Unter dem Radar

Miklós Gimes am Mittwoch, den 20. Juli 2016

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Wollishofen war mal das hässliche Entlein der Stadt. Traumhafte Lage über dem See, aber grau und bieder, irgendwie vergessen gegangen. Doch jetzt, hört man, ist das Quartier so begehrt, dass die Mieten unbezahlbar geworden sind, es sieht aus, als würde aus dem Entlein doch ein Schwan. «Wollishofen ist das neue Seefeld, wissen Sie das nicht?», verkünden die Vermieter.

Wobei, im «Baublatt», dem Fach­magazin der Branche, stand schon vor sechs Jahren, wie in Wollishofen alteingesessene Mieter durch teure Neubauprojekte vertrieben werden: «Im Zürcher Seefeldquartier spielt sich Ähnliches schon seit langem ab. Wohnungen für den Mittelstand werden immer rarer. Und wo einst kleine Läden für den täglichen Bedarf waren, finden sich trendige Bars und teure Boutiquen. Nun spricht man in Wollishofen von einer Seefeldisierung.»

Sechs Jahre später sind die teuren Wohnungen in Wollishofen Alltag, Phase eins der Seefeldisierung sozusagen ist abgeschlossen, einzig die trendigen Bars hab ich noch nicht entdeckt. Es gibt ein paar gute Beizen, das Bürgli, die Seerose, die gab es schon, bevor ich hierherzog, wie auch die Rote Fabrik, eine Institution, die Gott lange erhalten möge. Beim Zeltplatz hat Fischer’s Fritz aufgemacht, eine Filiale des Péclard-Imperiums, und wohlwollend verfolgt wird der Anlauf einer trendigen Truppe aus Zug in der Wöschi am See, wo schon einige gescheitert sind. Aber dann wirds bald vorstädtisch, gesichtslos, Kebab, Irish Pub, Pizzeria.

Anders das Seefeld drüben am rechten Ufer. Es hat eine Geschichte, ist seit über 40 Jahren ein Anziehungspunkt für junge Singles und Familien aus dem Mittelstand, der See ist nahe, es hat gute Schulen und Zusammenhalt im Quartier. Erst kamen die Alternativen, die Künstler, dann die Werber, die freien Berufe, sie trugen alle zur Gentrifizierung des alten Handwerkerviertels bei. Aber mit einem Anspruch an Lebensqualität, einem unkomplizierten Lebensstil, auch einem Community­spirit, der heute noch in der städtischen Backsteinsiedlung beim ehema­ligen Tramdepot weiterlebt.

In Wollishofen dagegen gibt es kein Kaffeehaus, keinen Treffpunkt mit einem Hauch von Brooklyn oder Berlin, keinen Ort für Szenis, junge Mütter oder Bohemiens. Vielleicht habe ich etwas übersehen, aber Wollishofen erweist sich als Hipster-resistent, nicht einmal der klassische Secondo mit höheren Ansprüchen hat einen Neo-Italiener aufgemacht, bloss der türkische Metzger bei der Tramendstation macht den besten Döner der Stadt, aber nur an gewissen Tagen, ein Geheimtipp. Dabei hätte Wollishofen einen naturgegebenen Treffpunkt, die Badi, und selbst dort ist das Beizli – ­sagen wir mal – umstritten.

So ist Wollishofen eine Art Seefeld ohne trendigen Schub geblieben, unter dem Radar durchgerutscht; ehrlich gesagt, vielleicht ist das gar nicht schlecht. Denn das Trendige – wer kann bei so hohen Mieten noch cool sein? Wer kann sich unter diesen Bedingungen halten? So redet die Stimme der Vernunft. Doch ganz heimlich träumen wir weiter von einem liebenswürdigen Lokal: feines Angebot, Charme, Anmut, immer geöffnet, mitten im Quartier. Ein Stück Heimat. In Wollishofen.

Die Hausfrauen-Hölle

Réda El Arbi am Montag, den 18. Juli 2016
Ein Hort der Finsternis: Mamis in Badis

Ein Hort der Finsternis: Mamis in Badis

Eigentlich finden ja die grossen Sexismus-Debatten immer über Männer statt. Aber vielleicht sollte man einfach mal einen Nachmittag in einem beliebigen Zürcher Freibad verbringen, um sich einer anderen, tiefgreifend sexistischen Struktur in unserer Gesellschaft bewusst zu werden. Für mich waren die letzten Tage ein Blick in einen Abgrund.

«Die hat recht zugenommen seit der Schwangerschaft. Früher haben ihr alle hinterhergeguckt», ist einer der Sätze, die vor ein paar Tagen am Nachbartisch zwischen zwei Müttern bei der Begutachtung einer etwas abseits stehenden anderen Mutter fielen. Ein anderer Satz über eine andere Mutter von anderen Müttern: «Die machts sichs leicht. Die gibt ihre Kinder jeden Tag in die Krippe, obwohl sie nur sechzig Prozent arbeitet.»

Dazu kommt natürlich das Augenverdrehen, wenn eine Mutter sich nicht Meute-konform verhält. Bisher bin ich immer mit dem Vorurteil durch die Welt, dass Frauen grundsätzlich sozialer sind. Vielleicht, weil ich mich bisher mehr oder weniger von den Hausfrauen-Höllen in ganz bestimmten Teilen der Freibäder  ferngehalten habe.

Nur, was ich an bitterer Abwertung von Frauen gegenüber anderen Frauen die letzten Tage gesehen und gehört hab, erschreckt mich. Natürlich sind nicht alle so. Es gibt auch verständnisvolles Lächeln, wenn  ein Mami mal mit ihrem laut täubelnden Kind an die nervliche Belastungsgrenze kommt. Aber das sind immer einzelne Mütter, die sich mit anderen einzelnen Müttern solidarisieren.

In Gruppen scheint die Hauptaufgabe von Müttern die Be- und Verurteilung anderer Frauen zu sein. Es scheint einen unausgesprochenen Kodex für ideales Muttersein zu geben. Und natürlich erfüllt ihn keine der Mütter, die gerade nicht zur Gruppe gehören. Und es trifft nicht nur andere Mütter. Es trifft auch Frauen ohne Kinder, Singles und junge Mädchen. «Die kann sich halt nicht festlegen. Wenn die mal Kinder hat, reicht die Zeit auch nicht mehr fürs Fitness.» Oder: «Die geniesst ihr Leben aber in vollen Zügen» – in einem Ton, der bitter andeutet, dass die junge Dame zu viel Spass an Männern hat, sich gefälligst schwängern lassen und ihren Dienst an der Gemeinschaft antreten soll.

Des weiteren wird über die Männer der anderen Frauen gesprochen: «Sie ist wieder alleine. Ihr Typ hat sie verlassen, ohne ein Wort. Aber (in wissendem Ton) wir wissen ja nicht, was sich da abgespielt hat.»

Die Häufung solcher Dialoge in letzter Zeit hat mich unvorbereitet getroffen und wirklich deprimiert. Mein durchaus positives Frauenbild beginnt zu wackeln. Jede andere Frau wird gemustert, taxiert, kommentiert. Und nicht mit liebevollem Spott, sondern oft in unterschwelliger, giftiger Bösartigkeit.

Nun könnte man das unter «Stutenbissigkeit» abhaken, wenn da nicht die andere Seite wäre: Natürlich gibts inzwischen auch jede Menge Männer, die mit Nachwuchs in der Badi rumhängen. Und wenn einer von denen so mit seinem Handy beschäftigt ist, dass er nicht bemerkt, wenn er seinen Zweijährigen  in der Sonne rösten lässt, kommen die Harpyien freundlich und tragen den Kleinen in den Schatten.

Männer, die ohne kleinen oder grossen Anhang in der Badi rumhängen, sind sowieso Hähne in Körben. Selten kriege ich so viele flirtende Blicke wie in der Hausfrauenecke. Natürlich nur, bis ich meinen Ehering  aufblitzen lasse wie der Bösewicht seinen Goldzahn im Hollywoodfilm.

Also, in Gruppen beurteilen Frauen andere Frauen nur unter dem Aspekt ihrer Attraktivität oder ihrer Mutterschaftsskills. Männer hingegen sind grundsätzlich in Ordnung.

Bitte, liebe Frauen und Mütter, bestätigt mir, dass dies nur eine zufällige Häufung solcher Dialoge in meiner Wahrnehmung war. Dass ihr nicht jedesmal zu giftspritzenden Schlangen werdet, wenn ihr in Gruppen unter euch seid.

Ihr seid nicht alle böse, oder?

Um den Sound herum gebaut

Alex Flach am Montag, den 18. Juli 2016
Kühle Geometrie für heisse Sommernächte. Clubben im Schiff

Kühle Geometrie für heisse Sommernächte. Clubben im Schiff.

Nicht nur der Sport kennt eine off season, auch das Schweizer Nachtleben. Damit sind die warmen Monate zwischen Ende Mai und Anfang September gemeint, wenn die Clubber ihre Füsse lieber in ein stehendes oder fliessendes Gewässer halten anstatt sie auf eine überdachte Tanzfläche zu setzen. Die Clubmacher eröffnen ein neues Lokal deshalb auch viel lieber im Herbst als im Juli, da ihnen dann eine fulminante Lancierung viel eher gelingt.

Agron Isaku und seine Basler Club-Nordstern-Crew zählen zu den wenigen glücklichen Nightlife-Exponenten, die sich den Luxus leisten können auf solche Regeln keine Rücksicht zu nehmen: Vorgestern Freitag haben sie auf dem Rheinschiff «Expostar» ihren neuen Club vom Stapel laufen lassen und selten hat man gestandene Nachtleben-Grössen wie Arnold Meyer oder Moe Zahowi, den neuen strategischen Leiter des Härterei-Clubs, ähnlich beeindruckt aus der Wäsche gucken sehen.

Das Schiff war zwar bereits früher ein Nachtleben-Betrieb, aber mit dessen anrührendem 70’s-Chic hat der neue Nordstern nichts am Hut: Die Firma WSDG, die beispielsweise auch die Akustik des New Yorker «Jazz at Lincoln Center» verantwortet, hat einen Raum im Raum konzipiert und den Club mit Equipment von L-Acoustics bestückt. Hier hat man also nicht versucht als gegeben angesehene Infrastruktur möglichst gut zu beschallen, hier wurde der Raum um die Akustik herum gebaut, und das mit beeindruckendem Endergebnis.

Der neue Nordstern ist eine Alternative zum state of the art der musikaffinen Schweizer Clubs. Zur Veranschaulichung eignet sich das Zürcher Haus von Klaus (ehemals Kinski Club), das gerade einen eindrücklichen Hype erlebt. Die Betreiberschaft um DJ Nici Faerber und Alain Mehmann (Heaven Club) durfte bei Eröffnung Anfang dieses Jahres nicht eben auf Vorschusslorbeeren bauen – nicht wenige Szeneleute winkten gar verächtlich ab und gaben “dem Laden” ein paar Monate bis zur Aufgabe. Sie haben sich getäuscht. 

Ihr zweigeschossiger Langstrasse-Club sieht ein wenig aus, als sei er von Divine und dem verrückten Hutmacher aus Alice im Wunderland eingerichtet worden: Überall wo man hinschaut gibt es witzige und überraschende Details zu entdecken, alles wirkt zusammengewürfelt und kommt doch zu einem stimmungsvollen Ganzen zusammen. Das Haus von Klaus ist ein mit viel Liebe eingerichteter Do It Yourself-Club, bei dem man annimmt die Besitzer hätten kurz vor Türöffnung die letzte Glühbirne eingedreht und die Einrichtungsgegenstände nochmals zurechtgerückt. Dieser heimelige Charme ist eine Gemeinsamkeit vieler Zürcher und Schweizer Subkultur-Clubs.

Der Nordstern hingegen wirkt auf den ersten Blick kühl und geometrisch, einige fühlen sich bei seinem Anblick gar an den Film Tron mit Jeff Bridges erinnert. Dennoch könnte er ein Blick in eine mögliche Zukunft des Schweizer Clubbings sein. Für die Akustik gebaute Clubs wie der neue Nordstern werden die verspielten Wohnzimmer-Lokale nicht ablösen weil das einfach sehr Vielen gefällt. Müssen sie auch gar nicht: Sie eröffnen eine neue Dimension die mit dem Status Quo eine Koexistenz eingehen kann.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 15. Juli 2016

«Wir sind an einem guten Punkt.»

(Visualisierung: PD) Zum Artikel

Bekommt Zürich doch noch sein «richtiges» Fussballstadion? Private Investoren wollen das Stadion, zwei Hochhäuser und eine Wohnüberbauung auf dem Hardturmareal finanzieren. Dennoch ist eine Volksabstimmung wahrscheinlich. Stadtrat Daniel Leupi (Grüne) ist für das neue Projekt voller Optimismus. (Visualisierung: PD) Zum Artikel

 

«Ich frage mich die ganze Zeit,
was in meinem Hirn passiert.»

(Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

«OS Love» des Zürcher Filmers Luc Gut ist ein kleines Meisterwerk: eine humorvolle Spiegelung unserer hektischen Arbeitswelt. Aber wer den Kurzfilm zum ersten Mal sieht, kapiert fast gar nichts. Denn für manche Zuschauer geht alles zu schnell. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Ziemlich oft. Als Gott die Frau schuf,
hat er sich mehr Zeit genommen.»

(Foto: Raida Durandi) Zum Artikel

Der Zürcher Sänger Marc Sway auf die Frage, in welchen Situationen er lieber eine Frau wäre. (Foto: Raida Durandi)

 

«Wer bei uns Leinwand-Platz mietet,
investiert in eine bessere Welt.»

(Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

Das Zürcher Künstlerduo Veli & Amos vermietet in Zürich-West Werbeflächen. Wer den Zweck dahinter herausfinden will, ist nachher nur eines: verwirrt. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Ein erstaunliches Gespür dafür,
Personen in Szene zu setzen.»

(Foto: PD) Zum Artikel

HR Giger war nicht der, den man aufgrund seiner Bilder erwarten würde: Eine neue Fotoausstellung zeigt den Künstler von seiner privaten Seite. Er ist zwar der Erfinder des Hollywood-Gruselmonsters Alien, aber man tut Giger unrecht, wenn man ihn ausschliesslich auf diese Arbeit reduziert. Die Ausstellung zeigt es: Hingehen, schauen, staunen. (Foto: PD) Zum Artikel

 

«Entweder man hat es oder man hat es nicht.»

Sibylle Baumann im Palmenhaus des alten botanischen Gartens Zürich - hier erzählt sie Geschichten unter dem Label "die urbane Grünoase"

Die Zürcherin Sibylle Baumann erzählte schon als Kind gerne Geschichten. Und die Leute hörten ihr zu. Geschichten faszinierten sie, und sie hatte das Bedürfnis, diese mit anderen zu teilen, sie weiterzuerzählen. Heute kann die 46-Jährige davon leben. (Foto: Doris Fanconi)

 

«Da ist Nacktheit fehlt am Platz.»

(Foto: Werner Schüepp) Zum Artikel

Christoph Doswald von Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Zürich sagt, es lohne sich, in der City nach nackten Statuen Ausschau zu halten. Und er weiss auch, weshalb es viel mehr unbekleidete Frauen als Männer gibt. (Foto: Werner Schüepp) Zum Artikel

 

«Mit jedem Erfolg, wurden die Portugal-Fahnen
grösser und grösser.»

(Foto: Raida Durandi) Zum Artikel

Für eine Nacht haben die Portugiesen nach dem EM-Fussballtriumph die Langstrasse besetzt. Ein seltenes Ereignis: Obwohl in Zürich viele von ihnen leben, nimmt man sie kaum wahr. Katja Alves, die Zürcher Autorin mit portugiesischen Wurzeln glaubt, dass sich ihre Landsleute während der EM etwas geöffnet haben. (Foto: Raida Durandi)

 

«Ohne Hauptsponsor klafft eine
grosse Lücke im Budget.»

(Foto: Ennio Leanza)

Vorhang auf für das Kino am See: Gestern startete Zürichs bekanntestes Freiluftkino am Zürichhorn. In einem Monat werden über 30 Filme gezeigt. Gründer und Organisator Peter Hürlimann hat mit Allianz Versicherungen einen neuen Partner für das Open-Air-Kino gefunden, nachdem der Mobilfunkanbieter Salt im letzten Jahr abgesprungen war. (Foto: Ennio Leanza, Keystone)

 

«Total veraltet, innen und aussen Rost.»

(Foto: Tages Anzeiger) Zum Artikel

Zürichs wichtigste mobile Notschlafstelle ist komplett veraltet und setzt an vielen Orten Rost an: Der Wagen von Pfarrer Ernst Sieber hat ausgedient und muss dringend ersetzt werden. Doch die Spenden dafür sind bis jetzt bescheiden ausgefallen. Das neue Fahrzeug kostet 100’000 Franken. Für die Geldsammlung setzt der Obdachlosen-Pfarrer erstmals auf das Internet. (Foto: Tages Anzeiger) Zum Artikel

Den Platz zu Ende bringen

Miklós Gimes am Mittwoch, den 13. Juli 2016
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Am Kreuzplatz gibt es eine Migros, in dem sich die halbe Welt trifft, alle Schichten der Stadt, Hipster, Penner, Grossfamilien, eine bunte Gemeinde. Das weiss ich noch von früher, als ich in der Nähe gewohnt habe. Es ist eine Weile her. Wahrscheinlich arbeitet der Fischverkäufer nicht mehr da, er hat wirklich für seinen Beruf gelebt. Ich musste an ihn denken, als ich in der legendären EM-Bar des Sportman Club eine paar Spiele verfolgte, diesmal im Häuschen gleich hinter der Migros einquartiert, wo einst der Plattenladen Rock on eingemietet war.

Es ist eine malerische Ecke dort, mit dem kleinen Hinterhof und den Baumeisterhüsli. Das ganze Biotop soll bald abgerissen werden, habe ich gehört, ein Jahr noch. Die Migros plant einen Neubau, den Wettbewerb gewonnen haben die Zürcher Architekten von Ballmoos Krucker, die einiges bauen in der Stadt, sie scheinen den Geist der Zeit zu treffen.

Ein massiver Bau wird sich dort bald breitmachen, sechs Stockwerke hoch, Arkaden. «Den Platz zu Ende bringen», hat einer der Architekten gesagt, als das Projekt präsentiert wurde. Er nannte den Schaffhauserplatz als Referenz, der vielleicht wirklich einmal ein städtischer Platz war, bevor er seine Bestimmung als Traminsel gefunden hat.

Noch wird das Migros-Projekt etwas modifiziert, kürzlich hat die Baurekurskommission entschieden, dass die Fenster nicht verdunkelt werden dürfen; mit solchen Einsprachen schlagen sich hoch bezahlte Fachleute herum. Dabei beschäftigt die Anwohner, dass ein Stück Stadt verschwindet und man sich fragt, welchen Gegenwert man denn dafür erhält.

Es habe Protest gegeben im Quartier, erzählte ein alter Freund, die Migros am Kreuzplatz sei wie ein Quartierladen, man kenne die Filialleiterin, den Metzger. Niemand habe Lust auf einen der neuen gesichtslosen Standard-Migros, die üblichen zwei Stockwerke mit Rollband, wie der Coop etwas weiter oben, kein Wunder, kaufe niemand dort ein.

Klar dachte ich erst mal: Haben die Leute keine anderen Sorgen als ihre Migros-Filiale? Aber nein, sie haben recht. Erstens wird das Quartier drüben beim Kreuzplatz grobschlächtiger, die Winkel und die kleinen Durchgänge werden weggewalzt. Und zweitens wird die ganze Stadt mit Coop und Migros zugepflastert, in allen Ausführungen, ohne dass die Vielfalt wirklich zunimmt.

Es gibt eben so etwas wie das richtige Mass, die richtige Dimension, das gilt auch für Läden. Wenn neu und gross, dann muss auch das Angebot gigantisch sein, wie in den französischen Supermärkten, in denen man sich beim Metzger verlieren kann, von der Käseabteilung nicht zu reden. Aber unsere neuen Coop- und Migros-Filialen riechen nach wirtschaftlicher Kalkulation – keine wirkliche Grosszügigkeit, kein Schlaraffenland für den Samstageinkauf.

Und für so etwas opfert man ungern einen Ort, der einem ans Herz gewachsen ist, wo man die Leute kennt, die dort arbeiten, mit ihren Sorgen. Und es soll niemand kommen, dass Anonymität zur Grossstadt gehöre, auch New York besteht aus unzähligen Dörfern.

Das Ende des Glaubens?

Réda El Arbi am Dienstag, den 12. Juli 2016
Er hätte einen Weg gefunden, die Kirche zu reformieren, ohne gleich den Sonntag abzuschaffen.

Er hätte einen Weg gefunden, die Kirche zu reformieren, ohne gleich den Sonntag abzuschaffen.

Letzte Woche musste ich lesen, dass eine reformierte Kirche in Zürich den Sonntagsgottesdienst abschafft und stattdessen am Freitag eine Gottesdienst feiern will. Quasi vom Halleluja zum  «TGiF – Thank God its Friday».  In der Meldung war sehr viel tapfere Zuversicht der zuständigen Kirchenstellen herauszulesen. Sie hätten «den Gottesdienst weiterentwickelt».

Aber im Ernst? Wenn die Kirche den Gottesdienst am Sonntag abschafft, schafft sie sich doch selbst ab.  Es ist das Eingeständnis der Niederlage, das öffentliche Bekenntnis, dass man nicht mehr ans Charisma der eigenen Botschaft glaubt.

Ich bin Atheist, mich dürfte es eigentlich gar nicht kümmern. Aber entgegen vieler meiner atheistischen Nicht-Glaubensbrüder halte ich die Kirche nicht für durchwegs schlecht und habe keinen Grund, mich über ihren Niedergang zu freuen.

Im Gegenteil, da ich aus eigener Erfahrung weiss, wie schwierig es ist, eine ethische oder moralische Orientierung nur aus den eigenen Überzeugungen heraus zu leben, beklage ich den schleichenden Untergang des Glaubens. Da er vielen Menschen eine Orientierung gibt und Trost spendet, halte ich ihn noch immer (leider) für eine wichtige Stütze unserer Gesellschaft. Solange wir nichts Besseres für Leute mit Bedürfnis nach Führung haben, um in einfachen Bildern die grossen Fragen des Lebens zu erklären, sind wir auf aufgeklärte Pfarrerinnen und Pfarrer angewiesen.

Diejenigen, die es nach Glauben dürstet, verschwinden nämlich nicht. Sie wandern zu den fundamentalistischen Freikirchen oder zu den hirnwaschenden, charismatischen Bewegungen wie dem ICF ab. DAS ist etwas, was mir als Mitglied einer säkularen Demokratie Sorgen macht. Wer nach nicht-rationalen Wundern sucht, findet sich in schamanischen Überzeugungen wieder, deren tieferen Sinn er im Internet entdeckt hat. Die Impfgegner und Verschwörungstheoretiker sind eine Folge des spirituellen Mankos unserer Gesellschaft. Überhöhter Ernährungskult, politische Ideologien, Hass und Angst, das alles entspringt aus der Orientierungslosigkeit, aus dem Verlust der ethischen Grundwerte. Und wenn ich die Wahl zwischen einem verblendeten Idealisten und einem gemässigten Gläubigen habe, wähle ich den Gläubigen.

Mir geht es nicht um den Glauben an irgendeinen Gott, sondern um das Kerngeschäft der Kirche: um die Seelsorge. Spiritualität hat nichts mit Übersinnlichem zu tun, sondern mit der Orientierung für die Seele. Seit den 50ern haben die PfarrerInnen durch das Verwechseln von Psyche und Seele die persönlichen Probleme ihrer Schäfchen immer mehr den Psychologen und den Psychiatern überlassen. Aber deren Job ist es, die pathologischen Auswüchse der menschlichen Psyche zu behandeln. Die helfen den Menschen nicht, durch die seelischen Nöte des modernen Alltags zu schiffen.

Ja, die reformierte Kirche muss sich erneuern, wieder den Weg zu den Menschen finden. Einige Kirchgemeinden  schaffen das. Sie öffnen sich den Menschen als Platz der Begegnung, sind wieder als moderne Gemeinschaft erkennbar. Aber der ganzen Welt zu zeigen, dass man nicht mehr ans eigene Team glaubt und das Hauptspiel im Stadion abzusagen, ist nicht der Weg.

Wenn eure Botschaft nicht mehr gehört wird, müsst ihr nicht eure Sendefrequenz ändern, sondern die Tonalität. Ihr habt einige universelle Wahrheiten in eurem Buch. Dieselben Wahrheiten, hinter denen atheistische Humanisten, Lifestyle-Buddhisten und eigentlich alle Menschen mit einem sozialen und ethischen Verantwortungsgefühl stehen können. Benutzt sie.

Die 25. Street Parade

Alex Flach am Montag, den 11. Juli 2016
Als die Street Parade noch nicht Massenfasnacht war: 1992 (Bild: Tom Kawarra)

Als die Street Parade noch ein Kleinkind und kein Mittzwanziger war: 1992 (Bild: Tom Kawara)

Am 13. August zuckeln zum 25. Mal die Lovemobiles durch Zürich und selbst der Street Parade-Gründer Marek Krinsky hätte sich 1992 wohl nicht träumen lassen, dass sein Umzug 24 Jahre später die Raver noch immer in Massen zu mobilisieren vermag. Dies ist beileibe keine Selbstverständlichkeit, denn die grösste Techno-Party der Welt war zeit ihres Bestehens stets von Feinden umzingelt und stand bereits 1994 das erste Mal vor dem Aus, als der damalige Stadtrat Robert Neukomm sich weigerte, sie ein weiteres Mal zu bewilligen: Sie sei zu laut, sie verschmutze die Strassen und die Innenstadt sei für solche Grossanlässe völlig ungeeignet.

Zudem seien die Initianten ein «unwichtiges Grüppchen» und man könne diesen Umzug doch auch in Basel oder Bern durchführen. Glücklicherweise darf man in der Schweiz irrenden Politikern die Meinung geigen und so machte der Stadtrat nach anhaltenden Protesten der Bevölkerung und der Clubszene einen Rückzieher.

Ironie der Geschichte: Ein Vierteljahrhundert später wird der Stadtrat nicht müde zu betonen, wie wichtig die Street Parade für das Image Zürichs ist, derweil ihr die Szene demonstrativ den Rücken zukehrt. Selbst anlässlich ihrer diesjährigen Jubiläumsausgabe verweigern ihr die Nachtleben-Macher die Zuneigung: Kein einziger Zürcher Club mit Renommee wird mit einem Lovemobile am Umzug teilnehmen, derweil bis zur Jahrtausendwende noch Rangeleien um die besten Startplätze zu beobachten waren.

Heutzutage wird man auf der Suche nach gewichtigen Zürcher Nightlife-Namen lediglich bei den DJs fündig. Neben international bekannten Star-DJs wie Carl Cox, Chris Liebing, Loco Dice, Mind Against, Martin Buttrich, Steve Lawler, Felix Kroecher, Nic Fanciulli, Pan-Pot und Art Department, werden auch bekannte Zürcher DJs aus (beinahe) sämtlichen bekannten elektronischen Clubmusik-Genres auflegen – und zwar ohne dass der Street Parade-Booker Robin Brühlmann dafür einen Rappen Gage in die Hand nehmen muss.

Die Turntable-Grössen, die in- wie auch die ausländischen, werden mehrheitlich nicht auf den Lovemobiles ihrem Tagwerk nachgehen, sondern auf einer der acht verschiedenen und entlang der Strecke positionierten Bühnen. Vor allem eine dieser Stages dürften die Herzen der Techno-Nostalgiker höher schlagen lassen und zwar die 25 Years Jubilee Stage mit dem Berliner Loveparade-Gründer Dr. Motte und den Street Parade-Veteranen Styro 2000, Gogo, Mas Ricardo, Art of Etienne, Cut A Kaos, Madness und Viola.

Trotz der abermaligen Absenz der Zürcher Clubs ist es dem Street Parade OK um seinen Präsidenten Joel Meier gelungen, ein beeindruckend besetztes und äusserst vielseitiges Programm auf die Beine zu stellen. Wer weiss: Vielleicht animiert dies doch den einen oder anderen Clubbesitzer sich heimlich an die Street Parade zu stehlen und Meier zum Jubiläum die Hand zu schütteln. Und selbst wenn nicht: Für ihn und seine Kollegen wird der 13. August wohl trotzdem ein sehr erfolgreicher und schöner (wenn auch anstrengender) Tag. Zum Jubiläum jedenfalls nur das Beste, liebe Street Parade.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 8. Juli 2016

«Naegeli ist wieder da. Ich bin sicher.»

(Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

Ist Harald Naegeli, der legendäre, unvergessene Sprayer von Zürich wieder aktiv? Kunsthistoriker sind sich sicher, dass der Künstler wieder um Häuserecken schleicht und die Wände der Häuser unsicher macht. Schliesslich sind seine Strichmännchen nie ganz aus dem Gedächtnis von Zürich verschwunden. Der Sprayer ist heute 76 Jahre alt. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Es gibt keine Hinweise auf Fehler im System.»

Foto: Georgios Kefalas (Keystone) Zum Artikel

Harter politischer Gegenwind gab es diese Woche für SP-Justizdirektorin Jacqueline Fehr. Der Mord im Seefeld veranlasst die kantonalen Parteien zu einem Angriff auf die Politikerin. Selbst aus ihrer eigenen Partei wird Kritik laut. Sie selber will von Fehlern nicht wissen. Die Urlaubspraxis mit der stufenweisen Vollzugslockerung habe sich bei Gefangenen bewährt. (Foto: Georgios Kefalas (Keystone) Zum Artikel

 

«Ein eindrücklich und fröhliches Fest.»

(Foto: Ennio Leanza/Keystone) Zum Artikel

Das Züri-Fäscht, das grösste Volksfest der Schweiz, zog rund zwei Millionen Besucher an. SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch griff bei der Festeröffnung vor lauter Freude gleich einmal zur Plastikgitarre und zupfte imaginäre Jubeltöne. (Foto: Ennio Leanza/Keystone) Zum Artikel

 

«Aus purem Egoismus»

(Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

Der Comiczeichner und Illustrator Andreas Gefe auf die Frage, weshalb er kein Veganer ist. (Foto: Doris Fanconi)

 

«Bei tausend Verträgen kann man
nicht überall hinschauen.»

(Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

Noch einmal Züri-Fäsch, diesmal aber mit einem weniger erfreulichen Thema. Hinter den Kulissen des Festen herrschen offensichtlich Zustände, die eine Menge Fragen aufwerfen. Hinter den Kulissen geht es um die Vergabe von Bier, Eis und Toiletten. Da und dort ist von Vetterliwirtschaft die Rede. Die Stadt hat bisher nur zugeschaut, obwohl es nicht zuletzt auch um öffentliche Gelder geht. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Ich sende positive Gedanken
in die Welt hinaus.»

(Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

Rudolf Brauchli ist der Glöckner von der Bahnhofstrasse, genauer der dortigen St.-Anna-Kapelle. In ihrem Glockenturm läutet er als einziger im Kanton Zürich den Gottesdienst noch von Hand ein. Dabei lässt er am liebsten den grossen Brummer, die 250 Kilogramm schwere Hauptglocke, ertönen. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Ich bin nicht sehr gesprächig»

(Foto: Esther Michel) Zum Artikel

Schauspieler kehren ihr Innerstes nach aussen. Wie schwierig das ist, weiss der 21-jährige Zürcher Tristano Dalla Bona, der Darsteller in einer neuen SRF-Dokuserie. Die fünfteilige Serie startet ab 13. Julli auf SRF1. (Foto: Esther Michel)

 

«Ich bin stolz, dass ich diese
Sprache gelernt habe.»

(Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

Inaam al-Lahham unterrichtet in Zürich Kinder, denen die arabischer Sprache abhanden zu kommen droht. Für ihr selbst entwickeltes Lehrmittel bekam sie jetzt einen Preis – von Dubais Herrscher höchstpersönlich. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Wir mussten uns lange gedulden.»

BILD: RETO OESCHGER, ZÜRICH, 04.07.2016 RESSORT: BB Königin der Nacht (Selenicereus grandiflorus), Sukkulentensammlung, Mythenquai

Spektakel in der Sukkulenten-Sammlung: Für ein paar Stunden verwandelte sich ein ansonsten unscheinbarer Schlangenkaktus in die Königin der Nacht. Und lockte 400 Bewunderer an. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Robust, mental stark und hart im Nehmen.»

(Foto: Esther Michel) Zum Artikel

So beschreibt Björn Oddsson, Geologe an der ETH, die Mentalität der Isländer. Er war vor dem Viertelfinal an der Fussball-EM noch positiv gestimmt. Unterdessen wissen wir: Jedes Fussball-Märchen endet einmal. Dennoch darf sich Island als Sieger fühlen – als Sieger der Herzen. (Foto: Esther Michel) Zum Artikel

 

 

Niemand sitzt mehr richtig

Miklós Gimes am Mittwoch, den 6. Juli 2016

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Das Gute am Brexit ist, dass wir nicht mehr allein sind. Man liest jeden Tag Interviews mit berühmten englischen Architekten und Schriftstellerinnen, die ihr Land nicht mehr verstehen. Die sich entsetzt fragen: Wo leben wir eigentlich? Es ist, als hätten wir grosse Brüder und grosse Schwestern erhalten, denen es auf einmal auch so geht wie uns.

Für uns ist das ja alles nicht neu, damit schlagen wir uns seit 1992 herum, seit der verlorenen Abstimmung über den EWR, 50,3 Prozent Nein.

Das kennen wir, erst das Staunen, das Nichtwahrhabenwollen, dann die Wut, die kämpferischen Töne – haben wir alles durchgemacht. Dann das Auf­wachen und die Erkenntnis, dass es offenbar Menschen gibt – leider die Mehrheit im Land –, die ein anderes Weltbild haben als die 49,7 Prozent der Proeuropäer. Nichts zu machen.

Ihr Engländer werdet noch sehen, denkt man etwas resigniert, wie die Europafrage eure Medien verstopfen wird, ihr werdet von nichts anderem reden, endlos verhandeln, der Schriftsteller William Boyd sieht es richtig voraus: «Man wird eine Menge Zeit, Kosten und Mühen in ein Vertragswerk stecken, dessen Vorteile man als EU-Mitglied selbstverständlich geniesst. Und am EU-Tisch mitreden kann man dann auch nicht.»

Und doch haben sie etwas Erfrischendes, die ersten Äusserungen von der Insel, es kommen neue Argumente, undogmatisch, hoffnungsvoll. «Generell halte ich Volksentscheide für ein schwieriges Instrument», sagt William Boyd im TA, «die meisten entscheiden aus dem Bauch heraus; kaum einer ist in der Lage, die Tragweite solcher Entscheidungen zu durchschauen. Der Mensch ist ein kurzsichtiges Tier, volatil, subjektiv, stimmungsabhängig. Es bräuchte eine 60-Prozent-Hürde. Solche Abstimmungen spalten die Gesellschaft, sind nicht eindeutig – und führen zu einem schmutzigen Wahlkampf voller Vereinfachungen.»

Wer bei uns so etwas sagte, der würde gelyncht. Man würde ihm Arroganz vorwerfen, niemand darf sich bei uns zum Richter über das Volk aufschwingen, die Engländer haben keine Ahnung von direkter Demokratie. Aber wir werden ihre nächsten Schritte beobachten.

So wie wir die Österreicher beobachten werden, die haben auch Probleme, es zeichnet sich eine Front ab, die quer durch Europa geht, es kocht, es brodelt. «Niemand sitzt mehr richtig», schreibt der österreichische Filmregisseur David Schalko in der FAZ, «man hat das Gefühl, in einer Gesellschaft der Überforderten und Unterforderten zu leben. Eine aufgeriebene Zeit, in der sich niemand mehr auf irgendjemanden verlassen kann.» Schalko beschreibt eine Endzeitstimmung, er hofft auf Anregungen aus der digitalen Welt: «Es geht um die aktive Gestaltung von Lebenswelten, eines offenbart die Wut der Rechten: die Sehnsucht nach etwas Gemeinsamem

Wir leben in aufregenden Zeiten, und das Paradoxe dabei: Unser einsames Leiden am Populismus ist zu einer europäischen Krankheit geworden, wir sind nicht mehr allein, aber wir haben viel Erfahrung. Vielleicht könnte Zürich zu einer Drehscheibe der Antipopulisten werden, wo Ideen ausgetauscht werden; wäre eine Abwechslung, zwischen zwei Fifa-Kongressen.

Frauenquote im Club

Alex Flach am Montag, den 4. Juli 2016
Ist das Geschlechterverhältnis nicht ausgeglichen, kann die Party schnell langweilig werden.

Ist das Geschlechterverhältnis nicht ausgeglichen, kann die Party schnell langweilig werden.

Die sozialen Medien geben dem Volksgemüt ein Gesicht und das guckt oft empört, dann wieder erzürnt und bisweilen steht ihm vor Entsetzen der Mund weit offen. Hat man früher den Unmut über des Lebens Unfairness in einen Leserbrief abgefüllt oder ihm mit einer leidenschaftlichen Rede am Stammtisch Ausdruck verliehen, so widmet man ihm heute einen Status auf Facebook und lässt sich diesen von seinen Freunden liken. Doch manchmal, bei wahrhaft skandalösen Ungerechtigkeiten und wenn die ganze Welt davon erfahren soll, braucht man ein grösseres Ventil um Dampf abzulassen. Dann ruft man die Zeitung an.

So auch die 23jährige 20minuten-Leserin J.K., die solch unfassbarem Leid Gewahr wurde, sodass sie sich nicht mehr anders zu helfen wusste. Hier ihre Geschichte: «Mich hat vor dem Zürcher Club Plaza ein verzweifelter Mann angesprochen – er habe für den Abschluss der Offiziersschule extra eine Lounge reserviert, um dies mit seinen Kollegen zu feiern. Weil die Gruppe aus rund zehn Typen ohne Frau bestand, wurde ihr der Einlass verwehrt. Ich und meine zwei Freundinnen hatten Mitleid mit ihnen und sind mit den Jungs zum Türsteher. Doch auch das reichte nicht: Der Security beharrte auf einer Frauenquote von 50 Prozent und liess deshalb nur einen Teil der Gruppe in den Club. Ich finde das unfair».

J.K.s Klagelied stiess nicht auf taube Ohren: Nach 122 Leserkommentaren musste die Onlineredaktion des 20minuten die Kommentarfunktion wegen „der hohen Zahl eingehender Meinungsbeiträge zum aktuellen Thema“ schliessen. Am meisten Zustimmung (sagenhafte 696 Likes) fand ein Kommentar mit dem Titel «Feministen am Werk»: «Der Herr Angst (Mitglied Geschäftsleitung Plaza) hat wohl Angst und die Feministin vergleicht Äpfel mit Birnen. Anstatt dass man schaut, dass Frauen gleich viel verdienen wie Männer, sorgt man nun einfach dafür, dass Männer andere Nachteile im Leben als Frauen bekommen. Super Sache! Ausserdem: Wieso muss die Tanzfläche attraktiv wirken? Geht es in Clubs nur noch darum andere aufzureissen? Klingt für mich auch sehr sexistisch. Und wegen einigen Raufbolden die sich nicht zu benehmen wissen, alle Männer in die gleiche Schublade zu stecken, geht auch überhaupt nicht!».

Mal abgesehen davon, dass das Plaza leider nicht viel dazu beitragen kann, dass Frauen gleich viel verdienen wie Männer: Bei dieser 50%-Regelung geht es nicht um Raufbolde, sondern um ein möglichst ausgeglichenes Geschlechterverhältnis – ein dauerhaft zu hoher Männeranteil bedeutet für jeden Clubmacher auf lange Sicht das Aus, Betreiber von Schwulenclubs natürlich ausgenommen. Zudem: Eine Tanzfläche muss selbstverständlich attraktiv wirken.

Je länger man der Stampede der Entrüsteten unter dem 20minuten-Artikel zusah, umso klarer manifestierten sich zwei Fragen: Wann sind wir zu den peinlichen Wohlstands-Luschen geworden, die wegen Lounge-Reservationen(!) ein solches Tamtam veranstalten und wann ist es legitim geworden, sowas Unbedeutendes wie das hier auf eine Stufe mit geschlechterspezifischer Benachteiligung im Berufsleben zu hieven?

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

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