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Ernsthafte Humoristin

Réda El Arbi am Donnerstag den 25. Juni 2015
Hirn und Humor: Yonni Meyer aka Pony M.

Hirn und Humor: Yonni Meyer aka Pony M.

Diese Woche trafen wir in unserer Serie «Plaudern mit …» Pony M. aka Yonni Meyer auf etwas Smalltalk, der am Ende gar nicht so belanglos war. Sie bat uns ins altehrwürdige Piccolo Giardino im Kreis 4, unweit ihres Zuhauses. Während sie mit ihrem Lowrider-artigen Damenvelo vorfährt, suche ich einen ungestörten Platz.

Normalerweise fragen dich die Leute wohl, warum du das Pseudonym «Pony M.» benutzt. Mich interessiert aber eher, was «Yonni» für eine Abkürzung ist.

Gar keine. Ich heisse tatsächlich so. Meine Eltern waren während der Diktatur mit dem IKRK in Argentinien und dort lernten sie eine Krankenschwester kennen, die Yonni heisst. Der Name kommt aus Uruguay.

Wir bestellen Pasta.

Du reitest ja gerade wirklich auf einer Erfolgswelle. Kolumne, Buch, Lesungen. Alles, was du machst, scheint sich zurzeit in Gold zu verwandeln …

Inzwischen kann ich das Ganze auch mehr geniessen, da ich nicht mehr so unsicher bin. Der grösste Hype ist auch schon ein bisschen vorbei, worüber ich nicht unglücklich bin. Eine Zeit lang wars fast unangenehm, so im Fokus zu stehen. Es ging ja vor zwei Jahren sehr schnell los und ich fühlte mich hin und wieder überfordert. Nicht, dass ich nicht gerne im Rampenlicht stehe, sonst würde ich das ja nicht machen, aber jetzt ists friedlicher.

Mfpm mmjöm Pmmy M. mmjam?

Geistige Notiz: Man hört nichts auf dem Mitschnitt, wenn ich meine Fragen mit vollem Mund stelle. Das könnte unhöflich wirken.

Wer warst du, bevor du als Pony M. mit dem Bloggen begannst?

Gute Frage. Ich bin Psychologin, habe aber nie therapeutisch gearbeitet, sondern hauptsächlich in der Forschung. Während des Studiums war Humor während vier Jahren mein Forschungsgebiet.

Humorforschung? Das hört ich geil an. Erzählt man Probanden Witze und notiert sich dann, wo sie lachen?

Das gibt’s schon auch, aber die Forschung, in die ich involviert war, geht eher Richtung gelächterspezifischer Störungen. Es gibt Leute, die sich über das allgemeine Mass hinaus davor ängstigen, ausgelacht zu werden. Das nennt sich Gelotophobie. Oder das Gegenteil, Gelotophile. Leute, die einen Lustgewinn daraus ziehen, ausgelacht zu werden. Das kann dazu führen, dass sich Leute extra Situationen kreieren, in denen sie ausgelacht werden, also eine Art Klassenclown in extremis.

Am Schwierigsten ist wohl der Katagelastizismus. Das sind Leute, die gerne andere auslachen. Also nicht die normale Schadenfreude, sondern Menschen, die andere extra in Situationen bringen, in denen sie ausgelacht werden.

Natürlich hat jeder Anteile aller drei Störungen in sich, aber meist nicht so krankhaft, dass man selbst oder andere wirklich darunter leiden.

Dann ist der Typ, der andere zum Spass blossstellt, nicht einfach ein Idiot, sondern leidet unter fehlender Empathie?

Einer der Hauptbestandteile meiner Forschung war der Zusammenhang von Katagelastizismus und Empathie. Ich konnte feststellen, dass viele sehr schadenfreudige Menschen wirklich einen Empathiemangel ausweisen – man kann also davon ausgehen, dass viele von ihnen nicht wissen, wie weh sie ihrem «Opfer» tun.

Dann ist man als empathischer Mensch eher im Nachteil? Verletzlicher?

Empathie, Verständnis und Mitgefühl können eine Falle für den Selbstschutz sein. Ich glaube aber auch, dass man durch Empathie die Menschen viel länger gern hat. Ich hatte jedoch eine Zeit, in der ich für jeden Idioten Mitgefühl aufbrachte, weil ich seine Motivation, seine Schwäche verstand oder zumindest zu verstehen versuchte. So fiel es mir dann schwer, mich abzugrenzen. Mit der Zeit stellte sich aber ein Gleichgewicht zwischen Empathie und Abgrenzung ein, das mich mein Gegenüber verstehen lässt, ohne dass ich meine eigenen Bedürfnisse dabei vergesse.

Du hast also Humor studiert, damit du die Leute zum Lachen bringen kannst?

Nein, nicht wirklich. Die Humorforschung war für mich nur ein Abschnitt. Positive Gefühle sind viel schlechter erforscht, und mir machte es Spass Grundlagenforschung zu betreiben. Aber irgendwann wollte ich dann doch noch etwas mit einem tieferen Sinn tun.

Schlechte Gefühle erforschen?

Nein, eher in einem praktischen Umfeld arbeiten, irgendwas, das in der Gesellschaft einen Unterschied macht. Also ging ich in den Strafvollzug. Dort sah ich dann ganz andere Aspekte der menschlichen Emotionen. Ich arbeitete für den Psychiatrisch-Psychologischen Dienst des Justizvollzugs des Kantons Zürich und konnte in diesem Rahmen in den Gefängnissen des Kantons klinisch arbeiten, u.a. auch im Ausschaffungsgefängnis. Das war eine Zeit, die mich nachhaltig geprägt und bestimmt auch dazu beigetragen hat, dass ich mich heute aktiv gegen Rassismus einsetze. Dieses Jahr bin ich zum Beispiel Botschafterin für die Antirassismus-Kampagne «Bunte Schweiz» der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus.

Der Wandel scheint ja auch bei deinem Blog durchzuschimmern. Vom Humor zu ernsthafteren Themen …

Ja, zu Beginn war Pony M meist humoristisch, aber mit der Zeit wurde mir das zu eintönig. Es gibt so viele Bereiche, über die man spannend schreiben kann, ich will mich da nicht einschränken.

Verlierst du da nicht dein Stammpublikum?

Einige meiner Freunde warnten mich vor zu ernsten Themen. Aber das ist mir egal. Ich schreibe über Dinge, die mich beschäftigen, ob witzig oder nicht. Ich zwinge ja niemanden, meine Texte zu lesen. Und offenbar sind da noch genug Leute, die sich auch für die anderen Themen interessieren.

Wir werden auf jedenfall gespannt weiter mitlesen!

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9 Kommentare zu “Ernsthafte Humoristin”

  1. Werner Meyer sagt:

    Wie wär’s mit Islamisten bespassen? (Ich bin gespannt, was sich Réda El Arbi jetzt für eine Geschichte ausdenkt)

    • Réda El Arbi sagt:

      Ich könnte was über pädophile Priester schreiben. Islamisten finden das sicher lustig.

  2. Anton Keller sagt:

    Willkommen in der Flüchtingsindustrie

    • Réda El Arbi sagt:

      Oh, ein Kandidat für eine Sightseeing-Bootstour im Mittelmeer! Herzlich willkommen, bitte nehmen Sie neben den Kriegsflüchtlingen Platz. Wir werden Ihnen gleich eine hübsch servierte Krankheit am Platz servieren. Auf dem Zettel vor sich dürfen Sie Wetten auf ihre Überlebenschancen abgeben. Sollten Sie noch Bargeld auf sich tragen, geben Sie dies bitte aus Sicherheitsgründen den freundlichen Schleppern, die in Kürze bei Ihnen vorbeischauen werden. Andernfalls kann es sein, dass Sie an einer Kugelinfektion oder an Wasser in der Lunge dahinscheiden. Wir wünschen Ihnen eine unterhaltsame Überfahrt. Oder , wenn Sie es nicht ganz nach drüben schaffen, einen schnellen und freundlichen Tod.

      Henry Dunant wäre sicher stolz auf Schweizer wie Sie.

  3. geezer sagt:

    höchst interessant! ich hoffe, dass wir beim nächsten interview noch mehr fremdwörter lernen….:-)

    • Yonni Meyer sagt:

      Ich werde mir bis dahin gerne ein paar neue suchen. Hier ein Anfang: Hippopotomonstrosesquippedaliophobie. Das ist die Angst vor langen Wörtern. Kein Scherz.

      • geezer sagt:

        genau daran leide ich!!! ich muss gleich mal einen termin bei der IV vereinbaren…:-)

        • max sagt:

          Ich bin IV-Rentner und finde Ihren Kommentar nicht so lustig. Vielleicht habe ich ihn falsch verstanden?

          • geezer sagt:

            max, das war natürlich ironisch gemeint. heute gibt es für jeden noch so unbedeutenden gugus ein entsprechendes ‘krankheitsbild’ (siehe oben). das finde ich, ganz im gegensatz zur institution der IV, lächerlich.