Corine Mauch Verschwörung

Beni Frenkel am Donnerstag, den 22. Juni 2017

Eine Schutzengelkarte für SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch. (Foto: Beni Frenkel)

Letzten Donnerstag haben im Zürcher Stadtpräsidium hoffentlich die Champagnerkorken geknallt. Exakt 3000 Tage sind dann nämlich vergangen seit der Wahl von Corine Mauch zur Stadtpräsidentin. Am 29. März 2009 war das. Ein VJ von TeleZüri hat eine junge Frau nach ihrer Stimmabgabe gefragt: «Wem haben Sie Ihre Stimme gegeben?» – «Corine Mauch.» – «Und warum?» – «Weil sie lesbisch ist.»

3000 Tage! Das sind 8 Jahre, 2 Monate und noch ein paar Tage. Eine lange Zeit. Bei Burger King halten es die Mitarbeiter ebenfalls durchschnittlich acht Jahre aus. Die Restaurantkette ist stolz darauf und jubelt auf ihrer Website: «Das spricht doch für sich.»

Im Unterschied zu einem Burger-King-Mitarbeiter habe ich Corine Mauch aber noch nie in real life gesehen. Auch meinen Kollegen geht es ähnlich. Am letzten Montag fragte mich ein Freund beim Bier: «Ist Corine Mauch vielleicht eine Erfindung der Medien? Wie die Mondlandung oder 9/11?» Ich versprach ihm: Der Sache werde ich nachgehen. Seit meiner Kindheit üben Verschwörungen eine unheimliche Faszination auf mich aus. Als ich selber Kinder kriegte, wollte ich ein Kind sogar Erich nennen (nach Erich von Däniken). Ich klappte den Computer auf und tippte vorsichtig «Corine Mauch Verschwörung». Ich wollte den Anfängerfehler vermeiden, von Agenten gleich überwacht zu werden. Also tippte ich schnell unverfängliche Stichwörter wie «Bratkartoffeln» und «Brauselimonade» ein.

Auf Facebook fand ich dann eine Person, die sich als «Stadtpräsidentin Corine Mauch» ausgab. Schon gut. Angeblich trat diese Person letzte Woche am Kongress der European Employment Lawyers Association auf. Da erzählte sie von ihrem Glück, dass die Medien nicht mehr darüber schreiben, wenn sie eine hässliche Frisur trage. Am 1. Juni sprach Mauch an der Generalversammlung des Europäischen Versicherungsverbands. Sie überbrachte die «warmen Grüsse» der Stadtregierung. Ihre Frisur – na ja.

Ich blieb skeptisch, typisch preisgekrönter Journalist halt. Zumindest bin ich auf richtiger Fährte. Ich nahm den Computer meiner Frau und schrieb Google eine wichtige Frage: «Wo wohnt Corine Mauch?» – «Sie wohnt mit ihrer Partnerin im Kreis 6». Kreise? Erich von Däniken hat ein wissenschaftliches Buch über Kornkreise geschrieben. Aber die befinden sich im Aargau. Nicht verzetteln! Genau das wollen die Agenten ja. Und wer ist diese Partnerin? Meine Kollegen vom «Blick» sind klüger als ich: «Zürich. – Corine Mauch und Juliana Müller liessen im kleinsten Kreis ihre Partnerschaft eintragen. ‹Wir freuen uns auf die neue Etappe›, sagt die Zürcher Stadtpräsidentin

Meine weiteren Nachforschungen haben ergeben: Juliana Müller und Corine Mauch wohnen tatsächlich im Kreis 6. Wo genau, wird hier aber nicht verraten. Die beiden Frauen wollen am Abend nicht belästigt werden.

Auf jeden Fall bin ich sehr beruhigt. Obwohl ich Corine Mauch noch nie gesehen habe, gibt es sie wirklich. Heute habe ich einen Brief an sie geschrieben: «Liebe Frau Corine Mauch. Ich habe herausgefunden, dass es Sie gibt. Herzliche Gratulation zu Ihren 3000 Präsidialtagen. Weiter so! Ich liebe Sie sehr. Ihr Beni Frenkel.»

Nizza am See

Miklós Gimes am Mittwoch, den 21. Juni 2017

Nach dem Match meines jüngeren Sohnes gingen wir zum Saisonschluss alle in die Pizzeria. Einer der Fussballväter kommt aus Florenz, man hörte es an seinem Akzent, er ist im Quartiere San Niccolò aufgewachsen, unweit des Flusses, zwischen der inneren und der äusseren Stadtmauer. Das war noch in der Zeit, bevor die Touristen Sommer für Sommer die Stadt Florenz verstopften, dass man sich kaum bewegen kann.

«Wenn ich an Florenz denke», sagte ich, «sehe ich die Villen auf den Hügeln, hinter hohen Mauern, ich sehe wilde Gärten, Auffahrten mit Reihen von Zypressen. Ich versuche mir die Besitzer vorzustellen, Familien mit langer Geschichte, verflochten mit der Entwicklung der Stadt, alter Wohlstand. Zurückhaltend. Geheimnisvoll.»

«Weisst du», sagte der Mann aus Florenz, «Zürich ist ähnlich. Auch ihr habt die alten Familien auf den Hügeln, auf dem Zürichberg, in Hirslanden, in der Enge. Es sind diskrete Menschen, aber man hat das Gefühl, dass hinter den hohen Mauern die Fäden zusammenlaufen, dass die Geschicke der Stadt beim Tee besprochen werden, seit Genera­tionen.» Er dachte einen Moment nach. «Ja», wiederholte er, «Florenz und Zürich sind ähnliche Städte

Es war ein mehr als ehrenvoller Vergleich. Unter uns gesagt, hat Zürich dem grossartigen Florenz wenig entgegenzusetzen, allein schon die Geschichte, die Architektur, das urbane Leben von Jahrhunderten, nicht zu reden vom Essen, vom Fussball, vom Klima. Wobei, in den letzten Tagen kam mir Zürich beim Aufwachen so südlich vor wie Florenz.

Die Florentiner verlassen ihre Stadt im Sommer, wenn es geht. Oder sie ziehen sich zurück in die abgedunkelten Räume ihrer Steinhäuser, wo sie lange Siesta halten, so stelle ich mir das vor. Wir dagegen arbeiten den ganzen Tag in oft unerträglich heissen Räumen, gestern war ich mit meinem Sohn in einer städtischen Musikschule, die Luft stand still, die Musiklehrer sind allesamt Helden und Heldinnen. Wenn es so weitergeht mit der Erderwärmung, dürfen Klimaanlagen kein Luxus mehr sein in unserer Stadt. Man darf nicht vergessen, das Comeback der amerikanischen Südstaaten begann auch mit der Erfindung der summenden Energiefresser.

Sonst aber wären wir nicht schlecht vorbereitet auf den ewigen Sommer. Plötzlich liegen wieder die Handtücher auf den Wiesen am See, es wird gegrillt, die Stadt ist ein einziger Strand. Dann ist Zürich nicht Florenz, sondern Nizza.

Man müsste die Seestrasse sperren, denke ich an Sonntagen, wenn Familien zu Hunderten mit Kinderwagen und Kleinvelos unterwegs sind auf den engen Trottoirs zwischen Stadtgrenze und Landiwiese. Einfach zu, nur noch Anwohner und Krankenwagen können durchfahren. Warum nicht? Am Ironman und am Zürich Marathon fahren auch keine Autos, und die Seestrasse bleibt gespenstisch still.

Kein Wort gegen die tüchtigen Marathonläufer und Ironpeople, kein Wort gegen die bunte Street-Parade, aber macht einmal auch für uns gewöhnliche Menschen die Strasse frei! Wir wollen nur chillen, wir wollen spüren, wie sich das anfühlt: so ein Sommercorso von Tiefenbrunnen bis nach Wollishofen. Wie hiess es früher? Unter dem Pflaster ist der Strand.

Kinder sind böse

Réda El Arbi am Dienstag, den 20. Juni 2017
«Herr der Fliegen» erscheint mir ein realistisches Szenario.

«Herr der Fliegen» erscheint mir ein realistisches Szenario.

«Fette Sau, fette Sau, fette Sau», zieht sich als Singsang durch das Zugabteil. Abgesondert von drei Kindern, die damit ein viertes plagen. Ich hab nicht viel Erfahrung mit Kindern, aber an diesem Punkt wär ich für Kopfnüsse. Ja, brachial, höchst unpädagogisch, altertümlich und was weiss ich. Ich habs ja auch unterlassen und stattdessen in meiner Hundekommando-Stimme ein «Fertig jetzt!» ins Zugabteil geschossen. Es hat gewirkt.

Es ist Schulreisezeit. Man sieht wieder viele dieser kleinen Menschen unterwegs und man fragt sich, wie es die Menschheit überhaupt aus den Höhlen in eine Zivilisation geschafft hat, wenn man betrachtet, wie sozial der Nachwuchs ist. Es scheint, als ob jeder kurze Mensch in seiner Kindheit die ganzen Entwicklungsstufen vom Tier über den Höhlenmenschen bis zum mittelalterlichen Barbaren nochmals durchleben müsste.

Es gab mal den Grönemeyer-Song «Kinder an die Macht», den damals alle mitgegrölt haben, ohne sich bewusst zu sein, was das bedeutet. Wenn Kinder an der Macht wären, hätten wir nicht den Weltfrieden, sondern würden unter dem blutigen, diktatorischen Joch einer eingebildeten, präpubertären Cheerleaderin in Sklavenarbeit rosa Blümchen in Freundschaftsbücher kleben.

Kinder sind böse. Natürlich nicht alle. Aber diejenigen, die nicht böse sind, sind diejenigen, die von den Bösen malträtiert werden. Sie werden später im Leben, irgendwo im mittleren Management, all die erlittene Schmach an ihren Untergebenen auslassen.

Und nicht die brutalen Bullys sind die gemeinsten. Es sind die kleinen Manipulatoren, die Hinterfotzigen, diejenigen, die nie erwischt werden und meist auch noch gute Noten schreiben. Ihr kennt sie. Ihr könntet aus dem Stegreif einen Namen aus eurer eigenen Schulzeit zuordnen.

Aber man soll ja nicht so pessimistisch sein, denke ich mir beim Anblick der bösartigen kleinen Kreaturen, die sich gegenseitig das Sandwich aus der Hand schlagen und (absichtlich) klebrige Limonade über die Schuhe giessen. Die sich zwicken und hintenrum an den Haaren reissen, die, sobald eine Aufsichtsperson auftaucht, besser Anstand heucheln als Carl Hirschmann vor dem Bewährungsausschuss.

Vielleicht ist das ja nur eine Phase, und die Kinder werden von den ihren liebenden und fürsorglichen Eltern noch liebevoll auf den richtigen Pfad gebracht. Dieser Gedanke tröstete mich bis zur Endstation.

Da durfte ich sehen, von welchen Eltern welche Kinder in Empfang genommen wurden.

Himmel, wir sind verloren! Die Menschheit ist am Ende.

Aus der Gerüchteküche

Alex Flach am Montag, den 19. Juni 2017
«Ui nei! .. und dann hat der Vujo ... »

«Ui nei! .. und dann hat der Vujo … »

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Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 16. Juni 2017

«Den Laden aufzugeben, ist mir schwergefallen.»

Das Traditionsgeschäft Bovet mit den berühmten Puppen im Schaufenster bei der Sihlporte muss schliessen – nach 90 Jahren. Jetzt fehlen auch Gérard Depardieu oder Luciano Pavarotti im Zürcher Stadtbild. Geschäftsführer Alfons Müller hat einen neuen Laden in der Grösse von  450 Quadratmetern in der City gebraucht. Die Suche verlief ergebnislos. (Foto: Stefan Hohler) Zum Artikel

 

«Vielleicht sind wir erwachsen geworden.»

Zwölf Jahre lang prägte das Café die Langstrasse. Das Café Casablanca gehört zur Langstrasse wie die Glasscherben auf dem Asphalt nach dem Wochenende. Aber jetzt ist Schluss. Die Betreiberin Nina von Malaisé erklärt die Gründe. (Foto: Rafaela Roth) Zum Artikel

 

«Wir haben uns einen Traum erfüllt.»

En Guete: Wood Food ist zurück – diesmal unter freiem Himmel. Und so richtig schön archaisch, wie Initiator Valentin Diem verspricht. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«In der Schweiz gilt man schnell als Bluffsack.»

Hans Peter Riegel hat ein Problem: Er weiss um seine Qualitäten und weist gerne auf sie hin. Unterstatement ist nicht sein Ding. Der Autor, Maler, Fotograf und Ex-Werber macht jetzt auch noch Filme. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Ich gehe lieber in den Zoo, als in
Zürich herumzuschleichen.»

Sechs Tage pro Woche verbringt Hugo Guidolin im Zürich-Zoo – und das seit 17 Jahren. Kaum ein Gast verstehe die Tiere so intuitiv wie er, sagt er. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Fünf Jahre sind zu kurz, um künstlerisch
etwas aufzubauen.»

Für die Vergabe der Ateliers in der Roten Fabrik herrscht ein neues Regime. Inzwischen sind fast alle neuen Mieter eingezogen. Und andere ausgezogen, wie zum Beispiel Suleika de Vries. Suie war während 19 Jahren Mieterin eines solchen Ateliers. Das neue Regime sieht sie kritisch. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Ich bin ein Bauernopfer.»

Einer gegen alle: Ex-Stadtwerk-Direktor Markus Sägesser nimmt erstmals Stellung zu den Vorwürfen in der Winterthurer Wärmering-Affäre. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Wir haben für jedes Zürcher Hochhaus
genaue Einsatzpläne.»

Brandhorror diese Woche in London: Aber wie steht es um Prime Tower und Hardhäuser in Zürich? Wann sollen die Menschen in den Wohnungen bleiben? Jan Bauke von Schutz und Rettung Zürich gibt Auskunft. (Foto: Nicola Pitaro) Zum Artikel

 

«300 Franken kostet ein neuer Grasziegel.
Das ist Wahnsinn.»

Die vielen verbrannten Rasenflächen in den Zürcher Parks findet Peter Baumgartner eine Schande. Deshalb hat der Mann eine eigene Lösung entwickelt. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

 

«Apfelkuchen, Schoggikuchen
und ein Sprite Zero.»

Food zur Geisterstunde: Der McDonald’s Letzipark in Altstetten ist der einzige der Stadt, der rund um die Uhr geöffnet hat – jeden Tag. Wer verkehrt dort in einer Mittwochnacht? Die Stammgäste wissen auf alle Fälle genau, was sie wollen. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Was will man denn machen.»

Dieser Bahnübergang nervt: Bis zu 25 Minuten warten Autofahrer und Fussgänger beim Bahnhof Seebach, bevor sie traversieren können. Das kann heikel werden. Nicht nur Autofahrer sind genervt. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Einige Familien würden die Stadt verlassen.»

Die grösste jüdisch-orthodoxe Tagesschule in Zürich muss einem Neubau weichen. 500 Mädchen drohen dann auf der Strasse zu stehen wie Ralph Kreuzer, Sprecher Schuldepartement, sagt. (Foto: Samuel Schalch) Zum Artikel

Schon wieder ein Afrikaner

Beni Frenkel am Donnerstag, den 15. Juni 2017

Start frei: «De schnällscht Zürihegel» auf der Sportanlage Utogrund. (Foto: Reto Oeschger)

Vor wenigen Tagen fand im Utogrund «De schnällscht Zürihegel» statt. Leider haben sich meine Kinder für das Wettrennen qualifiziert. Und das stellte uns vor grosse Probleme. Wir halten den Sabbat ein und benutzen kein Tram oder Auto. Von Wollishofen bis zum Utogrund braucht man aber zu Fuss mindestens zwei Stunden.

Mist, habe ich mir gedacht, ich bin doch ein frommer Mensch.Wie soll das jetzt klappen? Hätte ich doch jedes Mal «Fehlstart» geschrien, als meine Kinder um die Qualifikation rannten.

Wir mussten also ein teures Hotel in der Nähe buchen. Ein Rabbi hat mich einmal damit getröstet, dass der liebe Gott alle finanziellen Opfer siebenfach vergütet. Das stehe irgendwo in der Kabbala. Bei den Negativzinsen sind 700 Prozent gewiss ein gutes Geschäft. Ich hoffe, der liebe Gott liest meine Texte sehr genau. Folgender Satz betrifft nur den Ewigen: Die Übernachtung hat mich 210 Franken gekostet.

Am Samstagmorgen liefen wir dann gleich zum Utogrund. Ich setzte mich auf die Tribüne und ass zwei Kilogramm Karotten. Die hat uns ein Klassenkamerad der Tochter mitgebracht. Es war sehr heiss an dem Tag. Manchmal nickte ich kurz ein. Einmal wachte ich plötzlich auf. Der Speaker rief die Namen der Läufer auf. Ein Kind hiess Jesus, ein anderes Moses. Für wen soll ich beten? Insgeheim hoffte ich auf Jesus. Ich wollte, dass der Speaker rief: «Gewonnen hat Jesus!»

Ich machte mir aber auch philosophische Gedanken: Wie schimpft man eigentlich mit einem Kind, das Jesus oder Moses heisst? Darf man «Verdammt noch mal, Jesus, pass doch auf!» oder «Herrgott, Moses! Wo hast du wieder gesteckt?» schreien?

Aber dann hat doch ein anderes Kind gewonnen. Aus Afrika. Das weiss ich, weil hinter mir eine ältere Frau sass. Sie jubelte jedes Mal, wenn ein weisses Kind gewann. Wenn ein schwarzes Kind den anderen davonrannte, erklärte sie ihrem Mann: «Schon wieder ein Afrikaner!»

Die Organisatoren hatten nur mit zwei Problemen zu kämpfen: Eltern, die partout nicht hinter der weissen Linie stehen wollten, und Eltern, die beim Stafettenlauf im Weg standen. Ich glaube, ich war der einzige Vater, der auf der Tribüne sass. Die anderen Väter standen alle vorne. Vor ihnen baumelten riesige Kameraobjektive.

Nur zweimal stand ich von meinem Sitz auf. Am Morgen musste ich auf Toilette, am Nachmittag dann doch die Tochter anfeuern. Neben mir war plötzlich Stadtrat Gerold Lauber. Ich stand noch nie neben einem Vorsteher des Schul- und Sportdepartements. Schüchtern guckte ich mir den Vorsteher an. «Gott, im Himmel», dachte ich mir, «der sieht alt aus.»

Zu einem Bekannten sagte Lauber, dass er als Kind solche Grossanlässe nicht gemocht habe. Auch jetzt wirkte er unglücklich! Er denkt wahrscheinlich: Wäre ich doch im Wallis geblieben. Ein bisschen kann ich Lauber nachempfinden. Es tummelten sich schon viele Leute. Vielleicht empfiehlt sich für die nächste Austragung das Stadtion Letzigrund oder die Sportanlage Buchlern.

Noch eine kleine Anmerkung an die Migros: Schön, dass ihr die Verpflegung sponsert. Aber müssen das Schoggimilch und mit Schokolade überzogene Riegel sein?

Für grosse Buben

Miklós Gimes am Mittwoch, den 14. Juni 2017

Gestern war ich zum ersten Mal in meinem Leben im Fifa-Museum. Es war heiss draussen. Aber nicht so heiss wie in Katar, wo in fünf Jahren die WM stattfinden soll. Und vor allem: Drinnen hat man von der Hitze nichts gespürt.

Jahrelang hatte ich beobachtet, wie das Geschäftshaus gegenüber dem Bahnhof Enge ausgehöhlt wurde und das Museum Konturen gewann. Von aussen sah es glatt und gesichtslos aus wie ein Shoppingcenter, aber erste Besucher äusserten sich wohlwollend. Bald nach der Eröffnung kamen die Probleme; es gab Entlassungen, der Betrieb sei zu teuer, hiess es. Eine Zeit lang ging sogar das Gerücht, die Fifa wolle ihr Museum schliessen, trotz der rund 130 000 Besucher pro Jahr.

Seit zwei Wochen weiss man: Die Fifa will weitermachen, das Museum soll sich weiterentwickeln und zu einem kulturellen Treffpunkt werden, einem Zentrum für Fussballforschung. «Kultur und Sport gehören zu den Grundwerten der heutigen Gesellschaft», sagte der stellvertretende Fifa-Generalsekretär Zvonimir Boban, der für die AC Milan gespielt hat.

Dann kam die Katarkrise. Und in Zürich erinnerte man sich plötzlich an die Rezession von 2008, als der kleine Wüstenstaat der Credit Suisse das Leben gerettet hat. Zum ersten Mal erfuhr ich davon, dass Katar und die Credit Suisse seit 2012 einen gemeinsamen Investmentfonds betreiben. Der Fonds heisst Aventicum Capital Management.

Mir blieb der Toast im Hals stecken. Die Credit Suisse, der Sponsor des Schweizer Fussballs und Katar, wo die Hitze-WM geplant ist, betreiben einen gemeinsamen Investmentfonds. Was soll nun der kleine Mann denken? Ich versuchte mir vorzustellen, wie im Flugzeug die Zürcher Banker die Financial Times lesen, wo die Vorwürfe von Amnesty International drinstehen, dass in Katar auf den Baustellen die Arbeiter sterben, dass Gewerkschaften verboten sind und den Migranten die Pässe abgenommen werden. Wie sie dann mit den Scheichs über Geld reden und mit den Leuten der Fifa über die Zukunft des Weltfussballs. Das ist alles ziemlich kompliziert.

Ja, wäre nicht schlecht, so ein Ort, wo man diese Sachen diskutieren könnte, die Verstrickung von Geld, Fussball, Fifa und den Banken. Mit solchen Gedanken ging ich durch die Glastür ins Museum, zahlte 24 Franken Eintritt, es gibt kein teureres Museum in der Stadt. Hinter mir kam ein deutsches Rentnerpaar, der Mann fotografierte jeden Schaukasten, während sich die Frau langweilte.

Ich liess mich fallen in die multimediale Show. Wie ein Kind. Musik, bewegte Bilder, Fundstücke aus hundert Jahren Fussball. Man sah die Plakate der Weltmeisterschaften, die Stadien, die Handshakes der Captains, man sah, wie Zidane einköpfelte, wie Cruyff dirigierte, wie Maradona weinte. Wie Mussolini 1934 die WM beeinflussen wollte, sah man nicht. Auch nicht, wie 1978 die Generäle das Land terrorisierten, als Argentinien nach dem WM-­Titel im Delirium versank. «Stell dich mal schnell vor Beckenbauer», sagte der Rentner zu seiner Frau. Fussball ist eine Sache von grossen Buben.

Am Ende des Weltmeisterschafts­pfades sah man zwei leere Bildschirme: WM 2018 in Russland. Und WM 2022 in Katar. Sonst: kein Wort.

Die Helden vom ERZ

Réda El Arbi am Dienstag, den 13. Juni 2017
So sähe es immer aus in Zürichs Strassen.

So sähe es immer aus in Zürichs Strassen.

Wie ein kleiner Sonnenkönig soll Urs Pauli seine Abteilung Entsorgung & Recycling geführt haben. Buchhaltung Handgelenk mal Pi, Zückerchen für sich und seine Leute, Wohlfühloase exklusiv für seine Truppe. Trotzdem bin ich nicht auf den Barrikaden. Wären solche Zustände in einer anderen städtischen Abteilung entdeckt worden, ich wäre an vorderster Front und würde Köpfe fordern.

Das hat damit zu tun, dass ich einen tiefen Respekt für Entsorgung & Recycling empfinde. In den 90ern nannte man sie einfach noch «Müllmänner» und der Job rangierte in Sachen Prestige irgendwo am unteren Ende der Skala. Seither ist viel geschehen. Ohne die Frauen und Männer vom ERZ wäre Zürich nicht die Stadt, die sie ist.

Street Parade? Zürifäscht? Nix. Nur durch die generalstabsmässige Entsorgung von unzähligen Tonnen von Müll sind solche Anlässe überhaupt denkbar. Tourismus am Seebecken, Partys im Kreis 4? Undenkbar, wenn ERZ nicht jeden Sonntagmorgen die stinkenden Überrreste der hedonistischen Massen bis zu den ersten wärmenden Sonnenstrahlen verschwinden liesse. Jedes Sommerwochenende, von März bis Oktober.

Aber auch im Alltag findet dieser Zaubertrick andauernd statt. Die ERZ-Mitarbeiter kehren nicht nur den Dreck unserer Wohlstandsgesellschaft zusammen, sie geben uns auch noch das Gefühl, dass damit etwas Sinnvolles geschieht. Aus den «Müllmännern» wurden Fachleute für Recycling, aus unserem Abfall eine Ressource. Sie machen den Dreck weg und wir dürfen uns dabei auch noch gut fühlen.

Natürlich ist das nicht Paulis alleiniger Verdienst, aber er hat massgeblich daran mitgearbeitet, aus ein paar Müllwagen und einigen orange gekleideten Männern eine logistisch schlagkräftige Truppe zu machen, die unseren Lebensstil überhaupt erst ermöglicht.

Und es ist gut, dass er jetzt weg ist. Seine Art, eine Abteilung mit Steuerngelder so zu führen, als sei sie sein eigenes kleines Königreich, schadet dem Ansehen und der Funktionalität des ERZ. Es ist, als ob er im Zuge seiner Erfolge vergessen hat, dass er uns, den Steuerzahlern, Rechenschaft schuldig ist. Wie Ikarus ist er mit seinem Erfolg in den letzten 20 Jahren der Sonne zu nahe gekommen und jetzt abgestürzt. Und ich will nicht, dass meine Helden der Stadtreinigung für die Taten ihres heissgeliebten Chefs leiden.

Ich mag ihnen übrigens auch ihre kleine Wohlfühloase gönnen. Nur hätte sie anständig über die Bücher abgerechnet und organisiert werden müssen.

Hier also nochmals für die letzten 20 Jahre: Danke, Leute vom ERZ. Ohne euch würden wir im Dreck ersticken. Jeden Tag.

Der Glanz alter Tage

Alex Flach am Montag, den 12. Juni 2017
Stolze Flügel an der Zürcher Pride 2017.

Stolze Flügel an der Zürcher Pride 2017.

Gestern Sonntag ging bei strahlendem Wetter die Pride-Woche zu Ende. Höhepunkt war der Umzug am Samstag, an dem 19‘000 Menschen für gleiche Rechte für alle und insbesondere für lesbische, schwule, bisexuelle und transsexuelle Flüchtlinge einstanden – Rekord.

Tradition hat auch das Pride-Festival auf dem Kasernenareal, das am Wochenende die Besucher ebenfalls in stattlicher Zahl zu mobilisieren vermochte und wem Massenaufläufe zuwider sind, der konnte auf die alternative «Eyduso? The queer thing Festival» auf dem Kochareal zurückgreifen. Auch wenn der Zuspruch und das Interesse der Zürcher Bevölkerung im Vergleich zu jener in anderen Städten wie beispielsweise Berlin nach wie vor in Grenzen hält, so dürfen die Veranstalter die diesjährige Pride doch getrost als Erfolg verbuchen.

Für viele Pride-Besucher sind jedoch weder der Umzug noch die offiziellen und inoffiziellen Festivals die eigentlichen Highlights sondern die begleitenden Partys. Mit der Kiki-Party in Friedas Büxe, der Ride im Lexy, der Super-Blutt im Kauz und vielen weiteren Feten konnte sich auch diese Seite der diesjährigen Pride sehen lassen. Diese Partys haben aber auch offengelegt, wie sich die Rolle der Queers im Zürcher Nachtleben im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre verändert hat, denn sie waren häufig kaum von den üblichen Clubnächten zu unterscheiden.

Das war früher einmal anders: Clubs wie das Labyrinth, das Aera und diverse queere Partylabels waren in den 90er- und den Nullerjahren die Motoren und unablässig sprudelnde Inspirationsquellen der Szene, der kreative Pool aus dem sich sämtliche Club- und Partymacher die Ideen fischten. Die grossen Schwulenclubs sind längst aus dem Stadtbild verschwunden: Kleine Lokale wie der Heaven Club im Niederdorf oder die Heldenbar am Sihlquai haben ihren Platz eingenommen und queere Events von Partylabels wie Kiki oder Behave sind (von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen) bezüglich Look und Line Up deckungsgleich mit ihren heterosexuellen Pendants.

Einige verorten den Grund für den Rückzug der Schwulen aus der Führungsrolle des Nachtlebens beim Aufkommen von Dating-Plattformen, andere sind der Ansicht, dass es im Clubbing nichts Neues mehr auszuprobieren gibt, dass alles schon einmal gemacht wurde.

Der DJ, Veranstalter und ehemalige Mitbetreiber der Clubs Pfingstweide und Café Gold Patrick Juen vermag dieser Entwicklung aber auch Positives abzugewinnen: «Die Zeiten, als die Queers das Nachtleben dominierten und sich dort ihre eigenen Nischen schafften, sind vorbei, denn wofür viele gekämpft haben, ist heute zumindest teilweise Realität: Nämlich eine offene Clubbing-Kultur in der jeder und jede sich selber sein kann». Dennoch kommt auch bei ihm bei der Erinnerung an die glorreichen Sturm- und Drangjahre des Zürcher Nachtlebens etwas Wehmut auf: «Das Pride-Wochenende eröffnet die Chance sich wieder einmal so richtig auszuleben und damit auch die alten Zeiten hochleben zu lassen».

Glaubt man dem Feedback der Clubschaffenden, so hat die Pride 2017 auch dieses Ziel erreicht. 

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Gehören Sie dazu?

Nicola Brusa am Samstag, den 10. Juni 2017

Zürich ist zweigeteilt. Ein innerer und ein äusserer Kreis. Man gehört dazu. Oder nicht. Es gibt nur A oder B. Das ist einfach. Weniger einfach ist es, festzustellen, ob man dazugehört. Oder nicht. Nun haben wir – endlich! – eine Methode entwickelt, um die Frage «Gehöre ich dazu?» einfach zu beantworten. Zur Erarbeitung hat sich der Bedienungsanleitungs-Ausschuss über Monate hinweg immer wieder am Montags getroffen, sich beraten, Brainstormigs und Wordclouds «gemacht», Expertengespräche geführt. An Sondertreffen haben wir uns zudem gegenseitig beim Zürchersein beobachtet.

Daraus ist der folgende Fragebogen entstanden, der wenig Platz einnimmt, dessen Ergebnis aber eine beträchtliche Tragweite hat. Für ihr Leben als Zürcherin oder Zürcher. Beantworten Sie also folgende Fragen ehrlich. Denken Sie dran: Wenn Sie betrügen, dann betrügen Sie sich selbst. Wenn Sie die Wahrheit nicht ertragen, raten wir Ihnen dringend vom Ausfüllen ab.

Was machen Sie am Montag?

a) Ich gehe an den Cool Monday ins Mascotte, trinke einen Gin Tonic oder zwei und starte so in die Woche.

b) Ich gehe an den Monday Night Skate, und skate mit anderen durch die Innenstadt, blockiere den Verkehr und nerve alle, die a) angekreuzt haben.

Was bestellen Sie, wenn Sie in den Sprüngli gehen?

a) Luxemburgerli, what else.

b) Diese Macarons, die es dort gibt, so farbige, luftig leichte. Die, die schmecken wie Macarons, aber besser.

Wo sitzen Sie in der Cobra, wenn Sie freie Platzwahl haben?

a) Den Einzelplatz in Fahrtrichtig, bei dem man hinten durch die Scheibe geschützt wird.

b) In ein Viererabteil, am Gang, gegen die Fahrtrichtung. Das erhöht die Chance, dass sich jemand dazusetzt zum Plaudern.

Was halten Sie für die grösste Erfindung der Neuzeit?

a) Der Millennium-Pfosten des Tiefbauamts in der Kipp-Version

b) Den Segway.

Was machen Sie, wenn Sie die Hitze im Sommer kaum mehr aushalten?

a) Ich suche Abkühlung in den See-, Fluss- oder Freibädern. Zur Not tut es ein umgenutzes Klärbecken.

b) Ich mache eine Segway-Ausfahrt und geniesse den Fahrtwind.

Wen halten Sie für die wichtigste Zürcherin, den wichtigsten Zürcher?

a) Mich selber.

b) Eine andere, einen anderen.

Wie sieht Ihr Traumauto aus?

a) Egal, einfach geshared.

b) Egal, einfach nicht rot.

A propos rot. Gelten Lichtsignale auch für Sie?

a) Nein, ich fahre Velo.

b) Ist diese Frage ironisch gemeint?

 

Auflösung:

Sie haben alle acht Fragen mit a) beantwortet? Innerer Kreis, unser Kreis, definitiv!

Sie haben alle Fragen mit b) beantwortet? Äusserer Kreis, sorry.

Sie haben mal mit a), mal mit b) geantwortet? Sicher? Was machen Sie am Montag?