Tages-Anzeiger



Reda El Arbi am Dienstag den 24. April 2012

Kriminalität & gefühlte Sicherheit

Ist mir in Zürich nie begegnet: Der Einrecher.

 

„Ich könnte nie in der Stadt leben, die Hektik, die Preise und vor allem die Kriminalität…“, erklärte mir ein Freund aus dem Nachbarkanton neulich. Mit „Stadt“ meinte er natürlich Zürich.

Als eingefleischter Stadtzürcher empfinde ich die Hektik belebend, an die Preise hab ich mich wohl gewöhnt. Aber Kriminalität? Ich fragte nach.

„Zum Beispiel die Drogenkriminalität, die Einbrüche, Diebstahl, Gewalt! Man liest es ja dauernd in den Zeitungen!“

Ich war gelinde überrascht.

Drogenkriminalität? Irgendwie scheint mich das nichts anzugehen. Soweit ich die Drogenkriminalität verstehe, schadet sie nur den Drogenkonsumenten. Die Dealer verkaufen illegal den Stoff, die Drögeler konsumieren ihn illegal. Oder die Dealer betrügen die Süchtigen, dafür überfallen die Süchtigen die Dealer. Beschaffungskriminalität ist selten geworden, seit es Platzspitz und Letten nicht mehr gibt und es einfacher ist, Methadon vom Arzt zu holen, als ein Verbrechen zu begehen.

Einbrüche? Ich kenne ein paar Leute, bei denen eingebrochen wurde, aber die wohnen nicht in der Stadt, sondern an der Goldküste, in Dübendorf oder sonst in der Agglomeration. In der Stadt sind doch meist zu viele Leute unterwegs, als dass sich ein Einbrecher da ans Werk machen könnte. Klar kommt es vor, aber bei Weitem nicht so oft, dass man sich fürchten müsste.

Und Diebstahl? Ich lasse meinen Laptop im Cafe auf dem Tisch liegen, wenn ich aufs Klo muss, und nie klaut ihn jemand (ja, er ist neu). In der Badi frage ich meinen Tüchli-Nachbarn, ob er ein paar Minuten auf meine Sachen aufpassen kann, während ich im Wasser bin. Die Tüchli-Nachbarn in der Badi sind meist tätowiert und gepierct. Und absolut vertrauenswürdig.

Gewalt? Die findet in Zürich eigentlich an zwei Orten statt: In Beziehungsdelikten, wie in jedem Dorf der Schweiz, und vor den Clubs am Wochenende, wo sich bezeichnenderweise Jugendliche und junge Erwachsene von Ausserhalb austoben. Für meine Beziehungen bin ich selbst verantwortlich, egal wo ich lebe, und als Stadtzürcher gehe ich am Wochenende einfach nicht in diese Clubs.

Vielleicht ist es eine Sache der Perspektive. Ich hab mich weder in London noch in Berlin oder in Brüssel so sicher gefühlt wie in Zürich. Man muss wohl erst einen Blick in andere Städte werfen, um Zürichs Sicherheit zu schätzen.

Nur weil die Medien über jeden Fall berichten, heisst das noch lange nicht, dass hinter jeder Ecke Gefahr lauert.

 

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