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Oster-Burnout

Réda El Arbi am Dienstag den 18. April 2017
Sie hätten sich erholen können. Selber schuld.

Sie hätten sich erholen können. Selber schuld.

Erholt sollten Sie eigentlich sein nach diesen vier Tagen verlängertem Wochenende. Frisch und voller Tatendrang sollten Sie an Ihrem Arbeitsplatz sitzen und helle Lebenskraft ausstrahlen.

Tun Sie aber nicht. Wahrscheinlich schleichen Sie mit verquollenen Augen an Ihren Kollegen vorbei, fragen sich, wieso sich dieser Dienstag schlimmer als jeder Montag anfühlt, und zählen die Minuten, bis Sie wieder nach Hause dürfen.

Sie wurden Opfer des «Verlängerten Wochenende»-Wahnsinns. Der ist leider ansteckend.

Vielleicht verbrachten Sie über Ostern 12 Stunden im Stau, um 36 Stunden südlich der Alpen zu verbringen, auf Sonne hoffend. Sie sind schon Donnerstagmittag abgefahren – clever wie 10’000 andere – um ihren Facebook- oder Instagram-Account mit Bildern aus dem Tessin oder Norditalien zu fluten, in einem fremden, unbequemen Bett zu schlafen und sich bereits ab Samstagabend Sorgen über die qualvolle Rückfahrt zu machen.

Oder Sie setzten sich in ein Flugzeug für einen Ostertrip nach London, Paris oder Rom. Dort rannten Sie durch die Stadt und versuchten, in der kurzen Zeit alles zu erleben, was man in einer dieser Städte erleben muss – unterbrochen nur von überteuerten Kaffees und Mahlzeiten. Sie legten zu Fuss Kilometer um Kilometer zurück, weil Ihnen die Distanzen nicht vertraut waren und Sie dem ÖV misstrauten. Gemeinsam mit Tausenden anderen liessen Sie sich auf dem Rückweg zum Flughafen vom Taxifahrer ablinken und sassen im Flugzeug neben einem alkoholausdünstenden Fussballfan.

Vielleicht liessen Sie sich aber auch von «Freunden» zu einem Ausflug mit «kleiner Wanderung» und Übernachtung in einer SAC-Hütte überreden. Sie quälten sich acht Stunden auf einen Berg, um sich dann fünf Minuten im Adrenalinrausch zu freuen, dass Sie es geschafft haben, bevor Sie mit Ihrem Gesicht bewusstlos in die angebrannten Älplermagronen knallten, die zu so einem Erlebnis gereicht werden. Bis Montagmorgen weinten Sie bittere Tränen, weil Sie wussten, dass Sie mit Ihrem Muskelkater die ganze Strecke zurück in die Zivilisation wieder auf Ihren nonfunktionalen Beinen zurücklegen mussten.

Vielleicht waren Sie aber auch einfach an Partys, weil Sie wieder mal das Ende des Tanzverbots an Ostern feiern wollten und sich dachten, dass man ja genug Zeit hätte, um sich zu erholen. Ja, falsch gedacht.

Wochenenden waren mal dafür gedacht, sich zu erholen. Verlängerte Wochenenden sind dazu da, der arbeitenden Bevölkerung die nötige Regenerationszeit zu verschaffen, damit sie nicht zusammenbricht. Wer diese Zeiten fahrlässig mit Aktivitäten verbringt, die mehr Kraft kosten, als sie die Batterien aufladen, muss sich danach bis zu den Sommerferien am Rande des Zusammenbruchs durchschleppen.

Was ich gemacht hab? Ich hab mein Sofa nur verlassen, um Snacks aus dem Kühlschrank zu holen.

Bald kommt Auffahrt. Und sagen Sie dann nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

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15 Kommentare zu “Oster-Burnout”

  1. Hans Meier sagt:

    Tatsächlich übel, diese gestressten Kurzurlauber ohne Sinn fürs Reisen. Das wird eigentlich nur noch getoppt durch Thailand-Urlauber, die extra für ganze 10 Tage oder knapp zwei Wochen um den halben Globus jetten (CO2-neutral?), nur um sich dann dort Kafee trinkend und Zigis rauchend über Einheimische, mit denen man in Kontakt kommt (also andere europäische Massentouristen), zu enervieren.

  2. Rada sagt:

    Ich habe das Gefühl, dass sich unser ganzes Leben nur noch um die Arbeit dreht.. Die Wochenenden und Feiertage sind zur Erholung da, um nachher wieder fit arbeiten zu können? Das ist der absolute Traum der Arbeitgeber.. Für mich sind diese Feiertage da, um mal aus dem ganzen Alltag auszubrechen und um den Kopf ein frei zu bekommen. Auch wenn ich heute todmüde vor meinem Bildschirm sitze.. Ich hatte ein geiles Wochenende und bereue weder den Ausflug nach London, noch die Party am Sonntagabend. Ich werde mich nicht an all diese Wochenenden auf dem Sofa erinnern, aber definitiv an diese Ostern. Das Ganze heisst nicht, dass ich meinen Job nicht mag… ich habe nur andere Prioritäten.. 🙂

    • Réda El Arbi sagt:

      Vielleicht. Ich hingegen werde noch lange an die Sachen denken, die ich diese Woche erarbeitet habe.

      Wenn man sein Leben unter der Woche so hasst, dass man “ausbrechen” muss, sollte man sich seine Prioritäten mal überlegen.

      • Ralf Schrader sagt:

        Ich habe mal gelesen, Freizeit ist die Zeit, in der man sich mit einer anderen Arbeit von seiner Berufstätigkeit erholt.

        Wer nicht gern am Montag an seinen Arbeitsplatz geht, tut mir echt leid. Aber Monokultur sollte das Leben auch nicht sein. Stichwort Brotberuf. Den einen Beruf macht man, um die Miete zu bezahlen und den anderen, um sich im Spiegel schön zu finden. Ich reise nie unter 6 Wochen (ausser Verwandtenbesuche) und schreibe dabei Reisetagebücher, die ich hinterher an spezialisierte Reiseanbieter verkaufe. Da geht natürlich London oder Australien, Thailand nicht.

  3. dr house sagt:

    lassen wir diese Herdentiere Herdentiere bleiben und sich danach benehmen. Geniessen wir den Platz und die Ruhe, wenn sie mal nicht da sind.

  4. tina sagt:

    noch besser als nichts machen ist viele pläne zu haben und sie alle vorsätzlich nicht umzusetzen

  5. Landis Gaby sagt:

    Guten Tag Herr El Arbi
    Ich habe Ihre Kontaktdaten für eine E-Mail gesucht und bin auf diesen – ebenfalls amüsanten – Artikel gestossen.
    Ich möchte Ihnen zu Ihrem Beitrag in der Sonntagszeitung vom 08.02.2017 (“Das Schweizersein”) ganz herzlich gratulieren. Treffender und amüsanter könnte man das Schweizersein einfach nicht beschreiben. Ich habe den Beitrag behalten und habe ihn heute morgen einmal mehr gelesen und musste wiederum sooooooooo lachen! Bitte weiter so!!
    Herzliche Grüsse, Gaby Landis

  6. A. Müller sagt:

    Überteuerte Mahlzeiten in Rom? Ich habe in Süditalien bessere Pizza als man in der Schweiz bekommt für unter 10 Euro bekommen. Das kriegt man in der ganzen Stadt Zürich nicht. Für den Preis kriegt man in der Schweiz eine Tiefkühlpizza.

    • Réda El Arbi sagt:

      Dann trinken Sie mal einen Kaffee in Rom, Venedig oder Florenz, an einem der kulturellen Hotspots. Da kriegen Sie keinen Espresso unter 8 Euro.

      • tina sagt:

        selbst bei der dichte von kulturellen hotspots in venedig findet man gleich um die ecke einen richtigen richtigen super italienischen raketentreibstoffmässigen ristretto für 1.50. mit einem glas wasser dazu. auch in rom und in florenz, wobei ich zugeben muss, in florenz kann ich mich nich mehr erinnern wo.

        • dr house sagt:

          und wenn sie sich erinnern, behalten sie es für sich, sonst ist nämlich bald vorbei, weil alle sie wie die geier drauf stürzen.

          • tina sagt:

            ah im mercato centrale! 😉
            es ist egal dr. house, weil das keine geheimtipps sind. jeder weiss, dass man nur an der piazza san marco in venedig (oder vergleichbares) blödsinnig viel bezahlt, um die ecke aber nicht. wir haben auch in rom günstig gegessen. und auch in london. aber hey, als bewohner von züri ist sowieso alles nicht teuer, ausser zuhause sein

          • geezer sagt:

            @tina: dann schlage ich mal Oslo als destination vor. da schluckt sogar der stadtzürcher zweimal leer, wenn er auswärts essen möchte..:-)

            wer an diesen langen, staugeschwängerten wochenenden aber nicht konstant in der welt herumreisen möchte, findet dann sogar in unserer stadt lokale, wo man ganz günstig und gut essen kann.

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