Saunaregeln (1 bis 3)

Thomas Wyss am Samstag, den 25. Februar 2017

Vergangene Woche ging es in dieser Hilfe-zur-Selbsthilfe-Rubrik ja um die Midlife-Crisis. Und darum, dass es für viele daran leidende Zürcher trendy sei, nach England zu fahren, sich dort in Flugsimulatoren zu setzen und von virtuellen Nazis abschiessen zu lassen, da sie sich dank dem Scheintoderlebnis – total paradox! – wieder mal richtig «spüren». Weiter war zu lesen, dass Frauen seltener von der perfiden Sache befallen werden, da sie, anders als Männer, nicht zu stolz sind, sich helfen zu lassen. Wie sich nun zeigte, war all das zwar nicht falsch, aber eben auch nicht ganz vollständig.

Einerseits meldeten sich sieben Zürcherinnen zwischen 39 und 51 Jahren, die angaben, trotz Esoterik & Co. in eine Midlife-Crisis geschlittert zu sein. Anders als bei Männern, bei denen zumeist der akute Verlust des Selbstwertgefühls die Krise auslöst, ist das bei Frauen erkennbare Muster der sogenannte zerbrochene Traum. Hier stellvertretend ein Beispiel, das uns per Mail erreichte: «Als Backfisch schrieb ich gerne Gedichte, später war ich eine politisch engagierte Geschichtsstudentin, die von der Sorbonne träumte – und jetzt hocke ich Nachmittag für Nachmittag im stickigen Kinderzimmer und klatsche in meine vom Bananenbrei klebrigen Hände, wenn es mein süsser Bub japsend und tapsig fertigbringt, im Laufgitter zwei Schrittchen zu machen, bevor es ihn wieder auf seinen weichen Sabberlatz knallt. Nicht exakt das Szenario, das ich mir als 20-Jährige ausgemalt hatte.»

Ergänzungsmails gabs auch von Männern. Darunter eine Art Merci für unsere Idee, statt selbstdestruktiv doch lieber fremdkonstruktiv zu wirken, also irgendwo in der Stadt einen Laden mit Teespezialitäten zu eröffnen («Übergiess dich doch selbst mit warmem Wasser, du Metrosexueller!»), sowie die rege Nennung der Krisenbewältigungs-«Klassiker»: schöne junge Gespielin zutun, schönes altes Auto kaufen.

Ein Mann wenigstens wusste positiv zu überraschen. Er schrieb, er sei jüngst das erste Mal in einer Sauna gewesen, eigentlich gar nicht wegen der Midlife-Crisis (die bei ihm, atypisch, durch das unerwartete Verenden seiner Yuccapalme und den ebenso unerwarteten irreparablen Defekt seines Tangentialplattenspielers ausgelöst worden war), sondern weil er gelesen habe, Wissenschaftler hätten herausgefunden, regelmässiges Saunieren verringere beim Mann das Demenzrisiko um satte 66 Prozent. Doch nach dem Saunabesuch habe er sich dann psychisch das erste Mal seit dem Exodus von Pflanze und Turntable wieder ziemlich gut gefühlt. Darum wolle er jetzt öfter gehen, benötige aber unbedingt die Zürcher Saunaverhaltensregeln, bei der Premiere sei ihm nämlich was Unstatthaftes passiert, ins Detail möge er nicht gehen, weil zu peinlich.

Wir helfen selbstredend gern. Heute mit dem Grundwissen (Regeln 1 bis 3), am nächsten Samstag mit dem Fortgeschrittenenkurs (Regeln 4 bis 10).

1. Wenn wir hier von Sauna reden, meinen wir nicht lauwarmes Biozeugs oder feuchtfröhliche Dampfbäder, sondern «the real stuff», sprich die hitzige finnische Schwitzhütte!

2. Was für Hunde in der Metzgerei gilt, gilt (trotz Reformationsprüderie) auch für Badehosen und Bikinis in hiesigen Saunas: Sie bleiben draussen!

3. Das gilt auch für Gin Tonics!

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 24. Februar 2017

«Mein Laden rentiert nicht mehr.»

Der Laden Läbis im Niederdorf war weit mehr als nur ein Ort, an dem man Lebensmittel kaufte. Dass er jetzt schliessen musste, sagt auch einiges über das Quartier. Läbis-Inhaber Petros Nanopoulos ist traurig über das Ende. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Seltsam, aber hier haben wir unsere Ruhe.»

Ein Wohnhaus an der Bahnstrecke Zürich–Chur steht so nahe an den Gleisen wie wohl kein anderes in der Schweiz. Die Bewohnerin Jolanda Zurdo (auf dem Bild mit ihrem Sohn Javier) nimmt die  Wohnverhältnisse gelassen. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Ich bin nicht mehr so naiv wie am Anfang.»

Wenn sich zwei Parteien streiten, versuchen Friedensrichter diese auszusöhnen. Das braucht in manchen Fällen ganz schön viel Fingerspitzengefühl, sagt Friedensrichterin Regula Berger. Oft geht es auch um Eingemachtes, das Friedensrichter abfedern müssen. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Die SP ist für die Zukunft gut aufgestellt.»

Er hat genug vom Knatsch und die Reissleine gezogen: Daniel Frei gibt nach viereinhalb Jahren das Präsidium der SP Kanton Zürich ab. Einer der Gründe für seinen plötzlichen Rücktritt ist der andauernde Konflikt um Regierungsrat Mario Fehr. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Weg vom Biedermeierstil
mit viel Louis Toujours»

Modern und aufgefrischt: Nach einer Rekordzeit von nur sechseinhalb Wochen Umbau kann Direktor Jörg Arnold im Traditionshotel Storchen wieder seine Gäste begrüssen. Die Investitionen sollen das Haus im obersten Segment positionieren. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Hier wird ein Naturparadies zerstört.»

Der ehemalige FDP-Kantonsrat Rolf Walther wehrt sich gegen das von der Stadt in Altstetten geplante Areal für Hobbygärtner, die dem neuen ZSC-Eishockeystadion weichen müssen. Das Dunkelhölzli gehöre geschützt. Die Stadt Zürich ist anderer Meinung. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Frauen sind die besseren Biertrinker.»

Der Winterthurer Patrick Thomi ist neuer Schweizer Meister der Biersommeliers. Das richtige Glas zum richtigen Bier ist für ihn matchentscheidend. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Weltweit einzigartig.»

Die SBB haben ihr Reparaturcenter in Zürich-Altstetten für 37 Millionen Franken modernisiert. Das Herzstück der Anlage ist eine 30 Meter lange, 90 Tonnen schwere Spezialmaschine.«Die Spezialanfertigung aus Dresden ist weltweit einzigartig», sagt Projektleiter Walter Bucheli (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Manchmal braucht es Ungehorsam,
um weiterzukommen.»

Unermüdlicher Kämpfer für die Randständigen: Ernst Sieber hat sein ganzes Leben in den Dienst der Armen und Benachteiligten gestellt. Der berühmteste Pfarrer der Schweiz wurde diese Woche 90 Jahre alt. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Schon als Kind zog mich das Schöne an.»

Umziehen, anziehen, wegziehen: Ursula Bolzhauser schliesst den Herrenausstatter Dschingis in der Enge und zieht nach Frankreich. (Foto: Reto Oeschger)

 

«Ohne Käse sterbe ich.»

Die Politologin Regula Stämpfli geht, wenn sie allein sein will, am liebsten ins Zürcher Landesmuseum und weiss genau, weshalb sie auf keinen Fall eine Veganerin ist. (Foto: Urs Jaudas)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Frau in Blau

Beni Frenkel am Donnerstag, den 23. Februar 2017

Chips-Wissenschaftler an der Arbeit im Hauptbahnhof. (Foto: Beni Frenkel)

Kinder brauchen klare Regeln. Wir müssen sie vor Gefahren schützen und deswegen die Weichen schon früh stellen. Der Grat zwischen Freiheit und Ohrfeige ist manchmal sehr schmal. Nehmen wir meine Kinder als Beispiel. Der Sohn (7 Jahre) und die beiden Töchter (3 und 9 Jahre) wissen, dass sie später jeden Beruf ausüben dürfen, für den sie sich entschieden haben. Aber sie wissen ebenfalls, dass ich es gerne sähe, wenn wenigstens ein Kind Chips-Wissenschaftler oder Chips-Wissenschaftlerin wird.

Ich kann von Chips nämlich nicht genug kriegen. Ich liebe es, um Mitternacht aufzustehen, und eine Packung Chips zu vertilgen. Vor sieben Jahren habe ich sogar ein Chips-Gedicht geschrieben. Lange hielt es unter Verschluss. Heute, liebe Leser, liebe Leserin, sind Sie die ersten, die es lesen dürfen:

Oh Chips, ich habe Euch so lieb

Oh Chips, wegen Euch werd’ ich zum Dieb

Oh Chips, ich fress’ Euch gern

Oh Chips, dafür fahr’ ich nach Bern.

Vor zwei Wochen rief mich mein Freund J.Gottlieb an. «Die Chips-Experten von Zweifel kommen am 20. Februar endlich nach Zürich. Es gibt Chips, es gibt Paprika-Suppe und es gibt nochmals Chips.» «Nein!», schrie ich, «ist denn schon wieder Weihnachten?»

Kurze Unterbrechung. Als seriöser Kolumnist will ich transparent meine Interessensbindung mit der Firma Zweifel offenlegen: Ich esse seit über 30 Jahren die leckeren Produkte von Zweifel. In den letzten drei Jahren sogar täglich. Wenn ich betrübt bin oder einfach so bin, esse ich Chips. Im Bett, in der Badewanne, im Tram, im Lift, auf Toilette, in der Synagoge. Dank ihnen wiege ich heute 30 Kilogramm mehr als zu meiner Hochzeit vor zwölf Jahren.

Kein Wunder also, dass ich am Montag früher von Arbeit ging und zwei leere Türkentaschen mitnahm. Ich wollte so viele Chips ergattern, dass ich die beiden Taschen am Boden schleifen muss. Im besten Fall hätte ich Geld für mehrere Schliessfächer.

Am Bahnhof angekommen, wurde ich leicht nervös. Wer schon mal im Hauptbahnhof Zürich war, weiss: Das ist ein grosser Bahnhof. Hoffentlich finde ich die Chips-Experten. Ich habe doch so viele Fragen.

Meine Angst war zum Glück unbegründet. Direkt unter dem fetten Schutzengel von Saint-de-Phalle standen drei junge Chips-Wissenschaftler und verteilten winzige Chips-Tüten. «Ich habe eine Frage zu den Chips», fragte ich einen der Experten. «Da musst du dort die Frau in Blau fragen. Wir verteilen nur Chips.» Die Frau in Blau goss gerade Paprika-Suppe in kleine Pippi-Becher ein. Schüchtern stand ich direkt hinter ihr. In breitem Berner-Dialekt fragte sie mich, ob ich Paprika-Suppe möchte. «Bern», schoss es mir durch’s Gehirn, «damit hört doch mein Chips-Gedicht auf.»

Ich weiss nicht mehr, was ich stotterte. Auf jeden Fall hatte die Berner Chips-Wissenschaftlerin grosse Freude mit mir und zeigte Richtung Auto. Ein Audi. Den kam man irgendwie gewinnen. Auf der Rückbank lagen ganz viele Chips-Tüten, aber nicht so kleine Demo-Tütchen. So richtig grosse, leckere Paprika-Chips-Tüten. Ein Audi-Verkäufer trat an mich heran. «Haben Sie Fragen zum Auto?»

«Nein, nur zu den Chips. «Fragen sie am besten die Frau in Blau.» Ach, wär ich doch nicht so schüchtern vor wunderschönen Chips-Wissenschaftlerinnen.

Diese Meinungsfreiheit ….

Réda El Arbi am Dienstag, den 21. Februar 2017
Meinungen sind wie Darmausgänge: Jede/r hat eine.

Meinungen sind wie Darmausgänge: Jede/r hat eine.

«Meinungsfreiheit», «Sagen, was man denkt!» und «Zensur» sind in letzter Zeit beliebte Topics in meinem erweiterten Umfeld. Einerseits hat die «NZZ online» ihre Kommentarspalte geschlossen, andererseits ist auf der anderen Seite des Teichs eine Mannschaft am Ruder, die dauernd sagt, was ihnen gerade ins Hirn zwirbelt. Zwei ganz unterschiedliche Auswirkungen der «Meinungsfreiheit». Aber schauen wir mal genauer hin:

Also, erstens: Es heisst «Meinungsäusserungsfreiheit» (kurz: Redefreiheit). Weil die Meinung erst dann relevant wird, wenn man sie äussert. Und zweitens: Ich bin ein extremer Verfechter dieser Freiheit. Nur, was bedeutet das eigentlich? Es bedeutet, dass ich öffentlich alles sagen darf, solange es nicht rechtsrelevant ist. Also, ich darf zum Beispiel nicht lügen, um einem Anderen Schaden zuzufügen. Ich darf niemanden in seiner Ehre verletzen, beschimpfen oder in seiner/ihrer sexuellen Integrität verletzen. Ich darf nicht zu Hass und Gewalt aufrufen. Ich darf die Rassismusstrafnorm nicht verletzen. Ich darf Völkermord nicht leugnen.

Seien wir ehrlich, die Einschränkungen der Redefreiheit sind für jeden einigermassen anständig erzogenen Schweizer auch ohne rechtliche Konsequenzen völlig klar. Nur bösartige, psychisch desorientierte oder verhetzte Menschen verstossen gegen diese äussersten Regeln.

Nun kurz zur NZZ: Redefreiheit beinhaltet nicht das Recht, dass eine privatwirtschaftliche Plattform jeden meiner Hirnfürze veröffentlichen muss. Wenn die NZZ entscheidet, keine Kommentare mehr zuzulassen, ist das ein unternehmerischer Entscheid, keine Zensur. Es gibt kein Grundrecht auf Onlinekommentare.

Natürlich würde ich persönlich das niemals machen, weil es den Lesern signalisiert, sie seien unmündige Idioten. Ich habe genug Vertrauen in meine Leser, dass ich ihnen zutraue, einen idiotischen Hasskommentar oder einfach einen Schwachsinn als das zu erkennen, was er ist. Deshalb blockiere ich nur extrem ausschweifende, gewaltverherrlichende, extrem beleidigende und wahnsinnig langweilige Kommentare. Kommt nicht so häufig vor.

Jetzt zu den Konsequenzen: Viele Kommentatoren sehen sich in ihrer Redefreiheit eingeschränkt, wenn ihnen jemand nachdrücklich widerspricht. Merke: Die Meinungsäusserungsfreiheit bedeutet, dass ich jeden Seich öffentlich äussern darf. Sie bedeutet nicht, dass dies unwidersprochen geschehen muss. Jeder darf darauf von seiner eigenen Redefreiheit Gebrauch machen und widersprechen.

Die Redefreiheit bedeutet auch nicht, dass meine Äusserungen keine Konsequenzen haben. Ich kann sagen, was immer ich will, aber ich muss mit den Reaktionen meines Umfelds leben. So kann ich zum Beispiel meinem Chef sagen, er sei eine völlige Pfeife in seinem Job. Das wird wohl kaum rechtliche Konsequenzen haben. Aber selbst wenn es den Fakten entspricht, kann das durchaus bedeuten, dass ich einen neuen Job suchen muss. Konsequenzen, klar?

Also, wenn ich meine Meinung äussere, macht es Sinn, dass ich diese Meinung auf Fakten stütze. Des Weiteren ist es zu empfehlen, dass ich vor dem Sprechen oder Schreiben mein Hirn einschalte und die Konsequenzen abschätze.

Und zum Schluss das, was ich mir selbst immer wieder sagen muss: Viele Meinungsäusserungen sind zwar persönlich ungeheuer befreiend, aber für die soziale Interaktion nicht unbedingt förderlich.

200 Stutz für die Nacht

Alex Flach am Montag, den 20. Februar 2017
Da ist noch jede Menge mehr im Glas als nur das Getränk.

Da ist noch jede Menge mehr im Glas als nur das Getränk.

Wer über das Zürcher Nachtleben spricht, der landet früher oder später bei den Preisen für Eintritte und Getränke: «18 Franken für einen Wodka irgendwas, 30 für den Eintritt; wer kann sich sowas leisten?». Nimmt man die stattliche Anzahl gut laufender Clubs und Bars, dann sind das nicht wenige.

Trotzdem: Wenn man sich während einer Samstagnacht ein Zunge lockerndes Komfort-Räuschlein antrinken, der Dame seiner Wahl einen Drink spendieren und dann mit dem Taxi nach Hause fahren möchte, dann muss mehr als hundert Franken budgetieren. Mindestens zweihundert gar, wenn man ein-, zweimal den Club wechseln und am Morgen danach mit einem ordentlichen Kater aufwachen möchte. Das kann und will sich nicht jeder gönnen, zumindest nicht an jedem Wochenende.

Vergleiche mit den Preisen in Berlin sind da schnell zur Hand: Die Eintritte kosten halb so viel, von jenen für die Drinks ganz zu schweigen. Und die Line-Ups dort sind ja nicht schlechter als jene in Zürich. Dass der Ausgang in Berlin markant günstiger ist, liegt natürlich daran, dass das dortige Lohnniveau niedriger ist.

Auch jenes der Barkeeper, Türsteher, Büro-Angestellten und Club-Hosts. Auch die Mietpreise für Gastronomielokale lassen sich nicht vergleichen, ebenso wenig jene für Materialaufwand. Zudem: International agierende DJs haben längst mitgeschnitten, dass man den Zürchern mehr Geld aus der Brieftasche leiern kann als den Partymachern in anderen Städten und insbesondere im House- und Technobereich verlangen die Club-Gäste nach immer noch ausgefalleneren und damit teureren Line-Ups. Die haben längst ein Kosten-Niveau erreicht, das sich kleinere Clubs wie die Zukunft an der Dienerstrasse nur noch dank nachhaltiger Netzwerkarbeit leisten können: Dort spielen die Greats auch mal für weniger, weil’s ein Club mit einem hervorragenden Namen ist und weil dort Leute arbeiten, die man kennt und mag.

Ein Club hat nur zwei Haupteinnahmequellen: Die Eintritte und den Getränkeverkauf. Da alleine mit den Eintritten die Kosten für einen Clubbetrieb inklusive der DJ-Gagen nie und nimmer gedeckt werden können (immerhin müssen ja auch schlecht besuchte Abende ausgeglichen werden), wird ein beachtlicher Teil dieser Aufwendungen auf die Getränkepreise umgeschichtet. Man bezahlt also mit dem Kauf eines Biers nicht nur das Flüssige in der Flasche, sondern auch etwas an die Deko, an die Musik, an die Lichtshow, an das Interieur, an das Honorar der Fremdveranstalter, etc. Klar sind die Eintritts- und Getränkepreise in Zürich hoch, aber die Kosten für all die genannten Dinge sind es ebenfalls.

Selbstverständlich gibt es auch Clubs, die ihren Gästen hohe Beträge abknöpfen, ohne ihnen etwas dafür zu bieten, die ihren Besuchern Discount-Line Ups hinstellen und die für ihre Deko, ihren Service und ihr Interieur höchstens ein «genügend» verdienen. Das Vergleichen des Angebotes ist jedoch Aufgabe des Konsumenten: Wer sich die Zeit nimmt und sich erkundigt, der weiss in welchen Club er seinen sauer verdienten Lohn bringen muss ohne über den Tisch gezogen zu werden.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Wir empfehlen Tee

Thomas Wyss am Samstag, den 18. Februar 2017

Sie kommt wie der Apache oder Sioux im Cowboyfilm – über Nacht, auf leisen Sohlen. Und wenn sie wie der Apache oder Sioux in ebendiesem Cowboyfilm ihren toxischen Pfeil hat zischen lassen, zerfrisst das Gift jegliches Selbstvertrauen wie ein Stosstrupp Schädlinge ein Gemüsebeet und der betroffene Mann mutiert zum bemitleidenswerten Irrwitz.

Klar: Die Rede ist von der heimtückischen Midlife-Crisis. Ein Phänomen, das Frauen seltener befällt. Haben sie das bessere Frühwarnsystem eingebaut bekommen? Wahrscheinlicher ist, dass sie schlicht weniger eitel sind, wenn es darum geht, rechtzeitig das rettende Ufer anzupeilen – auch wenn das halt letztlich via Esoterikabteilung einer Buchhandlung geschehen muss.

Seis drum, wenden wir uns wieder jenen Geschöpfen zu, die den «point of no return» verpasst haben. Und jetzt realisieren, dass das Leben, in dem sie unlängst noch sorglos herumalberten wie Teletubbies, zum gefährlichen Sumpf mutiert ist, der ihnen jegliche Leichtigkeit, Sicherheit und Zuversicht raubt. Weshalb sie unsere Hilfe brauchen. Anders gesagt: hier ein paar wichtige Infos und gute (oder wenigstens gut gemeinte) Ratschläge für den Zürcher in der Midlife-Crisis.

1. Wie merkt man, ob die Krise real oder bloss eingebildet (sprich «gefühlt») ist? Eine zweifelsfreie Diagnose gibts nicht. Wer aber feststellt, dass er sich plötzlich ähnlich verhält wie Kevin Spacey als Lester Burnham im Film «American Beauty», muss annehmen, dass er tatsächlich mitten drinsteckt (Jemand meinte, ich solle neben Spacey auch noch Schawinski nennen, in der Rolle als er selbst, wegen des Zürcher Bezugs, doch ich bin nicht sicher, ob das bei ihm wirklich die Midlife-Crisis ist; in der Regel dauert die höchstens zwei Jahre).

2. Tritt die Midlife-Crisis – nomen est omen – tatsächlich in der Hälfte der irdischen Existenz auf ? Schön wärs, so könnte man den Rest easy einteilen und planen! Doch Gott (und mit ihm die Götter in Weiss) stehen nicht wirklich auf easy Lösungen.

3. Männer, die eine Midlife-Crisis haben, glauben, sich wieder mal richtig spüren zu müssen. Was sind diesbezüglich die Trends? Amsterdam steht hoch im Kurs: Derb kiffen, gedanklich alle Grenzen sprengen, heisshungrig von früh bis spät Süsses und Salziges durcheinanderfuttern, wie damals, als man noch nicht Banker oder Werber, sondern Aussteiger werden wollte, das rockt! Beliebt sind auch Englandreisen, da nämlich kann man in ausrangierten Spitfire-Kampfjets, die zu Flugsimulatoren umgebaut wurden, die deutsche Luftwaffe bekämpfen – und sich gegen Zusatzgebühr gar von den Nazis abschiessen lassen!

4. Gibt es auch weniger gestörte Alternativen dazu? Ja, die gibt es tatsächlich! Man eignet sich in einem spannenden Fachgebiet so viel Wissen an, dass man daraus in absehbarer Zeit einen Nebenerwerb entwickeln kann. Da die ultimative Zürcher Gin-Bar schon existiert (Vier Tiere, Feldstrasse 61), empfehlen wir Tee! Ist gesund und irgendwie sexy. Und seit dem Ende des Teehaus-Wühre-Ladens dürstet die Stadt nach einem Shop mit Aufguss-Spezialitäten – für den «Kick» à la Spacey könnte man ja unter der Theke Hanf-«Duftsäckli» verdealen und bei allfälliger Polizeikontrolle einfach behaupten, das sei im Fall neuartiger Grüntee aus Afghanistan.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 17. Februar 2017

«Neu ermitteln 34 Beamte online.»

Um die Internetkriminalität wirkungsvoll zu bekämpfen, bewilligt der Zürcher Regierungsrat 20 zusätzliche Stellen bei der Kantonspolizei und der Staatsanwaltschaft. Aber um alle Fälle zu bearbeiten, reicht auch das nicht aus. Laut SP-Justizdirektorin Jacqueline Fehr wären dazu zwei weitere Zentren nötig. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich setze mir ein Limit,
über das ich selten hinausgehe.»

Hans Weiss gilt international als Koryphäe, wenn es um alte Kochbücher geht. Seit 40 Jahren sucht und verkauft er sie. Für sein kostbarstes Exemplar hat ein Kunde die Summe von 35’000 Franken hingeblättert. Weiss selber weiss genau, wie viel er jeweils ausgeben will. (Foto: Sabina Bobst)

 

«Wir arbeiten jetzt erst mal noch ein Jahr weiter.»

Der Chef von VBZ und EWZ, FDP-Stadtrat Andres Türler, tritt bei den Zürcher Wahlen im nächsten Jahr nicht mehr an. Das eröffnet nach 16 Jahren Perspektiven für Neue. Einer sagt bereits: Ja, ich will der Nachfolger werden. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Mutter stopft mich mit Süssigkeiten voll.»

An der Swiss Moto in Zürich, die noch bis am Sonntag dieser Woche dauert, erzählt Gary Dunlop von seinem Leben als Sohn der britischen Motorradlegende Joey Dunlop. Und zu welchen Massnahmen seine Mutter greift, wenn er wieder Motorradrennen fährt. Sie hofft, er lege an Gewicht zu und sei dann zu träge, um Rennen zu fahren. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

 

«Wir halten uns an die städtischen Vorgaben.»

Chefs im Überfluss? Im Volksmund besser bekannt als viele Häuptlinge und kaum Indianer. 36 Mitarbeiter, 9 Vorgesetzte: Die hohe Kaderdichte in der Schul- und Büromaterialverwaltung hat eine externe Untersuchung ausgelöst. Für Ralph Sprecher, Sprecher des Schulvorstehers, CVP-Stadtrat Gerold Lauper,  besteht kein Anlass für Konsequenzen oder sogar für Rückstufungen. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Wir können nicht mehr
von einer Testphase sprechen.»

Die Stadt ersetzt alle Handtrockner in ihren WC-Anlagen durch moderne Dyson-Turbinentrockner. Es geht dabei um Aufträge in Millionenhöhe, deren Vergabe allerdings kaum durchschaubar ist. «Wenn im laufenden Betrieb Händetrockner ersetzt oder bei Neubauten installiert werden, greift die Stadt zu dieser viel öko­logischeren und kostengünstigeren Lösung», sagt Matthias Wyssmann, Mediensprecher der Stadt. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Mit dem Kunstprojekt erweisen
wir Dorothea von Flüe die Ehre.»

Dorothea von Flüe ist kaum jemandem die Rede wert. Doch nun wird in Urdorf das Leben der Frau von Bruder Klaus erzählt – und eine zweite berührende Familiengeschichte. Die Illustratorin Flavia Travaglini zeigt das Leben der Dorothea von Flüe in berückend schönen Bildern. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Die Idee mit der Garage hatte meine Frau.»

Die Widder-Bar bleibt wegen Umbauarbeiten bis zum Herbst geschlossen. Dafür gibt es jetzt eine Alternative in einer ungewöhnlichen Location. «Wir wollten es uns nicht leisten, die Widder-Bar neun Monate zu schliessen, ohne eine Alternative bieten zu können. Also haben wir uns auf die Suche nach einer Idee gemacht», sagt Widder-Direktor Jan Brucker. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Killing Me Softly.»

Nun ist der Musikgeschmack des Polizeikommandanten der Zürcher Stadtpolizei, Daniel Blumer, kein Geheimnis mehr. Sein Lieblingssong ist «Killing Me Softly». Wenn er das Lied höre, fühle er sich immer, als wäre er wieder 16 Jahre alt. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Ich spreche gern über historische Personen.»

Catherine McMillan macht als Reformationsbotschafterin und «Wort zum Sonntag»- Sprecherin von sich reden. Sie ist eng mit der neuen amerikanischen Bürgerrechtsbewegung verbunden. (Foto: Sophie Stieger) Zum Artikel

Sötsch nöd fötele!

Beni Frenkel am Donnerstag, den 16. Februar 2017

Szene aus dem Challenge League Spiel FC Zürich – Neichatel Xamax: Cedric Brunner (links) gegen Azad Obadasi. (Foto: Anton Geisser)

Vor vielen Jahren habe ich beim FC  Hakoah (FCH) gespielt. Das ist ein jüdischer Fussballclub in der 5. Liga. Wahrscheinlich ist der FC Hakoah einer der schlechtesten Clubs in Zürich. Vor etwa zwanzig Jahren gelang ihm der Sprung in die 4. Liga. Für eine Saison.

Ich spielte beim FC  Hakoah fünf Jahre lang Vorstopper. Der Trainer verlangte, dass ich – dicker Klops – immer auf den schnellsten Gegenstürmer zurenne und ihn umhaue. Das gelang mir nur selten. Dafür schrien mich der Trainer und der Libero hinter mir 90 Minuten lang an. Wir verloren häufig zweistellig.

Jetzt hat der FC  Hakoah einen neuen Trainer: Francesco Carella. Der hat früher die U-21-Mannschaft des FCZ trainiert. Mit dem U-18-Team wurde er Schweizer Meister. Ich habe mir gedacht: Why the fuck trainiert so einer den FC  Hakoah? Die schöne Antwort: Der FCZ hat ein Herz für den FC  Hakoah. Das gilt auch umgekehrt. Die meisten Zürcher Juden sind FCZ-Anhänger. Vor zweieinhalb Jahren fand ein Freundschaftsspiel zwischen dem FCZ und dem FCH statt. Auf der FCZ-Website steht: «Ein Spiel, bei dem das Resultat Nebensache war.»

Jetzt muss ich etwas beichten: Ich habe noch nie ein FCZ-Spiel live geguckt! Es war mir halt immer zu kalt oder zu laut. Oder beides oder keins. Am Montag bin ich aber in den FCZ-Fanshop gegangen. Ich habe gesagt: «Guten Tag, ich will das günstigste Ticket für das Spiel FCZ – Xamax!» 20  Franken. Weil die Männer vor mir Small Talk mit dem Ticketverkäufer machten, habe ich mir auch eine dumme Frage überlegt: «Spielen die FCZ-Spieler mit Handschuhen?» – «Das ist unterschiedlich. Die einen tragen wegen der Kälte Handschuhe, andere Spieler laufen ohne Unterhosen auf.»

Keine Unterhosen? Ich bin noch nie ohne Unterhose bei der Arbeit erschienen. Höchstens, wenn ich von zu Hause gearbeitet habe. Bevor jetzt irgendwelche Unruhe entsteht: Beim Schreiben dieser Zeilen bin ich ordentlich angezogen.

Der Ticketverkäufer schob mir das Billig-Ticket zu und sagte: «Danke für die Unterstützung!»

Am Abend im Letzigrund. Ein Security-Mann fragt freundlich, ob ich Pyrofackeln dabeihabe. «Nein», entgegne ich höflich, «nur eine Kamera.» Dann bestelle ich einen Kafi Lutz. Er schmeckt eklig. Im Stadion ist es eiskalt. Mit klammen Fingern nehme ich meine Kamera und will die berühmte Südkurve fotografieren. Da kommt ein Leg-dich-nicht-mit-mir-an-Typ, sagt ruhig, aber bestimmt: «Sötsch nöd fötele!» Ich fahre zusammen. In der Religionsstunde habe ich Ähnliches schon einmal gehört: «Du sollst dir kein Bildnis machen!» Schüchtern frage ich, ob ich ein Foto von der Osttribüne schiessen darf. Der Riese nickt.

Ich schlottere. Kalt. Ich nahm mir vor, nach dem ersten Goal wieder zu gehen. Es kamen immer mehr Fans. Wir mussten blaue Blätter und Luftschlangen in die Höhe halten, so wollte es der Südkurve-Animator. Ich fand das ein bisschen Kindergarten. Andererseits wollte ich nicht auffallen. Anpfiff! Die Fans zündeten Pyrofackeln. Ich rang nach Luft. Oliver Buff schoss nach acht Minuten ein Tor. Riesenjubel. Wieder Fackeln. Schnell lief ich aus dem Stadion. Am Boden lagen Bier­flaschen und Papp­becher. Hopp FCZ!

Fucking Tourist

Miklós Gimes am Mittwoch, den 15. Februar 2017

 

Vor ein paar Tagen traf ich in Berlin einen guten Bekannten. «Was machen die Kinder?», fragte er. «Sie sind jetzt gerade im Stadion», sagte ich, «der FC Zürich spielt gegen Xamax Neuenburg.» Am nächsten Samstag gehe er mit seinem Sohn auch an einen Match, antwortete mein Bekannter, «Hertha gegen Bayern. Der Kleine ist Bayern-Fan.»

«Hart», sagte ich, «der eigene Sohn.» «Er ist nicht der einzige Fan von Bayern in Berlin», sagte mein Bekannter, «fast die Hälfte des Stadions wird gegen uns sein. Das ist auch so, wenn Köln hier spielt oder Dortmund. Wir sind eine Stadt von Einwanderern.» «Dein Sohn ist doch hier geboren», sagte ich.
«Aber es gefällt ihm, dass die Bayern immer gewinnen», meinte mein Kollege. Hertha werde nie mithalten können. «Wir haben nicht das Geld dazu. Mithalten kannst du nur mit einem Scheich im Rücken, oder den Russen, oder Red Bull

Auf dem Weg zum Hotel pöbelte ein junger Einheimischer in der S-Bahn. Er trug eine schwarze Kappe, eine schwarze Lederjacke, war aber eher schmächtig, ein intellektueller Neonazi. «Fucking Tourist!», brüllte er einer Frau aus Asien ins Gesicht. Er sah verbraucht aus, aber hellwach, wie auf Drogen, er suchte Streit. Die junge Frau verstand nicht, was los war. «Lassen Sie die Frau in Ruhe», hörte ich eine Mitreisende. «Schnauze!», sagte der junge Mann. «Oder ist Ihr Leben zu langweilig, dass Sie sich einmischen müssen?»

Eine Frau mit einem Pelzhut redete auf den Jungen ein, es war wie ein Seminar in Zivilcourage. «Ich lass dir deine Inkompetenz, wenn du mir meine Kompetenz lässt», sagte der Junge, er hielt sich für einen klugen Kopf. Was weiss ich, was er sich alles überlegte. Vielleicht war die Touristin aus Asien für ihn eine Profiteurin der Globalisierung. Vielleicht dachte er, dass sie sich die Reise nach Berlin nur leisten konnte, weil die guten Jobs ausgewandert waren nach Asien, und darum rief er jetzt: «Touristenfotze!» «Reiss dich zusammen», sagte ein Mann im Anzug mit ruhiger Stimme. «Nimmt dich in Acht», gab der Junge zurück, «ich mach dich kalt. Ich kann das. Wir sind gefährlich, Alter», sagte er, «wir sind eine Generation, die seit zwanzig Jahren nur eins kennt: Hass. Wir sind brandgefährlich.»

Dann war er still. Es war eine Drohung. Als wollte er sagen, es sind neue Zeiten angebrochen.

Ich fragte mich, ob wir auch so waren als Jugendliche, ob wir auch diesen Hass in uns hatten, die Freude an der Aggression, nur dass der Hass von links kam und nicht von rechts. Er richtete sich nicht gegen Ausländer, sondern gegen die Bonzen, gegen die Armee, gegen das Establishment. Aber auch wir sahen uns als Krieger, wie er, als Kämpfer für eine neue Welt.

Die Epidemie

Réda El Arbi am Dienstag, den 14. Februar 2017
Das muss Patient Zero gewesen sein.

Das muss Patient Zero gewesen sein.

Ich muss gestern wohl mit Patient Zero im Tram gefahren sein. Neben einem kleinen Jungen, der das Übel wahrscheinlich aus der Agglomeration eingeschleppt hat. Die Ansteckung findet offenbar über die Luft statt, «Airborne», wie die Amis sagen.

Zuerst merkte ich es selbst nicht, bin ich doch eigentlich resistent gegen solche Sachen. Aber schon eine Viertelstunde später in meinem Stammcafé fiel mir auf, dass etwas nicht stimmen konnte. Ich sah die ersten Anzeichen der Epidemie in den Reaktionen der anderen Gäste. Sie verzogen ihre Gesichter, zuckten mit den Lippen. Jeder, den ich ansah, zeigte augenblicklich Zeichen der Ansteckung.

Erschrocken fasste ich mir ins Gesicht. Und wirklich, da, im rechten Mundwinkel konnte ich es mit den Fingern erspüren, deutlicher als Herpes. Da hing ein Lächeln.

Woah. Morgens im  Zürcher Pendlerverkehr ein Lächeln im Gesicht zu haben, ist sowas von …. ich weiss gar nicht, wie ich es nennen soll.

Eigentlich haben wir das seit den Achtzigern überwunden, ausgemerzt. Nur ab und zu zeigt ein Migrant solch krankhaftes Verhalten. Aber die Ansteckung muss mutiert sein. Wie anders könnte man sich erklären, dass selbst ich, der ich eigentlich immun bin, plötzlich mit einem verzerrten Gesicht lächelnd andere Leute anschaue? Und diese scheinen sich auch nicht wehren zu können und lächeln zurück.

Ich kämpfte wirklich hart, aber je länger ich mich darauf konzentrierte, um so stärker breitete es sich in meinem Gesicht aus. Und es erfasste jeden, wirklich jeden, den ich ansah. Epidemisch. Und mit was für verheerenden Folgen. Epidemische Fröhlichkeit zerstört innert kürzester Zeit unser Selbstbild als coolste Stadt der Schweiz. Diese ansteckende Freundlichkeit lässt die typische Februarstimmung in der Stadt kippen wie saure Milch. Von den wirtschaftlichen Folgen will ich gar nicht sprechen. Der Arbeitsausfall durch nette Worte und Gelächter lässt sich kaum beziffern.

Und das ist nur das erste Stadium! Bald beginnen wir mit Fremden Gespräche oder bieten anderen unseren Sitzplatz an. Oder wir bringen eine zusätzliche Tasse Kaffee für den Kollegen an den Arbeitsplatz.

Widerlich.

Ich weiss, für mich ist es schon zu spät. Ich half heute morgen einem alleinstehenden Vater beim Einsteigen mit dem Kinderwagen. Ein klares Zeichen des letzten Stadiums, kurz vor der finalen Freundlichkeit.

Aber ihr, Leute, könnt euch noch retten. Rennt! Versteckt euch, und wartet, bis es vorüber ist!