Tages-Anzeiger



Einsatz im Ghetto

Alex Flach am Montag, den 29. September 2014
Die krasseste Ecke Zürich, ich schwör! Bild: tilllate.com

Die krasseste Ecke Zürichs, ich schwör! Bild: tilllate.com

Die Verantwortlichen der Event- und Fotoplattform tilllate.com haben ihre Autorin Lena Hübsch an die «krasseste Kreuzung Zürichs», der Meinung ihrer Auftraggeber zufolge die Ecke Militär/Langstrasse, entsandt. Hübsch solle sich dort zwei Stunden lang Notizen zu allem, was sie da sieht und erlebt machen. Also stürzte sich die Schreibende wagemutig in Zürichs furchterregendstes Krisengebiet, um von dort im Stile einer den Tod verachtenden Kriegsreporterin zu berichten.

Zum Ende ihres Beitrages zieht sie das erschütternde Fazit, dass sie nach diesem, offenbar ziemlich einschneidenden, Erlebnis ihr Zuhause mit Bett und warmem Wasser(!) ab sofort «bewusster und dankbarer schätzen» werde. Es müssen grauenvolle Dinge gewesen sein, derer sie gewahr wurde… Kurz zusammengefasst: Ein paar Junkies, die ihre Hunde streicheln, eine «Süchtige», die ein Säckchen mit Drogen fallen lässt, zwei Dealer, die sich Zigaretten anzünden (gemäss Frau Hübsch einer davon selbst von irgendwas abhängig. Wahrscheinlich Nikotin...), eine krakeelende Frau mit Hund und hyperaktive Handschellen, die im Fünfminutentakt klicken, wobei diese (etwas fantastische) Intervallmessung wohl der Dramaturgie des Artikels geschuldet sein dürfte.

Schlussfolgerung Lena Hübsch: Das Elend ist gross, die Auswege klein (!) und sie ist froh, dass sie diesen Ort jederzeit verlassen könne, wenn sie das nur wolle. Ah ja: Ein Anwohner hat ihr noch erzählt, dass am Wochenende zuvor einer dermassen stark aus der Nase geblutet hätte, dass die Ambulanz anrücken musste. Offenbar ein Clubber, denn Frau Hübsch schliesst Folgendes aus dem Erzählten: «An dieser Ecke spielt nebst des Elends auch das Nachtleben, vor allem an den Wochenenden, eine grosse Rolle» (welche Rolle das en détail wäre, lässt sich leider nicht aus dem Text ableiten).

Frau Hübsch hat ihnen ins Auge geblickt, den bösen Geistern des Chreis Cheib namens Elend und Nachtleben. Und sie ist trotz des Grauens ganze zwei Stunden lang nicht zurückgewichen und dies am helllichten Mittwochnachmittag. Frau Hübsch sieht aber auch kleine, flackernde Lichter der Hoffnung in diesem zappendusteren Hades urbaner Hoffnungs- und Trostlosigkeit: Die direkt an der Ecke Militär/Langstrasse gelegenen Lokale hätten trotz des Elends draussen Stühle aufgestellt und die Sitzgelegenheiten seien gar besetzt. Was mögen das bloss für todessehnsüchtige Hasardeure sein, die mitten in diesem Katastrophengebiet gemütlich einen Kaffee trinken?!

Auch Frau Hübsch ist konsterniert: «Trotz des ganzen Elends gibt’s hier auch das normale Leben zu sehen». Das normale Leben… Frau Hübsch sollte sich mal ein richtiges Problemviertel in einer richtigen Metropole angucken gehen. Sie käme nach diesem Abstecher wohl ebenfalls zum Schluss, dass sich die Stadtzürcher glücklich schätzen dürfen, dass die Ecke Militär/Langstrasse tatsächlich die turbulenteste der Stadt ist. Die Mitarbeiter der städtischen Wasserversorgung wiederum sollten da übrigens unbedingt mal vorbeischauen: Offenbar kommt  kein fliessend warmes Wasser aus den Hähnen.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunf

Eine Stadt so kalt wie Eis

Réda El Arbi am Freitag, den 26. September 2014
Der letzte Flecken Leben muss dem Konzept weichen.

Der letzte Flecken Leben muss dem Konzept weichen.

Nun ist es also offiziell: Das Nagelhaus wird den Eigentümern weggenommen und abgerissen. «Enteignung» heisst das Verfahren, das es dem Kanton möglich macht, die Interessen der Mobimo AG (die rechtsgültig wegen Grundstückgewinnsteuer-Vermeidung vom Bundesgericht verurteilt wurde) durchzusetzen und doch noch einen kahlen Vorplatz zu ermöglichen. Wahrscheinlich wären die Bauten mit der alternativen Strassenlösung weniger wert gewesen. Und natürlich sieht dieses Nagelhaus viel zu sehr nach unappetitlichem, echtem Leben aus.

Städtebauliche Interessen seien stärker als die Bedürfnisse der Eigentümer des Nagelhauses zu gewichten, meinten die Bundesrichter. Nun ja, da stellt sich die Frage, für wen die Städtebauer die Stadt bauen. Für die Bewohner? Für die Immobilienindustrie? Für die Expats, Bankangestellte aus London und New York, die sich die Wohnungen in diesem ganz bestimmten Teil Zürichs dann auch leisten können, aber nichts zum Stadtleben beitragen? Für die Firmen, die da Wohnungen für ihre Manager anmieten?

Ich kenn keine Stadtzürcher Familie, die sich eine 2.5-Zimmer-Wohnung für 3200 Franken leisten kann oder will. Für Paare mit Kindern ist die Raumaufteilung, wie man aus diesen Daten klar entnehmen kann, wohl nicht gedacht. Aber es gibt sicher geile, offene, loftartige «Appartements», die vom Stil her ein wenig an New York erinnern.

Mobimo vermietet

Mobimo vermietet

Wenn das Nagelhaus dann endlich weg ist, ist auch diese Ecke der Stadt steril. Die Anonymität, die in dieser blitzsauberen Umgebung gedeiht, unterbrochen von ein paar Zierbäumen und akkurat gepflegtem Rasen, ist sowieso nichts für Familien.

Nun, die Firma musste sich nicht die Hände schmutzig machen. Der Kanton hat das übernommen. Bis vor Bundesgericht zogen die Anwälte des Kantons, obwohl die Alternativroute, die vom Bundesverwaltungsgericht noch als «gleichwertig» eingestuft wurde, leicht umzusetzen gewesen wäre. Da fragt man sich schon, weshalb. Und man kommt drauf, dass das hübsche Modell, dass damals bei der Projektvorstellung mit Cüpli gefeiert wurde, kein Nagelhaus vorwies.

So verwandeln die Macher des Kantons ein weiteres Kernstück der Stadt in eine kalte und kaltherzige Betonwüste mit dem Charme eines Spitals aus den 70ern. Natürlich sind die Planer, die Architekten, die Kantonsarchitekten und die Baufirmen alle irgendwie befreundet, das Geschäftsfeld für Projekte dieser Grössenordnung ist ja nicht allzu gross. Man kennt sich, man arbeitet bei verschiedenen Projekten gemeinsam, man geht auch mal was trinken.

Nun, der Stadt haben sie einen Bärendienst erwiesen. Die Frage ist, ob noch irgendwer von den Menschen, die der Stadt Leben einhauchen, in Zürich West leben will. Oder ob daraus eine Konsummeile mit «Guarded Communities» wird, in denen sich Grossverdiener von der Realität abschotten und auf den wochenendlichen Kinderkreuzzug in die Clubs herabschauen können.

Aber offenbar muss Zürich diese Betonverkrebsung, die Gentrifizierung für asoziale Teilzeitzürcher mitmachen, um das Selbstbewusstsein einer Grosstadt wenigstens auf Werbeprospekten vorweisen zu können. Wir können darauf wetten, dass sich die Kälte vom Hauptbahnhof bis übers ganze Aussersihl verbreiten wird, nach und nach die Kreise 4 und 5 verwandeln und das Leben aus dem Herzen der Stadt treiben wird.

Jänu, die echten Menschen werden andere Ecken finden, in denen sie sich eine reiche, soziale Gemeinschaft bilden können. Zürich West wird menschlich verarmen.

Auf der Suche nach dem Stammtisch

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag, den 25. September 2014
Der Stammtisch - soziale Institution oder Treffpunkt der Unzufriedenen?

Der Stammtisch - soziale Institution oder Treffpunkt der Unzufriedenen?

Text: David Sarasin, Redaktion: Reda El Arbi

Eine Frage beschäftigte uns jüngst: wie ist es eigentlich um den Stammtisch bestellt? Man hört ja nicht nur Gutes über diese Schweizer Institution, die einst für den gemeinschaftlichen Zusammenhalt im Dorf stand, doch dann irgendwie in Verruf geriet. Angeblich äussern dort die Polterer in geschütztem Rahmen Sachen, für die sie vor Gericht gezerrt werden könnten. Desweiteren sagt man, die Kommentarspalten hätten den wahren Stammtisch abgelöst. Also ist der Stammtisch tatsächlich ein Ort voller Sarkasmus und fehlender Interpunktion, wo gepoltert wird und geflucht? Wir machten uns auf, im Umland von Zürich einen Stammtisch zu finden, also Menschen zu treffen, die sich nicht via Whatsapp unterhalten, sondern beim Feierabendbier von Angesicht zu Angesicht über die Weltlage parlieren.

Doch wohin bloss? Besitzt nicht jeder Weiler einen Stammtisch? Eine telefonische Erkundigung bei einigen Gemeinden weisst auf das Gegenteil hin. „Stammtisch? Die haben renoviert, das ist jetzt eine Art Lounge“, heisst es von Andelfingen bis nach Zumikon. Nun, Ratan-Chaises, Apérol Sprizz und-Oliven mit Bambus-Zahnstochern, das suchen wir nicht. Stattdessen vergilbter Täfer, Zweifel Erdnusspäckli und krumme Stumpen. Auf jeden Fall mit gusseisernem Aschenbecher auf dem Tisch. Darauf in Kapital-Lettern so gross wie Wurfsterne STAMMTISCH. Und nicht APERO-LOUNGE.

Dübendorf, Bistro

Vorerst fahren wir in die Vorstadt. Dübendorf liegt bekanntlich an der Stadtgrenze und ist mit mehr als 10’000 Einwohnern genügend gross, um eine eigene Stammtisch-Kultur zu besitzen. Die Dame von der Behörde hat uns das Restaurant Bistro vorgeschlagen. Also erstmal ins Innere dieses Sechzigerjahre-Baus an der Kreuzung im Stadtzentrum. Dort sitzen sie tatsächlich um einen grossen Tisch: drei betagte Damen und zwei Männer mit Arbeitskleidung, asymmetrisch am langen Tisch gruppiert, jede und jeder mit alkoholischen Getränken. Klischee ahoi! Die Stimmung allerdings ist heiter, man spricht über Fruchtfliegen und Parkplätze und wartet mit dem einen oder anderen Witz auf. Nein, nicht Rolf habe sie gesagt, sondern Strolch. Der ganze Tisch lacht. Es ist eine vergnügte Runde, die offenbar ohne Soziale Medien lebt, kein einziges Smartphone blitzt auf. Wir trinken am Nebentisch unseren Kaffee-Doppel-Crème. Beim Gehen rufen wir Adieu!, durch den Raum, eine noch lauteres Adieu kommt im Chor zurück. Da dachten wir, wir stossen ins Herz der Finsternis vor, entdeckten aber vor allem unsere eigene Arroganz - gepaart freilich mit Ignoranz. Der Abend ist allerdings erst angebrochen, wir machen uns auf, weiter weg von der Stadt, wo wir doch sicher das finden, was wir suchen.

Volken, Post

Wo ist der Kanton Zürich am ländlichsten? Im Weinland, wo die grösste Gemeinde (Andelfingen) etwas mehr als 2000 Einwohner zählt und die kleinste, Volken, knapp 300. Wo der Wein herkommt und die Tabakfelder blühen. Wir fahren an Winterthur vorbei, nehmen die Ausfahrt Henggart und kurven auf Landstrassen in Richtung Flaach. Der Gemeindepräsident von Andelfingen sagte uns tags zuvor am Telefon, dass besonders in der Post Volken noch sehr viele Stammgäste verkehrten. Und wir dachten: je kleiner der Ort, umso grösser die Chance, dass die Einheimischen eine Stammtisch-Kultur pflegen. Unser erster Eindruck zeigte wiederum etwas anderes: Eine heitere Szenerie, fettiges Essen und nur wenige, die Fremdlinge wie uns beim Betreten der mit Holz ausgekleideten Kneipe musterten – es war bloss der Tisch in der Ecke, an dem die unter Dreissigjährigen sassen, die uns mit fast schon städtischer Arroganz beäugten. Am Nebentisch sowas wie der Stammtisch. Wir schnappen Sätze über Ferien in Italien auf, einer erzählt von einer kniehohen Modeleisenbahn (die wir gerne auch mal sehen würden). Der hellrote Landwein fliesst Kannenweise. Auch hier finden wir den griesgrämigen Polterer nicht, dafür ein geselliges Zusammensein. Freundlich wird gewinkt, als wir die Beiz verlassen.

Affoltern am Albis, Rosengarten

Affoltern am Albis ist unsere nächste Station. Denn dort kommen Manns-Männer vom Schlage eines Toni Bortoluzzi her. Männer mit Weltanschauungen, so unverrückbar und steinzeitlich wie das Matterhorn. Auch der Moderator Hans Jucker wirtete einst in Affoltern. Diese beiden Exponennten an einem Stammtisch, genau sowas hatten wir im Blick, als wir unsere Mission starteten. Hans Juckers ehemalige Kneipe ist jetzt eine Art Cabaret und im Rosengarten, wo man uns später hinschickt, ist der Stammtisch bereits abgezogen. Wir sollen an einem anderen Abend vorbeikommen und diese Männer mal kennenlernen. Sehr gerne.

Unser zweiter Besuch

Bei unserer Ankunft eine Woche später, es war so gegen 19 Uhr, haben  sich am langen Tisch im Rosengarten bereits neun Männer und eine Frau eingefunden. Man wusste, das wir kommen. Viel jünger als 60 war keiner der Männer am Tisch. Wir werden mit Witzen über den «Tages-Anzeiger» und die Medien allgemein empfangen. Grosses Gelächter. Kaum sitzen wir, verabschiedet sich der Erste «weil zuhause das Nachtessen wartet». Ein paar Fakten, die wir als erstes erfragten: Seit 40 Jahren kommt dieser Stammtisch zusammen, einige der rund 15 Mitglieder treffen sich jeden Tag («Wir sind eine 365-Tage-Gemeinschaft»). Das politische Spektrum ist breit, deshalb streite man sehr viel und auch sehr gerne. Der Ausdruck Arschloch sei an diesem Stammtisch jedenfalls keine Beleidigung. «Wichtig ist es, dass man am nächsten Tag die Festplatte wieder löscht», sagt der Chef am Tisch. Da er selber die Ansichten der SVP vertritt, ist er stets im Zentrum genau dieser Auseinandersetzungen. Obwohl er klar Stellung bezieht, will er «seinen» Stammtisch klar von dem SVP-Stammtisch unterschieden wissen. «Wir sind für alle Meinungen offen». Die politischen Diskussionen drehen sich um Verteilung des Reichtums, Steuern, Sozialstaat. Ob sie sich auch in der Gemeindepolitik engagieren, fragen wir. Lautes Lachen: «Nein, da ist nichts mehr zu retten»

Folgende Berufe und Ex-Berufe sind vertreten: Bäcker, Siebdrucker, Supermarktmanager, Automechaniker, Elektromechaniker, Hausfrau, oberes Kader in einer Logistikfirma. Der ohne Widerspruch anerkannte Vize-Chef, ein rundlicher Mann mit agilem Gemüt, lacht am meisten und auch am lautesten am Tisch – über seine Witze, über die der anderen, über alles. Trotz der grundsätzlich heiteren Stimmung, gibts auch Zurechtweisungen, die in halbernstem Ton vorgebracht werden: «Das geht jetzt zu weit, geh mal raus, eine Zigarette rauchen» wird dem neuesten, aber bei weiten nicht jüngsten Mitglied der Runde mehrmals nahegelegt. Es gibt also offenbar einen allgemein anerkannten Rahmen für Frotzeleien und Sprüche.

Bald wird klar: Dieser Stammtisch ist eigentlich ein in die Jahre gekommener Jugendtreff. Das, was man sich als wirksamstes Mittel gegen Vereinsamung vorstellt, ist hier im Rosengarten Realität. «Es ist wichtig, dass wir uns in der Beiz  treffen und nicht bei Einladungen zum Essen zuhause. So bilden sich keine kleineren Gruppen.» Ausserdem spielten dann Einkommen und sozialer Status eine Rolle, am Stammtisch dagegen nicht. Es ist so, dass im Rosengarten der reine Akt des Zusammenkommens wichtiger ist als jedwelche Differenzen. Toleranz und soziale Integration wird hier möglicherweise stärker umgesetzt als in den relativ klar getrennten Szenen der Stadt. Nun sitzen wir also hier und beobachten diese Antithese zur Individualisierung in den Städten. Lachen und trinken mit. Ob man sich auch mal treffe ohne etwas zu trinken? Wieder schallendes Gelächter.

Zwei der Stammtischler sind ursprünglich Deutsche, einer Italiener, die Freundin des Chefs stammt aus Marokko, der Rest ist aus der Schweiz. Dabei sein kann im Grunde jeder, er soll sich nur einfügen können, sagt der Chef. Ja, auch der Hans Jucker sei viel hier gewesen («en geniale Typ») und auch Bortoluzzi käme dann und wann in die gleiche Kneipe. Der SVP-Stammtisch allerdings treffe sich in einem anderen Lokal. Es scheint durch, dass man dann doch nicht soviel gemein hat mit denen, nur schon, weil dort selten Frauen aufkreuzten.   Der SVP-Stammtisch hätte wohl eher unserem Klischee entsprochen, denken wir. Wir sehen aber davon ab, dahin zu gehen. Lieber behalten wir jene Form des Stammtisches in Erinnerung, die wir im Bistro, in der Post und vor allem im Rosengarten angetroffen haben. Irgendwann sitzt man vielleicht selber da, wenn Dinge wie Facebook oder Whatsapp irgendwann nicht mehr so wichtig sind.

Wiesn ohne Ende

Alex Flach am Montag, den 22. September 2014
Darum gehts: Saufen ohne Ende.

Darum gehts: Saufen ohne Ende.

Im Hauptbahnhof findet zwischen 24. September und 11. Oktober die achte Züri-Wiesn statt. Neben Brezn, Weisswurst und Bier gibt’s Musik von Charly’s (mit Apostroph) Partyband und den Schilchern zu hören. Am 5. Oktober, am «Schlagerfeuerwerk» namens Wiesn-Stadl, stehen gar Francine Jordi, Stefanie Hertel, Leonard und Linda Fäh auf der Bühne.

Vom 10. Oktober bis zum 8. November findet das Bauschänzli-Oktoberfest statt. Ein Schlagertrommelfeuer mit vier prominenten Reitern der Heile Welt-Apokalypse wird hier zwar nicht geboten, bei schätzungsweise 80‘000 Liter Bier, die an circa 40‘000 Gäste (auf der Page liebevoll «Bierfreunde» genannt) ausgeschenkt werden, dürfte die Stimmung auf dem Bauschänzli aber trotzdem ganz okay sein.

Aber nicht nur dort und im Hauptbahnhof wird geschunkelt: Auf dem Üetliberg (Uto Kulm), in der Mausefalle, im neuen Club Enge beim gleichnamigen Bahnhof, im Club Escherwyss beim gleichnamigen Platz, in der Bierhalle Wolf, im Plaza-Club, in der Amboss Rampe und in unzähligen weiteren Lokalen wird’s in den nächsten Wochen bierselig und weisswurstig. Kaum einer der bis Ende Oktober nicht mit einer Einladung an irgendein Oktoberfest konfrontiert und kaum eine die nicht zur Kollektivschunkelei gedrängt wird.

Wer schüchtern den Finger hebt, um gegen die penetrant-bayrische Invasion zu protestieren, ist ein Spassverderber und läuft Gefahr, zum Sonderling gestempelt und im Büro zum Aussenseiter zu werden. Selbst Leute, die sonst bei jeder Gelegenheit maulen, es werde in der schönen Schweiz langsam aber sicher zu Deutsch, verfallen ohne mit der Wimper zu zucken dem Oktoberfestfieber und stören sich nicht daran, dass das gute, alte Blau/Weiss Zürichs zum bayrischen mutiert.

Doppelmoral? Ah geh, so a Schmarrn! Das erste Oktoberfest fand 1810 und im Rahmen der Feierlichkeiten zur Hochzeit zwischen Kronprinz Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildeburghausen statt. Jährlich strömen sechs Millionen Besucher auf die Münchner Theresienwiese. Seit 2005 existiert das Projekt «Ruhige Wiesn» (nur Blasmusik bis 18 Uhr) und seit 2010 eine «historische Wiesn» mit altem, bayrischem Brauchtum.

Diese Massnahmen sollen, dem immer penetranter werdenden, Ballermann-Charakter des Oktoberfests entgegenwirken, also just jener Interpretation der Volksparty, der auch hierzulande gefrönt wird: Weder Brauchtum noch Geschichte des Freistaates spielen an den Zürcher Oktoberfesten eine spürbare Rolle und es existieren auch keine Bemühungen, dies zu ändern.

Die Zürcher Sicht auf die Oktoberfest-Tradition ist jene Homer Simpsons: Sauferei, Völlerei, Schunkelei. Damit gehören die hiesigen Oktoberfeste in eine Gruppe mit den Holi-Events, an denen sich die Besucher gegenseitig mit Farbbeuteln bewerfen, ohne einen Dunst vom sakralen Hintergrund des hinduistischen Brauchs zu haben. Die Schweizer Holi-Festivals und die hiesigen Oktoberfeste sind nur oberflächliche Kopien ausländischer Bräuche gemacht für Leute, die einen allgemein akzeptierten Anlass benötigen, um sich wieder einmal so richtig daneben zu benehmen. Und vielleicht ist dies auch der eigentliche und einzige Wert dieser Feste für die Gesellschaft.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft

Die erweiterte Normalität

Réda El Arbi am Freitag, den 19. September 2014
D. macht die Welt ein Stückchen besser.

D. macht die Welt ein Stückchen besser.

Die SVP will den Ärmsten noch mehr Geld wegnehmen, viele Menschen ängstigen sich vor Fremden, die Invalidenversicherung traut nur noch den Ärzten, die kaum Rentenempfehlungen aussprechen – man könnte meinen, unsere Welt würde immer kälter. Aber das ist nur ein Teil der Realität.

Einen anderen Teil zeigt mein Göttibub D. Der kleine Bub spielt, er lacht und er geht in den Kindergarten. Und D. ist ein Downie, das heisst, er hat einen Defekt des 21. Chromosoms, medizinisch «Trisomie 21».

Als ich Kind war, kannten wir auch Kinder mit Down-Syndrom. Aber sie gingen nicht mit uns in den Kindergarten. Sie wurden sorgfältig von uns «Normalen» abgegrenzt, waren in Gruppen unterwegs und meist in Heimen untergebracht. Erwachsene fühlten sich befremdet, wenn sie ihnen begegneten, was zur Folge hatte, dass wir Kinder auch irritiert und oft gemein auf diese Kids reagierten.

Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, als «Mongo» noch ein gängiges Schimpfwort war, ausgesprochen ohne Bewusstsein. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der Downies als Belastung galten und man sich noch nicht vorstellen konnte, dass sie einen wertvollen Beitrag an unsere Gesellschaft leisten könnten.

Also, D. hatte seine ersten Tage im Kindergarten. Seine Gschpänli haben alle Chromosomen da, wo sie hingehören. D. ist vielleicht etwas unsicher, wie immer, wenn er es mit neuen Situationen und neuen Menschen zu tun hat. Seine Gschpänli winken, machen Platz auf dem Bänkli und kichern. Mit ihm, nicht über ihn. Nach ein paar Tagen verstehen sie, dass er manchmal etwas langsamer ist, und manchmal einfach etwas sturer und eigenwilliger. Das stört sie nicht. Sie behandeln ihn wie einen kleinen Bruder. Sie übernehmen Verantwortung für ihn, er gehört dazu und er bringt seine ganz eigene Persönlichkeit in die Gruppe.

Sicher  gibt es noch immer Ewiggestrige, die den Wert des Ungewöhnlichen für unsere Gesellschaft nicht erkennen können. So forderte eine Ikone der Freidenker, Richard Dawkins, noch vor ein paar Wochen auf Twitter, man müsse Downies abtreiben (bis unmittelbar vor der Geburt!), um der Gesellschaft Leiden zu ersparen. Ich schaue also meinen Göttibub und andere Downies, die ich kenne, an, und frage mich: «Welches Leiden?» Zum Glück sterben solche Denkschulen mehr und mehr aus, da sich immer mehr vernünftige Menschen als soziale Wesen verstehen und bereit sind, den Begriff «Normalität» für sich selbst neu zu definieren.

Natürlich gibts noch immer Eltern, die Angst haben, der Unterricht ihrer Kinder könnte unter dem Aspekt leiden, dass ein Downie daran teilnimmt. Es könnte ja langsamer vorangehen, die Lernleistung der Gruppe mindern. Ja, vielleicht sogar später einen Nachteil beim Aufsaugen des Stoffs, der die Lea-Sophie oder Finn-Sven-Max ins Gymi bringen soll, bedeuten.

Das sind die Eltern, die nicht begriffen haben, dass die Anwesenheit von D., die vielleicht irgendwann mal eine Mathematikstunde verlangsamt, auch macht, dass ihre Kinder einen weiteren Horizont entwickeln können. Dass sie nicht überfordert sein werden, wenn sie später in ihrem Leben mal einem Menschen begegnen, der nicht ihren Vorstellungen entspricht. Gerade in modernen Unternehmen setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass soziale Skills in Kaderstellen oft mehr Wert haben, als ein paar Fachausweise, da sie ein gutes, produktives Arbeitsklima ermöglichen.

Also hilft D. seinen Gschpänli, ihr Verständnis von Normalität zu erweitern und soziale Skills wie Geduld, Verantwortungsgefühl und Gemeinschaftssinn zu entwickeln. Im Austausch dafür helfen sie ihm, Geduld für die Kindergärtnerin aufzubringen, die irgendwelche Kinderliedli mit ihm singen will, die er noch nicht kennt und so natürlich völlig blöd findet.

Die meisten Eltern, denen ich mit D. begegne, reagieren aber nicht mehr wie vor 25 Jahren, sondern scheinen seine spezielle Art als ganz normal zu empfinden. Seit sie in in der SRF-Doku mitbekommen haben, dass Downies ein Freibad organisieren können, seit Schauspieler von der Downie-Theatergruppe «Hora» Welttourneen bewältigen und deutsche Theaterpreise gewinnen, und vor allem, seit ihre Anne-Käthie und ihr Noa mit einem Downie aufwachsen, ist auch ihre Normalität um einen kleinen Radius grösser geworden.

D.s Geschichte zeigt, dass wir nicht bessere, sozialere Menschen sein müssen. Es reicht, wenn wir unsere Normen ab und zu überprüfen. Und wir sollten unseren Kindern die Chance geben, uns in allen Bereichen zu überholen.

Photobastei-Closing: Koks, Kunst & Krankenschwestern

Réda El Arbi am Mittwoch, den 17. September 2014
«... und überall waren Pornstars mit Drogen!»

«... und überall waren Pornstars mit Drogen!»

Um es vorwegzunehmen, wir waren nicht dabei. Das Zwischennutzungsprojekt «Photobastei» ging am letzten Wochenende zu Ende und zur Abschlussparty wurden 3500 Gäste geladen, ungefähr die Hälfte fand auch Einlass. Alle, die etwas auf sich halten, alte Szenis und junge Hipster, wollten rein. Einige durften, andere nicht. Und genau hier werden wir Zeugen, wie eine urbane Legende entsteht. Wie damals bei Woodstock, bei der Dachkantine, Berghain Berlin 2002 etc.

Anhand einer Chronik der nachträglichen Aussagen über die Party zeigen wir auf, wie aus einer überfüllten Party ein legendärer Anlass wird.

Sonntagmorgen, unmittelbar nach der der Party, ein verlässlicher Zeuge:
«Es war ganz ok, zu viele Leute und zu heiss.»

Sonntagnachmittag, verlässliche Zeugin:
«Man konnte sich kaum bewegen. Sieben Dancefloors und noch mehr DJs. Es gab irgendwo eine MDMA-Bowle, verkleidete Krankenschwestern tröpfelten die Drogenbowle denen in den Mund, die das Bedürfnis hatten.»

Montagmittag, einigermassen verlässlicher Zeuge:
«Die Leute legten sich Linien Koks direkt an der Bar, eine Frau tanzte oben ohne. Es gab gratis MDMA für alle. Viel zu heiss und zu viele Leute.»

Montagabend, vermeintlicher Zeuge:
«Es lag Koks auf der Bar bereit, einige tanzten nackt und alle waren auf MDMA. Ganz geil. Sowas hab ich in der Schweiz noch nie erlebt.»

Dienstagmittag, vermeintlicher Zeuge:
«Auf der Treppe lagen Kokshaufen wie in «Scarface», auf den Toiletten wurde gevögelt. Man musste MDMA nehmen, sonst kam man in bestimmten Dancefloors gar nicht rein. Es war wie früher im Spider, nur mit all den Promis.»

Mittwochmorgen, vermeintlicher Zeuge:
«Es gab einen gesperrten Dancefloor mit Gratis-Koks und MDMA, viele tanzten da halb nackt oder nackt, in den Ecken wurde gevögelt. Nur bestimmte Leute wurden eingelassen.»

Irgendwann nächste Woche, vermeintlicher Zeuge:
«Es war unglaublich! Sex auf der Treppe inmitten von Bergen von Koks, Badewannen voller MDMA, Porno-Krankeschwestern kümmerten sich um die Abgespaceten und alle waren da!»

Von einem der vermeintlichen Zeugen wissen wir, dass er gar nicht an der Party war. Die anderen werden das Erlebnis mit jedem Mal erzählen um einen Level aufwerten. Irgendwann wird das Closing der Photobastei ein Anlass sein, der Nightlife-Geschichte schrieb, ein Meilenstein dieses Jahrzehnts.

In zehn Jahren ist es wie mit vielen der legendären Anlässe: Alle waren dabei (in diesem Fall sicher 10 000 Personen) und die Geschichten, die darüber kursieren, werden so gewaltig sein, dass man sich wundert, wie Zürich diesen Abend überlebt hat.

So entstehen Legenden.

Und wir werden unter den Wenigen sein, die sagen können: Wir waren nicht dabei!

Der Fluch der Promi-DJs

Alex Flach am Montag, den 15. September 2014
DJane Schäfer: Es war schwierig, ein Bild zu finden, auf dem sie Kleider trägt. Foto: tilllate.com

DJane Schäfer: Es war schwierig, ein Bild zu finden, auf dem sie Kleider trägt. Foto: tilllate.com

Oliver Pocher war am Samstag im Club Escherwyss beim gleichnamigen Platz. Nicht als Gast, sondern als DJ. Sonst waren nicht allzu viele da: Auf den Fotos der Tilllate-Strecke bemühen sich zwar alle Abgelichteten darum, euphorisch auszusehen, da man aber auf den Bildern viel Boden sieht, war es wohl eine dieser Partys, die man mit verdattertem Gesichtsausdruck betritt, nur um sie kurz darauf mit einem enttäuschten wieder zu verlassen.

Heute Montagabend spielt Pocher im Bierkönig am Ballermann auf Mallorca, also in einem Lokal, das seiner Attitüde eher entspricht als das Escherwyss, auch wenn der Zürcher Club nicht eben als Humus für hörenswerte DJ-Sets gilt. Vielleicht beschwert sich Pocher heute Abend im Bierkönig wegen des lauen Publikumszuspruchs über das langweilige Schweizer Ausgehvolk, das nicht wisse wie man richtig feiert.

Auch Micaela Schäfer, gemäss Homepage Model, «DJane, Celebrity» aber allem anderen voran doch eher Exhibitionistin, dürfte keine allzu hohe Meinung vom Schweizer Club-Publikum haben: Auch ihre Sets wurden meist nur mässig besucht und ihre verstörend miesen DJ-Skillz haben jeweils der Stimmung den Rest gegeben. Pocher und Schäfer sind nur zwei Exemplare aus einer wachsenden Reihe Promis, die sich den Beruf des DJs als zweites Karriere-Standbein erwählt haben. Paris Hilton (Tochter und Geschäftsfrau), Noah Becker (Sohn und Modedesigner) und Georgina Fleur (Dschungelcamperin) zählen ebenfalls dazu.

Auch Giulia Siegel, die Tochter von Ralph Siegel, terrorisiert das Volk seit vielen Jahren mit ihren Turntable-Versuchen und in dieser ganzen Zeit hat sie nicht gelernt, dass der Berufsstand des Discjockeys auf musikalisch anspruchsvolle Weise interpretiert werden kann. Ob Hilton, Pocher oder Schäfer: Sie alle sehen die Plattenlegerei als willkommenen Zusatzverdienst. Dass sie mit ihrem Tun dafür sorgen, dass dem DJing der Status einer allgemein anerkannten Berufs- oder gar Kunstform noch immer verwehrt bleibt, dürfte ihnen egal sein.

Selbstverständlich gibt es auch unendlich viele angestammte DJs, die ihren Job mehr der angenehmen Begleiterscheinungen wie Gratisdrinks wegen ausüben als um der Musik willen. Jedoch sind es Pocher, Schäfer und Konsorten, die auflegenderweise in den Peoplemagazinen landen und die dem Beruf DJ die Reputation nachhaltig sabotieren. Zwar regt sich in den sozialen Medien sporadisch Widerstand gegen die Turntable-Sternchen. Ein hoffnungsloses Aufmüpfen, solange Veranstalter wie die Macher der «Welcome To The Late Night Show»-Party im Escherwyss existieren, die ihrem Publikum lieber einen (leidlich) prominenten Namen servieren als einen guten DJ zu recherchieren, dessen Sound perfekt zur Party passt.

Sollte jemand heute Abend im Bierkönig auf Malle weilen und dabei mitkriegen, wie Pocher über die Schweizer Clubber herzieht, der soll ihm doch bitte ausrichten, dass hier halt anlässlich seines Street Parade-Auftritts viele mitgekriegt hätten, wie schlecht er spiele. Und dass es wohl deshalb im Escherwyss einigermassen leer gewesen sei.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft

 

Die Bünzli-Bremse

Réda El Arbi am Samstag, den 13. September 2014
Manchmal sollte man auf den inneren Bünzli hören - und manchmal nicht.

Manchmal sollte man auf den inneren Bünzli hören - und manchmal nicht.

Es ist drei Uhr früh. Man liegt wach im Bett und baut Aggressionen auf. Die Gläser klirren im Takt. Der Nachbar feiert offenbar eine Party mit viel Bass. Oder macht etwas anderes, das rhythmisch rumst und eine oder mehrere Frauen zum Quietschen und Lachen bringt.

Eigentlich müsste ich schlafen, morgens früh aufstehen. Und das ist nun schon das dritte Mal in den letzten zwei Wochen. Aber ich drehe mich um, lege ein Kissen über den Kopf und gehe nicht etwa rauf und klopf an die Tür. Auch werde ich nicht Polizei rufen. Einmal Party macht doch nichts. Hab ich früher doch dauernd gemacht.

Und überhaupt! Ich will ja nicht wie der letzte Bünzli dastehen. Anstatt jetzt hoch zu gehen, um mit genageltem Wanderschuh in der Hand an die Tür zu klopfen und hueresiech endlich etwas Ruhe einzufordern, zwinkere ich dem Nachbarn am nächsten Abend, wenn ich total übermüdet nach Hause komme (er ist gerade aufgestanden), verschwörerisch zu und bemerke «Geile Party gestern?». Worauf er mich anschaut, als hätte ich ihm ein unanständiges Angebot gemacht – und  sich ohne ein Wort wieder in seine Wohnung verzieht.

Dann draussen auf dem Trottoir: Der kuule Velokurier fährt mich beinahe über den Haufen, grunzt in sein Schultermikrophon und schwingt, ohne Rücksicht oder Entschuldigung, weiter seine Waden. Ich schicke ihm ein unsicheres Lächeln hinterher und stottere ein verspätetes, in die Luft gestammeltes  «Ha - hallo, schöne Tag» hinterher. Schliesslich muss man soviel Hippness doch mit einem gewissen Respekt begegnen.

Natürlich könnte ich beim nächsten Mal Terror machen, ich könnte sogar die Polizei rufen, sowohl beim Nachbarn wie beim Kurier. Warum mache ich das nicht, wenns mich doch wirklich stört und der Nachbar ein arroganter Idiot, bzw der Velokurier ein ignoranter Vollpfosten ist?

Weil ich über eine innere Bünzli-Bremse verfüge. Das ist ein Teil, das zwischen dem Bereich, in dem Wut entsteht und dem Bereich, in dem urtümliche Empörung formuliert wird, platziert ist. Aufgabe der Bünzli-Bremse ist es, jegliche Reaktion und jede Handlung darauf abzuchecken, ob sie auch cool genug ist. Nur ja  nicht spiesserhaft oder intolerant oder gar altmodisch (nicht in der herzigen Hipsterart altmodisch, sondern in dieser nervigen «Die heutige Jugend ist ...»-Art altmodisch) erscheinen.

Weltoffen und spontan zu sein erfordert harte Arbeit, konsequente Zensur und reflexartiges Reagieren auf Situationen, in denen man spiessig oder bünzlig erscheinen könnte. Als Nicht-Bünzli muss man sich dauernd darüber Gedanken machen, was die Anderen denken könnten. Denn wenn die Anderen auch nur ein Mü Bünzlitum in mir wittern, bin ich uncool. Das wäre dann der Punkt, an dem ich mein urbanes Selbstverständnis bei Exit oder Dignitas vorbeibringen könnte.

Die Hemmung, sich als Bünzli zu outen, und deshalb nicht seine wahren Gedanken auszusprechen, hat etwas ungeheuer Bünzliges. Toleranz ist notwendig, wenn man so dicht aufeinanderlebt, aber genauso ist eine gewisse Ehrlichkeit vonnöten. Ob die Ehrlichkeit oder die Kritik als spiessig aufgefasst werden, hat mehr mit meinem Gegenüber als mit meiner Intention zu tun. Wie sonst sollen die einzelnen Mitglieder einer Zivilgesellschaft sonst wissen, wann sie mit ihrer eigenen Freiheit über die Grenzen der Freiheit anderer trampeln?

Ich bin dennoch froh um meine innere Bünzli-Bremse. Sie macht es mir möglich, mir zu überlegen, obs denn wirklich so wichtig ist, zu reklamieren, bevor ich lospoltere. Und wenn ich dann trotzdem mein Maul aufreisse, weiss ich, dass es angebracht ist.

 

Die vornehme Stille des Reichtums

Réda El Arbi am Mittwoch, den 10. September 2014
Die junge Dame spielt mit ihrem Leben: Laut telefonieren im Tram.

Die junge Dame spielt mit ihrem Leben: Laut telefonieren im Tram.

In den letzten Wochen war ich in verschiedenen Städten Europas unterwegs. Die gute Nachricht: Europa gehts wieder besser. Die bessere Nachricht: Uns gehts um Welten besser als dem Rest des Kontinents.

Kurz, uns gehts gut und das merkt man auch im Stadtleben. Wir üben uns in vornehmer Stille und Zurückhaltung. Wohlstand fühlt sich in der Stille am Wohlsten. Laute Geräusche empfindet der Zürcher – sofern er nicht in einem Club dazu mit dem Fuss wippt – als Eingriff in seine Intimsphäre. Töne werden in Zürich behandelt wie geworfene Gegenstände.

Zuerst einmal der Verkehr. Hupen ist in vielen südlichen Ländern Europas noch eine durchaus anerkannte Methode der Kommunikation. Wobei Länge und Intensität des Huptons klare Rückschlüsse auf die emotionale Situation des Autofahrers zulassen. Ein 30-sekündiges «Hoooooooonkhonkhonkhoooooooooonk» kann zum Beispiel in südlichen Ländern auf eine leichte Gereiztheit hindeuten, könnte aber auch knapp noch als ein fröhliches «Hallo!» durchgehen. In Zürich ist ein einsekündiges «Hüp.» bereits Ausdruck höchster Panik und wird nur zu hören sein, wenn die Gefahr eines Unfalls mit Verletzten bevorsteht.

Oder beim Flirten: An den Küsten des Mittelmeeres sind Johlen, Pfeifen und Lachen nicht ein Ausdruck von Volltrunkenheit, sondern eine Form des Schäkerns zwischen den Geschlechtern. Ein Pfeifen kann durchaus mit einem freundlichen, aber verneinenden Hüftschwung beantwortet werden.

Auch in der Nachbarschaftspflege: Gespräche in anderen Städten können gut aus zwischen zwei Fenstern über die Strasse hin- und hergerufenen Sätzen bestehen, wo sich die Nachbarn hierzulande bereits überlegen, ob sie die Polizei rufen. Genauso bei der Nachtruhe. Wo in anderen Teilen Europas die Menschen ihr Leben oft auf den Trottoirs und in Strassencafés verbringen, meist bis spät in die Nacht, wird hierzulande nach einem neuen Konzept des höchsten Polizisten gerufen, der die Bürger vor Lärm nach 22 Uhr schützen soll.

Spielende Kinder? Bellende Hunde? Sofort wird der Ruf nach dem erzieherischen Schalldämpfer laut. Leben soll sich kultiviert und vor allem leise äussern.

Am deutlichsten fällt es aber in dem kleinen Dingen im Alltag auf: In den Klingeltönen der Handys. In Zürich sind alle Mobiltelefone auf stumm geschaltet. Und wenn früher ein Handy mit einem klassischen Klingelton im Tram losbimmelte, fingen alle an, in ihren Taschen zu grübeln. Heute zieht ein Smartphone, das nicht nur vibriert, böse Blicke auf sich. Niemand will der Besitzer sein und der Besitzer versucht, die aufgebrachte Menge der Stillen mit entschuldigendem Blick zu beschwichtigen, während er mit einer Hand nach der Quelle der Lärmbelästigung sucht. Sind in südlicheren Ländern Klingeltöne noch immer Ausdruck der Individualität, ironische Ausdrucksform oder ganz einfach praktisch, weil man das Teil nicht dauernd in der Hand hält, so gilt hier: Vibration ist schon laut genug.

Auch Gespräche am Handy sind im öffentlichen Raum verpönt. Wir sprechen ja noch nicht mal mit den anderen Passagieren im Tram. Dann wollen wir ganz sicher nicht wissen, was Butzi dem Schatzi zum Geburtstag schenkt, oder wer an welcher Sitzung welchen Fehler begangen hat. Wir wollen, dass die anderen so tun, als wären sie nicht da. Bedeckte Farben in den Klamotten und keine Lärmbelästigung.

Manchmal reizt es mich, einen 20-teiligen SMS- oder Whatsapp-Dialog mit eingeschaltetem Signalton zu führen, mitten im Tram. Aber ich getrau mich nicht wirklich. Störende Geräusche können in Zürich wirklich noch zu Gewalttätigkeiten führen.

Ist dem Wolff zu trauen?

Alex Flach am Montag, den 8. September 2014
Der Nachtleben-Wtrschaftszweig fühlt sich noch alleingelassen.

Der Nachtleben-Wirtschaftszweig fühlt sich noch alleingelassen.

Stadtrat und Polizeivorstand Richard Wolff möchte der Stadtverwaltung eine einheitliche Haltung zum Nachtleben angedeihen lassen und die Bedürfnisse der Anwohnerschaft und der Nachtschwärmer in Einklang bringen. Seit 1996 hat sich die Anzahl der Stadtzürcher Gastgewerbebetriebe mit Nachtbewilligung von 88 auf 646 versiebenfacht, was diverse städtische Behörden mit erheblichem Mehraufwand konfrontiert.

Die Handhabe der einzelnen Fachstellen würde gemäss Wolff aktuell nicht immer übereinstimmen und 15 Mitarbeiter der Stadtverwaltung sind derzeit damit beschäftigt dies zu ändern. Mitverantwortlich für die rasante Zunahme bei den Betrieben mit Nachtbewilligung war ebenfalls ein Beamter: Raphael Huber, der frühere Chef des kantonalen Wirtschaftswesens, hat sich während zehn Jahren bei der Vergabe von Beizen-Patenten schmieren lassen und wurde 1998 wegen Korruption zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.

Nach diesem Skandal wurde die Vergabe-Politik sehr grosszügig, was das Wachstum des Zürcher Nachtlebens entscheidend befeuerte. Plötzlich konnte jeder Zuversichtliche mit Sparschwein und passendem Hammer eine Bar, ein Restaurant oder einen Club eröffnen. Zürich mutierte über Nacht von einer Schlaf- zu einer Partystadt. Wolff betont, man solle das Nachtleben nicht nur als Problem sondern auch als Bereicherung sehen und stellt in Aussicht, er werde im Rahmen seines Projektes auf eine liberale Grundhaltung seitens Stadtverwaltung und auf die Eigenverantwortung der Club-Betreiber setzen. Er fragt sich zudem, ob es tatsächlich ein Recht darauf gebe, in einer Stadt überall mit offenen Fensterläden schlafen zu können. Das ist löblich, denn wer hat sich nicht schon gefragt, was das für Leute sind, die an die Langstrasse ziehen, nur um dann wöchentlich eine Lärmklage einzureichen.

Konkrete Vorschläge wie es zwischen Anwohnern und Clubbern zur grossen Harmonie kommen soll, hat Wolff noch keine. Damit aus dem Gegen- ein Miteinander werden kann, ist es unabdingbar, Vertreter beider Seiten möglichst früh in die Planung einzubinden. Wortführer auf Nachtleben-Seite liessen sich bei der bck (Bar und Club Kommission Zürich) finden. Sollte es Wolff gelingen, ein Gremium aus repräsentativen Exponenten der Stadtverwaltung, der Anwohnerschaft und des Nachtlebens zusammenzustellen und aus diesem ein ständiges, unabhängiges und mit exekutiven Befugnissen ausgestattetes Fachorgan abzuleiten, das als Anlaufstelle für alle involvierten Parteien fungiert, könnten seine Bestrebungen von Erfolg gekrönt werden.

Sollte der Polizeivorstand jedoch ausschliesslich Beamte zu Architekten des nächtlichen Friedens küren, könnte dies zu Misstrauen und Abwehrreflexen führen. Die Anführer des Nachtlebens sehen ihr Tun als kulturelles und wirtschaftliches Schaffen, das Zürich nicht nur reichlich Mehreinnahmen beschert, sondern das der Stadt auch viel Attraktivität verleiht. Vor diesem Hintergrund fühlen sie sich nach wie vor viel öfter gegängelt und behindert als gefördert und respektiert. Sollten sie bei der Umsetzung von Wolffs nun lancierten Bestrebungen ausgeschlossen bleiben, wird sich daran nichts ändern und die wolffsche Harmonie bleibt Utopie.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft