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Wir kleinen Rädchen

Miklós Gimes am Donnerstag den 24. November 2016

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Das alte Rom hatte im ersten Jahrhundert nach Christus mehr als 1 Million Einwohner – zwischen 1,1 und 1,6 Millionen – die Forscher sind sich nicht einig. Aber jedenfalls eine enorme Menschenmenge, «eine moderne Metropole, ein Turm zu Babel», schreibt Emmanuel Carrère im grossartigen Buch «Das Reich Gottes», einer Geschichte des frühen Christentums.

Rom muss ein Magnet gewesen sein, überschwemmt von Einwanderern, immer neue Gürtel von Elendsvierteln wuchsen «in den Händen von Spekulanten, die sparten, wo sie nur konnten: mit papierdünnen Wänden und Treppenhäusern voller Fäkalien», schreibt Carrère. Die Häuser wurden immer höher und gefährlicher, Kaiser Augustus musste eine obere Grenze festsetzen, acht Stockwerke – eine Verordnung, die «nach allen Regeln der Kunst» umgangen worden sei.

Draussen auf dem Land hätte man für den Preis einer bescheidenen Römer Wohnung ein Anwesen mieten können, schreibt Carrère, doch niemandem wäre es in den Sinn gekommen, wegzuziehen, «denn in Rom passierten die wichtigen Sachen». Wer es in Rom schaffte, schaffte es überall.

Es schaudert einen, wenn man das liest. Arm und Reich, Aufsteiger und Verlierer, Gentrifizierung, Melting Pot, Misstrauen gegenüber den Fremden, alles schon da gewesen. Sogar seinen fremdenfeindlichen Satiriker hatte Rom: Juvenal, «die römische Version des geistreichen Reaktionärs» schreibt Carrère. Dieser Juvenal beklagte das Ende der Sitten unter dem Ansturm der Griechen und Juden. Ihn störte vor allem, dass die Religionen aus dem Orient bei den Jungen mehr Zulauf fanden als die einheimischen Götter.

Dass junge Menschen nach London ziehen, nach Mexiko-Stadt oder Shanghai, weil diese Städte die Labors des Neuen sind, dass die Jungen bescheiden leben, den Gürtel enger schnallen, um dort zu sein, wo es passiert: no news. Städte sind nichts anderes als ewige Maschinen, die irgendwann in grauer Vorzeit aufgezogen wurden, und wir Stadtbewohner sind kleine Rädchen im grossen Uhrwerk. Das gilt für Zürich wie für London.

Vor Wochen, als der Herbst noch mild war, spazierte ich in der Nacht durch Wiedikon. Das Viertel ist malerisch geworden, mit liebevollen Beizen an jeder Ecke, einheimischen Designern, man fühlt sich wie in Berlin oder Wien. Gut, das Quartier wirkt ein bisschen kuratiert, weil ja das Drehbuch an anderen Orten schon geschrieben wurde. Aber immerhin: Der Film spielt hier und jetzt, mit einheimischen Akteuren.

Um Mitternacht überquerte ich den Platz vor dem Bahnhof Wiedikon. Im Licht der Strassenlampe sah ich einen Mann flach auf dem Tramgleis liegen, regungslos, Bauch nach unten, blutige Nase, schiefe Brille, ein älterer Mann in abgewetzter Windjacke, er hatte die Arme neben dem Kopf ausgestreckt, als wollte er nach etwas greifen. Ich ging näher. Ein smarter Deutscher, Finanzbranche vermute ich, hatte den Verletzten schon angesprochen. Ein Junger blieb auch stehen, wir halfen dem Alten auf die Beine, riefen ein Taxi, warteten, bis er eingestiegen war, er wollte partout nicht ins Spital.

Dann ging jeder seines Weges, für einen Moment fiel Zürich aus dem kuratierten Bild. Eine Stadt eben.

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