Tages-Anzeiger



Wir stopfen das Sommerloch

Réda El Arbi am Dienstag, den 5. August 2014
Die Medien wollen ihre Leser in dieser heissen Zeit nicht intellektuell überfordern.

Die Medien wollen ihre Leser in dieser heissen Zeit nicht intellektuell überfordern.

Die Saure-Gurken-Zeit ist angebrochen. Die Redaktionen müssen wegen Ferienabwesenheiten mit noch weniger Journalisten auskommen  und weit und breit ist keine brauchbare Geschichte in Sicht. Da kanns schon vorkommen, dass sich der eine oder andere Chef vom Dienst zu einer Sommerlochgeschichte hinreissen lässt. Wir haben ein paar zusammengetragen:

Die wohl weltweit krasseste Sommerloch-Geschichte kommt aus Kanada und wurde von namhaften Medien wie zeit.de und focus.de aufgenommen:

Wird nicht mehr vom kanadischen Premier verfolgt?

Wird nicht mehr vom kanadischen Premier verfolgt?

Der Twitterskandal
Der  kanadische Regierungschef Stephen Harper  folgt Homer Simpson nicht mehr auf Twitter! Und damit nicht genug: Die Meldung hat sich im Nachhinein als schlecht recherchierte journalistische Arbeit herausgestellt: Harper hatte ZWEI Twitteraccounts, einen französischen, der Homer Simpson niemals folgte, und einen englischen, der noch immer Follower der Cartoonfigur ist. Nun, Homer hat so viele Follower auf der Social Media Plattform Twitter, dass ihm dieser eine wohl auch nicht fehlen würde. Das sind doch mal harte News.

 

Manchmal retten nur Leserreporter vor dem Sommerloch. (Screenshot)

Manchmal retten nur Leserreporter vor dem Sommerloch. (Screenshot)

Der Brötchenskandal
Als Nächstes haben wir eine Geschichte aus unserem Schwesterblatt «20 Minuten»: Hier hat sich das Sommerloch als Servicegeschichte getarnt: Bei McDonalds im Welschland gabs ein (1!) verschimmeltes Brötchen! Und wie die mediale Dynamik funktioniert, hat die betroffene Filiale alle Brötchen aus dieser Herstellungsserie weggeschmissen, nachdem die Kollegen darüber berichtet hatten. Natürlich, ohne ein weiteres verschimmeltes Brötchen zu finden. Wir meinen: Wer den Link zwischen dem schlechten Wetter und einem Schimmelbrötchen machen kann, sollte für den Pulitzerpreis nominiert werden.

 

Das Beweisbild nach harter Recherche gefunden. (Screenshot)

Das Beweisbild nach harter Recherche gefunden. (Screenshot)

Die Jacke, die Geschichte schrieb
Eine wunderschöne, historisch relevante Geschichte haben die Kollegen vom «Blick» aufgedeckt: Die deutsche Bundeskanzlerin Merkel hatte offenbar eine Jacke, die sie auf einem neueren Bild trägt, bereits vor achtzehn Jahren schon mal getragen. Wir stellen uns die investigativen Journalisten im hektischen Newsroom vor, wie sie Berge von Bildmaterial durchpflügen und dann, morgens um Zwei, endlich erfolgreich den Beweis finden. Die Moderedaktorin mit diesem harten, befriedigten Zug um den Mund vor erschöpftem, aber zufriedenem Recherche-Team: «Ich habs doch gewusst.»

 

Ein Loch für heisse Luft. Wir schenken ein «G» für «Versorgungsstollen».

Ein Loch für heisse Luft. Wir schenken ein «G» für «Versorgungsstollen».

Das Loch für heisse Luft
Die «alte Tante» NZZ sieht sich ihrem Ruf verpflichtet und bringt keine bunten, schillernden Geschichten, sondern bleibt bei harten Fakten – sie berichten wortwörtlich über ein Sommerloch. Eins, das in Winterthur zur Zeit entsteht: Ein 1 Kilometer langer Tunnel für Fernwärme. Ein Loch für heisse Luft also.  Aber die Relevanz der Geschichte ist nicht der NZZ anzukreiden, ist sie doch von der Newsagentur SDA übernommen. Die Sparmassnahmen in der Redaktion lassen sich jedoch erahnen: Nicht einmal genug Buchstaben für den Titel sind der NZZ geblieben.

Von den Newsportalen von «Watson» und «Blick am Abend» können wir Ihnen leider keine verbürgte Sommerloch-Geschichte bieten. Wir konnten sie zwischen den ganz alltäglichen Buzzfeed-Listen und Youtube-Filmchen nicht definitiv identifizieren.

Die frechste aller Sommerloch-Geschichten haben wir jedoch im eigenen Haus gefunden. Wer nicht glaubt, mit was für plumpen Tricks die Typen vom Tagi versuchen, die Leser zu unterhalten, sollte mal hier einen Blick drauf werfen:
Sommerloch-Geschichte auf tagesanzeiger.ch

Ein Requiem für die Street Parade

Alex Flach am Montag, den 4. August 2014
Die ursprüngliche GEist der Street Parade ist tot. Das Zürcher Nachtleben braucht eine neue Ausdrucksform im Sommer. Bild: motleyphotos.net

Die ursprüngliche Geist der Street Parade ist tot. Das Zürcher Nachtleben braucht eine neue Ausdrucksform im Sommer. Bild: motleyphotos.net

Die Musik war kommerzieller Mist. All die Karnevalsjecken, die denken, uniforme Gruppenverkleidungen seien lustig, hätten in den See geschubst gehört. Ebenso diese unsägliche Marketingbühne von Opel, mitsamt den arschwackelnden und mit Schmetterlingsflügeln bewehrten Hupfdohlen. Und hätte sich einer der besoffenen Idioten, die in der Menge Restposten ihres 1. August-Feuerwerksarsenals gezündet haben, nicht noch einen Chinaböller für den vorbeituckernden Ballermannjockey Oliver Pocher aufsparen können? Es war ein farbenfrohes Trauerspiel mit 950‘000 Stillosen.

Falls Sie nun der Ansicht sind, dass sei nur miesepetriges Gewäsch von einem Altszeni, der nicht damit fertig wird, dass man ihm irgendwann zwischen 1995 und 2002 ‚seine‘ Parade gestohlen hat… dann haben Sie recht. Irgendwann in dieser Zeit hat sich der letzte angesagte Undergroundclub vom Umzug verabschiedet, die Street Parade ist vom Spiegel der Zürcher Clubkultur zur Massenfasnacht mit Beschallung mutiert. Unsere Party ist nun ein Fest der anderen und die Angehörigen des Organisationskomitees fortan nicht mehr  aus den Reihen der Zürcher Clubszene, sondern egoistische Eigenbrötler ohne Bezug zu jenen, denen sie alles zu verdanken haben. Zieht man aber die Kränkung des vermeintlichen Verrats ab, bleibt die Street Parade einfach ein kommerzielles Erfolgsprodukts, das nicht mehr vom Hype des Neuen umweht wird.

Die Schuld dafür kann niemandem in die Schuhe geschoben werden, es ist bloss der Lauf der Dinge. Und es gibt keinen Weg zurück: Alle Versuche des Zürcher Nachtlebens und der Street Parade sich wieder anzunähern sind gescheitert, weil der Umzug längst nicht mehr zu den Clubs gehört, sondern einen Teil der städtischen Imageförderung darstellt. Deshalb sollte diese auch ihre Pflicht endlich wahrnehmen und die Street Parade in gebührendem Masse fördern und das Organisationskomitee nicht alljährlich unter grösstem finanziellem und organisatorischem Druck arbeiten lassen. Wann finden sich denn mehr gutgelaunte Menschen in Zürich ein als an diesem Tag im August? Wann bestaunen denn mehr Leute auf einmal die Schönheit der Stadt und fahren mit einem Lächeln wieder nach Hause? Kann es eine bessere Werbung für Zürich geben, als dieses Fest?

Die Stadtverwaltung scheint die Street Parade jedoch mit demselben abschätzigen Blick zu taxieren, wie die Anführer des Nachtlebens und tut sehr viel, um sie zu regulieren und viel zu wenig, um sie zu erhalten. Die Nightlifemacher hingegen sollten so langsam ihren Liebeskummer überwinden, sich mit dem Gedanken abfinden, dass die Street Parade längst nicht ihnen gehört und sich auf die Suche nach einer neuen Ausdrucksform machen. Das muss ja nicht gleich wieder zu einem Monstrum in den Dimensionen einer Street Parade avancieren, es darf ruhig auch ein paar Nummern kleiner sein. Hauptsache die Zürcher Clubs finden wieder eine Möglichkeit, um ihr Schaffen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, um gemeinsam und mit Freunden und Interessierten zu feiern, ganz so wie es an den Street Parades bis Mitte der 90er der Fall war. Es ist an der Zeit loszulassen, den einsamen Schmollwinkel zu verlassen und um sich eine neue, kollektive Liebe anzulachen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Street-Parade: «Genug ist genug!»

David Sarasin am Freitag, den 1. August 2014
Mitmachen darf nur noch, wer sich klar mit Trash vom Coolness-Diktat befreit.

Mitmachen darf nur noch, wer sich klar mit Trash vom Coolness-Diktat befreit.

Das kann einem die Vorfreude vermiesen: Zum ersten Mal in der Geschichte der Street Parade laden deren Macher Gäste aus. «Genug ist genug», lässt sich Paul Benz aus dem Street-Parade-neben-OK zitieren. Er meint damit die Zürcher Clubbetreiber, die die Street Parade «seit Jahrzehnten schon» als zu Mainstream verunglimpften und «die sich selber für was Besseres halten». «Irgendwann platzt auch uns die Federboa», sagt das OK-Mitglied.

Dabei stand die Street Parade, ganz entgegen der Türpolitik der Zürcher Clubs, schon immer für Demokratisierung des Clublebens. «Veronika aus Sursee ist am Umzug ebenso willkommen wie der seit drei Tagen auf Speed feiernde Fredi aus Emmenbrücke», führt Benz weiter aus. Eine Million Gäste müssten es sein. Darunter macht man nichts mehr, so lautet das inoffizielle Credo der Streetparade. Bisher. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Streitschrift aufgetaucht

«Entmachtet den Party-Adel, aber subito», heisst es in einem 250-seitigen Pamphlet, das die Macher via Rave-Forum "Happysmilelove" veröffentlicht haben. Der Hauptpunkt darin: Es werden jene Ausgeladen, die sich Jahr für Jahr darüber beschweren, dass das Geschmacksbewusstsein am Techno-Umzug ganz genauso wie die ganzen Bier- und Monsterdrink-Dosen in die Limmat geworfen würden. Die Fronten sind mittlerweile so hart wie die Faust eines Türstehers.

In den innerstädtischen Clubs reibt man sich derweil die geröteten Augen. «Krass», sagt ein Vertreter eines Underground-Ladens, der lieber auch nachts eine Sonnenbrille trägt und somit unerkannt bleibt. Die Macher der Streetparade halten weiter drauf: «Jetzt haben wir uns jahrelang auf der Puder-Nase herumtanzen lassen von den sogenannt Coolen!» Im Pamphlet mit dem Titel «Kopf ab, Sau!» - ein Rundumschlag sondergleichen - kritisieren die Autoren auch die Einlassregeln der angesagten Clubs, über die gerade diese Woche auch in diesem Forum diskutiert wurde. Dass man sie dort nicht haben möchte, die normalen Leute, die Verkleideten, die Übergewichtigen mit den unschicklichen Manieren.

Miese DJs an die Macht!

«Pro Oben-Ohne-Omas und Gürteltier-Opas», heisst eines, am Humanismus eines Erasmus von Rotterdam (sie wissen schon, Rotterdamm) geschulte Kapitel der Kampfschrift. Unterstützung erhält die Street-Parade unter anderem von einer rechtsradikalen Eltern-Kinder-Vereinigung im Solothurnischen und von einem deutschen Promi. Der lässt per Tweet mitteilen: «Kein noch so beschissener DJ ist illegal!». Dass das OK vermehrt die Geistesverwandtschaft mit den Akteuren der französischen Revolution herausstreicht, erstaunt niemanden: «Guillotine pour Selekteure» oder «Licht in den Underground bringen» heissen die aufklärersichen Kampfansagen darin. Als Vorbild dienen unter anderem auch die Kommentarspalten der Online-Portale, wo schliesslich auch jeder sagen dürfe, was er wolle.

Kurz: Selbstverwirklicher und Individualisten, Extravertierte und Egozentriker, Coole und Engagierte bekommen ihr Fett weg. Man wolle endlich ein Zeichen setzen, bevor die westliche Welt ganz an seinen «Güllenfass hohen ästhetischen Ansprüchen zugrunde gehe», heisst es im Buch.

Clubbetreiber wehren sich im Zischtigsclub

«Die müssen ja gar nichts sagen», kontern wiederum die Zürcher Partymacher. Und berufen einen Ziischtigsclub ein mit dem Thema: «Wieviel nackte Omas mit grüner Perrücke darf man in Zeitungen noch zeigen?» Gästeliste gibt es für diesen Club keine, wodurch sich die Gegenseite schon wieder provoziert sieht: «Getraut euch bloss nicht an die Parade am Samstag, sonst werden wir euch in im  verschmutzten See entsorgen». Neutrale Beobachter beurteilen die Lage mit der nötigen Skepsis: «Die sind doch alle nicht ganz richtig im Kopf, diese Dummärsche». Eins ist klar, wir verziehen uns am Samstag irgendwohin in den Aargau.

Wir basteln einen linken Patrioten

Réda El Arbi am Donnerstag, den 31. Juli 2014
Hatte der aufmüpfige Tell mehr mit den Revoluzzern am 1. Mai gemeinsam, als wir heute wissen?

Hatte der aufmüpfige Tell mehr mit den Revoluzzern am 1. Mai gemeinsam, als wir heute denken?

Nachdem wir gehört haben, dass die Juso den 1. August abschaffen will, waren wir vom Stadtblog erst mal sprachlos. Natürlich ist die Idee totaler Humbug. Wie stellen die sich denn das vor? In allen uns umgebenden Ländern ist der erste August, nur in der Schweiz ist bereits der zweite? Das würde uns wirtschaftlich ins Abseits schiessen, wie wir schon angeführt haben, als die SVP den 1. Mai abschaffen wollte.

Neben den praktischen Problemen sind uns aber sofort auch die politischen Aspekte dieser Forderung aufgefallen: Wir haben kaum linke Patrioten in der Schweiz. Was dazu führt, dass sich jede Menge rechtsnationale Wirrköpfe mit dem Schweizerkreuz schmücken und das Bild unseres Vaterlandes verzerren. Dem muss man was entgegensetzen.

Also haben wir uns mit der Handarbeits-Redaktion vom Tages Anzeiger zusammengesetzt und eine einfach kleine Bastelanleitung erarbeitet, mit der Sie, liebe LeserInnen, dazu beitragen können, etwas Patriotismus auch in die äusserste linke Ecke zu bringen.

Bastelanleitung

Zuerst benötigen wir einen Rohling, einen Prototypen, den wir dann leicht umbauen und neu verdrahten. Nehmen Sie einen durchschnittlichen, urbanen Linken, wie er sich in jeder innerstädtischen Nachbarschaft finden lässt. Schauen Sie, dass Sie nicht einen dieser weichgespülten Salon-Sozis erwischen, sondern einen echten Linken. Wir benötigen einen, der mit Emotionen aufwarten kann. Am Besten einen dieser vaterlandslosen Gesellen, die es lieber am 1. Mai als am 1. August chlöpfen lassen. Einer, der seine alte Grossmutter ohne mit der Wimper zu zucken dem europäischen Gesundheitssystem ausliefern würde. Einer,  der gerne die Internationale als neue Nationalshymne hätte.

Legen Sie ihren Linken jetzt auf die Arbeitsfläche und schneiden Sie ihn vorsichtig der Länge nach auf. Suchen Sie nach der Trotz-Blase. Mit einem scharfen Spachtel entfernen Sie den Trotz und füllen die entstandene Höhlung mit etwas ungerichtetem Stolz (billig an jedem Buurezmorge zu erstehen).  Achten Sie darauf, dass die Verkabelung wieder mit den leicht auszulösenden Gefühlen verbunden ist.

Nun kratzen Sie vorsichtig die Hirnregion heraus, die mit Marx, Mao, Che, Rosa Luxemburg und anderem sozialistischen Zeugs gefüllt ist (Sie erkennen sie an der eindeutigen Rötung) und füllen langsam Biografien und Texte von Henry Dunant, Max Frisch und Dürrenmatt ein. Betten Sie das Ganze in die Wikipedia-Zusammenfassung zum Thema «Humanitäre Tradition Schweiz» und decken Sie es mit einer Version Willhelm Tells als altertümlichem Guerilla-Kämpfer (quasi ein Innerschweizer Che) ab, bevor wir den Schädel schliessen.

Achtung: Vermeiden Sie Bilder von Hodler oder sonst irgendwie nationalistische Symbole bei der Füllung! Das Immunsystem des Linken muss überlistet werden, und das geht nur, indem man kompatible eidgenössische Werte einfügt. Bei den Farben haben wirs hingegen einfach. Nur eine kleine Änderung ist notwendig: Erweitern Sie die Pupillenempfindlichkeit von «Rot» auf «Rot/Weiss».

Sind die Texte und Biografien eingefügt, legen Sie einen Bypass übers Herz zum vorher eingepassten Stolz. Nun müssen wir nur nur noch die Selbstgerechtigkeit gegen frischen Pathos austauschen und wir sind beinahe fertig. Als Antrieb für das patriotische Set nehmen wir etwas Lokalchauvinismus, wie er bei Städtern oft im Überfluss vorhanden ist. Sie ersetzen im limbischen System einfach die Symbole für «Meine Stadt» oder «Mein Fussballverein» durch ein kleines Schweizerkreuz.

So, nun können wir den Linken wieder zunähen. Natürlich braucht das Ganze jetzt noch eine gefällige Verpackung: Wir nehmen Schweizer Designerbrands wie Zimtstern, Zimmerli oder Freitag und behängen unseren patriotischen Linken ausgiebig damit.

So, ihr patriotischer Linker ist fertig und kann mit einem kleinen Klapps auf den Hintern in die Welt entlassen werden.

Undercover Zeitung lesen

David Sarasin am Mittwoch, den 30. Juli 2014
Man kann kaum irgendwo in Ruhe Zeitung lesen, ohne angequatscht zu werden.

Man kann kaum irgendwo in Ruhe Zeitung lesen, ohne angequatscht zu werden.

Unerkannt in einem Café Zeitung lesen, gerade so, wie man das in den Ferien an einem fremden Ort die ganze Zeit tut, ist in Zürich gar nicht so leicht. Erstens weil man hier nach einer Weile so viele Leute kennt wie auf dem Dorfe – wenn auch nur vom Wegsehen, wie das der Rapper Skor mal so treffend formulierte. Zweitens, weil in Zürich die Menschen vor allem in Gruppen unterwegs sind und nur selten allein. Seis im Café, im Park oder beim Joggen: Überall bilden sich Rudel, man kommt sich bald vor wie auf einer Hundeschule.

Nur blöd, wenn man von Zeit zu Zeit gern den einsamen Wolf mimt. Der dritte Grund schliesslich, ­warum man Anonymität in Zürich nicht immer ganz leicht findet, ist: Jedes gewöhnliche Café – der Espresso heisst hier übrigens noch Express und der Latte macchiato Schale – wird früher oder später von Szene-Gastronomen zum hippen Brunchlokal umfunktioniert. Was bereits wieder Rudelbildung nach sich zieht.

Hier deshalb eine unvollständige und zugleich paradoxe Liste mit Orten, an denen man auch mal allein sein kann. Sie lassen sich übrigens weder in die Schmuddelecke einordnen, wo es sich immer leicht verstecken lässt, noch sind es Schickimicki-Lokale, in denen zumindest unsereins niemanden kennt. Stattdessen sind es Orte, an denen sich Zürich anfühlt wie eine Grossstadt.

Belcafé
Man verweilt hier zwar nicht drei Stunden lang, doch für die Länge von zwei Kurzen eignet sich das hektische Belcafé beim Bellevue gut. Das Zeitungsangebot stimmt, die Aussicht auf die schönste Tramstation der Stadt entzückt. Dazu kommt: Der Espresso schmeckt ausgezeichnet, fast so wie in Mailand.

Casa Mia
Die grösste unbekannte Pizzeria Zürichs befindet sich eine Minute von der Bahnhofstrasse entfernt. Mit seinem stattlichen Betonvordach und den vielen, auf den Werdmühleplatz gerichteten Stühlen erinnert es an ein Pariser Boulevardcafé – ein etwas zu wuchtig ­geratenes freilich. Man kann hier sogar ein Buch lesen, so ruhig ist es unter der Woche.

Brasserie Federal
In der Hektik der Ankunftshalle des HB findet man rasch seinen Seelenfrieden. Mein Programm dort: am grossen Kiosk eine ausländische Tageszeitung kaufen. Auf einem Aussenplatz des Federal eine Stange bestellen. Das flirrende, etwas unwirklich anmutende Treiben in der Halle beobachten. Erst gerade hat ein Musiker dort mithilfe seiner Geige – er hat sie gezupft, verstärkt und verzerrt – den Riesenraum in eine wohlig gespenstische Atmosphäre gehüllt. Ein Schauspiel, das man im Kino nicht besser erlebt hätte.

Und wo verstecken Sie sich so?

Die Angst vor Frauen

Réda El Arbi am Montag, den 28. Juli 2014
Besser kann ein Bild die Bezuhung Zunft/Frauen nicht darstellen. (Bild: kaffeeundgipfeli.blogspot.ch)

Besser kann ein Bild die Beziehung Zunft/Frauen nicht darstellen. (Bild: kaffeeundgipfeli.blogspot.ch)

Es war einmal eine Zeit – lange, lange ist's her – da galt der Zürcher Wirtschaftsfilz noch etwas. Alte, weisse Männer regierten die Stadt, alte weisse Männer, verbunden durch Freundschaften aus Universität und Militär, bestimmten, wer in den Zürcher Chefetagen das Sagen hatte. Emporkömmlinge, Ausländer und andere unzulängliche Personen kannten ihren Platz in der Gesellschaft noch. Die Frauen hatten noch kein Stimmrecht und alles hatte seine Ordnung. Die Zürcher Elite sammelte ihre Mannen in den Zünften (Für Auswärtige: Zünfte sind eine Art M-Budget-Freimaurerorden).

Diese Zeit (die 60er und 70er) ist leider schon lange vorbei. Die Stadt wird inzwischen von einer lesbischen Velofahrerin regiert, die Wirtschaft findet global statt und relevant und erfolgreich ist, wer neue, innovative Ideen vorweisen kann. Natürlich ist das hart für die alten, weissen Männer, die damals noch jung waren und sich der Hoffnung hingaben, dass sie auch ohne herausragende Leistung, nur durch Seilschaften, einen Platz in einer wichtigen Position finden würden. Inzwischen sind sie etwas bitter und ein wenig unflexibel geworden, diese Mannen.

«Keine Weiber in der Zunft» heisst es da im O-Ton bei der neuerlichen Abstimmung über die Teilnahme einer Frauenzunft am Sechseläuten. Und: «Das einzige Gewerbe, in dem Frauen erfolgreich sind, ist das älteste», kalauern die ihrer Bedeutung beraubten Senioren (wie der «Blick» berichtete). Sie halten die Forderung der Frauen nach der Teilnahme am Sechseläuten für eine Impertinenz  «militanter Emanzen».

Nun, liebe Zünfter, es tut mir leid. Aber irgendjemand muss es euch sagen: Es gibt keine Zeitmaschinen. Wenn ihr jeden Frühling alte Uniformen anzieht und euch auf Pferde setzt, bedeutet das nicht, dass die Stadt wieder ins 17. Jahrhundert zurückkehrt. Es reicht nicht mal, um uns in die 70er zurück zu katapultieren. Leider sind die Zeiten vorbei, in denen Beziehungen, geschmiedet in urchiger Kameradschaft, noch Sicherheit und Wohlstand boten. Ihr steht jetzt in Konkurrenz mit gebildeten, flexiblen und ehrgeizigen Frauen, die sowohl über Sozialkompetenz wie auch über wirtschaftliches Knowhow verfügen.

Und ehrlich, die Frauen, die bei Euch mitmachen wollen, sind nicht die Frauen, die ihr fürchten solltet. In Acht nehmen solltet ihr euch vor den Frauen, denen die Bedeutungslosigkeit der Zünfte, der reine Fasnacht-Charakter dieser ehemals mächtigen Institutionen, bereits bewusst geworden ist.

Es macht nichts, dass Ihr an euren althergebrachten Rechten festhalten wollt. Das verstehen wir gut. Die meisten Frauen mögen es euch gönnen, wenn ihr in einem Männerverein der Irrelevanz entgegendämmert. Während ihr die Vergangenheit vor Frauen und anderen Gefahren schützt, gestalten die Mädchen und Frauen von heute die Zukunft mit.

«Abweisung nicht persönlich nehmen»

Alex Flach am Montag, den 28. Juli 2014
Der Clubbetreiber entscheidet, wer am Türsteher vorbei darf.

Der Clubbetreiber entscheidet, wer am Türsteher vorbei darf.

Im Forum meines letzten Stadtblog-Beitrages hat sich ein Kommentarschreiber mit einem Post zu Wort gemeldet. Hier ein Auszug:

«Vor vielen Zürcher Klubs werden nach optischen Gesichtspunkten Leute reingelassen oder abgewiesen. Das tönt dann so: 'Sorry, full house' oder 'sisch vollä!'. Hinterher werden dann 'beautiful people' reingelassen. Ein Szenario das sich jedes Wochenende vor einigen Clubs wiederholt. Diskriminierung und Rassismus pur! Aber diesen Umstand nimmt Alex Flach in seinem Beitrag nicht auf obwohl er davon weiss.»

Nun haben Rassismus und der Umstand, dass nur «beautiful people» reingelassen werden, nicht allzu viel miteinander zu tun, da auch andere Länder als die Schweiz von schönen Menschen bewohnt werden. Dass ich diese Punkte im Text nicht aufgegriffen habe, liegt daran, dass das Thema der Kolumne ein völlig anderes war (Menschen mit Behinderung im Nachtleben). Jedoch entspricht es der Wahrheit, dass die Clubs Anforderungen an ihre Klientel stellen und wenn ein einlasswilliger Gast diese nicht erfüllt, kommt er nicht am Türsteher vorbei.

Diese Anforderungen sind von Club zu Club unterschiedlich und können bisweilen gar konträr ausfallen: In einige Clubs wird man als männlicher Clubber nur eingelassen, wenn man auf Hochglanz polierte Schuhe an den Füssen und ein Jackett über den Schultern trägt. In diversen Undergroundclubs hingegen verringert dieser Aufzug die Chancen auf Einlass, da den Eindruck erweckend, man würde es an der nötigen Lockerheit missen lassen. Clubs sind private Institutionen und keine öffentlichen Räume, die von Rechts wegen jedem offenstehen müssen. Wer einen Club führt, kann also frei entscheiden, wen er durch die Kordel lässt und wen nicht.

Zumindest solange er nicht Angehörige einzelner Ethnien diskriminiert (Zuwiderhandlung ist zu beweisen), sich an die Auflagen des Jugendschutzes hält und alle anderen Gesetze achtet, die den Betrieb einer gastronomischen Einrichtung tangieren. Abseits davon sind Clubchefs die uneingeschränkten Herren ihrer Tür und berechtigt, Einlasswillige ohne weitere Begründung abzuweisen. Es liegt also am Gast, die Anforderungen des anvisierten Clubs zu erfüllen. Frauen haben weniger Hürden zu überspringen als Männer, die darauf achten sollten, nicht in allzu grossen Testosteron-Verbänden ohne weibliche Begleitung aufzukreuzen: Ein möglichst hoher Anteil an Frauen ist ein wichtiger Erfolgsfaktor im Nachtleben. Zudem sollte man sich einen Club genau anschauen, bevor man ihn besucht. Wie ist seine Homepage gestaltet und welche Musik wird da gespielt?

Aufgrund dieser zwei Punkte lässt sich ziemlich gut bestimmen, wie die Leute sind und aussehen, die dort verkehren, und ob man selbst zu ihnen passt. Zudem sollte man die Location nicht zu ihren Stosszeiten aufsuchen, sondern möglichst kurz nach Türöffnung: Bei erfolgreichen Clubs ist Überfüllung einer der häufigsten Abweisungsgründe. Eines gilt jedoch in jedem Fall: Eine Abweisung nicht persönlich nehmen und nicht nach tieferen Gründen suchen – es hat an diesem Abend und mit diesem Club einfach nicht geklappt. Das ist alles.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Zürich, oh Vaterland!

Réda El Arbi am Dienstag, den 22. Juli 2014
Hier treffen wir uns zum Singen der Nationalhymne: «Hippiekacke»

Hier treffen wir uns zum Singen der Nationalhymne: «Hippiekacke»

Vor ein paar Tagen reichten die beiden SP-Gemeinderätinnen Christine Seidler und Linda Bär eine Interpellation ein, die aus der Stadt Zürich einen eigenen Halbkanton machen will. Natürlich sind wir vom Stadtblog begeistert. Aber uns geht der Vorschlag nicht annähernd weit genug.

Wir fordern einen eigenen Staat Zürich, eine urbane Nation Zürich! Natürlich ist das nicht mit der SP allein umzusetzen. Wenn nämlich erst mal die Landesgrenzen rund um die Tram-Endstationen hochgezogen sind, ist unsere Nation Zürich Stadt auch zu schützen. Und das können nun mal die Mannen und Frauen von der SVP besser.

Wir machen aus dem Stadtrat eine Landesregierung mit Beteiligung der SVP. Mauro Tuena würde sich hervorragend als Aussenminister eignen. Er würde dafür sorgen, dass wir nicht (wieder) Teil dieses Staatenbundes Schweiz würden. Keine fremden Richter aus Brü .. äh aus Bern! Wir könnten mit den uns umgebenden Kantonen bilaterale Abkommen treffen. Oder direkt mit den Gemeinden. Mit Kloten bräuchte es ein Freizügigkeitsabkommen, denn schliesslich wollen wir ja in die Ferien fliegen können.

Mit dem Aargau und dem ländlichen Zürich müssten wir Arbeitskraft-Kontingente aushandeln. Natürlich nur saisonal, bzw. mit Tagesvisa (gültig von 7.00 Uhr bis 18.00 Uhr) und ohne Familiennachzug. Mit Chur würden wir ein Kontingent Kreativer vereinbaren, die mit ihren Rennvelos zum echten Zürcher Lokalkolorit beitragen müssten. Die  dürften jedoch nur mit Partnerin/Partner einreisen. Schliesslich wollen wir nicht, dass diese Bergler uns mit ihrem urchigen Akzent die Singles abspenstig machen.

Filippo Leutenegger wäre weiter für den Verkehr zuständig. Er könnte den wenigen Städtern, die noch ein Auto besitzen, auf der alten Velorennbahn einen Rennring einrichten, wo sie auch mal schneller als 30 Km/h fahren könnten. Er wäre auch für die Umnutzung der Parkhäuser zuständig. Mit Sozialministerin Mauch wäre eine Unterkunft für Flüchtlinge aus der Innerschweiz und anderen uns kulturfremden Regionen anzudenken.

Richard Wolff hätte wohl die schwerste Aufgabe. Er müsste aus Teilen seiner Stadtpolizei die Zürcher Armee formen. Die Seepolizei würde natürlich zur Marine geschmiedet, die unsere Nation vor Bootsflüchtlingen von der Goldküste und aus dem Kanton Schwyz schützen würde. Sondereinsätze bei Street Parade und Zürifescht würden garantieren, dass diese Anlässe wieder mit erträglichen 200 Teilnehmern stattfänden.

Die Grünen würden mit der Betreuung der Naturschätze und der Landwirtschaft beauftragt. Wir könnten im Irchelpark Kartoffeln und Mais anbauen und der Platzspitz mit seinem guten Zugang zum Wasser eignet sich perfekt für Viehwirtschaft. So wären wir nicht so abhängig von der uns umgebenden Brü .. äh Bern-Diktatur.

Und natürlich müssten wir uns um unsere Staatseinkünfte kümmern. Das könnte man getrost den Grünliberalen überlassen. Steuerflüchtlinge aus den Kantonen, die Ausgleichszahlungen erhalten, wären sicher willkommen. Wir könnten sie am Zürichberg unterbringen. Da wären sie leichter sozial zu integrieren.

Soweit, so gut. Nun bräuchten wir eigentlich nur noch einen eigenen Pass und eine Nationalhymne. Im Zeitalter der Mehrfachnutzung könnten wir der VBZ die Passgestaltung überlassen. Der wäre dann auch gerade als 5-Jahres-Z-Pass gültig. (Natürlich benennen wir den wieder zu «Regenbogenkarte» um. Z-Pass, pfft.)

Und als Hymne schlage ich natürlich diese hier vor:

Raven im Rollstuhl

Alex Flach am Montag, den 21. Juli 2014
Scheint in anderen Städten leichter möglich: Gemeinsam Feiern.

Scheint in anderen Städten leichter möglich: Gemeinsam Feiern.

Aktuell sorgt in der Kommentarspalte unseres Blogs die Ablehnung eines Lovemobiles für Rollstuhlfahrer durch das Organisationskomitee der Street Parade für helle Aufregung. Auslöser dafür war ein Bericht auf Tele Züri über die zwei jungen muskelkranken Männer Amir und Lukas, die für die kommende Street Parade ein eigenes Lovemobile entworfen und vorgeschlagen haben. Das Komitee um Joel Meier hat dieses aus Gründen der Sicherheit abgelehnt. Meier und seinen Kollegen wird nun im Beitragsforum Behindertenfeindlichkeit und -diskriminierung unterstellt, wohl ohne dass einer der Kommentarverfasser die detaillierte Begründung der Ablehnung kennt.

Einer bezeichnete Meier gar als «geistig Behinderten» (was wieder gelöscht wurde, Anm. der Redaktion), ein anderer die Parade als «Orgie mit unorganisiertem Techno Lärm die verboten gehört», ohne vorher bedacht zu haben, dass er mit seiner Schmähung indirekt auch Amir und Lukas trifft, die gerne mit einem eigenen Mobile Teil dieser Orgie geworden wären. Dass die anonymer Forengeiferer hier wie so oft eine fruchtbare Diskussion verhindern ist überaus schade, hätte doch das «Thema Nachtleben und Menschen mit Behinderung» eine solche verdient. Joel Meier und seine OK-Kollegen sind mit Sicherheit nicht behindertenfeindlich. Sie haben an den vergangenen Street Parade-Ausgaben grosse Anstrengungen unternommen, um Menschen mit Behinderung die Möglichkeit zu bieten, Teil der Street Parade zu werden.

Jedoch ist der Techno-Umzug auch nur ein Spiegel unserer Gesellschaft, die zwar alles Nötige und gesetzlich Vorgeschriebene unternimmt, aber nur selten Efforts, die den Rahmen des Verlangbaren sprengen. Dies gilt auch für das Nachtleben in seiner Gesamtheit: Einige Clubs, wie beispielsweise der Blok in Zürich West, der Berner Gaskessel und das Winterthurer Salzhaus, beherbergen Partys des Veranstalters LaViva, die sich explizit an Menschen mit Behinderung wenden. Abseits dieser Events ist der Umgang mit Menschen mit Behinderung im Nachtleben gleichermassen unbeholfen wie in allen anderen Bereichen des Alltags: Als DJ Steve Aoki, bekannt für ausgefallene Bühnenaktionen, während einer Tortenschlacht mit seinem Publikum zufälligerweise einen Rollstuhlfahrer traf, verursachte er damit einen mittelschweren Skandal, für den sich Aoki auf Twitter prompt entschuldigte. Warum Skandal? Warum Entschuldigung?

Der Rollstuhlfahrer selbst hat sich die Tortenreste einfach aus dem Gesicht gewischt und dann, wie alle anderen getroffenen Partygäste auch, weitergefeiert. Wenn der langjährige Zürcher Szeneteilnehmer Michael Herde in seinem Rollstuhl durch einen Club kurvt, erzeugt das nach wie vor bei vielen Partygästen Unwohlsein: Einige starren ihn irritiert an, andere versuchen dieses Unwohlsein mit einem Übermass an Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft zu kompensieren. Die Clubs erfüllen die entsprechenden gesetzlichen Anforderungen wie wohl auch die Mitglieder des Street Parade Organisationskomitees. Wahrscheinlich könnten sie sich noch mehr anstrengen um Menschen mit Behinderung den Zugang zu ihrer Welt zu erleichtern, jedoch ist das Hauptproblem auch hier nicht mangelnder Effort, sondern die fehlende Selbstverständlichkeit im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Da dürfen nun ruhig auch einige der gehässigen Forenposter des vorherigen Stadtblog-Beitrags betreten zu Boden gucken.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

Lieber Verein «Street Parade»

Réda El Arbi am Freitag, den 18. Juli 2014
Amir und Lukas wollten mit eigenem Mobile an die Street Parade. (Bild : Tele Züri)

Amir und Lukas wollten mit eigenem Mobile an die Street Parade. (Bild : Tele Züri)

Lieber Verein «Street Parade».

lieber Joel Meier

Ihr schafft es jedes Jahr rund eine Million Leute, viele davon unter Alkohol oder auf Partypillen, ohne grössere Probleme durch die Innenstadt zu schleusen. Eine grossartige logistische und sicherheitstechnische Leistung! Wir gratulieren.

Wie wir nun durch Tele Züri vernahmen, haben zwei junge Männer, Amir und Lukas, die beide im Rollstuhl sitzen und an einer Muskelkrankheit leiden, ein eigenes Lovemobile entworfen. Treu dem Street Parade-Motto «Follow Your Dreams» sind sie ihrem Traum gefolgt und haben trotz widrigster Umstände etwas möglich gemacht, das für diese Beiden und ihre Freunde wahrscheinlich die grösste Herausforderung in ihrem bisherigen und zukünftigen Leben ist. (Siehe Beitrag Tele Züri) Sie sind mit Euch in Kontakt getreten, wahrscheinlich mit leuchtenden Augen und voller Bewunderung für die Leute, die die Street Parade auf die Beine gestellt haben und es so vielen Leuten möglich machen, dieses Ereignis jeden Sommer zu feiern.

Nun, wahrscheinlich habt Ihr nicht sorgfältig überlegt, als Ihr Mitte Mai die Bitte, mit ihrem Mobile für Rollstuhlfahrer an der Parade teilzunehmen, abgelehnt habt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für Euch einen unzumutbaren Mehraufwand bedeutet, einen weiteren Wagen mit speziellen Bedürfnissen in die Parade zu integrieren. Wer Millionen bewegen kann, für den sollte das doch kein Problem sein.

Weil, gemäss euren Mottos, sollte Toleranz und Gemeinsamkeit an alleroberster Stelle stehen. Und wir alle wissen, dass Toleranz und Gemeinsamkeit leere Werte sind, wenn sie keinen Aufwand benötigen.

Ich nehme an, Ihr habt auch nicht an den Imageschaden gedacht, als Ihr den Traum dieser jungen Leute unüberlegt ruiniert habt. Das kann nur ein Versehen gewesen sein, eine unüberlegte Entscheidung mitten in den stressigen Vorbereitungen zur diesjährigen Parade.

Natürlich könnte es für dieses Jahr zu spät sein, um den Wagen der Rollstuhlfahrer zu berücksichtigen. Aber wir sind uns sicher, dass Ihr nächstes Jahr eine Lösung für dieses Mobile finden werdet. Und nicht versucht, die beiden Männer mit einem Zuschauerplatz in der VIP-Lounge am Bellevue abzuspeisen, sondern ihnen helft, ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Wir werden Euch dabei helfen, indem wir bis zur Lösung immer mal wieder über den Stand der Dinge berichten.

Herzlichen Dank für Euren Einsatz!

Der Stadtblog

Es sind jedes Jahr jede Menge Leute in Rollstühlen an der Parade. Nur das mit dem Mobile will nicht so klappen:
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