Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 30. September 2016

«Das Quartier kenne ich kaum.
Zürich hört für mich am Hauptbahnhof auf.»

(Foto: Esther Michel) Zum Artikel

Der Stadelhofen bekommt sein zweites Denkmal: Star-Architekt Santiago Calatrava baut dort, wo heute das Café Manderin steht, ein schickes Geschäftshaus mit Velostation. Die Bagger fahren im nächsten Jahr auf. Vom Quartier Zürich West hält Calatrava allerdings nicht viel. Er kennt es nicht. (Foto: Esther Michel) Zum Artikel

 

«Wir sind aus allen Wolken gefallen.»

(Foto: Raida Durandi) Zum Artikel

Eine Wanderung kann teuer zu stehen kommen. Die Senioren-Wandergruppe Oetwil am See hat einen Text einer deutschen Autorin aus dem Internet kopiert und weiterverwendet. Nun haben sie wegen Urheberrechtsverletzungen Anwälte aus Berlin am Hals und die drohen mit einer saftigen Busse. Ernst Oertli, Leiter der Gruppe, ist noch immer fassungslos. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Es gibt immer wildfremde Leute,
die ein Gläschen mitdrinken wollen.»

(Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

«Mister Sicherheit» geht in Pension: Zehn Jahre lang kontrollierte Heinz Beusch im Zürcher Rathaus die Besucher, die alle durch die Sicherheitsschleuse müssen. Zur Herausforderung für den Schleusenwärter gestalteten sich jeweils die halbjährlichen Apéros im Rathaus. Beusch hatte diese Woche seinen letzten Arbeitstag. Er geht in Pension. (Foto: Urs Jaudas)

 

«Eigentlich darf man uns alles fragen.»

(Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

Michèle Fischhaber und Patrick Mueller verfassen Bücher voller Fragen. Dass aus der Arbeit bald einmal Liebe wurde, war nur eine Frage der Zeit. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Trotz intensiver Suche
keinen Nachfolger gefunden.»

(Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

Die Seilerei Denzler beim Bellevue existiert seit über 170 Jahren. Nun verschwindet der Name aus dem Zürcher Geschäftsleben. Inhaber Walter Stutz und seine Frau ziehen sich altershalber zurück. Anstelle der Seilerei gibt es dort künftig ein Kleidergeschäft mit russischer Mode. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich bin ein bewusster Fleischesser.»

(Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

Circus-Produzent Gregory Knie gastiert derzeit mit seinem Sexy-Crazy-Artistic-Circus Ohlala noch bis Ende Oktober in Dübendorf. Veganer ist er auf keinen Fall, weil es für ihn zu trendy ist. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Wir bauen nur, wenn wir das Geld haben.»

(Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Das neue Aquarium des Zoos Zürich ist doppelt so gross wie vorher und in verschiedene Unterwasserwelten aufgeteilt. Neu schwimmen dort auch Haie. Die Neugestaltung hat 1,5 Millionen Franken gekostet. Verwaltungsratspräsident Martin Naville betonte an der Einweihung, dass beim Bau das Budget eingehalten wurde. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Wir beurteilen unsere Umwelt
durch das Riechen.»

(Foto: Josef Stücker) Zum Artikel

Das Böse stinkt, das Gute riecht, sagt ein Sprichwort. Das Museum Kulturama zeigt in einer neuen Sonderschau die Welt der Düfte. Mit anderen Worten: Wie es war, als Shampoo und Unterhosen noch nicht erfunden waren. Museumsdirektorin Claudia Rütsche erhofft sich von der neuen Ausstellung einen Besucherrekord. (Foto: Josef Stücker) Zum Artikel

 

«Gespart wird bei den Ärmsten.»

(Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

1000 Personen Personen, vor allem aus Schule und Bildung, demonstrierten in Zürich gegen das 1,6-Milliarden-Franken Abbauprojekt des Kantons. Mit dabei war auch die Zürcher Grüne und Schweizer VPOD-Präsidentin Katharina Prelicz-Huber. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

 

«Wir haben unseren eigenen Traum gebaut.»

(Foto: Urs Jaudas)( Zum Artikel

Das wohl kleinste elektrische Segelflugzeug der Welt kommt aus dem Zürcher Oberland, genauer aus Wald. Hinter dem «Archaeopteryx» steckt eine flugbegeisterte Familie: Ernst Ruppert, sein Sohn Roger und dessen Frau Cornelia. Sie haben den Minisegler in ihrer Kleinfirma entwickelt. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Wenn es einen lebenden Vogel
im Lastwagen gibt, bin ich das.»

(Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

In der Fahrzeugflotte der Transportfirma Planzer hat es einen elektrisch betriebenen Laster. Der gibt Vogelgezwitscher von sich, so dass die fahrende Voliere viele Passanten irritiert. Zuerst war dem Planzer-Chef die Aktion ein wenig peinlich, aber als er selber hinter das Steuer sass und viele Frauen den Daumen nach oben hielten, ist der Laster für ihn die beste «Aufrisskarosse» von Zürich. Auch Stammfahrer Ramadan Butic ist mit seinem zwitschernden Brummi voll zufrieden. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

 

Smartphones endlich koscher

Beni Frenkel am Donnerstag, den 29. September 2016
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Orthodoxe Juden im Saal des Schützenhauses Albisgüetli. (Foto: Beni Frenkel)

 

Dort, wo einmal im Jahr Christoph Blocher zu seinen Anhängern spricht, da steht jetzt Rabbi Abraham Schorr. Er kommt aus den USA und soll schon über 100 weise Bücher geschrieben haben. Der alte Rabbi schliesst die Augen und stützt sich auf sein Redepult. Er will Zürich vor dem Internet warnen. Vielleicht nicht ganz Zürich, aber zumindest die hier lebenden ultraorthodoxen Juden. Deswegen redet er im Albisgüetli-Saal zu knapp 1000 religiösen Juden.

Die Veranstaltung heisst auf Deutsch übersetzt: «Erweckungskongress zur Stärkung gegenüber den technologischen Problemen.» Das hört sich ein bisschen nach Borat an, hat aber einen ernsten Hintergrund. Viele orthodoxe Jugendliche verlassen ihre Religionsgemeinschaft, weil sie im Internet eine neue Community entdeckt haben. Sie hinterfragen die Lebensart ihrer Familien und weigern sich, sämtliche jüdischen Gebote zu befolgen. Man muss sich das so vorstellen: 18 Jahre lang haben diese Zürcher Kinder fast nichts anderes als die Tora studiert.

Ihr Tag war von früh bis spät von religiösen Pflichten bestimmt. Zeitvertreib gab es nur selten. Ihr erster Zugang zum verbotenen Internet findet dann häufig in den Poststellen Enge und Wiedikon statt. Dort liegen die Smartphones bereit. Mit 18 Jahren lösen sie heimlich ein Abo-Vertrag. Die Bilder- und Meinungsflut, die sie im Internet erleben, steht im Widerspruch zu allem, was sie bisher gesehen, gelernt und erlebt haben.

Verführerische Gestalten

Viele sehen so zum ersten Mal nackte Frauen: Umwerfend verführerische Gestalten, die gojisch und Sünde sind. Und dann sind da auch noch die tausend Seiten, die ebenfalls nachgeholt werden müssen: Youtube, Youporn, Facebook.

Das ist den Rabbinern aufgefallen. Sie versuchten diese Zersetzung vor etwa zehn Jahren zu stoppen und zwar durch Verbote. Nur wer einen Brief unterschrieb, dass zu Hause kein Computer mit Internetzugang herumsteht, durfte seine Kinder in die jüdisch-orthodoxen Schulen in Zürich schicken. Dann kamen die Internetfilter auf. Jedes Mitglied musste seinen Computer mit einem Filter aufrüsten. Der Filter siebt alle Seiten aus, wo Frauen abgebildet werden. www.tagi.ch wird zum Beispiel nicht aufgemacht:  Access denied.

Erleichterte Gesichter bei den Männern

An diesem Montagabend geht es um den nächsten Schritt: Auch die Smartphones müssen koscher werden. Es geht doch nicht an, dass jüdische Frauen WhatsApp-Nachrichten verschicken. Diese sollen Handys besitzen, mit denen man nur telefonieren kann. So geschieht keine Sünde. Die Rabbiner stellen nun fünf verschiedene  Koscher-Zertifikate für die Handys vor. Gewährsleute kleben den Hausfrauen vorne und hinten einen Sticker an ihr klobiges Gerät ran. So sieht man von weitem: Diese züchtige Frau benutzt ein koscheres Handy, das fast nichts kann. Ein Raunen geht durch den Albisgüetli-Saal. Der Rabbiner beschwichtigt: Klar. Geschäftsleute (also Männer) dürfen auch weiterhin im (gefilterten) Internet surfen. Jetzt sieht man erleichterte Gesichter.

Zuvor wurde an diesem Montagabend mehrmals versucht, eine weihevolle Stimmung zu beschwören. Ein Rabbiner las zwei Kapitel Psalmen vor. Ein anderer segnete den  «Erweckungskongress zur Stärkung gegenüber den technologischen Problemen». Ein dritter Rabbi schilderte anschaulich, wie die Nutzung des Smartphones die Familienidylle zerstört: Mütter reden nicht mehr mit den Kindern und Ehepaare texten sich zu, statt miteinander ins Gespräch zu kommen.

Rabbiner reden keinen Stuss

Eigentlich leuchtet vieles von den Rabbinern durchaus ein. Jeder der Kinder hat, kennt die «technologischen Probleme». Einige Meinungen könnten auch von «gojischen» Pädagogen stammen. Rabbi Abraham Schorr ruft in die Menge: «Die Rabbonim rejden kajn Narischkeiten!» (Die Rabbiner reden keinen Stuss!). Das stimmt. Die meisten der Rabbiner werden täglich mit Anfragen belagert: Rabbi hilf uns, rein zu bleiben.

Aber kann man Frömmigkeit durch Verbote und Restriktionen erwirken? Liegt denn nicht der Schlüssel in der eigenen Medienkompetenz? Diese Rabbiner sagen nein. Es brauche Gesetze. Wer hier im Saal von sich behaupte, gegen die Versuchungen alleine anzukämpfen, befinde sich auf dem Holzweg. Die 21 Rabbiner auf der Ehrentribüne wollen das nicht zulassen.

Neue Koscher-Stempel

Manche Leute im Saal sind von den Äusserungen schockiert. Ich nehme meine Kamera heraus und fotografiere die neuen Koscher-Stempel. Da guckt mich mein Sitznachbar, ein junger Rabbiner, böse an: «Für wen schreiben sie?» «Für den Tages Anzeiger», antworte ich. Der junge Rabbiner kommt ganz nahe an mich heran: «Herr Frenkel, sie schreiben eh nur Hässliches und Bösartiges. Sie dürfen nichts von diesem Anlass hier schreiben. Wie viel Geld kriegen sie für den Artikel? Ich zahle ihnen das Doppelte, wenn sie nichts schreiben!»

Mein Gesicht hellt sich auf. Ich sage ihm, was ich normalerweise bekomme. Dann ist er wieder ruhig. Am Ende des «Erweckungskongress zur Stärkung gegenüber den technologischen Problemen» stellt er sich wieder vor mir auf: «Sie sind so böse, Herr Frenkel.÷

Schnell packe ich meine Kamera ein und verschwinde. Draussen empfängt mich kühle Luft. Ich sehe noch, wie die Ultraorthodoxen ihre Handys wieder anschalten und fröhlich hineinquatschen.

Arbeit, reine Arbeit

Miklós Gimes am Mittwoch, den 28. September 2016
 gimes-neu

Letzten Samstag ging ich ins Kino, um die Mittagszeit, als die Nebel aufgestiegen waren und ein lichtes Blau sich über die Stadt wölbte. Ich stand vor dem Filmpodium und verfluchte das schöne Wetter. Das Zurich Film Festival zeigte einen alten Film von mir und, ehrlich gesagt, es hätte mich fertig gemacht, wenn keine Leute gekommen wären.

Zwölf Uhr, das Kino ist zu einem guten Drittel besetzt, ein letzter warmer Badetag kündigt sich an, die Konkurrenz der Veranstaltungen in der Stadt ist erdrückend, die Hochschule der Künste hat zum Tag der offenen Tür geladen, es ist Fest im Schiffbau, Tanzfestival in der Roten Fabrik, «Filme für die Erde» im Seefeld, neben dem üblichen Kulturprogramm, ein ganz normales Wochenende.

Wir leben in einer Freizeitgesellschaft, man muss kein Philosoph sein, um sich zu fragen, was los ist, wie grau muss unser Alltag sein, dass wir überhäuft werden mit Angeboten und Events. Es beginnt schon mit den Kindern – Fussballclub, Kindergeburtstage. Einer der Buben, der sonst jede Minute vor dem Fernseher klebt und sich an Filmen nicht sattsehen kann, verbrachte das Wochenende in der Kinderjury des Zurich Film Festival; sie schauten jeden Tag drei Filme, dazwischen berieten sie sich und assen Sandwiches, wie eine richtige Filmjury.

Erst am Sonntagnachmittag, im Zug nach Aarau, kam mir in den Sinn, dass wir vergessen hatten, abzustimmen, bei all dem Freizeitrummel. Ich hatte mich durchgerungen, ein Ja zur ZSC-Eishockeyhalle einzuwerfen, obwohl, so eine Arena stelle ich mir als Zentraltempel der Freizeitgesellschaft vor. Ich habe einmal in Los Angeles in der Arena der Kings ein Spiel gesehen, mit Lightshow, Musik, dem ganzen Kommerz. Ich mag das nicht, alles sträubt sich in mir, wie an einer Galapremiere am Zurich Film Festival, wo zuerst der Name des Sponsors genannt wird, bevor der Film losgeht.

Gut, im Fussball ist es nicht anders, selbst in der B-Liga wird jede Ansage gesponsert von einem mittleren KMU, aber es wirkt hemdsärmeliger und weniger aufdringlich als im Corso 1, wo Filmkunst zelebriert werden soll. Und ohne die mittleren KMU könnte der Fussball gar nicht existieren. Ich war mit meinem Sohn unterwegs zu einem Auswärtsspiel des FC Zürich in Aarau, und es gibt wohl keinen grossartigeren Ort, um die Hemdsärmeligkeit des Fussballs zu erleben, als das Stadion Brügglifeld. Es liegt in einem Einfamilienhüsliquartier mit engen Strässchen, man spürt die Aufregung schon vor dem Spiel, wenn die Menschen unter den Bäumen herumstehen und Bier trinken, die Kasse ist ein Holzbudeli, und die Aargauer Prominenz sitzt in einem Zelt direkt neben dem Rasen oder im Bauch der Tribüne, einen Stock über den Garderoben. Ausverkauftes Stadion, «Highway to Hell» schallt in die Menge, die Hymne des Kantons, 8000 Zuschauer, die mehr Stimmung machen als doppelt so viele Menschen im Letzigrund, das Brügglifeld ist eine Zeitreise in die Anfänge der Freizeitgesellschaft.

Zu Hause wartet der andere Sohn, zurück von der Kinderjury. «Anstrengendes Wochenende», sagte er, «du weisst gar nicht, wie das ist, Papa, Filme schauen, einen nach dem anderen, das war Arbeit. Reine Arbeit.»

Der vegane Vertrag

Réda El Arbi am Montag, den 26. September 2016
Eine Bevölkerung, die weniger Fleisch isst, wirkt nachhaltiger als ein paar vegane Gemüsekrieger.

Eine Bevölkerung, die weniger Fleisch isst, wirkt nachhaltiger als ein paar vegane Gemüsekrieger.

Um es vorweg zu nehmen: Ich esse gerne Fleisch. Und ich bin auch einer, der sich ab und zu über VeganerInnen (fortan geschlechtsneutral «Vegane» genannt) lustig macht. Aber heute bin ich mal als ernährungstechnischer Friedensengel unterwegs. (Ihr wisst schon, so nackt, klein, fett und mit Flügeln, die keiner physikalischen Überprüfung standhalten.)

Fleisch essen ist schlecht. Nicht aus gesundheitlichen Gründen, solange das Tier nicht voller Chemikalien und mit natürlichen Stress-, bzw. künstlichen Wachstumshormonen geflutet ist. Wir sind evolutionär auf eine breite Diät ausgelegt, zu der auch Fleisch gehört, und die man nicht ohne grössere Umstellungen ignorieren kann.

Fleisch essen ist schlecht, weil es den Energiewert, den es zum Wachstum braucht, nicht effizient weitergibt. Fleisch zählt mit zu den grössten Verursachern von CO2 auf dem Planeten. Da können sicher Vegane in den Kommentaren genauer Auskunft geben.

Zudem ist viel von dem Fleisch, das wir essen, in Massentierhaltung gezüchtet, was sicher auch in den gemässigtsten Formen nicht tiergerecht ist. In der Schweiz sieht das noch etwas besser aus als in anderen Ländern. Aber ehrlich, wer von uns weiss schon, wo der Schinken auf seiner Fertigpizza wirklich herkommt? Auch die Fleischdeklaration in den Restaurants soll uns eher ein gutes Gefühl geben, als uns wirklich aufklären, unter welchen Bedingungen unser Schnitzel gelebt hat.

Vor meinem inneren Auge sehe ich jetzt Hardcore-Vegane herablassend mit dem Kopf nicken und bereits mit einem Fuss auf ein moralisches Podest steigen. Nein. Pfui.

Wäre die ursprüngliche vegane Bewegung nämlich nicht so arrogant, kompromisslos und religiös gewesen, hätte man wohl viele Fleischesser zur Mässigung bewegen können. Kommt mir aber so ein militanter Grashalmnuckler und behandelt mich wie ein kriminelles Kleinkind, dann reagiere ich auch so und schmeiss aus Trotz gleich noch ein Steak auf den Grill.

Also: Missionierende Hardcore-Vegane sind kontraproduktiv. Es wär nämlich unglaublich viel nachhaltiger, wenn nur schon jeder fünfte Fleischesser einen Tag mehr pro Woche auf Fleisch verzichtet, als wenn eine Gruppe von ein paar hundert Veganen ganz auf Fleisch verzichtet. Dazu kommt, dass jeder missionarische Vegane automatisch einen militanten Karnivoren erschafft. Was sich dann wohl wieder aufhebt.

Inzwischen gibts aber auf beiden Seiten Gemässigte. Und diese müssen nun den Planeten ohne ihre Extremisten retten.

Deshalb mein Vorschlag an die vernünftigen Veganen und die gemässigten Fleischesser:

Die Veganen versprechen hoch und heilig, nie mehr zu behaupten, dass diese faden, klumpigen Fleischersatzprodukte «wie echtes Fleisch» schmecken. Sie verzichten zudem auf ausführliche Moralvorträge, wo auch immer mehr als zwei Menschen zusammenkommen. Dazu gehört auch, nicht unter jedes Facebook-Bild mit einer Grillwurst einen Sermon weinerlichen Mitgefühls für dieses arme, gemordete Tier zu schreiben.

Dafür verzichten meine Fleischfressergenossen einen Tag mehr pro Woche auf Fleisch. Also, wenn ihr jetzt an drei Tagen pro Woche Fleisch esst, werden es dann zwei sein. (Nicht: «Aber ich ess NUR an drei Tagen Fleisch!»)Zusätzlich achten wir darauf, dass wir Fleisch lokal und bio einkaufen und keine Dinge braten, die um den halben Planeten geflogen werden mussten. Und zum Schluss: Wir versprechen hoch und heilig, nie mehr so dämliche Witze wie «Vegane essen meinem Essen das Essen weg» zu machen.

Ich denke, das ist für beide Seiten gleich hart. Einverstanden?

(Jetzt bin ich gespannt, ob sich hier gleich die Militanten beider Seiten in die Kommentare stürzen.)

Züri-Wiesn: «Wie Sechseläuten in Chemnitz»

Alex Flach am Montag, den 26. September 2016
München imitiert die Zürcher Tradition «Oktoberfest».

München imitiert die Zürcher Tradition «Oktoberfest».

Das Oktoberfest nervt. Nicht nur wegen der vielen Leute die einen ohne Unterlass zu einem Gang ins Mass- und Haxenzelt zu nötigen versuchen, sondern auch wegen denen, die nicht müde werden zu betonen, dass es nervt. Zugegeben: Im Rahmen dieses Textes wohnt dieser Aussage reichlich viel Ironie und Selbstkritik inne, aber es nervt halt tatsächlich, und zwar sehr.

Für Zürich-Ankommer beginnt die Nerverei in doppeltem Blau/Weiss bereits im Hauptbahnhof. Hier steht in der Halle das gigantische Züri-Wiesn-Zelt, in diesem Jahr mit einem festlichen «10 Jahre»-Aufkleber versehen (an dieser Stelle herzliche Gratulation zum Jubiläum, mögen es keine weiteren zehn Jahre werden).

Da steht er nun, der Zugreisende, und ist irritiert: «Da steht zwar Züri, aber die Wiesn ist doch in München … Bin ich zu weit gefahren?» Also zückt er zwecks Klärung der geografischen Sachlage das Smartphone und geht auf Zuerich.com, die Seite von Zürich Tourismus. Wenn er Pech hat, landet er dort auf dem temporär aufgeschalteten Oktoberfestspecial: «Oktoberfest in Zürich – Nicht nur in München eine Tradition».

Doch, lieber Webverantwortlicher von Zürich Tourismus: Das Oktoberfest ist NUR in München eine Tradition. Hier ist beispielsweise das Knabenschiessen eine Tradition, aber bestimmt nicht das Oktoberfest. Oder wie es die Werbe-Legende Andy Hostettler in einem Facebook-Kommentar treffend formuliert: «Das ist wie Sechseläuten in Chemnitz.»

Unser Tourist sagt sich jedoch, wenn er schon mal hier ist, könne er sich ja ein bisschen über die Züri-Wiesn informieren, und schnappt sich eine Festzeitschrift. Dort prangen ihm als Erstes die Brüste von Antonia, dem weiblichen Ableger von DJ Ötzi, entgegen, der einzigen Frau der Welt, von der man nur den im Dirndl hochgezurrten Vorbau kennt und sonst nichts. Antonia hat von den Züri-Wiesn-Zeitungsmachern eine grosszügige Fotostrecke erhalten, in der sie die neusten Trends der Dirndlmode präsentieren darf.

Zudem darf in diesem Blatt ein grimmig dreinblickender «Platzhirsch» (ganz bestimmt kein Zwölfender…) namens Pino seine besten Aufreisser-Sprüche zum Besten geben: «Hej Baby, ich will nur das Beste für mich und das Beste für mich könntest Du sein». Oder «Wenn Schönheit Musik wäre, wärst Du ein ganzes Blasorchester». Ebenfalls toll: «An deinen Haxen will ich mich satt essen». Wow… Wow! Wo haben die Züri-Wiesigen ihren Humor her? Vom Pointen-Grabbeltisch für zurückgebliebene Sexisten?

Einen groben Stimmungsdämpfer hält die Züri-Wiesn-Zeitung aber bis zuletzt in der Hinterhand, um ihn dem Leser dann mit Schmackes aufs Gemüt zu hauen: Ein Interview mit TV-Moderator Marco Fritsche unter dem Schenkelklopftitel «Ich bin keine ‹Jungfrau› mehr». Fritsche war mal sehr, sehr lässig (ist er privat vermutlich immer noch), dann wurde er das Gesicht von «Bauer, ledig, sucht …». Nun erledigt er für die Züri-Wiesn den Anstich und teilt sich seinen Platz im Festblatt mit Antonia und Pino.

Yep: Nur damit sich Zürich-Ankommer erst mal an Antonias Brüsten und Schlagermucke vorbeiquetschen müssen, hat Niki de Saint Phalle ihren prächtigen Engel für diese schöne Halle geschaffen.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 23. September 2016

«Wir haben nur leere Versprechungen erhalten.»

(Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

Die Anwohner des besetzten Koch-Areals in Zürich sind nicht mehr zufrieden. Man befindet sich optisch wie akustisch zum besetzten Areal in einem Ausnahmezustand, kritisieren die Nachbarn. Als Armutzeugnis beschreibt eine Frau die Tatsache, dass die städtischen Liegenschaftenverwaltung ihr und einem Nachbarn eine städtischen Wohnung an einem anderen Ort angeboten hatte. Dabei will sie keine neue Wohnung, sondern einfach keinen Partylärm. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Ich fand es toll.»

(Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

Der Sommer stand in Zürich ganz im Zeichen der Kunstschau Manifesta. Man wollte ein Experiment und bekam eins. Aber der Funken zündete nicht richtig. Die Manifesta-Begeisterung mochte sich in der Limmatstadt nicht recht einstellen. Der verantwortliche Kurator, Christian Jankowski, zieht dennoch ein positives Fazit. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Für dieses Amt könnte ich mich begeistern.»

(Foto: ...) Zum Artikel

Die Stadtratswahlen finden in Zürich zwar erst 2018 statt, aber da und dort bringen sich bereits erste Kandidaten ins Gespräch. Zum Beispiel Balthasar Glättli, der die Stadtzürcher Politik gut kennt und jetzt als Nationalrat der Grünen im Bundeshaus in Bern politisiert. (Foto: Judith Schönenberger) Zum Artikel

 

«Alle Leichen, die ich nicht im Schrank aufbewahren kann.»

(Foto: Doris Fanconi)

Rolf Lyssy, 80 Jahre alt, ist derzeit mit den Dreharbeiten für seinen neuen Film «Die letzte Pointe» beschäftigt. Zudem weiss er immer, was er im Kühlschrank hat. (Foto: Sabina Bobst)

 

«Wir müssen mit den Nutzern Lösungen entwickeln.»

(Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

Jeden Tag Hochsaison: Die Werdinsel wurde in diesem Sommer noch intensiver genutzt als in früheren Zeiten. Die Kehrseite: Abfallberge, Falschparkierer und Nackte sorgen für jede Menge Unmut. Im Quartier hofft man auf ein neues Nutzungskonzept. Auch FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger sieht Entwicklungspotential. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Bei Fuss. Sitz. Wart.»

(Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

Die Kantonspolizei Zürich betreibt in Dübendorf das landesweit grösste Diensthundezentrum. Dort trainieren Polizisten und Hunde die Drogen- oder Geldnotsuche. Ein guter Polizeihund ist der Deutsche Schäfer, weil man ihm absoluten Gehorsam antrainieren lässt. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Das ist enorm krass.»

(Foto: Esther Michel) Zum Artikel

Ja ist denn schon Weihnachten? Nein, aber der Spielzeughändler Franz Carl Weber präsentiert im Herbst traditionell die Spielzeuge, die im Trend liegen. Beispielsweise das Roboterhündchen Chip. Es spring und dreht sich ferngesteuert. Kostenpunkt: 269 Franken. Der 11-jährige Primarschüler Matteo hätte aber lieber eine Drohne mit Sprachsteuerung. (Foto: Esther Michel) Zum Artikel

 

«Oft bin ich verwirrt, von allem, was es so gibt.»

(Foto: ...) Zum Artikel

Er ist Liedermacher, Comiczeichner und Kabarettist in Personalunion: Manuel Stahlberger erklärt, was ihm an der ländlichen Schweiz gefällt – und was seine Band eigentlich mit Mani Matter gemeinsam hat. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Es geht darum, Arbeitsplätze zu sichern.»

(Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

«Es geht dem Besitzer darum, das Hotel Storchen zu erhalten und auch die Arbeitsplätze zu sichern», sagt Hoteldirektor Jörg Arnold. Um die Zukunft des Traditionshauses direkt an der Limmat zu sichern, wird ein zweistelliger Millionenbetrag in den Umbau investiert. In gerade einmal sechs Wochen soll das Haus umgestaltet werden. (Foto: Doris Fanconi)

«Die Chance, Pilze zu finden.»

Nein, der Winter ist noch nicht da, obwohl es das Bild suggeriert. Aber der Herbst hat diese Woche offiziell begonnen. Die 18-jährige Janine Egli aus Oetwil, weiss, was für sie als Jägerin den Herbst so toll macht. Sie kandidierte Anfang Jahr als Schweizer Jägerin 2016. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

Bitte alles canceln

Beni Frenkel am Donnerstag, den 22. September 2016

Für nur 80 Franken kann man anonym und ohne Anmeldung mit einem Psychologen reden. Dieser hört sich den Patienten an und empfiehlt je nachdem eine Therapie. (Foto: Gaetan Bally,Keystone)

Ich sitze in einem Zimmer und zähle ganz konzentriert: 7 Geo-Hefte, 3 Nebelspalter, 9 Wir-Eltern-Magazine. Dann wende ich mich dem Gummibaum zu: 59, 60, 61. 61 Blätter sind es insgesamt. An der Wand hängen drei Bilder. Thema: Seebucht. Das Wort Seebucht hat acht Buchstaben. Rückwärts wird es so geschrieben: Thcubees. In keiner Sprache der Welt gibt Thcubees einen Sinn. Ich habe das nachgeprüft. Haben Sie schon herausgefunden, wo ich mich befinde? Genau, im Psychotherapeutischen Zentrum.

Jetzt sitze ich gerade im Wartezimmer und warte, bis ich an die Reihe komme. Jeden Dienstagabend findet im Psychotherapeutischen Zentrum der Uni Zürich ein sogenannter Walk-In statt. Für nur 80 Franken kann man anonym und ohne Anmeldung mit einem Psychologen reden. Dieser hört sich den Patienten an und empfiehlt je nachdem eine Therapie. Ich bin hier natürlich nicht aus Spass. Mein Problem: Ich werde schnell jähzornig. In den Sommerferien habe ich fast meinen Schwiegervater verdrescht. Auch vorhin bekam ich fast einen Anfall. Ich musste meine Personalien aufschreiben und dieser verdammte Kugelschreiber funktionierte nicht.

Jetzt bin ich wieder ganz ruhig und zähle nochmals die Gummibaumblätter. Also, ich werde schnell jähzornig. Meine Frau hat zu mir gesagt, ich müsse zum Psychiater. Zuerst wurde ich wieder jähzornig. Dann überlegte ich mir die Sache nochmals. Warum eigentlich nicht? Ich rede gerne. Manchmal sitze ich im Tram und höre all den anderen wichtigen Menschen zu, wie sie mit dem Handy telefonieren. Mich ruft ja niemand an. Also nehme ich mein Handy und täusche ein Gespräch vor: «Ja, hier Frenkel, die Sitzung bitte auf 13.05 Uhr verschieben. Ja? Okay. Ach so, der Flieger geht bereits um 13.30 Uhr? Dann bitte alles canceln!»

Beim Central steige ich aus. Das Psychotherapeutische Zentrum befindet sich an der Attenhoferstrasse 9. Laut Google Maps ein Spaziergang von 19 Minuten. Die Strecke laufe ich. Aber ich will schon wissen, welcher Trottel das ausgerechnet hat. Dem würde ich am liebsten die Fresse polieren. 19 Minuten? Ich brauchte 34 Minuten. Die letzten 300 Meter habe ich nur geflucht.

Ja, auch ich kann fluchen. Das überrascht viele. Doch ich bin Mensch. Das Thema ist viel zu wichtig, als das man darüber schweigt. In unseren Kreisen reden die wenigsten, dass sie sich seelische Hilfe holen. Ich habe noch nie einen Zürcher Politiker reden hören: «Ich komme übrigens gerade vom Psychiater.» Und wahrscheinlich wird es nie einen CEO geben, der an der Aktionärsversammlung ehrlich spricht: «Normalerweise sitze ich um diese Zeit beim Psychiater.»

Natürlich braucht es dazu Überwindung. Als ich zum Psychotherapeutischen Zentrum hochlaufe, habe ich mehrere Male ans Aufgeben gedacht. An der viel zu steilen Zürichbergstrasse komme ich an vornehmen Gebäuden vorbei, die sich hinter dichtem Blattwerk verstecken. Dürrenmatts «Verdacht» kommt mir in den Sinn. Hier in einem dieser unbezwingbaren Häuser könnte die Klinik Sonnenstein sein.

Aber ich habe es geschafft! Ich war beim Psychologen. Ich kann das nur weiterempfehlen.

Der Schatten der Wahlen

Werner Schüepp am Mittwoch, den 21. September 2016

gimes-neu

Im Frühling 2018 sind in Zürich Wahlen, und Corine Mauch wird nicht nochmals im Schlafwagen wiedergewählt – falls sie zum dritten Mal antritt. Filippo Leutenegger wird sie zu einem heissen Duell herausfordern, und ich bin nicht sicher, ob sie wieder gewinnt; denn die Stadt scheint von einer gewissen Corine-Müdigkeit befallen zu sein.

Kürzlich diskutierte ich mit einem alten Bekannten mit linker Vergangenheit, der in seiner Jugend überzeugt war, dass Karl Marx recht hat mit seiner Ideologie, dass die Arbeiter die Macht im Staat übernehmen müssen. Mein alter Kollege hat, das muss man anerkennen, damals kein Opfer gescheut, um seinen Idealen nachzuleben. Und heute überlegt er sich, für Leutenegger zu stimmen. «Filippo kann Zürich besser in die Zukunft führen.»

«Wie meinst du das?»

«Die Sozialdemokraten sind vorbei», sagte er, «überhaupt die Linken, die sind auf dem absteigenden Ast. Der Filippo, der schaut vorwärts.» Ich fragte mich, was er sich wohl unter den Herausforderungen der Zukunft vorstellte. Dachte er an die wirtschaftliche Macht der Chinesen, die unsere Stadt unterwandert? Oder an den Zulauf der Populisten in halb Europa? Oder an das Tempo des technischen Fortschritts?

Kürzlich sprachen wir mit meinen Söhnen über die wahnwitzigen Pläne der Firma Ford, die in ein paar Jahren ein ferngesteuertes Auto auf den Markt bringen will. «Die ersten Modelle machen sie für Taxibetriebe und Kurierdienste», erzählte ich, «die sind interessiert, weil sie Arbeitskosten einsparen wollen.»

«Das wird nicht gehen», entgegnete mein Sohn, «die Leute wollen mit den Taxifahrern reden. Und nicht in Wagen sitzen, die von Geisterhand gesteuert werden.» Sein jüngerer Bruder meinte: «Die Taxifahrer werden ihre Arbeit verlieren und nichts mehr verdienen. Was geschieht mit ihren Familien?» Ich überlegte, was wohl Filippo antworten würde. Würde er sagen, Kinder, das ist der Gang der Welt, alles hat zwei Seiten? Die Taxifahrer verlieren ihre Arbeit, aber dafür müssen sie nicht den ganzen Tag im Auto sitzen und sich den Rücken kaputt machen.

Vielleicht würde er sagen, Kinder, wenn die Roboter steuern, wird Taxifahren billiger, die Menschen können sich öfter ein Taxi leisten, es wird weniger Privatverkehr geben, weniger Umweltverschmutzung, ein Riesenschritt auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft. Und die Taxifahrer, sie könnten einen neuen Beruf lernen, Onlinemarketing vielleicht. Oder ein Start-up gründen. Mit Crowdfunding. Zum Beispiel einen Taxibetrieb mit lebenden Chauffeuren. Wäre doch eine gute Idee. Für die Touristen. Und was würde Frau Mauch sagen?

Mein alter linker Kollege – dachte er an solche Themen, als er prophezeite, dass Filippo uns erfolgreicher in die Zukunft führen werde? Aber was heisst erfolgreich? Dass wir uns mit den Chinesen arrangieren werden? Und dass wir den Populisten den Wind aus den Segeln nehmen? Ich würde mir wünschen, es gäbe einen richtigen Wahlkampf. Eine richtige Diskussion über die Zukunft der Stadt. Wäre schön, wenn wir wüssten, woran wir sind, mit unseren möglichen Kandidatinnen und Kandidaten. Vorläufig stimmen wir über Parkplätze ab.

Die Opferhaltung

Réda El Arbi am Dienstag, den 20. September 2016
Autonomie und differenzierte Selbstwahrnehmung statt Opferhaltung.

Autonomie und differenzierte Selbstwahrnehmung statt Opferhaltung.

Dies wird wohl einer der Texte, die wirklich schwer zu schreiben sind, wenn ich am Schluss nicht Applaus von Idioten und Angriffe von Freunden ernten will. 

Ich beurteile Menschen nach ihren Handlungen und Äusserungen. Niemals werte ich Menschen nach ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Religion, Rasse, ihres Reichtums oder ihrer Armut. Trotzdem finde ich mich ab und an mit den Vorwürfen Sexismus, Homophobie, etc. konfrontiert.

Gerade in einer aufgeschlossenen Stadt wie Zürich – regenbogenfarben, linksgrün, offen – treffe ich häufig auf Menschen, die sich über ihre Opferhaltung definieren. Feministinnen, die sich auf ihr Geschlecht reduzieren, Homosexuelle, die jeden Affront als «homophob» einordnen, Ausländer (meist gut integrierte Secondos), die persönliche Auseinandersetzungen gleich mit «Rassismus» kontern.

Es gibt da draussen noch viel zu viel Sexismus, Rassismus und Homophobie. Das heisst aber nicht, dass man seine eigene Identität auf sein Geschlecht, seine Herkunft, seine sexuelle Orientierung oder auf sonst ein Merkmal einer Gruppenzugehörigkeit reduzieren soll oder darf. Das zeugt von fehlender Autonomie und man wird sich selbst dabei nicht gerecht. Die eigene Person wird schabloniert und eindimensional, die Welt schwarzweiss. Es endet in «Wir und sie».

Ich hab einige Jobs und Wohnungen in meinem Leben nicht bekommen. Natürlich hätte ich schimpfen können, das sei wegen meines arabischen Namens. Wars aber meistens nicht. Da war zu Beispiel mein Betreibungsauszug. Oder meine fehlende Eignung. Oder meine persönliche Art, die lange nicht jedem passt. Wenn jemand mir sagt «Du dreckiger Kameltreiber», empfinde ich das als fremdenfeindlich. Wenn jemand mir sagt «Du grosskotziger Vollidiot», ist das wohl meiner Persönlichkeit geschuldet.

Die Selbstdefinition als Opfer führt in Zürich oft zu einer Art positiven Diskriminierung. So gehen viele meiner Bekannten viel vorsichtiger in Auseinandersetzungen mit Schwulen, Lesben, Ausländern oder feministisch orientierten Frauen. Schliesslich will man auf keinen Fall als rückständiger, intoleranter, sexistischer Vollidiot dargestellt werden. So kommt es in meiner linksgrünen Blase zu einer Art Schutzgebiet für Leute, die sich dauernd als Opfer irgendeines -ismus fühlen.

Das ist extrem abwertend. Wenn ich Leute aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung anders behandle als jeden anderen Idioten, sie schone, nehm ich sie nicht ernst. Gleichberechtigung bedeutet, dass ich den Menschen so behandle wie alle anderen. Und wenn ich mich zurückhalte, meinem Gegenüber einen Sonderstatus einräume, positiv oder negativ, diskriminiere ich aktiv. Das ist ungeheuer kontraproduktiv. Unter Ausländern, Schwulen, Lesben, Transgender und Feministinnen gibts genau gleich viele unangenehme, egozentrische und dumme Personen wie überall sonst unter Menschen.

Es gibt genug echten Sexismus, Rassismus und genug Homophobie, die wir angehen müssen, strukturell, gesellschaftlich und auf persönlicher Ebene, als dass wir uns diese Opferhaltung leisten können. Es schadet unserer gesellschaftlichen Entwicklung, wenn wir nicht zwischen persönlichem Affront und allgemeiner Abwertung unterscheiden können.

Also, wenn dich jemand «Idiot» oder «dumme Kuh» nennt, könnte das mit deinem Verhalten zu tun haben. Es muss nicht Ausdruck einer grundsätzlichen Haltung gegenüber deiner Identität sein.

Das Nachtleben ist schwul

Alex Flach am Montag, den 19. September 2016
Hetero-Erotik ist im Nachleben kein Problem.

Hetero-Erotik ist im Nachleben kein Problem.

Der Security eines Pubs spediert ein schwules Pärchen wegen eines Kusses an die frische Luft und schon tobt der Orkan im Blätterwald. In der Rolle des Leitmediums: Der Blick als hehrer Verteidiger der Regenbogenflagge und als Winkelried für die wackeren Reihen der schwulen Genossen. Wahren Heldenmut wie dieser mussten die Redaktoren des Blicks nicht beweisen, war doch der Lohn für die Tat kein Bündel Habsburger-Speerspitzen sondern eine gute Geschichte. Und in einer solchen hat die lästige Tatsache, dass der Security verlautbaren liess, das was das Pärchen da getan habe sei mehr «Kopulation» als «Kuss» gewesen und es damit und in Ermangelung an Zeugen Aussage gegen Aussage steht, nichts zu suchen.

Trauriger Fakt ist aber auch, dass Homophobie nicht nur im Tag- sondern auch im Nachtleben weit verbreitet ist. Die dummen Bemerkungen und versteckten Nicklichkeiten haben Schwule auch hier zu erdulden und bisweilen outet sich gar ein international angesehener Nightlife-Exponent wie der litauische DJ und Produzent Marijus Adomaitis alias Ten Walls als Schwulenhasser, der vergangenes Jahr in einem Facebook-Post Schwule als «Brut» verunglimpfte und sie mit Pädophilen gleichsetzte.

Die Reaktion aus dem Nachtleben folgte auf dem Fuss: Festival-Veranstalter strichen Ten Walls aus dem Line Up, DJ-Kollegen verkündeten, dass sie sich künftig weigern werden an denselben Partys wie der Litauer zu spielen und Geschäftspartner liessen ihn fallen wie eine heisse Kartoffel.

Es ist das Jahr 2016 und wir leben in einer Bildungsgesellschaft: Homophobie ist für jeden mit einem Intelligenzquotienten über dem einer durchschnittlich talentierten Tomate inakzeptabel. Im Falle des House-DJs Ten Walls zeugt sie zudem von Geschichtsblindheit: Neben dem Warehouse-Club in Chicago um dessen Resident-DJ Frankie Knuckles gilt die New Yorker Paradise Garage als eine der Wiegen der Housemusik und die Paradise Garage war ein Treffpunkt für schwule Afroamerikaner.

Hier begann der 1992 an den Folgen einer Endokarditis verstorbene DJ Larry Levan zeitgleich mit dem mit ihm befreundeten Knuckles mit neuen Beats zu experimentieren. Am Ende dieser Experimente stand ein neues Genre, das dereinst die Welt der Clubs revolutionieren sollte. Zudem gilt die Paradise Garage als Blaupause der zeitgenössischen Clubs, weil hier erstmals der DJ vom Hintergrund in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt wurde: Ab sofort waren DJs nicht mehr unsichtbare Jukeboxen, sondern Mixkünstler die im Rampenlicht stehen.

Auch für das Schweizer Nachtleben ist die Gay Community seit jeher von zentraler Bedeutung. So waren die Betreiber des ehemaligen Labyrinth-Clubs ein wichtiger Teil jener Gruppe, die in den 90er Jahren den korrupten Beamten Raphael «Don Raffi» Huber auffliegen liess und damit der Liberalisierung des Zürcher Nachtlebens den Weg ebnete. Zudem waren schwule Partylabels damals stilbildend. Kurzum: Homophobe Nachtlebenschaffende haben schlicht nicht verstanden woher die Kultur stammt mit der sie arbeiten.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

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