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Partypatrioten vs Hudigäggeler

Alex Flach am Montag den 17. Juli 2017
Kann man den 1. August auch ohne kitschiges Brauchtum feiern?

Kann man den 1. August auch ohne kitschiges Brauchtum feiern?

In zwei Wochen feiert die Schweiz Geburtstag. Ein ziemlich in die Jahre gekommenes Guetzli ist sie mit ihren 726 Jahren mittlerweile. Viel anzuhaben scheint ihr die Zeit aber nicht zu können, genau so wenig wie der Helvetia: Auf dem Einfränkler sieht die mit Schild und Lanze bewehrte Dame immer noch frisch und wehrhaft aus wie eh und je: Würde sie die soldatischen Accessoires zuhause lassen, sie hätte keine Probleme an den Selekteuren der Zürcher Clubs vorbeizukommen.

Dennoch tut sich das städtische Nachtleben traditionellerweise schwer damit, den 1. August zu feiern. Auf eine politische Botschaft wird verzichtet und auch auf alles, das den Verdacht der Volkstümelei erwecken könnte. Eigentlich ist der zusätzliche freie Tag nur eine Gelegenheit das Wochenende um eine Partynacht zu erweitern: Im Club Bellevue heisst die Party am 31. Juli Martin Buttrich (ein Verweis auf den Headliner, der da spielt), im Exil ist der unverwüstliche Nik Bärtsch zugange, Friedas Büxe bleibt geschlossen, im Mascotte findet eine reguläre Cool Monday statt und im Hive ein Bisschen Schweizfeiern unter dem Namen Nationale Feierei.

Wer sich den nationalstolzgeschwellten Bauch trotzdem mit einem ordentlichen Stück Geburtstagskuchen in Rot und Weiss füllen möchte, der kann sich an Extellent halten. Seit 2006 stellen die Macher des Partylabels alljährlich am Vorabend des 1. August eine Nationalfeier für Clubber auf die Beine. Dieses Jahr abermals mit einem Strassenfest beim und einer Feier im Plaza, samt Konzerten und DJ-Sets. Dabei wird nicht an Folklore gespart, auch nicht bei den Plakaten, die derzeit in den Trams hängen: Fahnenschwinger, Trachten und Alpenromantik.

Auch das offizielle Zürcher Bundesfeierkomitee, das in diesem Jahr eng mit Extellent kooperiert, spart nicht an Reminiszenzen an die Schweiz von Heidi und Knecht Ueli: Nebst der Rede von Stadtpräsidentin Corine Mauch ist das «Fest mit volkstümlichen Darbietungen» beim Pavillon in der Stadthausanlage und mit der Moderatorin Monika Fasnacht das Highlight, inklusive des Alphorntrios Bärgfridä, der Fahnenschwinger Kerns, der Jodlergruppe Schlierätal und des Ländlertrios Echo vom Hittlidach.

An dieser Stelle ein paar rhetorische Fragen: Was zum Alpöhi haben die Stadtzürcherin und der Stadtzürcher mit dem Programm der offiziellen Zürcher Bundesfeier 2017 am Sennenhut? Wann hört man hier unter dem Jahr mal einen Jodler oder sieht einen Trachtenträger eine Fahne schwingen? Warum wird an der offiziellen 1. August-Feier in der Stadt Zürich die Schweiz der Land- und nicht der Stadtbevölkerung gewürdigt (wobei auch etlichen auf dem Land wohnenden Schweizern bei so viel Haudrauf-Folklore etwas kötzlig werden dürfte)? Und: Gibt es wirklich nichts kulturell Passendes wofür man die Schweiz hochleben lassen könnte, etwas das nichts mit volksdümmlichem Judihui zu tun hat?

Ich denke, ich streck an dem Tag die Füsse in den Zürisee und lass Monika Fasnacht Fasnacht sein. Und freue mich darüber, dass Techno jetzt Zürcher UNESCO-Kulturerbe ist.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

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17 Kommentare zu “Partypatrioten vs Hudigäggeler”

  1. KMS a PR sagt:

    lieber ali. brauchtum ist nicht kitschig. ich stelle auch positiverweise fest, dass die jugend zunehmend wieder zur tradition zurückkehrt. und bei der musik bevorzuge ich einen lüpfigen hudigäggeler statt eines tumben bumm-bumm oder “fanta-girl-geplärre.”

    • Alex Flach sagt:

      Echt jetzt? 🙂 Und auch wenn: Es gibt schon auch Schweizer Musik komponiert und produziert von Schweizern die nichts mit Jodeln zu tun hat.

      • KMS a PR sagt:

        das stimmt. aber die ganzen “bärndüütsche liedli” gehen mir mehrheitlich auch auf den sack. ausnahme – “züri west” und “stiller has.” wirklich professionelle ch-musik im pop-genre ist aber mangelware. (exkl. rock). einzig positives beispiel ist hier “pegasus.” die könnte man am 1.8. auflegen – aber auch erst am späteren abend wenn alle schon voll sind. 🙂

        • KMS a PR sagt:

          ou. ich vergass “bligg” – aber der singt ja auch in einem vernünftigen dialekt.

          • Alex Flach sagt:

            Ich dachte eigentlich eher an Protagonisten wie Dachs, Jimi Jules, Kalabrese, Trinidad, Adriatique, Sophie Hunger, Nik Bärtsch, Jojo Mayer und Bonaparte.

          • KMS a PR sagt:

            …bitte was? kenne keinen einzigen der aufzählung. was machen die denn – so house-zeug? gott bin ich alt…

      • Alex Flach sagt:

        Querfeldein… Jojo Mayer ist auch einer der bedeutendsten Schlagzeuger der Gegenwart, Nik Bärtsch auch im klassischen Bereich zuhause, Dachs machen nichts Elektronisches und wer Sophie Hunger nicht kennt, ist in diesem Land ziemlich alleine, ja. 🙂 https://de.wikipedia.org/wiki/Sophie_Hunger

        • KMS a PR sagt:

          o.k. zur klarstellung. zu meiner zeit war (dominik) dachs noch eine legendäre figur aus der augsburger puppenkiste. und sophie hunger – sorry – never heard. ich glaube, nach céline dion gab es keine schweizer schlagergrösse mehr. und seit irrwisch auch keine vernünftige pop-rock-gruppe mehr. weil krokus ist weder “richtig” schweizerisch noch “richtig” gut. so. und nun verabschiede ich mich nach dem motto “pizza! spaghetti! e nella martinetti!”

  2. Müller sagt:

    an einem 1. August-Fest sollten alle Menschen willkommen sein, im Club-Hive ist dies schon seit Jahren nicht der Fall.

    • Alex Flach sagt:

      Der Unterschied ist, dass das Hive ein Club in privater Hand und damit nicht verpflichtet ist alle willkomnen zu heissen, derweil der 1. August allen Schweizern gehört. Wer aber nicht auf Hudigääggeler steht, der dürfte sich an der offiziellen Bundesfeier beim Bürkliplatz ziemlich ausgeschlossen und nicht willkommen fühlen.

      • Müller sagt:

        Hätte ich jetzt praktisch fast wetten können, dass das “gebetsartige” – wir sind privat und wir können reinlassen, wenn wir wollen kommt.

        • Alex Flach sagt:

          Klar. Was soll man auch anderes antworten? Ist halt einfach so.

          • Müller sagt:

            dann lass doch auch jenen, denen das Programm auf dem Bürkliplatz gefällt ihren Raum und alle, die einen Kontrast wollen, können immer noch auf die Bäckeranlage ans äms Fest gehen. Aber vermutlich muss es wohl für dich an einem 1. August so ähnlich wie an der letzten Rakete Party am See sein wo der Eintritt weiss ich nicht wie viele Franken kostet, Getränke und Lunchs einem weggenommen werden und in den Abfall geschmissen werden und so weiter und so fort ..

          • Alex sagt:

            …und trotzdem warst du da (Rakete) und hast für die Party Eintritt bezahlt sonst wüsstest du das ja nicht sondern nur vom Hörensagen und damit unbestätigt. 🙂 ein bisschen schizophren, nicht? Partys von Leuten besuchen die man nicht mag… der Nationalfeiertag gehört allen Schweizern. Ist so, würkli. Nicht nur denen die Volksmusik hören. Das auf dem Bürkliplatz ist aber nur für Leute die Hudigäggeler mögen, also nur für einen Teil der Bevölkerung. Und wenn ein Volksfest fürs ganze Volk sein sollte, dann ja wohl der 1. August. Agree?

          • Müller sagt:

            Dass ich die Leute nicht mag, sagte ich nie. Ich finde die Entwicklung einfach schade: Früher vor sehr vielen Jahren war das Hive um Gäste nahezu dankbar, heute leider zu einer Art Uper-Class der Club-Landschaft geworden, schade, denn Techno war mal ohne Kastendenken und sehr offen ausgerichtet, aber klar, die Zeiten ändern sich. Nun, es gibt sicherlich viele, denen das traditionelle 1. August-Fest gefällt. Und vielleicht wäre es doch mal, wenn die sicherlich sehr offenen Hive-Besuchenden mal eine neue Erfahrung machen und entdecken, was – du nennst es Hudigäggeler) hinter Alphornblasen, Jodeln und Marschmusik steht. Schlimm mal was musikalisches Neues auszuprobieren?

  3. Christian Weber sagt:

    “Dennoch tut sich das städtische Nachtleben traditionellerweise schwer damit, den 1. August zu feiern.”

    Angesichts der “Kreativität” an anderen Feiertagen (Hivenachten, Silwestern…) bin ich nur mässig darüber betrübt, dass es kein Rütlischwuhrwerk mit passendem Dresscode gibt.

    • Alex Flach sagt:

      …stimmt schon; die Clubmacher-Kreativität hört an offiziellen Feiertagen sehr oft schon beim Partynamen auf.

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