Tages-Anzeiger



Die Rütli-Verschwörung

Réda El Arbi am Samstag, den 1. August 2015
Überlebte den Selbstmordanschlag: Wilhelm Tell

Überlebte den Selbstmordanschlag: Wilhelm Tell.

Heute ist der richtige Tag, um einmal zu erklären, woher unsere Traditionen, unsere Armee und unser Eigensinn kommen.

Zu Beginn unserer Geschichte, also bis vor cirka 800 Jahren, waren wir Schweizer nichts anderes als drei Bauern, die friedlich ihren Weizen anbauten (Kartoffeln und Mais kamen erst nach der Entdeckung Amerikas). Ganz so friedlich war das aber eben leider nicht. Schon die Römer, die Germanen, die Gallier, einfach alle, stampften auf dem Weg zu ihren Schlachten quer über unsere Felder und trampelten unsere Ernte nieder. Wer schon mal einem Schweizer Bauern ins Feld gestapft ist, weiss, dass wir das nicht so mögen (Huere Siech, du Pfiifechopf, verreis us mim Chorn!!! Du Tubel!).

Die drei Bauern bissen die Zähne zusammen und liessen es über sich ergehen. Bis die Habsburger kamen (die waren sowas wie die damalige EU). Die Habsburger bewegten sich wie fremde Fürsten in unserem Land UND sie verlangten auch noch Steuern dafür, dass sie unsere Felder niedertrampelten.

Das war dann genug für die Urschweizer. So nicht. Erstens mögen wirs nicht, wenn uns irgendwer Vorschriften macht (schon gar nicht die Österreicher, tz) und zweitens verstehen wir überhaupt keinen Spass, wenns ums Geld geht.

Also trafen sich die drei Bauern auf dem Rütli, schlürften Mehlsuppe und überlegten sich, was da zu machen sei. So konnte es schliesslich nicht weitergehen, man musste etwas gegen die Habsburger tun. Der Eine wollte gleich alle Brunnen der Österreicher vergiften. Der Andere schlug vor, man könne den Franzosen sagen, dass die Habsburger behaupten, alle Franzmänner seien schwul. Das würde die homophoben Franzosen dazu bringen, die Habsburger niederzumachen. Natürlich, nachdem sie quer über die Schweizer Felder marschiert waren. Aber jänu.

Der Dritte, der Cleverste von den Dreien (ein Zürcher), hatte aber die Vorstellung von einer chirurgischen, geheimdienstlichen Aktion. Er wollte den Vogt der Habsburger mit einem gezielten Anschlag aus dem Weg räumen. Es sollte ein Einzeltäter sein, der beim Anschlag ums Leben kam, so dass man die Schuld auf die Franzmänner oder die Italiener schieben konnte. Das sollte den Schweizern dann erst mal Ruhe verschaffen.

Die zwei Anderen waren begeistert, der Plan war geboren. Man heuerte einen arbeitslosen, desillusionierten und verzweifelten jungen Mann aus der Innerschweiz an, Wilhelm Tell, und versprach ihm das Paradies und ein paar Jungfrauen, wenn er den Vogt umbringe.

Tell, unser erster Selbstmordattentäter, brachte es nach einiger Provokation durch die Habsburger dann auch fertig, den Vogt in einem Hinterhalt abzumurksen. Da unser Selbstmordattentäter beim Anschlag blöderweise nicht ums Leben kam, und später sogar noch mit seiner Tat herumprahlte, mussten wir die Geschichte so drehen, dass aus unserem Terroristen ein Freiheitskämpfer wurde. Wir erzählten Geschichten von patriotischen Schwüren bei Mehlsuppe, heldenhaftem Kampfesmut, demokratischen Grundprinzipien und Männerfreundschaften bis über den Tod hinaus (Frauen hatten damals noch nichts zu melden. Deshalb fand die Rütliverschwörung wohl auch bei Mehlsuppe und nicht bei irgendeinem feinen Essen statt.)

Von diesem Augenblick an fürchteten uns die uns umgebenden Länder. In den folgenden Kriegen veränderten die Schweizer Truppen die Kunst des Krieges. Wir hielten uns so gut wie an keinen Ehrenkodex, sondern kämpften einfach drauflos. Nichts von Mann gegen Mann oder Ritter gegen Ritter. Keine grossen Heere, die sich rituell abschlachteten. Wir stellten Fallen, kämpften unfair Alle gegen Einen und rissen an den Haaren. Aber der Erfolg gab uns recht.

Das funktionierte so gut, dass sich gleich der Vatikan meldete und eine Einheit dieser arbeitslosen jungen Innerschweizer für seine eigenen Schutz anheuern wollte.  Die Schweizer Garde war geboren. Unser Ruf auf dem Schlachtfeld wurde mit der Zeit so übel, dass in den umliegenden Ländern die Mütter ihre Kinder ängstigten, in dem sie ihnen mit «dem Schweizer» drohten. (Geh sooofort ins Bett, oder ich sags DEM SCHWEIZER!)

Gewann alleine die Schlacht von Marignano: Walther G. (Bild: F. Hodler)

Gewann alleine die Schlacht von Marignano: Walther G. (Bild: F. Hodler)

An einigen Schlachten mussten wir gar nicht mehr vollzählig erscheinen. Wir sandten nur einen einzigen Schweizer hin. Der rauchte dann seine Zigarette, einen Arm locker auf seine Sense gestützt, die Ärmel seines weissen Hemdes cool hochgerollt und bliess den Rauch verächtlich in Richtung der feindlichen 100 000 Mann. Nur schon diese Geste brachte die Feinde zum Aufgeben. Bei den Ausgrabungen in Marignano findet man bis heute Helme, Schwerter und Rüstungen von den Gegnern, die sich schreiend vom Blech befreiten, um schneller wegrennen zu können.

Ja, so war das damals.

(Der Blogpost wurde 2008 erstmals in seiner Urform veröffentlicht und ist hier in seiner überarbeiteten Form zu lesen.)

 

VIP-Superhot-Sexy-SMS-Terror

Réda El Arbi am Donnerstag, den 30. Juli 2015
Promo-SMS: Die Antwort durfte aus Jugendschutz-Gründen nicht mit aufs Bild.

Promo-SMS: Die Antwort durfte aus Jugendschutz-Gründen nicht mit aufs Bild.

*Bssssmm*Bssssmm*Bssssmm* –  mein Handy teilt mir summend die Ankunft einer digitalen Kurzbotschaft, kurz SMS, mit. Wer könnte das sein? Meine Angebetete, die mir sagen will, wie sehr sie mich liebt? Ein Freund, der mich endlich wieder mal auf einen Drink einladen will? Mein Mami, die mir sagt, dass meine Wäsche fertig ist? Nein.

«Ändlich isches sowiit! – tontight – THE RESTLEZZ NIGHT im Plaza Klub Zürich!»

oder ähnlich dämliche Club-Promo von Partyveranstaltern im Mascotte, Hiltl, Nordportal Baden und einigen mehr trudelt jede Woche in meinen Messageeingang.

Ich frage mich, was sich die Partypromoter bei solchem Schwachsinn überlegen. Jedesmal, wenn ich so eine Mitteilung bekomme (für die ich mich übrigens nie angemeldet habe), kriege ich SO EINEN HALS. Ich will in meiner privaten Kommunikation keine VIP-, Super-, Hot-, oder Sexy-Partyeinladungen. Ich will da ja auch keine Sonderangebote vom Coop oder Aktionen von der Migros. Es ist nicht cool. Es ist nicht gewünscht. Und es lässt sich nicht so einfach abstellen.

Einige stellen den Versand ihrer Spam-SMS gar nicht ab, andere nur auf massive Drohungen hin («Ey, ich speichere alle eure SMS und komm vorbei und schiebe sie euch in den A****. Ohne zuvor das Handy drumherum zu entfernen. Mit Ladegerät.») Oder ich drohe mit Klage wegen illegalem Telefonmarketing. Dann gehts. Aber nicht einfach so.

«Ey easy, ist doch nur eine kurze Info, ist doch cool.»

Nein, ist es nicht. Und ausserdem funktionierts auch werbetechnisch nicht. Wer Massen-SMS verschicken muss, um seine Party vollzukriegen, sagt eigentlich nur, sein Anlass sei so lahm, dass die Leute nicht ohne Aufforderung kommen. Kleiner Tipp: Promotion funktioniert durch Anziehung, nicht durch Werbung.

Natürlich habe ich den speziellen Veranstalter sofort vergessen und hasse einfach den Club, in dem der Anlass stattfindet. Es ist also im Interesse der Clubs, solchen SMS-Terror bei ihren Veranstaltern zu unterbinden. Oder wenigsten zu schauen, dass nur Leute die Mitteilungen bekommen, die sie auch bestellt haben.

Wenn ich nämlich in den Ausgang will, kenne ich die Örtlichkeiten und die Veranstalter bereits, die ich gerne besuche. Und die SMS-Terroristen gehören spätestens nach der ersten Promo-SMS nicht mehr dazu.

Wenn ihr aber wirklich so dringend Werbung braucht, schickt mir doch nochmals so eine Promo-SMS: Ich werde euren Anlass dann in einem Nachfolgepost speziell erwähnen.

Nichts zu danken! Auch nicht per SMS.

Stehauf-Club Härterei

Alex Flach am Montag, den 27. Juli 2015
Wird auch in Zukunft feiern: Härterei.

Wird auch in Zukunft feiern: Härterei.

Am Freitag den 11. September und nach einem grosszügigen Umbau wird der Härterei Club auf dem Maag Areal wiedereröffnet. Das altindustrielle Flair der ehemaligen Fabrik wurde bei der Sanierung beibehalten. Auffälligste Neuerung ist eine Galerie, die dem Club das Aussehen einer Arena verleiht. Der Club ist seit Mai 2013 in den Räumlichkeiten der Werft auf dem Areal angesiedelt, die zuvor als Barbereich an den Musicals in der Maag Music Hall diente.

Das Reopening im September setzt den Schlusspunkt hinter einen langen und steinigen Weg, wie er für das Verhältnis zwischen Stadtverwaltung und Nachtleben typischer nicht sein könnte. Philipp Musshafen, Geschäftsführer MAAG Music & Arts AG: „Im April 2013, der Härterei Club war noch am ursprünglichen Ort, stand während einer Clubnacht plötzlich die Polizei bei uns auf der Matte und teilte uns mit, dass wir die Lautstärke der Musik auf 80 Dezibel zu senken hätten. Bei Nichtbefolgung würde man die Härterei schliessen. Da man mit 80 Dezibel keinen Clubbetrieb aufrecht halten kann hatten wir also die Wahl zwischen aufgeben und aufgeben – fristlos.”

Musshafen und sein Team packten also ihre Sachen, zogen bereits am folgenden Wochenende in die Werft und hielten dort den Betrieb einen Monat lang so gut es ging aufrecht. Dann nutzten sie den Sommer 2013, investierten einen hohen fünfstelligen Betrag, um die Werft einigermassen Club-tauglich zu machen und machten sich an die finale Planung der Härterei an ihrem neuen Standort. Der Umbau inklusive Lärmschutzmassnahmen wird mit Wiedereröffnung nochmals einen hohen sechsstelligen Betrag verschlungen haben.

Die Lärmklagen von April 2013, die zu diesem Unsummen und viel Zeit verschlingenden Umzug geführt haben, stammten von ein paar wenigen Bewohnern des Maaghofs, eines neuen Wohngebäudes in der Nachbarschaft zur Härterei. Der Club Härterei war bei Fertigstellung des Maaghofs bereits fünf Jahre dort aktiv. Wäre es nicht logisch gewesen, die Stadtverwaltung hätte beim Bau des Maaghofs dafür gesorgt, dass die neuen Anwohner durch Lärmschutzmassnahmen am Neubau vor den Emissionen der Härterei geschützt werden?

Trotzdem hat sie nicht vorausschauend agiert, sondern auf drakonische Weise reagiert, als die Probleme akut wurden. Die aktuelle Gesetzgebung nimmt hier die Stadtverwaltung aus der Verantwortung und gibt ihr zudem die Mittel, ein florierendes Unternehmen zu vernichten. Obwohl ihr der gesunde Menschenverstand gebieten würde, prophylaktisch Massnahmen zu ergreifen, um ein solches Desaster zu verhindern.

Der Stadtrat wird nicht müde zu betonen, wie wertvoll das Nachtleben für Zürich sei. Ein Umdenken hat er diesen Worten noch immer nicht folgen lassen. Die Macher der Härterei haben so reagiert, wie man es sich von der Stadtverwaltung wünschen würde: Abgeklärt, vorausschauend und umsichtig. Sie lassen sich nicht entmutigen. Zumindest nicht bis zum Tag, an dem das Hochbaudepartement den nächsten Neubau in der Nachbarschaft bewilligt, ohne dem Bauherrn vorzuschreiben, genügende Lärmschutzmassnahmen zu ergreifen.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Eine verfluchte Schande für die Stadt

Réda El Arbi am Sonntag, den 26. Juli 2015
Profitieren von der allgemeinen Hetze:: Schweizer Nazis.

Profitieren von der allgemeinen Hetze: Schweizer Nazis.

Zwanzig Rechtsextreme haben am 4. Juli einen jüdischen Mitbürger misshandelt und angespuckt, wie die Sonntagszeitung publik machte. Das Ganze fand mitten in Zürich, in Wiedikon statt, und die rechten Idioten liessen erst von ihrem Opfer ab, als die von Passanten gerufene Polizei eintraf.

Das habe nichts mit uns zu tun, könnte man denken. Das sind Nazis und Extreme, und überhaupt hat ja ein Passant gleich die Polizei gerufen. Das zeigt doch, dass bei uns alles in Ordnung ist.

Aber so einfach ist es nicht. Noch Ende der 90er hätten sich Nazis nicht so frei und selbstsicher in der Öffentlichkeit bewegt. Sie wären niemals davon ausgegangen, dass ihre Gesinnung und ihre Handlungen in der Gesellschaft soweit akzeptiert seien. Sie hätten ganz einfach Angst gehabt, ihre kaputte Gesinnung so zu zeigen.

Inzwischen haben Hetze gegen Ausländer, die Selbstverständlichkeit, mit der die PNoS ihren militanten Arm AS (Ahnensturm) aufbauen konnte, der bittere, aus Dummheit entstandene Hass, der einem in Internetforen anonym – oder als “Eidgenoss” gekennzeichnet – entgegen schlägt, Wirkung gezeigt. Die hetzerischen Parolen der akzeptierten, gutbürgerlichen Rechtsnationalen, die ihr verbales Gift mit “das muss man doch noch sagen dürfen” beenden, schaffen ein Klima, in dem der Nazidreck wieder salonfähig wird.

Es sind zwar die Rechtsextremen, die zuschlagen. Aber es sind die Leute, die mit den übelkeitserregenden  Worten “Ich bin ja nicht fremdenfeindlich, aber …” oder “Ich bin ja kein Rassist, aber …” eine Atmosphäre schaffen, die dem rechten Gesocks wieder das Gefühl gibt, sie könnten ihre widerlichen Parolen ohne Ahndung oder Ächtung unter die Leute tragen. Sie denken lassen, sie könnten wieder Hass und Angst verbreiten.

Wenn in Zürcher Strassen zwanzig Nazis vor einer Synagoge auftauchen und einen Mann misshandeln können, ist es an der Zeit, den Leuten, die diese Atmosphäre mitschaffen, zu sagen: Es ist genug. Wir haben genug von eurem Gift, von eurer Angst, von eurer Hetze.

Es ist Zeit, sich in den Internetforen zu äussern. Diesen Menschen etwas entgegenzusetzen. Unsere Schweiz wieder geistig von den Hetzern und den Verhetzten zurückzufordern. Die Atmosphäre wieder mitzubestimmen und nicht denen zu überlassen, die Andersartige und Fremde herabsetzen müssen, um sich selbst ein wenig grösser zu fühlen.

Die paar rechten Schläger können wir ohne Probleme der Polizei überlassen. Die sind für solche Idioten zuständig. Aber der breite Boden, auf dem diese Gesinnung so selbstverständlich wachsen kann, erfordert unsere Zivilcourage. Man muss die Lügen, die Hetze und die Angst bekämpfen.

Man muss hinstehen, in der Mittagspause, bei der Arbeit, im Freundeskreis, im Club, im Cafe am Nebentisch, man muss sich äussern, Stellung beziehen, wenn die Hetze formuliert wird. Auch wenns unangenehm ist und man lieber so tut, als hätte man nichts gehört. Auch wenn man sich sagt, dass das Gegenüber es ja nicht so meint, eigentlich kein schlechter Typ ist, ja nur einen Witz gemacht hat. Man steht hin und sagt: NEIN. So nicht. Man antwortet in den Foren und schüttelt nicht nur den Kopf und klickt weiter. Man nimmt sich zehn Minuten am Tag Zeit, um auf einen Hasskommentar bei der Zeitung seiner Wahl zu antworten. Man zeigt Zivilcourage.

Es reicht nicht, wenn wir selbst nicht so denken. Hass, Hetze und Fremdenfeindlichkeit müssen angesprochen und sozial geächtet werden. Jetzt, heute, an jedem einzelnen Tag.

Oder wie es meine alten Kumpels, die Ärzte, einmal so vorzüglich formulierten:

Anleitung zum Fremdgehen – plaudern mit Michèle Binswanger

Réda El Arbi am Freitag, den 24. Juli 2015
Wir fragen uns, wer das Bild gemacht hat: Michèle Binswanger in den Ferien.

Wir fragen uns, wer das Bild gemacht hat: Michèle Binswanger in den Ferien.

In unserer lockeren Serie «Plaudern mit …» quatschen wir heute auf Leserwunsch hin mit der Autorin, «Tages Anzeiger»-Journalistin und ehemaligen Mamabloggerin Michèle Binswanger. Wir treffen uns in der Chuchi am Wasser, die Lufttemperatur beträgt gefühlte 43 Grad. Michèle kommt direkt aus dem Newsroom.

Du trägst einen schulterfreien Jumpsuit. Geht das im Büro?
(Was um Himmels Willen ist mit mir los? Einem Mann würde ich nie eine erste Frage zum Outfit stellen!)

Doch, das geht, obwohl ich im Büro natürlich etwas über die Schultern trage. Schulterfrei gehe ich nicht ins Büro, ich habe da so ungeschriebene Regeln, was den Dresscode anbelangt.

Du warst kürzlich mit einigen anderen Beziehungs- und Genderexperten im SRF Club zum Thema «Partnersuche mit Ü35». Nervts dich nicht, wenn du bei jeder Hundsverlochete zum Thema Liebe, Sex und Partnerschaft als Vorzeige-Genderexpertin eingeladen wirst?

Nein, sonst würde ich nicht hingehen. Aber ich bin froh, dass ich beim Tagesanzeiger inzwischen ein breiteres Themenfeld abdecke als nur Mama- und Genderthemen. Diese Schublade ist inzwischen ganz schön eng geworden, weil sich so viele darin tummeln. Trotzdem freut es mich, wenn ich als wichtige Stimme zum Thema Feminismus wahrgenommen werde, etwa von jungen Frauen, die sich an mich wenden. Und wenn eine verallgemeinernde Bezeichnung der Preis dafür ist, der nächsten Generation etwas mitzugeben, dann nehme ich das gerne in Kauf. Zudem ist es in unserem Beruf auch nicht schlecht, ein klares Profil zu haben, so wie damals beim Mamablog, das hat mir enorm geholfen.

Du wurdest ja damals nicht nur gestreichelt. Du hattest ein ganzes Heer von Hatern, die sich in den Kommentaren austobten. Leute, die dich in eine Schublade steckten. Fehlt dir das?

Es war anstrengend und ermüdend. Ich wollte jeden verbal verprügeln, ich fand es ungerecht und es hat mich auch sehr beschäftigt, so exponiert zu sein. Inzwischen habe ich Strategien entwickelt, um damit umzugehen. Ich bin auch etwas gelassener und die Kommentare, auch in den sozialen Medien, bringen mich nicht mehr so in Rage – oder nur noch selten. Einfach durchatmen, lächeln und vorbeiziehen lassen.

Ich kann schon die Kommentare sehen, die mir jetzt vorwerfen, ich promote Machwerke aus dem eigenen Haus, aber ich muss fragen, weils mich interessiert: Du schreibst an einem neuen Buch. Um was geht’s?

Der Arbeitstitel heisst «Anleitung zum Fremdgehen (für Frauen)». Es geht um Beziehungsmodelle, bzw. Frauen, die an irgendeinem Punkt in ihrem Leben fremdgegangen sind. Es gibt da ganz unterschiedliche Geschichten. Frauen, die erst mit 30 bei einem Seitensprung ihre eigene Sexualität entdecken, aber schon seit Jahren in einer Beziehung sind. Oder um Frauen, die ihren Partner von Herzen lieben, aber sich sexuell vernachlässigt fühlen, und sich ein emotional bedeutungsloses Ventil suchen. Oder Frauen, die jung Mutter geworden sind und Anfang dreissig mit zwei Kindern dastehen und einem Mann, den sie lieben, aber sich fragen: Und jetzt schlafe ich bis ans Ende meines Lebens nur noch mit ihm?

Dann gibst du Tipps, wie man als Frau Männer für Sex findet?

Haha, nein. Ich glaube nicht, dass Frauen solche Tipps brauchen, das ist ja das einfachste der Welt. Wenn sie wollen, können Frauen den ganzen Tag Sex haben und werden sogar noch dafür bezahlt. Aber ich glaube, Frauen haben andere Motive für Sex und auch fürs Fremdgehen und darum geht es im Buch: Warum geht jemand fremd, in welcher Situation und wie? Offen? Versteckt? Was passiert auf der Gefühlsebene? Wendet sich frau automatisch emotional vom Partner ab, wenn sie fremdgeht? Oder kann Fremdgehen die Beziehung retten? Sex ist für Frauen immer auch eine Art von Kommunikation und es gibt ganz unterschiedliche Typen von Fremdgeherinnen.

Wann kommt das Buch heraus?

Ich habe schon einen grossen Teil Recherche gemacht und fange jetzt während den Sommerferien an zu schreiben.

Ah, bis jetzt hast du also Recherchen zum Fremdgehen betrieben
(Kalaueralarm!)? Schreibst du aus Erfahrung?

Es geht in dem Buch nicht um mich. Es basiert auf Interviews mit Frauen in allen Lebenslagen und Lebensaltern. Erstaunlich viele Frauen haben Erfahrung mit Fremdgehen, haben es selber getan oder wurden betrogen – und vor allem reflektieren sie es sehr gewissenhaft, denn das läuft ja selten ohne Verletzungen und Kollateralschäden ab. Aber für viele Frauen verändert sich das Verhältnis zum Fremdgehen mit der Erfahrung. Sicher ist das Thema auch deshalb so aktuell, weil Frauen heute ganz andere wirtschaftliche, berufliche und überhaupt individuelle Freiheiten haben und die auch sexuell ausnutzen. Es wird von Frauen heute erwartet, dass sie ihre Sexualität selbstbestimmter ausleben – was nicht heisst, dass die moralische Stigmatisierung deshalb kein Thema mehr wäre.

Aber wenn Männer früher schon fremdgingen, müssten doch auch Frauen schon fremdgegangen sein. Also wenn man davon ausgeht, dass die Männer nicht miteinander fremdgingen.

Das ist ein völlig unlogisches Argument. Angefangen bei der Möglichkeit zu Prostituierten zu gehen oder sich eine klassische Geliebte zu nehmen. Aber selbstverständlich gingen Frauen auch früher schon fremd. Sie hatten bloss weniger Gelegenheiten und das moralische Stigma war grösser.

Wie siehts denn bei dir persönlich aus? Im Vorspann zum Club wurde verbreitet, dass du «seit Kurzem» wieder in einer Beziehung seist. Was wissen ich und unsere Leser nicht?

Zu meinem Beziehungsleben sag ich nichts.

Ou, gopf. Immer das Gleiche. Wenigstens einen Satz?

Der Ausdruck «seit Kurzem» ist relativ. Und «in einer Beziehung» ist auch relativ.

Klauen in Zürich

Réda El Arbi am Montag, den 20. Juli 2015
So hat sich meine Zukunft für einen Augenblick angefühlt.

So hat sich meine Zukunft für einen Augenblick angefühlt.

Gestern las ich den Tagi-Artikel «Der Dieb in dir», in dem es unter anderem um Ladendiebstahl geht. Das weckte Erinnerungen in mir. Ich war in diesem Bereich in meiner Jugend kein unbeschriebenes Blatt. Wenn die Polizeiakten nicht nach 10 Jahren oder so gelöscht würden, könnte man wohl meine Jugendsünden als aufmüpfiger Teenager noch belegen. Damals, mit 15 oder 16, hatte meine kriminelle Ader und mein Drang nach Adrenalin mich dazu verführt, Sachen in Supermärkten zu klauen. Das waren keineswegs Kavaliersdelikte, sondern ganz einfach Diebstahl. Dass ich es in erster Linie für den Nervenkitzel tat, macht aus heutiger Sicht moralisch keinen Unterschied. Dass ich dabei erwischt wurde und eine Strafe kassierte, war wohl einfach nur gerecht.

Und wie sieht es heute aus? Ich dachte, ich stelle mich dem Selbstversuch. Das ganze Projekt war etwas heikel, weil ich nicht die Ladendetektive oder den Manager informieren wollte. Das wäre dann ja so, als ob ich mit Sicherheitsnetz arbeiten würde. Nein, ich wollte mich dem Risiko aussetzen, erwischt zu werden, wie jeder andere Ladendieb.

Der Anfang

Zu Beginn war alles ganz leicht, ich entschied mich für einen hochfrequentierten Detailhändler in Orange (ihr könnt raten, welcher der zwei es war, je nachdem, ob ihr Coop- oder Migros-Kinder seid). Ich kleidete mich dem Wetter entsprechend unauffällig, Feldshorts mit vielen Taschen, ein enges T-Shirt und locker ein offenes weites Hemd darüber. Natürlich durfte auch meine Tasche mit sichtbar heraushängendem Badetuch nicht fehlen. Ich sah aus, als ob ich auf dem Weg ans Wasser wär. Es war später Nachmittag, und wenn man über meine grau gesprenkelten Haare und meine Fältchen hinweg sah, würde ich als fauler Student in den Semesterferien durchgehen. Oder als Dozent.

Als ich lockeren Schrittes durch den Eingangsbereich schlenderte, flutete mich bereits Adrenalin. Ich wollte etwas Grosses stehlen. Ein Gummiboot, ein Fass Bier, einen Sonnenschirm für den Garten. Ich stellte mir vor, wie ich mit meinem Diebesgut beim Management vorsprach und all die Ladendetektive alt aussehen liess. Ja, so kann sich Adrenalin auf einen Mittvierziger auswirken. Grössenwahn und Superhelden- bzw. Superschurkenfantasien.

Drinnen wars dann nicht mehr so einfach. Ich schlich erst mal zwischen den Regalen herum und stellte fest, dass man kaum zehn Sekunden alleine zwischen den Angeboten stehen konnte. Dauernd andere Leute. Also, der Sonnenschirm oder das Gummiboot fiel weg. Bei den Getränken schaute ich mich nach den Kameras um. Und da waren sie. Überall. Orwells 1984 war ein Klacks dagegen. Wo die nur all die Filme speicherten? Oder waren das nur Attrappen? Lieber kein Risiko eingehen. Also, neue Strategie. Ich versuchte mich in den toten Winkel der Kameras zu begeben und da etwas einzupacken. Inzwischen war vom Adrenalinrausch nur noch das Herzklopfen übrig. Nein, stimmt nicht ganz, eine gewisse adrenalinstimulierte Paranoia schien sich in meinem Hinterkopf zu etablieren. Der Typ da drüben war zum Beispiel viel zu warm angezogen für einen Tag wie heute, das musste ein Ladendetektiv sein. Schon wie der da rum schlich. Oder die Dame mit der blauen Bluse. Viel zu locker für ihr Alter und sie schaute sich sicher schon zwei Minuten die Auswahl an Wein an. Ha, nicht mit mir.

Die Mitte

Auf einmal erschien mir das Risiko, erwischt zu werden, unproportional gross für die Beute, die ich würde machen können. Aber ich tat es ja für den Ruhm, um dem Marktmanager triumphierend das Raubgut zu präsentieren. Trotzdem. Es war nicht die mögliche Strafe, die mich stocken liess, sondern die soziale Ächtung. Die Vorstellung, von zwei Ladendetektiven freundlich zur Seite gebeten und dann für alle sichtbar durch den Laden in ein dämmriges Hinterzimmer geführt zu werden, erschien mir plötzlich die grösste aller Strafen. Ich riss mich zusammen, biss auf die Zähne und bewegte mich weg vom vermeintlichen Feind, zwischen zwei andere Regale. Ich griff ohne zu überlegen in ein Angebot und liess den erbeuteten Gegenstand in meiner Hand verschwinden. Die Hand war jetzt verschwitzt, nicht von der Hitze, sondern vom Gefühl, jeder im Laden habe meine Absicht erkannt. Ich fühlte mich ertappt, bevor ich ertappt war. Es war irgendwie wie das Gefühl, plötzlich nackt auf einer Bühne zu stehen. Nur etwas unangenehmer.

Der letzte Schritt, nämlich den Gegenstand aus meiner Hand in meine Tasche verschwinden zu lassen, war beinahe nicht zu bewältigen. Alle schauten. Ich schlich weiter wie ein geprügelter Hund zwischen den Gestellen hin und her. Dann fasste ich mir ein Herz, nahm mit der anderen Hand ein Getränk aus dem Kühlregal und machte mich auf in Richtung Kasse.

Das Ende (Hier spannende Pause)

Natürlich war die Schlange nicht überlang, wie sonst immer – und ich kam schon nach drei Kunden dran, die nur wenige Artikel zu bezahlen hatten. Vielleicht hätte ich nicht an der Express-Kasse anstehen sollen. Aber zu spät. Auf dem Laufband lag nun eine Limonade, die ich nie trinke. Und, nach kurzem Zögern, ein kleiner, silbrig-verschwitzter Lipgloss. Ich staunte mein vermeintliches Diebesgut irritiert an. Die Dame an der Kasse zog meinen Einkauf ohne mit der Wimper zu zucken durch den Scanner. Ich bezahlte 19 Franken.

Man könnte meinen, mein Abenteuer sei hier zu Ende. Aber weit gefehlt! Ich hatte das Gefühl, ich sei so lange im Laden herumgelungert, dass mich die Ladendetektive einfach schon aus purem Verdacht kontrollieren würden. Und sicher würden sie am Ausgang zuschlagen. Ich schielte vorsichtig zur Tür, konnte aber niemanden ausmachen. Oder besser: Jeder und jede konnte ein ziviles Damoklesschwert sein. Die waren doch geschult, wie jeder andere auszusehen. Diese perfiden … Ich ging zum Kiosk im Innenbereich. Kaufte Zigaretten. Schaute mir die Zeitungen an, deren Headlines ich schon online gelesen hatte. Nach einer gefühlten Stunde war ich noch immer auf freiem Fuss. Ich wagte den kurzen Weg, demonstrativ gemächlich, durch die Ausgangstür. Nichts geschah. Ich schaute auf mein Handy. Mein ganzes Abenteuer hatte 11 Minuten gedauert. Die Zeit dehnt sich wohl unter Adrenalin. Die Paranoia hielt noch an, bis ich mehrere hundert Meter zwischen mich und den Laden gebracht hatte.

Fazit:
Ich verfüge noch über genug kriminelle Energie, um mir einen Diebstahl vorzustellen und zu planen. Aber um ihn durchzuführen fehlen mir einfach die Nerven. Und es ist nicht die Angst vor Strafe, sondern das Bewusstsein, dass man so etwas nicht macht. Dass man nicht vor allen Leuten dabei erwischt werden will. Nicht bei Ladendiebstahl. Mein Unrechtsbewusstsein und mein soziales Verantwortungsgefühl scheinen in den letzten 20 Jahren gewachsen zu sein.

Natürlich wäre ein Bankeinbruch was ganz anderes. Den würde ich mit Links durchziehen. Und danach in die Bank marschieren, dem Manager meine Beute vor die Füsse werfen und die Sicherheitsleute mit teuflischem Lachen mit ihrer Unfähigkeit konfrontieren. Ja, genau so wär das.

Stadt des Bartendings

Alex Flach am Montag, den 20. Juli 2015
Sieger des Bartending Contest 2014: Alexander Nicolaides

Sieger des World Class Bartending Contest 2014 (CH): Alexander Nicolaides

Das Nachtleben besteht nicht nur aus Clubs. Viele Menschen verbringen ihren Ausgang lieber in den Zürcher Bars und in diesen herrscht Aufbruchstimmung: Die Qualität des Bartendings hat in den letzten Jahren stark zugenommen und wo einem früher meist nur ein leidlich akzeptabler Vodka Lemon über den Tresen geschoben wurde, kriegt man heute die ausgefallensten Cocktails.

Alexander Nicolaides ist Chef de Bar des NEO an der Europaallee und hat 2014 die Schweizer Ausscheidung der Diageo World Class Competition, des weltweit renommiertesten Bartending-Contests, gewonnen.

In den 90ern war Zürich eine Barstadt. Insbesondere die Lokale im Niederdorf und am Limmatquai boomten. Dann, ab Mitte der 90er, wurde Zürich innert weniger Jahre zur Clubstadt. Was ist passiert?

Mit der Lockerung der Bewilligungsverfahren Mitte 90er durfte plötzlich jeder einen Club eröffnen. Zudem: Elektronische Musik war neu und damit aufregend, was zu einer Verschiebung der Prioritäten beim Zürcher Ausgehpublikum geführt hat. Die Leute wollten nun tanzen und nicht mehr an der Bar stehen.

Wieso haben die Bartender ihr Wirken nicht einfach in die Clubs verlegt und dort eine gehobene Barkultur installiert?

In den Clubs hat niemand die Zeit, einen Cocktail zu mixen: Schnelligkeit ist die wichtigste Qualität. Zudem bestand in den 90ern keine Nachfrage nach experimentellem Mixing: Die Barkeeper mussten Unterhalter und keine Mixologen sein.

Und das ist heute anders?

Klar gab es schon damals hervorragende Zürcher Bars wie beispielsweise die Kronenhalle Bar. Aber in den letzten Jahren ist auch in der Schweiz eine neue Generation Barkeeper herangewachsen, die experimentierfreudig ist, die ihre Profession als Passion definiert und die damit begonnen hat, in dieser Stadt eine neue Barkultur zu installieren. Inspiriert von der Entwicklung im Küchen- und Food-Bereich hin zu mehr Natürlichkeit und Kreativität haben auch die Bartender angefangen, ihren Job neu zu erfinden, was auch Einfluss auf die Industrie hat, die in immer höherer Kadenz immer noch ausgefallenere Brände und Liköre auf den Markt bringt.

Auch Alex Armbrüster, Gründer der Barfachschule Zürich, freut sich über diese Entwicklung. Er meint jedoch, dass viele dieser aufstrebenden Barkeeper zwar wirklich gute Cocktail-Mixer seien, jedoch vergessen hätten, dass ein Barkeeper auch ein guter Gastgeber sein muss.

Da hat er leider Recht. Die Qualität des Mixings ist in dieser Stadt so gut wie nie zuvor. Um die nächste Phase in der Entwicklung der Zürcher Barkultur einzuläuten, ist es notwendig, dass die Barkeeper sich daran erinnern, dass sie auch Entertainer sein müssen.

…und dann wird Zürich wieder von einer Club- zu einer Bar-Stadt?

Das muss kein Entweder/Oder sein, beides kann nebeneinander existieren und in einigen Clubs wie dem Kauz findet man durchaus tadelloses Bartending. Zudem würde ich eher sagen, dass Zürich mal eine Stadt der Bar-Entertainer war, dann zu einer Stadt der Clubs wurde und dass sie nun und dank der jungen Wilden die Chance hat, zu einer Stadt des Bartendings zu werden.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Dreck, Konsum & Rock’n’roll

Réda El Arbi am Donnerstag, den 16. Juli 2015
Nach mir die Sintflut: Was sind das für Menschen, die so mit der Welt umgehen?

Zu Weltverbesserungs-Hymnen mitweinen und dann alles so hinterlassen. (Thurgauer Zeitung)

Dieses Jahr gehe ich nicht an Openairs. Ich werde, ausser in diesem Post hier, auch nicht darüber schreiben. Nicht etwa, weil ich zu alt für das wilde Leben in Sumpf, Hitze und Zelt bin. Ich will einfach nicht mit Menschen zusammen feiern, die zur Weltverbesserungs-Hymne irgendeiner Alternativ-Rockband mit Tränen in den Augen das gleiche Feuerzeug hochhalten, mit dem sie am Ende des Anlasses ihr Zelt anzünden.

Die Grossanlässe wie das Frauenfelder Openair machen nicht mehr mit ihren coolen Acts und LineUps Schlagzeilen, sondern mit der Menge Müll, die am Schluss zurückbleibt. Und damit meine ich nicht die leeren Flaschen, sondern die «Nach mir die Sintflut»-Mentalität, die sichtbar wird, wenn die Leute am Ende des Openairs  ihre Zelte, Rucksäcke, grundsätzlich einfach alles, zurücklassen. Sie zerstören ihre Hinterlassenschaft auch noch, zertrümmern Zelte und zünden ihren Müll an. Was sagt das über einen Anlass aus, an dessen Ende die Leute so drauf sind? Und es sind nicht «Einzelfälle», wie man oben im Bild klar erkennen kann. Es ist schiere, unglaubliche, kaputte Dekadenz.

Aber das ist ja nicht das Einzige. Ein Freund meinte, die Veranstalter würden ihnen den Müll ja erst verkaufen, bevor die Besucher ihn liegen lassen. Und das ist neben dem Müll die zweite Plage an Openairs: Das Gelände ist ein grosses Sektenareal der Sponsoren. Man kriegt nur die überteuerten Getränke des Sponsors, nur die Zigaretten der Sponsoren, jeder Quadratzentimeter ist mit hirnwaschender Werbung zugepflastert. Um sich als Zielscheibe für den Konsumterror ausbeuten zu lassen, bezahlt man auch noch eine Unmenge. Eigene Getränke darf man nicht mitbringen, «aus Müllvermeidungsgründen». Jaja, my a**.

Ich hab diese Grossanlässe satt. Egal ob Openair oder Street Parade. Egal unter was für herzerwärmenden Mottos sie stattfinden, egal welch engagierte Bands spielen. Die Anlässe sind Mästanlagen. Man treibt die Besucher wie Schafe in ein Areal, stopft ihnen oben Dinge rein, und unten kommt Geld heraus, und als Nebenprodukt ein Gelände, das sich nicht von den Mülldeponien in Mexico City unterscheidet.

Versteht mich nicht falsch: Ich denke durchaus, dass man mit Musik auch Geld verdienen soll, auch die Veranstalter sollten ihren Schnitt machen. Wenn aber der Event nur noch darauf ausgerichtet ist, mich zu melken und die Acts nur noch dazu da sind, um mich davon abzulenken, dann hat das nichts mit mehr mit meinem Verständnis von «Festival» zu tun. Ich müsste schon eine Unmenge Drogen nehmen, um zu verdrängen, dass ich ausgenommen, manipuliert und verarscht werde.

Wenn ich also in Zukunft die Selfies von solchen Anlässen im Web sehe, werde ich mich fragen, ob der Person bewusst ist, dass sie der Festivalindustrie als Mastsau  dient. Und ich frage mich, ob das nun eine dieser Personen ist, die das Gelände so wie auf dem Bild hinterlässt. Und ehrlich, mit solchen Leuten will ich nichts zu tun haben. Und «Spass» sieht für mich persönlich irgendwie anders aus.

Schulen für DJs?

Alex Flach am Montag, den 13. Juli 2015
DJ Ferrari über Kunst, DJs und Handwerk.

Domenico Ferrari über Kunst, DJs und Handwerk.

Längst leben viele Schweizer ausschliesslich von der Auflegerei. Inzwischen gibt es auch einige (mehr oder weniger aktive) Schulen an denen man das Turntable-Handwerk erlernen kann, beispielsweise die DJ University in Pfäffikon, die Spin DJ Academy in Zürich, Beatmix in Bern und Basel oder die neue Mixmasters-Schule mit Standorten in Horgen und Birmenstorf.

Domenico Ferrari, DJ und Produzent (High Heels Breaker) und Dozent für Producing an der ZHdK, erzählt, was er von solchen Instituten hält.

Brauchen DJs eine Schule?
Der Markt zeigt, ob es solche Schulen braucht. Das sind ja private Institutionen, also Firmen die Geld verdienen wollen. Mir fehlen die Erfahrungswerte um fundiert beurteilen zu können ob diese Schulen über die nötige Kompetenz verfügen, auch in pädagogischer Hinsicht.

Es fällt auf, dass einige dieser Schulen mit namhaften Gastdozenten arbeiten, derweil man von den ständigen Dozenten kaum einen kennt.
Das ist in der Tat etwas besorgniserregend: Das sieht nach schmückendem Namedropping aus. Wenn aber die Gastdozenten über pädagogisches Talent verfügen, dann profitieren die Studenten von deren Know How. Auch an der ZHdK gibt es international renommierte Gastdozenten. Jedoch sind bekannte Namen kein Indiz dafür, dass die Schule was taugt.

Sind solche Schulen nicht zu kleinbürgerlich für den Beruf DJ?
Keine Schule kann aus einem Talentierten einen Künstler machen. Sie kann nur Türen öffnen: Durchgehen muss der Student selbst. Wer denkt, er könne solche Kurse absolvieren und komme dann an viele Bookings, der landet schnell auf dem harten Boden der Realität.

Mixmasters.ch verspricht, dass man nach Abschluss der Kurse schnell 500 CHF Gage pro Booking verdienen kann …
Das ist gummig formuliert. Der Schritt zum Künstler dauert viele Jahre. Ein gutes Beispiel ist Jimi Jules: Er hat fünf Jahre Musik an der ZHdK studiert und sich seinen Masterabschluss erarbeitet, hat bereits während seines Studiums aufgelegt. Wir reden hier von einem Zeitraum von 8 – 10 Jahren zwischen dem ersten Mal auflegen und dem endgültigen Durchbruch.

Du sprichst von Künstlern. Machen nicht erst eigene Songs aus einem DJ einen Künstler?
Erfolgreiche Produktionen werden immer wichtiger, will man ein angesehener DJ werden. International erfolgreiche DJs können auf Hits verweisen oder sie führen Labels, auf denen andere Produzenten solche veröffentlichen. Wie beispielsweise der Berliner Dixon mit Innervisions. Das Produzenten-Know How wird an diesen Schulen wohl nicht in genügendem Umfang vermittelt. Dafür aber wird da „Taktlehre“ gelehrt, wobei mich interessieren würde, was man da lernt… wie man bis Vier zählt?

Dein Fazit?
Im Gegensatz zur ZHdK lehren diese Schulen eher das Handwerk als die Kunst. Nun muss sich jeder selbst fragen, ob er dereinst elektronischer Musiker werden möchte, oder ob er beim reinen DJing bleiben will. Ist Zweites der Fall, dann können diese Schulen durchaus eine wertvolle Starthilfe sein. Der Karriereaufbau liegt jedoch in beiden Fällen letzten Endes immer beim Student.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

LSD, die biologische Uhr & Depressiönchen – plaudern mit Lara Stoll

Réda El Arbi am Freitag, den 10. Juli 2015
Im Bild ist die zurückhaltende junge Dame vom Interview nicht zu erkennen: Lara Stoll.

Im Bild ist die zurückhaltende junge Dame vom Interview nicht zu erkennen: Lara Stoll.

In unserer lockeren Serie «Plaudern mit …» treffen wir diese Woche Lara Stoll, Slam Poetin, Filmemacherin, Schauspielerin und Autorin. Sie hat sich gerade mit Satire-Serie «Suisis» weit aus dem Fenster gelehnt. Wir setzen uns in der Bäckeranlage auf die Wiese unter einen Baum.

Im TV wirkst du grösser. Und älter.

Ja, ich seh jünger aus, als ich bin. Ich muss beim Bierkauf noch immer meinen Ausweis zeigen, obwohl ich inzwischen 28 bin. Aber in zehn Jahren wird das ein Vorteil sein.

Wenn man nachliest, was in den letzten Jahren über dich geschrieben wurde, fällt immer wieder der Ausdruck «Nachwuchstalent». Geht dir das bei deinem erwiesenermassen beeindruckenden Leistungsausweis nicht auf den Sack?

Nein, das ist mir eigentlich egal. Ich weiss auch nicht ob ich mich jemals wirklich gänzlich als «gestandene Künstlerin» sehen werde, man entwickelt sich ja ständig. Vielleicht hat das ja auch mit meiner «noch-nicht-alt-genug-für-Bier-Optik» zu tun.

Du kommst aus einem kleinen Dorf der Nordostschweiz. Wird man eher selbst kreativ, wenn rundherum nicht so viel läuft?

Ja, das kann gut sein. Natürlich war mein Tatendrang schon immer da und musste ein Ventil finden. Kann gut sein, dass ich einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Man muss kreativ sein, um eine gewisse Langeweile zu überwinden.

Wie weit ist die laute Slam Poetin und die satirische Schauspielerin Lara mit der privaten Lara identisch?

Beides sind Teile meiner Persönlichkeit. Ich kann im Privaten eher ruhig und zurückhaltend sein, weil ich auf der Bühne Gas geben kann.

Erfüllst du also das Klischee von depressiven Clown, das besagt, dass jeder grosse Unterhalter als privater Mensch introvertiert und depressiv sein muss?

Nein, nicht so. Natürlich haben viele Künstler eine depressive Ader, und auch bei mir kommt das ab und zu durch. Aber es prägt nicht meine Persönlichkeit. Wenn ich heute etwas niedergeschlagen oder durcheinander wirke, dann weil ich gerade privat eine etwas schwierige Zeit durchmache.

Was beschäftigt dich denn gerade?

Darüber will ich lieber nicht sprechen.

Ok. Themenwechsel. Du machst mit deinem Partner Cyrill Oberholzer gerade die krasse Film-Satire «Suisis», in der ihr die Vorstellung einer Schweizer Terrorgruppe gebt und damit nicht nur unterschwellig Gesellschaftskritik betreibt. Bist du politisch?

Ja und nein. Meine Werte beziehen sich eher auf den zwischenmenschlichen Umgang. Die Provokationen und der politische Ansatz bei «Suisis» zum Beispiel kommen mehr von Cyrill als von mir. Ihm liegt es am Herzen, mit seiner Arbeit auch immer wieder die Leute wachzurütteln und zu pieken. Ich schätze diesen Ansatz natürlich sehr, trage ihn auch mit, aber in meinen Solowerken liegen andere Themen im Zentrum. Sowieso ist das was ich auf der Bühne tue etwas ganz anderes als in unseren Videos. Die Bühne ist meine Einkommensquelle, dieser gilt es auch Sorge zu tragen, da liegt es derzeit nicht drin die Leute mit zu viel provozierendem Inhalt zu vergraulen. Dafür kann ich mich filmisch austoben wie ich will.

Was sagen deine Eltern zu deiner etwas ungewöhnlichen Karriere? Deine Arbeiten gehen ja oft weit über den guten Geschmack hinaus und provozieren. Und von Slam Poetry-Auftritten zu leben steht ja auch nicht auf der Empfehlungsliste des Berufsberaters.

Anfangs machten sie sich schon etwas Sorgen. Meine ersten Slam-Auftritte waren miserabel! Und meine Eltern wollten ja in erster Linie, dass es mir gut geht. Als dann die ersten Preise eintrudelten und sich langsam der Erfolg abzeichnete, atmeten sie wohl auf. Auch ist es sicher beruhigend für sie, dass ich jetzt mein Studium abgeschlossen hab, auch wenns Kunst und nicht Jura oder Medizin ist.

In Interview und Portraits sieht man immer dein Gesicht, selten Cyrills. Gibts da nicht Probleme? Eifersucht wie bei Oasis (für unsere jüngeren Leser: Das ist eine antike Popgruppe)?

Nein, gar nicht. Cyrill ist es sogar lieber, wenn er aus dem Hintergrund agieren kann, und so muss ich mein Gesicht hinhalten und mich mit zwielichtigen Bloggern im Stadtpark treffen.

Apropos zwielichtig: Wenn man deine Arbeiten betrachtet, gibt’s ein Thema, das immer wieder auftaucht: LSD. Ist das deine Lieblingsdroge?

Ich habe es bisher erst einmal ausprobiert und das war schon ziemlich toll. Nicht, dass ich wahnsinnige Erkenntnisse gewonnen hätte, aber es zeigt einem die Welt doch wirklich aus einer anderen Perspektive. Ich als grosse Arachnophobikerin hatte plötzlich ein stündiges Chäferfest mit einer Spinne! LSD würde so manchen Leuten mal gut tun.

Und sonst? Du lebst ja jetzt mitten im Kreis 4. Dauernd Parties, Sex, Drugs & Techno?

Die letzten zwei Jahre war ich mit Studium und Arbeit so besetzt, dass ich gar keine Zeit hatte. Jetzt, nachdem ich abgeschlossen hab, nehm ich mir Zeit, etwas mehr unterwegs zu sein und auch diese Seite von Zürich kennenzulernen. Da kanns schon mal sein, dass ich ein zwei Nächte hintereinander durchmache. Und auch mal zu viel saufe.

Hast du keine Angst abzustürzen, wie es schon vielen kreativen Köpfen in der Stadt passiert ist?

Nein, ich schlage zwar gerne mal über die Stränge, leide dann aber auch am nächsten Tag darunter. Ich denke, ich bin da zu ehrgeizig, zu zielgerichtet. Ich will ja weiter schreiben und Filme machen und noch so vieles mehr. Ausserdem hab ich Leute, die gut auf mich aufpassen und mir auch mal den Kopf waschen, wenn ich’s übertreibe.

Wie sieht jetzt nach deinem Abschluss die Zukunft aus? Mann, Kind, Einfamilienhaus?

Nein, sicher noch keine Kinder. Obwohl in meinem Umfeld einige Frauen bereits zum Rhythmus der biologischen Uhr tanzen, spür ich den Druck noch nicht. (Anmerkung: Rund um uns setzen sich Mamis mit Kleinkindern in den Schatten, wir sind in der Bäcki.) Ausserdem bin ich wohl noch zu egozentrisch. Ich will die Möglichkeit haben, die Welt zu entdecken, Risiken einzugehen, Geschichten zu finden. Das ist mit Kindern, wenn man ihnen wirklich gerecht werden will, nicht im gleichen Masse möglich. Jetzt will ich sowieso erst mal den Sommer geniessen und danach ein grosses Drehbuch für einen 90-minütigen Film schreiben.

Sagts und rauscht davon. Wir warten gerne auf den Film aus Laras Feder.

Lara hat uns extra noch ein Bild ihrer zurückhaltenden Seite geschickt.

Lara hat uns extra noch ein Bild ihrer zurückhaltenden Seite geschickt.