Tages-Anzeiger



Wo ist der nächste Hype?

Alex Flach am Montag, den 25. August 2014
Waren die Clubs früher wirklich unique - oder hatten sie einfach weniger Konkurrenz?

Waren die Clubs früher wirklich unique - oder hatten sie einfach weniger Konkurrenz? (Oxa)

An diesem Wochenende hat Ricardo Abenojar alias Mas Ricardo im Club Supermarket sein dreissigstes Plattenleger-Jubiläum gefeiert. Er war bereits in den 80er Jahren Resident-DJ in Jean-Pierre Grätzers Club Roxy und war Teil des Tarot-Veranstalterteams, das mit seinen Afterhour-Partys dem Oxa zu internationaler Bekanntheit verhalf. Er war Mitte der 90er Jahre einer der Initianten der Grodoonia-Partys in Rümlang und zwischen 1996 und 1999 einer der Betreiber des Clubs Sensor in Oerlikon, in dem mit Sven Väth, Paul Oakenfold und Kruder & Dorfmeister die einflussreichsten DJs und Clubmusiker zu hören waren. Danach wurde es ruhiger um Mas Ricardo.

Roxy, Grodoonia, Tarot und Sensor waren Meilensteine am Weg des elektronisch geprägten Zürcher Nachtlebens von seinen Anfängen in den 80er Jahren bis hin zu seiner heutigen Form. Die illegalen Bars in der ersten Hälfte der 90er Jahre, die frühen Blushin Pink-Partys, der Club Garage (heute Supermarket), Dani Königs Donnerstage im Kaufleuten, die Dachkantine und die Hermetschloo-Partys waren weitere Publikumsmagneten, welche die Spreu vom Weizen zu trennen vermochten: Wer hier feierte gehörte dazu, alle anderen waren bloss Zaungäste.

Der Erfolg heute legendärer Partymarken gründete jeweils nur bedingt in ihren Line Ups, denn viele verzichteten zeit ihres Bestehens komplett auf Bookings teurer ausländischer DJs. Wie auch bei anderen Hype-Marken, beispielsweise in der Mode oder der Computertechnologie (die Preise von Apple-Produkten lassen sich wohl nicht mehr mit einem Technologie- und Design-Vorsprung des Riesen aus Cupertino gegenüber seiner asiatischen Konkurrenz erklären), muss man in der Diffusionstheorie nach Gründen für den Erfolg suchen.

Die Betreiber der genannten Clubs und Partylabels haben das System der Adaption, das Spiel zwischen Meinungsführung und Übernahme durch andere, besser für ihre Zwecke zu nutzen verstanden, als ihre Mitbewerber. Ihr Fehler bestand jedoch zumeist darin, dass sie Club und Label zu fest an ihre eigene Person gebunden haben: Als der Hype um ihr Produkt abflachte, gelang es ihnen jeweils nicht, ihren Erfolg zu wiederholen, da auch sie selbst, und damit alles was sie künftig versucht haben, nicht mehr als hip galten. Der mehrfach erfolgreiche Mas Ricardo, und auch diverse heute erfolgreiche Gastro-Unternehmer, agierten und agieren aus der Gruppe heraus und achten darauf, dass ihre Unternehmen nicht zu stark mit ihren Namen assoziiert werden.

Ein Club oder eine Eventreihe, die in der Szene als imperative Hingeher gelten, sind aktuell nicht auszumachen. Einen Hype zu generieren, wie er seinerzeit von den Blushin Pink-Machern um Oliver Nater kreiert wurde, ist heute ungleich schwieriger geworden: Die Anzahl Zürcher Clubs und Partylabels ist seit dem Jahrtausendwechsel exponentiell gewachsen und eine in sich geschlossene Szene wie in den 90ern, in der sich alle kannten und die alle gemeinsam dieselben Lokale und Partys besuchten, existiert nicht mehr. Jedoch lieben Clubber Hypes mehr als alles andere: Daher wartet das nächste dicke Ding wohl trotzdem bereits hinter der nächsten Ecke.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Von Brüsten und Burgern

Réda El Arbi am Samstag, den 23. August 2014
Bluecheese Burger im Hooters. Sexy.

Bluecheese Burger im Hooters. Sexy.

Es ist mir etwas peinlich, vor dem Hooters zu sitzen, mitten an der Langstrasse, wo mich Kollegen und Freunde sehen könnten. Das Hooters, mit dem unmöglich sexistischen Konzept, kann man sich als aufgeschlossener, emanzipierter Mann aus urbanem Umfeld nicht antun. Und schon gar nicht, wenn man alleine Essen geht.

Trotzdem setze ich mich an einen der Tische und warte auf die Hooters-Kellnerin in Hotpants und hautfarbenen Strümpfen. Die Hooters-Girls sollen, nach der amerikanischen Ur-Idee, das Essen mit praller Erotik versüssen. Deshalb die orangefarbenen, superknappen Höschen und die hässlichen Strümpfe.

Was in einer prüden Gesellschaft wie den USA offenbar gut funktioniert, scheint hier an der Langstrasse wohl ein Schuss in den Ofen. Dreissig Meter weiter stehen Prostituierte, die weniger Stoff tragen, und in jedem Shop in Reichweite arbeiten weit hübschere Hipstermädchen. Das Hooters mit seinen Girls in orangen Hotpants und engen Oberteilen wirkt hier im Kreis 4 wie eine etwas heruntergekommene Disneykulisse mitten im echten Leben, surreal und zu bunt.

Wer aber besucht denn das Hooters an der Langstrasse? Am Nebentisch sitzen zwei pensionierte Jeansgilet-Träger, deren wilde Zeiten ich auf Mitte 70er datiere. Sie geniessen die Sonne und schauen dem Treiben auf der Kreuzung zu. Ab und zu fällt eine Bemerkung und ein trockenes Lachen folgt. Sie scheinen mit sich und der Welt zufrieden.

Inzwischen ist meine Kellnerin da, in ihrem «aufreizenden» Outfit. Sie trägt es so unaufgeregt, als wärs eine Pöstleruniform. Auch während ich bestelle, kann ich kein bisschen Koketterie feststellen. Das nimmt den grellen Höschen die Peinlichkeit. Auch meine Tischnachbarn würdigen die durchaus gute Figur der Angestellten nicht mit einem Blick. Wahrscheinlich hätte ein Kellner im Frack mehr Aufsehen erregt.

Bei meiner Recherche zum Thema «Hooters» hab ich mir die amerikanischen Hooters-Girls angesehen. Dort ist es eine Auszeichnung, wenn man bei der Burgerkette einen Job kriegt. Das hat genau so viel Prestige, wie wenn man Vice-Miss Minnesota wird. Die Girls werden regelrecht gecastet und es gibt Hooters-Singshows mit viel Gekicher. Die Jobs sind für US-Verhältnisse gut bezahlt. Natürlich macht es Sinn, in einem Land, in dem ein langer Blick schon als sexuelle Belästigung ausgelegt werden kann, Personal speziell für das Entgegennehmen anzüglicher Bemerkungen zu bezahlen, als gesellschaftliches Ventil sozusagen. Grundsätzlich machen die US-Hooters-Girls aber auch den Eindruck, als seien sie geistig nicht so toll ausgestattet, wie in der Oberweite. Aber vielleicht ist das nur Show.

In den USA ein begehrter Job: Hooter-Girl

In den USA ein begehrter Job: Hooters-Girl

Hier ganz anders. Die Kellnerin nimmt ohne sich Notizen zu machen meine Bestellung – Bluecheese Burger mit Curly Fries – auf und stellt das Essen einige Minuten später zurückhaltend und elegant vor mich auf den Tisch. Und jetzt sehe ich das Fleisch, für das es sich wirklich lohnt, ins Hooters zu gehen: Der Bluecheese Burger schmeckt hervorragend, die Pommes sind knusprig und frisch.

Jetzt setzen sich zwei Damen um die 70 zu mir an den Tisch, trinken ihren Prosecco und plaudern über Beerdigungen, ganz wie in einem «seriösen» Café. Mein dicker Burger ist schnell in meinem Magen verschwunden und ich bestelle mir einen Espresso – inzwischen ist es mir egal, wer mich hier sehen könnte. Zufrieden mit Essen, Bedienung und Preis (18.80  der Burger, 3.- die Curly Fries, Cola 3.90 und der Espresso 4.-), lehne ich mich zurück und schaue den Frauen mit grossen Sonnenbrillen und kurzen  Blümchenröckchen nach, die auf ihren Rennrädern wohl auf dem Weg ins Atelier durchs Quartier düsen. Dezente Erotik, wie man sie in Zürich konsumieren darf.

Sex gibts im Hooters  nicht, die hautfarbenen Strümpfe würgen auch schon den kleinsten Funken an möglicher Erotik ab. Ich kann mir vorstellen, dass die Girls mit zunehmendem Alkoholgenuss der Gäste auch die eine oder andere Anzüglichkeit hören müssen. Aber ehrlich, das müssten sie auch, wenn sie in Jeans und Pullover in einer der anderen Bars an der Langstrasse arbeiten würden.

Attraktives Fleisch findet man hier aber, gut zubereitet und mit interessanter Aussicht auf den Kreis 4 serviert. Ich werde wiederkommen.

PS: Die einzige Koketterie fand ich ganz zum Schluss auf der Rechnung. Und das war auch irgendwie herzig.

Handgemalte Herzchen. Kriegt wahrscheinlich jeder Gast, ist aber trotzdem nett.

Handgemalte Herzchen. Kriegt wahrscheinlich jeder Gast, ist aber trotzdem nett.

 

Die dunklen Stunden der 24-Hours-Gesellschaft

Réda El Arbi am Montag, den 18. August 2014
Zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens ist der Bahnhof ein Friedhof.

Zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens ist der Bahnhof ein Friedhof.

«24-Stunden-Gesellschaft» ist eines der Schlagworte, wenn in der Schweiz von Stadtentwicklung gesprochen wird. Wir spüren diesem urbanen Lebensgefühl des endlosen Tages im Hauptbahnhof nach, zwischen Samstagmitternacht und Sonntag sechs Uhr früh. Ein Augenschein.

23.57 Uhr
Die meisten Lokale am HB sind noch geöffnet, vor dem Federal sitzen die Stammgäste beim letzten Bier, die grosse Halle leert sich langsam. Partygänger strömen Richtung Escher-Wyss-Platz und Langstrasse. Man sieht grosszügig grelles Make-up, nicht geeignet für das Bahnhofsneonlicht. Irgendjemand muss den jungen Frauen weisgemacht haben, es wäre Sommer – die Miniröcke nicht breiter als Gürtel. Eine Welle aus Axe-Deo und Testosteron nebelt die Uhr am Treffpunkt ein. Jugendliche glühen vor, mit Wodka und Red Bull bei den Bänken in der Halle, um später in den Clubs kein Geld für Drinks zu verschwenden. Im Nachtshop in der Hallenecke kaufen einsame Männer einsame Fertigmahlzeiten auf dem Nachhauseweg.

0.16 Uhr
Unten bei den Schliessfächern kleidet sich eine kostümierte Hen-Night-Gruppe um, die Alltagsklamotten legen sie für fünf Franken im Teilzeit-Safe der SBB ab. Die Unsitte, in lächerlichen Kostümen in die Stadt zu kommen und alkoholisiert andere Alkoholisierte zu belästigen, hat in letzter Zeit überhandgenommen. Die jungen und nicht mehr ganz so jungen Damen sehen aber schon erschöpft aus. Sie sind auf dem Nachhauseweg, haben ihren Bissen der 24 Stunden bereits geschluckt.

Papa sucht einen neuen Schlafplatz. In Indien undenkbar: Schlafverbot am Bahnhof.

Papa sucht einen neuen Schlafplatz. In Indien undenkbar: Schlafverbot am Bahnhof.

Daneben eine Familie, dunkelhäutig und mit teurem Gepäck. Die Rail Security versucht sie wegzuweisen. «Schlafen ist nicht erlaubt», erklärt einer der jungen Uniformierten dem Vater der Familie. Und als dieser auf Englisch antwortet, dass sie nur auf den nächsten Zug nach München warten, schreit der Securitymann etwas lauter «Schlafen nicht erlaubt!», als ob die fremdsprachige Nachricht mit mehr Dezibel für den Mann verständlicher würde. Die Familie packt ihre Sachen zusammen und lässt sich von der halben Rolltreppe in die Mitte der Halle tragen. Ich erkläre dem Vater, dass man sich auch hier nicht hinlegen darf. Sitzen darf man die ganze Nacht, aber man sollte aufpassen, dass man sich nicht zur Seite neigt, sonst könnte man weggewiesen werden.

Im Zürcher Hauptbahnhof sind Nacht und Müdigkeit noch lange kein Grund, sich hinzulegen. Die jungen Sicherheitsleute wissen wahrscheinlich nicht, dass diese Regel noch aus den 90ern stammt, aus Platzspitz- und Lettenzeiten, als im Park nebenan Tausende Junkies lebten und dealten. Die Regel: «Kein Schlafen im Hauptbahnhof» war auf diese Drogensüchtigen gemünzt, nicht auf indische Europa-Reisende, deren Kinder kaum mehr die Augen offen halten können.

1.05 Uhr
Ich gehe weiter und genehmige mir einen Mitternachtsimbiss bei Burger King, einer der wenigen Anlaufstellen, die bis morgens um sechs geöffnet haben. Hier herrscht grosser Ansturm, eine letzte Stärkung vor dem Club, und für einige soll das Essen den bereits getrunkenen Alkohol aufnehmen und seinen Weg in die Blutbahn abbremsen.

1.18 Uhr
Nach Mitternacht bis morgens um zwei ist die ruhigste Zeit im Bahnhof. Die einen sind weg, die anderen noch nicht zurück. Die majestätischen Hallen leer, die eleganten Fernzüge dösen gemütlich auf ihren Gleisen der nächsten Reise entgegen. Einzig die Infrastruktur ist gefragt. Vor den Geldautomaten stehen Leute an, um Geld ins Zürcher Nachtleben zu tragen. Vor den Toiletten warten Leute, um das mit dem Geld eingekaufte Gut wieder in den Kreislauf der Stadt einzuspeisen. Das ewige Spiel des Lebens.

Kleine wieselflinke Reinigungskarts flitzen durch die Halle und nutzen die Stunde vor dem Rückflug der Partyvögel, um leere Bierbüchsen und umgekippte Pappbecher zusammenzukehren. Die Zeit schleicht. Ein Team Kantonspolizisten bereitet sich auf die Nachtschicht vor, scharf rasiert und freundlich die Männer, die Frauen abweisend mit praktisch zusammengebundenen Haaren.

«Samstag ist wie Vollmond», sagt einer der Beamten. Die Einsätze seien häufiger, mehr Randale, mehr Betrunkene. Für ihn bedeutet «24-Stunden-Gesellschaft» in erster Linie Nachtschicht. Ich frage ihn nicht, wies denn wär, wenn der Vollmond auf einen Samstag fiele.

2.05 Uhr
Ich setze mich ins Baretto, ein kleines Café. An der Bar bettelt eine Betrunkene in teuren Kleidern um einen weiteren Drink, nebenan sitzt eine junge Frau in einem 70er-Jahre-Kleidchen und lächelt gedankenverloren zwei Rosen an, die sie offenbar an diesem Abend geschenkt bekommen hat. Sie scheint einen guten Abend ausklingen zu lassen. Ich wünsche ihr, dass das gute Gefühl länger hält als die gefroren importierten Rosen.

Die Dame macht nicht Werbung fürs Nachtleben, sondern für die Bahnhofsapotheke.

Die Dame macht nicht Werbung fürs Nachtleben, sondern für die Bahnhofsapotheke.

2.15 Uhr
Ich mache meine nächste Runde um den Bahnhof und stelle fest, dass die Permanence, die ewige Arztpraxis, geschlossen ist. Das, obwohl sie sinnbildlich das Zürcher Nachtleben in den Auslagen ausstellt: Eine übergrosse Schönheit wirft sich eine Pille ein. Tagsüber fällt diese kleine Alltagsironie kaum auf.

2.47 Uhr
Die Nacht fordert ihr erstes Opfer: Zwei junge Frauen reden auf eine dritte ein, die in einer Pfütze am Boden sitzt und weint. Man weiss nicht genau, ob die Pfütze schon vorher da war, aber man hofft, dass die Frau sich bald erhebt. Eine Mischung aus Fremdschämen und Mitgefühl.

Endlich das erste grosse Drama: Die Taxifahrer auf dem Bahnhofsplatz weigern sich, Gäste für «zu kurze Fahrten» mitzunehmen. Also bis Goldbrunnenplatz oder Bullingerplatz. Die Zürcher Gäste lassen sich das nicht bieten und beschimpfen die Fahrer lautstark, andere Passanten unterstützen sie. Die Fahrer zeigen sich ungerührt. Endlich erbarmt sich einer, wohl weil er einen grösseren Aufstand fürchtet. Der Zürcher Servicegedanke ...

Der Akkordeonspieler aus Bukarest spielt nachts als wärs Nachmittag.

Der Akkordeonspieler aus Bukarest spielt nachts, als wärs Nachmittag.

Vor der Treppe beim Landesmuseum spielt ein Roma auf der kleinen Wiese Akkordeon, einige Leute sitzen da, man spricht miteinander, man bietet sich Zigaretten an und es könnte auch 18 Uhr oder jede andere Tageszeit sein. Keiner der Anwesenden kommt aus Zürich, die Umstehenden aus der Agglo, der Akkordeonist aus Bukarest. Und alle warten auf den Zug, der sie nach Hause bringt. Hier geht einem auf, wie es sich in einer Nonstop-Stadt anfühlen könnte.

3.05 Uhr
Die Clubber kommen in kleinen Gruppen zurück, getrennt nach Geschlecht. Die Jungs versuchen noch in den letzten Minuten vor der Heimkehr im Nachtzug ihr Glück bei den kleinen Herden grell geschminkter Bambis, die sich bereits den ganzen Abend erfolgreich gegen männliche Jäger verteidigt haben. Ab und zu bricht ein alkoholisiertes Reh im Cluboutfit aus und geht auf einen Spruch ein, nur um von den Leitmädchen wieder in die Reihe geschubst zu werden. Man gibt aufeinander acht.

3.45 Uhr
Ich drehe eine weitere Runde, auch durch den neuen Teil des Bahnhofs. Hell erleuchtet und verwaist gleicht er einer Kulisse aus einem Science-Fiction-Film. Die kleinen Reinigungsdroiden, gesteuert von dunkelhäutigen Männern mit müden Augen, unterstreichen die surreale Wirkung der Szenerie. Mit dem Strom, den man hier für die Beleuchtung braucht, könnte man wohl wirklich ein Raumschiff betreiben. Man lässt die Nacht nicht dunkel werden.

Surreale Kulisse im neuen Bahnhof-Teil.

Surreale Kulisse im neuen Bahnhof-Teil.

5.45 Uhr
Der Bahnhof füllt sich wieder mit den Gästen, die es aus den Clubs schwemmt. Die, die schon jetzt nach Hause gehen, konnten dem Alkohol wohl keine anderen Stimulanzien entgegensetzen. Einige scheinen wirklich Spass zu haben, andere scheinen jedoch eher unter ihrem Konsum zu leiden. Streitereien auf der Rolltreppe, eine Frau wirft ihre Handtasche nach ihrem Begleiter, nur um nachher weinend Lippenstift, Schlüssel und wahrscheinlich das Handy von den Rillen der bewegten Stufen zu klauben. Die ganz privaten kleinen Tragödien, von Samstagnacht-Drinks an die Öffentlichkeit gespült.

6.10 Uhr
Die ersten Sonntagspendler bevölkern den Bahnhof, die Dämmerung bricht an und wir verlassen die dunkle Seite des Stadtlebens.

Zur 24-Stunden-Stadt fehlt Zürich die Normalität des Nachtlebens. Bis auf einige wenige Lokale und die Clubs ist nachts in Zürich tote Hose. Kein Nachteinkauf wie in Bangkok, keine Schichtindustrie wie in New York, nur die Vergnügungsmeile ist in Betrieb. Die meisten Nutzer dieser schmalen urbanen Rund-um-die Uhr-Dienstleistungsgesellschaft scheinen auch nicht aus der Stadt selbst zu sein. Die Stadt nicht als Schmelztiegel, sondern als grosses Theater, in dem man sich kurz auf die Bühne begibt und wieder abtritt, wenn der Vorhang fällt. Zu einer echten Nonstop-Urbanität fehlen uns doch noch ein paar Stunden. Und die Selbstverständlichkeit, morgens um drei ein Mittagessen zu sich zu nehmen, wie man es etwa in Tokio macht.

Moderne Bahnhofsarchitektur ohne Menschen hat immer etwas Futuristisches.

Moderne Bahnhofsarchitektur ohne Menschen hat immer etwas Futuristisches.

Wer sind die Rich Kids?

Alex Flach am Montag, den 18. August 2014
Für eine Flasche Champagner mehr bezahlen als andere an einem Tag verdienen.

Für eine Flasche Champagner mehr bezahlen als andere an einem Tag verdienen.

«Endlich zuhause nach vier Stunden Gehweg von Zürich Altstetten nach Bremgarten. Das wird mir eine Lehre sein den letzten Zug zu verpassen.» Gemäss Google Maps braucht man für diese Strecke nur etwas über drei Stunden. Jedoch war der Verfasser dieses sympathischen Facebook-Status, der Aargauer Clubber Heni Henix, nicht bei Tageslicht und wohl auch nicht gänzlich nüchtern unterwegs.

Die meisten von uns kennen solche ausgedehnten Nachtspaziergänge, haben in ihren Sturm- und Drangjahren selbst welche unternommen: Die Brieftasche ist leer, ein Taxi unerschwinglich und die Wegstrecke scheint einem ziemlich gemütlich zu bewältigen. Nach drei Kilometern, wenn sich der letzte Rest Alkohol vom Blut verabschiedet und man erkennt, dass erst ein Fünftel der Strecke zurückgelegt ist, legt sich der Optimismus ein wenig.

Die Rich Kids von der Goldküste dürften solche Anekdoten nicht in ihrer Biografie stehen haben, sie beschäftigen andere Probleme: Wie das 20minuten am Donnerstag verkündet hat grämen sie sich weil nur noch Agglos in «ihren» Zürcher Edelclubs feiern. Sie würden daher auf Nobellokale im Ausland ausweichen oder ihren Champagner an privaten Home-Partys verspritzen. Aber was sind Rich Kids überhaupt?

Seit dem Bahnhofstrasse-Club St. Germain ist ihr Profil in Stein gemeisselt: Dekadente Söhnchen oder Töchterchen reicher Eltern, die sich nicht um die Erziehung ihres Nachwuchses kümmern und die ihre daraus resultierenden Schuldgefühle kompensieren, indem sie deren Taschen mit Geld füllen. Das ist natürlich nur ein stereotypes Vorurteil, ein Bild, das von ein paar betuchten Partyposern mit Hang zum schlechten Geschmack gemalt und das dann von der (nicht so begüterten) Allgemeinheit nonchalant auf alle jungen Goldküstenbewohner angewandt wurde.

Viele junge Menschen aus gutem Haus planen ihren Ausgang aufgrund ihres akademischen und kulturell interessierten Backgrounds und nicht anhand der Höhe des elterlichen Kontostandes, sind bereits zu St. Germain-Zeiten lieber an die Langstrasse oder nach Zürich West clubben gegangen als an die Bahnhofstrasse. Bloss haben sie sich in ihrem Umfeld nie als Kinder reicher Eltern zu erkennen gegeben und sind daher auch nie aufgefallen, ganz im Gegensatz zu ihren Geldgenossen in den Edelclubs. Die wiederum stammten oftmals gar nicht aus reichem Hause, sondern haben nur getan als ob und sich bisweilen gar in Schulden gestürzt, nur um mit ihren gut betuchten Kollegen mithalten zu können.

Andererseits waren und sind selbst Anführer der Zürcher Subkultur eigentliche Rich Kids: Tobias Rihs, einer der Betreiber der legendären Dachkantine auf dem Toni-Areal, ist der Sohn des Multimillionärs Andy Rihs (ehemals Phonak). Die Öffentlichkeit liebt Stereotypen, zeigt liebend gerne mit dem Finger auf Gruppen oder Einzelpersonen, ohne vorher abzuklären, ob die Wahrheit eventuell nur ein Vorurteil ist. In Geldmangel gründende Gewaltmärsche wie Heni Henix letzte Woche einen unternommen hat, brauchen wohl auch die im kulturellen Teil des Nachtlebens verkehrenden Rich Kids keine zu unternehmen. Mit der sinnentleert prassenden Geldjugend eines St. Germain haben sie aber noch viel weniger gemein.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Gesehen und für gut befunden

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag, den 14. August 2014
Klebrig und geil.

Klebrig und geil.

Dieser Sommer ist ja ein bisschen lauwarm, fast so wie eine dauerhafte Affäre. Zeit, die Zügel selber in die Hand zu nehmen und sich dem Genuss hinzugeben. Deshalb ein paar neue Dinge, die uns in Zürich aufgefallen sind und die auch etwas mit dem Sommer zu tun haben.

Grün und gesund.

Grün und gesund.

Der Saftladen
Man sieht sie in Grossstädten gerne: diese dickflüssigen, giftgrünen Säfte. Nun gibt es auch in Zürich einen neuen Laden, in dem man solche – sicherlich äusserst gesunden – Mixturen kaufen kann. In der Sasou Saftbar an der Neugasse mixt Tiffany Kappeler die Fruchtsäfte und die Smoothies gleich vor Ort. Wir haben einen namens Karma Police probiert. Was da drinsteckt? Fast nichts jedenfalls, was man sich in einem Getränk vorstellt: Gurke, Sellerie, Spinat, Birne, Petersilie, Koriander, Zitrone. Ist nicht nur ein gutes Accessoire, sondern schmeckt auch ausgezeichnet. Daneben gibt es im Sasou Sandwiches, Brotaufstriche, hausgemachte Kuchen und kalte Suppen zum Mitnehmen. Neugasse 41, 8005 Zürich. Facebook

Foto 2

Good to Go.

Feine Sandwiches
Der Good to Go bietet eine willkommene Alternative zum überall vorherrschenden Kebab-Einerlei. Hier sind die Sandwiches und die Salate mit frischen und originellen Zutaten angefertigt. Wir haben das Chicken Run probiert, es enthält unter anderem Mango, Crème fraîche, Kräuter, Avocado, Randensprossen und Sojasauce. Die «Lady-Portion» schlägt mit 9.50 Franken zwar stattlich zu Buche, doch das Sandwich ist gut. Die doppelt so grosse Variante kostet übrigens 16.50 Franken. Gerne mehr solche Orte in der Stadt, trotzdem.
Spitalgasse 12, 8001 Zürich. Good to Go

Bunt und klebrig.

Geiles Gazosa.

Champagner für Arme
Und wieder etwas, das einfach wahnsinnig gut aussieht, wenn man es trägt. Das Gazosa oder wie man es im Tessin wegen des zischenden Geräuschs beim Öffnen nannte, der Champagner der Armen. Es ist ja nicht so, dass das Angebot an Gazosa (Gazosi?) in Zürcher Lokalen nicht irgendwo zwischen umfassend und erschöpfend schwanken würde. Doch das Gazosa 1883 macht nochmals richtig Freude, auch weil es in Zürich entwickelt wurde und laut Hersteller alleine aus natürlichen Aromen gebraut wird. Das sind die Sorten, jede natürlich mit einer anderen, an den fernen Sommer erinnernden Farbe: Mela verde, Pompelmo rosa, Sanguinella, Moscato, Limone, Mandarino und neu auch Mirtille. Wie es schmeckt? Klebrig und geil. Erhältlich in der Bar Ihres Vertrauens oder online bei Langendorf.

Gebrüder Müller.

Gebrüder Müller.

Möbel für alle
Im Quartier Enge haben die Brüder Samuel und Dominik Müller das Möbellager eröffnet. Sie schreiben: «Egal ob Beizenstuhl, Gartenmöbel, Gussfüsse, BAG-Turgi-Lampen oder Eames-Stühle, Einzelstücke oder Grossaufträge, bei uns sind Sie richtig.» Glauben wir auf der Stelle, weil die Müllers feine Typen sind. Gleich nebenan gibts übrigens eine Kaffeerösterei und das billigste Benzin der Stadt. Bederstrasse 85, 8002 Zürich. Möbellager

Gute Getränke.

Gute Getränke.

Piraten am See
Und dies noch: Dieser Anlass katapultiert einen mental in die Südsee. Wir waren im letzten Jahr schon an der Rum-Degustation im Fischers Fritz direkt am Zürichsee – in Leinenhosen, Panama-Hut und bis zum Bauchnabel geöffnetem Hemd, versteht sich. Werden wir auch in diesem Jahr tun, Wetterkapriolen hin oder her. Mittwoch, 20. August ab 17 Uhr. Paul Ullrich

Foto

Gone.

Adieu!
Und dann doch noch dies: Eigentlich wollten wir auch etwas über den neuen Kaffeeladen gleich bei uns um die Ecke schreiben. Der hatte immer lustige Schilder draussen. Doch ist da nichts mehr ausser dem hingeschmierten Hinweis «Danke Züri». Schade. Und gerne wüssten wir mehr über dieses kurze Glück.

Ein Zürcher in Wien

Réda El Arbi am Mittwoch, den 13. August 2014
Irgendein Winer Held, der irgendwann mal die Geschicke Europas verändert hat.

Irgendein Wiener Held, der irgendwann mal die Geschicke Europas verändert hat.

Wir Stadtblogger verlassen die Stadt Zürich immer mal wieder, um unseren Horizont zu erweitern – und um uns zu überzeugen, dass Zürich noch immer der Nabel der Welt ist. Dieses Mal war unser Autor in Wien.

Mit dem Zug nach Wien zu reisen verhindert einen Kulturschock. Die rund zehnstündige Zugreise beginnt mit einem Abteil voller Zürcher, die sich Station für Station langsam gegen Österreicher einwechseln. Bei St Pölten, kurz vor Wien, merkt man plötzlich, dass man die Leute zwar noch versteht, dass sich die Atmosphäre im Waggon aber eindeutig geändert hat. Die Leute sprechen miteinander, auch wenn sie sich nicht vorgängig kennen.

In Wien angekommen, nehm ich die U-Bahn vom Westbahnhof in den 2. Bezirk. Und hier, im U-Bahnwagen, fällt mir der erste grundlegende Unterschied zwischen Zürich und Wien auf. Ich komme aus einer Stadt der stummgeschalteten Handys. Wenn in Zürich jemand per Whatsapp oder per SMS kommuniziert, erntet er beim dritten Bimmeln böse Blicke. Hier in Wien fühlt man sich wie in einem MTV-Werbespot für Klingeltöne. Niemand scheints zu stören, und auch ich bin nur ein wenig erstaunt, dass ich im Gebimmel und Geklingel der Mobiltelefone Melodien erkenne, die ich seit zehn Jahren nicht mehr gehört hab.

Ein Vollbad in Geschichte

«Du gehst nach Wien?», fragte mein Umfeld vor meiner Reise, um gleich anzuführen: «Wunderbare Stadt! Blablabla Kultur! Blablabla Geschichte! Blablabla Sissi! Blablabla Freud!», während ich eigentlich nur «Schnitzel!» und «Kaffeehäuser!» denke. Ich muss zugeben, Museen und Kultur interessieren mich nur am Rande. Ich wollte eher Wiener kennenlernen. Nur, in Wien kriegt man das eine nicht ohne das andere.

Jede Ecke dieser grossen Stadt ist geschwängert mit Vergangenheit, vollgesogen mit Zeitgeschehen. Während in der Zürich Geschichte gepflegt werden muss, gammelt sie hier in Wien in jeder Häuserzeile vor sich hin. Statuen grosser Männer, die irgendwann mal in Kultur, Politik oder Wissenschaft Europa geprägt hatten, stehen an jeder zweiten Kreuzung den Tauben zur Verfügung. In der Schweiz wär das unerträglich, da wir unsere Helden viel stärker herausputzen. Hier in Wien gibts einfach zu viele davon, als dass man sich noch wirklich um die Einzelnen kümmern könnte. Und so rosten die Helden so mancher geschlagenen Schlacht mitten in den Abgaswolken vor sich hin, ohne dass jemand sie beachtet. In Wien muss man keine Museen besuchen. Wien ist insgesamt ein etwas vernachlässigtes Museum. Das macht die geballte Ladung an Vergangenheit erträglich.

Titel und Status

Aber es sind nicht nur die Strassen, die alte Geschichten erzählen. Auch die Gesellschaftsstruktur trägt noch die Züge der Monarchie. Mir, als direktdemokratischem Schweizer ohne monarchistischem Hintergrund, fällt auf, dass die Menschen hier noch in einer Hierarchie eingebunden sind, die mir völlig unverständlich ist. Adel zählt, genauso wie ein akademischer Titel, Während meine Freunde ihren «Dr.» eher hinter ihrem praktischen Leistungsausweis verstecken, wird hier auch eine Psychotherapeutin von ihren Klienten noch mit «Frau Doktor» angesprochen. Man stellt sogar einen «Magister» vor seinen Namen, wenn man einen hat. Auch Adelstitel klingen noch immer in der Who-is-Who-Welt Wiens. Wo wir C-Promis haben, haben die Wiener die letzten übriggebliebenen Brosamen der Monarchie.

Die Vorstellung, dass eine Elite die Gesellschaft führen müsse, ist hier noch sehr lebendig. Auf der anderen Seite ist hier die Linke auch wirklich noch eine Arbeiterbewegung und nicht ein Verein mittelstandsverweichlichter Möchtegern-Sozialisten wie bei uns. Die politische Kultur erinnert an die 1920er Jahre in Zürich.

Der bescheidene Habsburger

Ich treffe in einem Café beim Palmhaus per Zufall einen Habsburger, einen echten. Eduard Habsburg-Lothringen (mit vollem Namen: Eduard Karl Joseph Michael Marcus Antonius Koloman Volkhold Maria Habsburg-Lothringen). Er benutzt nur seinen Kurznamen und protzt auch nicht mit seinen anderen Titeln (obwohl er sich wahrscheinlich Professor und Erzherzog nennen darf). Er erzählt Geschichten, in denen Geschichte mitschwingt. Seine Grosseltern mussten vor den Russen fliehen, in die Schweiz und danach nach Deutschland. Er kam zurück nach Wien. Er versucht, seine weitläufige Familie ins 21. Jahrhundert zu führen. Zum Beispiel mit einer Facebookgruppe für die Adelsfamilie Habsburg oder mit seinem Twitteraccount. Er erzählt, dass sie (die Habsburger) sich kürzlich einig werden mussten, wie man sich zum 100. Jahrestag des 1. Weltkriegs verhielte. Keine leichte Aufgabe, wenn die eigene Familie für einen Weltkrieg verantwortlich gemacht wird. Und trotz aller Bescheidenheit glaubt Eduard an Hierarchie. Er ist Medienreferent des Bischofs von St Pölten und überzeugter Anhänger des Papstes, der wohl als letzter Mensch auf der Welt noch eine Art kaiserlichen Status besitzt.

Hier ist alles etwas grösser, etwas gewichtiger. Wien war das Herz Europas, jahrhundertelang der Motor europäischer Geschichte. Jetzt steht dieses Herz jedoch in einem Konservierungsglas des medizinhistorischen Museums. In der Gegenwart ist Wien irrelevant für das politische Europa. Das erklärt vielleicht, wieso hier die Geschichte noch Platz im Alltag hat.

Freizeit und Kontakt

Abends mache ich mich auf in die Hipstergegend, ins Museumsquartier. Hier treffen sich die Wiener im Ausgang. Natürlich gehts auch hier nicht ohne Kunst und Kultur, aber die Atmosphäre ist gelöst, man trinkt Bier auf dem Platz. Es dauert etwa zwanzig Minuten, bis mir auffällt, dass etwas fehlt: Keiner kifft. In Zürich ist ein Sommerabend in der Stadt ohne den süssen Duft einheimischen Grases undenkbar. Auch findet man hier schnell Kontakt, Leute sprechen mit mir, ohne dass ich jemanden kenne. Erstaunlich, wenn man aus Zürich kommt, wo man erst als Freund eines Freundes ein Gespräch mit jemandem beginnen darf. Die Wiener leben ihren Status und ihren Dünkel eher im Alltag, mit ihren Titeln und ihrem gesellschaftlichen Stand. Die Zürcher hingegen zeigen ihren Status eher in der Freizeit. Es ist uns wichtiger, den DJ zu kennen, als den Architekten, der den Club gebaut hat.

Nach zwei Tagen Wien vermisse ich noch immer die sprichwörtliche  Wiener Leichtigkeit. Ich sauge eine etwas melancholische Stimmung auf und mir wird die Stadt zu schwer – alles ist gewichtig, monumental, etwas grossspurig. Ich setze mich in den Zug nach Zürich, zurück in die Gegenwart, zurück in die oberflächliche Leichtigkeit, weg von der mächtigen Donau, heim an die beschauliche Limmat.

Wien ist wunderbar. Aber, genau wie das Wiener Essen, ist die Stadt vollgesogen mit sinnbildlichem Öl, das zwar gut runterrutscht, aber schwerer im Magen liegt, als man erwartet.

Mogelpackung «Sonnentanz»

Alex Flach am Montag, den 11. August 2014
Deichkind waren nicht die Einzigen, die wieder ausgeladen wurden. M-Budget-Lineup.

Deichkind waren nicht die Einzigen, die wieder ausgeladen wurden. M-Budget-Lineup.

An diesem Wochenende fand in Jonschwil das Sonnentanz Festival statt. Nachdem bereits am Freitag und mit Deichkind der erste Headliner aus dem Line Up gekippt wurde, haben die Veranstalter um Thomas Kolar auch überstürzt Moonbootica und Joachim Garraud ausgeladen und zwar ohne dies zu kommunizieren. Begründung: Man habe halt keine Erfahrung mit einem Festival dieser Grösse, sei mit der Situation überfordert gewesen und von den Kosten überrumpelt worden, meinte Kolar zu einem Reporter des Newsportals Top Online.

Diese Einsichten zeugen von einer gesunden Fähigkeit zur Selbstkritik, auch wenn sich natürlich die Frage stellt, wieso er sich nicht jemanden an Bord geholt hat, der über Erfahrung mit einem Event in diesen Ausmassen verfügt. Die Aussage, man hätte so handeln müssen, da das Überleben des Festivals sonst gefährdet gewesen wäre, ist jedoch nichts weiter als Optimismus bar jeder Grundlage – Nach dem Desaster von diesem Wochenende dürften ziemlich alle relevanten Booking-Agenturen Kolar künftig die Türe vor der Nase zuschlagen.

Nicht nur die kurzfristig ausgeladenen DJs und Musiker fühlen sich verschaukelt: Der slowenische DJ Umek liess via Facebook verlauten, er habe am Sonnentanz leider nicht spielen können, weil der Veranstalter seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachgekommen sei. Dem Vernehmen nach ist er nicht der einzige DJ, der um sein Geld geprellt wurde. Auch die Festivalbesucher dürften sich veräppelt fühlen, haben sie doch nur eine gerupfte Version des Line Ups geboten gekriegt, für das sie bezahlt haben. Es ist üblich, dass Festivalveranstalter ihre Ticketing-Bedingungen, inklusive der Konditionen für Rückerstattungen, in den AGB auf ihrer Page publizieren. Klickt man jedoch auf der Page des Sonnentanz-Festivals auf den AGB-Link, tut sich rein gar nichts. Ob die entsprechende URL bereits vor dem ganzen Chaos nicht mehr funktioniert hat oder ob er für eine «Anpassung» offline genommen wurde, lässt sich nicht feststellen …

Andere Open Air-Veranstalter schliessen eine Rückerstattung nur im Falle von höherer Gewalt, beispielsweise wegen unzumutbarer Wetterbedingungen, aus. Planerische Unfähigkeit und mangelhafte Budgetierung als höhere Gewalt zu bezeichnen, wäre zwar einigermassen humorvoll, aber sicher nicht korrekt. Die rechtliche Handhabe ist schwammig und es fehlen Schweizer Präzedenzfälle im Ausmass des Tohuwabohus, wie es am Sonnentanz-Festival über die sprichwörtliche Bühne gegangen ist. Ob Kolar rechtlich zu einer Rückerstattung der Ticketpreise an die Festivalbesucher verpflichtet werden kann, liesse sich wohl nur im Zuge einer Sammelklage der Betroffenen klären.

Dazu wird es jedoch kaum kommen: Die Erfahrung zeigt, dass Festivalbesucher viel zu viel hinnehmen, dass sie bereit sind beinahe jede Unverfrorenheit widerstandslos zu schlucken und ihrem Ärger höchstens mal in einem Internetforum Luft machen. Wenigstens der Zensor des Sonnentanz-Festivals scheint seinen Job zu beherrschen: Ausser zwei, drei Beschwerden ist an der Facebook-Wall des Sonnentanz-Festivals seitens Besucherschaft nur euphorisches Lob zu finden.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Wir stopfen das Sommerloch

Réda El Arbi am Dienstag, den 5. August 2014
Die Medien wollen ihre Leser in dieser heissen Zeit nicht intellektuell überfordern.

Die Medien wollen ihre Leser in dieser heissen Zeit nicht intellektuell überfordern.

Die Saure-Gurken-Zeit ist angebrochen. Die Redaktionen müssen wegen Ferienabwesenheiten mit noch weniger Journalisten auskommen  und weit und breit ist keine brauchbare Geschichte in Sicht. Da kanns schon vorkommen, dass sich der eine oder andere Chef vom Dienst zu einer Sommerlochgeschichte hinreissen lässt. Wir haben ein paar zusammengetragen:

Die wohl weltweit krasseste Sommerloch-Geschichte kommt aus Kanada und wurde von namhaften Medien wie zeit.de und focus.de aufgenommen:

Wird nicht mehr vom kanadischen Premier verfolgt?

Wird nicht mehr vom kanadischen Premier verfolgt?

Der Twitterskandal
Der  kanadische Regierungschef Stephen Harper  folgt Homer Simpson nicht mehr auf Twitter! Und damit nicht genug: Die Meldung hat sich im Nachhinein als schlecht recherchierte journalistische Arbeit herausgestellt: Harper hatte ZWEI Twitteraccounts, einen französischen, der Homer Simpson niemals folgte, und einen englischen, der noch immer Follower der Cartoonfigur ist. Nun, Homer hat so viele Follower auf der Social Media Plattform Twitter, dass ihm dieser eine wohl auch nicht fehlen würde. Das sind doch mal harte News.

 

Manchmal retten nur Leserreporter vor dem Sommerloch. (Screenshot)

Manchmal retten nur Leserreporter vor dem Sommerloch. (Screenshot)

Der Brötchenskandal
Als Nächstes haben wir eine Geschichte aus unserem Schwesterblatt «20 Minuten»: Hier hat sich das Sommerloch als Servicegeschichte getarnt: Bei McDonalds im Welschland gabs ein (1!) verschimmeltes Brötchen! Und wie die mediale Dynamik funktioniert, hat die betroffene Filiale alle Brötchen aus dieser Herstellungsserie weggeschmissen, nachdem die Kollegen darüber berichtet hatten. Natürlich, ohne ein weiteres verschimmeltes Brötchen zu finden. Wir meinen: Wer den Link zwischen dem schlechten Wetter und einem Schimmelbrötchen machen kann, sollte für den Pulitzerpreis nominiert werden.

 

Das Beweisbild nach harter Recherche gefunden. (Screenshot)

Das Beweisbild nach harter Recherche gefunden. (Screenshot)

Die Jacke, die Geschichte schrieb
Eine wunderschöne, historisch relevante Geschichte haben die Kollegen vom «Blick» aufgedeckt: Die deutsche Bundeskanzlerin Merkel hatte offenbar eine Jacke, die sie auf einem neueren Bild trägt, bereits vor achtzehn Jahren schon mal getragen. Wir stellen uns die investigativen Journalisten im hektischen Newsroom vor, wie sie Berge von Bildmaterial durchpflügen und dann, morgens um Zwei, endlich erfolgreich den Beweis finden. Die Moderedaktorin mit diesem harten, befriedigten Zug um den Mund vor erschöpftem, aber zufriedenem Recherche-Team: «Ich habs doch gewusst.»

 

Ein Loch für heisse Luft. Wir schenken ein «G» für «Versorgungsstollen».

Ein Loch für heisse Luft. Wir schenken ein «G» für «Versorgungsstollen».

Das Loch für heisse Luft
Die «alte Tante» NZZ sieht sich ihrem Ruf verpflichtet und bringt keine bunten, schillernden Geschichten, sondern bleibt bei harten Fakten – sie berichten wortwörtlich über ein Sommerloch. Eins, das in Winterthur zur Zeit entsteht: Ein 1 Kilometer langer Tunnel für Fernwärme. Ein Loch für heisse Luft also.  Aber die Relevanz der Geschichte ist nicht der NZZ anzukreiden, ist sie doch von der Newsagentur SDA übernommen. Die Sparmassnahmen in der Redaktion lassen sich jedoch erahnen: Nicht einmal genug Buchstaben für den Titel sind der NZZ geblieben.

Von den Newsportalen von «Watson» und «Blick am Abend» können wir Ihnen leider keine verbürgte Sommerloch-Geschichte bieten. Wir konnten sie zwischen den ganz alltäglichen Buzzfeed-Listen und Youtube-Filmchen nicht definitiv identifizieren.

Die frechste aller Sommerloch-Geschichten haben wir jedoch im eigenen Haus gefunden. Wer nicht glaubt, mit was für plumpen Tricks die Typen vom Tagi versuchen, die Leser zu unterhalten, sollte mal hier einen Blick drauf werfen:
Sommerloch-Geschichte auf tagesanzeiger.ch

Ein Requiem für die Street Parade

Alex Flach am Montag, den 4. August 2014
Die ursprüngliche GEist der Street Parade ist tot. Das Zürcher Nachtleben braucht eine neue Ausdrucksform im Sommer. Bild: motleyphotos.net

Die ursprüngliche Geist der Street Parade ist tot. Das Zürcher Nachtleben braucht eine neue Ausdrucksform im Sommer. Bild: motleyphotos.net

Die Musik war kommerzieller Mist. All die Karnevalsjecken, die denken, uniforme Gruppenverkleidungen seien lustig, hätten in den See geschubst gehört. Ebenso diese unsägliche Marketingbühne von Opel, mitsamt den arschwackelnden und mit Schmetterlingsflügeln bewehrten Hupfdohlen. Und hätte sich einer der besoffenen Idioten, die in der Menge Restposten ihres 1. August-Feuerwerksarsenals gezündet haben, nicht noch einen Chinaböller für den vorbeituckernden Ballermannjockey Oliver Pocher aufsparen können? Es war ein farbenfrohes Trauerspiel mit 950‘000 Stillosen.

Falls Sie nun der Ansicht sind, dass sei nur miesepetriges Gewäsch von einem Altszeni, der nicht damit fertig wird, dass man ihm irgendwann zwischen 1995 und 2002 ‚seine‘ Parade gestohlen hat… dann haben Sie recht. Irgendwann in dieser Zeit hat sich der letzte angesagte Undergroundclub vom Umzug verabschiedet, die Street Parade ist vom Spiegel der Zürcher Clubkultur zur Massenfasnacht mit Beschallung mutiert. Unsere Party ist nun ein Fest der anderen und die Angehörigen des Organisationskomitees fortan nicht mehr  aus den Reihen der Zürcher Clubszene, sondern egoistische Eigenbrötler ohne Bezug zu jenen, denen sie alles zu verdanken haben. Zieht man aber die Kränkung des vermeintlichen Verrats ab, bleibt die Street Parade einfach ein kommerzielles Erfolgsprodukts, das nicht mehr vom Hype des Neuen umweht wird.

Die Schuld dafür kann niemandem in die Schuhe geschoben werden, es ist bloss der Lauf der Dinge. Und es gibt keinen Weg zurück: Alle Versuche des Zürcher Nachtlebens und der Street Parade sich wieder anzunähern sind gescheitert, weil der Umzug längst nicht mehr zu den Clubs gehört, sondern einen Teil der städtischen Imageförderung darstellt. Deshalb sollte diese auch ihre Pflicht endlich wahrnehmen und die Street Parade in gebührendem Masse fördern und das Organisationskomitee nicht alljährlich unter grösstem finanziellem und organisatorischem Druck arbeiten lassen. Wann finden sich denn mehr gutgelaunte Menschen in Zürich ein als an diesem Tag im August? Wann bestaunen denn mehr Leute auf einmal die Schönheit der Stadt und fahren mit einem Lächeln wieder nach Hause? Kann es eine bessere Werbung für Zürich geben, als dieses Fest?

Die Stadtverwaltung scheint die Street Parade jedoch mit demselben abschätzigen Blick zu taxieren, wie die Anführer des Nachtlebens und tut sehr viel, um sie zu regulieren und viel zu wenig, um sie zu erhalten. Die Nightlifemacher hingegen sollten so langsam ihren Liebeskummer überwinden, sich mit dem Gedanken abfinden, dass die Street Parade längst nicht ihnen gehört und sich auf die Suche nach einer neuen Ausdrucksform machen. Das muss ja nicht gleich wieder zu einem Monstrum in den Dimensionen einer Street Parade avancieren, es darf ruhig auch ein paar Nummern kleiner sein. Hauptsache die Zürcher Clubs finden wieder eine Möglichkeit, um ihr Schaffen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, um gemeinsam und mit Freunden und Interessierten zu feiern, ganz so wie es an den Street Parades bis Mitte der 90er der Fall war. Es ist an der Zeit loszulassen, den einsamen Schmollwinkel zu verlassen und um sich eine neue, kollektive Liebe anzulachen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Street-Parade: «Genug ist genug!»

David Sarasin am Freitag, den 1. August 2014
Mitmachen darf nur noch, wer sich klar mit Trash vom Coolness-Diktat befreit.

Mitmachen darf nur noch, wer sich klar mit Trash vom Coolness-Diktat befreit.

Das kann einem die Vorfreude vermiesen: Zum ersten Mal in der Geschichte der Street Parade laden deren Macher Gäste aus. «Genug ist genug», lässt sich Paul Benz aus dem Street-Parade-neben-OK zitieren. Er meint damit die Zürcher Clubbetreiber, die die Street Parade «seit Jahrzehnten schon» als zu Mainstream verunglimpften und «die sich selber für was Besseres halten». «Irgendwann platzt auch uns die Federboa», sagt das OK-Mitglied.

Dabei stand die Street Parade, ganz entgegen der Türpolitik der Zürcher Clubs, schon immer für Demokratisierung des Clublebens. «Veronika aus Sursee ist am Umzug ebenso willkommen wie der seit drei Tagen auf Speed feiernde Fredi aus Emmenbrücke», führt Benz weiter aus. Eine Million Gäste müssten es sein. Darunter macht man nichts mehr, so lautet das inoffizielle Credo der Streetparade. Bisher. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Streitschrift aufgetaucht

«Entmachtet den Party-Adel, aber subito», heisst es in einem 250-seitigen Pamphlet, das die Macher via Rave-Forum "Happysmilelove" veröffentlicht haben. Der Hauptpunkt darin: Es werden jene Ausgeladen, die sich Jahr für Jahr darüber beschweren, dass das Geschmacksbewusstsein am Techno-Umzug ganz genauso wie die ganzen Bier- und Monsterdrink-Dosen in die Limmat geworfen würden. Die Fronten sind mittlerweile so hart wie die Faust eines Türstehers.

In den innerstädtischen Clubs reibt man sich derweil die geröteten Augen. «Krass», sagt ein Vertreter eines Underground-Ladens, der lieber auch nachts eine Sonnenbrille trägt und somit unerkannt bleibt. Die Macher der Streetparade halten weiter drauf: «Jetzt haben wir uns jahrelang auf der Puder-Nase herumtanzen lassen von den sogenannt Coolen!» Im Pamphlet mit dem Titel «Kopf ab, Sau!» - ein Rundumschlag sondergleichen - kritisieren die Autoren auch die Einlassregeln der angesagten Clubs, über die gerade diese Woche auch in diesem Forum diskutiert wurde. Dass man sie dort nicht haben möchte, die normalen Leute, die Verkleideten, die Übergewichtigen mit den unschicklichen Manieren.

Miese DJs an die Macht!

«Pro Oben-Ohne-Omas und Gürteltier-Opas», heisst eines, am Humanismus eines Erasmus von Rotterdam (sie wissen schon, Rotterdamm) geschulte Kapitel der Kampfschrift. Unterstützung erhält die Street-Parade unter anderem von einer rechtsradikalen Eltern-Kinder-Vereinigung im Solothurnischen und von einem deutschen Promi. Der lässt per Tweet mitteilen: «Kein noch so beschissener DJ ist illegal!». Dass das OK vermehrt die Geistesverwandtschaft mit den Akteuren der französischen Revolution herausstreicht, erstaunt niemanden: «Guillotine pour Selekteure» oder «Licht in den Underground bringen» heissen die aufklärersichen Kampfansagen darin. Als Vorbild dienen unter anderem auch die Kommentarspalten der Online-Portale, wo schliesslich auch jeder sagen dürfe, was er wolle.

Kurz: Selbstverwirklicher und Individualisten, Extravertierte und Egozentriker, Coole und Engagierte bekommen ihr Fett weg. Man wolle endlich ein Zeichen setzen, bevor die westliche Welt ganz an seinen «Güllenfass hohen ästhetischen Ansprüchen zugrunde gehe», heisst es im Buch.

Clubbetreiber wehren sich im Zischtigsclub

«Die müssen ja gar nichts sagen», kontern wiederum die Zürcher Partymacher. Und berufen einen Ziischtigsclub ein mit dem Thema: «Wieviel nackte Omas mit grüner Perrücke darf man in Zeitungen noch zeigen?» Gästeliste gibt es für diesen Club keine, wodurch sich die Gegenseite schon wieder provoziert sieht: «Getraut euch bloss nicht an die Parade am Samstag, sonst werden wir euch in im  verschmutzten See entsorgen». Neutrale Beobachter beurteilen die Lage mit der nötigen Skepsis: «Die sind doch alle nicht ganz richtig im Kopf, diese Dummärsche». Eins ist klar, wir verziehen uns am Samstag irgendwohin in den Aargau.