Zürichs Sittenwächter

Réda El Arbi am Montag, den 24. Juli 2017
Nackt ist nicht gleich «sexistisch».

Nackt ist nicht gleich «sexistisch».

Nacktheit, Erotik oder Sex – nicht alles, was mit dem Körper und sexueller Anziehung zu tun hat, ist Sexismus. Auch nicht, wenns in der Werbung stattfindet. Ehrewort! Diese übertriebene Sichtweise schadet echten antisexistischen Bemühungen und gibt das Anliegen der Lächerlichkeit preis.

Natürlich darf ich mich als Mann eigentlich nicht zu diesem Thema äussern, ohne danach als Sexist tituliert zu werden. Jänu.

Die Stadt Zürich hat ein Plakat verboten, auf dem eine halbe Brust und eine mit der Hand bedeckte Scham zu sehen ist. Also weniger Nacktheit, als wir in zwei Wochen an der Street Parade in hunderttausendfacher Ausführung zu sehen bekommen. Die Hand bedeckt mehr als mancher Bikini auf den Lovemobiles.

Die Stadt begründet das Verbot mit dem Hinweis, dass die Nacktheit nur dem Blickfang dient und nicht mit dem beworbenen Produkt gerechtfertigt sei. Hm. Die Werbung stammt von einem Fitnessstudio und das «beworbene Produkt» ist ein geiler Körper. Jaja, natürlich gehen die meisten in ein Fitnessstudio, um «gesünder» zu leben und «fitter» zu sein, nicht um einen Knackarsch, ein Sixpack und stramme Schenkel zu bekommen. Richtig? Oder …

Also, wer sollte mit einem nackten Körper werben dürfen, wenn nicht ein Fitnessstudio?

Es soll nicht mit Genderstereotypen, in abwertender Weise oder mit unrealistischen Körperbildern geworben werden. Nun ja, in jeder Werbung sind die Männer gut 15 Zentimeter grösser als ich, haben breitere Schultern und ein Sixpack. Und sicher haben sie weder Zahnschiefstand wie ich, noch kämpfen sie ab und zu mit erektiler Dysfunktion, so potent wie die wirken. Soviel zu unrealistischen Körperbildern. Und natürlich sind sie alle erfolgreich, tragen teure Uhren und fahren fette Autos. Nicht so wie ich. Soviel zu Genderstereotypen.

Es gibt attraktivere Menschen als mich. Die werden für Werbeaufnahmen gebucht. Weil Menschen in der Werbung anziehend sein sollen. Das ist ein Spiegel der Realität. Früher, an meiner Schule, gabs genau ein Mädchen, in das alle Jungs verknallt waren. Alle Mädchen wollten sein wie sie, alle Jungs wollten von ihr bemerkt werden. Wenn sie irgendetwas Neues trug, wurde das Trend. Wenn sie es fallen liess, wars out. Natürlich gabs auch immer diesen Typen vom Fussballclub, das Alphatier, das uns anderen Jungs immer schlecht aussehen liess. Das Verbot erscheint mir wie eine kindische, späte Rache an den Attraktiven.

Aber zurück zum Sex: Die erneute Tabuisierung des weiblichen Körpers nach der sexuellen Befreiung der 60er-Jahre ist ein zivilisatorischer Rückschritt und erreicht genau das Gegenteil des Beabsichtigten.  Den weiblichen Körper zu stigmatisieren – ihn nackt als «Objekt» zu definieren – ist so ziemlich das Letzte, was der gesellschaftlichen Gleichstellung nutzt.

Die Begründung «Schutz der Frau» hat zwei grosse Haken: Zum einen macht sie die Frau, als Besitzerin eines weiblichen Körpers,  per se zum Opfer. Das ist nicht Gleichstellung. Zum anderen wird mit den gleichen Argumenten die Burka verteidigt. Nur, die Frau ist eine mündige, selbstdenkende Entität und kein minderbemitteltes, schwaches Opfer. Sie kann durchaus selbst über ihren Körper entscheiden. Nicht nur da, wo es den Sittenwächtern gefällt, sondern überall. Auch als Werbemodel.

Letzte Woche wurde in Saudiarabien eine Frau verhaftet, die ein Video von sich in einem Minirock auf Youtube veröffentlichte. Das Zeigen von zuviel Haut ist Saudiarabien verboten. Die Begründung: «Schutz der Frau». Klickts jetzt?

Wenn man schon sexistische Werbung verbieten will, warum dann nicht diejenige für nutzlose Antiaging-Cremes? DIESE Werbung stellt nämlich alle Frauen als infantile, ungebildete Idiotinnen dar, die nur auf ihr Aussehen fixiert sind.

Aber egal. Die Agentur und das Fitnesstudio haben sich sicher über das Verbot gefreut. Nichts wirkt nachhaltiger für die öffentliche Wahrnehmung als der Streisand-Effekt: Erst durch das Verbot wurde das Plakat zum Thema und hat mehr Menschen bewusst erreicht, als es das Plakat je gekonnt hätte.

Street-Parade: Mega-Raves sind tot

Alex Flach am Montag, den 24. Juli 2017
Die Party nach der Party ist tot.

Die Party nach der Party ist tot.

Am 12. August zuckeln wieder die Lovemobiles ums Zürcher Seebecken. Derweil der Umzug selbst auch nach mehr als zwei Jahrzehnten die Massen mobilisieren kann, scheint die Ära der grossen Raves am Abend nach dem Techno-Konvoi endgültig vorbei zu sein. Konnte man früher gar in der Halle des Hauptbahnhofs weitertanzen, sucht man in diesem Jahr vergebens nach Party-Giganten.

Selbst Arnold «Technopapst» Meyer, seit den frühen Tagen der Street Parade Zeremonienmeister von riesigen Afterpartys wie der Energy im Hallenstadion oder der Electric City auf dem Maag Areal, wird an der diesjährigen Parade nur Zaungast sein: «Raves in der Grössenordnung wie ich sie jeweils veranstaltet habe, rentieren nicht mehr, seit das Street Parade-Komitee ein so grosses Gratisangebot auf die Beine stellt. Auch das Berner Label Abflug Berlin von Lorenz Misteli hat sich verabschiedet, da die Party im Volkshaus letztes Jahr ebenfalls defizitär war. Ich mache 2017 zwar noch eine Electric City, aber erst zu Silvester in der Bea Expo Bern mit Ben Klock als Headliner. Die Energy führen wir bereits seit 2014 nicht mehr durch.»

Damit dürften die Afterparty im Kaufleuten mit Jamie Jones an den Decks und die Lethargy in der Roten Fabrik, unter anderem mit Bonaparte, Convextion, Roman Flügel und Matrixxman, die grössten Sausen nach der Street Parade sein. Was die Lethargy anbelangt, entbehrt das nicht einer gewissen Ironie, war sie in ihren Anfangstagen doch eine augenzwinkernde Alternative zu Meyers übergrossen Energy – nun ist also sie selbst die grösste.

Die vermeintlichen Nutzniesser dieser Entwicklung sind die Zürcher Clubs, die an diesem Tag nun nicht mehr mit Grossveranstaltungen in Stadien und Industriehallen konkurrieren. Jedoch bedeutet das nicht, dass all die berühmten Djs die an der Strecke auf den Lovemobiles und den Bühnen auflegen, danach in den Clubs zugange sind: Die meisten dieser Grössen sitzen am Abend bereits wieder im Flieger, der sie zu ihrem nächsten Set bringt.

Das liegt auch daran, dass viele Zürcher Clubs auch am 12. August nicht von ihrem gewohnten Programm abweichen und zwar mit der Begründung, dass sie ihre Stammgäste nicht verprellen möchten, indem sie ihre hehren Hallen mit Hundertschaften zugereister Eintages-Raver füllen.

Sprich: Es dürfte im Anschluss an die diesjährige Street Parade viel weniger Platz für eine etwa gleichbleibende Zahl Techno- und House-Jünger geben. Leidtragende sind nicht nur die Securities der Clubs, die an diesem Abend viel Zeit in Diskussionen mit verschmähten Einlasswilligen verbringen dürften. Auch die die Street Parade-Touristen aus anderen Kantonen, aus Deutschland oder Italien, die nicht über ein Zürcher Netzwerk verfügen, dürften dabei in die Röhre gucken. Ihnen sei an dieser Stelle dringend empfohlen, sich bereits vor ihrem Ausflug nach Zürich die passende Afterparty auszusuchen und – sofern einer angeboten wird – den entsprechenden Vorverkauf zu nutzen. Ansonsten kann es gut sein, dass die Street Parade bereits endet, wenn das letzte Lovemobile den Motor abstellt.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Eine Glacegeschichte (4)

Thomas Wyss am Samstag, den 22. Juli 2017

Ein zeitgeistiger Zeitungsredaktor würde jetzt stöhnen: «Ach Leute, bitte, so geht das nicht, so kommen wir mit dieser Sache nie ins Ziel… es gibt doch wirklich noch andere und vor allem wichtigere Themen… wieder und wieder auf dieser Sache rumzureiten – Pardon: an dieser Sache rumzuschlecken –, ich weiss nicht, das ist doch nicht nötig, das wird echt langsam öde.»

Ein Vertreter der guten alten Schule würde dagegen erst mal betont höflich sagen: «Merci villvillmal!» Danach würde er aus schierer Freude am Leben eine (natürlich rein imaginäre; die echte könnte er sich gar nicht leisten, zudem sei Rauchen ja glaub ungesund) Habano anzünden – notabene aus dem Anbaugebiet Vuelta Abajo – und diese Scheinzigarre würde er genauso genüsslich paffen, wie der grosse FCZ-Präsident Edi Nägeli selig nach den sechs Meistertiteln und fünf Cupsiegen seine realen Triumph-Stumpen paffte (ich bin übrigens ziemlich sicher, dass er das morgige Derby, Fliege, Hornbrille und Hut inklusive, von der himmlischen Ehrentribüne aus mitverfolgen wird). Und wenn der fette Glimmstängel beendet wäre – also wohl ungefähr jetzt –, würde er für alle Leserinnen und Leser, die bislang nur dezent amüsiert die Stirn runzelten, endlich Klarheit in dieses textliche Dunkel bringen… ja, und genau das will ich alter Schüler nun tun.

Fakt nämlich ist: Obwohl diese Beiträge zur Zürcher Glacekultur offenkundig geprägt sind durch eine ( je nach Sichtweise bedenkliche oder erstaunliche) Brisanzarmut, haben sie Post bewirkt. Emotionale Post sogar, auf die ich selbstverständlich eingehen will. Was wiederum weitreichende Folgen hat. Die erste: Das für heute angekündigte Programm wird – wie bereits die Programme der letzten Wochen – kurzfristig über den Haufen geschmissen. Die zweite: Die Serie, ursprünglich als Zweiteiler angedacht, wird lang und länger. Die dritte: Die Begeisterungsstürme, die diese Spontanverlängerung auslöst, sind (charmant formuliert) nicht überall gleich hemmungslos. Die vierte: Statt zu kuschen, rufe ich «Watsky!» (das ist vergleichbar mit Trumps «covfefe», bloss konkreter) und versuche nun, die längste Glacekultur-Serie in der langen Geschichte dieser Stadt zu bewerkstelligen. YEAH! (Okay, yeah! genügt auch).

So, genug aufgeklärt, reden wir über die zuvor erwähnte Post. Die zuerst in Form eines Mails von Herrn Rothenhäusler eintrudelte. Er schrieb, er liebe «nur die weisse Glace vom altmodischen Cassata (die mit den kandierten Früchten)», doch keine einzige Gelateria weit und breit habe Cassata im Angebot («nicht mal die mit 100 Sorten»), er verstehe das nicht. Echt wahr? Ist dieser italienische Klassiker, der im Original «Cassata alla siciliana» heisst, in Zürich nicht mehr erhältlich? Wer anderes weiss, bitte melden!

Ja, und dann kam der Brief von Frau Spieler. Das kindliche Eiskaffee-Erlebnis, das sie darin schildert, ist derart herzig und köstlich, dass es sünd und schad wäre, damit die wenigen hier verbleibenden Zeilen zu füllen; wir machen das lieber ausführlich in Teil 5 am nächsten Samstag – und rufen jetzt stattdessen nochmals alle Zürcher Wurstsalat-Könner dazu auf, unsere Farben heute Abend an der Wusa-WM in Frick AG würdig zu vertreten!

Partypatrioten vs Hudigäggeler

Alex Flach am Montag, den 17. Juli 2017
Kann man den 1. August auch ohne kitschiges Brauchtum feiern?

Kann man den 1. August auch ohne kitschiges Brauchtum feiern?

In zwei Wochen feiert die Schweiz Geburtstag. Ein ziemlich in die Jahre gekommenes Guetzli ist sie mit ihren 726 Jahren mittlerweile. Viel anzuhaben scheint ihr die Zeit aber nicht zu können, genau so wenig wie der Helvetia: Auf dem Einfränkler sieht die mit Schild und Lanze bewehrte Dame immer noch frisch und wehrhaft aus wie eh und je: Würde sie die soldatischen Accessoires zuhause lassen, sie hätte keine Probleme an den Selekteuren der Zürcher Clubs vorbeizukommen.

Dennoch tut sich das städtische Nachtleben traditionellerweise schwer damit, den 1. August zu feiern. Auf eine politische Botschaft wird verzichtet und auch auf alles, das den Verdacht der Volkstümelei erwecken könnte. Eigentlich ist der zusätzliche freie Tag nur eine Gelegenheit das Wochenende um eine Partynacht zu erweitern: Im Club Bellevue heisst die Party am 31. Juli Martin Buttrich (ein Verweis auf den Headliner, der da spielt), im Exil ist der unverwüstliche Nik Bärtsch zugange, Friedas Büxe bleibt geschlossen, im Mascotte findet eine reguläre Cool Monday statt und im Hive ein Bisschen Schweizfeiern unter dem Namen Nationale Feierei.

Wer sich den nationalstolzgeschwellten Bauch trotzdem mit einem ordentlichen Stück Geburtstagskuchen in Rot und Weiss füllen möchte, der kann sich an Extellent halten. Seit 2006 stellen die Macher des Partylabels alljährlich am Vorabend des 1. August eine Nationalfeier für Clubber auf die Beine. Dieses Jahr abermals mit einem Strassenfest beim und einer Feier im Plaza, samt Konzerten und DJ-Sets. Dabei wird nicht an Folklore gespart, auch nicht bei den Plakaten, die derzeit in den Trams hängen: Fahnenschwinger, Trachten und Alpenromantik.

Auch das offizielle Zürcher Bundesfeierkomitee, das in diesem Jahr eng mit Extellent kooperiert, spart nicht an Reminiszenzen an die Schweiz von Heidi und Knecht Ueli: Nebst der Rede von Stadtpräsidentin Corine Mauch ist das «Fest mit volkstümlichen Darbietungen» beim Pavillon in der Stadthausanlage und mit der Moderatorin Monika Fasnacht das Highlight, inklusive des Alphorntrios Bärgfridä, der Fahnenschwinger Kerns, der Jodlergruppe Schlierätal und des Ländlertrios Echo vom Hittlidach.

An dieser Stelle ein paar rhetorische Fragen: Was zum Alpöhi haben die Stadtzürcherin und der Stadtzürcher mit dem Programm der offiziellen Zürcher Bundesfeier 2017 am Sennenhut? Wann hört man hier unter dem Jahr mal einen Jodler oder sieht einen Trachtenträger eine Fahne schwingen? Warum wird an der offiziellen 1. August-Feier in der Stadt Zürich die Schweiz der Land- und nicht der Stadtbevölkerung gewürdigt (wobei auch etlichen auf dem Land wohnenden Schweizern bei so viel Haudrauf-Folklore etwas kötzlig werden dürfte)? Und: Gibt es wirklich nichts kulturell Passendes wofür man die Schweiz hochleben lassen könnte, etwas das nichts mit volksdümmlichem Judihui zu tun hat?

Ich denke, ich streck an dem Tag die Füsse in den Zürisee und lass Monika Fasnacht Fasnacht sein. Und freue mich darüber, dass Techno jetzt Zürcher UNESCO-Kulturerbe ist.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Der Lüstling 2. Teil

Réda El Arbi am Samstag, den 15. Juli 2017
Genau so fühlte ich mich nie in der Badi.

Genau so fühlte ich mich nie in der Badi.

«Männer sind Schweine», musste ich mir nach dem letzten Post über den Badi-Besuch als Mann vorhalten lassen. Männer würden glotzen, sabbern und sich unangemessen benehmen, wenn sie Frauen in Bikinis sähen. Ich ging daraufhin tief in mich und erinnerte mich, wie der erste Badi-Besuch der Saison war, als ich noch nicht verheiratet und noch stärker hormongesteuert war. Hier ein Gedächtnisprotokoll:

Cool die Arme schlenkern. COOL schlenkern, nicht schwingen wie ein Gorilla! Dann bemerkt niemand, dass die Beine noch viel weisser sind. Ich hätte trainieren sollen. In diesen weiten Shorts sehen meine Beine aus wie Storchenstelzen. Himmel! NICHT auf die eigenen Beine starren. Cool schlendern, den Blick selbstsicher auf den Horizont gerichtet.

Hm, wo setz ich mich hin? Shit, ich hätte nicht das Snoopy-Badetuch mitnehmen sollen. Daniela meinte, es sei «süss». Um Himmels willen! Wie konnte ich nur? Ich will nicht «süss» rüberkommen. Männlich, ja. Stark. Suverän (oder wie das heisst).

Da ist noch Platz. Und da drüben sitzen drei Frauen in meinem Alter. Ha! Beute! Chrchrchr. Nah genug, um zu flirten, und weit genug weg, dass sie mein Badetuch nicht wirklich sehen können. So.

T-Shirt ausziehen. Ou, keine hat geschaut. Hm. Ich kann ja noch etwas posen, so als würde ich nachdenken. Ernst in die Weite blicken, als hätte ich gerade schwere, wichtige Gedanken.

Buch auspacken. Kafka. Da können alle gleich sehen, dass ich auf innere Werte stehe. Intellekt ist sexy! Hm, die sitzen zu weit weg, um den Buchtitel lesen zu können. Ich hätte Sartre mitnehmen sollen. Da erkennt man den Umschlag schon aus 50 Metern.

Erst mal Kaffee und Aschenbecher holen. Der Weg zum Kiosk ist ein Laufsteg und ich bin der Grösste. Hm, die beiden Typen da links sind grösser. Und stärker gebräunt. Und haben mehr Muskeln. Sch****, die sehen einfach besser aus und wirken entspannter. Keine Chance. Ahhh. Sie küssen sich. Gut. Keine Konkurrenz.

Nehm ich jetzt einen leckeren Latte oder wirkt das zu feminin? Seufz. Dann halt einen doppelten Espresso, schwarz, ohne Zucker. Wäk. Aber DAS ist männlich. Glaub ich.

Ui, da hat sich jemand in meine Nähe gesetzt. Eine Frau. Eine FRAU! Jesses Gott. Wie setz ich mich elegant hin mit heissem Kafi und dem Aschenbecher in den Händen? Tief durchatmen. TIEF durchatmen.

Hm, die ist hübsch. Sehr hübsch sogar. Nicht hinstarren. Sonst denkt sie, du hättest es nötig oder seist so ein Lüstling. Aber sie ist hübsch. Süsse Nackenlinie mit diesen kleinen, gekringelten Löckchen hinter dem Ohr. Sie schaut! Nicht auf ihren Hals starren! Nain! Auch nicht auf ihre Brüste. In den Himmel, in den Himmel!

Ich war glaubs kurz bewusstlos. Sie hat mir in die Augen geschaut und gelächelt. Und der elektrische Schlag, den das in meinem Gehirn ausgelöst hat, liess mein Gesicht sicher so geistreich wirken wie nach einem Gehirnaneurisma. Aber sie ist immer noch da. Immerhin. Und sie lächelt in meine Richtung.

Sie flirtet mit mir. Oh Gott, was mach ich jetzt? OhGottOhGottOhGott! Zigarette. Sofort. Jetzt zurücklächeln. Sie schaut nicht weg! Sie räkelt sich.

Hallo Erektion. Wo warst du vor drei Wochen, als ich dich da nach dieser Party so dringend benötigt hätte? Jetzt will dich niemand hier. Ehrlich. Geh weg. Schnellstens auf den Bauch legen. Zum Glück hab ich mich gegen die engen Speedo entschieden.

Sie steht auf und kommt in meiner Richtung. Ich muss meine Panik niederringen. Tief atmen.

«Hast du Feuer?»

Sie steht da, als Schattenriss gegen den hellen Himmel. Ich kann ihr kaum ins Gesicht sehen, da ich mich aus blutverteilungstechnischen Gründen nicht auf den Rücken legen kann.

«Klar. Schön, dass du rauchst …»

Himmel, gehts noch? ‘Schön, dass du rauchst’? Hab ich nichts Debileres gefunden?

«Was?»

«Öh, ich dachte nur, dass kaum jemand mehr raucht. Man unterstellt Rauchern immer gleich Todessehnsucht. Haha. Nein, ich bin nicht suizidal, nur weil ich eine Zigarette rauche. Haha. Du bist sicher auch nicht suizidal. Haha. Nicht dass ich sagen wollte, du würdest irgendwie suizidal wirken. Haha.»

«Äh. Danke. Tschüss.»

Wär ich im Ehrenkodex der Samurai erzogen, ich würde mich jetzt ohne ein Zögern ins Schwert stürzen. Wenigstens ist die Erektion weg, da meine Schamesröte alles Blut im Gesicht benötigt.

Sie sitzt wieder an ihrem Platz, meidet meinen Blick und räkelt sich auch nicht mehr. Ich muss jetzt stark sein. Ich darf jetzt nicht weinen. Meine Flirt-Künste sind erbärmlich. Ich bin erbärmlich.

Hätte ich die richtigen Worte gefunden, würden wir jetzt beisammensitzen und locker plaudern. Ich würde mit meinem Wissen brillieren. Sie würde mich bewundern. Ich würde sie zum Lachen bringen. Und vielleicht würde sie mich irgendwann küssen. Und dann wären wir glücklich. Und wir würden irgendwann heiraten. Und wir hätten ein kleines Häuschen und Freunde. Viele Freunde.

So bleibt mir nur, die spärlichen Reste meiner Selbstachtung und mein Snoopy-Tuch zu packen, auf dem Weg nach Hause am Kiosk noch ein Heft mit Sylvia Saint zu kaufen und daheim die Rolläden zu schliessen, um mich dann meiner Depression hinzugeben.

Ja, liebe Leser. So war das damals. So fühlt es sich an, als Single-Mann allein in die Badi zu gehen.

Eine Glacegeschichte (3)

Thomas Wyss am Samstag, den 15. Juli 2017

Bevor wir hier weitermachen mit der Zürcher Glacekultur, noch eine wichtige Mitteilung in fremder, aber irgendwie doch auch in eigener Sache. Es geht um Wurstsalat. Und darum, dass am kommenden Samstag auf dem Golfplatz Frick im Aargau die 5. Wusa-WM (das ist die Kurzform für Wurstsalat-Weltmeisterschaft) stattfindet. Und dabei um die sehr, sehr beschämende Tatsache, dass Zürich an diesem Wettkampf noch nie den Titel geholt hat (wenn ich recht informiert bin, reichte es nicht mal für Silber oder Bronze).

Bei der Premiere gewannen Anja und Julia Müller aus Basel. 2014 wars Metzger Schmid aus dem Fricktal, 2015 Stefan Buser aus dem Oberbaselbiet, und im letzten Jahr setzte sich Daniel Felice aus Gipf/Oberfrick gegen eine 38-köpfige Konkurrenz durch.

Hallooo??? In unserer Stadt wird Food aus der ganzen Welt aufgetischt, etliche Cracks schwingen hier den Kochlöffel, auch bei der währschaften Küche sind wir erstklassig aufgestellt, man denke nur an die Schützenruhe, ans Muggenbühl oder Burgstein’s Gasthaus Penalty. Und trotz diesem Gastropotenzial kriegen wir keinen begeisternden Wurstsalat hin? Sorry, aber das ist doch nicht zu glauben!

Darum ist dies hier irgendwie auch ein Aufruf an Zürcher Wusa-Spezialisten, am 22. Juli an diesem Titelkampf unsere blau-weissen Farben zu vertreten (es geht auch als Team, Infos findet man unter www.wurstsalat-weltmeisterschaft.ch). Das Startgeld beträgt 10 Franken, man bringt 200 Gramm Wurstoder Wurst-Käse-Salat mit (da machen die Veranstalter keinen Unterschied), bewertet werden das Aussehen, der Geruch, der Geschmack, die Verarbeitung und letztlich der Gesamteindruck.

Wem das zu kompetitiv ist, kann ja beim sogenannten Publikumspreis mitmachen, in dieser Kategorie wird allein die Kreativität bewertet. Sollte, was wir eigentlich erwarten, jemand aus Zürich – der Kanton gilt ausnahmsweise auch – in die Ränge kommen, würden wir das in dieser städtischen Gebrauchsanleitung gross abfeiern! (Yep, die Sache ist uns tami wichtig.)

So, damit zum eigentlichen Thema. Und da lösen wir jetzt das letzten Samstag gegebene Versprechen ein und verraten (kostenlos!) das famose Eiskaffeerezept aus dem ehemaligen Restaurant Aeschlimann in Wollishofen: Man nehme eine grosse Schüssel (kein Plastik!), gebe dreieinhalb Kugeln Kaffeeglace hinein, danach schöpfe man so viel Schlagrahm (nicht aus dem Bläser, selbst gemacht) dazu, dass die Kugeln rundherum zugedeckt sind. Nun vermenge man Glace und Rahm mit einem nicht zu grossen Schwingbesen sanft, aber doch druckvoll zu einer dickflüssigen Glacecreme. Womöglich denken Sie jetzt: So what? Wegen dieses banalen Gemischs macht der Typ so ein Gschiss?

Nein, macht der Typ nicht. Die wichtigste «Zutat», die wurde nämlich noch gar nicht genannt – der eisgekühlte Silberbecher! In diesen lässt man sorgfältig die Creme einfliessen und garniert sie mit einem adretten Gupf Rahm, drapiert eine stolze Kaffeebohne oben drauf – voilà!

Am nächsten Samstag, in Teil vier, gibts noch ein paar Variationstipps plus weitere tolle Kapitel der langjährigen Zürcher Glacekulturgeschichte.

Alleine im Zoo

Beni Frenkel am Donnerstag, den 13. Juli 2017

Poetry-Slam im Zürcher Zoo: Eine der Teilnehmerinnen beim Vortrag. (Foto: Beni Frenkel)

Meine drei Lieblingshefte von früher waren: «Mad», «Bravo Girl» und «Musenalp». Letztgenanntes kennen nur Menschen über 30 Jahre. Also müssen wir das kurz erklären: «Musenalp», das war früher so eine Jugendzeitschrift, vor allem von und für Mädchen geschrieben. Die Melanie (12) aus Baden hat zum Beispiel gerade ein Meerschweinchen verloren. Die Trauer muss irgendwie verarbeitet werden. Also schickte sie ein Gedicht an die «Musenalp»-Redaktion: Früher hast du viel geschissen / so dünne, kleine schwarze Böhnchen / Das hat mein Herz gar sehr zerrissen / Ich erzähls dereinst noch meinem Söhnchen.

Diese Plattform gibt es leider nicht mehr. Wer heutzutage einen Gedanken mitteilen will, wird in der Regel Slam-Poet. Das bleibt er dann, bis er etwa 25 ist. Er oder sie steht vor dem jugendlichen Publikum und liest ein Gedicht vor. Am Ende gewinnt der Dichter, der am meisten Applaus einheimst.

Am Montagabend fand so ein Poetry-Slam ausnahmsweise im Zoo statt. Drei junge Dichterinnen und ein junger Poet wählten ein Tier aus und widmeten ihm ein Gedicht. Bevor die Dichter loslegen konnten, bat der Moderator um Aufmerksamkeit. Es gebe eine wichtige Regel für das Publikum: Während der Vorträge soll man nicht nach links oder rechts gucken, sondern aufmerksam in Richtung Dichter. Dann las der Moderator selber ein Gedicht über einen Zitteraal vor: Das hier ist ein Zitteraal / nennen wir ihn Hannibal / So sprach er denn vor langer Zeit / Nun, ich denke, es ist so weit.

Während der Rezitation blickte ich nie nach links oder rechts. Ich weiss, wie schlimm das ist, wenn das Publikum nicht mitmacht. Ich habe selber drei schlimme Lesungen hinter mir.

Die erste Dichterin führte uns zum Teich. Als Inspiration wählte sie die Mandarin-Enten aus: «Mandarin-Enten sind die besseren Menschen.» Eine zweite junge Frau las einen Text über Kamele vor: «Wenn ein Kamel bumst, gibt es neue Kamele. Kamele können in alle Richtungen urinieren.» Die kleinste Slam-Poetin hielt die ganze Zeit eine Bierdose in der Hand.

Nichts liegt mir ferner, als die Darbietungen zu kritisieren. So etwas mache ich nicht. Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas – «Wenn auch die Kräfte fehlen, ist der Wille dennoch zu loben.» Nach dieser Maxime habe ich als Lehrer stets gehandelt. Ich habe immer das Positive gesucht und manchmal auch entdeckt.

Ich will eigentlich über etwas anderes schreiben: Der Zoo Zürich ist am Abend ein Erlebnis. Keine tausend Kinder, die Glace, Ponyreiten oder auf die Toilette wollten. Wir waren ganz alleine im Zoo. Und plötzlich prasselte der Regen auf uns nieder. Mannomann.

Der Himmel verdunkelte sich, Blitze schlugen ein, der Wind blies uns in die Gesichter. Jurassic Park 1, 2 & 3! Jetzt fehlte eigentlich nur noch ein Riesendino, der mich platt drückte.

Der Moderator war sich uneins. Weiter zu den Papageien, damit die kleine Slam-Poetin (die mit der Bierdose) dort ihr Gedicht vortragen konnte? Nein, bitte nicht. Es regnete einfach zu stark. Unter strömendem Regen rannte ich zur Tramstation. Heute hätte ich Ja gestimmt für eine Gondelbahn bis zum Zoo.

Die Apfelrevolution

Miklós Gimes am Mittwoch, den 12. Juli 2017

Ich hab Ökonomie studiert – die Fakultät an der Uni Zürich war noch nicht welt­berühmt wie heute –, weil ich dachte, dass man etwas lernt über das Leben. Man durchschaut, was läuft. Warum sinkt plötzlich der Erdölpreis? Warum muss sich Griechenland totsparen? Die Ökonomen sind wie die Automechaniker der Welt, drehen an den Schrauben, tunen den Motor – doch wer je ratlos in einer Autogarage stand und auf das Orakel des Mannes im Overall gewartet hat, der weiss, dass Mecha­niker auch nur mit Wasser kochen.

In einem Interview mit Daniel Humm, dem besten Koch der Welt, stand, warum anständiges Essen es so schwer hat gegen Fast Food: «Weil ein Burger und eine Cola 99 Cents kosten», erklärte Humm, «ein Burger und eine Cola sind billiger als ein Apfel.» Ein Ökonom würde nun sagen, man müsse die Äpfel subventionieren. Bis sie so günstig sind, dass die Leute umstellen und sich von Äpfeln ernähren.

Doch was in der Realität geschieht, ist eher das Gegenteil. Die Äpfel werden nicht billiger, sie werden teurer. Nicht nur die Äpfel. Kirschen oder Aprikosen kosten bald so viel wie Heroin. In Wollishofen gibt es einen Bauernhof, er gehört der Stadt, auf halbem Weg zwischen dem See und der Endstation des Siebners. Kein Streichelzoo für Stadtkinder, ein richtiger Bauernbetrieb. Im Hofladen holt man Eier und Most, und wenn ich auf den Putz hauen will, kauf ich ein paar Äpfel. Die sind nicht billig, doch wenn man einen Bissen genommen hat, ist man in einer anderen Welt. So wollte Gott, dass Äpfel schmecken.

Dann fragt man sich: Wie geht das? Was ist das Geheimnis, dass die Äpfel nicht bloss rot und rund und knackig sind, sondern wahnsinnig gut? Mit einem feinen süss-säuerlichen Abgang? Und wenn es der Lieferant des Hof­ladens schafft, warum schaffen es die Lieferanten des Supermarkts nicht? Die Äpfel dort sind nicht schlecht, aber etwas fehlt, und trotzdem, alle kaufen sie. Dann kommt man sich vor wie im Film «The Invasion of the Body Snatchers», wo die Kohlköpfe von Aliens befallen sind und niemand protestiert, nur in einem Laden in Wollishofen, gibts noch die echten.

Offenbar ist es einfach, eine Cola ­herzustellen, einen Burger tiefzugefrieren und wieder aufzutauen, aber einen Baum dazu zu bringen, dass er diese tollen Äpfel abwirft, wie macht man das? Da arbeitet man mit der Natur, man kennt die Bäume, so, wie der Bauer seine Kühe kennt. Ich weiss nicht, warum mich so ein Apfel be­geistert. Ist es das Gefühl, einen Geschmack aus der Jugend wieder gefunden zu haben? Es muss seither Generationen geben, die gar nicht wissen können, wie ein Apfel schmeckt. Oder die sich unter einem guten Apfel etwas anderes vorstellen.

Gleichzeitig habe ich noch nie eine Jugend erlebt, die sich so gründlich mit Essen beschäftigt. Die so viel weiss über die chemischen Prozesse in einer Bratpfanne, über Rezepte für Brot. Die anpflanzt auf dem Balkon, hinausgeht in den Schrebergarten. Wer weiss, vielleicht hat die Apfelrevolution erst angefangen, vielleicht hat sich schon einer auf die Suche gemacht nach dem idealen Apfel, den es noch gar nicht gibt. Den man noch züchten muss. Der hat keinen Preis, der ist unbezahlbar.

«Randständige» ohne Lobby

Réda El Arbi am Montag, den 10. Juli 2017
Ob sich die SBB «Ich muss leider draussen bleiben»-Schilder überlegt?

Ob sich die SBB «Ich muss leider draussen bleiben»-Schilder überlegt?

«Der Dreck muss weg, unser Profit leidet darunter» – in Worten der SBB kommt die Aussage natürlich etwas zahmer. Sie wollen die «Randständigen wegweisen», um ihre Bahnhofsgastronomie aufzuwerten, wie sie vor ein paar Tagen angekündigt haben.

Sie wollen die Plätze vor den Bahnhöfen von Personen freimachen, die nicht dem geleckten Bild ihres Gentrifizierungswahns entsprechen, um da dann noch mehr Restaurants und Konsumtempel einrichten. Genau das, was die Städte dringend benötigen. Und erlaubt ist natürlich, was die SBB als «normal» definiert.

«Aus den Augen mit diesem minderwertigen Pack. Die schwächen die Konsumlaune unserer Kundschaft», ist die menschenverachtende Haltung hinter dieser Absicht.

Wir sind uns ja gewohnt, dass der eine oder andere kantonale Sicherheitsdirektor die Bewegungsfreiheit von Menschen ohne zugrundeliegende Straftat einschränkt. Aber meist schieben die Verantwortlichen da noch Sicherheitsbedenken vor. Die SBB will nun aber klar Menschen vertreiben, die bereits am Rande stehen, um ihren Umsatz zu steigern. Profit über alles.

Sie können das offenbar auf dem Weg der Hausordnung. Hm, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, waren Bahnhöfe und Bahnhofplätze noch öffentlicher Raum. Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, standen die verfassungsmässigen Rechte wie Bewegungsfreiheit und Versammlungsfreiheit noch über einer Hausordnung.

«Die Hausordnung wurde von einem Richter abgenommen», informierte mich ein Bekannter bei der SBB. Natürlich. Und weil Randständige» keine Anwälte und keine Lobby haben, hat sich das auch niemals jemand genauer angesehen. Wussten Sie, dass man sich im Hauptbahnhof nicht auf dem Boden setzen darf? Es gibt noch vieles, dass in diesen Hausregeln festgelegt wurde, was einem die Haare zu Berge stehen lässt. Aber mehr dazu ein andermal.

Dann wär da noch die Frage, was «Randständige» eigentlich sind. Das ist nämlich keine gesetzlich definierte Grösse. In ihrem Statement spricht die SBB von «alkoholisierten Personen».

Ou Shiite! Die Street Parade muss abgesagt werden! Keine Sonderzüge! Die Street Parade-Penner sind nicht nur besoffen, die sind so randständig, die können sich nicht mal anständige Kleider leisten!

Fussball-Sonderzüge? Special-Reiseangebote an Spiele? Fertig. Gruppen von Alkoholisierten, die dabei auch noch laut grölen, geht gar nicht. Randständig! Asozial!

Zürich kann eigentlich den Bahnhof jeden Abend nach 19.00 Uhr schliessen, wenn Alkoholkonsum eine Wegweisung rechtfertigt. Am Wochenende schon ab 16 Uhr.

Natürlich nicht. Diese «alkoholisierten Personen» konsumieren genug, um sich das Recht für den Aufenthalt erkauft zu haben.

Man sagt mir ja eine Buddha-Natur nach, gelassen, friedlich, verständnisvoll und ausgeglichen. Diesmal aber bin ich wirklich sauer. Ich meine wirklich, wirklich sauer. Nicht nur, dass ich weiss, wie es ist, wenn man am Ende ist und der einzige soziale Kontakt, den man aushält, der Austausch mit anderen «Randständigen» am Bahnhof ist. Ich denke auch, dass man bei asozialem Verhalten irgendwo einen Strich ziehen muss. Und damit meine ich nicht die Randständigen.

Die SBB gehören uns. Und wollen wir das? Was sind wir denn für eine Gesellschaft, die den Anblick von zehn oder zwölf schrägen Typen nicht mehr erträgt? Der Grad an Zivilisation einer Gesellschaft wird daran gemessen, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. Nicht daran, wie viel geile Hipsterspunten ein Bahnhof vorzuweisen hat. Nicht daran, wie ungestört man möglichst 24 Stunden lang konsumieren kann.

Wie gesagt, die SBB gehören uns. Und vielleicht fühlt sich der eine oder andere Bundesparlamentarier ja so unangenehm berührt, dass er eine Anfrage an den Bundesrat stellt.

Ich bleib auf jedenfall dran. Ja, sorry SBB, offenbar haben die Randständigen doch noch sowas wie eine Lobby gefunden. Und wenn ich noch saufen würde, würde ich das jetzt aus Protest nur noch in Bahnhöfen machen. Und den Sprit von draussen mitbringen.

Street Parade reanimiert

Alex Flach am Montag, den 10. Juli 2017
Langweiliges Motto, spannendes LineUp an der Street Parade 2017

Langweiliges Motto, spannendes LineUp an der Street Parade 2017

Alljährlich und bereits Wochen vor der Bekanntgabe des Street Parade-Mottos, kann die Community vor lauter Aufregung jeweils kaum an sich halten. Was wird es werden? Ein Gefühlsklassiker wie «Believe in Love» (2000), «Friendship» (2005) oder «Follow your Heart» (2012)? Etwas, das mit einer unterschwellig kritischen und doppelbödigen Botschaft zum Nachdenken anregt wie «PEACE!» (2002), «Respect» (2007) oder «It’s All In Your Hands» (2013)?

Oder gar etwas, das die Clubkultur auf vielsagende Weise auf den Punkt bringt wie «Elements of culture» (2004), «Dance for Freedom» (2013) oder «Enjoy the Dancefloor – and save it» (2014)? Oder kann das Komitee gar den riesigen Erfolg des längst zum geflügelten Wort gewordenen «Today is tomorrow» aus dem Jahr 2005 wiederholen? Das hätte den Verantwortlichen um den Street Parade-Präsidenten, Joel Meier, dann wohl doch zu grossen Rummel verursacht. Wohl deshalb haben sie mit «Love never ends» einmal mehr ganz tief ins Schatzkästchen gegriffen.

Man kann vom Street Parade-Mottogenerierer (die maskuline Form ist korrekt, denn auch bei der Street Parade haben, wie (beinahe) überall sonst im Clubleben, Männer das Sagen) halten was man will, der Street Parade-Booker Robin Brühlmann hat einen klasse Job abgeliefert und in diesem Jahr gar einen mutigen: Er hat EDM aus den Bühnen-Line Ups gekehrt und sie mit grossen Techno- und House-Namen wie Nicole Moudaber, Ellen Allien, Dubfire und Paco Osuna besetzt und das abermals ohne einen Rappen Gage in die Hand zu nehmen. Auch bei den Kooperationen hat sich diesbezüglich Einiges getan: Beispielsweise ist das Zürcher Partylabel Rakete mit einer eigenen Stage am Start und die Street Parade-Hymne kommt in diesem Jahr nicht von einem Sir Colin oder einer Tatana, sondern vom Cadenza-Macher Luciano (und ist tatsächlich eine geworden, die man lauter drehen kann ohne die Krätze zu kriegen).

Auch bei den Lovemobiles herrscht hoffnungsvolle Aufbruchstimmung dank der Beteiligung von international bekannten Electronica-Marken wie Hyte, Elrow und BPM Festival und DJs wie Chris Liebing, Loco Dice und Claptone. Klar: Die «lässigen» Lovemobiles werden auch 2017 in der Unterzahl sein, aber der Schwenk in Richtung Coolness lässt sich bei einem Anlass in der Grössenordnung einer Street Parade nun wirklich nicht in nur einem Jahr komplett bewerkstelligen.

Selbst in die Eiszeit in der Beziehung zwischen den Zürcher Clubs und der Street Parade scheint ein wenig Tauwetter einzukehren: Das Komitee veröffentlich erstmals einen offiziellen Street Parade-Clubbing Guide und an dessen Finanzierung haben sich Clubs wie die Friedas Büxe, das Hive, das Klaus und die Zukunft beteiligt. Und gar das Undenkbare könnte Realität werden: Schenkt man dem Gemunkel Glauben, wird doch tatsächlich erstmals seit vielen Jahren wieder ein Zürcher Underground-Club mit einem Lovemobile an den Start gehen.

Zum Schluss ein Hinweis an den Street Parade-Mottomacher, so als Tipp: «Enjoy the Second Spring» wäre für die diesjährige Ausgabe schöner gewesen.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.