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Nur keine Ferien!

Réda El Arbi am Dienstag den 14. März 2017
Endlich ein Schattenplatz, an dem mein Laptop-Display nicht spiegelt.

Endlich ein Schattenplatz, an dem mein Laptop-Display nicht spiegelt.

Einmal im Jahr muss ich weg. Meine Frau schaut mich an und meint: «Du brauchst Ferien, du bist ungeniessbar, nörgelst und gehst mir auf die Nerven.» Also bucht sie einen Flug für mich, setzt mich ins Flugzeug und schickt mich irgendwohin, wo die Sonne scheint und man Dinge isst, die als «exotisch» gelten.

Jetzt bin ich also hier, auf einer Insel in Thailand. Und als allererstes fällt mir die einheimische Fauna auf: Die Moskitos hier sind nicht lästig. Die Moskitos hier werden in geheimen Lagern von fiesen CIA-Agenten darauf trainiert, die Weltherrschaft an sich zu reissen. Sie haben Muskeln, die Grösse einer Männerfaust und wenn sie stechen, injizieren sie einen Kampfstoff, der das Opfer dazu bringt, sich im Wahnsinn zu Tode zu kratzen. Ich schwör!

Natürlich kann man sich dagegen schützen. Hier haben sie chemische Kampfstoffe entwickelt, mit denen man sich gegen den gemeinen Moskito verteidigen kann. Nun, nachdem ich mich mit diesem Mückenspray eingesprayt habe, kann ich meine Füsse nicht mehr fühlen. Und meine Hände. Das Zeugs wurde auf der Basis von DDT entwickelt und löst bei Kontakt Flipflops und Badehose auf. Der thailändische Apotheker  meinte : «Natürlich ist das nicht giftig! Solange sie keine Kinder mehr haben wollen, können Sie den Spray ohne Gefahr benutzen. Wir übernehmen aber keine Haftung, falls sich im Laufe ihres Urlaubs Missbildungen entwickeln. Aber es tötet alles, das kleiner ist als eine Männerfaust.» Was ja irgendwie Sinn macht.

Sobald ich wieder ein Kribbeln in meinen Extremitäten fühlen kann, setze ich mich vor meinen Bungalow und versuche das Leben zu geniessen. Denkste! Meine Nachbarn sind keine Zürcher, also haben sie den unverständlichen Wunsch, sich mit anderen, völlig fremden Menschen zu unterhalten. Sie kommen aus Wien, sind grossflächig mit Buddhas und frohen Lebensweisheiten in chinesischen Schriftzeichen tätowiert, die man auf Facebook sonst nur auf Bildern mit Sonnenuntergang sieht.

Das Gespräch verläuft ungefähr so: «Blablabla Asylanten blablabla Nordafrikaner blablabla Flut blablabla kriminell blablabla Wien islamisch jetzt! Blablabla LÜGENPRESSE blablabla. Und, was machen Sie beruflich?»

Wenigstens hatte ich Ruhe, nachdem ich ihnen verraten hab, dass ich zur nordafrikanischen Horde gehöre und mein Geld von der medialen Weltverschwörung bekomme. Was mich davor bewahrt, ihnen den Zusammenhang von Buddha, Karma und Fremdenfeindlichkeit während eines Auslandaufenthaltes zu erklären. Wirklich, ich mag Multikulti, solange die anderen Kulturen nicht Deutsch sprechen und nicht im nächsten Bungalow wohnen. Alles hat seine Grenzen.

In der Strandbar ist es schon viel besser. Wlan, Cappuccino und eine Ecke, die die Sonne weit genug aussperrt, dass ich meinen Laptopmonitor benutzen kann. Und dann: Keine neuen Mails. Keine Antworten auf meine Mails. Es dauert einen Augenblick, bis ich begreife, dass die in Europa noch schlafen. Zeitverschiebung. Ehrlich, wer sich das mit den Zeitzonen überlegt hat, war wohl nicht der Hellste. Wie soll ich all meine wichtigen Sachen zeitnah kommunizieren, wenn die sich hier nicht mal nach der Zürcher Zeit richten. Gopf.

Also, arbeiten ist nicht. Dann eben entspannen. Wenn ich nur wüsste, wie man das macht.

Im Laufe des Tages kommen dann meine Nachbarn vom Morgen vorbei und empfehlen mir, doch die Massage drei Bungalows weiter auszuprobieren. Das sei die reinste Entspannung! Ich überlege mir kurz, wie um Himmels willen man sich entspannen kann, während man von wildfremden Menschen begrabscht wird. Und wie jemand auf die Idee kommt, man solle auch noch Geld dafür bezahlen.

Das Meer ist dann ganz ok, wenn auch nicht mit dem See zu vergleichen. Nur schon das ganze Salz. Aber ich lasse mich im Wasser treiben und entspanne. Und hole mir einen Sonnenbrand, dessen Leuchten die thailändischen Fischer nachts böse lachend zur Navigation benutzen.

Abends wieder in meinem Bungalow checke ich nochmals vergeblich meine Mails und schlucke meine Medikamente, die ein Magengeschwür verhindern sollen. Ihr seht, Ihr verpasst nichts in eurem kalten, verregneten Büroalltag in der Heimat. Ferien sind überbewertet.

Im Bett atme ich einmal tief durch. Vielleicht hat meine Frau ja doch Recht. Vielleicht bin ich wirklich etwas grantig und dünnhäutig und brauche wirklich Ferien. Ich schmunzle, erschlage mit einem Stuhlbein einen Moskito und schlafe ein.

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20 Kommentare zu “Nur keine Ferien!”

  1. Martin Gebauer sagt:

    Oje! Und dazu noch das schlechte Gewissen, mit dem Langstreckenflug die Welt ein Stück weiter in’s Elend geflogen haben. Gar nicht nett das! Meine letzten Partnerinnenauszeiten. Eine Wanderung von daheim in’s Bisistal, über die Glattalp nach Braunwald und wieder heim. Ohne lästige andere Menschen mit blabla. Der einzige Satz den ich geredet hab, war als ich im Kiosk Bier gekauft habe. Und dann war da noch die Urner Haute Route. In fünf Tagen mit den Ski von Realp nach Engelberg. War zwar mit einem Kollegen unterwegs, geredet haben wir nur das nötigste. Und die unvermeidlichen Plaudertaschen in den Hütten habe ich ausgeblendet. Mücken gabs auch keine…

  2. Jennifer sagt:

    Kann ich bestens nachvollziehen. Mir sind in Kenia in so einem Resort die Engländer auf den Keks gegangen. Beim Frühstück ist eine Schlange aus dem Dach auf einen Gast gefallen. Eingeladen hatte mich ein österreichischer Bwana in seinen Bungalow, wo ich eben zwischendurch ausgerückt war. Kurz zuvor hat in der Lodge eine als Polizei verkleidete Horde dem Rezeptionisten in die Stirn geschossen, um mit Geld abzuhauen… Auf Deiner Trauminsel war ich vielleicht auch schon, da gab es noch kaum Tourismus und sie war weitgehend unerschlossen. Aber Piraten waren da, echte. Vielleicht fällt Deiner Gattin mal ein anderes Programm für Dich ein. Sonst bekomm ich klar den Eindruck, Ferien bräuchte sie.

  3. Barbara sagt:

    Ich tausche sofort 🙂

  4. Willi Forrer sagt:

    Reda, versuchs doch mal mit Songkhla, Pattani oder Narathiwat, haben auch Strände, Deutsch wird wenig gesprochen und die Terrorangst ist übertrieben (richtet sich nicht gegen weisse Langnasen..). Garantiert weit weg vom zürcher Alltag und dorthin kann Dich Deine Frau ohne grosse Bedenken schicken. Eingeschränkter Alkoholverkauf, dürfte Dich wohl kaum abschrecken, (fast) nur traditionelle Massagen. Food paradiesisch (nein geezer, kein “grusiges Zeug’s”, aber z.T. etwas scharf). However, geniesse Deine Ferien, warte gespannt auf Deinen nächsten Blog.

  5. Eule sagt:

    Da man sich bekanntermassen überall mitnimmt, hätte ich in Zürich einfach einen Psychologen konsultiert, oder ein Medi eingeworfen, um herunterzukommen. Man kann auch auf der Krisenintervention tolle Ferien machen, das habe ich schon gemacht – sehr angenehm, man muss bspw. nicht selber kochen oder an einem fremden Ort dasselbe erleben. Und man kann sich vor allem die Fliegerei ersparen, ist ja anstregend, solange es nicht Business- oder Firstclass ist. Aber das mit den Zeitzonen, Herr El Arbi: hätte man sich die anders ausgedacht, glaube ich trotzdem nicht, dass die Europäer am Tag schlafen und in der Nacht aktiv wären – es sei denn, sie würden an Insomnia leiden. Nichts für ungut! 😉

    • Jennifer sagt:

      Wer in Zürich “einfach” einen Psychologen konsultiert oder gar “Medi einwirft”, werte Eule, nimmt sich definitiv nicht mit. Ich fände es ratsamer, sich mitzunehmen. Man kann ja immer noch schreiben… Oder natürlich – lesen! Das hat neben den vielen Tropenfrüchten, der wunderbaren Luft, den Bougainvilleen und den Velofahrten vor Sonnenaufgang ans Meer meinen Keniaaufenthalt s.o. zu den best-holidays-ever gemacht. “Psychotherapie und Metasprache”. Der absolute Hammer.
      Ferien auf der Abteilung für Krisenintervention finden nicht alle so toll wie Sie, glücklicherweise, selbst wenn sie an Insomnia leiden. Ich gönn mir etwas Whisky, wohldosiert. Besser als Novartis.

  6. Dominik Landwehr sagt:

    Finde die thailändischen Inseln tatsächlich ungeniessbar weil zu viel Mensch auf zu wenig Quadratmeter. Gibt aber noch ein paar andere Orte mit wenig Meer aber dafür viel Mehr. Beispiel: Der furztrockene Issan (Nordosten) von Burirsam über Surin bis nach Nong Khai oder der Westen mit den FLüssen an der Grenze zu Burma – Kanchanaburi.

  7. Philipp sagt:

    Nächstes Mal einfach etwas durch unsere Berge wandern. Das spart CO2 und ist für die Psyche besser, wenn man nicht zum rumhängen am Strand gemacht ist.

    • Réda El Arbi sagt:

      Ächz! Da sprechen dann alle Deutsch!

      • KMS a PR sagt:

        neinein. die chance ist absolut intakt, dass die auf dem jungfraujoch eine gruppe chinesen antreffen. glauben sie mir. die jungs kaufen zwar, mit unterstützung unserer liberalen… zunehmends die ganze ch auf – aber nein – sie sprechen kein deutsch. brauchen sie auch nicht – zahlen sind neutral. (das sagt sich übrigens auch “unser…” br. schneider ammann….

      • Friedrich Meier sagt:

        Nein, nur die Deutschen 😉

      • tststs sagt:

        Dann gehen Sie in die Schweizer Berge, mehr als ein freundliches Kopfnicken mit einem “guetätag” ist nicht nötig 🙂

        • Rita sagt:

          Stimme voellig mit Ihnen und Phillip ein….daheim bleiben, in den Wald- oder die Berge gehen und wenn man wegen Regen drinnen bleiben muss, gibt es Zurzach, Ragatz etc und viele Wellness Hotels wo man sich erholen kann….ohne Muecken totzuschlagen oder sich mit Gift bespritzen etc….und man kommt gut gelaunt und entspannt heim. All das herumrennen an all diese tropischen “Paradiese” machen nur jene die damit dann auch angeben wollen…..

      • Buford T. Justice sagt:

        Uff, was für ein rassistischer Kommentar. Ach so, Sie dürfen das ja, bei Ihnen heisst es dann, das ist lustig gemeint….

        • Réda El Arbi sagt:

          Jaja, jetzt haben Sie eine Entschuldigung für echten Rassismus. Sie können ja auf meinen ironischen Kommentar (meine Muttersprache ist übrigens Deutsch) verweisen. Strengen Sie sich ein wenig mehr an, wenn Sie mich anpöbeln wollen. So macht das keinen Spass.

  8. KMS a PR sagt:

    geschätzter herr el arbi. zwei aspekte hierzu. a) bei unausgeglichenheit ferien MIT der partnerin machen. (es ist zumindest den versuch wert). b) abschalten, in den ferien – und nach möglichkeit die böse welt ausblenden. -> rauchen sie, trinken sie, feiern sie! und doch-doch – das darf man auch als kritischer linker! ganz wichtig – politisch inkorrektes benehmen. (natürlich nur in den ferien). brain-reset -> el arbi 2.0.
    das geht bei mir jeweils so weit, als dass ich sämtliche codes, passwörter und den restlichen tribut an unsere vernetzte gesellschaft aufschreiben muss, weil ich sonst nach dem urlaub an der tankstelle ratlos meine karte anschaue….

  9. geezer sagt:

    aber, aber Réda: jetzt mach mal halblang! hat dich deine perle denn auf eine dieser grauenhaften inseln verbannt, wo’s nur touristenidioten und diese unsäglichen resorts gibt? kannst du nicht ein paar ecken weiter in ein strassenrestaurant ausweichen, dir feinsten food von den einheimischen kochen lassen und das ganze mit ein paar schön grossen flaschen ‘chang’ oder ‘leo’ ganz ‘erträglich’ machen?

    ich kann schon zu einem gewissen grad mitfühlen: ich war einmal in einem solchen resort auf einer thailändischen “trauminsel”. nie wieder! falls du die oben genannten ausweichvarianten nicht hast, wünsche ich dir viel kraft, bis du endlich wieder nach hause darfst…:-)

    • Réda El Arbi sagt:

      Ich hab mal hier gelebt. Der Beitrag zu den superauthentischen Hippietraveller mit Yoga und Pipapo kommt nächste Woche 🙂

      • geezer sagt:

        oh cool! dann bitte all die ‘im tempel sitzen und die augen schliessen-dreadlocksträger’ bitte auch erwähnen……und all die jungen backpackers, die immer laut bluffen, wo sie schon überall (mit papa’s und mamma’s geld) in asien waren und wie viele ratten und sonstiges ‘grussiges zeugs’ sie schon gefressen haben bitte auch..:-) ich freu mich schon auf einen ausführlichen bericht!..:-)

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