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Pendeln mit dem Pannenpass

Réda El Arbi am Donnerstag den 18. Februar 2016
Ohne funktionierendes Lesegerät ein nutzloses Stück Plastik.

Ohne funktionierendes Lesegerät ein nutzloses Stück Plastik.

Ich hab jetzt auch so einen Swiss Pass von den SBB. Und zu Beginn war ich mir ja nicht so sicher. Wegen dieser ganzen Datensammlung und so. Meine eher paranoiden Freunde meinten, die SBB würden nun immer wissen, wann ich wo war. Was die ja nicht wirklich etwas angeht, wie der Schweizer Datenschützer ja auch findet. (Offenbar müssen sie bald die Daten wieder löschen.)

Also war ich die ersten paar Tage etwas besorgt, weil die SBB nun speichern könnten, wann ich mit welchem Zug von Hinterpfupfikon nach Oberpfupfikon gereist bin. Ich bin dann diese Woche auch dreimal in eine Kontrolle geraten. Ziemlich häufig, wenn man bedenkt, dass ich sonst alle paar Monate kontrolliert werde. Offenbar wollen die SBB so schnell wie möglich noch Daten erheben, sagt der Verschwörungstheoretiker in mir.

Aber überraschenderweise haben mir die Kontrollen aufgezeigt, dass die Sammelwut der Bundesbahnen völlig ungefährlich ist. Ich weiss ja nicht, wer denen die Technologie verkauft hat, aber bei den drei Versuchen hat das Gerät zum Auslesen des Chips zweimal nicht funktioniert. Also einmal wollte das Gerät gar nicht erst aufstarten, beim zweiten Mal konnte es die Information nicht aus meiner Karte lesen. Ich hab das früher schon bei Kontrollen bei anderen Passagieren gesehen. Bei der letzten Kontrolle konnte dann das Gerät meine Daten auslesen, sperrte sich aber bei zwei anderen Fahrgästen. Also: Keine Angst, die SBB kriegt gar nicht so viele Daten, wie sie gerne hätte.

Für die Kontrolleure ist das ziemlich blöd. Denn auf dem Pass ist keine von Auge sichtbare Information. Das heisst, entweder glauben sie dem Fahrgast, dass in dem Pass das drinsteckt, was der behauptet, oder aber sie müssen ihm eine Busse geben. Was doof ist, wenn dann der Pass wirklich gültig ist – und die Busse so zu einem eher ungnädigen Kundenfeedback führen würde. Also gehen die SBB-Mitarbeiter etwas peinlich berührt und ohne weitere Aktion zum nächsten Passagier und fluchen leise über ihre neuen, edel designten Geräte.

Wie häufig das schweizweit vorkommt, weiss ich natürlich nicht. Ich kenn mich aber ein bisschen in Unternehmenskultur und Psychologie aus. Wenn neue Technologie eingeführt wird, die laut Unternehmen tausendmal geprüft und für funktional befunden wurde, wird sich der Mitarbeiter hüten, zu viele Pannen zu melden. Unternehmen haben dann nämlich die Angewohnheit, das Problem im Mitarbeiter und nicht in der teuren, neuen, geilen Technik zu sehen. Und sollte das Unternehmen wirklich Angaben über das Versagen ihrer neuen Spielzeuge haben, werden die Verantwortlichen die so lange wie möglich unter Verschluss halten.

Aber grundsätzlich müsste man sich sowieso fragen, welche Beraterfirma die SBB mit der Empfehlung zu dieser Technologie über den Tisch gezogen hat. Nur so: Eine Kontrolle mit dem Gerät, selbst wenn es funktioniert, dauert pro Person sicher 30 Sekunden. Die einfache Sichtkontrolle dauert drei Sekunden. Wer immer der SBB-Leitung diesen Pass als Prozess-Improvement verscherbelt hat, sollte einen Preis im Bereich Akquise & Sales bekommen.

PS: Daten, die nicht vollständig sind, sind unbrauchbar, weil sie nicht das abbilden, was man eigentlich wissen will.

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14 Kommentare zu “Pendeln mit dem Pannenpass”

  1. Tim Birke sagt:

    Der Swiss Pass ist das Ablenkungsmanöver des SBB Chefs um seinen Bonus zu rechtfertigen. Solche Projekte (wie auch die Namensänderung der Swissair, Namensänderung des Schweizer Fernsehens) zeigen dem Volk offensichtlich das etwas gemacht wurde.
    Wenn der Swiss Pass automatisch (GPS) die Fahrt registrieren würde und man danach das Ticket zahlen könnte hätte dies einen Sinn. Bereits heute werden die Daten mit mobilen Telefonen und Apps getrackt.

    Wenn sie die SBB in Swiss-Bahn umbenennen war es meine Idee.

  2. Ruedi sagt:

    Heute kaum mehr vorstellbar wie das Früher war, so ganz ohne Swiss Pass und alles andere.

    Bild Pendlerstress am Zürcher Hauptbahnhof 1847:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Isenring_Bahnhof_Z%C3%BCrich_1847.jpg

    Bild Provinz Bahnhof Baden ca. 1850:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bahnhof_Baden_ca_1850.jpg

  3. Ruedi sagt:

    Ach…Seufz…ja…ja, zu Spanisch Brötli-Bahn-Zeiten war die Zugwelt noch in Ordnung.

    Die Fahrt von Baden nach Zürich 1847, 23Km in 45 Minuten, für 80 Rappen das Generalabonnement für die ganze Schweiz und die einzige Bahnstrecke, ein Naturparkerlebnis mit offenem und freiem Land.

    Keine Häuser- und Strassen-Schluchten, kein Multikulti, nur Indianer und Prärie. Da hatte man noch Zeit, Muße und Spanischbrödli aus Baden…schnügetüge…schnügetüge…uuuhhhuuu…gut durchgeschüttelt und geräuchert kam man ans Ziel.

    Aber immerhin weiß man jetzt dass der Blogger eine Jungfrau ist, das erklärt natürlich so
    einiges 😉

  4. Rolf Heiniger sagt:

    Schade, dass sie sich für die Datensammlerei der SBB vor deren Wagen spannen lassen und die Kontroll und Überwachungskultur, was für ein hässliches Wort, verharmlosen. Das Ziel der SBB wird nicht sein unmittelbar zu wissen wo sie sich befinden, das interessiert höchstens die Polizei oder den Staatsschutz. Das Ziel der SBB ist zukünftig alle GA, Halbtax und normalen Billlete abzuschaffen und zeit und streckenabhänge Preise zu verlangen und das wird wie man zum Beispiel an Holland bereits sehen kann extrem teuer, massiv teurer.

  5. geezer sagt:

    “Wer immer der SBB-Leitung diesen Pass als Prozess-Improvement verscherbelt hat, sollte einen Preis im Bereich Akquise & Sales bekommen.” aber scho sicher! schliesslich handelt es sich bei diesen leuten mit grosser wahrscheinlichkeit ausschliesslich um superhöchstqualifizierte fachkräfte mit HSG- und MBA-abschlüssen und noch ganz vielen anderen (ein-)bildungen. wie hiess es mal so schön treffend in einer werbung: alles wird besser, valser bleibt gut………

  6. Sven Meier sagt:

    Wir haben durchaus andere Möglichkeiten, das Abo zu prüfen, wenn der SwissPass Chip nicht gelesen werden kann, ohne dass wir ein Formular ausstellen müssen.

  7. Venty sagt:

    Ich hab mir nochmal eins der schoenen alten GA geholt. Wenn mans ueber einen Firmenaccount kauft, dann geht das. Und eine Firma ist einfach eine juristische Person, also auch eine Einzelfirma oder, wie in meinem Fall, ein Verein. Einzig muss mans halt mit Kreditkarte bezahlen, weil das per Rechnung etwas verkompliziert wird von seiten SBB.

  8. Natalie Meyer sagt:

    Sorry, aber 30 Sekunden dauert das nie. Sogar wenn der Kondukteur das Ding dreimal hinhält, bis es gelesen werden kann, ist es keine halbe Minute.
    Ich pendle seit Oktober mit dem Swiss Pass und es ist stetig besser und schneller geworden. Und dass es nicht mehr funktioniert, hatte ich seit Dezember nicht mehr.
    Und ganz ehrlich: mir ist es sogar recht, wenn die SBB Daten sammeln. Dann wird der Halt im Wankdorf am Morgen vielleicht eeeeendlich eingeführt 🙂

    • Réda El Arbi sagt:

      Also in den letzten 6 Wochen hats bei deinem Pass ohne weitere Probleme funktioniert 🙂 Das ist in etwa so aussagekräftig wie meine drei Kontrollen 😀

      • Natalie Meyer sagt:

        😀 Na eben, man soll ja auch Gleiches mit Gleichem vergleichen. Oder so 😉

      • Cybot sagt:

        Ich fahre schon seit Anfang August täglich mit dem Swisspass im Intercity, wo man fast immer kontrolliert wird. Länger als 5 Sekunden dauert die Kontrolle nur noch sehr selten. Aber letztlich ist es mir als Fahrgast doch auch herzlich egal, wie lang die Kontrolleure brauchen, das ist doch einzig deren Problem, nicht meins.

        • Bänninger sagt:

          Frau Meyer, wieso denn nicht die Intercity-Züge in Schlieren, Baden, Aarau, Olten u.a. anhalten lassen? Auch dort würden viele Passagiere – sogar solche die weder bei der Post noch bei der SBB arbeiten – zu- und aussteigen.
          Lasst uns das Rad zurück drehen. Vielleicht wird’s wieder gemütlicher und es bleibt jede Menge Zeit, den Super- Swisspass in aller Ruhe zu kontrollieren.

          • Natalie Meyer sagt:

            Ich arbeite weder bei der Post noch bei der SBB – aber wie ganz viele andere im Industriegebiet beim Wankdorf.

            Und der Zug, der hätte anhalten sollen, ist kein normaler Intercity, sondern ein dazwischengeschobener. Und den könnte man problemlos noch in Olten anhalten lassen.

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