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Die Epidemie

Réda El Arbi am Dienstag den 14. Februar 2017
Das muss Patient Zero gewesen sein.

Das muss Patient Zero gewesen sein.

Ich muss gestern wohl mit Patient Zero im Tram gefahren sein. Neben einem kleinen Jungen, der das Übel wahrscheinlich aus der Agglomeration eingeschleppt hat. Die Ansteckung findet offenbar über die Luft statt, «Airborne», wie die Amis sagen.

Zuerst merkte ich es selbst nicht, bin ich doch eigentlich resistent gegen solche Sachen. Aber schon eine Viertelstunde später in meinem Stammcafé fiel mir auf, dass etwas nicht stimmen konnte. Ich sah die ersten Anzeichen der Epidemie in den Reaktionen der anderen Gäste. Sie verzogen ihre Gesichter, zuckten mit den Lippen. Jeder, den ich ansah, zeigte augenblicklich Zeichen der Ansteckung.

Erschrocken fasste ich mir ins Gesicht. Und wirklich, da, im rechten Mundwinkel konnte ich es mit den Fingern erspüren, deutlicher als Herpes. Da hing ein Lächeln.

Woah. Morgens im  Zürcher Pendlerverkehr ein Lächeln im Gesicht zu haben, ist sowas von …. ich weiss gar nicht, wie ich es nennen soll.

Eigentlich haben wir das seit den Achtzigern überwunden, ausgemerzt. Nur ab und zu zeigt ein Migrant solch krankhaftes Verhalten. Aber die Ansteckung muss mutiert sein. Wie anders könnte man sich erklären, dass selbst ich, der ich eigentlich immun bin, plötzlich mit einem verzerrten Gesicht lächelnd andere Leute anschaue? Und diese scheinen sich auch nicht wehren zu können und lächeln zurück.

Ich kämpfte wirklich hart, aber je länger ich mich darauf konzentrierte, um so stärker breitete es sich in meinem Gesicht aus. Und es erfasste jeden, wirklich jeden, den ich ansah. Epidemisch. Und mit was für verheerenden Folgen. Epidemische Fröhlichkeit zerstört innert kürzester Zeit unser Selbstbild als coolste Stadt der Schweiz. Diese ansteckende Freundlichkeit lässt die typische Februarstimmung in der Stadt kippen wie saure Milch. Von den wirtschaftlichen Folgen will ich gar nicht sprechen. Der Arbeitsausfall durch nette Worte und Gelächter lässt sich kaum beziffern.

Und das ist nur das erste Stadium! Bald beginnen wir mit Fremden Gespräche oder bieten anderen unseren Sitzplatz an. Oder wir bringen eine zusätzliche Tasse Kaffee für den Kollegen an den Arbeitsplatz.

Widerlich.

Ich weiss, für mich ist es schon zu spät. Ich half heute morgen einem alleinstehenden Vater beim Einsteigen mit dem Kinderwagen. Ein klares Zeichen des letzten Stadiums, kurz vor der finalen Freundlichkeit.

Aber ihr, Leute, könnt euch noch retten. Rennt! Versteckt euch, und wartet, bis es vorüber ist!

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16 Kommentare zu “Die Epidemie”

  1. Harry sagt:

    mir sind zb gestern 2 touristen am central aufgefallen, die in eine karte gestarrt haben. also hab ich gefragt, ob ich helfen könne, worauf sie freudig dankend meinten, sie suchten die niederdorfstrasse, die ich ihnen dann gleich zeigte und fragte, ob sie sonst noch fragen hätten. die frau meinte darauf: “wow, die züricher sind ja so freundliche leute!” ich musste lachen und sagte, dass solle sie aber nicht zu laut sagen, denn da würde sie evtl eingewiesen! handlung und reaktion meinerseits offenbar in diametralem widerspruch, realität aber war – einfach nur nett! und den touristen ging es gut und mir auch!
    PS: bin aus der agglo 😉

  2. Zufferey Marcel sagt:

    Mir kommt da immer wieder Giuseppe Reichmuth’s bekanntes Bild mit dem Eisbrecher in den Sinn:

    http://www.giuseppe-reichmuth.ch/home.html

    Oder Stephan Eicher: Toutes les filles de Limmatquai, regarder, ne pas toucher…

    Zürich ist die Eishauptstadt der Welt: Abweisender als hier sind die Menschen nirgendwo sonst. Das ist geradezu phänomenal!

  3. Ana sagt:

    Ich seh schon lange keine Gesichter mehr. Nur herunter hängende Köpfe mit Haaren dem etwas aus der Dunkelheit leuchtet. Ist es vielleicht dass kak Handy welches eine kak Nachricht auf dem Display anzeigt?

  4. arno egloff sagt:

    Eigenartig, dass gute Laune und Selbstverständlichkeiten hier solches Aufsehen erregen.

  5. Toerpe Zwerg sagt:

    Hipster lächeln schon länger passiv-aggressiv in die Stadt hinein. Bald wird es ihnen die ganze Stadt nachmachen und dann wird es wieder furchtbar uncool.

    The circe of hippness

  6. Ruedi sagt:

    Es ist wie mit der Shuffelin-Epidemi, Montags-Shuffel, Dienstags-Shuffel usw.

    Gegen das dämliche Grinsen helfen garantiert, sieben auspepresste Zitronen, EX Getrunken. Wer keine Zitronen zur Hand hat, kann auch einen kräftigen Schluck aus der Tabasco-Flasche nehmen.

    https://www.youtube.com/watch?v=KQ6zr6kCPj8

  7. Reto sagt:

    Alles Lug und Trug. Gerade im Pendlerverkehr erfolgt jegliches Lächeln aufgrund von Häme. Blickt man im Tram in ein lächelndes Gesicht, wird man einfach still und leise ausgelacht.

  8. KMS a PR sagt:

    …ich kenne das. seit rund einem jahr leide ich an akuter “soziolitis”. der psychologe aus meiner partei hat mich aufgegeben. ich wehre mich aber noch standhaft gegen den fortschreitenden verlauf indem ich in züri IMMER einen mundschutz trage. ich bin verzweifelt.

  9. pedro domletschg sagt:

    so als hobbypsychologe würde ich sagen, da schreibt einer, der von stereoptypen und zwängen nur so umgeben ist. jemand, der in mauern lebt, nicht offen, sondern geschlossen. da die agglos (schlecht), hier die städter (gut). so viel schwarz-weiss-denken liest man nicht alle tage. ich hoffe auf gute besserung.

    • Réda El Arbi sagt:

      Google mal “Ironie”, dann google “Selbstironie”. Dann vielleicht noch “Humor” und “Glosse”, zum besseren Verständnis der ersten beiden Begriffe.

      PS: Hier wird die Agglo positiv dargestellt, die Stadt negativ. So als Orientierung.

      • tina sagt:

        ich zog schon in betracht nur deswegen skifahren zu lernen um die leute in den bergen durch meine geballte zürihaftigkeit ein bisschen zu ähm erfreuen

      • Sigi Neukomm sagt:

        lol lustig wie der Herr El Arbi in den Kommentaren immer sich und seine Aufsätzli verteidigt. Schön, dass Sie immer auch den Hintersten und Letzten noch glauben aufklären zu müssen. Bleiben Sie cool und nehmen Sie nicht immer alles persönlich.

  10. tina sagt:

    haha schon wieder. immer sinds die anderen, nicht? dabei muss man sich doch gar nicht wundern, wenn man mit einer überheblichen miene die anderen so übertrieben fröhlich angrinst, dass es einem ablöscht.
    wenn man normal freundlich gestimmt, rücksichtsvoll und net ist, dann führt man ständig überall nette gespräche mit netten leuten, auch im tram.
    aber dass die leute nun nicht gerade zu 99% wahnsinnig fröhlich gestimmt sind morgens um 7 wenn sie mit anderen zusammengepfercht sind, und möglichst einfach ihre ruhe wollen, das ist doch wirklich kein wunder.
    und dann gibts ja wirklich genügend leute, mit echten sorgen, mit echten scheisstagen, mit schmerzen oder so.
    andere respektieren undso

  11. geezer sagt:

    als ich vor ein paar monaten mit meiner herzdame nach der arbeit eine (noch fast leere) bar in der stadt betrat, begrüsste uns die bardame mit einem riesensmile. wir waren sofort irritiert…….und diskutieren danach darüber, wie traurig unsere irritation über ihr ‘komisches verhalten’ eigentlich ist. das bier schmeckte bei so toller bedienung logischerweise noch viel besser. die freundlichkeit vermisse ich in zürich am meisten bei verkäufern und dem gastropersonal. viel müsste es ja nicht sein, aber etwas mehr in den hintern treten könnten sich wohl alle…..

    • Lichtblau sagt:

      In unserer ansonsten stieren, ständig vollen Quartier-Coop-Filiale arbeitet erstaunlich freundliches Personal. Besonders eine junge Blonde trifft immer den richtigen Ton, ohne anbiedernd zu sein. Sie ist geradezu die Kassiererin der Herzen. Kürzlich äusserte sich eine Gruppe Schüler nach dem Bezahlen irritiert: “OMG! Die isch ja so FRÜNDLICH! Was isch mit dere?”

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