Irre viele Frauen

Beni Frenkel am Donnerstag, den 16. März 2017

Das Cabaret Voltaire im Niederdorf. (Foto: Tamedia)

Ich stehe an der Voltaire-Bar im Zürcher Niederdorf. Eine Studentin und ein Student diskutieren leidenschaftlich. Eigentlich bedienen sie die Kasse und schenken Getränke aus. Aber jetzt sind sie gerade in eine Diskussion vertieft. Ich warte geduldig. Wer bin ich schon? Ein Kunde? Die Minuten vergehen. Er wäscht Gläser, sie trocknet sie ab. Ich versuche ein bisschen lauter zu atmen als sonst. Aber nicht zu auffällig. Denn an dieser Bar wurde Dada erfunden.

Hier haben Bünzlis wie ich eigentlich nichts zu suchen. Ich bin aber nicht wegen der aufmerksamen Bedienung und des teuren Kaffees (5.50 Franken) ins Cabaret Voltaire gekommen. Eine Lesung hat mich gelockt. Und zwar von Frau Professor Doktor Trömel-Plötz. Sie hat ein Buch über Mileva, die Frau von Albert Einstein, geschrieben.

An dieser Stelle eine kurze, aber wichtige Erinnerung: Ich bin einer der grössten Befürworter des Feminismus. Eigentlich versuche ich immer unvoreingenommen zu schreiben. Aber bei diesem Thema versage ich. Zu gross sind meine Sympathien für die wichtigen Anliegen der Frauenbewegung.

Wussten Sie, dass es heute immer noch Frauen gibt, die weniger verdienen als Männer? Ist Ihnen bekannt, dass in der Wissenschaftsgeschichte der Anteil forschender Frauen totgeschwiegen wird? Mileva Einstein ist ein gutes Beispiel. Es ist längst bewiesen, dass Albert nur dank seiner Frau den Nobelpreis gewonnen hat. Mileva war es, die den Wettbewerbstalon ausfüllte und ihn nach Stockholm schickte.

Aber alle reden nur über den ach so cleveren Albert. Wissen Sie was? Das kotzt mich richtig an. Entschuldigung für diesen Kraftausdruck. Im Cabaret-Voltaire-Saal sitzen irre viel Frauen. Ich bin angenehm überrascht, dass der Beamer funktioniert. Vorne sitzt Frau Prof. Dr. Trömel-Plötz. Die zierliche Frau trägt einen schicken schwarzen Mantel und braune Wildlederschuhe. Ein schöner Schal umschmeichelt ihren Hals.

Ich nehme zuhinterst Platz und freue mich auf die Lesung. So viele Frauen! Die Lesung beginnt trotzdem sehr pünktlich. Zwei Rednerinnen stellen die Professorin kurz vor. Beide betonen, dass sie gegen oder für eine «Gender-gerechte Sprache» kämpfen. Ich habe keine Ahnung, was sie meinen, aber ich bin dafür.

Endlich redet Frau Trömel-Plötz, Sie redet ziemlich leise und ohne Mikrofon. Ein paar Frauen meckern: Viel zu leise! Trömel-Plötz wirds ein bisschen unangenehm: Kommen Sie doch nach vorne. Dann ist Stille. Trömel-Plötz liest aus ihrem Buch vor. Die Autorin wirft zu Recht die Frage auf, ob Albert Einstein ohne Mileva die Relativitätstheorie hätte aufstellen können. Dann erwähnt sie die vielen Geliebten von Albert. Ich staune. Dieser kleine und wenig hübsche Mann hatte so viele Frauen? Not bad.

Aber was bedeutet schon hübsch? Ist das nicht auch ein relativer Begriff? Und ist der Anteil von Mileva an der Forschung von Albert Einsteins Theorien überhaupt messbar? Ich denke nein. Viel wichtiger ist doch, dass sich Albert wohlfühlte bei Mileva und in Ruhe arbeiten konnte. Das versuche ich meiner Frau auch manchmal zu erklären. Sie wird dann aber immer relativ wütend.

Nur keine Ferien!

Réda El Arbi am Dienstag, den 14. März 2017
Endlich ein Schattenplatz, an dem mein Laptop-Display nicht spiegelt.

Endlich ein Schattenplatz, an dem mein Laptop-Display nicht spiegelt.

Einmal im Jahr muss ich weg. Meine Frau schaut mich an und meint: «Du brauchst Ferien, du bist ungeniessbar, nörgelst und gehst mir auf die Nerven.» Also bucht sie einen Flug für mich, setzt mich ins Flugzeug und schickt mich irgendwohin, wo die Sonne scheint und man Dinge isst, die als «exotisch» gelten.

Jetzt bin ich also hier, auf einer Insel in Thailand. Und als allererstes fällt mir die einheimische Fauna auf: Die Moskitos hier sind nicht lästig. Die Moskitos hier werden in geheimen Lagern von fiesen CIA-Agenten darauf trainiert, die Weltherrschaft an sich zu reissen. Sie haben Muskeln, die Grösse einer Männerfaust und wenn sie stechen, injizieren sie einen Kampfstoff, der das Opfer dazu bringt, sich im Wahnsinn zu Tode zu kratzen. Ich schwör!

Natürlich kann man sich dagegen schützen. Hier haben sie chemische Kampfstoffe entwickelt, mit denen man sich gegen den gemeinen Moskito verteidigen kann. Nun, nachdem ich mich mit diesem Mückenspray eingesprayt habe, kann ich meine Füsse nicht mehr fühlen. Und meine Hände. Das Zeugs wurde auf der Basis von DDT entwickelt und löst bei Kontakt Flipflops und Badehose auf. Der thailändische Apotheker  meinte : «Natürlich ist das nicht giftig! Solange sie keine Kinder mehr haben wollen, können Sie den Spray ohne Gefahr benutzen. Wir übernehmen aber keine Haftung, falls sich im Laufe ihres Urlaubs Missbildungen entwickeln. Aber es tötet alles, das kleiner ist als eine Männerfaust.» Was ja irgendwie Sinn macht.

Sobald ich wieder ein Kribbeln in meinen Extremitäten fühlen kann, setze ich mich vor meinen Bungalow und versuche das Leben zu geniessen. Denkste! Meine Nachbarn sind keine Zürcher, also haben sie den unverständlichen Wunsch, sich mit anderen, völlig fremden Menschen zu unterhalten. Sie kommen aus Wien, sind grossflächig mit Buddhas und frohen Lebensweisheiten in chinesischen Schriftzeichen tätowiert, die man auf Facebook sonst nur auf Bildern mit Sonnenuntergang sieht.

Das Gespräch verläuft ungefähr so: «Blablabla Asylanten blablabla Nordafrikaner blablabla Flut blablabla kriminell blablabla Wien islamisch jetzt! Blablabla LÜGENPRESSE blablabla. Und, was machen Sie beruflich?»

Wenigstens hatte ich Ruhe, nachdem ich ihnen verraten hab, dass ich zur nordafrikanischen Horde gehöre und mein Geld von der medialen Weltverschwörung bekomme. Was mich davor bewahrt, ihnen den Zusammenhang von Buddha, Karma und Fremdenfeindlichkeit während eines Auslandaufenthaltes zu erklären. Wirklich, ich mag Multikulti, solange die anderen Kulturen nicht Deutsch sprechen und nicht im nächsten Bungalow wohnen. Alles hat seine Grenzen.

In der Strandbar ist es schon viel besser. Wlan, Cappuccino und eine Ecke, die die Sonne weit genug aussperrt, dass ich meinen Laptopmonitor benutzen kann. Und dann: Keine neuen Mails. Keine Antworten auf meine Mails. Es dauert einen Augenblick, bis ich begreife, dass die in Europa noch schlafen. Zeitverschiebung. Ehrlich, wer sich das mit den Zeitzonen überlegt hat, war wohl nicht der Hellste. Wie soll ich all meine wichtigen Sachen zeitnah kommunizieren, wenn die sich hier nicht mal nach der Zürcher Zeit richten. Gopf.

Also, arbeiten ist nicht. Dann eben entspannen. Wenn ich nur wüsste, wie man das macht.

Im Laufe des Tages kommen dann meine Nachbarn vom Morgen vorbei und empfehlen mir, doch die Massage drei Bungalows weiter auszuprobieren. Das sei die reinste Entspannung! Ich überlege mir kurz, wie um Himmels willen man sich entspannen kann, während man von wildfremden Menschen begrabscht wird. Und wie jemand auf die Idee kommt, man solle auch noch Geld dafür bezahlen.

Das Meer ist dann ganz ok, wenn auch nicht mit dem See zu vergleichen. Nur schon das ganze Salz. Aber ich lasse mich im Wasser treiben und entspanne. Und hole mir einen Sonnenbrand, dessen Leuchten die thailändischen Fischer nachts böse lachend zur Navigation benutzen.

Abends wieder in meinem Bungalow checke ich nochmals vergeblich meine Mails und schlucke meine Medikamente, die ein Magengeschwür verhindern sollen. Ihr seht, Ihr verpasst nichts in eurem kalten, verregneten Büroalltag in der Heimat. Ferien sind überbewertet.

Im Bett atme ich einmal tief durch. Vielleicht hat meine Frau ja doch Recht. Vielleicht bin ich wirklich etwas grantig und dünnhäutig und brauche wirklich Ferien. Ich schmunzle, erschlage mit einem Stuhlbein einen Moskito und schlafe ein.

Clubs: Frauen nur als Deko?

Alex Flach am Montag, den 13. März 2017
Eher hinter der Bar als hinter den Plattentellern oder im Management: Frauen im Nachtleben (DJPrincess)

Eher hinter der Bar als hinter den Plattentellern oder im Management: Frauen im Nachtleben.

Am 8. März war internationaler Frauentag und das Zürcher Nachtleben hat wie immer weggeschaut. Dabei wäre es dringlich, das Problem des irritierenden Frauenmangels in wichtigen Nightlife-Positionen endlich anzugehen aber weder die Bar- und Club Kommission BCK noch der Nachtstadtrat haben die Gelegenheit ergriffen und Statements abgegeben oder gar Themen-bezogene Aktionen durchgeführt.

Dabei existiert hier wahrhaftig Handlungsbedarf: Beguckt man die Geschäftsleitungen der namhaftesten Zürcher Clubs, dann wird nicht einer von einer Frau geleitet und das nicht erst seit gestern, sondern seit Marion Meier und Martin Frigg ihr Rohstofflager geschlossen haben. Und das war vor bald sieben Jahren. Auch die Booker, die Inhaber und die Club-Hosts (von raren Ausnahmen wie Manon Maeder im Hive abgesehen): Beinahe ausnahmslos Männer. Eine anständige Frauenquote kriegen die Clubs nur in zwei Bereichen hin und zwar an der Bar und an der Garderobe. Positionen mit Entscheidungskompetenz werden im Nachtleben hingegen ungleich öfter mit Männern besetzt.

Nun kann Mann es sich einfach machen und die Schuld für diesen Missstand den Frauen selbst zuschieben: «Das Nachtleben ist halt ein Umfeld für Macher, eines des Unternehmertums. Es ist doch nicht die Schuld der Männer, dass so wenige Frauen den Mut aufbringen einen Club oder eine Bar zu eröffnen». Dabei wird jedoch vergessen, dass nur die wenigsten Clubgründer und -besitzer zuvor keine zentrale Funktion im Nachtleben oder in der Gastronomie innehatten, sei es nun in einer leitenden Position bei einem anderen Betrieb oder als Veranstalter.

Sie hatten also die Möglichkeit das Geschäft kennenzulernen. Ohne die Sicherheit dieses Know Hows gehen nur sehr Blauäugige das finanzielle Risiko einer Club-Eröffnung ein. Nun herrscht aber im Nachtleben eine Atmosphäre, die das Erarbeiten dieses Know Hows für Frauen nicht sonderlich attraktiv gestaltet. Man gibt ihnen beispielsweise allzu offensichtlich zu verstehen, dass sie vor allem als Geschäfts-Anheizerchen gesehen werden, als Lockmittel für Männer die an der Bar ihr sauer Verdientes ausgeben sollen: Auf usgang.ch wird allwöchentlich eine «Beauty Of The Week» gekürt mit Zusätzen wie «Was für ein Hingucker! Für mehr nice girls hier klicken…».

Im Underground ist es weniger offensichtlich, aber auch dort weiss man um den Wert einer hohen Frauenquote und ergreift entsprechende Massnahmen. Und hier soll man als Frau nun Karriere machen wollen, in einem Umfeld, in dem sie zum potenziellen Bettwärmerchen für den omnipräsenten, Alkohol- und Testosteron-geschwängerten Abschleppdienst degradiert wird? Ernsthaft?

Nicht zuletzt dank Organisationen wie des Vereins Les Belles De Nuit, der sich für die Förderung und Vernetzung von Frauen in der elektronischen Musik- und Kulturszene einsetzt, bricht die Männerdomäne DJing langsam auf und es stehen immer mehr Frauen an den Zürcher Turntables. Es wäre schön, wenn sich bald einmal eine Organisation der Problematik des beschämenden Frauenmangels hinter den Club-Kulissen annehmen würde.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Der Bennato-Moment

Thomas Wyss am Samstag, den 11. März 2017


Da sich die Zürcher Sauna und deren Regeln zum Dauerbrenner entwickelte, der online klickte, wie ein einarmiger Bandit im Las-Vegas-Casino Münzen spuckt, hätten wir das Thema hier gern noch weitergedreht und -gedrechselt – doch wie es halt passieren kann: Die Aktualität machte uns einen Strich durch die Rechnung.

Was nicht weiter schlimm ist, weil ich besagte Aktualität eigentlich ganz gut mag. Früher, als ich mit Kumpels in den Sommerferien im (schlimmerweise japanischen!) Auto durch Süditalien cruiste, als wir tagsüber in Torre dell’Orso badeten und abends in Otranto den Bellezzas nachstarrten, mochten wir sie noch lieber, weil sie uns damals mit Liedern wie «Viva la mamma» oder «OK Italia» mitten aus dem pochenden Herzen sang. Das tut sie heute nicht mehr, aber eben, die Sympathie für diese Aktualität namens Edoardo Bennato, – er tritt am Dienstag im Kaufleuten auf–, ist ungebrochen.

Und das ist – nun kommen wir zur Sache! – durchaus erstaunlich. Denn obwohl ich, wie die meisten Menschen, mit dem Cantautore und Rock ’n’ Roller jahrzehntelang eine klassische Fernbeziehung pflegte – er sang ins italienische Studiomikrofon, ich hörte ihm später ab Kassette oder Schallplatte zu –, teilten wir diesen einen, sehr intimen Augenblick. In einem Hotelzimmer in Glattbrugg. Und der ging voll in die Hose. Weil ich damals als Jungjourni, anders als heute, noch kein «Broken Italian» sprach, sondern nicht mal ein Bröckchen dieser Bella Lingua beherrschte. Und Edoardo sich mangels Lust oder mangels Können weigerte, Englisch zu reden. Was die Plattenfirmafrau dummerweise vergessen hatte zu erwähnen.

Weshalb wir uns dann bei laufendem Aufnahmegerät wortlos und verklemmt lächelnd (ich) und wortlos und genervt lächelnd (er) gegenübersassen. Nach den längsten fünf Minuten meines Lebens drückte ich die Stopptaste, sagte «Adios» (erleichtert, das mir wenigstens die korrekte Abschiedsformel eingefallen war – die tatsächlich korrekte lernte ich dann Jahre später im Italienischunterricht) und ging, er blickte dabei zum Fenster hinaus; es wirkte wie schlussmachen, nur peinlicher. Jedenfalls: Seit dem Film «Pulp Fiction» nennt man solches Schweigen offiziell «uncomfortable silences», ich jedoch bevorzuge die Bezeichnung «einen Bennato-Moment haben».

Man kann sich natürlich fragen, warum das jetzt in dieser Gebrauchsanleitung thematisiert wird – schliesslich werden die wenigsten Leser je in die Situation geraten, ein Bennato-Interview führen zu müssen. Stimmt. Doch Achtung: Bennato-Momente drohen immer und überall! Sei es nach der Autopanne in den Türkeiferien. Oder wenn man in der Sauna dem Chef begegnet (yep, sorry, hatten wir schon). Oder wenn die Präsidentin des Schwamendinger «Sex and the City»-Fanclubs auf der Jubiläumsreise in Bangkok ihrem Loverboy erklären müsste, dass er sie eigenartigerweise an ihren Sohn erinnere und dass das drum nichts werde, was sie ihm aber natürlich nicht erklären kann.

Und die Lösung, damit es nicht so blöd endet wie bei mir und Edoardo? Gibt es nicht! Da muss man durch, das gehört zur Lebensschule.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 10. März 2017

«Wozu?»

Die Ausgrabungen beim Opernhaus Zürich haben Erstaunliches zutage gefördert. Die Jungstein-Zürcher jagten fast alles, was sich bewegte. Sie assen Rind- und Schweinefleisch. Und vielleicht Menschen. Denn man hat Menschenknochen gefunden, die belegen, dass diese säuberlich zerlegt wurden. Wozu und warum, ist die ungelöste Frage der Forscher. Zu gewissen Zeiten können Besucher mit speziellen Brillen virtuell durchs Pfahlbauerdorf spazieren. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Eine totale Überreaktion des Zolls.»

Zollbeamte sind diese Woche im Luxushotel Dolder Grand und vor der Villa des Dolder-Besitzers Urs E. Schwarzenbach vorgefahren und beschlagnahmten in einer breit angelegten Aktion Kunstgemälde. Schwarzenbachs Anwalt Ulrich Kohli hingegen fand die Aktion völlig übertrieben. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Ich habe leider keinen
direkten Draht zur Lokalpolitik.»

Für Dada-Haus-Direktor Adrian Notz war diese Woche wichtig: Der Gemeinderat entschied, wie hoch der Betriebsbeitrag der Stadt an das Cabaret Voltaire ausfällt. Lobbying bei der Politik hat er im Vorfeld keine betrieben. (Foto Dominique Meienberg)

 

«Ich weiss, wie man eine Frau
übers Parkett führt.»

Tanzvorlieben charakterisierten einen Menschen, heisst es. Stimmt die These, lernt man am im Zürcher Opernhaus die Prominenz neu kennen. Auch dabei: Der ehemalige Schweizer Botschafter in Deutschland Thomas Borer zusammen mit seiner Gattin Denise. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Armut war der Grund, warum Menschen
Wohnungen in steile Hänge bauten.»

In der Nähe von Flaach gab es bis ins 20. Jahrhundert Wohnungen im Hang, in denen arme Leute lebten. Die Bauten sind inzwischen weg, aber die Höhlen existieren noch. (Foto Dominique Meienberg) Hobby-Familienforscher Willi Müller hat einiges über die Höhlen zu erzählen. Zum Artikel

 

«Viele wollen sich wieder einmal
richtig schmutzig machen.»

In Schwamendingen steht die erste Do-it-yourself-Werkstatt für Motorräder von Zürich. Willkommen sind alle – sogar Puch-Fahrer. Mitinitant Alexandre Bourdon denkt, dass viele, welche die Werkstatt aufsuchen, einen Ausgleich zur Büroarbeit suchen. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

«Ich bin kein Spinner, ich bin verrückt.»

Der Zürcher Frank M. Rinderknecht stellt seit 1979 am Genfer Autosalon jährlich einen Prototypen vor, von denen aber keiner je in Produktion ging. Seine neuste Idee: Ein Cannabisgarten auf vier Rädern. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Der Patient steht zuoberst.»

Mazda Farshad wird in Zürich ärztlicher Direktor der orthopädischen Uniklinik Balgrist. Warum er eine Lockerung des Arbeitsgesetzes fordert. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Mein Vater konnte gut zuhören.»

In diesem Laden war die Rasur mehr als nur Bartpflege: Im Salon des verstorbenen Robert Rosenberger weht noch der Geist der 1930er-Jahre. Sein Sohn weiss, weshalb viele Kunden das Geschäft so gern hatten und immer wieder dort ihre Haare schnitten. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Es motiviert, wenn man am Ende
das fertige Bauwerk sieht.»

Wohnungen für über 2000 Menschen, 3000 Arbeitsplätze, ein Hotel mit 600 Betten und eine neue Schule für 250 Kinder: Hinter dem Entlisberg wächst Zürichs neustes Quartier in die Höhe. Es stecke viel Herzblut in der gesamten Arbeit, sagt ein Projektleiter. (Foto: Tamedia) Zum Artikel

 

«Absagen bekommen wir selten.»

Im Aargauer Kunsthaus blühen in der Ausstellung «Blumen für die Kunst» Kunstwerke vor Kunstwerken. Manche davon wurden von Zürcher Floristen in Szene gesetzt. Die meisten würden sich sehr freuen, mitzumachen, sagt Projektleiterin Angela Wettstein. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Kinder sind ein Stück Ewigkeit.»

FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger auf die Frage, welchen Sinn er darin sieht, Kinder auf die Welt zu bringen. (Foto: Raisa Durandi)

 

 

 

Holzfällerstadt

Miklós Gimes am Donnerstag, den 9. März 2017

Letzten Samstag las ich im «Magazin» ein Porträt des grossen Wiener Kabarettisten Josef Hader. Morgen kommt «Wilde Maus» in die Kinos, Hader schrieb das Drehbuch, führt Regie und spielt die Hauptrolle – wenn er so weitermacht, könnte er der Woody Allen Mitteleuropas werden, das Talent hätte er dazu.

Der Artikel war von Doris Knecht, einer Journalistin und Schriftstellerin aus Vorarlberg, die seit Jahrzehnten in Wien lebt und Hader oft getroffen hat, auf organische Art sozusagen, weil sich ihre Wege im Wiener Kulturbetrieb kreuzten. Für uns Kiebitze draussen in der Provinz war ihr Text so etwas wie ein Guckloch in die Wiener Künstlerwelt, mit einem leisen Widerschein von Tratsch und Knatsch.

Man erfuhr, dass Hader in Kaffeehäusern schreibt, heute weniger als früher, im Café Eiles, im Café Rathaus. Ich sah ihn vor mir, über sein Notizbuch gebeugt, und fragte mich, wie man sich wohl fühlt, als Wiener, in einem Kaffeehaus zu sitzen und zu schreiben, wie das Generationen zuvor schon gemacht haben, bis zurück in die goldenen Jahre, zu Peter Altenberg und Karl Kraus oder Ernst Jandl.

Vielleicht haben diese Leute gar nicht alle in den Cafés geschrieben, aber es genügt, dass es sie gegeben hat. Was für ein Gewicht, dachte ich, diese Giganten auf den Schultern zu tragen, ihren Atem im Nacken zu spüren. Es muss schön sein, in ihrer Stadt zu leben, aber auch eine Belastung. Sie sind Vorläufer und Vorbilder, das strahlt bis ins Privatleben hinein.

Vielleicht können wir von Glück reden, dass wir das Problem in Zürich weniger haben, wir hatten Max Frisch und Hugo Loetscher, die Band Kleenex und das Künstlerduo Fischli/Weiss. Sicher auch andere, es geht nicht um Vollständigkeit, sondern um das Gewicht der Vergangenheit, um die Frage, ob man es in Zürich spürt.

Mit den Cafés wird in unserer Stadt immer wieder aufgeräumt, das Odeon gibt es nicht mehr, auch das Café Select nicht, am Limmatquai, wo die Beatniks in den frühen 60er-Jahren sassen. Ich frage mich, was wir weitergeben, an die nächste Generation. Im Vergleich zu Wien wirkt Zürich wie eine Holzfällerstadt, in der jeder neu anfangen kann.

Kürzlich traf ich einen Journalisten, der lange im Ausland gelebt hat. Er erzählte mir von Begegnungen mit alten Kollegen, sie hätten über Sparpläne und Budgetkürzungen geredet, er war ganz geknickt. Und sieht man ein paar Filmer zusammenstehen, unterhalten sie sich meist darüber, wer von der Filmförderung übergangen worden ist oder wie man beim Fernsehen zu Geld kommt. Vielleicht wird man sich an unsere Generation erinnern als eine, die vor allem mit dem kleinen Vorteil des anderen beschäftigt war.

Doch als Hader vorletzten Dienstag nach Zürich kam, um die «Wilde Maus» vorzustellen, haben wir unsere Neidereien vergessen. Er mischte sich frei unter die Kinogänger, hatte für jeden ein Wort, und am Schluss bildeten wir eine kleine nette Runde, lokale Verleger, Kabarettisten, Filmemacher, Verleiherinnen. «Man kann sich das gar nicht vorstellen», sagte jemand, «was der für eine Nummer ist, in Österreich, der Hader!» Nach der Sperrstunde ging er zu Fuss ins Hotel, einer der Filmer zeigte ihm den Weg, stiess das Velo neben ihm her. Wo gibts das schon?

Learn English. No joke!

Beni Frenkel am Donnerstag, den 9. März 2017

Veranstaltung in der Kunsthalle zum Thema Can Jokes Bring Down Governments? (Foto: Beni Frenkel)

Hello there! My name is Beni Frenkel and I speak German but also English. Last tuesday I went to the Kunsthalle for participation at the session called «Can Jokes Bring Down Governments?» So, I called before to the Kunsthalle for asking how much is the entry. «It is free», she said in German («Es ist gratis»). But it is important for me, she has said, that I read a paper of preparation vor der Veranstaltung for knowing and for following the Diskussion. «Great», I said, «where can I find this important paper?» – «In the internet you can find it.» I thought: «Fine, I will read it.» But than I have seen (oder: I have saw?), that this Diskussion-paper is longer than the Gubristtunnel – more than 20 pages. O holy cow! And speaked (gespickt?) with many difficult Wörter like «longevity», «appeal» or «disseminates». Not good.

I mean, I speak fluently, but just on a mittelmässig level. If I would have been married with an English woman, than we two would have many Alltags-problems. But I understand English movies with English Untertitel. I like good movies. Honestly: At the matura I made a 3 in the Fach English (mündlich: 3-4). But not so schlimm, because I was good in history (5), chemistry (5) and biology (5). So I passed matura quite well. What good is, is that in my job I don’t need so much English. For real! And if I need it, I go into the internet. Okay, I have tipped (getippt?) «Can jokes bring down governments?» and I got the German result: «Können Witze bringen Regierungen?» This is a good question. I would say not. From Corine Mauch (Stadtpräsidentin) I have never heard a good joke. But I have nothing against her.

I was a little bit too early. In the Kunsthalle I saw an open door. «Ähm, hello?» A strong man came to me. I said: «Ähm, is here, ähm, the place, ähm, of jokes and government?» The strong man shaked my hand and almost crashed it: «(Unverständliches) . . . hang around . . . (Unverständliches)» Good idea. I hanged around and eated something sweet.
When I was coming back, I was positively surprised. In the middle of the room the strong man had put to the floor a Plastikbox with Bierdosen. Good man! We were maybe 20 participants. I was sitting between two wifes. The Stimmung was very ernst. We spoke about good jokes and bad jokes.

I did not know that jokes are Wissenschaft. Now I know. One man told about jokes from the Römer. Interesting. I want to be ehrlich: I did not understand all the Diskussion. A little bit wütend about myself I opened a Bierdose. I cursed myself. Why didn’t I listened better in the Gymnasium? My English ist a shame. Terrible. Okay, I had a terrible English teacher. He made English so complicated.

Always grammar, grammar! My Rache: One night I ordered a pizza for him at midnight. I hope the pizza guy waked him up. I opened a second Bierdose. Here I sit like a donkey and can not follow the boring Witzdiskussion. I opened a third Bierdose. Now I felt better. And I laughed. Good joke. A woman said something about different cultures. I laughed. Funny wife! One man explained the jokes from the arabic spring. Funny. I laughed. Than it was time to go. Goodbye people. Learn English. No joke!

Die Zürcher Trumps

Réda El Arbi am Dienstag, den 7. März 2017
Flüchtlinge bei Ankunft in Como.

Flüchtlinge bei Ankunft in Como.

Flüchtlingsstatus «F» bedeutet so viel wie «F*** you». Wenigstens im Verständnis der Bürgerlichen des Kanton Zürichs. Statt des Sozialhilfesatzes soll Flüchtlingen mit dem Status F im Kanton Zürich künftig nur noch Nothilfe gezahlt werden.

Erinnern wir uns: Flüchtlinge dieses Status sind vorläufig Aufgenommene. Menschen, die keine direkte persönliche Bedrohung nachweisen konnten, um Asyl zu bekommen, bei denen sich aber alle einig sind, dass eine Rückführung in ihr Heimatland humanitär unzumutbar ist. Solche, die nirgends mehr Rechte oder eine Heimat haben.

Den Volksentscheid von 2011, in dem das Zürcher Volk den Flüchtlingen mit Status F mit grosser Mehrheit Sozialhilfe zusprach, haben die Bürgerlichen jetzt ausser Kraft gesetzt – leise und durch die Hintertür. Mit der Sozialhilfe hatten diese Menschen bisher ein Leben in minimaler Würde. Mit der Nothilfe von max. 10 Franken am Tag werden sie zukünftig am Schweinetrog unserer Gesellschaft durchgefüttert. Sie kriegen gerade genug fürs nackte Überleben. Integration oder würdiges Dasein wurde gestrichen.

Der Grad an Zivilisation einer Gesellschaft wird daran gemessen, wie man mit den Schwächsten umgeht. Jetzt hat eine parlamentarische Initiative der SVP (grundsätzlich fremdenfeindlich) mit Unterstützung der FDP (Nur die Starken überleben), der CVP (Christlich? My a**.) und der GLP (Jeder macht, was er gerade will.) entschieden, dass man den Allerschwächsten unserer Gesellschaft noch etwas Geld wegnehmen kann. Um zu sparen. Und um ihnen klar zu machen, dass man solche Menschen hier eigentlich nicht will. Arme Vertriebene sind Pfui Bäh im Kanton Zürich.

Jeder Junkie, der 5 Minuten am Bahnhof um einen Stutz bettelt, hat mehr Geld zur Verfügung.  In einer der reichsten Gesellschaften, in denen ein Kaffee bereits fünf Franken kostet, Menschen mit 10 Franken am Leben zu erhalten, ist unwürdig. Nicht für die Menschen, die das Geld bekommen, sondern für die Menschen, die fett an ihren Schreibtischen entscheiden, dass dies genug sei.

Wir brauchen keine trumpsche Mauern gegen Flüchtlinge. Wir haben diese Mauern bereits in unseren Köpfen und unseren Herzen. Im Kanton Zürich schikanieren wir (mit freundlicher Unterstützung von Mario Fehr) diese Menschen einfach, weil wir denken, sie flüchten dann weiter. Diese Aktionen haben nur einen einzigen Grund – sie sagen diesen Menschen: «Verp*** Euch!»

Nach den Wahlen im Wallis und den Umfragen in ganz Europa sollte eigentlich klar sein, dass solche Ausgrenzungen sich politisch nicht auszahlen. Nicht mal, wenn wir davon ausgehen, dass Politiker sich in erster Linie selbst die Nächsten sind, machen solche Entscheide Sinn: Die eigene Karriere kann dadurch durchaus Schaden nehmen. Wir wollen keine Trump-Ausgrenzungspolitik für die Ärmsten. Wir machen bei Notleidenden keine Unterschiede, ob sie weiss, braun, gelb oder schwarz sind. Uns interessiert nicht, woher sie kommen. Sie sind hier. Sie wegzuscheuchen wie Hunde, die uns beim Festmahl stören, ist widerlich.

Wir wählen keine Politiker oder Parteien, die den Menschen, die bereits am Boden liegen, mit dem Stiefel im Nacken noch das Gesicht in den Dreck treten.

Das ist unschweizerisch und unzivilisiert.

Der fröhliche Klaus

Alex Flach am Montag, den 6. März 2017
In den Räumen des ehemaligen Kinski sind jetzt fröhliche Leute zu Gast.

In den Räumen des ehemaligen Kinski (Bild) sind jetzt fröhliche Kläuse zu Gast.

Ende 2015 musste der Kinski Club an der Langstrasse für immer schliessen. Bei der Schliessung des Clubs wurde (wie bei den meisten Gastrolokalen an der Langstrasse) hinter vorgehaltener Hand auch von einer zu hohen Raummiete gesprochen und dem mit dem Kinski-Closing angekündigten Klaus Club (Eröffnung am 9. Januar 2016) wurden damals nur geringe Überlebenschancen eingeräumt.

Alain Mehmann und Nici Faerber, die exponierten Klaus-Macher, kannte man zwar. Jedoch hat sich Mehmann als Mitbetreiber des Heaven-Club im Niederdorf und als Veranstalter der Behave-Partys in der Büxe nur in der Gay-Szene einen Namen geschaffen und Nici Faerber war zwar bereits ein bekannter DJ, aber zu jung, um als Clubchef ernst genommen zu werden.

Längere Zeit blieb es denn auch ruhig ums Klaus. Man hörte nicht viel und aus der Gerüchteküche ertönte das Zirpen der Grillen und nicht das Klappern von Töpfen. Doch dann begannen die Szene-Leader, also jene Leute die über einen (selbst- oder fremdattestierten) Riecher für die ultimativen Partys und Clubs verfügen, bei jeder Gelegenheit zu erwähnen, dass man dem Klaus unbedingt einen Besuch abstatten muss – es schien sich was zu tun, hinter der unscheinbaren Tür an der Langstrasse 112.

Das Klaus ist ein kleiner Club. Hat man das Prozedere an der Kordel (fürs Klaus steht jeder an, egal wie viel Gewicht er im Zürcher Nachtleben hat) absolviert und zählt zu den Glücklichen die den Code für die betreffende Partynacht in der Tasche oder ihren Namen auf der «friend of Klaus»-Liste stehen haben (hat man beides nicht kann man sich das Anstehen sparen: Das Klaus ist ein Member-Club) betritt man das ebenerdige Fumoir, das aussieht, als wären ein Händler von Vintage-Lampen und der Betreiber eines Brockenhauses zusammengezogen.

Gays und Heteros sind hier bunt gemischt und zwar nicht nur an entsprechenden Themenpartys sondern immer. Man kennt sich, man mag sich, man plaudert unmittelbar drauflos und mittendrin wuseln freundliche Klaus-Mitarbeiter wie der stets in die Jacke einer alten Kadettenuniform gehüllte und ebenfalls am Club beteiligte Host Oli Jordan. Es kann auch vorkommen, dass Klaus-Chef Alain Mehmann die Gäste im Hugh Hefner-Bademantel begrüsst.

Unten im Keller brodelt es derweil: Techno- und House-DJs, manchmal aus dem Ausland angereist, meist jedoch mit Lebensmittelpunkt in Zürich, verwandeln den in rotes Licht getauchten Club-Keller in eine lustige Hölle, immer gefüllt mit fröhlichen Menschen. Und fröhlich heisst hier tatsächlich fröhlich, nicht selbstverständlich für einen Zürcher Club. Und auch immer heisst immer: An diesem Wochenende hatte das Klaus ab Freitagabend bis Sonntag durchgehend geöffnet – nicht zum ersten Mal.

Das Klaus ist der Club der Zürich seit der Schliessung des Cabarets an der Geroldstrasse gefehlt hat: ein Memberclub, der es tatsächlich schafft nicht elitär zu sein, der zwar mit einem ausgrenzenden Membersystem geführt wird, der aber an der Tür selbst alle gleich behandelt und sich keinen Deut um irgendwelche Szene-Vernetzungen schert. Selbst wenn das bedeutet, dass auch ich mich eine halbe Stunde lang mit zig anderen, maulenden und künstlich empört aus der Wäsche blinzelnden Einlasswilligen die Hauswand entlangdrücken muss: Das Klaus erzeugt auf diese Weise bei seinen Gästen ein Kollektivgefühl (die Basis für eine ureigene Clubbing-Atmosphäre) und hat damit ein Stück verloren geglaubte Nachtkultur nach Zürich zurückgebracht.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Saunaregeln (4 bis 10)

Thomas Wyss am Samstag, den 4. März 2017

Dass die Sauna ein heisses Pflaster ist (ungefähr jedenfalls), war uns bekannt. Dass gewisse Gemüter jedoch bereits bei einer Lektüre über regelkonformes Schwitzen derart überhitzen, dass sie die Contenance verlieren und eine wüste Schlammschlacht veranstalten (und das quasi mitten in der Sauna! Beim Sequel von Monty Pythons «The Meaning of Life», würde er je realisiert, wäre diese Szene Pflicht!), nein, damit hätten wir nicht gerechnet.

Konkret spielte sich die «Debatte» in der Zone der Onlinekommentare ab, wo ja seit längerem eine Art verbales Faustrecht gilt. Es begann letzten Samstag mit der weiblichen Attacke auf «erbärmliche Würstchen» und unkontrollierbare «Wurmfortsätze», es folgten derbe männliche Konter; Sexismus-Theorie inklusive. Weiter wurde erklärt, was im Kopfkino tatsächlich (ab)läuft, ein Mann gab uns ungefragt Saunaregel Nr. 11 mit auf den Lebensweg (für die er andernorts wohl erbarmungslos verprügelt worden wäre), und schliesslich war da noch der Exil-Finne, der unsere mitteleuropäischen Saunaregeln verhöhnte.

Dabei, dies sei nochmals in Erinnerung gerufen, ging es einzig darum, einem Zürcher, der gemerkt hatte, dass er durchs Saunieren die Midlife-Crisis lindern kann, aber keine Kenntnis vom Schwitzhütte-Knigge hatte, die drei Saunagrundregeln zu vermitteln. Tja.

Dennoch folgt nun das Saunawissen für Fortgeschrittene, direkt aus Finnland eingeflogen – gekoppelt mit dem Wunsch, es im Onlineforum (bildlich gesagt) doch mal mit dem Schmeissen von Wattebäuschen zu versuchen.

4. «Das Billett sichert dir die Fahrt, der Knoblauch den Platz»: Ein cleveres Sprichwort, doch in der Sauna ist der Trick tabu, da die Hitze die widerliche Ausdünstung in jeder Hinsicht intensiviert. Kurz: Das Pollo Ajo oder das Chnoblibrot essen wir Zürcher danach.

5. Die Finnen sagen: «In der Sauna verhält man sich wie in der Kirche.» Da in Zürich keine finnische Kirche steht, hilft das wenig weiter. Wir nehmen an, dass gemeint ist, beim Saunieren eher zu meditieren statt zu referieren.

6. Finnen sagen auch: «Wichtige Entscheidungen werden in Finnland eher in der Sauna als im Sitzungszimmer getroffen.» Will man sich vorstellen, wie Freddy Burger und Rudi Bindella kürzlich in einer Höngger Sauna sassen und heftig triefend entschieden, gemeinsam die Café-Bar Bank am Helvetiaplatz zu übernehmen? Nein, will man nicht.

7. Männer, die beim Anblick von Nacktheit zur Spontanerektion tendieren, sollten Saunas meiden… und übrigens nicht nur die gemischten.

8. Wer in der Sauna zufällig den Chef (oder Mitarbeiter, Drogendealer, Automech, Gemüsehändler, Ex-Lehrer et cetera pp.) trifft, ist verdattert. Voll okay. Nicht okay ist, bei dieser Begegnung hysterisch loszukreischen/loszupinkeln oder in Ohnmacht zu fallen.

9. Menschen, die sich beim Saunieren mit Vasta – das sind frische Birkenzweige – auf Beine, Arme, Po usw. hauen, sind nicht (zwingend) pervers: Angeblich führt diese Selbstkasteiungsmethode zu weicher Haut.

10. Wenn jemand eine sogenannte Aufgusszeremonie beginnt, bleibt man a) hocken (auch wenn man vor Hitze fast verreckt) und spendet am Schluss b) dem «Zeremonienmeister» Applaus (auch wenn er echt voll peinlich war).