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Der Lüstling 2. Teil

Réda El Arbi am Samstag den 15. Juli 2017
Genau so fühlte ich mich nie in der Badi.

Genau so fühlte ich mich nie in der Badi.

«Männer sind Schweine», musste ich mir nach dem letzten Post über den Badi-Besuch als Mann vorhalten lassen. Männer würden glotzen, sabbern und sich unangemessen benehmen, wenn sie Frauen in Bikinis sähen. Ich ging daraufhin tief in mich und erinnerte mich, wie der erste Badi-Besuch der Saison war, als ich noch nicht verheiratet und noch stärker hormongesteuert war. Hier ein Gedächtnisprotokoll:

Cool die Arme schlenkern. COOL schlenkern, nicht schwingen wie ein Gorilla! Dann bemerkt niemand, dass die Beine noch viel weisser sind. Ich hätte trainieren sollen. In diesen weiten Shorts sehen meine Beine aus wie Storchenstelzen. Himmel! NICHT auf die eigenen Beine starren. Cool schlendern, den Blick selbstsicher auf den Horizont gerichtet.

Hm, wo setz ich mich hin? Shit, ich hätte nicht das Snoopy-Badetuch mitnehmen sollen. Daniela meinte, es sei «süss». Um Himmels willen! Wie konnte ich nur? Ich will nicht «süss» rüberkommen. Männlich, ja. Stark. Suverän (oder wie das heisst).

Da ist noch Platz. Und da drüben sitzen drei Frauen in meinem Alter. Ha! Beute! Chrchrchr. Nah genug, um zu flirten, und weit genug weg, dass sie mein Badetuch nicht wirklich sehen können. So.

T-Shirt ausziehen. Ou, keine hat geschaut. Hm. Ich kann ja noch etwas posen, so als würde ich nachdenken. Ernst in die Weite blicken, als hätte ich gerade schwere, wichtige Gedanken.

Buch auspacken. Kafka. Da können alle gleich sehen, dass ich auf innere Werte stehe. Intellekt ist sexy! Hm, die sitzen zu weit weg, um den Buchtitel lesen zu können. Ich hätte Sartre mitnehmen sollen. Da erkennt man den Umschlag schon aus 50 Metern.

Erst mal Kaffee und Aschenbecher holen. Der Weg zum Kiosk ist ein Laufsteg und ich bin der Grösste. Hm, die beiden Typen da links sind grösser. Und stärker gebräunt. Und haben mehr Muskeln. Sch****, die sehen einfach besser aus und wirken entspannter. Keine Chance. Ahhh. Sie küssen sich. Gut. Keine Konkurrenz.

Nehm ich jetzt einen leckeren Latte oder wirkt das zu feminin? Seufz. Dann halt einen doppelten Espresso, schwarz, ohne Zucker. Wäk. Aber DAS ist männlich. Glaub ich.

Ui, da hat sich jemand in meine Nähe gesetzt. Eine Frau. Eine FRAU! Jesses Gott. Wie setz ich mich elegant hin mit heissem Kafi und dem Aschenbecher in den Händen? Tief durchatmen. TIEF durchatmen.

Hm, die ist hübsch. Sehr hübsch sogar. Nicht hinstarren. Sonst denkt sie, du hättest es nötig oder seist so ein Lüstling. Aber sie ist hübsch. Süsse Nackenlinie mit diesen kleinen, gekringelten Löckchen hinter dem Ohr. Sie schaut! Nicht auf ihren Hals starren! Nain! Auch nicht auf ihre Brüste. In den Himmel, in den Himmel!

Ich war glaubs kurz bewusstlos. Sie hat mir in die Augen geschaut und gelächelt. Und der elektrische Schlag, den das in meinem Gehirn ausgelöst hat, liess mein Gesicht sicher so geistreich wirken wie nach einem Gehirnaneurisma. Aber sie ist immer noch da. Immerhin. Und sie lächelt in meine Richtung.

Sie flirtet mit mir. Oh Gott, was mach ich jetzt? OhGottOhGottOhGott! Zigarette. Sofort. Jetzt zurücklächeln. Sie schaut nicht weg! Sie räkelt sich.

Hallo Erektion. Wo warst du vor drei Wochen, als ich dich da nach dieser Party so dringend benötigt hätte? Jetzt will dich niemand hier. Ehrlich. Geh weg. Schnellstens auf den Bauch legen. Zum Glück hab ich mich gegen die engen Speedo entschieden.

Sie steht auf und kommt in meiner Richtung. Ich muss meine Panik niederringen. Tief atmen.

«Hast du Feuer?»

Sie steht da, als Schattenriss gegen den hellen Himmel. Ich kann ihr kaum ins Gesicht sehen, da ich mich aus blutverteilungstechnischen Gründen nicht auf den Rücken legen kann.

«Klar. Schön, dass du rauchst …»

Himmel, gehts noch? ‘Schön, dass du rauchst’? Hab ich nichts Debileres gefunden?

«Was?»

«Öh, ich dachte nur, dass kaum jemand mehr raucht. Man unterstellt Rauchern immer gleich Todessehnsucht. Haha. Nein, ich bin nicht suizidal, nur weil ich eine Zigarette rauche. Haha. Du bist sicher auch nicht suizidal. Haha. Nicht dass ich sagen wollte, du würdest irgendwie suizidal wirken. Haha.»

«Äh. Danke. Tschüss.»

Wär ich im Ehrenkodex der Samurai erzogen, ich würde mich jetzt ohne ein Zögern ins Schwert stürzen. Wenigstens ist die Erektion weg, da meine Schamesröte alles Blut im Gesicht benötigt.

Sie sitzt wieder an ihrem Platz, meidet meinen Blick und räkelt sich auch nicht mehr. Ich muss jetzt stark sein. Ich darf jetzt nicht weinen. Meine Flirt-Künste sind erbärmlich. Ich bin erbärmlich.

Hätte ich die richtigen Worte gefunden, würden wir jetzt beisammensitzen und locker plaudern. Ich würde mit meinem Wissen brillieren. Sie würde mich bewundern. Ich würde sie zum Lachen bringen. Und vielleicht würde sie mich irgendwann küssen. Und dann wären wir glücklich. Und wir würden irgendwann heiraten. Und wir hätten ein kleines Häuschen und Freunde. Viele Freunde.

So bleibt mir nur, die spärlichen Reste meiner Selbstachtung und mein Snoopy-Tuch zu packen, auf dem Weg nach Hause am Kiosk noch ein Heft mit Sylvia Saint zu kaufen und daheim die Rolläden zu schliessen, um mich dann meiner Depression hinzugeben.

Ja, liebe Leser. So war das damals. So fühlt es sich an, als Single-Mann allein in die Badi zu gehen.

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16 Kommentare zu “Der Lüstling 2. Teil”

  1. pat sagt:

    Die heteronormative Gesellschaft versucht jeden öffentlichen Bereich zum Jagdgebiet für single hetero Männer und gleichzeitig zum familienfreundlichen Kinderparadies zu machen. Dazu wird noch zur Hexenjagt auf “Lüstlinge in der Badi” und “Pedos auf dem Kinderspielplatz” etc. aufgerufen. Wer hat eigentlich gesagt, dass wir uns immer den am lautesten Schreienden anpassen müssen?
    Ich gehe in die Badi um zu baden und in den Club um zu tanzen. Im Gegensatz zu meinen hetero Freunden, kann ich mir nicht anmassen, dass jeder Ort nach meinen persönlichen Bedürfnissen gestaltet wurde. Das Fehlen dieses Anspruchs ist wohl auch der Grund warum es keine “Safe Szones” für heteros braucht;)

    • Toerpe Zwerg sagt:

      … oder wenn der junge homosexuelle phil I-er auf Welt blickt und feststellt, dass sich die Heterosexuellen nicht um ihre sexuelle Orientierung scheren, sondern schlicht ihre Triebe ausleben und den Öffentlichen Raum gestalten.

      Erst wenn die Homosexuellen und wie auch immer sexuellen ihre sexuelle Orientierung nicht mehr als Zentrum ihrer Identität sehen, kann Entspannung eintreten. Nicht nur die sogenannt heteronormative Gesellschaft ist gefordert, sondern auch die Homosexuellen selber sind gefordert.

      Safe Zoning ist m.E. ein Irrweg, weil statt Normalisierung Fokussierung geschieht.

  2. loulou55 sagt:

    Habe jetzt grad den Lüstling 1 nachgelesen.
    Schön wenn man mal wieder herzhaft lachen kann.
    Reda kann ich nur sagen, du bist ein Zuspätgeborener. Meine Jahrgänge hatten es da besser.
    Ab ca. Mitte 1970er Jahre, ja die Zeit der sexuellen Revolution und so, fingen vom Teenagern bis zur gestandenen Mutter, ein Grossteil der Frauen an, das Oberteil in der Badi wegzulassen.
    Das war eine Zeit, wo sich niemand über das “Hinschauen” aufgeregt hat. Oder glaubt jemand im Ernst, Frau zeigt, voll aufgeklärt wie sie neuestens ist, ihren Busen und kein Schwein ( wie passend) schaut hin? Dann wäre die ganze Übung ja für die Katz’ gewesen.
    Die 70er waren ne gute Zeit, ein aufgewachsener Albisrieder.

  3. geezer sagt:

    tja, das waren noch zeiten als das Meieli und die Gabi von der klasse plötzlich in der badi so interessante rundungen zeigten. da musste mann definitiv die speedos im schrank lassen, die weiten (neon)badehosen montieren und zur ‘abkühlung’ gleich ins kalte wasser springen. die hormonjahre können ganz schwierig sein in der badi. ich kann da mit dem autor sehr gut mitfühlen…..:-)

  4. KMS a PR sagt:

    man muss in den badi’s getrennte zonen schaffen. eine rund um den urinverseuchten kinder-pool für die mamis, eine für die feministinnen und lesben, eine für die schwulen und eine kleine gemischte für heteros beider geschlechter ohne merkwürdige vorurteile und berührungsängste.

  5. oli sagt:

    Wie anstrengend!!! In der Badi will ich doch einfach relaxen.
    O.k. ich gehe sowieso nur noch in die Männerbadi, zwischen all den jüdischen Jungs kann man seinen Waschbärbauch einfach hängen lassen und niemand glotzt.

  6. Isa sagt:

    Ist ja wirklich witzig 🙂 . Habe danach auch den 1. Teil gelesen, ist auch super. Es ist gar nicht so schlecht, mal so etwas aus Männersicht zu lesen. Habe mich in den Reaktionen der Damen wiedererkannt… Sind wir wirklich so misstrauisch geworden? Freue mich auf meinen nächsten Badibesuch… Vielen Dank!!

  7. marsel sagt:

    Ich war noch schlimmer dran: Als Nichtraucher kamen sie noch nicht mal um Feuer bitten. Hab dann aufgehört, baden zu gehen und mich darauf konzentriert, die richtigen Parties zu besuchen. Das lief deutlich besser – mal ehrlich, wo lernt man eigentlich ohne Alkohol Frauen kennen?
    Heute bin ich verheiratet – und gehe wieder baden, ganz entspannt und lässig (und nüchtern). Und manchmal nehme ich sogar Frau und Kinder mit.

  8. Dani sagt:

    Echt jetzt? Du hast den Mädchen zuerst auf den Kopf und dann auf die Brüste gucken können? Ich bin ja echt angeschissen wenn mam Po-fixiert ist. Aber an dem Text sieht man, dass das wirklich schon lange her ist und du uralt bist. Heute würde sich keine Frau mehr getrauen mit einem Mann zu flirten oder sie würden sich wie du anstellen und nur Stuss reden. :o) Wenigstens konnte damals niemand ein Bild machen von deinen weissen Stelzen, somit war deine Jugend doch nicht so schlecht.

  9. tststs sagt:

    Und jetzt stellen Sie sich das ganze Dilemma mit Cellulite vor… zugegebenermassen ist das Erektionsproblem nicht vorhanden, dafür lassen sich Dellen mit lässiger Bauchlage auch nicht kaschieren 😉

    Have a nice sunday!

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