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«Halleluja»

Beni Frenkel am Donnerstag den 24. November 2016
Blick in den neuen Pfuusbuss im Albisgueetli, aufgenommen am Montag, 14. November 2016 in Zuerich. Der Bus oeffnet am 15. November ein halbes Jahr seine Tueren und begruesst die Gaeste mit einem neuen Bus und einem Vorzelt. Statt bisher 12 Liegen stehen im Bus nun 15 Betten und im neuen Vorzelt zusaetzliche 25 Schlafplaetze den Gaesten zur verfuegung. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Blick in den Pfuusbus im Albisgüetli. Der Bus öffnete am 15. November für ein halbes Jahr seine Türen und begrüsst dieses Jahr die Gäste mit einem neuen Bus und einem Vorzelt. (Keystone/Ennio Leanza)

Auch Sozialwerke müssen mit der Zeit gehen. Viel Ahnung habe ich von dem Thema nicht. Aber ich denke, heutzutage gibt es auch sich vegan ernährende Obdachlose mit Lactoseintoleranz. Die Frage ist: Bekommen auch die eine anständige Suppe und wärmende Worte? Das zu klären, ist meine verdammte Pflicht als Journalist.

Um 18 Uhr stehe ich vor dem Pfuusbus, unterhalb der Schiessanlage Albisgüetli. Ich habe mich extra nicht schön angezogen. Michael, der natürlich anders heisst, sagt zu mir: «Du, wir müssen warten. Die machen erst um 19 Uhr auf.» Eine Stunde in der Kälte warten? Ich fahre runter zum Sihlcity-Coop um Prix-Garantie-Bier zu kaufen. Im Laden haben sie einen roten Teppich für die Kunden ausgelegt. Ein unbeschreibliches Gefühl, einmal – in meinem Fall das erste Mal – auf so einem VIP-Teppich zu schreiten. Vielleicht bin ich auch etwas euphorisch. However, ich kaufe gleich zwei Prix-Garantie-Bierdosen. Eine lauwarme Dose trinke ich an der Haltestelle aus, die andere giesse ich über meine Schuhe. Ich will authentisch wirken.

Mit dem 13er-Tram fahre ich wieder hoch. Vor dem Wagen mit aufgespannten Zelt stehen sechs andere Männer. Um 19 Uhr kommt der Leiter heraus. Ich sage: «Ich bin der Beni und zum ersten Mal hier.»  – «Hoi Beni, zum Schlafen oder zum Essen?» – «Nur zum Essen» – «Weisst du schon, wo du heute schlafen wirst?» – «Ja».

Noch kurz mich registrieren lassen und dann darf ich rein. Die Helfer legen Matratzen auf den Boden. Es ist schön warm hier drin. Mein Magen brummt. Ich habe Riesenhunger. Seit Mittag habe ich nichts gegessen.

Ich sehe eine Treppe zur Küche. Am Herd stehen zwei ältere Frauen und kochen eine Fleischsuppe. Mist, denke ich. Ich wollte doch eine vegane Suppe. Missmutig hänge ich meine Tasche an einen Haken. «Nei, das gaht gar nöd», zischt mich eine Köchin an. Ich saudoofer Veganer habe meine Tasche an ihren Haken gehängt. Die Köchin spricht zu mir wie zu einem Dreijährigen: «Das mini Haken, ja? Du dini Sachen runternehmen, ja?» Jetzt kommt auch noch der Leiter.

Ich entschuldige mich und nehme die Tasche runter. Im Schlafraum, der auch als Speisesaal dient, setze ich mich auf einen Stuhl. Hunger. Da sehe ich einen Gabentisch. Entweder abgelaufene Lebensmittel oder milde Gaben. Ich entdecke eine lange Nougatstange. Sicher 50 Zentimeter lang. Ohne Verpackung, ohne Ablaufdatum.

Die packe ich in meine Tasche und gehe raus. An der Haltestelle schiebe ich mir die 50 Zentimeter lange Stange in den Mund. Oh, Gott, schmeckt das gut. Gierig zerhacke ich das lange Stück mit meinen Zähnen. Brösmeli fallen auf den Boden. Die Leute gucken mir fasziniert zu. Ich murmle leise «Halleluja» und denke mit Dankbarkeit an Pfarrer Ernst Sieber.

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Ein Kommentar zu “«Halleluja»”

  1. KMS a PR sagt:

    der pfuusbus ist eine gute sache. ABER – herr frenkel – bier über die schuhe zu leeren ist eine TODSUENDE! daminomal.

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