Der Techno-Geburtshelfer

Alex Flach am Montag, den 27. März 2017
Ueli alias Manuel Mind ca 1995 mit Chäppi-

Ueli alias Manuel Mind ca 1995 an der Street Parade und mit Chäppi. Rechts von ihm: Patrick “Noise” Finger.

28 Jahre sind es nun, die Ueli alias Manuel Mind durchs Schweizer Nachtleben geistert. Diese Zeit ist ziemlich exakt deckungsgleich mit jener, in der Techno in diesem Land eine Rolle spielt und das ist kein Zufall: Manuel Mind zählt zu den Schweizer Türöffnern des Genres. 1989 war’s, als der damalige Teenager sich nach Interlaken aufmachte um mit Boumi B und der Berner Szene-Ikone Marco Repetto seine allererste Party zu schmeissen.

Auf dem Flyer standen damals die Namen von noch unbekannten DJs, wobei zu jener Zeit noch viele gar nicht wussten was ein DJ überhaupt ist. Mit den beiden Worten «Acid» und «House», die ebenfalls vom Flyer prangten, konnte das Gros der Bevölkerung erst recht nichts anfangen. Es ist nicht gelogen, wenn man behauptet, dass die Lebensader dieses Mannes, der sich Manuel Mind nennt, die Musik ist. Sie ist es für die er stets in die Clubs gegangen ist und geht, sie ist es die ihn antreibt und sie ist es, die ihm die Energie gibt auch heute noch Partys zu veranstalten.

In den Anfangszeiten der elektronischen Clubmusik in der Schweiz hat Manuel Mind die allererste Energy-Party nach der Street Parade mitveranstaltet, zusammen mit Arnold Meyer, Bruno Stettler, Thomas Bischofberger und anderen. Die Lastwagen zuckelten damals noch nicht ums Seebecken, sondern am Fraumünster vorbei, und die Energy fand noch nicht im Hallenstadion statt sondern im Kugellager SRO. Als DJ war er im Upspace in der Kanzel anzutreffen, wie auch an den Tarot-Afterhours. Manuel Mind: «Naja… es war mehr an den After-after-afterhours als an den Afterhours». Auch als Musikproduzent war er seit seinen Anfangstagen sehr umtriebig, hat zur Jahrtausendwende gar auf Oli Stumms Label veröffentlicht und der war in den 90ern (zusammen mit Djaimin und zwei, drei anderen DJs) das A und das O des Schweizer House.

Man könnte dem Irrglauben verfallen Manuel Mind sei im Geiste in den glorreichen Anfangszeiten des Schweizer Electronica-Clubbings stecken geblieben wie so viele andere, aber weit gefehlt: Er ist der Macher der Club Syndrom-Partys, die sich dem Baltimore- und dem Jersey-Club widmen, zwei Musikstilen, die sich in Zürich noch nicht durchzusetzen vermochten, wobei ihr eifrigster Schweizer Botschafter der Meinung ist, dass dies nur eine Frage der Zeit sei. Manuel Mind blickt auch nach fast drei Dekaden Clubbing vorwärts.

Die Wehmut des Alteingesessenen schwingt bei ihm dennoch mit. Aber ein klein wenig nur: «Früher gingen die Leute auch mal in eine ihnen unbekannte Location wegen eines bestimmten DJs. Heute gehen sie nur noch in bestimmte Clubs und interessieren sich gar nicht mehr wirklich dafür, wer da spielt. Viele Booker sind dadurch zu bequem geworden, zu wenig mutig». Aber er sieht auch Verbesserungen: «Die Soundanlagen sind viel besser als früher». Die Altgedienten hatten ihre Krisen, viele haben ihre Dämonen. Aber die, die heute noch dabei sind, haben begriffen worauf man sich in diesem Umfeld besinnen muss, wenn man auch nach 28 Jahren noch Leidenschaft für diese eigene, kleine Welt empfinden möchte und nicht irgendwo unterwegs verglühen.

Und das ist (eben) die Musik.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

So finden Sie eine Wohnung

Nicola Brusa am Samstag, den 25. März 2017

 

In dieser Stadt reisst eine Klage seit Jahren nicht ab: Es gibt da draussen keine zahlbaren Wohnungen. Aus dem kämpferischen «Wo-Wo-Wohnige!» wurde irgendwann ein resigniertes «Wo? Wo? Wohnige?»

Wenn dann doch mal eine frei wird, die man sich ohne auf das Auto und den Parkplatz und ein bisschen Spass im Leben zu verzichten leisten kann, dann kriegt man sie sicher nicht. Nach langen Recherchen können wir Ihnen heute aber eine Anleitung präsentieren, die zumindest in einem gesicherten Fall zum Zuschlag einer schönen, zahlbaren 2-Zimmer-Wohnung an guter Lage geführt hat. Sie können es natürlich auch nach meiner ganz persönlichen Methode machen und darauf vertrauen, dass Dumme Glück haben. Wenn Sie bis hierhin gelesen und alles verstanden haben, besteht allerdings eine erhebliche Gefahr, dass Sie sich unterschätzen.

Zurück zur 2-Zimmer-Wohnung. Es herrschten bei der Besichtigung nicht gerade Zustände wie damals, als die Türen der Neu-Überbauung an der Kronenwiese für Interessenten offen- und die Interessenten einmal um den Block anstanden. Aber auch in unserem Beispiel haben sich an jenem Tag gefühlte 200 Personen in der Wohnung eingefunden. Was der Druck auf dem Markt mit Wohnungssuchenden macht, zeigt unser Beispiel übrigens auch: Gemäss der zuständigen Verwaltung waren «nur» rund 100 und bei weitem nicht 200 Personen interessiert.

Eine von ihnen hat schliesslich den Zuschlag erhalten. Die Frage, die sie fortan umtrieb: Weshalb gerade ich?

Bewerber schrecken für gewöhnlich vor nichts zurück, um die Liegenschaftenverwaltung von ihren Mieterqualitäten zu überzeugen. Sie kratzen nicht selten an der Grenze zur Bestechung, wenn sie die Unterlagen persönlich vorbeibringen («Ich war gerade in den Nähe») statt sie per Post einzureichen. Und auch noch einen Blumenstrauss oder ähnliches mitbringen («Sie haben ja sicher einen wahnsinnig strengen Job!») und ein Foto der ganzen Familie auf der Coach auf dem Trottoir vor dem Haus anheften («Wollen Sie wirklich, dass es soweit kommt?»).

Von all diesen Strategien hat unsere glückliche Mieterin keinen Gebrauch gemachte. Sie hatte ihrer Bewerbung weder Kinderzeichnungen beigelegt noch selbergemachte Pralinen mitgeschickt. Ja, noch nicht mal einen Motivationsbrief schrieb sie, der darüber Auskunft gab, weshalb nun gerade sie unglaublich geeignet wäre, diese Wohnung zu bewohnen. Und sie sah als kinderlose Unverheiratete auch davon ab, ein Foto ihrer beiden Patenkinder in Afrika beizulegen («Was dank der vernünftigen Miete übrigbleibt, kommt ihnen zugute. Sind sie nicht süss?»). Sie konzentrierte sich auf das Nötigste: Formular ausfüllen, Betreibungsauskunft besorgen, fertig.

Nach der Unterzeichnung des Mietvertrags begann sie nach der Antwort auf ihre Frage zu suchen: Weshalb habe ausgerechnet ich diese Wohnung erhalten? Die Antwort war so einfach wie diskriminierend: «Sie haben eine schöne Handschrift.» Ob sie gegen eine kleine Aufmerksamkeit wohl auch für dritte Formulare ausfüllen würde? Selber gemachte Pralinen vielleicht? Blumenstrauss? Essigmutter? Kinderzeichnung? Eine Wurst am vorderen Sternen?

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 24. März 2017

«In Erinnerung bleiben grossartige
Parties bis spät in die Nacht.»

Radio statt Tequilla: Nach zehn Jahren schliesst die Bar La Catrina im Kreis 4. Aus dem Lokal sendet bald das Zürcher Webradio. Patrick Häberlin, der das kleine Lokal vor zehn Jahren eröffnet hat, ist dort aufgewachsen und hat mit der Bar viele schöne Zeiten erlebt. (Foto: PD) Zum Artikel

 

«Es braucht Mut, aus fünf Meter
rückwärts zu fallen.»

Andréanne Quintal hat nicht nur das Trampolin im Griff. Die kanadische Artistin coacht derzeit die Fratelli Errani im Circus Knie – und sagt ihnen auch, wenn sie einen Trick lieber sein lassen sollten. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Ich zeichne den Klang einer Person.»

Der Künstler Tobias Gutmann reist mit seinem «Face-o-mat» in verschiedene Länder und malt von Leuten abstrakte Porträts – diese seien präziser als jede Fotografie, sagt er. (Foto: Thomas Egli) Zum Artikel

 

«Ich sehe etwas kommen,
bevor es andere merken.»

Anwalt Ulrich Kohli sieht sich an der Seite der Schwächeren. Selbst wenn er Milliardär und Dolder-Besitzer Urs Schwarzenbach vertritt. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Unser heutiger Wermut
ist klar trinkfreudiger.»

Eine halbe Million Flaschen Jsotta-Wermut sind einst pro Jahre verkauft worden. Das Trendgetränk aus Zürich verschwand 1999. Jetzt wird es in Winterthur wieder hergestellt. Berthold Pluznik, VR-Präsident der Lateltin, setzt voll und mit Erfolg auf das Revival der Getränkemarke.  (Foto: ZVG) Zum Artikel

 

«Eine Spukgeschichte, die
für Zürich einzigartig ist.»

Es heisst, in Zürich gebe es keine Spukhäuser. Falsch: Ein besonders übler Poltergeist brachte hier sogar den obersten Pfarrer um den Verstand. Der Frage, wie es soweit kommen konnte, ist TA-Redaktor Marius Huber nachgegangen. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Wir platzen aus allen Nähten.»

Die «Tribute von Panem»-Filme haben Folgen: Immer mehr Zürcher wollen Bogenschiessen. Doch jetzt wirds eng. Und die Stadt unterstützt den Bau einer neuen Halle nicht. Kurt Nünlist, Präsident des Bogensportzentrum Zürich, findet kaum mehr Platz für das Training der Vereinsmitglieder. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Der Verkehr ist die
grösste Seuche unserer Zeit»»

Der Zürcher Alt-Nationalrat Roland Wiederkehr startet kurz vor Ostern eine Spendenaktion, die Unfallopfern in Indien wieder auf die Beine helfen soll. Er findet, das passe zum Fest der Auferstehung.(Foto: Gaetan Bally/Keystone) Zum Artikel

 

«Witikon ist kein Boom-Quartier mehr.»

Der Verdrängungseffekt hoher Mieten dürfe nicht unterschätzt werden, sagt Stadtforscher Philipp Klaus. Er warnt vor flächendeckender Verdichtung in Zürich. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Der Böögg vom Lande ist
kein Knallkopf wie der Städter.»

Es sieht definitiv anders aus als sein Kollege aus Zürich: In der Limmattaler Gemeinde Unterengstringen brennt schon an nächsten Sonntag ein Böögg. Er ist nicht nur früher dran als sein Zürcher Leidensgenosse, sondern geht auch entschieden mehr mit der Zeit. Bööggmeister Ralph Pfister spricht von einem «schönen Böögg». (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

«Wir Frauen müssen erneut aufholen.»

Corine und Ursula Mauch haben sich «Die göttliche Ordnung», Petra Volpes Film über das Frauenstimmrecht, angesehen. Die Zürcher SP-Stadtpräsidentin und ihre Mutter erinnern sich an ihre Familiengeschichte. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Stokys muss gerettet werden.»

Stokys kämpft mit seinen Metallbaukästen ums Überleben. Eine Online-Plattform soll die Firma aus Bauma retten, eine Ausstellung im Technorama mithelfen. Fit machen für die digitale Zukunft heisst deshalb die Devise von Stoky-Geschäftsführer Beat Schaufelberger. (Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Beim Anstehen in der Warteschlange
vor dem Frauen-WC.»

Tele-Züri-Moderatorin Patty Boser auf die Frage, in welcher Situation sie lieber ein Mann wäre. (Foto: Urs Jaudas)

 

 

Neben Sparkley im Stall

Beni Frenkel am Donnerstag, den 23. März 2017

Sparkley: Meistens schläft er, die Sau. Aber lang und tief. (Foto: Beni Frenkel)

Das hier ist eine Notfallkolumne. Es gibt viele Gründe für eine Notfallkolumne. Entweder hat der Autor nichts Gescheites geschrieben oder er lag für längere Zeit im Krankenhaus. In manchen Fällen ist der Autor auch tot. Für die Redaktion doppelt mühsam: kompliziert wegen der Buchhaltung, kein Text vorhanden! Um das zu verhindern, schreibe ich heute eine Notfallkolumne. Was ist das Besondere an einer Notfallkolumne? Für sie strengt sich der Autor noch weniger an. Heute also kein Bericht über eine Vorlesung oder einen Museumsbesuch. Stattdessen ein kleiner Text über den Streichelzoo bei mir um die Ecke.

Da ragt nämlich das Wollishofer Altersheim Entlisberg mächtig in die Höhe. Und unten gibt es ganz viele Tiere für die Bewohner: Papageien, Kaninchen, Meerschweinchen und Hühner. Ein Tier habe ich bewusst ausgelassen. Darf ich vorstellen: Sparkley, das Hängebauchschwein.

Sieht Sparkley nicht prächtig aus? Sein Bauch schleift am Boden, wenn er aus dem Stall wankelt. Meistens schläft er, die Sau, aber lang und tief. Neidisch stehe ich vor dem Gitter und schaue ihm dabei zu. Seine Haut ist porös und rissig. Er hat Schwein: Keine Frau macht ihm das Leben zur Hölle, weil er sich nicht genügend pflegt. Sparkley liegt faul, fast komatös, in seinem Schuppen und macht nichts. Einfach nichts. Wie schön muss das sein.

Im Unterschied zu Sparkley nerven die anderen Tiere. Die Kaninchen hoppeln wie blöd, die Hühner sind auch nicht besser. Die zwei Papageien, die gehen noch. Der eine kräht immer «Papagei», der andere «Hallo». Aber an Sparkley kommen sie nicht heran.

Jetzt, wo meine Frau den Frühjahrsputz macht, bin ich viel draussen. Ich gehe ins Altersheim und bestelle einen Milchkaffee. Vorsichtig laufe ich mit der Tasse zu den Tieren und setze mich auf eine Bank. Genüsslich schlürfe ich den Kaffee und gucke fasziniert zu Sparkley hinüber. Warum finde ich Sparkley eigentlich so toll?

Wahrscheinlich hat das mit meiner Religion zu tun. Als Jude darf ich kein Schweinefleisch essen, auch kein Hängebauchschweinefleisch. Ich kenne aber ziemlich viele Christen. Manche von ihnen zählen zu meinen besten Freunden. Die gucken Sparkley an und denken vielleicht an einen saftigen Braten. Ich nicht. Wenn ich das friedlich dahindösende Hängebauchschwein so betrachte, steigen bei mir Bilder aus dem Paradies hervor. Ich denke an das bedingungslose Grundeinkommen.

Wäre die Abstimmung durchgekommen, würde ich heute neben Sparkley im Stall schlafen. Ein paar Tiere – tut mir leid – müssten den Stall verlassen oder sich anpassen. Ich habe eigentlich nichts gegen Kaninchen. Aber in der Nacht will ich die nicht bei mir haben. Die lustigen Papageien müssten den Schnabel halten. Die Hühner würde ich essen.

Den Tag durch laufen viele Altersheimbewohner um das Gehege. Die störten mich nicht. Im Gegenteil. Sparkley und ich lieben es, wenn uns Menschen den Rücken kratzen. Oh, ja! Noch ein bisschen tiefer. Stärker! Ja!

Aber so weit wird es leider nicht kommen. Ich muss arbeiten, arbeiten, arbeiten. Der einzige Vorteil, den ich gegenüber Sparkley habe: Ich kann Chipstüten aufmachen.

Die Oase lebt

Miklós Gimes am Mittwoch, den 22. März 2017

Das Wort «Szene» ist nicht leicht zu definieren, es ist mehr ein Gefühl, wenn man am Helvetiaplatz aus dem Achter aussteigt, der Blick der Mütter und Väter in den Cafés, die leise Angst, etwas Falsches zu sagen, einen Code zu verletzen; die Szene ist eine Kultur des Dazugehörens.

Herz der Szene war lange das Kanzleiareal mit der Xenix-Bar, der Dorfplatz des Kreis vier, wo man sich trifft, um zu feiern und zu trauern. Doch vor Weihnachten ging das Gerücht um, das Xenix habe Probleme, «20 Minuten» sprach von einem Abgrund. «Wir waren nicht glücklich über den Artikel», sagt Geschäftsführer Eric Staub. Man sieht ihn seit Menschengedenken vor dem Lokal stehen, meist mit einer Zigarette in der Hand. Unvergesslich elegant, wie er in den 80er-Jahren den Pogo tanzte. «Es ist wahr», sagt Staub, «wir hatten Probleme, aber von Abgrund kann keine Rede sein.»

Das Xenix besteht aus einer Bar und einem schweizweit bekannten Kino mit täglich wechselndem Programm, ein kulturelles Erbe der Achtzigerbewegung mit Wurzeln bis zurück ins AJZ. Ein Programmkino zu führen, ist teuer, sagt Eric Staub, es geht nur mit den Subventionen der Stadt und den Einnahmen der Bar, die einen entsprechend grossen Gewinn erwirtschaften müsse. Der Umsatz gehe jedoch durch die enorme Konkurrenz im Kreis vier zurück, das Wetter spiele auch eine grosse Rolle, «und im Winter sind die Reserven aufgebraucht.» Darum habe sich die brutale Formulierung im «20 Minuten» im Nachhinein als Glücksfall erwiesen. «Wir waren von der Reaktion der Besucher berührt und haben starken Rückhalt gespürt.»

Es gab Zeiten, da war auf dem Kies vor dem Kanzleischulhaus kein Durchkommen an den ersten schönen Frühlingstagen, der Platz war das Eingangstor zu einem glorreichen Abend in der Stadt. Die Zeiten hätten sich etwas geändert, sagt Eric, «vielleicht eine Generationenfrage». Die Stammkundschaft sei noch da, aber die Veteranen und Veteraninnen gingen zeitiger nach Hause als früher.

Kino und Bar sind 1984 aufs Kanzleiareal gezogen, und spätestens seither ist die Gegend rund um den Helvetiaplatz Treffpunkt der Szene, später hat das neue Volkshaus-Restaurant eröffnet und die Bank, die vor kurzem aber von Rudolf Bindella übernommen worden ist, der bekanntlich nicht zur Szene gehört. Hat die Szene also den Endpunkt ihrer Ausbreitung erreicht? Wird sie vermehrt wieder auf den Schulhausplatz ziehen? Man werde sehen, meint Staub.

Das Kino zeigt eine Reihe über das rumänische Filmwunder, das Xenix-Programm ist legendär, mit den Dokfilmen um sechs, den Treffen mit den Cineasten, wo gibt es das in Zürich? Überhaupt, wo kann man noch richtige Filme sehen, auf 35 mm? Vielleicht noch im Filmpodium, dem anderen Programmkino der Stadt, mit dem sich das Xenix oft austauscht; grossartig, dass sich Zürich diese Filmkultur leistet: Das Bedürfnis des Publikums, meint Staub, sei unbestritten.

Es ist Freitagabend, trübes Wetter, doch der Platz füllt sich; wenn ich mit den Leuten anfange zu reden, komme ich heute Abend nicht mehr nach Hause, und wer weiss, vielleicht kommt ein richtiger Frühling. «Die Oase lebt», sagt Eric und zündet sich eine Zigarette an.

Gleichgewicht der Ignoranz?

Réda El Arbi am Montag, den 20. März 2017
Zum Mitschreiben: Gewaltfrei seine Meinung klar machen ist super. Gewalt nicht.

Zum Mitschreiben: Gewaltfrei seine Meinung klar machen ist super. Gewalt nicht.

Es nervt mich immer besonders, wenn Leute, die sich auf die gleichen linken Werte berufen wie ich, diese Werte nicht mal im Ansatz verstehen. Das ist für mich immer irgendwie so, wie wenn ein dummer, fetter, schwitziger, besoffener Primitivling mich lauthals «Seelenverwandter!» nennt und in der Öffentlichkeit umarmt.

So geschehen dieses Wochenende. Die SVP Zürich feierte am Sonntag ihr 100-Jahre-Jubiläum und ein paar verwirrte, gewaltbereite Linksautonome wollten sie gewaltsam stören. 130 Leute wurden dabei verhaftet und kontrolliert. Die Aktion war nicht nur strunzdumm, sie ist sogar kontraproduktiv und erzeugt Sympathien für die SVP. Sicher gabs unter den Kontrollierten auch friedfertige Demonstranten, die lautstark und zu Recht ihren Unmut äussern wollten. Aber, sorry, an einer Demonstration teilnehmen, die bereits mit Gewaltandrohung angekündigt wurde … nicht schlau. Das habt ihr den Idioten zu verdanken.

Man kann mir nun wirklich keine SVP-Nähe vorwerfen und ich finde vieles, was aus dieser Partei kommt, demokratiefeindlich und menschenverachtend. Aber in der freiheitlichen Demokratie, für die ich einstehe, haben sie ein Versammlungsrecht, egal ob ihre Ansichten mir passen oder nicht. Sie dürfen auch öffentlich ihre Meinungen äussern, und wenn sie rechtsrelevant sind, haben wir Gerichte, die das ahnden (kam schon öfters vor).

Wenn jetzt ein paar Idioten eine solche Veranstaltung –  wie gross vorangekündigt – «mit Fäusten gegen rechte Hetze» stören wollen, führen sie ihre eigenen Überzeugungen ad absurdum. Sie wollen denjenigen die demokratischen Rechte nehmen, denen sie eben die Verletzung dieser Werte vorwerfen. Was soll das? Soll damit eine Art «Gleichgewicht der Ignoranz» analog zum früheren «Gleichgewicht des Schreckens» erreicht werden? Soll asozialem Gedankengut mit asozialem Verhalten begegnet werden? Wollt ihr zu dem werden, was ihr eigentlich bekämpft?

Man kann keine Werte vertreten, indem man sie bricht. Das ist paradox. Man kann keine Freiheit einfordern, die man anderen nicht zugesteht. Versteht mich nicht falsch: Die Antifa leistet oft gute Arbeit im Aufdecken rechtsradikaler Aktionen. Sie ist auch eine laute Stimme gegen die Rechtsnationalen, die in den letzten Jahren immer stärker in Erscheinung treten. Daraus aber das Recht abzuleiten, mit Gewalt gegen Andersdenkende vorzugehen, ist … hm … im Ansatz doch irgendwie faschistisch, oder nicht?

Ich frage mich oft, wie diese Leute mit den politischen Gegnern umgehen würden, wenn sie an der Macht wären. Umerziehungslager? Deportation? Wenn man nicht mal mit der Gewalt, die man in den Fäusten hat, verantwortungsvoll umgehen kann, wie soll man dann das friedliche Zusammenleben ganzer Völker mitgestalten wollen?

Ich sehe mich als links. Weit links, wie mir viele bestätigen würden. Aber wie schon oft gesagt: Bevor ich «links» bin, bin ich in tiefster Seele Demokrat. Ich weiss, unter den Randalierern hatte es sicher ein paar Sozialisten und Kommunisten. Also defacto Antidemokraten. Und auch hier: Wie geht ihr mit den Menschen um, die nicht an eure Ideale glauben? Zur Zeit sind es etwa 98 Prozent der Bevölkerung. Wollt ihr die alle zur «Vernunft» prügeln oder vertreiben? Nein, ihr müsst verflucht noch mal die besseren Argumente haben, die überzeugenderen Werte leben.

Als Demokrat würde ich unsere Freiheiten auch mit Gewalt gegen Faschisten verteidigen. Nur sind wir nicht an diesem Punkt. Ich sags euch, wenns soweit ist.

Bis dahin wär ich euch wirklich dankbar, wenn ihr nicht meine Werte mit eurem Verhalten abwerten würdet. Merci.

Oder wie es John Lennon schon formulierte:

Outdoor feiern nur für bis zu 25jährige

Alex Flach am Montag, den 20. März 2017
Allzu viele Outdoor-Anlässe gibts aus Bewilligungsgründen nicht. (Bild: Mandy von Zu)

Allzu viele Outdoor-Anlässe gibts aus Bewilligungsgründen nicht. (Bild: Mandy von Zu)

Heute ist Frühlingsanfang und am kommenden Wochenende Umstellung auf Sommerzeit. Für die Zürcher Clubs bedeutet dies, dass sich die Nachtleben-Saison 16/17 so langsam aber sicher ihrem Ende zuneigt: Auch die Clubber ergreifen nun jede Gelegenheit die immer milderen Temperarturen und die immer längeren Tage draussen zu geniessen und opfern dafür den einen oder anderen Clubbesuch, sodass sie das nicht mit Katerbeschwerden tun müssen.

In circa drei Monaten sind sie dann gar nicht mehr in die Clubs zu kriegen und verzichten für die Cervelat über offenem Feuer und das kalte Bier unter Sternenhimmel auf ihre geliebten DJ-Sets.

Freiwillig tun sie das nicht, aber auch im anstehenden Sommer hauen die Stadtzürcher Würdenträger jedem auf die Pfoten der mit ihnen draussen eine Platte auf einen Drehteller legen will. Ausser er ist zwischen 18 und 25 Jahren alt, verfolgt mit seinen Partys keine kommerziellen Ziele, zahlt 100 Franken Gebühr und kriegt einen Stempel unter sein Gesuch für eine Jugendbewilligung für Outdoor-Partys.

Trotz ihres Erfolges bleibt diese 2012 eingeführte Jugendbewilligung aber auch ein Ärgernis, denn die Stadtverwaltung setzt hier voraus, dass Menschen die älter als 25 Jahre sind keine Outdoor-Partys feiern möchten. Für die gilt nämlich weiterhin, dass „Singen, Musizieren und der Gebrauch von Tonwiedergabegeräten von 22.00 bis 07.00 Uhr im Freien verboten sind“ und, dass „der Betrieb von Lautsprechern, Megaphonen und anderen Verstärkeranlagen zwischen 22.00 und 07.00 Uhr nur für grössere Veranstaltungen (Knabenschiessen, Sechseläuten, Quartierfeste usw.) bewilligt werden“ (Lärmschutzverordnung der Stadt Zürich).

Selbstverständlich umgehen etliche Veranstalter diese Verordnung und führen ihre Partys einfach illegal durch. Leider sind das aber nicht selten die Partymacher, die sich auch sonst nicht um allzu viel scheren, die ihren Müll einfach liegenlassen und die ihren Gästen keinen Schutz durch eine professionelle Security-Firma bieten.

Die Altersbeschränkung für Bewilligungen für Outdoor-Partys ist überholt, geht von der antiquierten Vorstellung aus, dass Leute ab Mitte 20 nicht mehr in die Clubs gehen. Diese Zeiten sind aber längst vorbei: Wurde man Mitte der 90er noch misstrauisch beäugt, wenn man als Dreissigjähriger auf einer Tanzfläche zu House und Techno gezappelt hat, rühmen sich heute viele Clubs eines „erwachsenen“ Publikums und meinen damit ein Gäste-Durchschnittsalter von 27 oder gar höher.

Viele der Leute die mit der Technorevolution Anfang Neunziger aufgewachsen sind, hören diese Musik auch heute noch. Und Techno erlebt gerade einen neuen Frühling, samt einer Unmenge grossartiger Musik von einer neuen Generation DJs und Produzenten, die das Genre revolutionieren. Es wäre zu begrüssen, wenn die Stadt rechtliche Räume schaffen würde, in denen die Musik sich auch in den warmen Monaten des Jahres und abseits der Street Parade entfalten könnte. Damit auch dieses Stück Kultur ungehindert und in einem würdigen Rahmen prosperieren kann.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

So schlagen Sie richtig zu

Nicola Brusa am Samstag, den 18. März 2017

Ende Januar wurde hier nicht gerade zur Gewalt aufgerufen, aber doch zum gezielten Einsatz von Gewalt geraten. Nicht von uns, nein, nein, von einem Profi aus den Reihen der Stadtpolizei ­(Gebrauchsanleitung vom 28. 1., ist online leider nicht verfügbar).

Das kam so: Eine Dreiergruppe, angesäuselt, aber friedfertig, sah sich unvermittelt mit einer viel grösseren, ihr nicht wohlgesinnten Gruppe konfrontiert. Worte halfen nicht weiter, davonrennen erwies sich als aussichtslos. Schliesslich bot eine dritte, noch grössere Gruppe Unterschlupf.

Der Stadtpolizist, der tags daraufauf dem Posten die Anzeige aufnahm, gab der Gruppe zwei Ratschläge auf den Weg.
Einen als Polizist im Dienst: Rufen Sie die Polizei. Einen zweiten als Polizist nach Dienstschluss: Greifen Sie zum letzten Mittel. Sammeln Sie all Ihre Kraft, und knallen Sie dem Nächstbesten die Faust mitten ins Gesicht. Das wird die Dynamik der Situation brechen. Denken Sie dran: Sie haben nur einen Schlag.

Im PS zur Gebrauchsanleitung damals stand: Wie man den Mut aufbringt, richtig, richtig zuzulangen, fragen Sie? Dazu bräuchte es allenfalls eine Gebrauchsanleitung von einem Profi. Wir fragen uns mal rum.

Das haben wir in der Zwischenzeit getan. Und einen Profi gefunden: den Sportpsychologen Jörg Wetzel. Er hat zum Beispiel die Schweizer Sportler an den Olympischen Spielen 2016 in Rio betreut (immerhin sieben Medaillen) und weiss, wie man es schafft, zum Zeitpunkt X seine Leistung abzurufen.

Also, Herr Wetzel, wie schafft man es, wenns drauf ankommt, alle Kraft in diesen einen Schlag zu stecken? Wie überwindet man sich als friedliebender Mensch zuzuschlagen?

Entscheidung sei in diesen Situationen das Thema, nicht Überwindung, sagt Wetzel. Ein Fechter etwa müsse während eines Kampfs immer wieder entscheiden, wann er zum Angriff übergehe, offensiv werde. Sicher habe er Handlungspläne, Abläufe, die er immer wieder einstudiere, «im Kampf muss er aber in Bruchteilen von Sekunden eine Entscheidung treffen.» Und da gelte es, das kognitive (bewusste) mit dem emotionalen (unbewussten) System in Harmonie zu bringen.

Das Problem? «Nehmen wir einen Skifahrer», sagt Wetzel. Der wisse technisch perfekt, wie Slalom gehe. Wäre da das kognitive System nicht, das Zweifel streue, das etwa um die Existenz von Einfädlern und Innenskifehlern wisse. Die Folge: Fehlentscheide. Das Ziel sei deshalb, dass ein Profi wie ein Anfänger entscheide: ohne gross darüber nachzudenken.

Dass wir in Sachen Schlägerei Laien sind (sind wir, oder?), hilft uns laut Jörg Wetzel. Der Körper hat für solche Situationen vorgesorgt. Unter Stress schüttet er Hormone aus. Werte und Vernunft spielen dann keine Rolle mehr. Es gibt nun nur noch die drei F: Fight (kämpfe), Flight (flüchte), Freeze (erstarre). Es läuft das intuitive und unbewusste Programm, wir sind im Überlebensmodus – und genau das erlaubt es uns überhaupt erst, alles auf den Punkt zu bringen.

Fazit: Man soll hoffen, dass man nie in eine solche Situation gerät. Und man darf davon ausgehen, dass man für den Fall der Fälle gewappnet ist. Der Bud Spencer schlummert in jedem von uns!

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 17. März 2017

«Netflix wäre eine schlechte Videothek.»

Die traditionelle Zürcher Videothek Filmriss in Wiedikon schliesst bald ihre Tore. Für die einen sind solche Läden ein kultureller Treffpunkt, für die anderen verstaubtes Brauchtum. Für TA-Redaktor David Sarasin keine Alternative, obwohl er auch ein Neflix-Abo hat. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Autos sind nicht gottgegeben.»

Was für eine Idee: Die Zürcher Jungsozialisten (Juso) lancieren die Initiative «Züri autofrei». Experte Thomas Sauter-Servaes skizziert die Stadt von morgen. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

«Man muss einen Bullshit-Detektor entwickeln.»

Wie geht eigentlich Originalität? Diese Frage wollte der Stadtblog von Roman Maeder alias Larry Bang Bang wissen, der in seinem Wesen einen hartgesottenen Comic-Romantiker und eine sensible Rock’n’Roll-Rampensau vereint. Er hat sie beantwortet … irgendwie. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

«Viele Geschäfte werden
im Graubereich abgewickelt.»

Bei der Auftragsvergabe für die gebührenpflichtigen Zürcher Kehrichtsäcke werden Firmen vom Wettbewerb ausgeschlossen. Das verärgert Produzenten von Güselsäcken – und stellt die Stadt Zürich landesweit ins Abseits. Nun wollen Zürcher Politiker durchgreifen. Auch Walter Angst (AL) stört sich an der undurchsichtigen Vergabepraxis in gewissen Zürcher Departementen. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Es war eine Riesensauerei.»

Das Kunstwerk «Olivestone» von Joseph Beuys fordert Hanspeter Marty, dem Chefrestaurator des Kunsthauses Zürich einiges ab. Seit 25 Jahren. Und doch wird es letztlich verlorene Liebesmüh sein.(Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Es war eine Furzidee.»

Cindy Winkelried glaubt immer an die erstbeste Idee. Sie hört auf ihren inneren Idioten – selbst dann, wenn er ihr eine Bewerbung per Slip einredet. (Foto: Christoph Kaminski) Zum Artikel

 

«Mehr Sport, Klettern beispielsweise
und mehr Zeit für die Familie.»

CVP-Stadtrat Gerold Lauber tritt bei den Wahlen im nächsten Jahr nciht mehr an. Damit ist der Wahlkampf lanciert. Die Bürgerlichen wollen fünf Sitze erobern, die Linken halten dagegen. Nicht mehr die Sorge von Lauber, er weiss schon jetzt, was er nach seinem Rücktritt machen wird. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Ich will die Seele eines Rades kennen.»

André Schwyns Leidenschaft? Velos in ihre Einzelteile zerlegen und wieder originalgetreu zusammenzubauen. Einige seiner Werke sind zurzeit im Gewerbemuseum Winterthur zu sehen.  (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Für uns ist der Roboter eine Premiere.»

Sie sind rot, etwa einen Meter hoch und einen Meter breit – die SBB testen im Hauptbahnhof neue, automatische Reinigungsmaschinen. Sie sind rot, etwa einen Meter hoch und einen Meter breit – die SBB testen im Hauptbahnhof neue, automatische Reinigungsmaschinen. SBB-Sprecher Reto Schärli, betont, dass der Roboter keinen Personalabbau bei den Reinigungsteams zur Folge hat. (Foto: ZVG) Zum Artikel

 

«Der Sprengstoff wurde früher entfernt.»

Sie sind ein Überbleibsel aus unsicheren Zeiten: Rund 100 ehemalige Sprengschächte verbergen sich bis heute im kantonalen Verkehrsnetz. Nach und nach werden sie nun beseitigt, wie Kaj-Gunnar-Sievert, Armasuisse-Sprecher, erklärt. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Was ist bloss aus den Gartenzwergen geworden?»

Die Gärten, die an der Giardina in der Messe Zürich diese Woche gezeigt werden, sind üppig und wunderschön. Doch etwas fehlt. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Nörgler bringen mich auf die Palme.»

FDP Nationalrätin Doris Fiala auf die Frage, wie lange sie braucht nach ihren Ferien, bis sie sich in Zürich das erste Mal wieder so richtig nervt. (Foto: Doris Fanconi)

 

Timbuktu

Miklós Gimes am Donnerstag, den 16. März 2017

Letztes Jahr ist der FC Zürich abgestiegen – dieses Jahr könnte es GC erwischen. Noch ist es nicht so weit, aber schon wird wild fantasiert. «Wenn GC so weiterspielt», behauptete mein Freund aus Basel, «kommt es zur Fusion, jede Wette! In zwei Jahren gibts nur noch einen Club in Zürich.» – «Warum?», gab ich zurück. «Wir haben kein Problem, wenn GC absteigt. Der FCZ ist ja bald wieder oben.»

Fusionieren, das ist Basler Denken, eine Basler Allmachtsfantasie. Zugegeben, wer je einen der legendären europäischen Abende in Basel erlebt hat, weiss, dass guter Fussball eine Stadt glücklich machen kann. Fussball holt einen Ort aus der Anonymität der Provinz: Wer hat Donezk gekannt, bevor Schachtar aufgetaucht ist in der Champions League? Wer hat von Ludogorez gehört? Von Auxerre? Aber gleich fusionieren? Muss denn Zürich im europäischen Fussball eine Adresse sein? Der Einzige, der mir ein bisschen leidtut, ist Pierluigi Tami, der entlassene Trainer von GC. Ich mag seinen aristokratischen Akzent und seine neunmalkluge Art am Fernsehen.

Als es Tami noch gut lief, etwa vor einem Jahr, soll er Angebote aus der Bundesliga erhalten haben. Stuttgart wollte ihn. Tami hat abgelehnt. Aus Loyalität zu GC, hiess es. Es wäre die Chance seines Lebens gewesen. Jetzt macht er vielleicht einsame Spaziergänge und grübelt über den Sinn der Existenz nach. Für uns Zaungäste, die am Rand des Spielfelds stehen oder einfach nur die Zeitung lesen, ist Fussball ein endloser Roman. Eine Telenovela, die grösste Serie der Welt.

Die Geschichte von Tamis verpasster Chance erinnert mich an den Vater eines Mitschülers meiner Söhne. Wir standen kürzlich nach einer Geburtstagsparty draussen auf dem Parkplatz und warteten auf unsere Kinder. Es war einer der ersten Abende, die nach Frühling rochen, der Mond leuchtete über der Stadt. Er erzählte von seinen Reisen, wie sie als junge Leute durch den Osten der Türkei gefahren seien, mit dem Bus, in die verlassensten Gegenden, die Einheimischen hätten sie bestaunt, sie wurden eingeladen, man trug ihr Gepäck, gab ihnen warmes Essen. Es war eine Geschichte, die eine ganze Generation damals erlebt hat, vor bald dreissig Jahren.

«Heute würde ich für keine Million zurück dorthin», sagte er. Die Gegend sei zu unsicher, Reisende seien angegriffen und entführt worden. Aber damals habe er keinen Moment daran gedacht, dass sie in Gefahr sein könnten. «Die Türken sind friedliche Menschen», sagte er, noch ganz in seinen Erinnerungen, und ich sah sie vor mir, ein junges Paar, wie sie durch die Gassen gingen, stehen blieben, fragten, staunten, Dörfer voller Geheimnisse.

«Ich war auch in Marokko damals», erzählte er, er sei monatelang durchs Gebirge getrampt, und noch jetzt bereue er, dass er nicht nach Timbuktu gereist sei, als die Kameltreiber ihm den Trip angeboten hätten. 52 Kameltage durch die Wüste bis nach Timbuktu, für nichts, ein paar Hundert französische Franc. Heute sei die Strecke lebensgefährlich. «Verpasste Chance», sagte er, «auf dem Kamel durch die Wüste, sieben Wochen lang.» Er lächelte. «Das wird nie wieder kommen.» Dann hörten wir die Kinder, wie sie johlten und schrien, aufgedreht von der Geburtstagsparty.