Tages-Anzeiger



David Sarasin am Donnerstag den 3. Mai 2012

Smalltalk schmiert Zürich

Der gefplegte Smalltalk ist das Schmiermittel der zwischenmenschlichen Bewegungen.

Der gefplegte Smalltalk ist das Schmiermittel der zwischenmenschlichen Begegnungen.

Ohne ihn gäb es keine Gartenparty, keine Disco, keine Konzerte, keinen 1. Mai und auch keine öffentlichen Plätze. Der Smalltalk ist das Schmiermittel der zwischenmenschlichen Begegnungen. Und zu Unrecht so gering geschätzt. Und deshalb würdigen wir ihn hier.

Denn, liebe Männer, haben Sie jemals eine Frau geküsst, ohne vorher über Dinge gesprochen zu haben, die derart irrelevant waren, dass es Ihnen im Grunde höchstpeinlich war? Und war nicht jeder Einstieg für noch so wunderbare Freundschaften erstmals ein Gespräch etwa über das Wetter oder das Leben der Fledermäuse? Wir sollten lernen, den Smalltalk zu kultivieren, anstatt ihn mit angeblichem Tiefgang aus der Welt zu schaffen. Uns mit unserer Oberflächlichkeit anzufreunden, die wir in den Clubs der Stadt oder an Hausfesten so gut gebrauchen können. Denn was ist das überhaupt, Tiefgang? Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Coelho.

In Zürich, einer Hochburg des Smalltalks, kann man die leichte Redensart auf unterschiedliche Weise anwenden. Je nachdem, wo in der Stadt man sich gerade befindet. Hier eine kleine, unvollständige Zusammenstellung.

Am See:
Das am wenigsten beliebte und gleichzeitig typischste Smalltalk-Thema ist das Reden vom Wetter. Ob jetzt die Sonne scheint oder der Regen peitscht, sei langweilig, sagen Kritiker verächtlich. Ha! Als ob es keine Rolle spielt, ob wir vom Bürkliplatz aus in einen pfeifenden Sturm blicken oder ob das rötlich glühende Alpenfirmament auf der glatten Seeoberfläche schimmert. Natürlich, es ist naheliegend, über das Wetter zu sprechen. Und trotzdem: Wir Zürcher haben gelernt mit der Fragilität der hiesigen Witterung zu leben. Denn wenn es im Juli mal eine Woche kalt ist und regnet, sind wir nicht überrascht. Aber trotzdem traurig. Also reden wir darüber. Das ist unsere Natur, gehört zu unserer Tradition. Achtung: Dauert das Gespräch übers Wetter länger als, sagen wir, fünf Minuten (in anderen Klimazonen ist es eine Minute), sollten wir schleunigst das Thema oder den Gesprächspartner wechseln.

Beim Xenix:
Auf dem sogenannten Kies gilt es aufzufallen. Denn hier sind alle so beherrscht wie sonst selten irgendwo in der Stadt. Das macht die Atmosphäre bisweilen steifer als in jedem Sterne-Restaurant. Also zur Auflockerung erstmal mit dem Velo quer über den Platz fahren. Im Gespräch dann hilft vor allem gezielte Provokation, denn dies ist der Pfeffer im Smalltalk. Solange, bis die ganze Runde lacht und alle sehen, dass man Spass hat. Als Alternative bietet sich hier beim Xenix auch das lockere Gespräch über Filme an. Doch hier sollte man die Pseudo-Intellektuellen-Falle beachten, in die sich viele Kulturinteressierte gerne manövrieren. Wohldosiert Gags nachspielen funktioniert besser. Natürlich gilt auch die kraftmeierische Aufzählung von Regisseuren, Kameramännern oder Produzenten eine zeitlang als feiner Smalltalk.

Auf dem Idaplatz:
Einer der schönsten Plätze der Stadt. Also spricht man hier über die allgemeine Schönheit der Stadt Zürich – und zieht missgünstig über die Anwohnerschaft her. Quartier-Talk ist belebend, es gilt einfach, sich im Vorfeld schlauzumachen. Wo war schon wieder einst Zürichs Galgenhügel? Oder war der Hauptbahnhof wirklich im Kreis 3 geplant? Und stimmt es, dass Pink Floyd in den 70ern in Altstetten spielten? Die Antworten auf derartige Fragen finden Sie etwa im Buch «Kult Aussersihl» oder in der Quartierchronik. Oder Sie geben sich mit jemandem ab, der das Metier des Smalltalks beherrscht und ihnen grundsolide Auskunft erteilt. Damit werden Sie Teil von Zürichs Oral History, nicht zu verwechseln mit «gefährliches Halbwissen».

Im Restaurant:
Nichts schlimmer als schweigende Paare, die ihre zwischenmenschliche Funkstille mit einem gediegenen Restaurantbesuch kaschieren. Wein ist das beste Schmiermittel für Smalltalk. Also gehört so oder so erstmal eine Flasche auf den Tisch. Danach unterhält man sich locker über kulinarische Angebote. Wer serviert in Zürich den besten Ristretto, wo gibts das feinste Soyadressing und welcher Wirt trägt in 9 von 10 Fällen nach dem Essen einen Grappa auf. Später läuft dann alles wie von alleine.
Sollten Sie mit Freunden im Restaurant sein, können Sie gerne über gemeinsame, nicht anwesende Bekannte tratschten. Je unwahrscheinlicher die erzählte Geschichte, umso höher der Unterhaltungswert.

Hauspartys:
Hier gilt es ganz besonders mit Smalltalk aufzutrumpfen. Denn nirgends lernt man so leicht fremde Menschen kennen, die noch nicht wissen, was für ein Drecksack man eigentlich ist. Also gilt die Königsdisziplin der Smalltalk-Themen: Das Reden über Sex. Und zwar so, dass einen nicht grad alle für einen triebgesteuerten Eber halten, aber auch nicht so verkrampft, dass man als zugeschnürt gilt. Einige Geschichten aus dem Tierreich dienen der Auflockerung (Libellen und so) und Pornotitel sind zwar schon etwas abgelutscht, aber für eine kurze Zeit amüsant. Ansonsten kann man etwa vom Australier erzählen, der Prominente mit seinem Penis nachmalt (für grössere Flächen benutzt er seinen Hodensack). Beliebte Sujets sind für ihn etwa R. Kelly oder George W. Bush.

Am Rockkonzert:
Im Konzertsaal muss der Sprecher einiges beachten. Deutliche Sprache und kurze Sätze – wie die Boulevardpresse- zudem frischer Atem, nicht mit enorm viel kleineren oder grösseren Personen sprechen (wegen der Distanz). Und wichtig: Bei stillen Konzerten am besten grad ganz schweigen. Der Vorteil an einem lärmigen Umfeld, man kommt einander in der Hitze des Gefechts schnell näher und geht je nach Situation zum Küssen über. Übrigens die knappste und gleichzeitig ausdrucksstärkste Form von Smalltalk.

So, nun sind Sie bereit für jedes oberflächliche Gespräch, um unbeschwerte Stunden in der Stadt zu verbringen.

Ihre Anregungen gerne in die Kommentarspalten.

5 Kommentare zu „Smalltalk schmiert Zürich“

  1. Loulou Montez sagt:

    Diva hat leider Recht. Ich habe den Artikel auch mit einigem Entsetzen gelesen. Der Verfasser muss Drogen besitzen, die sonst niemand kennt oder schon seit Geburt hier leben, so kennt er überall jemanden. Smalltalk mit entfernteren oder näheren Bekannten ist schliesslich kein Smalltalk mehr, sondern bereits Klatsch.

    Smalltalk macht man mit Unbekannten. Und da in Zürich die meisten zugestöpselt herumlaufen, ist es so gut wie unmöglich, damit zitiere ich nochmal die Diva.

    Ausserdem erschreckt sich der gemeine Zürcher zu Tode, wenn man ihn an der Tramhaltestelle oder in einer Bar aufs Wetter, seine tolle Krawatte oder eine Auskunft anspricht. Ausser einem erschreckten Japser und dem sogar für Aussenstehenden sichtbaren Hingeratter – tammi hani mit dere emol öppisghaa, ischsi mini Chefin oder muesi sucht nett zu ihre sie oder isch si us em Burghölzli abghaue – was im Seefeld ja ab und zu vorkommt – hört man nichts. Schon gar keine schlagfertige Antwort. Manchmal passiert es, das nach einer Schreckminute plötzlich eine Auskunft kommt oder sich nachher imTram noch ein nettes Gespräch ergibt. Aber schlagfertig (smalltalkig) ist hier niemand.

    Nicht dass die Zürcher doof wären – nach 10 Jahren hier habe ich sie liebgewonnen und ihre unkommunikative, cool scheinende Oberfläche als tapsige Unsicherheit und charmante lokale Eigenheit enttarnt.

    Ich habe viele gute Freunde gefunden, mit denen ich nun nach Herzenslust klatschen und tratschen kann und die nach besserem Kennelernen auch appenzellischen Witz und Schlagfertigkeit von mir gelernt haben ;-) Sie sind manchmal immer noch ein wenig schockiert über meine träfen Witze, aber sie halten zu mir und haben sogar lockeres, spontanes Lachen gelernt.

    Smalltalkanfälle habe ich immer noch. Ich nenne es spasseshalber “Zürcher erschrecken” und mache es manchmal in der Gegenwart von Freunden, die hier bei mir Ferien machen. Macht immer wieder Spass!

    Zweimal bin ich sogar spontan vom Opfer umarmt worden. Zitat des Opfers (Dufourstrasse) “suscht seit mir nie öppert guete Moorge!” Opfer zwei (Höschgasse): “Ich ahn jetzt grad e Chrebsuntersuechig und ihres strahlende Lächle und ihri witzig Art tüend mir jetzt grad guet”

    Momoll.

  2. diva sagt:

    ps. aber ein kompliment für das foto zu ihrem artikel. es ist wundervoll und stimmungsvoll. nur leider entspricht es nicht der heutigen realität.

  3. diva sagt:

    ganz geistreich: beim xenix mit dem velo zwischen den herumstehnden reinfahren… sorry, wie bescheuert ist das dann?!
    small talk im restaurant? wenn man nicht gerade in der kronenhalle diniert, beinahe ein ding der unmöglichkeit! ausser man will gegen nervige musik und akustisch nicht abgeschirmte küchen oder abwaschanlagen, anschreien bis man heiser ist.
    und nicht zuletzt zürich als die hochburg des smalltalks zu bezeichnen, ist wohl ein jahrhundertwitz. ich keine stadt in der leute auf öffentlichem raum bornierter und egozentrischer, zugestöpselt mit ipod und blickgeschütz mit dunklen brillen (auch bei schlechtem wetter) rumtigern, wie zürich. ich staune wirklich, dass hier überhaupt leute miteinander ins gespräch kommen…

    • Daria sagt:

      Und all das sagt eine, die sich “diva” nennt? Das ist ja schon fast schlechte Ironie.

    • Marco Giardino sagt:

      Oftmals sind es leider eben jene, die sich beschweren, welche sich genau so verhalten. Aber zurück zum Beitrag, ist leider grundsätzlich so dass viele sehr reserviert sind, auch wenn die meisten Stadtbewohner von sich das Gegenteil behaupten. Da sind mir andere Städte mittlerweile sympathischer, mit ein bisschen weniger “wir-sind-so-international-in-unserer-mega-Grossstadt”.

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