Tages-Anzeiger



Die freundlichen Krieger

David Sarasin am Dienstag, den 3. Februar 2015
IMG_9370

This is where the Magic happens. Der Comicladen an der Dienerstrasse.

Es gibt sie tatsächlich, die Parallelgesellschaften. Eine davon versammelt sich jeweils am Freitagabend im Langstrassenquartier. Die Vorstellung und die Realität stimmen überein: In einem von Neonlicht beschienenen Vereinslokal verhandeln junge Männer Utopien, tauschen Spezialwissen aus, rüsten sich auf den grossen Kampf der Welten. Wer als Fremder dazustösst, versteht nichts davon, was hier geredet wird, aber beginnen wir von vorne.

Kabooom! steht über dem Laden an der Dienerstrasse. Im Innern ein Comic-Geschäft und das Reisebüro Imperial Reisen. An den langen Tischen im hinteren Teil des Raumes versammeln sich Männer zwischen 15 und 45. Schwer, für sie einen gemeinsamen Nenner zu finden. Vielleicht so: Hemd trägt niemand, Jeans und Rucksäcke dagegen fast alle. Getränke findet man auf den Tischen fast keine. Ein, zwei Dosen Bier sind auszumachen. Aber es geht hier nicht ums Trinken, es geht hier um Magic.

Mehr als 12 Millionen Spieler

Das, was ich von diesem weltweit verbreiteten Sammelkartenspiel bei einer kurzen Einführung verstanden habe: Eins gegen eins treten die Zauberer gegeneinander an. Ihre Waffen: Spielkarten mit sorgfältig gemalten Illustrationen und Angaben zu Abwehrkräften, Kampfstärke und tausend anderen nützlichen Dingen. Mehr als 14'000 verschiedene Karten sind seit der Markteinführung 1993 herausgekommen. Monatlich stossen neue hinzu. Bei Youtube gibt es Videos, in denen adoleszente Männer (ja, es sind nun mal meist Männer) ausführlich und in Echtzeit Päcklein der Sorte Panini öffnen, nur um dann beim Fund einer besonderen Karte in Begeisterungsstürme, ja in Tränen auszubrechen – «Oh. Mein. Gott!». Fast 500'000 Menschen haben den Clip gesehen. Kein Wunder: Mehr als 12 Millionen spielen weltweit Magic. Etwa 30 davon an diesem Abend an der Dienerstrasse.

Patrick Koller, der Geschäftsführer des Comic-Shops Kabooom! und Veranstalter der Magic-Abende, stellt dem Stadtblogger Philipp vor. Philipp entspricht dem Vorurteil des Rollenspielers punktgenau: Heavy-Metal-T-Shirt, Rucksack, im Ansatz ein Bauch. Dazu arbeitet er als Informatiker – wie scheinbar nicht wenige hier – und ist 23 Jahre alt. Seine Karten hat er in kleinen Plastikmappen versorgt, damit sie sich beim Mischen nicht abnutzen. Er sagt Sätze wie «Wir sind Aussenseiter, manchmal begaffen uns die Leute von draussen wie Zootiere». Seine Spiele bestreitet er auf einer Art Jassteppich mit Herr der Ringe ähnlichem Print. Philipp ist ein sehr freundlicher Zeitgenosse. Alles in allem ein stimmiges Gesamtbild.

Der Baum im menschenleeren Wald ...

«Für mich ist Magic eine Art Meditation», sagt Philipp. «Hier lerne ich, zuerst zu denken und dann erst zu handeln.» Und natürlich geht es darum, mit anderen Spielern zusammenzukommen. Um sich, wie sich herausstellt, über Strategien und Regeln zu unterhalten – das in durchaus akademischer Manier. Manchmal purzeln Witze durch den Raum, die der Autor dieser Zeilen leider noch nicht einmal im Ansatz versteht. Bleiben auch die anderen in der Runde still, erinnert die Situation bald an den berühmten Baum, der im Wald umfällt, während kein Mensch zugegen ist. Die kosmische Einsamkeit, sie weht bisweilen auch durch dieses kleine Vereinslokal.

Der Kampf der Spielunterlagen.

Der Kampf der Spielunterlagen.

Aber wir schweifen ab. Das Spiel ist bereits in vollem Gange. Philipp sitzt einem knapp 20-jährigen Zauberer namens Kai gegenüber, auch dieser ist Informatiker. Kai bewegt sich so hastig wie ein Tischtennisspieler. Er lächelt nie und blinzelt oft. Dominik legt seine Karten zögerlich auf den Tisch, manchmal zu langsam für Kai, der nicht damit zurückhält, seiner Ungeduld Ausdruck zu verleihen. Sowieso:  Rechthaberei scheint in Magic-Kreisen nicht verpönt. Zumindest nicht an Philipps Tisch.

Der grosse Insider-Witz

Nach fünf Minuten ist das Spiel bereits zu Ende, «Das glaube ich ja nicht», sagt Philipp und lächelt freundlich. Und sagt dann sympathisch: «Ich bin eben bloss ein durchschnittlicher Spieler, zwar mit solidem Hintergrundwissen, aber teilweise schlechter Ausführung.» Lukas, ein offenbar besonders talentierter Zauberer und Magic-T-Shirt-Träger, tigert mit hinter dem Rücken verschränkten Armen durch die Reihen. Bei Regel-Unklarheiten ist er zur Stelle. Er spöttelt in Englisch, mal hier, mal da. Es sind keine plumpen Beleidigungen, sondern Bonmots zum Regelwerk und waghalsige Theorien zu den Spielabläufen, so viel geht aus dem Gesagten hervor. Der nervöse Kai lacht laut und kontert. Das Treffen mausert sich zu einem grossen Insider-Witz, etwas, das grosse Freundschaften auszeichnet.

Wer der Sieger ist, erfährt der Schreiber nicht mehr. Draussen vor der Tür trifft er während der Spielpause ein paar Gleichaltrige, die seit ihrer Zeit am Gymi spielen. «Man kommt eben nur schwer davon los», sagt einer. Ein anderer fragt: «Bist du nicht eben bei diesen Nerds dahinten gesessen?» Es ist zwar keine homogene Gruppe hier an der Dienerstrasse, doch etwas vereint die Männer: Sie verschwenden strategisches Talent, Geld und eine Menge wirtschaftlich gesehen produktive Energien für ein Spiel mit Drachen und Zauberern. Da muss noch etwas anderes dahinterstecken, es geht nicht anders. Deshalb die Warnung: Wenn diese Gruppe weiterhin im Geheimen wächst, muss man sich auf einen sektiererischen Staat mit verfeindeten Königreichen, mystischen Gebirgen und feuerspeienden Drachen gefasst machen. Reagieren wir also, bevor es zu spät ist!

Euro-DJs – billigere Clubnächte?

Alex Flach am Montag, den 2. Februar 2015
Trotz starkem Franken werden wir DJs aus Europa nicht billiger geniessen dürfen.

Trotz starkem Franken werden wir DJs aus Europa nicht billiger geniessen dürfen.

Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die SNB Mitte Januar hätte auf den ersten Blick eine Goldgräberstimmung im Schweizer Nachtleben auslösen müssen, denn seit Jahren ächzen die Club-Betreiber unter den immer horrender werdenden Gagenforderungen ausländischer DJs.

Gerne begründen die Herren des Nachtlebens die (verhältnismässig) hohen Eintritts- und Barpreise mit den immensen Kosten für DJ-Honorare, denn irgendwo muss das Geld ja herkommen, das man den Turntable-Diven aus Berlin oder London Wochenende für Wochenende in die Taschen stopft. Einige Clubbetreiber, wie beispielsweise Sandro Bohnenblust vom Supermarket, spielen gar offen mit dem Gedanken, gänzlich auf Bookings grosser Namen aus dem Ausland zu verzichten und sich bei der Zusammenstellung ihres Programms ausschliesslich an die blühende Schweizer DJ-Szene zu halten – wären die DJ-Gagen nur tiefer, es würden sich völlig neue Möglichkeiten eröffnen.

Nun ist der Euro gegenüber dem Franken tatsächlich eingebrochen und geändert hat sich trotzdem nichts, weder bei den Preisen für Eintritte und Drinks, noch bei der Zusammensetzung der Line Ups. Das hat unterschiedliche Gründe: Die Gagen der DJs spielen, neben der Raummiete, den Lohnkosten für Angestellte und den Aufwendungen für die Technik halt doch nur eine von vielen Rollen bei der Budgetierung eines Clubbetriebes.

Zudem werden international bekannte DJs Monate im Voraus gebucht und ihre Schweizer Februardaten standen schon lange vor dem Fall des Euros fest; ebenfalls ein Grund, warum die Schweiz dieser Tage nicht von Star-DJs überrannt wird. Wer den Kurszerfall hingegen umgehend zu spüren bekommen hat, sind die im europäischen Ausland aktiven Schweizer DJs, denn deren Gagen werden hauptsächlich in Euros ausbezahlt. Samy Jackson vom Zürcher Duo Animal Trainer meint lapidar: «Die Gage in Euro zu bekommen ist gar nicht mehr so geil…».

Dahingegen werden die Schweizer Clubgänger auch künftig nicht vom tiefen Euro profitieren: Viele DJs interpretieren ihr Entgelt als höchst flexible Grösse, die sie dem sie buchenden Club anpassen. International gut vernetzte Clubs die auch im Ausland einen exzellenten Ruf geniessen, wie beispielsweise der Basler Nordstern, kriegen die DJs meist zu einem Bruchteil der marktüblichen Gage. Eine Handhabe, die den Kursunterschied schluckt.

Zudem sind die Gagenunterschiede zwischen den DJs zu frappant, als dass sich diese mit dem derzeit günstigen Eurokurs ausgleichen liessen: Über 100‘000 Euro für ein Set von Avicii, Tiësto, Deadmau5 oder Calvin Harris befinden sich auch mit einem billigen Euro weit jenseits der finanziellen Möglichkeiten der allermeisten Schweizer Clubs. Aktuell geniessen die Schweizer Nightlife-Macher die aus dem Kurszerfall des Euro resultierende finanzielle Erleichterung bei den monatlich anfallenden DJ-Gagen.

Diese ist aber aus den genannten Gründen zu unbedeutend, als dass sie sich mittels tieferer Eintritts- und Barpreise oder einem Qualitätssprung bei den Line Ups bemerkbar machen würde. Lediglich das Lamentieren über zu hohe DJ-Gagen dürfte etwas leiser werden und der eine oder andere Clubchef dürfte die Umsetzung der Idee zur Umstellung auf reine Schweizer Line Ups noch etwas hinausschieben.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Rózsa: Ein politisches Urteil?

Réda El Arbi am Mittwoch, den 28. Januar 2015
Kein einfacher Zeitgenosse, aber Journalist mit Herz und Seele: Miklós Klaus Rózs

Kein einfacher Zeitgenosse, aber Journalist mit Herz und Seele: Miklós Klaus Rózsa

Der SVP-Bezirksrichter A. F. hat im Fall Miklós Klaus Rózsa gegen zwei Zürcher Stadtpolizisten die Polizisten freigesprochen. Das ist an sich noch nichts Aussergewöhnliches. Aussergewöhnlich an dem Fall sind die Aussagen, die der Bezirksrichter zu der Einschätzung  des Obergerichts und zu seiner eigenen Sicht der Gewaltentrennung macht:

Auszug Tages Anzeiger: Das hatte das Obergericht im Prozess gegen Rozsa noch ganz anders gesehen: Rozsa habe niemanden behindert. Die Verhaftung sei rechtswidrig gewesen. Aus diesem Grund habe er sogar ein «Widerstandsrecht» gehabt. Der Einzelrichter (A. F.) meinte: Es gehe nicht darum, was ein Gericht nachträglich feststelle, sondern wie die Beamten vor Ort die Lage einschätzten.

Nun, wofür genau sind Gerichte da, wenn nicht dazu, später das Verhalten und die Situation einer eventuellen Straftat einzuschätzen? Gerade bei Fällen, in denen die Staatsgewalt involviert ist, sind wir auf eine sorgfältige und unabhängige Einschätzung des Tatbestandes angewiesen. Es ist die Gewaltentrennung, die unser System sicher gegen Missbrauch und Willkür macht.

Wenn nun ein Richter das Verhalten und die Sichtweise zweier angeklagter Polizisten nicht hinterfragt, sondern deren Sichtweise und Verhalten als Massstab für die Beurteilung der Lage nimmt, gerät die Gewaltentrennung defacto in Schieflage. Bei einem Fall von Körperverletzung wär das in etwa so, wie wenn man beim Angreifer grundsätzlich von Notwehr ausgehen würde und die Sicht des Opfers nur am Rande berücksichtigte.

Natürlich könnte man mutmassen, dass das Zürcher Bezirksgericht sehr nahe mit den Beamten der Stadtpolizei zusammenarbeiten muss und einzelnen Richtern deshalb vielleicht manchmal die nötige Distanz fehle. Aber das geht so nicht auf, weil auch das Obergericht in vielen Fällen auf die Zusammenarbeit mit dem Stadtpolizeikorps angewiesen ist. Das Obergericht hat aber die Situation, wie oben nachzulesen, ganz anders eingeschätzt. Worin könnte dann die etwas einseitig anmutende Aussage des Richters ihre Wurzeln haben?

Der Fotograf Miklós Klaus Rózsa ist kein einfacher Zeitgenosse. Ich streite mich mit ihm immer mal wieder hart über allerlei Politisches. Er gilt als weit links und macht auch niemals einen Hehl aus seinen politischen Überzeugungen. Offenbar war dies auch dem Richter bewusst.

Anstatt die tatsächlichen Begebenheiten zu beurteilen, spricht er dem Kläger den Status des Journalisten ab und urteilt wieder ganz aus der Sicht der Angeklagten:

Auszug Tages Anzeiger: Dieser habe sie in einer Amtshandlung behindert. Zudem habe er «zwei Hüte» getragen – zum einen jenen eines Pressefotografen, zum anderen einen als Sympathisant der damaligen Besetzer des ausgedienten Hardturmstadions.

Nun, mir ist kein Gesetz bekannt, das einem Schweizer Journalisten verbietet, eine politische Meinung zu haben. Selbst wenn Rózsa Sympathien für die Besetzer hatte, durfte er dort seinen Beruf als Journalist ausüben. Wenn die politische Einstellung ein Grund dafür ist, nicht mehr als Journalist, sondern als «Sympathisant» angesehen zu werden, den man mit Gewalt an der Ausübung seines Berufes hindern darf, ist das ein ziemlich brutaler Eingriff in die Pressefreiheit.

Rózsa zieht das Urteil weiter. Und wir sind natürlich gespannt, wie das Obergericht entscheidet. Und ob das Bezirksgericht dann in Sachen Pressefreiheit und Gewaltentrennung über die Bücher muss.

Das geht natürlich nur, wenn sich die Angeklagten nicht in die Verjährung retten. Das Verfahren gegen die beiden Polizisten wurde nämlich erst fünf Jahre (!) verspätet auf direkte Bundesgerichtsanweisung eröffnet.

Währschaftes im Seefeld: «Wynegg»

Réda El Arbi am Dienstag, den 27. Januar 2015
Ziemlich schummrig, aber auch sehr gemütlich: Das «neue» Wynegg.

Ziemlich schummrig, aber auch sehr gemütlich: Das «neue» Wynegg.

Bis vor einigen Jahren konnte sich auch ein armer Blogger noch eine  Altbauwohnung im Seefeld leisten. Dann wurde die Wohnung renoviert und kostete plötzlich den dreifachen Mietpreis. Damals nannte man diesen Vorgang noch nicht «Gentrifizerung» sondern «Seefeldisierung».

Um so misstrauischer horchte ich auf, als ich hörte, dass die alte Chnelle «Wynegg» an der Ecke Wynegg/Hammerstrasse von den Machern von «Drei Stuben» und «Blaue Ente» übernommen und seit einer Woche neu betrieben wurde. Ich ahnte überhöhte Preise und irgend so eine «Cuisine», die sich kein Schwein leisten kann.

Klassenkämpferisch und mit einem Sack voll Vorwürfen machte ich mich auf, um die Übernahme des «Wynegg» durch einen der Zürcher Gastroclans anzuprangern. Leider lief ich ins Leere. Denn erstens sieht das Wynegg noch so aus wie früher, also gefühlte fünf Plätze in schummrigem Licht an alten Holztischen, und zweitens handelte es sich nicht um die übliche «Quartieraufwertung», sondern um eine Zwischennutzung.

«Das Gebäude wird in eineinhalb Jahren ausgehöhlt und aufgewertet. Das «Wynegg» hätte also bis dahin einfach leer gestanden. Wir mochten die Räumlichkeiten und wollten dem Quartier die Beiz erhalten», erklärte mir Mitinhaber Marco Però. Mit dem Wynegg wollten sie den Bewohner von Zürich einen Ort geben sich zu treffen und zu geniessen. Rendite sei gewünscht, aber bei einem Pop-Up-Restaurant nicht im Vordergrund.

Das kann ja jeder sagen. Also warf ich einen Blick auf die Karte, um zu schauen, was mich hier ein Bissen kostet. Natürlich war alles nicht ganz so günstig wie früher, aber noch immer vernünftig. Überzeugt haben mich die Mittagsmenüs für 19.50 Franken (24 Franken für die Hunger-Büetzer-Grossversion, siehe Karte unten). Auch das Dinner-Angebot ist nicht unvernünftig: Ich leistete mir eine Portion Raclette mit Käse, Kräutercreme und Kartoffeln, ebenfalls für 19.50 Fr. Überhaupt ist das Menu sehr käselastig, zum Beispiel findet man auf der Karte Fondue-Ravioli . «Wir wollten etwas Währschaftes anbieten und nutzen dazu die Zusammenarbeit mit einem Chäslädeli im Quartier», sagt Però. Im Sommer würden sie dann vermehrt auf Grilladen und Salate setzen.

Ergänzt wird die Karte mit kalten Platten, Salaten und kleinen Leckerli vom Grill. Jeden Abend gibts zusätzlich noch zwei zusätzliche Fleischgerichte. Alles wird in der einsehbaren Kochecke zubereitet, die einen grossen Teil der gemütlichen Atmosphäre ausmacht.

Und die Gäste? Ich sah mich um, konnte aber s Vreni, die früher hier mit einem Glas Wein den Feierabend einläutete, nicht finden. Aber gleich neben mir setzten sich zwei Damen, die sich erstaunt über die neue Karte äusserten. Offenbar kamen waren sie auch schon früher regelmässig hier. Und sie schienen sich im neuen «Wynegg» auch durchaus wohl zu fühlen. «Bis um Zehn Uhr liegt der Fokus auf Essen, danach sollen die Leute auch einfach ein wenig rumsitzen und sich aus unserem Weinangebot bedienen», hofft Però.

Ob das so sein wird, muss sich noch zeigen. Ein Pärchen, das schon vor mir da waren, fand es nur begrenzt lustig, dass sie sich den Tisch mit mir teilen mussten. Sie jammerten über die schummrige Beleuchtung, lästerten über die Bedienung und zeigten sich erst gnädig, als sich der Chef 15 Minuten Zeit nahm, um ihnen den Wein zu empfehlen. Natürlich waren das keine echten Alteingesessenen, sondern zugezogene Seefeldsnobs, die sich Mieten von 4500 Fr für eine Dreizimmerwohnung leisten konnten. Die wohnten sicher in meiner alten Wohnung.

Ich werde zurückkommen und diese Fondue-Ravioli probieren. Das Raclette war gut, aber ehrlich, bei Raclette kann man auch nichts falsch machen.

Menu-1

Menü-2

Zürcher Nachtlebenpreis

Alex Flach am Montag, den 26. Januar 2015
Bester Club 2015 in unserer eigenen Jury: Kauz

Bester Club 2015 in unserer eigenen Jury: Kauz

In 2 Wochen werden im Komplex 457 die Swiss Nightlife Awards 2014 vergeben. Nun wurde eigens für diese Kolumne eine repräsentative Jury zusammengestellt, um ein Zürcher Pendant zu verleihen. Die Nominationen mussten begründet und es durften nur Leistungen gewürdigt werden, die klar dem vergangenen Jahr zuordbar sind. Auf ein verwässerndes Publikumsvoting wurde gänzlich verzichtet.

Das sind die Besten der Besten 2014:

Bester Zürcher Club 2014: Kauz

Gleich diverse Jurymitglieder haben das Kauz zur besten Partylocation erkoren. Rolf Saxer alias Flexmaster Dancefloor, die eine Hälfte der Rave Punk-Band Saalschutz: „Hier passt einfach alles, es ist einfach schön dort“. Etwas detaillierter wird Lukas Hess alias Luke Redford, der mit Miteinander Musik eines der erfolgreichsten Zürcher Partylabels mitgegründet hat: «Habe erst zweimal im Kauz gespielt, aber es war jedes Mal pure Magie. Das Kauz ist der Club, der Zürich bis zu seiner Eröffnung gefehlt hat». Auch Yann Cherix, Teamleiter Züritipp, hält das Kauz für den besten Zürcher Club 2014: «Endlich eine Club-Betreiberschaft die begriffen hat, dass die Peaktime vor Mitternacht liegen darf». Auch das Gonzo wurde öfter genannt, so zum Beispiel von Adrian Hofer, Redaktor bei der Zürich-Ausgabe von RonOrp: «Das Gonzo ist wohltuend unprätentiös und der Sound bietet für alle etwas».

Beste Zürcher Clubmusiker 2014: Adriatique

Auch hier herrscht grosse Einigkeit. Technopapst Arnold Meyer: «Für Adriatique scheint trotz ihres enormen Erfolges das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht zu sein. Mir fällt mit Andrea Oliva nur noch ein weiterer Schweizer Act mit ähnlich viel internationalem Potential ein». Tilllate.com-Redaktor Julian Riegel ist derselben Meinung: «2014 hat gezeigt, dass für Adriatique der Gipfel noch lange nicht erreicht ist». Zweifellos ist das Duo der aktuell wichtigste Clubmusik-Botschafter Zürichs, wenn nicht gar der ganzen Schweiz. Verdient!

Bester Zürcher Clubtrack 2014: «Pushing On», Jimi Jules (mit Oliver Dollar)

In dieser Kategorie gingen die Meinungen etwas auseinander. Rosanna Grüter, Moderatorin bei SRF Virus, hätte hier am liebsten «Sruta» von Manuelle Musik stehen sehen, Rolf Saxer «Friede Freude» von Melodiesinfonie. Schlussendlich hat sich jedoch Pushing On durchgesetzt, nicht zuletzt weil der Song der meistverkaufte Track 2014 auf der global erfolgreichen Musikplattform Beatport war – da darf man als Zürcher ruhig ein bisschen stolz sein.

Beste Zürcher Party 2014: Diverse

In dieser Kategorie konnte kein gemeinsamer Nenner gefunden werden. Für Lukas Hess war es die Street Parade-Party in der Photobastei («die Party war mitten im Pulk und doch völlig anders. Riesige Dachterrasse, auf der man ganz Zürich überblicken konnte»), für Yann Cherix die TonhalleLATE-Partys («diese Partyreihe bringt junge Leute zur klassischen Musik») und Rosanna Grüter befand kleine Events wie die Babyshake in der Nordbrücke oder die Arche im Depot für überragend.

Aufgrund der hier vorherrschenden Uneinigkeit wird das Komitee für den Zürcher Nachtlebenpreis 2015 auf diese Sparte verzichten: Es will, im Gegensatz zu anderen Verleihungen, keine Awards vergeben, die keinen Sinn ergeben.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Wolff und die Labitzkes

Réda El Arbi am Freitag, den 23. Januar 2015
Der einzige Grund für die Aktion war der polizeiliche Mehraufwand.

Der einzige Grund für die Aktion war der polizeiliche Mehraufwand.

Polizeivorstand Wolff will die Kosten für die Räumung des Labitzke-Areals nicht auf die Verursacher abwälzen. Mal abgesehen, dass es kaum möglich ist, die Verursacher zweifelsfrei und rechtskräftig zu ermitteln, steht die Frage im Raum, warum er hier  die Verantwortlichen nicht zur Kasse bitten will.

In Wolffs Verständnis gehört die Räumung eines besetzten Hauses zu den Grundaufgaben «Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten».

Die Juso und einige SP-Leute stehen hinter dieser Haltung und wollen der Polizei keine «richterliche Gewalt» geben. Die zur Verantwortung gezogenen würden die Kostenübernahme «als Strafe» auffassen, was eine Abwälzung der Kosten zu einem Urteil mache. Nun, was die Verursacher denken, ist hier grundsätzlich völlig irrelevant. Wenn ich Verfahrens- oder Aufwandskosten zahlen muss, werden die mir auch nicht erlassen, nur weil ich sie als «Bestrafung» empfinde.

Wenn ein liberaler oder bürgerlicher Stadtrat diese Entscheidung getroffen hätte, wäre sie wohl kaum so genau unter die Lupe genommen worden. Aber Richard Wolff mit seiner Verbindung zum links-alternativen Lager muss schon etwas vorsichtiger sein, damit ihm nicht (wie jetzt) vorgeworfen wird, er schütze seine Freunde.

Die Räumung eines besetzten Gebäudes gehört zu den Grundaufgaben der Polizei. Das ist unbestritten, denn wer sonst würde sowas machen? Die Feuerwehr sicher nicht. Nun ist aber die Frage, inwieweit der Aufwand für die Räumung mutwillig vergrössert wurde. Wenn sich Leute mit Ketten und Beton festbunkern, hat das nur wenig politische Aussagekraft, es ist eher ein narzisstisches Drama für die Presse. Es wird die Räumung nicht verhindern, es ist kein legales politisches Mittel und es hat nur einen einzigen Zweck: Den Aufwand der Polizei zu vergössern. Zudem fand die Aktion nicht im besetzten Areal statt, sondern auf öffentlichem Grund, auf der Hohlstrasse.

Insofern sehe ich damit auch die Verantwortung bei den Verursachern. Da wiederum gehts eindeutig um einen Grundsatz: Die Verantwortlichen haben für den bewusst und mutwillig herbeigeführten Mehraufwand der Polizei geradezustehen.

Aber, wie zu Beginn angemerkt, sind die Verantwortlichen kaum zu ermitteln. Und dann ist da noch die Verhältnismässigkeit. Die Kosten für die Räumung betrugen knapp eine Viertelmillion Franken. Diese Kosten auf Verursacher abzuwälzen, könnte deren Leben mit Schulden und Existenzbedrohung nachhaltiger negativ beeinflussen, als es durch die Labitzke-Aktion gerechtfertigt wäre.

Ich denke übrigens durchaus, dass es manchmal illegale Aktionen braucht, um auf Missstände hinzuweisen. Nur sollten sich die politischen Aktivisten im Klaren sein, dass die moralische Rechtmässigkeit einer Aktion nicht den Rechtsstaat aushebeln darf. Sie müssen die rechtlichen Konsequenzen für die Aktion von vornherein mit einbeziehen und bereit sein, diese zu tragen. Alles andere ist feige.

Also, der Entscheid von Wolff hatte durchaus seine Berechtigung, nur die Argumentation war etwas fadenscheinig.

Fleisch in der Hand

Réda El Arbi am Dienstag, den 20. Januar 2015
Bezahlbares Mittagessen für Fleschliebhaber: Steaksandwich

Bezahlbares Mittagessen für Fleischliebhaber: Steaksandwich

Es gibt sie wirklich noch: Die unabhängigen Gastronomen, innovativ, jung und nicht Teil des Zürcher Gastroklüngels. Während in den Kreisen 4 und 5 die (nicht so) schleichende Gentrifizierung und «Aufwertung» fortschreitet und Gastroketten und langweilige Architekten die Seele des Quartiers abmurksen, haben Philip Angst und seine Freunde vor einigen Wochen an der Brauerstrasse 42 in der ehemaligen Brasserie Lam die «Stubä» eröffnet.

Gleich neben dem Perla-Mode, in dem ironischerweise bald ein weiteres Szene-Vegilokal des Gemüseprinzen Rolf Hiltl eröffnen soll, servieren die Leute von der Stubä Steaksandwiches. Bei meinem Besuch erwartete ich eigentlich einen weiteren Hipsterschuppen mit wahnsinnig kreativen Namen für ihre Menüs und mit Fantasiepreisen.

Ich wurde enttäuscht. Die Karte ist einfach gestaltet und  die Preise (16.50 Stutz für ein Steaksandwich, 14.50 Stutz für einen reichhaltigen Burger) erscheinen mir moderat (im Vergleich der Pepito beim Opernhaus für 39 Stutz). Ich bestelle  das klassische Steaksandwich. Es gäbe sie noch in verschiedenen Ausführungen (siehe unten) oder, wie als satirischer Seitenhieb auf Hiltl, den Vegi-Hotdog. Philip, einer der Besitzer, nimmt die Bestellung entgegen. Ja, die Eigentümer arbeiten hier hinter der Bar und im Service. Was mir grundsätzlich sympathisch ist. Keine «Manager», sondern Typen die Hand anlegen. Und dabei auch mal ein Getränk umkippen und verschütten (nicht meines).

«Das war eine Voraussetzung für die Besitzerin. Sie wollte nur jemanden, der nicht bereits Lokale besitzt und der vor Ort sichtbar ist. Für uns war es die grosse Chance. Bei früheren Bewerbungen, auch bei städtischen Immobilien, wurden wir oft zugunsten von grossen Firmen oder eben den üblichen verdächtigen Gastro-Unternehmern der Stadt beiseite geschoben», erzählt Philip.

Inzwischen kommt mein Sandwich (Suppe oder Salat dazu hab ich abgelehnt, ich will die Weihnachtspfunde abnehmen). Und jetzt passiert das Grosse: Das Fleisch zergeht auf der Zunge, die einzelnen Gewürze entwickeln nacheinander ihren Geschmack. Ich bin wirklich kein Gourmet, aber sogar ich erkenne, wenn ich etwas Ausserordentliches esse.

«Wir legen das Fleisch mit Gewürzen vakuumiert erst einen Tag in ein Wasserbad. Das verleiht dem Fleisch die nötige Zartheit und den würzigen Geschmack. Wir haben lange herumprobiert bis wir die genau richtige Art fanden, das Fleisch vorzubereiten.» Philip versteht was von Fleisch, liebt Fleisch, schliesslich ist er  der Sprössling der altehrwürdigen Metzgerfamilie Angst. (Von da stammt übrigens auch das Fleisch.) Ich lecke mir die Finger ab. Und zu meinem Erstaunen bin ich satt.

Philip erzählt dann noch was von geilen Cocktails abends und dass Bastian Baker  vor ein paar Tagen im Lokal gespielt habe. Ich schaue mich zufrieden um und bemerke, dass sie sich bei der Umsetzung des Themas «Stubä» wirklich Mühe gegeben haben. Mit altem Radio, Bildern und zusammengewürfelten Möbeln wähnt man sich wirklich in einem urbanen WG-Wohnzimmer.

Und das Beste am Ganzen: Während man sonst in der ganzen Stadt über Mittag für einen Platz anstehen muss, hat sich diese Speisemöglichkeit noch nicht herumgesprochen und man kann sich hinsetzen und gemütlich unterhalten (Naja, das wird mit diesem Post wohl vorbei sein).

Ich stänkere noch ein wenig über den Kaffee (zu viel Milch), einfach damit ich noch was Negatives gefunden habe (ich muss schliesslich meinem Ruf gerecht werden) und mache mich wieder auf den Weg.

Das Steaksandwich ist die Art von Fingerfood, die ich mir selbst machen würde, wenn ich könnte. Nie wieder werde ich mit einem gemeinen Schnitzelsandwich zufrieden sein. So, genug gejubelt. Sonst denken die Leute noch, ich kriege Geld fürs Lob. Ach ja, ich hab mein Essen selbst bezahlt. Mineralwasser und Kaffee wurden von der Beiz spendiert.

Nachtrag von den Stubä-Wirten:

«Leider ist unsere Karte noch nicht aktualisiert. Fakt ist, dass wir bereits seit geraumer Zeit CH-Poulet im Angebot haben

Die Sandwichkarte:

Menu-Stubä

Sinnvolle Night Life Awards

Alex Flach am Montag, den 19. Januar 2015
Die Awards könnten auch etwas bedeuten.

Die Awards könnten auch etwas bedeuten. (Bild: Usgang.ch)

In drei Wochen werden im Komplex 457 die Swiss Nightlife Awards 2014 verliehen. Überraschungen wird es keine geben: Die Kategorien sind mehr oder weniger dieselben wie in den Jahren zuvor und die drei Finalisten pro Kategorie sind meist ebenfalls Altbekannte.

Anstatt aber wie immer nur zu kritisieren, werde ich nun erklären wie man es besser machen kann: Weg mit dem Public Voting, weg mit den Kategorien Best Club, Best Big Club, Best New Location, Best Festival, Best Event Serie, Best Event und vor allem weg mit The Most Original Nightlife Bar. Begründung: Was macht einen Club zum besten Club? Was macht eine Nightlife Bar «most original»?

Das ist alles nur schwammig, viel zu sehr in individuellen Wahrnehmungen fussend und nicht empirisch begründbar. Es müssen Kategorien geschaffen werden die mit Fakten bewertet werden können: Welcher Club führt das beste Bartending, welcher die besten Line Ups (nach Genre), welche Location bietet abseits dieser beiden Basiselemente am meisten, wer bietet die besten Visuals und wer die opulentesten Dekos?

Klar: Bezüglich Qualität der Line Ups gibt es immer noch viel individuellen Spielraum, aber man könnte Bewertungsinstrumente wie «Internationalität» oder «musikalische Kompaktheit» einführen. Mit den aktuell geführten Wischiwaschi-Sparten werden alljährlich einfach nur die bekanntesten Clubs und Bars ins Finale kommen und nicht jene, die im abgelaufenen Award-Jahr tatsächlich Ausserordentliches geleistet haben.

Dasselbe gilt für die DJs: Was macht einen Aufleger zum besten House DJ, wieso stehen Bazooka, Green Giant und Vincz Lee im Finale auf den Titel des besten Open Format DJs? Was haben sie konkret geleistet? Auch hier müssen die nichtssagenden Kategorien durch griffige ersetzt werden: Wer hat im abgelaufenen Jahr den Aufsehen erregendsten Track produziert? Welcher DJ hat die besten Bookings gekriegt? Wer hat die besten Sets (technisch und musikalisch) abgeliefert?

Bei den Clubmusikanten existiert noch ein weiterer, markanter Makel: Was ist mit den Live-Musikern? Clubmusik lebt längst nicht mehr nur vom DJing, im Gegenteil: Es sind nicht zuletzt die live Spielenden, die die Genres weiterentwickeln. Und sie werden an den Swiss Nightlife Awards ignoriert.

Hier also ein paar Alternativvorschläge zu den jetzigen Kategorien, angefangen bei den Clubs und Bars: Line Ups (unterteilt nach Genres), Bartending, Eventkreativität, Visuals, Deko und Innenarchitektur, Specials (Gäste-Treatment). Für Clubmusiker und DJs: Track, Album und Compilation des Jahres, Bookings (zu bewerten nach Renommee der buchenden Clubs und Labels), Innovationscharakter der Sets, technische Skills.

Für das Komitee würde eine Umgestaltung der Kategorien grossen Abklärungs- und Evaluations-Mehraufwand bedeuten. Jedoch könnten so tatsächlich die Leistungen für ein Award-Jahr gewürdigt, die Kategorien könnten auf Basis von Fakten vorgenommen und es könnten Preise verliehen werden, die tatsächlich Sinn ergeben. Es wären die Swiss Nightlife Awards, die das Swiss Nightlife verdient.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

«Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!»

Réda El Arbi am Montag, den 12. Januar 2015
«Das muss man doch noch sagen dürfen!»

«Das muss man doch noch sagen dürfen!»

Meinungsfreiheit ist zur Zeit in der Stadt und in den sozialen Medien eines der Hauptthemen. Natürlich liegt die WAHRHEIT auch in unserem Interesse. Wir haben reingehört und aufgezeichnet, was in der Schweiz so alles für Wahrheiten unterdrückt werden. Ein Monolog aus den meisten der im Augenblick geäusserten «Wahrheiten» würde sich ungefähr so anhören:

Ich habe grundsätzlich nichts gegen Muslime, aber die sind halt schon gegen die Meinungsfreiheit.  Das steht schon im Koran! Lesen Sie nur nach oder fragen Sie Thiel! Aber wenn unsereiner das mal deutlich sagen will, wird man zensu – zensi – zensureriert! Die Mainstream-Medien helfen denen doch noch, die Wahrheit zu unterdrücken! Die Medien sind doch gegen echte Pressefreiheit! Wie oft sind schon Kommentare von mir nicht veröffentlicht worden? Hä? Und da wundert man sich, dass sich niemand mehr getraut, die Wahrheit zu sagen.

Das muss doch mal gesagt werden!

Ich bin ja für Asyl und so, aber mit jedem Flüchtlingsschiff kommen mehr von diesen Leuten, die keine Meinungsfreiheit wollen. Sonst hätten die ja schon zuhause gesagt, was ihnen nicht passt und wären nicht einfach abgehauen. Wir haben schon 20 Prozent kulturfremde Ausländer in jedem Kanton! Bei 26 Kantonen macht das 520 Prozent! Fünf Mal so viele wie Schweizer. Aber das liest man natürlich nirgends.

Jemand muss das doch mal laut aussprechen!

Ich bin ja nicht fremdenfeindlich, aber die kommen zu uns, um zu faulenzen und von unserem Sozialstaat zu leben. Und dann nehmen sie uns unsere Jobs auch gleich weg! Alle! Nicht nur die schlechten. Aber auch die Wirtschaft kuscht. Sollen die doch mal unsere älteren Leute anstellen. Oder unsere Sozialfälle! Ab in die Fabrik, sag ich den Arbeitslosen und IV-Schmarotzern.

Das darf man doch wohl noch sagen!

Ich bin ja offen für fremde Kulturen, aber die, die verstecken ihre eigenen Ehefrauen und Töchter alle (!) unter Burkas und nehmen ihnen die Freiheit. Dafür belästigen sie unsere Frauen an jeder Strassenecke (Was ja eigentlich niemanden wundert, wenn man sieht, was für kurze Röcke die Mädchen von heute so tragen. Das schreit ja förmlich nach Belästigung!). Dann heiraten sie Einheimische und zeugen mit denen Mischlinge, die gleich von Geburt an den Schweizer Pass haben. So gehen doch unsere freiheitlichen Werte schon mit dem Schnitt der Nabelschnur den Bach runter. Wir nähren die Schlange am eigenen Busen!

Das muss man doch mal deutlich machen!

Ich bin ja durchaus für Freiheit, aber jemand muss doch unsere freiheitliche Verfassung schützen! Am Besten, in dem wir sie abändern und da reinschreiben, was wir alles verbieten. Da müssen mir keine Gutmenschen mit irgendwelchen Gerichtshöfen für Menschenrechte kommen. Diese fremden Richter wollen doch nur unsere Meinungsfreiheit einschränken. Und die ist schliesslich unser Menschenrecht!

Das ist doch einfach die Wahrheit!

Natürlich darf man das alles sagen. Das bedeutet Meinungsfreiheit. Aber Meinungsfreiheit bedeutet auch, dass man solchen «Wahrheiten» durchaus mit einem speziell ausgesuchten, englischen Imperativ begegnen darf.

PS: Zensur ist es übrigens, wenn jemand in einer Gesellschaft aktiv daran gehindert wird, seine Meinung zu veröffentlichen.

Es bedeutet nicht, dass man auf einer privaten Medienplattform jeden Schwachsinn veröffentlichen muss, der in die Kommentarspalte geschrieben wird.

Striptease des Christopher S.

Alex Flach am Montag, den 12. Januar 2015
Christopher S zeigt alles. (Screenshot Blick.ch)

Christopher S zeigt alles. (Screenshot Blick.ch)

Es war einmal allgemeine Usanz und viele Artisten halten es noch immer so: Sie sprechen über ihre Kunst, aber nicht über Privates. Was zuhause in den eigenen vier Wänden geschieht bleibt auch dort. Es sind vor allem die ernstzunehmenden Musiker, Filmschaffenden und Maler, die es so halten. Künstler die mit ihrer Arbeit ein kulturell gebildetes Publikum ansprechen, das sich nicht für die Sensationsmeldungen der Boulevardpresse interessiert.

Aber auch Exponenten der weit gefassten Popkultur wie beispielsweise Stefan Raab halten ihr Privatleben unter Verschluss: Wenn doch mal etwas zur Presse durchsickert, dann ist dies einem besonders hartnäckigen Journalisten zu verdanken, der sich auch von einem hundertfachen «kein Kommentar» nicht abschrecken lässt.

Auf der anderen Seite gibt es Prominente, die sind berühmt, ohne (künstlerisch) etwas Nennenswertes geleistet zu haben: Kim Kardashian ist das aktuell fleissigste Mitglied dieser Gattung, aber auch Paris Hilton und Gina-Lisa Lohfink zählen dazu. Sie sind berühmt um des Berühmtseins willen – und unbeholfen-verwackelte Heim-Pornos und andere an die Öffentlichkeit getragene Peinlichkeiten gehören halt dazu.

Sie sollten bloss die Finger von der Musik oder der Schauspielerei lassen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, von allen Seiten genüsslich mit Eiern und faulem Obst beworfen zu werden. Ebensowenig sollten sich aber Künstler zu sehr hinter den Vorhang blicken lassen, wollen sie ernst genommen werden.

Christoph Spörri alias Christopher S hat diese Lektion definitiv nie gelernt: Der Berner DJ und Produzent galt einmal als versierter Clubmusiker, vermittelt aber längst nur noch das Bild eines verzweifelt nach Aufmerksamkeit hechelnden Semipromis, dem der endgültige Durchbruch nicht gelingen will und wohl auch nie gelingen wird.

Zementiert wurde dieses Bild vergangene Woche von der SRF-Sendung «Puls», in der Christopher S und seine Frau Tina eine misslungene künstliche Befruchtung in aller Offenheit ausgebreitet haben.

Selbstverständlich: Ein Schicksalsschlag, der Mitgefühl verdient. Zudem hilft Christopher S‘ Gang an die Medien vielleicht anderen Betroffenen, die nun freier mit diesem Thema umgehen können. Jedoch nimmt man ihm einfach nicht ab, dass er aus diesem hehren Grund damit zum SRF gegangen ist: Dieser Mann hat stets jede Gelegenheit auf Publicity genutzt, hat beispielsweise dem «Blick» erlaubt seinen Rücken abzulichten, auf den er die Konterfeis seiner Familie hat tätowieren lassen. Er hat derselben Zeitung auch bereitwillig erzählt, dass sein «Baby aus dem Reagenzglas» 36‘000 Franken gekostet habe. Er war es auch, der mit jedem Detail aus dem Hickhack mit seinem ehemaligen Stage-Partner Luca Hänni zu den Journalisten rannte, selbst dann noch, als die Sache längst peinlich für ihn wurde.

Christopher S denkt wahrscheinlich immer noch, dass jede Publicity gute Publicity ist. Doch er liegt weiterhin falsch: Durch seine obsessive Gier nach Aufmerksamkeit ist er zu jemandem geworden, der die Leute peinlich betreten schmunzeln lässt. Bestenfalls. Und so jemandes Musik hört man auf Dauer nicht.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.