eigenen Lebensstil entsprechen: Sie stehen vielleicht auf den Sound der in den elektronischen Undergroundclubs gespielt wird, umgeben sich aber auch im Ausgang gerne mit Luxus. Das Leben in Zürich ist ein teures, das gilt längst auch für das Nachtleben. Clubs für weniger Begüterte dürften in Zukunft aber noch seltener werden: Die Kombination aus luxuriösem Ambiente und dem Sound, der bis anhin Clubs vorbehalten war, in denen der Besitzer am Abend vor Eröffnung noch höchstpersönlich die letzten Glühbirnen eingeschraubt hat, dürfte  das Zürcher Nightlife immer stärker prägen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Meditieren und Gratisdrogen

Réda El Arbi am Donnerstag, den 6. November 2014
Die Idee, mit Drogen das Selbst zu finden, ist nicht besonders neu.

Die Idee, mit Drogen das Selbst zu finden, ist nicht besonders neu: Psychiater Franz X. Vollenweider (Bild: michaelkutsche.deviantart.com)

Die Zürcher Partygemeinde ist wohl schnurstracks aus den Clubs vor die Tore der Uni gepilgert, als diese Woche bekannt wurde, dass die Forschungsgruppe um den Psychiater Franz X. Vollenweider Testpersonen für Versuche mit Psilocybin, kurz Magic Mushrooms, sucht. Der Psychiater sucht Leute, die zehn Tage lang meditieren und dann Psilo-Pilze einwerfen und sich untersuchen lassen. Nicht alle sind begeistert von dieser Art Forschung. So äusserte sich SVP-Politiker Toni Bortoluzzi vehement gegen das Experiment, weil er findet, «mystische Erfahrungen soll man in der Kirche machen», treu dem Motto «Religion ist Opium fürs Volk».

Ich mache mir mehr Gedanken zur Aussagekraft der Tests. Nur schon die Probanden: Leute, die keine Drogen nehmen, werden wohl kaum unter Aufsicht von fünf Ärzten und Pflegepersonal plötzlich ihre Vorliebe für Psychopilze entdecken. Und Leute, die Drogen ohne Probleme einwerfen, könnten das Ergebnis verfälschen: «Boah, die Pilze am Wochenende im Club haben nicht so reingehauen wie die wissenschaftlichen hier. Ich brauch erst mal einen Joint zur Beruhigung und einen Sack Koks, um meine Gedanken zu ordnen.»

Die Kombination von Meditation und Psilocybin eröffnet aber noch eine ganz andere Zielgruppe als die üblichen Zürcher Drugheads: Die Esoteriker. Natürlich werden sich begeistert Leute melden, die gerne Auras lesen, mit Waldelfen tanzen, Mike Shiva über Mittag anrufen, um ihre Beziehung in Ordnung zu bringen und Kupferringe unter dem Bett verstecken, um die kosmische Strahlung abzuwehren. Nun fragt sich, ob man diese Leute auch noch unter Drogen setzen sollte ...

Was immer die Forscher mit dem Versuch nachweisen oder verstehen wollen, sie werden es schwer haben. «Wir versuchen die Prozesse zu verstehen, die im Gehirn das Selbst bilden» sagt  Vollenweider. Dazu werden die Prozesse im Gehirn mit bildgebenden Techniken untersucht. Mich nimmts ja wunder, wie er einen Probanden auf Pilzchen in eine MRI- oder CT-Röhre bringen will. Ich nehm an, die Instagram-App, mit der man normalerweise seine Trips dokumentiert, gilt nicht als «bildgebendes Verfahren».

Das «Selbst» mittels psychoaktiver Substanzen zu finden ist schon einigen Hunderttausend Hippies nicht gelungen. Aber vielleicht hilft da ja diese «bildgebende» Untersuchungsmethode. Sicher wäre ein Selfie vom eigentlichen «Selbst» ein Renner auf Facebook. Um die Wissenschaftlichkeit des Tests zu unterstreichen, kriegt die eine Hälfte der Probanden die Psilocybin-Präparate und die andere Hälfte ein Placebo (Eierschwämmli? Steinpilzpulver? Champignon-Pastetli?). Nun, DAS hat mich dann wirklich überzeugt. Es ist in etwa so subtil, wie wenn man jemandem mit einem Vorschlaghammer, oder, als Placebo, mit einem Kissen auf die Finger haut.

Vollenweider hofft, mit seinen Forschungsergebnissen sogar Möglichkeiten zu finden, auf der Basis von Psylocibin Medikamente gegen psychische Erkrankungen zu finden. DAS würde ich meinen Geldgebern aus der Pharmaindustrie auch verzapfen. Aber wenn man mich fragt (was keiner tut), würde ich annehmen, dass psychedelische Substanzen bisher mehr Leute IN die Psychiatrie gebracht haben, als aus ihr heraus.

Im Ernst: Ich hab in beiden Bereichen meine Erfahrungen gemacht.  Ich hab sowohl längere Meditaionskurse (10 Tage sitzen, 10 Tage schweigen, Vipassana-Meditation) absolviert, wie auch jede Menge psychedelischer Drogen (Tonnen von Pilzen, auch Fliegenpilz, Meskalin, LSD, Stechapfel, Bilsenkraut, Tollkirsche etc) eingeworfen. Ich bin meinem Ich dabei weder näher gekommen, noch hab ich es aufgelöst. Wobei ich sagen muss, dass die Meditation mir wenigsten geholfen hat, weniger ICH-bezogen zu sein. Ein bisschen weniger jedenfalls. Aber vielleicht sind Ich, mein Ego und mein Selbst ja nicht so exemplarisch wie die zehn zukünftigen Probanden. Eine beeindruckende Sample-Menge übrigens.

Ich bin jedenfalls gespannt auf die Ergebnisse.

Strunzdummes Clubvideo

Alex Flach am Montag, den 3. November 2014
Jedes Vorurteil über Albaner bedient: Screenshot aus dem Promo-Clip.

Jedes Vorurteil über Leute vom Balkan bedient: Screenshot aus dem Promo-Clip.

Die Zeiten als Veranstalter und Clubmacher ganze Wälder abholzen liessen, um genügend Papier für Flyer schöpfen zu können sind vorbei. Das Internet hat dafür gesorgt, dass sich die Bäume im Sihltal nicht mehr vor Zürcher Nachtleben-Schaffenden zu fürchten brauchen: Facebook, Twitter, Google+, Instagram und seit einiger Zeit auch Youtube, heissen nun die Marketingtools der Partymacher – und viele haben es in deren Nutzung zur Meisterschaft gebracht.

Davon sind die neuen Veranstalter im Club Enge (ehemals Station) weit entfernt: Wie in dieser Kolumne vor einiger Zeit vermutet, wird sich das Lokal künftig (auch) an ein Publikum vom Balkan wenden. Nachdem aus der Location erst die Notstation und dann der Club Enge wurde, kehrt sie nun für einen Abend zu ihrem angestammten Namen Station zurück, und zwar im Rahmen einer Party am kommenden Samstag.

Aus diesem Anlass haben die besagten Veranstalter einen Youtube-Clip produziert, der ihnen und ihrem Publikum wohl einen Bärendienst erweist. Die Story: Ein durchtrainierter Beau macht sich im heimischen Bad ausgehfertig und wird dabei von drei aufgetakelten Damen unterbrochen, die bei ihm durchklingeln.

Irgendwann ist er mit seiner Abendtoilette dennoch durch, hopst in seinen neuen Bentley und rast Richtung Club Enge, nicht ohne sich unterwegs in einem Tunnel ein Rennen mit einem Sportwagenfahrer zu liefern, der offenbar ebenfalls an genannter Stätte feiern will. Endlich dort angekommen werden dann die Gläser geschwungen. Das ganze wird durch Dubstep-versetzte Stampf-EDM begleitet.

Protzwagen, Raserei, Tunnelrennen und Alkoholkonsum obschon mit dem Auto angereist: Man muss sich fragen, auf welchem Planeten der Regisseur dieses Clips lebt. Jedenfalls auf keinem von rechtspopulistischen Politikern bevölkerten, denn sonst hätte er wohl mitgekriegt, wie sehr diese sich über sein Video freuen und es wäre ihm aufgegangen, dass sein Meisterwerk so ziemlich jedes Vorurteil bedient, das gegen Menschen vom Balkan ins Feld geführt wird.

Er hätte wohl irgendwann während des Drehs gemerkt, dass er all jenen in den Rücken fällt, die unablässig daran arbeiten, das hässliche Bild von ihren Landsleuten zu verbessern, das durch die Köpfe so vieler Schweizer geistert. Aber vielleicht war es ihm auch einfach egal. Eventuell ist es ihm in der Zeit zwischen Geistesblitz und Veröffentlichung auf Youtube eingefallen und er hat es einfach ausgeblendet, da er davon ausgeht, dass die Meinungen hierzulande sowieso in Stein gemeisselt sind.

Und wie schon Werner Kroll wusste: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Man kann den Werbeclip für die Party vom 8. November also als gesellschaftskritisches Stück Resignation oder gar als ironische Anklage gegen nicht totzukriegende Vorurteile sehen. Aber leider, leider ist er wohl einfach nur strunzdumm. Dem Club Enge und seinem neuen Veranstalter wird er dennoch nicht schaden, denn auch im Nachtleben gilt der Grundsatz, dass nur aussergewöhnliche Leistungen und extraordinäre Dummheiten zu flächendeckender Aufmerksamkeit führen. So gesehen: Alles richtig gemacht, liebe Partymacher.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.