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Die Apfelrevolution

Miklós Gimes am Mittwoch den 12. Juli 2017

Ich hab Ökonomie studiert – die Fakultät an der Uni Zürich war noch nicht welt­berühmt wie heute –, weil ich dachte, dass man etwas lernt über das Leben. Man durchschaut, was läuft. Warum sinkt plötzlich der Erdölpreis? Warum muss sich Griechenland totsparen? Die Ökonomen sind wie die Automechaniker der Welt, drehen an den Schrauben, tunen den Motor – doch wer je ratlos in einer Autogarage stand und auf das Orakel des Mannes im Overall gewartet hat, der weiss, dass Mecha­niker auch nur mit Wasser kochen.

In einem Interview mit Daniel Humm, dem besten Koch der Welt, stand, warum anständiges Essen es so schwer hat gegen Fast Food: «Weil ein Burger und eine Cola 99 Cents kosten», erklärte Humm, «ein Burger und eine Cola sind billiger als ein Apfel.» Ein Ökonom würde nun sagen, man müsse die Äpfel subventionieren. Bis sie so günstig sind, dass die Leute umstellen und sich von Äpfeln ernähren.

Doch was in der Realität geschieht, ist eher das Gegenteil. Die Äpfel werden nicht billiger, sie werden teurer. Nicht nur die Äpfel. Kirschen oder Aprikosen kosten bald so viel wie Heroin. In Wollishofen gibt es einen Bauernhof, er gehört der Stadt, auf halbem Weg zwischen dem See und der Endstation des Siebners. Kein Streichelzoo für Stadtkinder, ein richtiger Bauernbetrieb. Im Hofladen holt man Eier und Most, und wenn ich auf den Putz hauen will, kauf ich ein paar Äpfel. Die sind nicht billig, doch wenn man einen Bissen genommen hat, ist man in einer anderen Welt. So wollte Gott, dass Äpfel schmecken.

Dann fragt man sich: Wie geht das? Was ist das Geheimnis, dass die Äpfel nicht bloss rot und rund und knackig sind, sondern wahnsinnig gut? Mit einem feinen süss-säuerlichen Abgang? Und wenn es der Lieferant des Hof­ladens schafft, warum schaffen es die Lieferanten des Supermarkts nicht? Die Äpfel dort sind nicht schlecht, aber etwas fehlt, und trotzdem, alle kaufen sie. Dann kommt man sich vor wie im Film «The Invasion of the Body Snatchers», wo die Kohlköpfe von Aliens befallen sind und niemand protestiert, nur in einem Laden in Wollishofen, gibts noch die echten.

Offenbar ist es einfach, eine Cola ­herzustellen, einen Burger tiefzugefrieren und wieder aufzutauen, aber einen Baum dazu zu bringen, dass er diese tollen Äpfel abwirft, wie macht man das? Da arbeitet man mit der Natur, man kennt die Bäume, so, wie der Bauer seine Kühe kennt. Ich weiss nicht, warum mich so ein Apfel be­geistert. Ist es das Gefühl, einen Geschmack aus der Jugend wieder gefunden zu haben? Es muss seither Generationen geben, die gar nicht wissen können, wie ein Apfel schmeckt. Oder die sich unter einem guten Apfel etwas anderes vorstellen.

Gleichzeitig habe ich noch nie eine Jugend erlebt, die sich so gründlich mit Essen beschäftigt. Die so viel weiss über die chemischen Prozesse in einer Bratpfanne, über Rezepte für Brot. Die anpflanzt auf dem Balkon, hinausgeht in den Schrebergarten. Wer weiss, vielleicht hat die Apfelrevolution erst angefangen, vielleicht hat sich schon einer auf die Suche gemacht nach dem idealen Apfel, den es noch gar nicht gibt. Den man noch züchten muss. Der hat keinen Preis, der ist unbezahlbar.

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