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Für grosse Buben

Miklós Gimes am Mittwoch den 14. Juni 2017

Gestern war ich zum ersten Mal in meinem Leben im Fifa-Museum. Es war heiss draussen. Aber nicht so heiss wie in Katar, wo in fünf Jahren die WM stattfinden soll. Und vor allem: Drinnen hat man von der Hitze nichts gespürt.

Jahrelang hatte ich beobachtet, wie das Geschäftshaus gegenüber dem Bahnhof Enge ausgehöhlt wurde und das Museum Konturen gewann. Von aussen sah es glatt und gesichtslos aus wie ein Shoppingcenter, aber erste Besucher äusserten sich wohlwollend. Bald nach der Eröffnung kamen die Probleme; es gab Entlassungen, der Betrieb sei zu teuer, hiess es. Eine Zeit lang ging sogar das Gerücht, die Fifa wolle ihr Museum schliessen, trotz der rund 130 000 Besucher pro Jahr.

Seit zwei Wochen weiss man: Die Fifa will weitermachen, das Museum soll sich weiterentwickeln und zu einem kulturellen Treffpunkt werden, einem Zentrum für Fussballforschung. «Kultur und Sport gehören zu den Grundwerten der heutigen Gesellschaft», sagte der stellvertretende Fifa-Generalsekretär Zvonimir Boban, der für die AC Milan gespielt hat.

Dann kam die Katarkrise. Und in Zürich erinnerte man sich plötzlich an die Rezession von 2008, als der kleine Wüstenstaat der Credit Suisse das Leben gerettet hat. Zum ersten Mal erfuhr ich davon, dass Katar und die Credit Suisse seit 2012 einen gemeinsamen Investmentfonds betreiben. Der Fonds heisst Aventicum Capital Management.

Mir blieb der Toast im Hals stecken. Die Credit Suisse, der Sponsor des Schweizer Fussballs und Katar, wo die Hitze-WM geplant ist, betreiben einen gemeinsamen Investmentfonds. Was soll nun der kleine Mann denken? Ich versuchte mir vorzustellen, wie im Flugzeug die Zürcher Banker die Financial Times lesen, wo die Vorwürfe von Amnesty International drinstehen, dass in Katar auf den Baustellen die Arbeiter sterben, dass Gewerkschaften verboten sind und den Migranten die Pässe abgenommen werden. Wie sie dann mit den Scheichs über Geld reden und mit den Leuten der Fifa über die Zukunft des Weltfussballs. Das ist alles ziemlich kompliziert.

Ja, wäre nicht schlecht, so ein Ort, wo man diese Sachen diskutieren könnte, die Verstrickung von Geld, Fussball, Fifa und den Banken. Mit solchen Gedanken ging ich durch die Glastür ins Museum, zahlte 24 Franken Eintritt, es gibt kein teureres Museum in der Stadt. Hinter mir kam ein deutsches Rentnerpaar, der Mann fotografierte jeden Schaukasten, während sich die Frau langweilte.

Ich liess mich fallen in die multimediale Show. Wie ein Kind. Musik, bewegte Bilder, Fundstücke aus hundert Jahren Fussball. Man sah die Plakate der Weltmeisterschaften, die Stadien, die Handshakes der Captains, man sah, wie Zidane einköpfelte, wie Cruyff dirigierte, wie Maradona weinte. Wie Mussolini 1934 die WM beeinflussen wollte, sah man nicht. Auch nicht, wie 1978 die Generäle das Land terrorisierten, als Argentinien nach dem WM-­Titel im Delirium versank. «Stell dich mal schnell vor Beckenbauer», sagte der Rentner zu seiner Frau. Fussball ist eine Sache von grossen Buben.

Am Ende des Weltmeisterschafts­pfades sah man zwei leere Bildschirme: WM 2018 in Russland. Und WM 2022 in Katar. Sonst: kein Wort.

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