Tages-Anzeiger



Medienschelte: Die «Drogenchaoten»

Réda El Arbi am Donnerstag, den 16. April 2015
Billig und irreführend getitelt.

Billige Clickbait.

Niemand wird mir zu grosse Sympathien für die Fankultur im Schweizer Fussball vorwerfen können, ehrlich nicht. Für einmal schliesse ich mich aber der Einschätzung der Fangemeinde an: Der Blick-Artikel «Sie sind vollgepumpt mit Drogen!» ist so ziemlich das schlechteste mediale Machwerk zum Thema in den letzten Jahren. Es ist schlimmste, billigste und vor allem hanebüchen belegte «Clickbait».

Aufgrund eines anonymen Zeugen, ohne weitere Quellen oder verifizierte Fakten einer Gruppe in dieser schreierischen Art massiven Drogenmissbrauch vorzuwerfen, entbehrt jeglicher journalistischer Sorgfalt.

Wenn ich (mit vollem Namen) in einem Blog meine Meinung äussere, schimpfe oder satirisch spöttle, nerve ich vielleicht einige Fans, gebe aber damit auch Denkanstösse für die Auseinandersetzung zum Thema. Und ich gaukle nicht vor, etwas anderes als meine Meinung zu vertreten.

Wer aber eine Gruppe als Drogenzombies oder Drogenchaoten verhetzt, und das als Tatsache und nicht als Meinung verkauft, dem fehlt der fundamentale Respekt vor der Thematik Gewalt UND vor der Thematik Drogen. Gesellschaftliche Missstände werden so zu Fäkalien, die Klicks wie Fliegen anziehen sollen. Die Vermutungen des anonymen «Zeugen» Matthias H. («Sowas ist ohne Drogen gar nicht möglich!») als Berichterstattung zu verkaufen, ist schwach. Dazu wird am  Ende des Artikels die Antwort auf die Frage zum Umgang mit gewalttätigen Fans mit dem Begriff «Drogenchaoten» in einen unzulässigen neuen Kontext gesetzt. Der Befragte hat sich nie zu Drogen oder Drogenkonsumenten geäussert, nur zur Gewaltproblematik innerhalb der Fanszene. Das ist miserabler Boulevard. Bezeichnend ist auch, dass der Artikel nicht namentlich gezeichnet ist.

Boulevard in der Schweiz ist das Handwerk, Geschichten emotional, persönlich, unterhaltend und leidenschaftlich zu erzählen. Man polarisiert, polemisiert und hält so die Diskussionen und die Auseinandersetzungen, die die Gesellschaft bewegen, am Laufen. Der Blick schafft das oft und auch gut. In diesem Fall scheinen aber die internen Qualitätskontrollen versagt zu haben.

Dieser Artikel erfüllt nicht ein einziges Kriterium von gutem Boulevard. Für dieses Machwerk schäme ich mich. Nicht weil ich Boulevard verachte (ich hab selbst für diese Titelgruppe gearbeitet), sondern so, wie sich ein engagierter Schreiner für ein miserabel aus Abfallholz zusammengenageltes Möbelstück schämen würde.

So ist es kein Wunder, dass der Dialog mit den Verantwortlichen innerhalb der Szene scheitert. Viel mehr kann man Chaos und Gewalt nicht anheizen.

«Es gibt keine Hools!»

Réda El Arbi am Dienstag, den 14. April 2015
2000 Grad heisse Pyros auf dem Platz und lahmgelegte Züge sind ein Ausdruck für Freude am Sport.

2000 Grad heisse Pyros auf dem Platz und lahmgelegte Züge sind ein Ausdruck für Freude am Sport.

Jaja, ich weiss. Ich sollte nicht mehr über Fussballfans schreiben, weil die darauf folgenden Androhungen von Gewalt («Wir prügeln dich solange, bis du zugibst, dass die Fankultur total friedlich ist!») mir immer so furchtbar Angst machen.

Aber  am Wochenende ist eine Geschichte von den Wahlen und dem Sechsilüüten etwas aus dem Fokus verdrängt worden: Randalierende Fans des FC Zürich haben am Sonntagabend nach der 1:5 Niederlage auf der Heimreise vom Match gegen den FC Basel in Pratteln BL für einen Totalunterbruch der SBB-Linie Richtung Zürich gesorgt. Sie haben bereits im Stadion Pyros aufs Spielfeld geschmissen und auf dem Weg zum Bahnhof randaliert. In der ganzen Region war der Bahnverkehr auf Stunden gestört und Züge wurden demoliert.

Zuerst dachte ich an einen Fünfjährigen, der beim Leiterlispiel verliert und in einem Töibeli-Anfall das Spielbrett durchs Zimmer schmeisst und kreischend auf den Figuren rumtrampelt. Aber natürlich hab ich mich geirrt.

Es gibt nämlich keine unreifen, gewalttätigen Hools, die Pyros aufs Spielfeld werfen und Sachschäden verursachen, Notbremsen ziehen und bei einer Niederlage rumstämpfelen. Unsere Recherchen im Umfeld der Südkurve haben ergeben, dass diese Art Fans eine Erfindung der Lügenpresse ist.

«Ich kenne  keine Hools. Nur Ultras, und die sind nicht so», meint ein anonymer Südkürvler. «Ihr unterscheidet einfach nicht». Eine junge Dame aus dem Umfeld der Ultras: «Das (..die gewalttätigen Fans ..) sind eine kleine Minderheit, aber die Presse berichtet immer nur über die».

«Uns liegt der Sport am Herzen, und das wollen wir mit Pyros (2000 Grad heissen Fackeln) ausdrücken. Das ist ein Ausdruck der Begeisterung für das Spiel. Gewalt lehnen alle von uns ab», von einem empörten Fan.

Ein etwas älterer Fan: «Die Fankultur ist nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Jeder Sport hat schwarze Schafe unter den Fans.» (Jep. Wir erinnern uns an die randalierenden Horden aus dem Umfeld der Kunstturnerinnen-Fanclubs. Oder wie die schwarzen Schafe unter den Fans der Schwimm-Nationalmannschaft den Schiffsverkehr auf dem Zürisee lahmlegten.  Und natürlich die Federer-Fans, die sich mit Nadal-Fans zum Showdown trafen und sich blutig prügelten. Grauenhafte Szenen!)

Und natürlich aktuell: «Wir haben mit Blockflöten und Geigen unsere dreistimmigen Choräle für den nächsten Match geübt und an unserem Lindenblütentee genippt – und plötzlich stand der Zug still und die Sitze waren verwüstet. Keine Ahnung wer das war. Aber mit unseren Fanclubs hat das nichts zu tun.»

(Wir überlassen es dem geneigten Leser, das erfundene Zitat zu erkennen.)

Also, eigentlich bilden wir uns die Ausschreitungen und die Auswüchse bei den Fussballfanclubs, speziell bei den Zürcher Fans, nur ein. Wir von der Presse blasen das total auf, wenn Tausende von Bahnhreisenden festsitzen, weil FCZ-Fans über einen verlorenen Match töibelen und stämpfelen.

Sorry, liebe Fans. Ich entschuldige mich hiermit dafür, dass ich immer nur dann über euch schreibe, wenn ihr gerade irgendwas zerstört, irgendwas lahmgelegt, irgendwas angezündet, ein Spiel gestört oder irgendwen verprügelt habt. Ah, nein, mein Fehler. Ihr wart das ja nicht. Das war die winzige Minderheit, die nach dem Match die Notbremse zog und auf die Gleise strömte (!).

PS: Wenn ihr mir wieder euren Unmut mitteilen wollt, verstopft bitte nicht mein Mailfach. Ihr könnt mich auf meinem Facebook-Profil direkt  öffentlich beschimpfen. Wenn ihr den Mut habt, das nicht anonym zu tun.

Unsägliche Politwerbung

Réda El Arbi am Freitag, den 10. April 2015
An Beliebigkeit nicht zu  überbieten. Wahlplakate in Zürich.

An Beliebigkeit nicht zu überbieten. Wahlplakate in Zürich.

Zürich wählt. Was zur Folge hat, dass wir in den letzten Wochen einer Flut langweiligster Plakate mit noch langweiligeren Slogans ausgesetzt waren. Und ehrlich: Kennen Sie jetzt die Namen von Kandidatinnen oder Kandidaten, die Sie nicht sowieso schon gewählt hätten?

Ich nicht. Also zwei kenn ich. Den einen konnte ich mir merken, weil er einen lustigen Namen hatte und ich immer kichern musste, wenn ich das Plakat sah. Die andere (wie hiess sie noch?) blieb mir in Erinnerung, weil sie vom Dignitas-Gründer Minelli in einem Flugblatt angegriffen wurde.

Ansonsten hat sich in meinem Kopf nur eine diffuse Masse an austauschbaren Bildern aus der Halbtotalen mit lächelnden Gesichtern festgesetzt. Unterschieden nur von den Parteifarben im Hintergrund, ab und zu von unartigen Schulkindern mit einem Schnauzbart verziert.

Das Problem sind die 180 Parlamentsplätze für den Kantonsrat. Nicht, dass man sich alle Kandidaten merken müsste, aber man muss sich die Plakate von allen Kandidaten ansehen. So gehen die für den eigenen Wahlkreis in der Masse unter. Ausserdem sind Kantonsräte sowieso das Proletariat der Politik: Sie machen die ganze mühsame Arbeit, aber kein Schwein kennt ihre Namen.

Und natürlich hat Wahlwerbung dieser Art nicht den geringsten Impact. Politiker sind keine Waschmittel. Man steht nicht vor einem Regal und packt den Politiker ein, der am intensivsten ins Unterbewusstsein projiziert wurde. Man wählt entweder den Kandidaten, den die favorisierte Partei vorschlägt, oder den, der durch seine bisherige Arbeit einen Eindruck hinterlassen hat. Und die Wahlplakate für Listen machen das Ganze nicht besser. Liefern sie doch NUR die Slogans und versuchen nicht mal vorzugeben, es gehe um Person bzw. Persönlichkeit und nicht um den Machteinfluss der Partei im Parlament.

«Wählermobilisierung!» werden jetzt die Kommunikationsprofis der Parteien rufen. «Schwachsinn!» werde ich ihnen antworten. Wähler mobilisiert man mit Themen. Man macht sie auf einen Misstand aufmerksam und verspricht ihnen, den so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen. Und das macht man in den Medien, nicht auf einem Plakat mit lahmen Slogans. Niemand steht am Wahlsonntag auf und denkt «Ah, ja genau, das Plakat! Ich sollte noch wählen gehen.» Am Sonntagnachmittag denkt man beim Anblick der Plakate vielleicht «Ou Gopf, ich hab vergessen zu wählen.»

Die Mobilisierung haben auch die beiden grossen Feinde SVP und SP dieses Jahr gross geschrieben. Die SVP überschwemmte die Briefkästen wieder mal mit ihren Flugblättli, die eigentlich nur ihre Wähler dazu bringen, ernst mit dem Kopf zu nicken und vielleicht die Faust im Sack zu machen. Die SP hat sich dieses Jahr an Obamas Wahlkampf orientiert und die Leute zuhause angerufen.  Aber ehrlich: Wer will am Samstagmorgen von irgendwem – und sei es vom Politiker aus dem eigenen Wahlkreis – angerufen werden? Nein. Als Linker und Netter verdreht man die Augen, hört zu und wartet auf den Augenblick, in den man das Gespräch so höflich wie möglich unterbrechen kann.

Also, liebe Parteien, macht doch mit Inhalten auf euch aufmerksam. Mit Lösungsansätzen, die vielleicht nicht knallen, aber dafür funktionieren könnten. Und bittebitte spart euch das Geld für die unzähligen, unsäglichen Plakate. Oder wollt ihr wirklich einen Bürger, der seinen Kantonsrat oder seine Regierungsrätin auf Grund eines Fotis aus der Halbtotalen und einem Drei-Worte-Slogan wählt?

PS: Politische Loyalität beruht auf Anziehung, nicht auf Werbung.

Wir fordern ÖV-DJs!

Réda El Arbi am Mittwoch, den 8. April 2015
Viele Leute würde auf einen ÖV mit Soundtrack umsteigen. Ehrenwort!

Viele Leute würden auf einen ÖV mit Soundtrack umsteigen. Ehrenwort! (Bild: westnetz.ch)

Mit Erschrecken habe ich letzthin lesen müssen, dass den Zürcher Busfahrern das Radiohören verboten ist. Sie könnten damit die Fahrgäste stören. In anderen Gegenden (wie Winterthur) dürfen die Chauffeure leise Musik hören.

Ich weiss jetzt aber wirklich nicht, was besser für die Verkehrssicherheit und für das Wohlbefinden von Fahrer und Passagieren ist – wenn den Busfahrern Musik verboten ist, oder wenn die Busfahrer dauernd Werbejingles und langweiliges Gelabber der jeweiligen Lokalradios hören.

Grundsätzlich denken wir vom Stadtblog, dass es den Tram-, Zug-, und Busführern im ganzen Gebiet des ZVV gestattet werden sollte, ihre eigenen Playlists zusammenzustellen und über die Lautsprecheranlage laufen zu lassen. Das würde die Atmosphäre im ÖV mit Sicherheit entspannen.

Stellwerkstörungen und Wartezeiten liessen sich sicher besser überstehen, wenn man zu Stones «2000 Lightyears From Home» herumträumen kann. In den ersten Bus- und Tramfahrten morgens wären nicht so viele griesgrämge Gesichter zu sehen, wenn Seeeds «Aufstehn» aus den Boxen schallt.

Ausserdem wirkt Elvis Presleys «In The Ghetto» aufmunternd, wenn man den 31er über die Langstrasse bis nach Altstetten nimmt. In Altstetten könnte man dann Police's «Roxanne! You dont have to but on the red light!» mitsummen, wenn man an den Strichboxen vorbeifährt. Auch wäre es sicher lustig, wenn der 4er am Sonntagmorgen völlig zugedröhnte Partybesucher mit Helene Fischers «Atemlos durch die Nacht» vom Escher-Wyss-Platz zum HB bringt. Eine Art nachträgliche Drogenprävention.

Auch ist der Dichtestress in der S12 erträglicher, wenn wir Stings «Don't stand so close to me» hören könnten. «Window Shopper» von 50 Cent würde uns am Monatsende durch die Bahnhofstrasse tragen, ohne dass wir frustriert sind. Und wer auf den Bus rennen muss, kommt bei «Stop That Train» von Clint Eastwood & General Saint wieder zu Atem, wenn er sich auf den Sitz fallen lässt.

Auch für die Öffentlichkeitsarbeit des Öffentlichen Verkehrs wäre was gemacht. Die FahrzeuglenkerInnen könnten wie Trucker ein Schild mit ihren Namen – DJ Frau Henggeler oder MC Herr Bieli – vorne ins Fenster stellen. So würden sich vielleicht auch Passagere zu Stosszeiten besser verteilen: «Nei, chumm, mir wartet no eine, das da isch de DJ Rudisüli, de macht Metal. Im Nächschte fahrt DJane Anderegger, die hät meh Electro und so.»

Grundsätzlich täte einer so hektischen und geordneten Stadt wie Zürich Musik im ÖV gut. Deshalb unsere Bitte an die Verantwortlichen bei ZVV und VBZ:

Let the music play!

Die Feinde der Schweiz. Ehrewort!

Réda El Arbi am Dienstag, den 31. März 2015
Achtung! Landesverräter!

Achtung! Landesverräter!

Nun stehen ja bald wieder Wahlen in Zürich an, und da macht es Sinn, sich einmal quer durch die politischen Blätter und Veröffentlichungen zu lesen, bevor man da irgendwen wählt, der vielleicht gar nicht für die eigenen Werte steht.

Ein besonderes Fundstück erreichte mich glücklicherweise noch vor den Wahlen über die Zeitschrift «Schweizerzeit»: Eine Liste der «Feinde der freien Schweiz». Das war vielleicht ein Augenöffner! Ich muss jetzt mein ganzes Weltbild neu definieren!

Wer hätte gedacht, dass das Mädchenhaus Zürich, das Heks und der Kinderschutzbund zu den Landesverrätern zählen? Ganz unheimlich sind mir auch die «Arbeitsgruppe Tourismus & Entwicklung» und die «Caritas». Ich sehe schon bildlich vor mir, wie diese subversiven Organisationen unsere Freiheit mit Füssen treten. Und ehrlich, «Fastenopfer»? Wer sich selbst als Opfer sieht und mit Fasten die Wirtschaft schädigt, kann doch kein Patriot sein, oder? Opfer. Pfft.

(Fortsetzung unter dem Bild)

Ui nei! Alle böse!

Ui nei! Alle böse!

So wie ich das sehe, sind die «Reporter ohne Grenzen» eigentlich nur der militante Arm der Lügenpresse, während die Menschenrechtsorganisationen uns an unserer nationalen Freiheit auf Menschenrechtsverletzungen hindern. Pfui bäh, das ist ja schon beinahe Diktatur!

Aber beinahe am Schlimmsten auf der Liste ist das Schweizerische Rote Kreuz. Diese vaterlandsverräterischen Halunken benutzen sogar unser heiliges Schweizer Kreuz als Symbol! Das ist doch die Oberfrechheit! Treiben sich im Ausland herum, verschenken unsere teuren Medikamente an Dahergelaufene und stehen im eigenen Land gegen die Freiheit! Dass das Kommunisten sind, sagt ja schon der Name! Henry Dunant war sicher Bolschewik!

Irgendwie dünkt mich die Liste aber nicht konsequent. Auch die Heilsarmee (die ihre aggressiven Ambitionen ja schon im Namen trägt), die kantonalen Samichlaus-Vereine (die Bärte, sag ich nur. DIE BÄRTE!) und die Verkehrskadetten (die uns vorschreiben wollen, wie wir unsere Freiheit im Strassenverkehr leben dürfen) gehören auf diese Liste!

Dankbar für die Warnung vor der Gefahr für unsere freiheitlichen Werte bin ich der ganzen Redaktion der Schweizerzeit und werde diese Liste – und den Geist dahinter – sicher auch beim Ausfüllen meines Wahlzettels berücksichtigen.

(Die politischen Konsequenzen, die man aus der in der Liste herrschenden Weltsicht ziehen mag, sind natürlich ganz dem Leser überlassen. Ehrlich.)

Hier die Redaktion der «Schweizerzeit»:

Chefredaktor:
Dr. Ulrich Schlüer (us)

Abschlussredaktion:
Olivier Kessler (ok)

Mitarbeiter:
Roland Burkhard
Patrick Freudiger
Thomas Fuchs
Arthur Häny
Hans Kaufmann
Barbara Keller-Inhelder
Olivier Kessler
Hermann Lei
Anian Liebrand
Luzi Stamm

Politisiertes Nachtleben?

Alex Flach am Montag, den 30. März 2015
Kein Sinn für Ironie: Den eigenen, selbstgekauften Technikmüll als Zeichen des Widerstandes benutzen?

Kein Sinn für Ironie: Den eigenen, selbstgekauften Technikmüll als Zeichen des Widerstandes benutzen?

Das Berner «Bündnis inexistenter Partykapitalisten» hat zu einer Demonstration gegen die Umnutzung der dortigen Markthalle aufgerufen. Vor zwei Jahren mussten die Bars und Restaurants in der Markthalle mangels Rentabilität schliessen. Die Eigentümer sanierten in der Folge das Gebäude, um es weitervermieten zu können. Am vergangenen Donnerstagabend fanden sich nun mehrere hundert Aktivisten zu einer Protestaktion vor der gleichentags dort eröffneten Media Markt-Filiale ein, um dort alten Elektroschrott zu deponieren. Die Angestellten des Discounters verriegelten die Türen, die Demonstranten begannen Gegenstände in Richtung der Schaufenster zu werfen und die Polizei damit, die Demo aufzulösen.

Die Antikapitalisten in der Hauptstadt geben ihrem Wirken ganz gerne einen Nightlife-Anstrich: Die Reclaim the Streets vom 25. Mai 2013 fand unter dem Motto «Tanz Dich frei» statt. Aber nicht nur die Berner Aktivisten machen auf Nachtleben, auch ihre Zürcher GenossInnen schmücken ihr Tun gerne mit Discokugeln, so auch die ehemaligen Binz-Besetzer, deren «Tanz durch die Stadt» Anfang März 2013 mehr mit Sachbeschädigung oder gar Plünderung zu tun hatte als mit Tanz.

Dank der Verknüpfung solcher Demonstrationen mit Nightlife-Begriffen wirft ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Clubber und Links-Aktivisten in einen Topf, so auch nach der Zürcher Reclaim The Streets von Mitte Dezember.

Das ist Blödsinn, denn politischer Aktivismus und die Gastro-Szene haben nichts miteinander zu tun: Nach der Reclaim The Streets vom vergangenen Dezember zählten Lokale wie das Le Chef von Meta Hiltebrand und das Neo von Gregory Schmid und Pius Portmann zu den Hauptbetroffenen, einer von Hiltebrands Angestellten wurde gar verletzt. Das überwältigende Mehr der Schweizer Gastronomen sieht sich als leidenschaftliche Teilnehmer am freien Markt und damit keineswegs als Antikapitalisten. Sie müssen Löhne, Lieferanten und Mieten bezahlen und haben oft eine Familie zu ernähren. Sie wollen Gewinn machen und ihre Statements sind meist kreativer und keineswegs politischer Natur.

Den ehemaligen Mietern der Berner Markthalle ist es nicht gelungen, ihre Betriebe in die Gewinnzone zu führen und dass sie schliessen mussten war nichts weiter als das logische Resultat wirtschaftlichen Misserfolges. Hätten all die Leute die nun dem Media Markt die Scheiben eingeworfen haben früher regelmässig in den Lokalen der Markthalle ein Bierchen getrunken oder gegessen, dann würden diese vielleicht noch existieren.

Einsicht ist eine Frage des Alters und der aus ihr erwachsenden Weisheit, gut abzulesen am Werdegang der Roten Fabrik. Das Areal in Wollishofen wurde 1980 und nach den Opernhauskrawallen der Jugendbewegung als Autonomes Jugendzentrum zu Verfügung gestellt. Ein bisschen Politik betreibt die IG Rote Fabrik heute noch, aber primär dirigiert sie heute eine Kultur-Institution, die nach marktwirtschaftlichen Regeln funktioniert, wenn auch mit basisdemokratischen Strukturen. Die Rote Fabrik ist ein gutes Beispiel dafür, wie revolutionäre Ideen irgendwann halt doch in der marktwirtschaftlichen Realität landen. Man kann das vielleicht mit etwas politischer Schminke übertünchen, aber wer auf lange Sicht bestehen will, kommt um den freien Markt nicht herum.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Seifenblasen statt Pflastersteine!

Réda El Arbi am Sonntag, den 29. März 2015
«Aufruhr, Widerstand! Es gibt kein ruhiges Hinterland! Seifenblasenaufstand (Bild: Michael Caviglia /FB)

«Aufruhr, Widerstand! Es gibt kein ruhiges Hinterland!» Seifenblasenaufstand (Bild: Michael Caviglia /FB)

Am Samstagnachmittag fand auf dem Sechseläutenplatz eine ganz spezielle Form von unbewilligter Demonstration statt. Nachdem der pensionierte Architekt Gunnar Jauch  von der Stadtpolizei zweimal mit 250 Franken für das Steigenlassen von Seifenblasen gebüsst wurde, fanden um 15 Uhr über fünfhundert Personen zusammen, um ihren Unmut und ihre Solidarität zu zeigen, indem sie Seifenblasen steigen liessen.

Dieser Akt des zivilen Ungehorsams ist nicht nur speziell, weil er den Sechseläutenplatz in eine zauberhafte Fläche verwandelte, sondern weil er die Intention der «Reclaim the Streets»- und der «Occupy»-Bewegungen so umsetzte, wie es vielleicht ursprünglich mal gedacht war.

Familien, Kinder, Rentner, Schüler, Männer und Frauen aus den verschiedensten sozialen Schichten fanden zusammen und beanspruchten den Platz ihrer Stadt, um ein Zeichen gegen Ungerechtigkeit zu setzen. Während die «Occupy»-Bewegung zum Schluss nur noch für einen kleinen Teil konsumkritischer, kapitalismushinterfragender Aktivisten stand, und die RTSler die Strassen eher verwüsteten als beanspruchten, waren am Samstag wirklich die «99 Prozent» auf der Strasse. Menschen, die in dieser Stadt leben und sie mitgestalten wollen. Friedlich, witzig und provokativ.

Die Bewaffnung  eines Demonstrierenden.

Die Bewaffnung eines Demonstrierenden.

Den Passanten, die nachfragten, um was es gehe, wurde der Grund erklärt. Viele blieben und organisierten sich ein kleines Seifenblasenset. Sofort wurden Sympathien für den Anlass freigesetzt und in den Köpfen vielleicht sogar etwas bewegt, das sich in Wahlen oder Abstimmungen auswirken könnte. Es wurde Bewusstsein für die eigene Stadt geschaffen.

Wie speziell dieser Anlass war, sieht man auch an der überforderten Reaktion der Presse: Eine Kollegin von der NZZ meinte, sie wisse gar nicht, ob das eine Geschichte gebe. Die Kollegen von Watson brachten eine kleine Bildstrecke mit schönen Seifenblasen. Wenns nicht chlöpft, ist der Empörungswert einer Geschichte nicht gegeben, also fällt sie aus dem Fokus. Da haben wir Medien vielleicht noch etwas Lernbedarf.

Wenn man mit den Menschen gesprochen hätte, wären Statements gekommen wie «Ich will nicht, dass in meiner Stadt mehr oder minder ungestraft Geld gewaschen werden kann, aber ein Pensionär wegen Seifenbasen hart gebüsst wird» oder «Es braucht Regeln, aber dieser Staatsanwalt hat mit diesem Strafbefehl bewiesen, dass er keine Ahnung von Recht, Rechtmässigkeit und Verhältnismässigkeit hat. Ein Stümper.»

Polizeivorsteher Richi Wolff wird wohl seinen Mannen sagen, dass sie sich zurückhalten sollen. Es schmerzt politisch mehr, wenn man in der Öffentlichkeit lächerlich dasteht, als wenn man Wasserwerfer einsetzen muss. Die politischen Freunde des besagten Staatsanwalts werden ihn sicher beiseite nehmen und ihm zum Thema «Law&Order» ins Gewissen reden. Insgesamt bewirkt diese Art des Prostest sicher mehr, als wenn man trötzlet, täubelet, Parolen schreit und Dinge kaputt macht und dabei den meisten Stadtbewohnern tierisch auf den Sack geht.

Oder wies John Lennon einmal formulierte (bitte auf den Text achten, nicht nur mitgrölen):

Flirttipps für Zürcher

Réda El Arbi am Mittwoch, den 25. März 2015
Checkt euer Beuteschema und passt es der Realität an.

Checkt euer Beuteschema und passt es der Realität an.

Es ist Frühling, und wie jedes Jahr fluten überall die Sexualhormone die Hirne von Männern und Frauen. Überall? In Zürich scheinen da jedes Jahr eher Stresshormone ausgeschüttet zu werden. Um es ehrlich zu sagen: Ohne Zuwanderung aus ländlichen Gebieten, dem Ausland und schwergedopten bzw. alkoholisierten One Night Stands in Clubs wären wir Zürcher schon lange ausgestorben. Unsere Mentalität lässt lockeres Flirten im Frühling einfach nicht zu. Und lockeres Flirten ist das, was irgendwann Nähe entstehen lässt. Und daraus könnte dann auch mehr werden.

Zwinglianisch wie wir sind, gibts bei uns kein Flirten, wenn kein «Abschluss» in Sicht ist. Flirten ist sozusagen die Arbeit, die zum Sex führen soll. Also bemühen wir uns nur, wenn wir einen Koitus anstreben. Bei Frauen führt diese Denke zum Fluchtreflex, bei Männern zu notgeilen Aktionen. Aber merkt euch das: Flirten ist wie Tanzen. Es geht nicht darum, sich möglichst schnell hinzulegen, sondern sich elegant umeinander zu drehen. Deshalb wieder einmal ein paar Tipps, um die verkrustete Geschlechtersituation in Zürich aufzubrechen.

Für Frauen:

1. Zugänglichkeit

Wirkt eisig. Oder verkatert, aber sicher niemals flirty.

Wirkt eisig. Oder verkatert, aber sicher niemals flirty.

Um angeflirtet zu werden, ist es vonnöten, sichtbar zu sein. Gerade jetzt, wenn die Sonne sich wieder zeigt, haben viele Frauen nichts eiligeres zu tun, als sich eine Sonnenbrille von der Grösse eines Solarkraftwerks ins Gesicht zu klatschen. Ehrlich, das mag vielleicht unheimlich stylisch und cool wirken. Es wirkt aber auch so, als ob ihr eure Emotionen in einem alten russischen Panzer spazierenfahrt. Nicht umsonst heisst es «Die Augen sind die Tore zur Seele». Wer seine Augen nicht zeigt, wirkt eher eisig als cool. Natürlich macht es mehr Sinn, der Welt offen und freundlich zu begegnen, als eine Barriere vor dem Kopf zu tragen. Das heisst nicht, dass ihr auf jeden dämlichen Anmachspruch eingehen müsst. Aber eure Autonomie und Souveränität besteht nicht darin, von Anfang an alles abzublocken, sondern offen auf euer Gegenüber zu reagieren. Auch wenns nur eine freundliche Absage ist.

2. Kongruenz

Überlegt euch, welchen Situationen ihr draussen ausgesetzt sein könntet. Kleidet euch so, wie ihr es auch vertragt. Supersexy ist im Club sicher angebracht, kann aber zur Hölle werden, wenn ihr morgens um Vier irgendwo alleine auf ein Taxi warten müsst. Versteht mich nicht falsch, es geht nicht darum, wie andere auf euer Outfit reagieren. Es geht darum, dass ihr euch darin wohlfühlt und souverän mit eurer Umwelt umgehen könnt. Wenn ihr dauernd das Röckchen runterzupfen müssen, weil es sich plötzlich viel zu kurz anfühlt, könnt ihr nicht offen auf einen Flirt reagieren. Und kleistert euch das Gesicht nicht mit Makeup zu. Männer mögen einfach gestrickt sein, aber die meisten können Gemaltes von Echtem unterscheiden.

3. Mitgefühl

Gehen wir davon aus, jemand hat endlich den Mut aufgebracht, ist über ziemlich furchteinflössende drei Meter auf euch zugekommen und hat euch angesprochen. Ja, es kann durchaus sein, dass dieser Mensch nicht euer Typ ist. In dieser Situation ist es angebracht, trotzdem ein paar Sätze diesem Menschen zu wechseln. Beim Flirten hat jeder seinen Preis zu zahlen. Bei Männern ist es der Mut, sich–  trotz wahrscheinlichem Korb – aufzuraffen und einen ersten Schritt zu machen. Bei Frauen besteht der zu bezahlende Preis darin, öfters mal ein wenig Konversation mit Männern zu pflegen, die eigentlich nicht dem Beuteschema entsprechen. Und ehrlich, vielleicht seid ihr überrascht, wie viel Spass es machen kann, unbeschwert mit einem Fremden zu plaudern.

4. Beuteschema

Der vermeintlich «Richtige» kann euch mit dem dämlichsten Spruch anmachen, es funzt. Dafür kann der «Falsche» so originell sein, wie er will, er wird sich einen Korb abholen. Aber Hand aufs Herz: Wie oft hat sich euer herkömmliches Beuteschema als der Volltreffer erwiesen, als der Märchenprinz, den ihr euch in euren schmachtenden Tagträumen ausgemalt habt? Wie oft seid ihr auf denselben gutaussehenden, souveränen Typ hereingefallen, um euch ein paar Wochen oder Monate später mit gebrochenem Herzen und einer Flasche Weisswein bei einer Freundin die Augen auszuweinen? Eben. Öffnet euren Horizont. Es gibt jede Menge Typen, die witzig, liebevoll, unterhaltsam und vor allem keine Vollidioten sind. Nur sind das meist nicht die Alphamännchen, sondern eben die auf den ersten Blick ganz alltäglichen Typen.

5. Initiative

Wir gingen in den ersten vier Tipps von der klassischen, leider noch viel zu verbreiteten Konstellation aus, in der Männer den ersten Schritt machen müssen. Nun, es liegt an euch, das zu durchbrechen. Ein freundliches Wort oder ein Lächeln können der Beginn eines Flirts werden. Es reicht manchmal einfach nicht, attraktiv irgendwo rumzuhängen, cool in die Luft zu starren und vom Gegenüber zu erwarten, dass er die Bereitschaft zum Flirt an eurer Stirn abliest. Männer sind keine Hellseher. Dazu sind wir meist noch unsicher und lassen im Zweifelsfalle lieber eine Gelegenheit aus. Was dann zu Schatzchäschtli-Einträgen wie «Letzten Dienstag im Tram 5, Du blond, ich mit grauer Jacke. Hab deinen Blick ... blablabla». Los, macht den ersten Schritt.

Für Männer:

1. Kongruenz

Ihr seid nicht George Clooney oder irgendein Superheld. Wenn ihr's wärt, würdet ihr nicht hier beim Lesen dieser Tipps verweilen. Also versucht auch nicht, den supercoolen Typen zu spielen. Sollte ein Flirt nämlich länger als dreissig Sekunden dauern, würde euer Gegenüber euch durchauen und ihr steht mit abgesägten Hosen da. Sei dich selbst. Sprich über Dinge, die du kennst, die dich begeistern. Selbst wenns deine Modelleisenbahn ist: wenn du Leidenschaft dafür empfindest, wirkt die Modelleisenbahn sexier als jedes aufgesetzte In-Thema über das die Hipster der Stadt gerade labern.

2. Keine Bühne

SlapDie Welt ist keine Bühne und auch kein Marktplatz. Also halte dich mit Show und Selbstanpreisungen zurück. Vielleicht schafft ihr es, ein Gespräch zu beginnen. Verderbt  nicht alles, indem ihr euer Gegenüber zuquatscht. Führt  ein Gespräch, hört zu. HÖRT IHR ZU! *Patsch an den Hinterkopf* Sollte die Dame nämlich mehr als eure Libido ansprechen, ist es von Vorteil, wenn man nicht erst nach zwei Wochen herausfindet, dass sie dumm wie Brot ist. Ausserdem schaffen Gespräche Intimität. Monologe schaffen Langeweile.

3. Training

Das Ziel des Flirtens ist nicht Sex, sondern Intimität, Nähe. Daraus kann durchaus Sex entstehen, muss aber nicht. Deshalb kann man(n) durchaus auch mal flirten, wenn absolut kein Beischlaf dabei herauskommen könnte. Also, ein dahingeworfener, freundlicher Satz, ein Kompliment im Vorbeigehen, ein Lächeln ohne Konsequenz. Das hat zwei Vorteile: Erstens macht man damit einem Gegenüber den Tag etwas schöner – und zweitens (wichtiger!) bekommt man etwas Übung in unverkrampfter Konversation, was für das Flirten unabdinglich ist. Also, los gehts!

4. Beuteschema

Ich verrat euch jetzt mal ein Geheimnis, liebe Männer: Nähe, Intimität und Erotik entstehen in der Realität und nicht in euren Hollywoodvorstellungen einer geilen Frau. Und genauso, wie ihr keine George Clooneys seid, genauso ist euer Gegenüber selten eine Charlyze Theron. Also sucht euch jemanden, mit dem ihr euch wohl fühlt, und nicht jemanden, mit dem ihr dann bei den Kumpels angeben wollt. Schönheit liegt im Auge des Betrachters, sagt man. Wenn ihr aber auf allen Augen blind seid und nur mit dem Ego oder euren Pornovorstellungen sucht, werdet ihr bald ziemlich frustriert sein. Ah, ihr seid schon frustriert? Dann ist es höchste Zeit. Sprecht mit den Frauen um euch herum, nicht mit den Supermodels in eurer Fantasie.

5. Romantik

Liebe Männer, die meisten von euch verwechseln Romantik mit Kitsch. Vergesst, was ihr in Hollywoodfilmen gelernt habt. Kerzen und Rosen funktionieren vielleicht, wenn ihr mal fünfzehn Jahre verheiratet seid, aber auch da eher nicht. Wenn ihr also wirklich die ersten Hürden überwunden habt und vor einem Date mit einer Frau steht, versucht nicht, künstlich irgendeine Art von «Bachelor»-Kitsch vorzubereiten. Lasst euch nicht täuschen, auch wenn die Dame auf Facebook andauernd Sonnenuntergänge, Pferde und Blüemli mit wahnsinnig tiefen Lebensweisheiten in Schnörkelschrift postet, bei einem ersten Date ist Realität gefragt. Macht Komplimente, die ihr noch nirgends gehört habt. Versucht nicht, die erotische Anziehung mit vorgespielten Gefühlen zu kaschieren. Ihr trefft die Dame zum ersten Mal. Vielleicht seid ihr ein wenig verknallt, aber faselt nichts von Liebe. Geniesst die Zeit, die ihr zusammen verbringt und nicht die Zeit, die ihr gerne in Zukunft mit ihr verbringen würdet.

So, liebe Zürcherinnen und Zürcher,

wenn ihr es langsam angeht, ehrlich bleibt und für einmal nicht auf Erfolg, sondern auf Kommunikation aus seid, kanns sogar funktionieren. Und noch was: Es wird nicht sofort klappen. Ihr braucht 20 - 30 Versuche, bis was draus wird. Also arbeitet an eurer Frustrationstoleranz.

Schönen Frühling wünsche ich!

Verletzter Stolz

Alex Flach am Montag, den 23. März 2015
Im Nachhinein bestätigt: Solche Typen sollte man nicht in den Club lassen.

Im Nachhinein bestätigt: Solche Typen sollte man nicht in den Club lassen.

Der Ablauf, der zu Gäste-Ausrastern an Clubtüren führt, ist zumeist derselbe: Erst langes Warten in der Schlage, dann an der Kasse die Abweisung und, als Tüpfelchen aufs i, eine unglaubwürdige Begründung der Schmähung obendrauf: «Wir sind zu voll», «zu viele Männer, daher kein Eintritt ohne weibliche Begleitung» und «wir schliessen demnächst». Spätestens wenn der Nächste in der Schlange mit Handschlag begrüsst und eingelassen wird, sind diese Begründungen nur noch Ausreden, die den Eindruck des unerwünscht seins weiter verstärken.

Mutige, Alkoholisierte und alkoholisierte Mutige gehen dann umgehend in einen Infight mit dem Türpersonal. Selbstverständlich nicht mit Fäusten, sondern mit Worten, wobei diese Gefechte immer gleich enden: Der Abgewiesene zottelt irgendwann von dannen und das Türpersonal der Clubs ist um etwas Zeit und viele Nerven ärmer.

Seit sich Smartphones durchgesetzt haben, gehen die Türkämpfe oftmals in eine weitere Runde: Die Geschmähten nutzen die Wegzeit zum nächsten Taxistand um den Clubbetreibern via Facebook-Nachricht mitzuteilen, was sie von ihnen und ihrem Personal halten. So auch ein gewisser D.M., der einem ihn abweisenden Zürich West-Club folgenden (unvollständig wiedergegebenen) Facebook-Monolog übermittelt hat:

03:11 «Fuck Off! Drecks-Schuppen!»

03:17 Uhr «Idioten!»

03:31 «Ihr seid behindert!»

05:43 «Ans Telefon gehen könnt ihr auch nicht!»

05:43 «Vollmongos!»

05:44 «Drecks Drogenschuppen»

05:44 «Keine Stellungnahme… weder per Text oder per Telefon»

06:43 «Armselig»

06:43 «Hoffe Ihr verreckt»

Später gleichentags, um 16:03: «Eure Türpolitik ist doch voll beschissen… Ihr, bzw. die Türsteher haben uns nicht einmal sagen können warum wir nicht rein dürfen. So etwas habe ich noch nie erlebt! Was denkt Ihr eigentlich wer Ihr seid?! Nicht einmal per Telefon habt Ihr Stellung nehmen können».

Nun ist es so, dass nicht allzu viele Clubs ein Sorgentelefon für düpierte Nachtschwärmer führen, das morgens um halb 3 Anrufe enttäuschter Abgewiesener entgegennimmt. Zudem dürfen Clubs frei entscheiden wen sie reinlassen und wen nicht, solange sie sich dabei an die gesetzlichen Vorschriften bezüglich Alkoholverkauf an Minderjährige halten und zwar ganz ohne Stellung nehmen zu müssen. Drittens: Wer tatsächlich eine gut gemeinte und fundierte Erklärung erwartet, warum er am betreffenden Abend nicht eingelassen wurde, sollte sein Anfrage vielleicht nicht mit einem «Fuck Off! Drecks-Schuppen!» eröffnen…

D.M. ist beileibe kein Einzelfall: Immer häufiger müssen sich die Social Media-Verantwortlichen der Clubs mit solchen Facebook-Nachrichten auseinandersetzen. Vor allem junge Clubber kommen mit einer Abweisung nur schwer klar. Haben sie jedoch früher ihren Ärger meist woanders mit ein, zwei Bierchen runtergespült, machen sie diesem immer häufiger gleich vor Ort oder etwas später in den sozialen Medien Luft. Oft zur Freude der Clubmacher, die solche Attacken (nicht ganz zu Unrecht) als Bestätigung ihrer Türpolitik werten: Wer zu ungehaltenen Ausbrüchen tendiert wie D.M., hat in einem Club eigentlich nichts verloren.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft.

Kriminelle Seifenblasen

Réda El Arbi am Donnerstag, den 19. März 2015
Seifenblase greift Passantin an. (Bild: Marcel Steiner/ Facebook)

Seifenblase greift Passantin an. (Bild: Marcel Steiner/ Facebook)

Nachdem wir gestern das Sitzverbot auf den Treppen des Hauptbahnhofs hinterfragt haben, sind wir noch auf eine andere erwähnenswerte «Law&Order»-Geschichte gestossen. Der Fall der illegalen Seifenblasen.

Ein Mann, nennen wir ihn «XY» (weil das so gefährlich tönt), hat sich erdreistet, Mitte Februar im Niederdorf vor der Züribar grosse Seifenblasen zu produzieren. Wohlgemerkt, der Mann hat weder aktiv noch passiv Geld gesammelt, sondern sein Hobby zur Unterhaltung vieler erfreuter Menschen praktiziert.

Die Stadtpolizisten, die den Unhold auf frischer Tat ertappten, konnten eindeutig eine kriminelle Handlung in den grossen, schimmernden Blasen erkennen und das Stadtrichteramt büsste den Blasio jetzt mit 100 Franken plus 150 Franken Kosten- und Gebührenpauschale. Grund: Strassenkunst ist nur in den Seeuferanlagen erlaubt, und auch da nur mit Bewilligung.

Die Polizei dein Freund & Helfer.

Die Polizei dein Freund & Helfer.

Ehrlich, wir sehen durchaus die Gefahr, die von Seifenblasen für Anwohner und Passanten ausgeht. Wir danken den Polizisten für ihren zurückhaltenden Einsatz bei der Sicherung unserer zivilgesellschaftlichen Werte.

Wir empfehlen, beim nächsten Mal härter durchzugreifen und sehen einen Schusswaffeneinsatz vor: Die Blasen, die sich bereits auf der Flucht befinden, dürften ohne weitere Warnung erschossen werden.

Nebenbei unterstützen wir die Stapo bei ihrem Einsatz und nehmen jedem Kind, das wir mit diesen gefährlichen Gegenständen unterwegs antreffen, sofort den Seifenwasserbehälter und den Stab weg und vernichten das Gefahrengut mittels Zertrampeln direkt vor den Augen der jungen Delinquenten.

Ordnung muss sein!

PS: Derselbe Staatsanwalt, der für diesen Strafbefehl zuständig ist, hat übrigens auch einen Velofahrer mit insgesamt über 500 Franken gebüsst, weil er «zu nahe aufgefahren»  ist und kein Licht (nur eine batteriebetriebene Lampe) hatte. Wir werden seine Urteile im Auge behalten.