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Lindor for Jesus

Miklós Gimes am Mittwoch den 19. April 2017

Ostern feierten wir in Südfrankreich. Der Himmel war blau, die Oster­nester versteckten wir unter Lavendelstauden und Rosmaringestrüpp, in der Ferne rauschte das Meer. Dann rannten die Kinder los. Bald hörten wir, wie sie ihre Fund­stücke verglichen. Sie zählten ihre Schoggieier, bald schrien sie sich an. Es hörte nicht mehr auf.

«Habt ihr nichts Besseres zu tun?», schnauzte ich sie an. Ich bin nicht 800  Kilometer zum Licht des Südens gefahren, damit sie sich wegen ein paar Lindor-Kugeln die Köpfe einschlagen. «Immer dieses Schielen auf die anderen. Ihr macht unsere Ostern kaputt.» Meine Frau schaute mich an. «Hey», sagte ihr Blick, «beruhige dich.»

«Ohne Gerechtigkeit können wir nicht leben», meinte eine Mutter, die ebenfalls mit uns feierte. «Gerechtigkeit ist ein Grund, warum die Menschen Gott erschaffen haben.» Die Frau hat Theologie studiert, sie weiss, wovon sie spricht. «Die Menschen brauchten einen Gott, der sie über die Unge­rechtigkeit der Welt hinwegtröstet», sagte sie.

Lindor und die Geburt der Religion: Dass wir beides zusammen so leichthin diskutieren können, war noch im 19. Jahrhundert umstritten. Blut floss, 1839 musste die Zürcher Regierung den jungen deutschen Theologieprofessor David Friedrich Strauss zwangspensionieren. Strauss lehrte, dass man Jesus entmythologisieren solle, dass man unterscheiden müsse zwischen der historischen Jesus-Figur und der christlichen Idee. Das war der Zürcher Landbevölkerung zu viel, Strauss musste die Universität verlassen. Heute lernt das jeder Primarschüler im Religionsunterricht.

Ich weiss das, weil ich es letzte Woche gegoogelt habe. Einer meiner Söhne musste einen Vortrag halten über den Kanton Luzern. Ich habe versucht, ihm den Luzerner Katholizismus zu erklären, aber bald musste ich nachschauen. So landete ich mitten in der Theologie des 19. Jahrhunderts, als 1839 die Zürcher Landbevölkerung in die Stadt marschierte und die liberale Regierung wegputschte. Entzündet hatte sich der Konflikt an Schulfragen. Die Regierung wollte die Schule ­verweltlichen, ausgebildete Pädagogen sollten die Pfarrer als Lehrer ersetzen, die Landbevölkerung lief Sturm, es ging ihr alles zu schnell, war ihr zu aufgeklärt, zu fortschrittlich.

Die Armee der Rebellion bestand aus Fabrikarbeitern und Bauern. «Der expandierende Kapitalismus und der liberale Staat haben die Landleute in die Arme von reaktionären Pfaffen, betenden Politikern und Scharlatanen ge­trieben», schrieb Stefan Keller in der WOZ. Das kommt einem bekannt vor. Blocher, Trump, Marine Le Pen, das alte Lied.

Man soll nicht rückwärts projizieren; die Wirklichkeit ist komplizierter, als wir Journalisten uns das vorstellen. Trotzdem staune ich immer wieder, wie schnell man vergisst. Die Geschichte ist ein grosser Fluss, und wir sind mittendrin, davon erzählen unsere alten Städte.

Und noch was: Man kann sie nicht anhalten, die Geschichte. Der konservative Versuch, sich gegen den Lauf der Zeit zu stemmen, hat genau sechs Jahre gedauert. 1845 waren die Aufgeklärten zurück. Damals zumindest.

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Ein Kommentar zu “Lindor for Jesus”

  1. Nichtswisser sagt:

    Na gut, so als sei Kapitalismus, oder heute Neoliberalismus, also das Herz des Liberalismus (man unterscheidet ja auch nicht mehr zwischen politischem und oekonomischem Liberalismus – das sei dasselbe – ein schlauer Trick), nicht auch reaktionär – man frage mal die Natur. Der Kapitalismus hat ja im 18. und 19. Jh den Nationalstaat erst erschaffen als Kulturersatz, weil die vorherigen Kulturen ein Hindernis für den Kapitalismus waren. Man ist also irgendwie wieder gleichweit + die Desaster der letzten 200 Jahre + Klimabang. Aber danke an den Journalisten für diesen ehrlichen Satz:”[…]die Wirklichkeit ist komplizierter, als wir Journalisten uns das vorstellen.” Gruss von einem Sokratiker.

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