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Umsignalisation

Miklós Gimes am Mittwoch den 11. Januar 2017

Das Jahr begann mit der guten Nachricht, dass vor unserer Tür nicht mehr mit 60 gefahren wird. Ab sofort gilt auf der Seestrasse Tempo 50, ich hab das Schild mit eigenen Augen gesehen, rot-weisser Rand, 50 generell. Doch im Internet fand ich keine Medienmitteilung, es lag auch kein Brief der Stadtverwaltung an die lieben Anwohner in der Post. Vielleicht hatte ich halluziniert. Oder das Verkehrsschild war bei Nacht und Nebel von einem geplagten Anwohner in einer Fake-Aktion hingestellt worden.

Aber nein, die «Umsignalisation» hat tatsächlich stattgefunden, erfuhr ich von Heiko Ciceri von der Dienstabteilung Verkehr. Seit ich hier wohne, höre ich, dass man gegen die Seestrasse nichts machen könne, sie sei kantonal und deshalb unantastbar. Vor Jahren kam mal Stadträtin Ruth Genner ins Quartier und präsentierte grosse Pläne, aber nichts geschah. Und jetzt reicht eine bescheidene, unauffällige «Umsignalisation».

Offenbar ist hinter den Kulissen einiges geschehen. Vor 30 Jahren, noch im Kalten Krieg, erliess der Bundesrat die heute geltende Lärmschutzverordnung, gestützt auf die gesetzlichen Vorgaben des Schweizer Parlaments. Das war 1987, als die Berliner Mauer noch stand und George Michael mit «I Want Your Sex» die Hitparaden stürmte, hinter Bands wie den Bangles und Duran Duran. Um den Lärmschutz umzusetzen, liess man den Kantonen und Gemeinden Zeit bis 2002. Dann wurde die Frist bis 2018 verlängert, das weiss ich aus den Unterlagen, die mir Heiko Ciceri gemailt hatte, man findet sie unter dem Stichwort «Strassenlärmsanierung» im Internet.

In Zürich leben 130’000 Menschen an Orten, in denen der Grenzwert der Lärmverordnung überschritten wird, Lärmquelle ist meistens die Strasse. 11’000 Einwohner ertragen sogar Lärm über dem Alarmwert. Bis 2010 hat die Stadt etwa 20’000 Menschen helfen können, vor allem mit Schallschutzfenstern. Kosten: 100 Millionen Franken.

Schallschutzfenster sind die teuerste Lärmschutzmassnahme. Dreimal günstiger ist die Temporeduktion. Der Sprung von Tempo 50 auf 30 verringert den Lärm um die Hälfte, die Stadt hat das in Pilotversuchen getestet. Deshalb setzt Zürich auf Temporeduktion, um die gesetzlichen Vorgaben bis zum 1. April 2018 erfüllen zu können, ab dann beteiligt sich der Bund nicht mehr an den Kosten. Doch die Automobilverbände rekurrieren, wo sie nur können, Tempo 30 ist als Lärmschutzmassnahme noch nirgendwo rechtsgültig. Einzig auf ein paar Durchgangsstrassen, wo es um 50 statt 60 geht, haben TCS und ACS den Widerstand aufgegeben. So sind wir zu unserer Temporeduktion gekommen.

«Nächster Schritt: Tempo 30», sagte meine Frau, als ich ihr die Neuigkeit überbrachte. Ehrlich gesagt, ist die Strasse da draussen nicht leiser geworden, den eidgenössischen Lärmtest würde sie nicht bestehen. Deshalb fordern die Grünen und der VCS Tempo 30 auch auf den Durchgangsstrassen, sie finden, die Verkehrspolitik der Stadt sei zu ängstlich.

Irgendwo in den städtischen Unterlagen, die mir Herr Ciceri geschickt hat, steht etwas von Zukunftsvisionen, von Tempo 30 auf der Seestrasse, wenigstens in der Nacht. Mal sehen, obs 30 Jahre dauert.

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