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Das Wunder von Zürich

Miklós Gimes am Mittwoch den 10. Mai 2017

Vorgestern wollte ich die Lampe im Badezimmer ersetzen. Gar nicht so einfach. Am besten macht man eine Fotografie mit dem Handy, bevor man in den Laden geht, damit der Leuchtkörper wirklich auf den Sockel passt. Dazu kommt, dass man Elektrogeschäfte erst noch finden muss. Der Lampenladen an der Kalkbreite ist von April bis September am Montag geschlossen. Ausgerechnet. Und Göbel am Stauffacher hatte gleich bis Mittwoch dichtgemacht.

Auf dem Heimweg machte ich mir wilde Theorien über den Niedergang der urbanen Versorgung mit Gütern des Alltags. Die klassischen Öffnungszeiten sind für die Sorte Geschäfte offenbar nicht mehr finanzierbar. Die Leute bestellen alles im Internet, dachte ich. Und dann die Gentrifizierung! Hohe Mieten, teures Personal. Das kann sich ein Elektrogeschäft nicht leisten.

Am letzten Samstag standen wir beim Stauffacher vor dem verschlossenen Blumenladen. Es regnete. Wir drückten uns die Nase platt, eine Familie, zwei Typen um die vierzig und ich. Von den Kirchtürmen hatte es vier Uhr geschlagen. Durch die Glastür sah man, wie im Laden Blumen und Töpfe weggepackt wurden, die ganze Pracht, die Jüngste der Verkäuferinnen hatte noch den Schlüsselbund in der Hand. Einer der Männer klopfte. Die Blumenfrau machte einen Spalt weit auf. «Können wir noch schnell hereinkommen?», fragte er. «Wir haben zu», antwortete die junge Frau. «Tut mir leid.» – «Kommen Sie», sagte der Mann, «wegen zwei Minuten.» Er lächelte: «Wir kaufen einen grossen Bund.» – «Geschlossen», wiederholte die junge Frau. «Wir sind von morgens neun Uhr bis Nachmittag um vier für Sie da», sagte eine ältere Verkäuferin und sperrte ab. Die beiden Männer waren freundlich geblieben. «Das ist Zürich», sagte der eine, «kein Lächeln, kein freundliches Wort.»

Es ist immer dasselbe, dachte ich. Jedes Mal hofft man, dass es passiert, das Unverhoffte, Unerwartete, etwas, das ein wenig ausserhalb des Rahmens liegt. Dass der Busfahrer nicht abfährt, wenn man zur Haltestelle spurtet, dass er mal etwas anderes sagt, als dass er den Fahrplan einhalten müsse.

Wir seien eine Dienstleistungsgesellschaft, heisst es. Aber je mehr wir unser Geld mit Dienstleistungen verdienen, desto weniger sind wir mit dem Herzen dabei, scheint mir. Professionalisierung nennt man diese Entwicklung. Klar muss der Busfahrer den Fahrplan einhalten. Klar muss der Blumenladen um vier Uhr schliessen, und ab zehn Uhr gibt es keine warme Küche mehr im Restaurant. Aber irgendwo in uns drin ist doch eine irrationale Hoffnung, dass ein Wunder geschieht. Dass sich ein Loch auftut in der Wand. Dass der Koch sagt, ach was, für Sie brate ich noch ein Steak.

Was bleibt uns an Erinnerungen von unseren Reisen? Genau diese Momente. Wenn in der Strandbeiz, die in der Vorsaison noch zu ist, die Nonna zu kochen beginnt, und im Hotel plötzlich doch ein Zimmer frei ist, und der Polizist die Busse erlässt. Das sind die Erlebnisse, die wir unseren Kindern weitererzählen – und wem in unserer Stadt so etwas passiert, der kommt wieder, weil: Das Wunder von Zürich ist stärker als jede Gentrifizierung.

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13 Kommentare zu “Das Wunder von Zürich”

  1. loulou55 sagt:

    “Am letzten Samstag standen wir beim Stauffacher vor dem verschlossenen Blumenladen. Es regnete. Wir drückten uns die Nase platt, eine Familie, zwei Typen um die vierzig und ich. Von den Kirchtürmen hatte es vier Uhr geschlagen.”
    Darf ich dann ganz schüchtern eine Frage anbringen:
    Was haben sie, eine Familie und zwei Typen um die vierzig in der Zeit von sagen wir Sonnenaufgang bis um vier Uhr nachmittags gemacht?
    Der Blumenkauf schien bei allen auf der Prioritätenliste nicht zuoberst gestanden zu haben. Auch daran liesse sich arbeiten, wie ich meine.

    • loulou55 sagt:

      Bleibt noch anzufügen, beim ÖV hingegen kann 3 Min. Verspätung bedeuten, dass man den Anschluss verpasst, weshalb man gerne auf sekundengenauer Einhaltung des Fahrplans pocht.

  2. Sandra Koller sagt:

    Ging mir früher auch so – Reisebürobranche. Offen bis 18:30. Ja, wir brauchten wirklich die Kunden aber, viele kamen dann zwei Minuten vorher und es wurde so regelmässig später. Dann habe ich meinem Chef vorgeschlagen: Offen bis 18:00. Wie gehabt aber nun konnten wir doch gegen 18:30 schliessen.

  3. tststs sagt:

    Ich muss mich einigen meiner Vorkommentierer anschliessen:
    Auf verspäteten Zugang darf man hoffen, aber sicher nicht voraussetzen – auch nicht gegen ein Lächeln.

    Ausserdem möchte ich darauf hinweisen, dass das nochmalige Öffnen der Türe und nennen der Öffnungszeiten eigentlich schon verdankt werden sollen. Im Normalfall nämlich gibts von der Verkäuferin/dem Chauffeur/dem Dienstleister hinter dem geschlossenen Schalter nur eines, und dies zurecht: ein Kopfschütteln!

  4. M. Berlinger sagt:

    Für mich hat das Ganze zwei Seiten.
    1: Als Dienstleister komme ich meinen Kunden gerne etwas entgegen, bleibe freundlich, auch wenn das eine oder andere Gegenüber keine Kinderstube erkennen lässt.
    2: Interessant ist, dass ausgerechnet jene Kunden, die regelmässig zu spät zu einem Termin erscheinen oft am Fordernsten auftreten und nicht selten finde ich diese Namen dann auch auf der Mahnliste, weil sie sich mit der Zahlung der Rechnung gehörig Zeit lassen.
    Nichtsdestotrotz: Die meisten meiner Kunden sind sehr korrekt und freundlich. Sie schätzen meine Arbeit und ich versuche, ihnen die bestmögliche Dienstleistung zu bieten. Da fallen die paar Ausrutscher nicht wirklich ins Gewicht.

  5. Hannes Wanner sagt:

    Genau,am Samstag von 8 bis 16 Uhr im Blumenladen stehen und sie erwarten ein Lächeln weil sie es nicht vor vier dahin schaffen? Nein,solche Kunden braucht man nicht. Übrigens,um 16 Uhr ist zu,aufgeräumt und geputzt aber ist noch nicht.

    • Kur Kellerhals sagt:

      Genau: Der Kunde hat gefälligst für das Geschäft dazusein, ja nicht umgekehrt. Ihre Replik verrät: Sie verstehen nichts von Passion, Herzblut, Kundendienst und Glück. Auch das Lächeln kommt Ihnen nur während der Öffnungszeiten auf die Lippen – einstudiert halt.

      • Hannes Wanner sagt:

        Ein Job für 4000.-/Mt mit obligater Samstagsarbeit,Herr Kellerhals,sie können ihre Passion behalten, den sie dient ja nur ihnen.

        • Kurt Kellerhals sagt:

          Ich bleibe dabei: So ists eben in Zürich. 8000 Franken müssens schon sein und dann bitte nur von Mo bis Fr und dann auch bitte nur von 8 – 17. Wehe, man fehlt in der happy hour, und für die Clubs sollte man sich ja auch noch herrichten… Ihre Antwort impliziert, dass Glück vom Geld abhängt. Halb so schlimm, wenn der Job nicht befriedigt – man lebt ja fürs Danach. Arbeiten Sie mal in Ungarn oder in der Slowakei. Dort gehts interessanterweise besser mit der Herzlichkeit – und mit dem Glück…

          • Hannes Wanner sagt:

            Meine Antwort impliziert einzig dass sie um 16 Uhr ihren Blumenstrauss am HB (oder in Ungarn) holen können.

        • Kurt Kellerhals sagt:

          Und noch was: Es hat viel mit der Berufswahl zu tun. Wer sich für eine Lehre als Floristin entscheidet, muss sich im Klaren sein, was das heisst. Ist wie bei den Köchen: Kaum aus der Lehre motzen sie über Arbeitszeiten bis 22 Uhr. Warum nur haben die Motzenden sich für diesen Beruf entschieden?

  6. Marie-Françoise Eigner sagt:

    Voir einigen Jahren, ich hatte voller Enthusiasmus in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit meinen Blumenladen im Zürcher Kreis 6 eröffnet, da dachte ich noch wie Sie und hätte über rigide eingehaltene Öffnungszeiten und konsequente Verkäuferinnen auch die Achseln gezuckt. Und heute, weiss ich es besser. Wir stehen nie lange genug im Laden, wir erlauben uns freie Tage oder gar Ferien. Was wenn jeden Tag ein Kunde nach Ladenschluss einkaufen will und besonders dann mit einem Lächeln? Und der grosse Bund entpuppt sich nach seelenruhigem Umsehen dann als drei Tülpchen, denn “Froiläin” weniger ist schliesslich mehr! Die Blumen sind meine Leidenschaft nach wie vor. Im Zürcher Kreis 6…

  7. geezer sagt:

    treffend beschrieben. das sind genau die art erlebnisse, welche auf die (sonst sehr hohe) lebensqualität in dieser stadt drücken. ich war soeben wieder mal eine woche im heimatland meiner frau (dänemark). dort ist es genau umgekehrt: offene, nette und flexible menschen. ein ‘ja klar, machen wir’ ist dort noch selbstverständlich. bei uns ist das pedantische und pingelige auf dem vormarsch. für mich bedeutet das gesellschaftlicher rückschritt.

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