Tages-Anzeiger



«Nimm deinen Dreck mit!»

Réda El Arbi am Sonntag, den 5. Juli 2015
Unter diesem Dreck ist irgendwo der See. Und wie muss man drauf sein, um Menstruationsbinden in den See zu werfen?

Unter diesem Dreck ist irgendwo der See. Und wie muss man drauf sein, um Menstruationsbinden in den See zu werfen?

Das Bild stammt von gestern Morgen – dieser Dreck sammelt sich bei der Badi Uto-Quai. Wir kennen ähnliche Bilder von anderen Stellen am See, vom Flussufer, von den Stadtpärken, von den Seitenstrassen rund um die Clubsszene an der Langstrasse, aus der ganzen Stadt.

Es ist nicht «die 24-Stunden-Gesellschaft», es sind nicht die Beachpartys oder die Clubs. Diese Faktoren tragen nur dazu bei, dass sich das Ganze multipliziert. Es liegt viel mehr daran, dass die Leute die Stadt nicht mehr als Lebensraum, sondern als Konsummeile verstehen. Als ob man in eine Beiz geht, da konsumiert und dann einfach aufsteht und weggeht. Das Personal kümmert sich dann ja um den Dreck, den man hinterlässt.

Wenn man seine Party zuhause feiert, kann man noch so hageldicht sein, wenn man am nächsten Tag aufwacht, muss man sich dem ganze Müll stellen, dem Chaos, das man angerichtet hat. Geht man aber mit ein paar Freunden an den See, in den Park oder in einen Club, kann man sich die Kante geben und Flaschen, Kondome, Einweg-Grills und Erbrochenes einfach liegen lassen. Schliesslich geht man am Ende ja weg und siehts  am Morgen dann nicht mehr.

Es wär einfach, die ganze Schuld den Partytouristen zu geben. Aber so ist es nicht ganz. Es geht um den Begriff «Zuhause». Ich wette, dass sich einige Stadtzürcher in den Bergen oder am Strand genau so aufführen. Sobald man nicht mehr in der eigenen Homezone ist, benehmen sich manche wie Schweine.

Ich hör jetzt schon die Law & Order-Typen nach mehr Polizei rufen. Die Polizei  hat Besseres zu tun, als Babysitter für kleine Dreckspatzen ohne Gemeinschaftssinn zu spielen. Das ist nicht die Lösung. Viel mehr bräuchte es mehr Zivilcourage. Ein «Hey, ich leb hier, nimm bitte den Dreck mit» könnte einen Unterschied machen. Natürlich neben einem grundsätzlichen Sinn für Gemeinschaft, der uns in der Konsummeile Stadt mehr und mehr abhanden kommt. Oh Gott, ich hör mich schon wie einer dieser Typen an, der jammert: «Diese Leute haben keine Kinderstube mehr. Uns haben noch die Eltern beigebracht, dass wir unseren Dreck selbst wegräumen müssen.» Und ehrlich: Genau so ein Typ bin ich.

Ein Vorteil der Anonymität der Stadt ist, dass man Vieles tun und lassen kann, ohne dass sich die Leute das Maul darüber verreissen. Ein Nachteil ist jedoch, dass viele denken, es habe auch keine Handlung Konsequenzen. Bei den Wildpinklern im Kreis 4 nützt es übrigens, die Typen in flagranti zu fotografieren und auf Facebook und Instagram zu posten. 

Vielleicht hat ja jemand eine kreative Idee, wie wir mit den Schweinen umgehen können, die ihren Dreck jedes Wochenende in unserem städtischen Wohnzimmer liegen lassen ….

Das Herz auf der Zunge – plaudern mit Emel

Réda El Arbi am Freitag, den 3. Juli 2015
Emel: «Ich funktioniere akustisch, nicht visuell.» - Stadtblog: «Du funktionierst auch visuell, ehrewort.»

Emel: «Ich funktioniere akustisch, nicht visuell.» – Stadtblog: «Du funktionierst auch visuell, ehrewort.»

Diese Woche haben wir die Musikerin und Sängerin Emel Aykanat für ein Plauderstündchen in unserer Smalltalk-Serie getroffen. Eigentlich wollte sie mich in die Ambossrampe bestellen, während ihre Tochter gerade Yoga-Stunde nahm. «Ou», dachte ich, «echte Zürcher Hippiekacke.» Aber die Ambossrampe hatte geschlossen und das Kinderyoga stellte sich dann als ganz normale Turn- und Spielstunde heraus. Also alles ganz normal. Wir setzten uns dann ein paar Meter weiter ins Café Noir, wo man Emel zu kennen scheint. Bei Café und Zigaretten plauderten wir, bis die Spielstunde zu Ende war.

So, ich schalte jetzt das Aufnahmegerät ein.

Ah, dann muss ich ab jetzt aufpassen. was ich sage.

Wieso? Ich hab mir immer gedacht, dass du auch in den Medien erfrischend offen und direkt bist.

Ja, bin ich eigentlich schon. Obwohl gerade von den Medien dann Vieles aufgebauscht wird.

Du sprichst auf deinen Facebook-Post an, indem du klar gestellt hast, dass dich DJ Bobos Produzent damals nicht vor einer Disco aufgegabelt und dir eine Chance zum Singen gegeben hat? Das gab ja gleich eine Boulevard-Geschichte.

Ja, zum Beispiel. Früher wär mir so eine Aussage vielleicht egal gewesen. Aber ich will nicht, dass meine Tochter denkt, ihr Mami sei vor irgendwelchen Clubs rumgegammelt und habe auf eine Chance gewartet. Im echten Leben steckt Arbeit und Leidenschaft hinter dem Erfolg. So war ich damals, mit 16, im Studio und hab an meinen eigenen Songs getüftelt, als mich Bobos Produzent fragte, ob ich nicht ein paar Zeilen einsingen könnte. Aber das konnte ich ja dann mit Herrn Baumann (für unsere Leser: DJ Bobo) klären und er hat sich dann öffentlich entschuldigt und korrigiert.

Dann gabs da noch die Geschichte mit Stress, der den französischen Comedian Dieudonné lobte. Da hast du auch ziemlich Klartext geredet.

Das war auch wichtig. Dieudonné transportiert antisemitische und antifreiheitliche Inhalte und spricht damit vorallem junge Muslime an. Wenn dann ein Star wie Stress mitklatscht, muss ich gerade als Muslima mein Maul aufreissen. Denn erstens finde ich es nicht gut, dass Dieudonne, der Katholik und enger Freund des Rechtsradikalen Jean Marie Le Pen ist, meinen Brüdern irgendwelche Kacke erzählt. Und zweitens gilt für mich: Entweder man ist gegen Rassismus und Diskriminierung – dann bitte auch gegen alle Formen davon – oder eben nicht.

Du bist Muslima. Machst du Ramadan?

Nein, also nicht durchgehend. Ich nehm immer mal wieder einen Tag Auszeit, um mich zu reinigen und mental und spirituell zur Ruhe zu kommen. Der Islam ist eher das kulturelle Umfeld, in dem ich die Grundwerte vermittelt bekommen habe. Die Grundwerte unterscheiden sich übrigens nicht von denen der Christen oder Buddhisten: Sei kein Arschloch, kümmere dich um deine Mitmenschen, strebe das Gute an.

Auf deinen Plattencovern ist oft viel Haut zu sehen, zum Beispiel auf deinem ersten Album. Wie hat dein türkisches Umfeld darauf reagiert?

Haha, das Schweizer Fernsehen hat damals meinen Vater interviewt und extra das Cover mitgenommen, um ihm meinen Brustansatz auf dem Bild zu zeigen. Er hat sich das mit gerunzelten Brauen angesehen und gemeint. «Das ist nicht meine Tochter.» Erwartungsvolles Schweigen. «Da sieht sie viel zu schwach aus. Aber meine Tochter ist stark.» Er drehte das Cover um und zeigte auf ein Bild, auf dem ich viel selbstbewusster wirkte und meinte: «DAS ist meine Tochter.»

Sehr schöne Geschichte. Wie ist das als attraktive Frau, wurdest du nicht oft auf dein Äusseres reduziert im Musikbusiness?

Vielleicht manchmal, aber im Musikbusiness geht es glücklicherweise in erster Linie um Musik. In New York wollten mir die Produzenten immer erst irgendwelchen Mist, den sie gerade noch so rumliegen hatten, zum Singen geben. Erst als ich ihnen meine eigenen Songs präsentierte, konnten wir beginnen richtig zu arbeiten. Es ist wie zu Beginn gesagt: Musik war immer meine Leidenschaft. Und so hab ich von Kind auf sehr viel Arbeit in die Musik gesteckt. Das zahlt sich aus.

Naja, Talent ist dazu aber auch notwendig. Du hast jetzt eine ruhige Phase hinter dir. Was kommt als Nächstes?

Ja, musikalisch wars eher ruhig. Ich hab meine Tochter bekommen, wollte mich ihr widmen, ihr auch etwas von der Welt zeigen, bevor sie in die Schule eingebunden ist. Aber ich hab schon dauernd Musik in meinem Leben. Zum Beispiel wollte ich die Geburt meiner Tochter in einem Song verarbeiten. Aber das Ereignis war zu gross, zu wundervoll, um es in einen Song packen zu können. Zur Zeit bereite ich neue Songs vor, gemeinsam mit dem grossartigen Percussionisten Rhani Krija, der auch mit Sting arbeitet. Ich will etwas von diesen arabischen Elementen darin unterbringen. Das ist gerade ein Einfluss in meinem Leben.

Wie kommts?

Ich habe den arabischen Frühling verfolgt, dann die daraus entstehenden Flüchtlingskatastrophen, Lampedusa, Mittelmeer, die ganze Qual. Ich wollte etwas tun. Also nicht nur einen Song darüber schreiben. Also informierte ich mich und fand heraus, dass man bei der Organisation TransFair in Zürich freiwillig Deutsch für Flüchtlinge unterrichten kann. (Hier mehr, wer sich auch engagieren will! TransFair) Damit begann für mich ein neuer Einblick in fremde Welten. Daraus folgend nahm ich an einem Begleitungsprogramm teil, mit dem Flüchtlinge in der Schweiz integriert werden sollen. Seither treffe ich mich regelmässig mit einem syrischen Flüchtling, gehe Kaffee trinken und zeige ihm die Kultur, in der er jetzt lebt. Umgekehrt bekomme ich einen Einblick in seine Kultur und entwickle ein Verständnis für die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten.

Dann bleibt ja noch dein Privatleben. Wie siehts in der Partnerschaft mit XXXXX aus?

Dazu gebe ich besser keine Kommentare in der Öffentlichkeit ab. Es ist kompliziert – wie immer.

Ou, gopf.

Hier schalte ich das Aufnahmegerät ab, und wir unterhalten uns über ihre Beziehungen, meine Schwester, Mallorca, Besuche von Freunden zum Essen und andere Dinge, die ihr, liebe Leser, gar nicht wissen wollt. Ehrlich.

Turmzoll von Fry’s Gnaden

Réda El Arbi am Mittwoch, den 1. Juli 2015
Bestraft die Besucher für seine Niederlage vor Gericht: Guisep Fry

Versteht sich als König vom Üetliberg und verlangt jetzt Turmzoll: Guisep Fry

Zwei Franken werden  Zürcherinnen und Zürcher, auch Kinder, ab heute zahlen müssen, wenn sie auf ihrem Hausberg den Aussichtsturm besteigen wollen. So hat es Guisep Fry, der Hotelier, Beizer und seines Erachtens Herr über den Üetsgi, verfügt. Und er hat sich damit wohl ins eigene Fleisch geschnitten.

Nicht, dass wir uns die zwei Franken nicht leisten können, aber langsam haben wir genug von Frys Trötzeleien. Bisher haben wir ihm ja gerne zugeschaut. Sein einfallsreicher Kampf gegen den Abriss seiner illegalen Bauten hat uns unterhalten wie eine Telenovela. Alle paar Monate warteten wir gespannt, welchen Trick er und seine Anwälte wieder aus dem Ärmel schütteln, um den verbotenen Garten doch noch durchzuzwängen. Wir haben dabei grosszügig übersehen, dass er mit seiner juristischen Täubelei unsere Steuergelder in Form von langwierigen Verfahren verschwendete. Aber zum Schluss hat er dann ja doch verloren.

Aber Fry ist ein schlechter Verlierer. Er sieht sich selbst ungerecht behandelt und wie ein kleiner Bub schmeisst er jetzt die Spielfiguren auf dem Brett seiner Niederlage um. Er bestraft die Besucher für seinen Misserfolg. Die sollen auch etwas zu spüren bekommen. Zitat:

«Wenn dies (… seine gastronomischen Leistungen …) von den ewigen Rückwärtsgewandten und Dauernörglern nicht geschätzt, ja aktiv bekämpft wird, muss ich wirtschaftliche Konsequenzen ziehen.»

Nun, die paar tausend Franken, die Fry mit den Zweifränklern für den Turm einnehmen wird, machen wohl den zusätzlichen Imageschaden, den diese Aktion bewirkt, nicht wett. Die Einnahmen werden wohl im ersten Jahr nicht mal die Installation des Drehkreuzes, mit dem Fry den Wegzoll für den Aufstieg kassiert,  amortisieren.

Vielleicht merkt er auf seinem Berg oben nicht, dass das Volk zu seinem Füssen ihn nicht als Opfer sondern als Querulanten sieht. Er, der Verfechter des freien Marktes, wird wohl damit leben müssen, dass der Turmzoll dem Burgherren mehr Verlust als Gewinn bringt, nehmen doch viele Besucher wegen der saftigen Preise in der Beiz schon jetzt ihr Picknick von Zuhause mit. Bald werden es wohl ein paar mehr sein, die ihr Bierchen und ihre Wurst lieber im Haupbahnhof kaufen, bevor sie in die Uetlibergbahn einsteigen. Trotz können wir auch. Und auch die europäischen Touristen, die im Hotel übernachten, werden staunen, dass sie zu den Zimmerpreisen und den Restaurantrechungen nun auch noch Münz für den Turm bezahlen müssen. (Nachtrag: Die bezahlenden Gäste aus Restaurant und Hotel bekommen Jetons, um den Turm besteigen zu dürfen.)

Wie gesagt, es geht nicht um die Zweifränkler, obwohl die für Familien einen Unterschied machen können. Es geht um die Attitüde. Wir lassen uns nicht gerne für die Frustrationen anderer bestrafen. Auch wenn die Strafe nur zwei Franken pro Turmbesteigung ausmacht.

Legal oder illegal?

Alex Flach am Montag, den 29. Juni 2015
Tony Bolli vom Plaza versteht den Ruf nach  illegalen Partys.

Tony Bolli vom Plaza versteht den Ruf nach illegalen Partys.

Letzte Woche habe ich an dieser Stelle das Bedürfnis der Clubber nach mehr Subversion und Illegalität thematisiert, was für Aufruhr gesorgt hat. Die Reaktionen fielen höchst unterschiedlich aus, wobei einige etablierte Clubmacher auch Verständnis zeigten für den Ruf nach mehr Nightlife-Effort in der juristischen Grauzone.

Tony Bolli, Programmchef Plaza Club: «Ich finde, der Underground braucht eine illegale Seite. Die Begriffe Underground und Illegalität sind für mich nicht zu trennen. Allerdings gibt es in Zürich kaum mehr Strukturen für solche Lokale, von denen es früher viele gab. Dazu kommt, dass diese Szene immer auch von ihrer Verschwiegenheit gelebt hat: Partyinfos wurden nur via Mundpropaganda weitergegeben. Heute werden illegale Wald- und Wiesenfeste auf Facebook promotet. Es wäre trotzdem schade, wenn das Nachtleben den Underground-Aspekt verlieren würde.»

Sandro Bohnenblust vom Supermarket ist anderer Ansicht: «Der Begriff Illegalität wird von den entsprechenden Veranstaltern meist so gedeutet, dass man sich an keine Vorschriften hält: keine Lüftung, keine Feuerpolizei, keine Alkohol- und Mehrwertsteuer et cetera. Daher sollten die Betreiber illegaler Clubs bestraft werden. Sie nehmen eine Gefährdung ihrer Gäste durch fehlende Notausgänge in Kauf. Im Brandfall würden solche Lokale zu Todesfallen. Für mich gehören Illegalität und Underground nicht zwingend zusammen: Underground heisst für mich, nicht jede Gelegenheit zur Publizität wahrzunehmen – und eine Musik, die Eigenständigkeit vermittelt. Heute kriegt man das meiste bewilligt, man braucht bloss gesunden Menschenverstand und die Bereitschaft, mit den Behörden zu reden. Und eine Illegalität, nur um der Illegalität willen, ist verlogen.»

Anatol Gschwind (Hive und Gonzo) sieht es differenziert: «Klar habe ich Verständnis für den Ruf nach illegalen Clubs. Temporäre Lokale, die es morgen vielleicht schon nicht mehr gibt, sind spannend, und der Reiz des Verbotenen lockt zusätzlich. Man nimmt Mängel in Kauf, die in einem offiziellen Club nerven würden: fehlendes Eis, warmes Bier, versiffte Toiletten – trotzdem wollen alle da hin.

Hinzu kommt, dass solche Locations verlockende Freiheiten bieten: Für DJs gibt es keine Lärmbeschränkungen, Gäste dürfen im Club rauchen, es gibt kein Security, die einem Vorschriften macht. Illegal ist aufregend und darüber hinaus auch billiger. Wir bezahlen Unsummen an Sozialabgaben und Urhebergebühren, wir plagen uns mit einem Rauchverbot rum und wir erfüllen jede Auflage der Feuerpolizei, wobei wir letzteres auch ohne Vorschriften tun würden. Ich habe kein Verständnis dafür, dass viele Betreiber illegaler Clubs nicht einmal die Sicherheit der Gäste gewährleisten. Ich denke nicht, dass das offizielle Nachtleben langweilig ist. Wir versuchen stets, die Qualität zu verbessern: durch bessere Soundsysteme, spannende Bookings, neue Einrichtung – und indem wir mit den richtigen Leuten zusammenarbeiten.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Zum Glück die Zeugen Jehovas!

Réda El Arbi am Sonntag, den 28. Juni 2015
Das Ende ist näher, als du denkst: Auf Seite 3 des neuesten «Wachturms».

Das Ende ist näher, als du denkst: Auf Seite 3 des neuesten «Wachturms».

Ich hasse  es, wenn es am Samstagmorgen an der Tür klingelt. Es könnte der Gerichtsvollzieher sein. Oder  ein Nachbar, der irgendetwas will. Oder Freunde, die «gerade in der Gegend waren und schnell vorbeischauen und Hallo sagen wollten». Als seien Internet und Handy nie erfunden worden. My home, my castle.  Also hab ich diesen Samstag erst mal vorsichtig aus dem Fenster gelinst, als die Türglocke ankündigte, dass mich jemand in Fleisch und Blut sehen will.

Ha, zum Glück standen da unten die Zeugen Jehovas und nicht irgendwelche Menschen, denen ich mich verpflichtet fühle. Die Zeugen sind bei mir meistens willkommen, einfach schon zur Belohnung dafür, dass sie es auf sich nehmen, an Türen zu klingeln, hinter denen Menschen leben, die sie nicht sehen wollen. Sie sind mutig, die Missionare Jehovas, stoisch lassen sie sich eins ums andere Mal abkanzeln, ohne den Eifer zu verlieren.

Und sie sind unterhaltsam.

Zum Beispiel kann man sie fragen, warum sie missionieren:

«Laut eurer Lehre kommen nur 144 000 Gläubige ins Paradis. Es gibt aber bereits 8.2 Millionen Zeugen Jehovas. Ich weiss, ihr müsst missionieren, damit ihr euren Platz unter den Auserwählten bekommt. Aber ist das nicht etwas fies? Als ob ihr nur an ein Festessen dürft, wenn ihr zusätzliche Gäste mitbringt, obwohl ihr genau wisst, dass es für diese keinen Platz am Tisch mehr gibt?»

Ich bin Jedi, wie meine Lichtschwertsammlung beweist.

Ich bin Jedi, wie meine Lichtschwertsammlung beweist.

Natürlich kann man sie auch mit der eigenen Religion konfrontieren:

«Sorry, ich bin Anhänger des Jediismus, wir sind stark im Glauben. Da seht meine Lichtschwerter-Sammlung. Aber ihr könnt es gerne bei meiner Frau versuchen, die ist Pastafarian, Mitglied der Kirche des Spaghettimonsters. Diese Nudeltypen nehmen ihren Glauben nicht so ernst. Die ist vielleicht leichter zu bekehren.»

Oder man führt eine grundsätzliche Moraldiskussion:

«Ihr seid also gute Menschen, damit euch Gott belohnt? Ist das nicht etwas billig? Sollte man nicht moralisch integer handeln, weil es das Richtige ist, und nicht, weil man dafür Zückerli vom Papi bekommt?»

Oder mein Liebling, die spontane Bekehrung:

Man nimmt den «Wachturm» entgegen, liest ein paar Zeilen, um danach mit Tränen in den Augen auf die Knie zu fallen und laut «Hallelujah! Haaaallelujaaah» zu rufen. Dann schnappt man sich seine biederste Jacke und fragt begeistert, wem man das Wort als Nächstes bringen soll.

Ich weiss, man soll sich nicht über den Glauben anderer Leute lustig machen. Aber es gibt zwei Ausnahmen: Die eine sind die Scientologen (ich sag nur Tom Cruise und John Travolta), und die andere sind alle, die versuchen, ihre Religion am Samstagmorgen in dein Wohnzimmer zu tragen.

An diesem freundlichen Sommertag lasse ich die beseelten Missionare aber nicht ein. Ich schaue ihnen nach, wie sie leicht betrübt die Gasse hinunterschlendern, nicht wissend, wie knapp sie dem Teufel entkommen sind, an dessen Türe sie naiverweise geklingelt hatten.

Später erwische ich dann noch einen der Missionare auf der Strasse, um ihm einen «Wachturm» abzunehmen und ihn zu fragen, welche Bibel denn die richtige sei: Die originale aramäische Schriftensammlung, die fehlerhafte griechische Übersetzung oder die späteren lateinischen Versionen? Oder gar die englische Übersetzung der lateinischen Übersetzung des griechischen Textes? Er ergriff die Flucht.

Missionare sind auch nicht mehr, was sie einmal waren.

Religion

Ernsthafte Humoristin

Réda El Arbi am Donnerstag, den 25. Juni 2015
Hirn und Humor: Yonni Meyer aka Pony M.

Hirn und Humor: Yonni Meyer aka Pony M.

Diese Woche trafen wir in unserer Serie «Plaudern mit …» Pony M. aka Yonni Meyer auf etwas Smalltalk, der am Ende gar nicht so belanglos war. Sie bat uns ins altehrwürdige Piccolo Giardino im Kreis 4, unweit ihres Zuhauses. Während sie mit ihrem Lowrider-artigen Damenvelo vorfährt, suche ich einen ungestörten Platz.

Normalerweise fragen dich die Leute wohl, warum du das Pseudonym «Pony M.» benutzt. Mich interessiert aber eher, was «Yonni» für eine Abkürzung ist.

Gar keine. Ich heisse tatsächlich so. Meine Eltern waren während der Diktatur mit dem IKRK in Argentinien und dort lernten sie eine Krankenschwester kennen, die Yonni heisst. Der Name kommt aus Uruguay.

Wir bestellen Pasta.

Du reitest ja gerade wirklich auf einer Erfolgswelle. Kolumne, Buch, Lesungen. Alles, was du machst, scheint sich zurzeit in Gold zu verwandeln …

Inzwischen kann ich das Ganze auch mehr geniessen, da ich nicht mehr so unsicher bin. Der grösste Hype ist auch schon ein bisschen vorbei, worüber ich nicht unglücklich bin. Eine Zeit lang wars fast unangenehm, so im Fokus zu stehen. Es ging ja vor zwei Jahren sehr schnell los und ich fühlte mich hin und wieder überfordert. Nicht, dass ich nicht gerne im Rampenlicht stehe, sonst würde ich das ja nicht machen, aber jetzt ists friedlicher.

Mfpm mmjöm Pmmy M. mmjam?

Geistige Notiz: Man hört nichts auf dem Mitschnitt, wenn ich meine Fragen mit vollem Mund stelle. Das könnte unhöflich wirken.

Wer warst du, bevor du als Pony M. mit dem Bloggen begannst?

Gute Frage. Ich bin Psychologin, habe aber nie therapeutisch gearbeitet, sondern hauptsächlich in der Forschung. Während des Studiums war Humor während vier Jahren mein Forschungsgebiet.

Humorforschung? Das hört ich geil an. Erzählt man Probanden Witze und notiert sich dann, wo sie lachen?

Das gibt’s schon auch, aber die Forschung, in die ich involviert war, geht eher Richtung gelächterspezifischer Störungen. Es gibt Leute, die sich über das allgemeine Mass hinaus davor ängstigen, ausgelacht zu werden. Das nennt sich Gelotophobie. Oder das Gegenteil, Gelotophile. Leute, die einen Lustgewinn daraus ziehen, ausgelacht zu werden. Das kann dazu führen, dass sich Leute extra Situationen kreieren, in denen sie ausgelacht werden, also eine Art Klassenclown in extremis.

Am Schwierigsten ist wohl der Katagelastizismus. Das sind Leute, die gerne andere auslachen. Also nicht die normale Schadenfreude, sondern Menschen, die andere extra in Situationen bringen, in denen sie ausgelacht werden.

Natürlich hat jeder Anteile aller drei Störungen in sich, aber meist nicht so krankhaft, dass man selbst oder andere wirklich darunter leiden.

Dann ist der Typ, der andere zum Spass blossstellt, nicht einfach ein Idiot, sondern leidet unter fehlender Empathie?

Einer der Hauptbestandteile meiner Forschung war der Zusammenhang von Katagelastizismus und Empathie. Ich konnte feststellen, dass viele sehr schadenfreudige Menschen wirklich einen Empathiemangel ausweisen – man kann also davon ausgehen, dass viele von ihnen nicht wissen, wie weh sie ihrem «Opfer» tun.

Dann ist man als empathischer Mensch eher im Nachteil? Verletzlicher?

Empathie, Verständnis und Mitgefühl können eine Falle für den Selbstschutz sein. Ich glaube aber auch, dass man durch Empathie die Menschen viel länger gern hat. Ich hatte jedoch eine Zeit, in der ich für jeden Idioten Mitgefühl aufbrachte, weil ich seine Motivation, seine Schwäche verstand oder zumindest zu verstehen versuchte. So fiel es mir dann schwer, mich abzugrenzen. Mit der Zeit stellte sich aber ein Gleichgewicht zwischen Empathie und Abgrenzung ein, das mich mein Gegenüber verstehen lässt, ohne dass ich meine eigenen Bedürfnisse dabei vergesse.

Du hast also Humor studiert, damit du die Leute zum Lachen bringen kannst?

Nein, nicht wirklich. Die Humorforschung war für mich nur ein Abschnitt. Positive Gefühle sind viel schlechter erforscht, und mir machte es Spass Grundlagenforschung zu betreiben. Aber irgendwann wollte ich dann doch noch etwas mit einem tieferen Sinn tun.

Schlechte Gefühle erforschen?

Nein, eher in einem praktischen Umfeld arbeiten, irgendwas, das in der Gesellschaft einen Unterschied macht. Also ging ich in den Strafvollzug. Dort sah ich dann ganz andere Aspekte der menschlichen Emotionen. Ich arbeitete für den Psychiatrisch-Psychologischen Dienst des Justizvollzugs des Kantons Zürich und konnte in diesem Rahmen in den Gefängnissen des Kantons klinisch arbeiten, u.a. auch im Ausschaffungsgefängnis. Das war eine Zeit, die mich nachhaltig geprägt und bestimmt auch dazu beigetragen hat, dass ich mich heute aktiv gegen Rassismus einsetze. Dieses Jahr bin ich zum Beispiel Botschafterin für die Antirassismus-Kampagne «Bunte Schweiz» der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus.

Der Wandel scheint ja auch bei deinem Blog durchzuschimmern. Vom Humor zu ernsthafteren Themen …

Ja, zu Beginn war Pony M meist humoristisch, aber mit der Zeit wurde mir das zu eintönig. Es gibt so viele Bereiche, über die man spannend schreiben kann, ich will mich da nicht einschränken.

Verlierst du da nicht dein Stammpublikum?

Einige meiner Freunde warnten mich vor zu ernsten Themen. Aber das ist mir egal. Ich schreibe über Dinge, die mich beschäftigen, ob witzig oder nicht. Ich zwinge ja niemanden, meine Texte zu lesen. Und offenbar sind da noch genug Leute, die sich auch für die anderen Themen interessieren.

Wir werden auf jedenfall gespannt weiter mitlesen!

Eine Öde an die Clubs

Alex Flach am Montag, den 22. Juni 2015
Partywetter in Zürich

Partywetter in Zürich

Die Club-Sommerferien sind eine aussterbende Tradition. Zwar hat sich am Samstag die Friedas Büxe bis zum 8. August in den Urlaub verabschiedet, jedoch machen die meisten anderen Tanzlokale unbeirrt weiter, in der Hoffnung, Petrus bleibe ihnen weiterhin wohlgesonnen – regnet es draussen, wird drinnen gefeiert. Die stattliche Gemeinde der Zürcher Outdoor-Veranstalter ist mit den aktuellen Witterungsbedingungen hingegen alles andere als glücklich.

Auch an diesem Wochenende mussten einige Wald- und Wiesenfeste kurzfristig abgesagt werden und die auf Facebook geposteten Videoclips der Partys die trotz der meteorologischen Widrigkeiten durchgeführt wurden, sind von einer kaum zu übertreffenden Melancholie: 10 Leute stehen im Wald. Zählt man den Veranstalter, die Barkeeper und die DJs ab, bleibt noch der Förster, der dort nach dem Rechten geschaut hat.

Aber nicht nur das Publikum an verregneten Waldfesten ist dünn gesät, auch aufregende Nightlife-News sind rar. Die eine oder andere Wiedereröffnung (Härterei im September), der eine oder andere Umbau (Hive), vereinzelte Schliessungsgerüchte (BLOK), da und dort eine Auffrischung des Party-Angebots (Kaufleuten). Wer auf bahnbrechende Umwälzungen hofft, der wird enttäuscht: Das Zürcher Nachtleben ist ein ruhig dahinfliessender Strom ohne Stromschnellen. Manche Clubs laufen besser, einige schlechter, aber alle wursteln sich irgendwie durch und zwar indem sie ihre Line Ups copypasten, indem sie auf Altbewährtes setzen.

Das ist gefährlich: Viele Szene-Insider, also jene Leute, die ihren aktuellen Lebensabschnitt primär dem Clubbing widmen, sind angeödet. Sie mögen nicht mehr Wochenende für Wochenende in Clubs feiern, die ihnen immer nur dieselben DJs bieten, aber niemals tiefgreifende Innovationen. Sie wollen kein Nachtleben, das immer nur auf ausgetrampelten Pfaden stapft, sie wünschen sich eine Clubkultur die Haken schlägt, die Neues austestet. Sie wollen auch kein Nightlife, das auf Biegen und Brechen versucht erwachsen zu werden, das zwar immer professioneller organisiert ist, das in ihren Augen aber gerade deshalb immer langweiliger wird – es fehlt der Dreck, es fehlt das Gefährliche, das Subversive.

Wer sich bei den Opinion Leadern im Zürcher Underground umhört, der stellt schnell fest, dass kein Bedürfnis grösser ist als jenes nach Lokalen wie dem Depot oder dem Hermetschloo, die aus dem Halbdunkel heraus operierten. Orte, von denen nicht jeder wusste, was jene die da waren zu einer eingeschworenen Gemeinschaft gekittet hat. Bereits wurde der eine oder andere illegale Club gegründet, jedoch sind es erst vereinzelte Schwalben, die noch keinen Sommer machen

Die Macher des «offiziellen» Zürcher Nachtlebens müssen sich dringend überlegen, wie sie in den Augen der Meinungsmacher wieder aufregend werden, wie sie die Aura spiessbürgerlich geführter KMUs abschütteln. Noch haben die etablierten Clubchefs das Steuer in der Hand. Aber wenn nicht bald etwas geschieht, werden sie wohl über kurz oder lang von einer hungrigen Generation auf den Rücksitz verbannt, einer Generation, die wieder weiss, dass ein spannendes Nachtleben ein wenig Subversion braucht.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Europaallee: Die linke Beisshemmung

Réda El Arbi am Freitag, den 19. Juni 2015
Samir und der Sphère-Beizer Deckert: Trojanische Pferde der Gentrifizierung?

Samir und der Sphères-Beizer Deckert: Trojanische Pferde der Gentrifizierung?

«Gege de Samir chammer aso nüt säge», ist die gängige Reaktion der etablierten Linken und der Kulturszene auf das neueste Projekt der SBB in der Europaallee. Als würde die Beteiligung von Samir und Sphères-Chef Bruno Deckert aus dieser projektierten Mall in US-amerikanischem Stil mit sechs Kinosälen, Bistros, Kongress- und Konzerthallen und Einkaufsmöglichkeiten so eine Art alternatives Kulturzentrum machen. Es ist nicht so, dass Samir und Deckert dort bauen. Es ist so, dass sie viel Geld verdienen, um dem Projekt den Anstrich von Kultur zu geben.

Offenbar hatte sich die SBB Sorgen um ihr Image gemacht, nachdem die Rechnung mit den Luxuswohnungen nicht aufgegangen ist – sehr schwer vermietbar – und nicht nur die «Reclaim the Street»-Bewegung, sondern auch die anderen Stadtbewohner laut Kritik an der offensichtlichen Gentrifizierung übten.

«Kaufen wir uns einen linken Kulturschaffenden und einen Beizer, die in der Kulturszene bereits akzeptiert sind und klatschen sie an die Projektfassade», dachten sich die Verantwortlichen bei der SBB wohl. «Dann sind diese ewigen Nörgler still und wir können endlich Rendite einfahren.»

Aber irgendwie haben sie nicht begriffen, um was es geht. Nur weil man den Kritikern ein Zückerli hinwirft, macht das die Quartierveränderung nicht rückgängig. Mit sechs Kinosälen und geplanten Konzerten baut man dort direkt an der Langstrasse einen Konsumtempel, der noch mehr Geld und Konsumkreuzzügler ins Quartier bringt, falls es denn funktioniert. Neben der Belastung durch die Clubindustrie ist es wohl der nächste Schritt, das Quartier für die bisherigen Anwohner – ausser für ein paar Hipster – unbewohnbar zu machen.

Funktioniert es nicht, wie eben die Luxuswohnungen, hat man einfach eine weitere tote Ecke in der Stadt geschaffen.

Ich persönlich denke aber, dass die neue Mall ein Erfolg sein wird. Man kann von überall her schnell in die Stadt kommen, im Bistro essen, einen Hollywood-Film schauen, oder schnell an ein Konzert gehen, danach ein paar Strassen weiter in einen Club und man ist vor morgens um Sechs wieder brav zuhause. Eigentlich hätte die SBB noch einen S-Bahnhof – oder wenigstens eine Haltestelle auf der Langstrassenbrücke – einplanen sollen, damit man sich direkt ins Kaufland kutschieren lassen kann.

Das Ganze ist so ein bisschen wie All-inclusive-Ferien, einfach an der Langstrasse. Und das unter der Schirmherrschaft zweier Vorzeige-Kultur-Typen. Sie sollen wie Valium auf die Kritiker wirken.

Nun, die Beisshemmung gegen Samir und Deckert wird dem Projekt wenigstens politisch etwas Luft verschaffen. An den Realitäten, nämlich dass die Langstrasse als Wohn- und Lebensraum abgemurkst wird und dafür als Geldmeile wieder aufersteht, ändert das nichts.

Die doppelte Gülsha

Réda El Arbi am Mittwoch, den 17. Juni 2015
Links die wohlerzogene, private Gülsha, rechts die Rampensau Gülsha.

Links die wohlerzogene, private Gülsha, rechts die Rampensau Gülsha.

Gülsha, Aushängeschild und Vollblut-Moderatorin mit losem Mundwerk des Social TV-Senders «Joiz» (ihre Vorgesetzten wollen nicht, dass ich «Jugendsender» schreibe), ist nach Viktor Giacobbbo und Güzin Kar die Nächste in unserer Serie «Plaudern mit …».

Sie bestellt mich ins «Elle ‘n’ Belle», den veganen Hiptserspunten in den ehemaligen X-Tra-Räumlichkeiten. Das Ambiente unterscheidet sich nicht gross von dem des früheren X-Tra. Noch genauso viele bärtige junge Männer und junge Frauen mit Schulter- und Schlüsselbein-Tattoos. Sogar die Sofa-Ecke ganz hinten ist noch da. Sie drapiert sich wie eine junge gesittete Orientalin auf dem Sofa, ein wenig, als ob wir in ihrem Wohnzimmer sässen.

Viktor Giacobbo hat dich letztens kennengelernt und sich dann gewundert, dass du im echten Leben eine wohlerzogene junge Frau bist und eigentlich nichts mit der Rampensau von «Joiz» gemeinsam hättest. Ist alles nur Show in der Show?

Wohlerzogen? Das sollten meine Eltern unbedingt hören. Vor der Kamera geb ich natürlich mehr Gas. Aber das ist nur eine Seite.

Ja, aber selbst vor der Kamera wirkt es niedlich, wenn du die krassesten Sachen sagst.

Das ist rein anatomisch. Da ich aussehe wie eine Dreizehnjährige, merken die Leute immer erst verzögert, WAS ich da eigentlich von mir gebe.

Im Ernst: Ich hab natürlich auch noch andere Seiten. Ich hab neun Jahre lang in einer Apotheke gearbeitet und musste einfühlsam sein, Verständnis und Diskretion an den Tag legen. Da kamen Leute in schwierigen Situationen, zum Beispiel HIV-Positive, die ihre Medikamente abholten. Oder  einfach Leute, die Kondome wollten, sich aber schämten, mich zu fragen. Und da habe ich natürlich andere Seiten von mir gezeigt und keine kruden Witze gerissen.

Dann gibts die TV-Gülsha und die brave private Gülsha? Also nichts mit Sex, Drugs & Fernsehstudio?

Nein, Drogen sowieso nicht. Ich trinke eigentlich auch nicht so oft. Jetzt im Sommer ist natürlich Sommerbierzeit. Aber für den totalen Absturz bin ich zu gesundheitsbewusst. Ich bin zwar für die Legalisierung von Drogen, aber nicht, weil ich Drogen super finde, sondern weil ich denke, dass man mit Verboten und Gefängnis nichts gegen Drogen bewirkt.

Dann kommt das von dir? Hast du nicht, wie zum Beispiel gewisse Musiker, ein Management, das aufpasst, dass du in der Öffentlichkeit nicht über die Stränge schlägst?

Nein, bei «Joiz» setzen sie ja sehr auf Persönlichkeit, wollen, das man authentisch ist. Und so quatschen sie mir auch nicht rein.

Mein veganer Kebab wird gebracht, ich beisse rein. Gar nicht schlecht, aber irgendwie fehlt das Fleisch. Was zu erwarten war. Gülsha klaut meine Pommes Frites.

Joiz legt ja sehr viel Wert darauf, nicht «Jugend-Fernsehen» sondern «Social TV» genannt zu werden. Obwohl das Zielpublikum doch eher sehr jung ist.

Das liegt daran, dass wir wirklich ein Social-TV sind. Das ganze Konzept beruht auf Interakton und dem parallellen Nutzen von verschiedenen Kanälen wie Social Media und klassischem TV. Wir machen nicht nur Sendungen für unser Publikum, wir machen in erster Linie Sendungen MIT unserem Publikum. Inzwischen setzt sich dieser Ansatz auch langsam bei anderen Medien durch, aber wir waren die Ersten, die das ernsthaft umgesetzt haben.

Du bist also die Vorzeigefrau, der Star des Social-TV-Senders «Joiz». Wie äussert sich das in deinem Leben? Diamanten, Groupies und Jetset? Luxus in Tüten?

Ha, nein. Ich lebe m reichsten Land der Welt. Meine ganz alltäglichen Dinge, wie Velo, funktionierender ÖV, Gesundheitsversorgung, gutes Essen, etc. sind Luxus, für den ich wirklich dankbar bin. Wahrscheinlich verdiene ich in der Medienszene eher am unteren Ende. Aber Geld hat mir nie so viel bedeutet. Die Möglichkeit, etwas Geiles zu machen, jeden Morgen mit Freude aufzustehen und an meine Arbeit zu gehen, und auch noch davon leben zu können, ist mir viel wichtiger als die gängigen Statussymbole und viel Stutz.

Gülsha klaut weitere Pommes Frites.

Gülsha ist eine Idealistin?

Ja, warum nicht. Aber es sind die kleinen Dinge, in denen ich vielleicht idealistisch bin. Es freut mich, wenn ich mit meiner Reichweite die Menschen berühren kann. Wenn jemand auf mich zukommt und sich bedankt, weil meine Sendung ihn oder sie auf einen neuen Gedanken gebracht hat, ist das ungeheuer befriedigend.

Können wir uns noch über deinen kulturellen Hintergrund unterhalten?

Ich bin eine typsche Secondo, habe ein wenig von beiden Kulturen mitbekommen …

Eigentlich meinte ich eher deinen Ostschweizer Akzent.

Haha. Ich bin in Niederuzwil auf die Welt gekommen, da kriegt man diesen Akzent eben mit. Damals gabs noch nicht viele Ausländer in diesem Städtchen. Meine Eltern sind sehr fortschrittlich und offen, da gabs keinen Unterschied. Wahrscheinlich bin ich freier und unabhängiger aufgewachsen als viele «Schweizer». Mit sechzehn zog ich von Zuhause aus, um von einem Lehrlingsheim aus meine Ausbildung zu machen. Ok, in einem Lehrlingsheim nur für Mädchen. Kein Männerbesuch erlaubt, und wenn meine Schwester übernachten wollte, musste ich das vorher anmelden.

Mit Sechzehn weg von zuhause? Party, Party, Party?

Nein, ich war sehr diszipliniert. Ich lernte, schlief und arbeitete. Natürlich ging ich dann schon irgendwann aus, aber immer eher zurückhaltend.

Zum Schluss nochmals zurück zu deiner Karriere bei «Joiz». Man munkelt, dass du den Sender verlassen wirst …

Was meine Karriere angeht, habe ich bei «Joiz» alles erreicht, was man erreichen kann, deshalb werde ich mich im nächsten Jahr vermehrt auf andere Sachen konzentrieren. Seit über zwei Jahren bin ich mit der Textagentur«Atelieer» im Gespräch, mittlerweile ein festes Mitglied und noch fester am Projekte anpacken. Das Atelieer hat aber nix mit Fernsehen zu tun, sondern mit Schreiben und Bühne. Für meine Anstellung bei «Joiz» bedeutet das, dass ich sicher nicht mehr eine tägliche Sendung stemmen werde, alles andere ist aber noch offen und wird diskutiert.

Gülsh schreibt in Zukunft für die Bühne. So richtig Kultur und so. Wir sind gespannt!

Gülsha verputzt die letzten Pommes Frites.

Wo Berlin von Zürich lernen kann

Alex Flach am Montag, den 15. Juni 2015
Das Berghain in Berlin: Clubs haben kaum politische Lobby.

Das Berghain in Berlin: Clubs haben kaum politische Lobby.

Weil in Berlin in den vergangenen Jahren etliche Clubs von neu zugezogenen Anwohnern weggeklagt wurden, hat die dortige Club Commission, ein Interessensverband von Nachtleben-Machern, ein Clubkataster erstellt, das laufend ergänzt und aktualisiert werden soll. Die Club Commission hat dieses Kataster im Auftrag des vom Berliner Senat eingesetzten Musicboards erstellt und so kam es, dass die Liste Anfang Juni vom Berliner Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) höchstpersönlich der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Geisel: «Es geht darum, die Ansprüche der wachsenden Stadt miteinander zu verbinden. Die Menschen wollen nicht nur in Berlin feiern sondern hier auch wohnen. Ich werbe für ein gleichberechtigtes Miteinander. Hierfür brauchen wir zuerst einmal Informationen. Das Clubkataster ist ein wichtiges Instrument, um dies zu erreichen».

Schöne Worte, nobles Ansinnen, aber für einige Ortsteile wie den ehemals quirligen Prenzlauer Berg kommt diese Initiative zu spät, gibt es dort doch kaum noch Clubs, die in ein Kataster aufgenommen werden könnten. Noch vor wenigen Jahren besuchte jeder dritte Tourist die deutsche Hauptstadt wegen ihrer Clubs. Da sich die Verwandlung Berlins von «arm, aber sexy» in «immer noch nicht vermögend, aber schleichend langweiliger» längst auch international rumspricht, ist es für eine Problemevaluation eigentlich zu spät: Die Katasterphase müsste längst abgeschlossen und die auf ihr basierenden Massnahmen eingeleitet sein.

Zürich ist Berlin mindestens zwei Schritte voraus: Mehrere Projektgruppen unter der Leitung von Polizeivorsteher Richard Wolff arbeiten derzeit an möglichen Brückenschlägen zwischen Nachtleben und Anwohnerschaft. Die Zürcher Stadtverwaltung hat das Problem erkannt, auch ohne vorher in Form eines Katasters ein ohnehin offensichtliches Problem belegen zu müssen.

Die Zürcher Stadtregierung hat auch klargestellt, dass eine Grossstadt ein lebendiges Nachtleben braucht, dass dieses viel zu ihrer Attraktivität beiträgt. Auch wenn Stadtentwickler Geisel das Clubkataster persönlich vorstellt, so wird man doch den Eindruck nicht los, dass der Berliner Senat hier seinem Nachtleben bloss einen Knochen hingeworfen hat, der von der Club Commission mit freudig wedelndem Schwanz angenommen wurde.

Lutz Leichsenring von der Commission: «Wir freuen uns. Man hat jetzt offensichtlich erkannt, dass Clubs ein wichtiger Beitrag zur Stadtentwicklung sind». Wie schön … Aber kann diese Einsicht auch nur ansatzweise den Ansprüchen eines Vereins genügen, der eine der wichtigsten Clubszenen Europas repräsentiert? In Zürich wird nichts mehr einfach nur hingenommen und die Zeiten, als ein einzelner Anwohner hunderten Clubbern ihre wochenendliche Stube mir nichts, dir nichts wegklagen konnte, sind vorbei. Selbst bei Sammelklagen, wie bei jener der Langstrasse-Anwohner kürzlich, erfolgt eine heftige Gegenreaktion seitens Nachtleben, die wiederum in einer öffentlichen Diskussion mündet, die ihrerseits zu einer Fall-bezogenen und einvernehmlichen Lösung unter der Leitung der Stadtverwaltung führen könnte.

Davon ist man in Berlin noch meilenweit entfernt. Clubkataster hin oder her.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.