Tages-Anzeiger



Wo Berlin von Zürich lernen kann

Alex Flach am Montag, den 15. Juni 2015
Das Berghain in Berlin: Clubs haben kaum politische Lobby.

Das Berghain in Berlin: Clubs haben kaum politische Lobby.

Weil in Berlin in den vergangenen Jahren etliche Clubs von neu zugezogenen Anwohnern weggeklagt wurden, hat die dortige Club Commission, ein Interessensverband von Nachtleben-Machern, ein Clubkataster erstellt, das laufend ergänzt und aktualisiert werden soll. Die Club Commission hat dieses Kataster im Auftrag des vom Berliner Senat eingesetzten Musicboards erstellt und so kam es, dass die Liste Anfang Juni vom Berliner Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) höchstpersönlich der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Geisel: «Es geht darum, die Ansprüche der wachsenden Stadt miteinander zu verbinden. Die Menschen wollen nicht nur in Berlin feiern sondern hier auch wohnen. Ich werbe für ein gleichberechtigtes Miteinander. Hierfür brauchen wir zuerst einmal Informationen. Das Clubkataster ist ein wichtiges Instrument, um dies zu erreichen».

Schöne Worte, nobles Ansinnen, aber für einige Ortsteile wie den ehemals quirligen Prenzlauer Berg kommt diese Initiative zu spät, gibt es dort doch kaum noch Clubs, die in ein Kataster aufgenommen werden könnten. Noch vor wenigen Jahren besuchte jeder dritte Tourist die deutsche Hauptstadt wegen ihrer Clubs. Da sich die Verwandlung Berlins von «arm, aber sexy» in «immer noch nicht vermögend, aber schleichend langweiliger» längst auch international rumspricht, ist es für eine Problemevaluation eigentlich zu spät: Die Katasterphase müsste längst abgeschlossen und die auf ihr basierenden Massnahmen eingeleitet sein.

Zürich ist Berlin mindestens zwei Schritte voraus: Mehrere Projektgruppen unter der Leitung von Polizeivorsteher Richard Wolff arbeiten derzeit an möglichen Brückenschlägen zwischen Nachtleben und Anwohnerschaft. Die Zürcher Stadtverwaltung hat das Problem erkannt, auch ohne vorher in Form eines Katasters ein ohnehin offensichtliches Problem belegen zu müssen.

Die Zürcher Stadtregierung hat auch klargestellt, dass eine Grossstadt ein lebendiges Nachtleben braucht, dass dieses viel zu ihrer Attraktivität beiträgt. Auch wenn Stadtentwickler Geisel das Clubkataster persönlich vorstellt, so wird man doch den Eindruck nicht los, dass der Berliner Senat hier seinem Nachtleben bloss einen Knochen hingeworfen hat, der von der Club Commission mit freudig wedelndem Schwanz angenommen wurde.

Lutz Leichsenring von der Commission: «Wir freuen uns. Man hat jetzt offensichtlich erkannt, dass Clubs ein wichtiger Beitrag zur Stadtentwicklung sind». Wie schön … Aber kann diese Einsicht auch nur ansatzweise den Ansprüchen eines Vereins genügen, der eine der wichtigsten Clubszenen Europas repräsentiert? In Zürich wird nichts mehr einfach nur hingenommen und die Zeiten, als ein einzelner Anwohner hunderten Clubbern ihre wochenendliche Stube mir nichts, dir nichts wegklagen konnte, sind vorbei. Selbst bei Sammelklagen, wie bei jener der Langstrasse-Anwohner kürzlich, erfolgt eine heftige Gegenreaktion seitens Nachtleben, die wiederum in einer öffentlichen Diskussion mündet, die ihrerseits zu einer Fall-bezogenen und einvernehmlichen Lösung unter der Leitung der Stadtverwaltung führen könnte.

Davon ist man in Berlin noch meilenweit entfernt. Clubkataster hin oder her.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

«Einmal Gehirnwäsche, bitte!»

Réda El Arbi am Mittwoch, den 10. Juni 2015
Wir bemerken die Gehirnwäsche nicht mehr, obwohl wir sie bezahlen.

Wir bemerken die Gehirnwäsche nicht mehr, obwohl wir sie bezahlen.

Heute morgen auf meinem Weg durch die Stadt fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: mir wurde das unablässige Bombardement von Werbebotschaften, die ich sonst nicht wahrnehme, bewusst. Ich kam mir ein wenig vor wie Neo, als er sich in «Matrix» für die rote Pille entschied und aufwachte.

Ich fing an zu zählen, und in weniger als 20 Minuten kam ich auf über 600 Werbebotschaften – Plakate, Aufdrucke, Inserate, Einspielungen auf den Apps im Handy, Tragetaschen und (am allerschlimmsten!) Menschen, die grosse Werbeaufdrucke auf den Klamotten trugen, für die sie gutes Geld ausgegeben hatten.  Und ich hab sicher die Hälfte übersehen.

Es war unglaublich. Und nicht nur die Anzahl der Botschaften, auch deren Qualität. Nichts mit nachhaltiger Kundeninformation, sondern ein visuelles Geschrei mit neonfarbenem Bassbeat über ein optisches Megaphon : «Wir sind die Geilsten!» oder «Mit uns bist du der Geilste.» Glück in Tüten, wenn ich den Sch**** kaufe, den die Werbung anpreist.

Die Stadt ist zugepflastert mit Werbung. Und wir nehmen sie nicht mal mehr wahr. Das war nicht immer so. Ich kann mich an eine Zeit erinnern, in der Werbung zwar auch schon sehr präsent war, aber nicht in dieser unglaublichen Flut.

Ich mein, wer will das? Als «Orange» vor ein paar Wochen salzig wurde, haben die Agenturen uns diese Information mit einem Presslufthammer ins Gehirn gefräst. Nach zwei Tagen hab ich die neue Marke gehasst, und mit mir viele andere. Nicht wegen des neuen Namens, sondern wegen der Art, wie der Namenswechsel maschinengewehrartig kommuniziert wurde. Es gibt eigentlich nur ganz wenige Stücke aus der Werbeindustrie, die man wirklich sehen will. Sicher weniger als 0.1 Prozent des Ausflusses aus diesem Business. Aber normalerweise läuft das so:

Kampagnenverantwortlicher 1: «Wir haben mit 10 000 Plakaten und 1 000 000 Pageviews den Umsatz nur um 0.0001 Prozent steigern können. Was sollen wir tun? Sollen wir bessere Werbung machen? Sollen wir bessere Produkte verkaufen?»

Kampagnenverantwortlicher 2: «Nö, vergiss es. Lass uns einfach nochmals 50 000 Plakate aufhängen noch nochmals 5 000 000 Pageviews einkaufen.»

Niemand will Werbung. Oder kennt Ihr jemanden, der Werbung will? Für Waschmittel, Getränke, Mobilverträge? Dauernd und überall?  Niemand. Ausser natürlich die Werbeindustrie. Und weil die Werbeindustrie das weiss, macht sie Werbung, die man bewusst nicht mehr wahrnehmen soll. Eine Gehirnwäsche also.  Ein Freund, ein Werber, meinte mal : «Der Hirnfick zielt tief ins Unterbewusstsein. Du sollst Werbung gar nicht mehr bemerken.» Und wir lassen das zu. In unseren Städten, in unserem gemeinsamen, öffentlichen Raum, lassen wir uns das Gehirn weichklopfen und belohnen das, indem wir den Schrott, der uns garantiert glücklich machen soll, auch noch kaufen.

Ja, ich weiss, es hängen Arbeitsplätze an der Werbung. Leute, die eigentlich Kunst machen wollen, sitzen an Computern und benutzen ihre Kreativität, um uns Yoghurt anzupreisen. Andere Leute, die eigentlich Philosophie, Psychologie oder Soziologie studieren wollten, überlegen sich Strategien, wie man das Produkt noch besser mit Glückseligkeit einschmieren und uns noch tiefer ins Hirn pressen könnte.

Und ja, ich weiss, ohne Werbung hätte auch ich keinen Job. Journalismus lebt davon, den Leuten ein Müsli aus in Werbung eingeweichten Informationsflocken vorzusetzen.

Aber das ist keine Entschuldigung. Wenn man die Leute nur noch informieren kann, wenn man ihnen gleichzeitig irgendwelchen Schrott andreht, ist das höchstens ein Zeichen, dass bei uns etwas gewaltig schief läuft.

Vielleicht hilft das hier:

Inzestuöses Flirten in Zürich

Réda El Arbi am Montag, den 8. Juni 2015
Alle mit allen: Zürich als amouröses Dorf.

Alle mit allen: Zürich als amouröses Dorf.

Eine Bekannte, deren Namen ich hier nicht veröffentlichen werde, hat sich bei mir ausgeweint, es gäbe keine Singles mehr in der Stadt. Also keine brauchbaren. Und die wenigen, die noch auf dem Markt seien, wären alle schon  mit jemandem zusammen gewesen, den sie kenne. Und irgendwie lösche ihr das ab, nehme ihr quasi die libidösen Voraussetzungen für ein Date. Ihre frustrierenden Erfahrungen hat sie mit der Flirt-App «Tinder» gemacht, bei der man das leicht belegen könne, da immer die gemeinsamen Kontakte angegeben seien.

Irgendwie konnte ich das nicht glauben, schliesslich hat nur schon die eigentliche Stadt über 350 000 Einwohner. Also hab ich die App kurzerhand auf mein Smartphone geladen und mein Suchraster altersmässig zwischen 20 und 55 Jahren in einem Umkreis von 50 Kilometern festgelegt.

Für alle, die «Tinder» nicht kennen: Man logt sich über seinen Facebook-Account ein. Daraufhin zeigt die App die Bilder der ins Suchraster passenden Singles. Mit einem Fingerwisch nach links schmeisst man eine unerwünschte Person in den Dating-Mülleimer. Mit einem Wisch nach rechts kommen sie ins Töpfchen mit den brauchbaren Zuckerschnutzis.

Wischt nun eine akzeptierte Person beim Anblick meines Konterfeis auch nach rechts, gibts einen «Match» und ich kann das Gegenüber anchatten. Eigentlich finde ich ein Auswahlverfahren, bei dem man Leute auf Grund eines Blicks auf ein Föteli wieder in die Hölle der Einsamkeit zurückstösst, schon grundsätzlich unethisch. Aber das ist ein anderes Thema.

Also begann ich, meine Angebote in Augenschein zu nehmen. Die erste Datingmaus kannte ich bereits persönlich. Und natürlich ging mir durch den Kopf, mit wem die schon zusammen gewesen ist.  Sie hatte diesen Idioten aus dem Secondhand-Shop gedatet, der immer so tut, als ob der überteuerte Schrott, denn man in den Kisten findet, eigentlich der Heilige Gral wär und nur in Gold und Blut des Erstgeborenen aufgewogen werden könnte. Und weg nach links.

Mit der Zweiten verbanden mich dreizehn gemeinsame Facebookfreunde. Diesmal überlegte ich nicht, mit wem die schon was gehabt haben könnte, sondern, welche Geschichten die gemeinsamen Bekannten über mich erzählen könnten. Ihr wisst schon, die ganzen Geschichten, die eigentlich in ein Buch auf den Grund des Meeres gehören. Mir fielen drei Storys ein, die im Kreis dieser dreizehn Personen herumgingen und die nicht unbedingt als Charakter-Referenz dienen sollten. Und mein neues «Tinder»-Meitli sieht ja auch, bei wem sie sich über meine Person informieren müsste … ab nach links.

So gings weiter: Fünf gemeinsame Freunde, fünfundzwanzig gemeinsame Freunde, elf gemeinsame Freunde. Und dazwischen alle Frauen, die ich in meiner aktiven Partyzeit schon mal in echt angebaggert hatte. Und die kleinen oder grossen Schwestern von Bekannten. Und die Töchter von Freunden, die ich noch als Babies im Kinderwagen in Erinnerung hatte. Die medizinische Assistentin meines Hautarztes, sehr appetitlich. Oder die Freundin eines Bekannten (Was mich dazu brachte schnell im Umfeld den Beziehungsstatus nachzufragen. Doch, sie waren noch zusammen).

Es gab von ca. hundert Bildern gerade mal zwei, die in keiner Weise mit mir und meinem Umfeld verbunden waren. Und die musste ich leider aus anderen Gründen nach links wegwischen.

«Das liegt nur daran, dass du mit so vielen Leuten auf Facebook verbunden bist», meinte ein Freund. Und im ersten Augenblick wollte ich mich davon täuschen lassen. Aber so ist es nicht. Durch mein Facebook-Netzwerk entstanden ja die Verbindungen nicht, sie wurden dadurch nur sichtbar.

Unwillkürlich entstand vor meinem inneren Auge das Bild von «Hermann, der lustigen Filzlaus», die ihre Abenteuer 1984 im Seefeld startete und seither von Gschpusi zu Gschpusi wechselt, alle zwei Jahre wieder an ihrem Ausgangsort landet und Zürich in den letzten dreissig Jahren niemals verlassen hat.

Natürlich kenne ich das «Kleine-Welt-Phänomen», das besagt, dass man mit jedem Menschen auf der Welt über sechs Kontakte verbunden ist. Heruntergebrochen auf Zürich bleiben da noch ca 1.5 Kontakte. Natürlich bleibt uns nichts anderes übrig, als damit zu leben. Aber ehrlich, wieso sollte man eine App benutzen, die so deutlich aufzeigt, dass man keine Chance hat, jemanden kennenzulernen, der wirklich etwas Neues zu erzählen hat?

PS: Meine geliebte Frau hab ich auf Facebook kennengelernt. Über eine gemeinsame Freundin. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes.

Der lange Weg in den erlauchten Kreis

Alex Flach am Montag, den 8. Juni 2015
Man will unbedingt rein in die gute Stube: Hive Club

Man will unbedingt rein in die gute Stube: Hive Club

Wenn man jung ist, korrelieren die Ansprüche und Wünsche zumeist nicht mit dem Inhalt der Brieftasche: Der Verlockungen sind viele, die finanziellen Möglichkeiten bescheiden. Dieser Missstand manifestiert sich vor allem im Ausgang, ganz besonders wenn man in Zürich lebt: Will man hier seine Party ohne Rücksicht auf die finanziellen Gegebenheiten geniessen, wird man schnell feststellen, dass am Ende des Geldes ziemlich viel Monat übrig bleibt – ein-, zweimal am Abend den Club wechseln, überall zwei bis drei Drinks kippen und schon sind 200 Franken weg. Geht man zweimal wöchentlich aus (für 25jährige keine bemerkenswert sportliche Leistung), belaufen sich die monatlichen Kosten für Clubbing folgerichtig auf ca. 1‘500 Franken.

Wie kann man als ausgehfreudiger Jungzürcher diese immensen Kosten auf ein verträgliches Niveau senken? Ganz bestimmt nicht indem man einen DJ, Veranstalter oder gar den Chef des Clubs seiner Wahl auf Facebook added und ihm, nach erfolgter Annahme, als erstes diese Nachricht sendet: «Vielen Dank für die Bestätigung. Bei wem darf ich mich melden um nächsten Samstag auf die Gäste- oder Friendslist zu kommen?». Vom Freund zum Blockierten in zwei Minuten: Kein Club- oder Partymacher, insbesondere im Bereich anspruchsvoller elektronischer Musik, mag Schnorrer und das Wort «Friendslist» verursacht bei vielen nur noch Sodbrennen.

Der sicherste und nachhaltigste Weg seine Nachtleben-Kosten zu senken ist selbst DJ oder Veranstalter im gewünschten Umfeld zu werden. Sollte es hierfür an Talent mangeln, hilft nachdrückliches Socialising: Wer immer wieder an denselben Orten verkehrt, wird von den Barkeepern, Hosts und Türstehern irgendwann als Stammgast erkannt und als solcher gepflegt. Schneller geht’s wenn man bei seinen Besuchen sympathische Extrovertiertheit an den Tag legt: Man schenkt dem Selekteur das freundlichste Lächeln, fragt den Barkeeper nach seinem werten Befinden und sagt dem Veranstalter, wie grandios die Party sei, die er da wieder hingestellt habe. Passt man dann bezüglich Look auch noch gut zum Image des Clubs (nicht dem tatsächlichen, sondern zu jenem, von dem die Clubchefs denken, dass man ihr Lokal so sehen würde…) dann ist die Chance gross, dass man irgendwann den Eintritt und den einen oder anderen Freidrink geschenkt kriegt.

Das klingt mühsam und langwierig und das ist es auch. Zudem gibt es viele Mitbewerber um die Gunst der Nachtlebenmacher und da die nicht allen alles gratis abgeben können, ist der Erfolg auch mit hartnäckigstem Socialising unsicher. Aber es ist dennoch der einzige Weg um (nach Jahren) vielleicht in den erlauchten Kreis jener vordringen zu können, die hemmungslos ausgehen können, ohne jedes Mal ihr Sparschwein zum Weinen zu bringen.

Möchte man sich das nicht antun und möchte man auch gar nicht allzu engen Kontakt zu all diesen verqueren Szenis, dann muss man sich wohl einfach damit abfinden, 38 Franken Eintritt für den Auftritt von Ricardo Villalobos in Friedas Büxe am Samstag zu berappen. Weil der Mann nun  mal horrende Gagen verlangt, weil die Miete und die Technik eines Clubs nun mal viel kosten und weil all die Leute die da arbeiten nun mal ihre Löhne überwiesen haben wollen.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Zürcher sagt der FIFA die Meinung

Réda El Arbi am Mittwoch, den 3. Juni 2015

Vielleicht hätten wir nicht dieselben Worte gebraucht, aber sinngemäss bringts dieser Zürcher Fussballfan genau auf den Punkt.

Das Facebook-Video wurde bisher ganze 17 000 Mal angeklickt und hats auch schon auf Stern-TV geschafft.

Video: Tele Züri

Plaudern mit Güzin Kar

Réda El Arbi am Mittwoch, den 3. Juni 2015
Ist leider schon vergeben: Güzin Kar, Drehbuchautorin, Filmemacherin und Kolumnistin.

Ist leider schon vergeben: Güzin Kar, Drehbuchautorin, Filmemacherin und Kolumnistin. (Selfie)

In unserer neuen Serie «Plaudern mit …» treffen wir bekannte Zürcher auf ein Gespräch in der Beiz ihrer Wahl und schauen, was sich so ergibt. Heute treffen wir Güzin Kar.

Güzin Kar, erfolgreiche Autorin und Filmemacherin, hat das Bücher-Café Sphère im Kreis 5 für unseren Smalltalk gewählt. Unbewusst gemein wahrscheinlich. Denn wie jeder Journi hab ich halt auch noch ein oder zwei unveröffentlichte Manuskripte in der Schublade, die mir, sobald ich die Disziplin aufbringe, sie zu Ende zu schreiben, den Literatur-Nobelpreis einbringen sollen. Und Güzin lässt mich fünf Minuten umkreist von erfolgreich publizierten Büchern warten.

Sie betritt den Laden in einer Art, die allen den Atem raubt. Es ist nicht nur ihr leuchtendes Kleid, es ist ihre Art, den Raum einzunehmen. Ich bin ein wenig eingeschüchtert.

Mit einem Cüpli (sie trinkt nur einmal pro Woche Alkohol, offenbar immer nach dem Dreh ihrer neuen Talkshow) setzt sie sich mir gegenüber an den Tisch. Güzin, die selbstbewusste Frau, die über Beziehungen, Gender und das ganze Puff zwischen den Geschlechtern schreibt, lebt in Zürich, einer Stadt, die nicht gerade für ihre Flirtkultur bekannt ist.

«Doch, in Zürich lässt es sich hervorragend flirten. Gefahrlos.», erklärt sie mir. «Hier kannst du im Tram jedem zulächeln, ohne dass du um dein Leben fürchten musst. In Mexico City oder in der New Yorker U-Bahn überlegst du dir, ob du Augenkontakt herstellst.»

Ich frage, wie sie zu ihrem Wissen in Beziehungen gekommen ist. Aus Erfahrungen in ihrer Beziehung? Hier gibts die rote Karte für mich. Ihre Beziehung gehört nicht in die Öffentlichkeit, dazu gibts keine Statements. Nun, wenigstens kann ich hier allen schmachtenden Fans kundtun, dass Güzin glücklich vergeben ist.

Aber zurück zu Zürich.

Sie lebe sehr gerne in Zürich, in ganz Zürich, nicht nur in den Szenekreisen 4 und 5. «Meine Freunde leben über die ganze Stadt verteilt, von Schwammendingen bis ins Seefeld.»

Was mich wundert. Normalerweise zieht es Filmleute und Autoren nach Berlin, Hamburg oder sogar nach London. Nicht so Güzin.

«Ich mag Berlin, aber zum Leben fühl ich mich hier wohler. Ich hab auch den Vorteil, dass ich nicht netzwerken muss. Meine Filme reichen als Visitenkarte, so muss ich nicht an Branchenparties, um Küsschen zu tauschen und Freundschaften zu schliessen. Und die Agentur, die mich vertritt, hat ihren Sitz in Berlin. So kann ich meine Zeit nutzen, um hier in aller Ruhe zu schreiben.»

Nur arbeiten? Auch hier in Zürich keine Szeneparties und Hipsteranlässe? Sie gehört ja zur Lokalprominenz und könnte wohl gratis in alle Clubs und an alle Partys.

«Nein, das ist nicht so meins. Ich sehe manchmal auf Facebook die Bilder von irgendwelchen Anlässen und denke mir ‘Aha. Das gibts also alles auch noch’ und setze mich wieder an die Arbeit.»

Sie habe in ihren frühen Zwanzigern eine Phase gehabt, in der sie Gas gegeben habe, sei aber dann ziemlich schnell da herausgewachsen. «Ich wüsste gar nicht, was ich da sollte. Das ist eine ganz andere Welt. Wenn ich etwas mit meinen Freunden unternehme, dann sitz ich meistens da und quatsche. Nichts aufregendes, ich bin per se ein langweiliger Mensch.»

Nun will ichs doch wissen. Wie sieht der normale Alltag einer Filmemachern und Drehbuchautorin aus? Ausschlafen, dann Fanpost öffnen und ein paar Autogramme signieren, sich dann hinsetzen und zwei, drei knackige Szenen entwerfen. Nachmittags einige Telefonanrufe von Stars, die im neuen Film mitmachen wollen?

«Ich setze mich morgens hin, blende alle Ablenkungen aus und bleibe den ganzen Tag dran. Oft brauche ich Stunden, bis ich einen kurzen Dialog so geschrieben hab, dass er stimmt. Ich bin da eine Perfektionstin und ein Arbeitstier.» Hm, nun weiss ich wenigstens, wieso ich kein erfolgreicher Drehbuchautor bin. Mir fehlt zwar nicht die Disziplin, aber die Ausdauer.

Unsere Smalltalk-Zeit nähert sich dem Ende und wir verlassen das Sphère. Güzin muss noch in die Migros um Znacht zu kaufen. Und ich denke darüber nach, ob ich für drei Monate auf eine einsame Insel soll, um doch noch endlich meinen Literaturnobelpreis zu verdienen.

Partysommer startet

Alex Flach am Montag, den 1. Juni 2015
Oberer Letten by Mandy von Zu

Oberer Letten by Mandy von Zu

Gestern Sonntag fand, nach Aufschiebungen wegen unsteter Witterung, endlich das Letten Opening statt, samt Sets der DJs Alex Dallas, Pasci, Matija, Herr Müller und Marc Feldmann. Traditionellerweise ist die Party am Fluss der inoffizielle Startschuss in den Zürcher Outdoor-Sommer, auch wenn bereits einige nennenswerte Frischluft-Events über die Bühne gegangen sind, wie beispielsweise die Uto Kulm-Party mit Solomun und Adriatique, organisiert von einem Kollektiv um Marco Diener, Arnold Meyer und Giusep Fry.

Diener und Meyer zählen auch zu den Verantwortlichen der The Lake-Party in Richterswil vom 27. Juni, an der mit Seth Troxler, Davide Squillace, Adriatique, Butch und vielen mehr ebenfalls reichlich internationale Klasse spielen wird. Der Zürcher Sommer 2015 dürfte jedoch nicht von grossen Outdoor-Events geprägt werden, auch weil das, zumindest teilweise auf elektronisch Musik ausgerichtete, Zürich Open Air und die Street Parade auf dasselbe Wochenende fallen – nicht ohne Konsequenzen für das Rahmenprogramm der Street Parade. Arnold Meyer: «Es wird in diesem Jahr weder eine Electric City noch eine Energy geben. Auf die Electric City verzichten wir weil unser Austragungsort, das Maag Areal, umgebaut wird. Die Energy im Hallenstadion lassen wir nicht zuletzt wegen des Zürich Open Airs aus: Das Risiko, dass sich die beiden Anlässe zu viele Besucher abjagen, ist einfach zu gross».

Auch in diesem Jahr dürften viele, kleine Outdoor-Partys, ob illegal oder legal, den Zauber des Zürcher Sommers ausmachen. Einige dieser Partys sind bereits über die Wiese gegangen wie die eine oder andere Spontanfete in der Allmend, an denen das gemütliche Miteinander mindestens ebenso wichtig ist, wie harte Tanzbeats. In den letzten Jahren konnte man in Zürich generell eine Tendenz zu sogenannten Daytime-Partys beobachten, Anlässen, die nicht am Samstagabend starten, sondern am Sonntagmittag.

Hier verkehren nicht etwa wie früher primär Perpetuum Mobile-Clubber, die sich nach zwei durchzechten Nächten an einer Afterhour versuchen die eingeworfenen Substanzen aus den Gliedern schütteln, sondern viele Partygänger, die am Samstagabend früh ins Bett sind und die nach dem Sonntagsbrunch etwas feiern möchten. Ein Beispiel für diese Entwicklung sind die Sonntags-Partys im Supermarket wie die Sonntagsmärkte der Bernerin Manon Maeder, die dem Club seinen xten Frühling beschert haben.

Nicht jede Location eignet sich ebenso gut für sommerliche Sonntagspartys wie der Supi, kann man sich doch hier in einem grosszügigen Aussenbereich vertun und der Geroldsgarten, einer der beliebtesten Sonnenplätze der Zürcher, ist nur ein Steinwurf entfernt. Für etliche sommerliche Partystunden dürften auch Veranstalter wie Enzo lo Conte sorgen, die ihre Gäste mit Vorliebe auf Zürichsee-Schiffen, auf Wiesen, im Wald oder am Ufer des Sees zappeln lassen. Um an die Infos zu den kleinen Partys zu kommen empfiehlt es sich auf Facebook zu stöbern. Die grossen Events werden in der Regel auf den gängigen Plattformen wie tilllate.com angekündigt.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Das Erbe der 80er

Réda El Arbi am Samstag, den 30. Mai 2015
Inzwischen bezahlt man für ein Getränk in der Roten gleich viel wie im Opernhaus. (Bild: SRF)

Inzwischen bezahlt man für ein Getränk in der Roten gleich viel wie im Opernhaus. (Bild: SRF)

Heute vor fünfunddreissig Jahren wurde der Start-Pflasterstein zur 80er-Bewegung geworfen. Ich war am 30. Mai 1980, beim Startschuss zur Zürcher Bewegung, zehn Jahre alt. Die Opernhauskrawalle sagten mir nichts und den einzigen Bezug, den ich zur 80er-Bewegung hatte, waren die Erzählungen der Freunde meiner älteren Schwester.  Und meine Schwester war damals eher ein Hippiemädchen als eine Bewegte (da gibts noch irgendwo ein Bild mit Blumenkranz im Haar und grauenhaftem Zigeunerrock).

Trotzdem prägte die 80er-Bewegung mein Weltbild und meine Jugend. Das Umdenken, welches in dieser Zeit gewalttätig und teuer erkämpft wurde, machte aus meiner Stadt einen weltoffenen, modernen Lebensraum. Junge Menschen aus der ganzen Schweiz fanden in Zürich den Freiraum, Kunst, Kultur und alternative Lebensformen zu leben. Der graue Nebel lichtete sich und offenbarte eine Stadt, in der man (im Vergleich zu den 70ern) frei atmen und leben konnte.

Meine Zeit der Revolution kam dann in den 90ern. Da Zürich in den 80ern an Attraktivität gewann, sowohl wirtschaftlich wie auch kulturell, wurde der Wohnraum knapp. Und aus dieser Misere und den Überresten der Bewegung entstand dann die Besetzerszene. Einige ältere 80er-Bewegte erklärten uns natürlich, dass zehn Jahre früher «der Widerstand» viel revolutionärer war, dass es «damals» noch wirklich «bewegt» war. Inzwischen war ich alt genug, um die Wiederholung zu erkennen. Die 80er mussten sich wohl denselben nostalgischen Schrott von den 68ern anhören. Und wir, Generation «Wohlgroth», werden nicht müde, den Reclaim-the-Streets-Aktivisten zu erklären, dass unsere Zeit die beste war.

So weit, so gut. Jede Generation hat ein wenig Freiheit erkämpft, die 80er brachten mehr Freiraum im Bereich Kultur und schafften mehr Toleranz für andere Lebensentwürfe, die 90er eine liberalere Drogenpolitik und die legale Akzeptanz (keine sofortigen Räumungen der besetzten Liegenschaften) von Hausbesetzungen. Die Polizeistunde wurde abgeschafft, das Zeitalter des Techno und der Clubs begann.

Die Befreiung der 80er hatte aber auch einen Nebeneffekt. Inzwischen darf man in Zürich alles. Solange man nichts zerstört, das Geld hat und es sich leisten kann. Das erste Mal fiel mir das auf, als ich in der Roten Fabrik für mein Frühstück gleich viel bezahlte wie in einem Café an der Bahnhofstrasse, einfach mit unfreundlicherem Service (das gehört da zum Konzept). Und als ich meinen Eintritt/Drink in einem Club mit einem halben Tageslohn vergüten musste.

Aus Freiheit wurde Konsum. Die Revolution ist inzwischen ein Che-Guevarra-T-Shirt von einer Billigklamotten-Kette an der Bahnhofstrasse, «Kultur» ein Clubeintritt für 25 Franken oder ein Konzertticket für 90 Stutz. Die Bewegten aus den 80ern besuchen am 1. Mai die Kasernenwiese, parken aber ihre Autos, bezahlt aus ihren Jobs in Werbung und Medien, ausserhalb des Quartiers, weil sie um ihr Eigentum fürchten. Da sitzen sie dann in den T-Shirts ihrer Jugend, die inzwischen über dem Wohlstandsbauch spannen, erzählen sich Geschichten von früher und recken die Faust mit einem Döner vom Stand der PKK.

Die 80er und die folgenden Bewegungen haben uns in eine superindividualisierte Gesellschaft geführt. Jeder darf sein, was er will. Blaue Haare und zerrissene Jeans sind kein Aufmüpfen, sondern ein Modestatement. Clubs haben inzwischen eine politische Lobby aus Anwälten in Anzügen und das Nachtleben ist eine Industrie wie die Kohleverarbeitung. Inklusive empörter Gegner. Zwischennutzungen ersetzen Besetzungen und werden an szenige Künstlerkollektive und berufsjugendliche Unternehmer, alle in ihren Vierzigern, vermietet, die aus Zürich eine Berlinkopie machen, anstatt was Eigenes auf die Beine zu stellen. Von der alternativen Idee bis zu deren Kommerzialisierung dauert es noch gefühlte zwei Wochen.

Wer sich heute unwohl fühlt in dieser Gesellschaft, kann schlecht rebellieren. Erstens rebelliert er gegen eine Generation, die besser rebelliert hat, und zweitens ist ja bereits alles erreicht, alles ist frei, alles ist locker. Mehr zu fordern heisst mehr konsumieren zu wollen. Mehr Ateliers, mehr Freiheit, mehr finanzielle Unterstützung, mehr von allem. Und alles kann man kaufen. In Zürich regiert nicht die autoritäre Geisteshaltung der 70er. In Zürich regiert Kommerz kombiniert mit der unheimlich nervigen Patronisierung durch eine widerlich verständnisvolle ältere Generation.

Der heutigen jüngsten Generation bleiben zwei Wege: In den Konsum einzutauchen und sich in individueller Freiheit zu baden (gegen Geld natürlich), oder sich zu verweigern. Nicht zu konsumieren, Kultur wieder ohne staatliche und wirtschaftliche Geldspritzen zu machen und dafür auch nicht reguliert zu werden, sich Nischen zu suchen und diese zu nutzen. Kunst und Kultur dahin zu tragen, wo sie noch nicht (kommerziell) stattfindet. Aus Zürich hinaus in die Einöde der Kleinstädte, wo es noch Kämpfe gäbe, die ausgefochten werden müssen.

Das ist jedoch nicht besonders cool und man kann sich danach nicht in einer Hipsterbeiz bei einem überteuerten Hipsterbier entspannen.

PS: Vielleicht bin ich ja auch nur ein Wohlgroth-Veteran, der mit erhobenem Zeigefinger der Jugend predigt, dass früher alles besser war. Jänu.

Hier gehts zu «Definitiv ZH» mit einer Sammlung aller Bands und Geschichten aus Zürich zwischen 1976 und heute: «Definitiv II»

Kommandant von Gottes Gnaden

Réda El Arbi am Freitag, den 29. Mai 2015
Daniel Anrigs Leistungsausweis: Der Papst lebt noch.

Daniel Anrigs positiver Leistungsausweis: Der Papst lebt noch.

In Zürich wurde neu eine wichtige Führungsstelle vergeben. Nein, wir sprechen nicht vom Chef der Fifa, es gibt auch noch anderes. Ausserdem war der Stadtblog wieder mal seiner Zeit voraus und hat sich bereits eine Woche vor dem Skandal kritisch über die FIFA geäussert (und wurde dafür von der FIFA-Medienstelle mit einer Klage bedroht).

Wir sprechen vom Chef der Stabsabteilung der Flughafenpolizei. Die Kantonspolizei besetzte die Führung einer Abteilung des wohl wichtigsten Korps innerhalb der Kapo mit dem ehemaligen Chef der Schweizergarde im Vatikan.

Ihr könnt euch erinnern? Daniel Anrig, der das Kommando über die Schweizer Mannen mit harter Hand führte und der vom liberalsten Papst seit der Päpstin zurück in die Schweiz geschickt wurde? Mehrere Gardisten kritisierten den Kommandanten für seinen rauen Befehlston und sprachen von schikanösen Befehlen. Auch wegen seiner luxuriösen Unterkunft stand Anrig in der Kritik.

Schauen wir doch mal den positiven Leistungsausweis des wackeren Soldaten Gottes an: Der Papst lebt noch. Ja, es leben sogar noch zwei Päpste, wenn man den Ratzinger mitzählt. Als Personenschützer für Gurus scheint Daniel Anrig also nicht so schlecht. Obwohl ich mir denken könnte, dass Leute, die Päpste umbringen wollen, nicht gerade gut organisiert sind und eher aus der Abteilung «Spinner und Narzissten» kommen.

Stelleninserat bei der Kapo

Stelleninserat bei der Kapo

Und sonst? Ah ja! Daniel Anrig konnte damals, als er noch Chef der Kriminalpolizei in Glarus war, in einem Strafverfahren nichts nachgewiesen werden. Damals gings immerhin um  einen der grössten Polizeiskandale der Schweiz. Er liess eine Razzia in einer Asylunterkunft durchführen, bei der Asylsuchende gefesselt und ausgezogen wurden.

Also: Keine toten Päpste und keine Schuld an unter seinem Kommando stattfindenden Skandalen (das wiederum erinnert doch schon ein wenig an Blatter, nicht?). Natürlich könnte man anfügen, dass er den Papst beschützt und damit genug Bezug zum Himmel hat, um eine Abteilung des Flughafenkorps zu führen. Mit etwas Fantasie könnte man das als positive Bilanz interpretieren.

Wie um Himmels Willen konnte jemand mit einem solchen Dossier die verantwortungsvolle Position des Chefs Stabsabteilung Flughafenpolizei bekommen? Wenn sein Führungsstil weiter so militärisch, hierarchisch und «schikanös» bleibt, haben wir schlechtgelaunte  Kantonspolizisten mit Maschinenpistolen an einem Ort im Einsatz, an dem Besonnenheit und Teamwork von elementarer Wichtigkeit sind.

Die Stellenbesetzung lässt vermuten, dass Anrig wohl noch Freunde in der Führungsriege der Kapo hat. Die alten Seilschaften eben. Die Kantonspolizei hat sich in den letzten fünfzehn Jahren einen exzellenten Ruf in Sachen Professionalität und Kompetenz erarbeitet, und das obwohl sie am Flughafen mit schwierigen Aufgaben wie Ausschaffungen betraut wurde.

Mit der Besetzung Anrigs als Chef Stabsabteilung Flughafenpolizei bröckelt diese Glaubwürdigkeit wieder.

Plaudern mit Viktor Giacobbo

Réda El Arbi am Dienstag, den 26. Mai 2015
Aufgabe an Viktor Giacobbo: Ein lustiges Selfie machen.

Aufgabe an Viktor Giacobbo: Ein lustiges Selfie machen.

In unserer neuen Serie «Plaudern mit …» treffen wir bekannte Zürcher auf ein Gespräch in der Beiz ihrer Wahl und schauen, was sich so ergibt. Als ersten Gast trafen wir den Verwaltungsratspräsidenten und Humoristen Viktor Giacobbo.

Viktor Giacobbo hat mich in eine Beiz im Kreis 5 bestellt, in die «Alpenrose». Natürlich kann das nichts Richtiges sein, weil ich sie nicht kenne und Giacobbo doch so ein Winterthurer ist.

Als ich eintreffe, bin ich überrascht. Trotz des biederen Namens «Alpenrose» handelt es sich um ein Lokal, in dem sich jeder Zürcher Hipster durchaus wohlfühlen würde. Naja, eigentlich hätte ich bei Viktor Giacobbo auf eine ironische Wendung gefasst sein müssen.

Er sitzt noch mit dem Personal des Restaurants beim Essen und ich setze mich etwas abseits. Ich bin nervös, schliesslich ist Giacobbo der Schweizer Vorzeigehumorist, seine Figuren (wie der Fredi Hinz) gelten inzwischen als nationales Kulturerbe, in einer Reihe mit Emils Schaffen.

Nicht lustig

Er wechselt zu meinem Tisch und entschuldigt sich, dass er mich dreieinhalb Minuten warten liess. Und bietet mir das Du an, mit dem Hinweis, dass er ab und zu den Stadtblog liest. Und das, obwohl der Tages Anzeiger das Casinotheater in «Giacobbo-Theater» umbenannt hat.

«Ich bin da nur Verwaltungsratspräsident, was soviel heisst, dass ich ein wenig netzwerke und ab und zu meinen Namen zur Unterstützung einwerfe. Das Programm wird von der künstlerischen Leitung gesetzt, da mische ich mich wenig ein. Es zeugt von fehlendem Respekt, den Einsatz der vielen Kollegen einfach zu übergehen und es als mein Projekt hinzustellen.»

Ui, der Viktor ist ja gar nicht immer lustig. Ich versichere ihm, dass ich an jeglicher Umbenennung des Theaters unschuldig sei. Aber er sagt, dass er den «Supino-Anzeiger» trotzdem liest, auf dem Tablet. Auch wenn das E-Paper nur selten richtig funktioniere …

Die Künstler-Kommunisten

Bei den Theaterproduktionen im Casinotheater (!) würden übrigens alle Schauspieler den gleichen Honoraransatz bekommen, egal wie berühmt sie wären und selbst wenn sie Verwaltungsratspräsident des Hauses seien, erklärt er. Hm, also sowas wie Kommunismus für Künstler. (Jaja, diese Linken von der SRG, das hat man ja schon immer gewusst.)

Ich versuche das Thema zu wechseln und frage nach den Vor- und Nachteilen seiner Berühmtheit. Erwarten alle (wie ich), dass Viktor Giacobbo immer lustige Unterhaltung bietet?

«Sobald ich merke, dass mein Gegenüber diese Erwartung hat, werde ich ziemlich spröde. Die Figur des Harry Hasler hab ich sogar extra aus dem Verkehr genommen, weil die Leute nach dem Hype damals nicht mehr zwischen meiner Person und der Kunstfigur unterscheiden konnten.»

In der Öffentlichkeit sei es gleichermassen von Vor- und von Nachteil, über eine gewisse Bekanntheit zu verfügen. In Beizen sei es so, dass er entweder sehr freundlich behandelt werde oder aber er müsse speziell lange auf die Bedienung warten. «Vor allem die hippen Szenelokale scheinen sich der ausgleichenden Egalität verschrieben zu haben und müssen besonders deutlich zeigen, dass man als Promi gar nicht bevorzugt wird.»

Winterthur vs Zürich

Ich frage ihn, ob er sich in Winterthur (ich halte ihn für einen Berufswinterthurer) in der Öffentlichkeit frei bewegen kann.

«Ja, sicher – wie überall in der Deutschschweiz. Ab und zu kommen vor allem jüngere Leute und fragen nach einem gemeinsamen Selfie. Was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass das Fernsehen eigentlich eher als Rentnermedium gilt. Offenbar schauen doch auch noch einige Leute unter Dreissig ‘Giacobbo/Müller’.»

Aber er bewege sich auch häufiger in Zürich als in Winterthur. Er wohne zwar in Winterthur, aber sein Freundeskreis sei eben auch in Zürich beheimatet, da er ja auch hier arbeite. Als Berufswinterthurer werde er wohl wahrgenommen, weil jedes Käseblatt, das etwas über die Stadt schreibe, von ihm ein stadtpatriotisches Statement erwarte.

Also kein Berufswinterhurer. Gopf, alle meine Vorurteile werden demontiert. Aber da muss ich nachhaken. Ob er hier nicht gerade seine eigene Stadt verrät?

«Nein, Winterthur ist okay. Es ist wie Zürich, nur übersichtlicher und besser organisiert, zum Beispiel was Velowege angeht. Es ist auch alles zu Fuss innert 10 Minuten erreichbar und bietet für eine Stadt von 100 000 Einwohnern und vielen Studenten ein gutes kulturelles Angebot.» Wozu natürlich auch das Casinotheater gehöre. Es sei doch inzwischen so, dass viele Zürcher das Angebot in Winterthur nutzen, und nicht nur die Winterthurer abends nach Zürich pilgerten.

Die Kritiker

Zum Schluss will ich noch wissen, wie lange er und Mike Müller noch ‘Giacobbo/Müller’ machen würden. Die Sendung sei doch jetzt schon eine Weile auf dem Programm. Und da schimmert nochmals Leidenschaft durch.

Mit Einschaltquoten von 30 bis 38 Prozent sei die Sendung auf dem Höhepunkt – ähnliche Sendungen im Ausland haben Quoten von um die 10 Prozent. Sie würden solange weitermachen, bis es einem der beiden langweilig würde oder andere Projekte Vorrang bekämen. Oder das Publikum wegbleibe. Gegenfrage: «Wie lange macht ihr noch Tages Anzeiger?»

Was er denn über die Kritik denke, die nach jeder Sendung auf ihn und sein Team einprassle, über die Vergleiche mit den deutsche Kabarettisten oder zum Beispiel der «Heute Show» des ZDF.

«Die ‘Heute-Show’ ist grossartig, aber dahinter steht ein ganz anderes Konzept. Die ganze Sendung ist gescriptet, die Gags sehr klar gesetzt und per Prompter vorformuliert, selbst in den Dialogen, während Mike und ich mit ein paar Stichworten und einige vorbereiteten Beiträgen frei interpretieren und gleichzeitig parodieren und Figuren spielen. Wir sind weniger eine Comedie-Show als eine Late-Night-Show im angelsächsischen Stil -natürlich am Schweizer Publikum orientiert. Wir leben gut mit Lob und Kritik, was im übrigen weltweit jeder Komiker muss.»

Manchmal vermisse er aber die entspannte Fachkritik, so wie sie im Theater, Film oder Oper von Hintergrundwissen ausgehe – für Online-TV-Kritiker genüge leider ein Fernsehgerät als fachlicher Hintergrund.

PS: Auf der Rechnung erscheint nur mein Kaffee. Viktors Glas Wasser ist wohl von der Beiz spendiert. Die Vorteile des Ruhms – oder die Freundschaft mit den Beizerinnen.