Quacksalber auf der 50er-Note

Stadtblog-Redaktion am Donnerstag, den 26. Mai 2016
Der Autor suchte im Landesmuseum die Crazyness der vergangenen Jahrhunderte: Besucehr im neuen Teil des Museums.(KEYSTONE/Ennio Leanza)

Der Autor suchte im Landesmuseum die Crazyness der vergangenen Jahrhunderte: Besucher im neuen Teil des Museums.(KEYSTONE/Ennio Leanza)

Ganz kurz, wer ich bin: Mein Name ist Beni Frenkel und ich bin leidenschaftlicher Action-Liebhaber. Laute Musik, scharfe Ladys und Sunshine (sonniges Wetter) – das liebe ich! Was ich auch noch bevorzuge: schnelle Autos und Action-Filme. Deswegen bin ich am Donnerstag ins Landesmuseum gegangen. Es hat den ganzen Tag geregnet und da habe ich mir halt gedacht: Hey Landesmuseum, du old bitch, heute will ich alles über vergangene crazy Jahrhunderte lernen.

Ich so: okay, los. Dann ich so vor dem Schalter. Vor mir zwei Japaner, Chinesen oder Thailänder. Als ich an der Reihe bin schiebe ich einen gelben Schein rüber und betrete die Riesenhallen. Dann die kleinen Räume. In jedem steht ein junger Mensch und lächelt mich dumm an. Irgendwann habe ich es kapiert: Das sind Museumsmitarbeiter, die darauf achten, dass ich kein Bild herunterreisse oder die Vitrine mit den Helvetischen Goldmünzen einschlage.

Ich laufe ziellos an alten Möbeln und Kleidern vorbei. Nach zwei Minuten wird mir langweilig und ich steuere wieder dem Ausgang zu. Da laufe ich in eine Gruppe alter Menschen. Ein dicker Mann hält einen Vortrag über Gessler oder Gessner. Ein Gelehrter aus dem Mittelalter. Er war früher auf der 50-Franken-Note abgebildet.

Die alten Menschen sehen alle sehr reich aus. Vielleicht haben sie den dicken Mann für tausend Franken als Redner engagiert. “Dicker Mann“ finde ich jetzt etwas diskriminierend. Ich will den fetten Mann fortan „Charlie“ nennen.

Darf in der Stadt des Geldes nicht fehlen: Die Ex-50er-Note im Landesmuseum in Zürich mit dem Bild von Portrait von Conrad Gessner.(KEYSTONE/Walter Bieri)

Darf in der Stadt des Geldes nicht fehlen: Die Ex-50er-Note im Landesmuseum in Zürich mit dem Bild von Portrait von Conrad Gessner.(KEYSTONE/Walter Bieri)

Charlie redet eine Stunde lang über diesen Mittelalter-Mann. Gessler (oder Gessner) soll früher ein berühmter Gärtner gewesen sein. Charlie zeigt auf eine Vitrine. Man sieht die Zeichnung von einem alten Bleistift. Charlie: Gessler schrieb in einem Buch: Der Stift ist aus weichem Blei.“ Deswegen sagen bis heute alle Leute „Bleistift“. Aber das ist Blödsinn. Eigentlich besteht der Bleistift aus Graphit!“

Gessner hat noch anderen Quatsch geschrieben. Ausserdem glaubte er an Einhörner! Der Typ hat ein Malbuch mit allen Tieren gemalt, von denen er mal etwas hörte. Wieder zeigte Charlie auf ein Bild in der Vitrine. Der Kopf ähnelt dem eines Löwen, der Bauch sieht aus wie ein Brett, der Schwanz könnte als Putzwedel durchgehen. Charlie: „Ich glaube, Gessner wollte einen Ameisenbär zeichnen.“

Ich gucke mir das Ungeheuer an und schüttle nur den Kopf. Wie hat es so ein Kerl jemals auf die 50-Franken-Note geschafft haben? Die alten Menschen stören sich aber nicht daran und schlurfen Charlie durch die Räume nach. Stolz zeigt Charlie auf ein gerahmtes Bild. Die neuste Erwerbung des Landesmuseums. Hat 7000 Franken gekostet. Es zeigt zwei tote Fische. Ein alter Mann sagt: Ich habe mitgesteigert! Charlie guckt etwas irritiert: „Jetzt gehört es aber dem Museum.“

Die Führung ist zu Ende. Alle klatschen laut. Charlie hat eigentlich gut geredet und alle Fragen beantworten können. Für mich hat sich der Besuch gelohnt. Ich bin wieder etwas klüger geworden und der Schweizerischen Nationalbank dankbar. Schön, dass ein Löwenzahn statt ein Quacksalber auf der neuen 50-Franken-Note abgebildet ist.

Benni Frenkel, Autor aus Zürich.

Ein Lob der Stadt

Miklós Gimes am Mittwoch, den 25. Mai 2016

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Vor zwei Jahren ist das Kino ABC beim Bahnhof zuge­gangen. Nicht weil es in den roten Zahlen war, aber der Mietvertrag sei nicht verlängert worden, hiess es. Besitzer der Liegenschaft ist die PSP Swiss Property, ein Immobiliengigant, dem halb Zürich gehört. Das ABC war eines der ältesten Kinos der Stadt, früher hiess es Orient, seit 1913 waren dort Filme gezeigt worden.

Es gab wie immer enttäuschte Leserbriefe. Bitte kein Sushi statt des Kinos, mailte eine Frau, auch kein Starbucks und kein Kleiderladen. In den letzten paar Wochen wenigstens ist sie erhört worden, da konnte man im ausgehöhlten ABC zu Abend essen, als wäre man in Bethlehem, direkt an der Mauer, die Israel gebaut hat, um die Palästinenser draussen zu halten. So ein Kino ist im Grunde eine enorme Höhle aus rohem Beton, und die Be­treiber vom Palästina-Grill an der Langstrasse haben den riesigen Raum zu einer besetzten Zone umfunktioniert, mit Wachtturm und Checkpoint, das Personal war angezogen wie die Blauhelme der UNO.

In dieser hochpolitischen Kulisse gab es einen exquisiten Fünfgänger, ein Friedensmahl mit arabischen, jüdischen und christlichen Spezialitäten. Und wenn man sich umschaute – den Horizont versperrte der Betonriegel der israelischen Mauer, dahinter sah man die unerreichbaren Häuser und Felder und Gärten –, blieb einem der Bissen manchmal im Hals stecken. Man wusste nicht recht, was man von der ganzen Inszenierung halten sollte, die sich Sami vom Palästina-Grill ausgedacht hatte, dessen Verwandte in Bethlehem leben. Jetzt zieht sein Pop-up-Lokal weiter an die Art Basel, «und dann vielleicht nach Miami und Hongkong», sagte Sami, «wir möchten in die Welt hinaus».

Ich erzähle diese Geschichte, weil ich ein paar Tage später in der Bodega zu Gast war, wo ich schon lang nicht mehr gewesen bin, und ich staune jedes Mal, wie gut sich das Lokal im Niederdorf gehalten hat. Wie unverwüstlich der gute Wein auf den Tisch kommt, die Nüsse, die Blutwurst, der russische Salat. Wie dich die Kellner grüssen, als wüssten sie noch, wann du das letzte Mal da warst, wie angeregt die Leute sich unterhalten, alle Schichten, alle Generationen, und natürlich haben die Leute aus dem Niederdorf ihren speziellen Jargon, man kennt sich seit Jahrzehnten. Die Bodega ist eine der wenigen Institutionen, die Zürich besitzt, dafür muss man Eric Winistörfer, dem Wirt, dankbar sein. Man redet immer von der Kronenhalle und vergisst dabei die Bodega, die Kronenhalle der Boheme und des Proletariats.

Aber wie gesagt, ich erzähle die Geschichte nur, weil ich kürzlich in Dietlikon war, wo ich Bekannte besucht habe, in der Nähe des dortigen Bahnhofs, eine schöne Wohnung mit Blick ins Mittelland. Sie seien viel unterwegs, sagten sie, darum seien sie hierher­gezogen, in die Nähe des Flughafens, «in eine richtige Schlafstadt».

Da dachte ich, wie dankbar ich bin, dass ich nicht in einer Schlafstadt wohne. Sondern in Zürich, wo sich plötzlich aus dem Nichts ein Sesam-öffne-dich auftut nach Bethlehem und gleichzeitig ein paar Strassen weiter dieselben Tapas auf den Tisch kommen an denselben Holztischen und dieselben ­Sprüche gemacht werden – wie einst.

Städtebau-Swag: «Secretly we are Grossstadt»

Réda El Arbi am Dienstag, den 24. Mai 2016
Städtebau-Swag: «Secretly we are Grossstadt»

Städtebau-Swag: Phallische Türme gegen minderes Selbstwertgefühl.

Ich hab heute Morgen gelesen, dass neu ein Grossteil der Stadt  im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz aufgeführt ist, und bald nicht mehr einfach planiert und verbetoniert werden darf.

Der Artikel erwähnt Städteplaner, die empört aufheulen, weil sie nicht mehr willkürlich ins Stadtbild eingreifen und daran herumpfuschen dürfen. 80 000 Menschen sollen in den nächsten 25 Jahren neu in Zürich untergebracht werden, und das solle laut Städteplanern nicht möglich sein, wenn man nicht das Stadtbild kaputt mache. Man könne diese Menschen nicht an der Peripherie unterbringen.

Im Ernst? Es stehen in Zürich West jede Menge grossräumiger Luxuswohnungen leer, man hat mit der Europaalle (aktuelle Wohnung: 111 m2 für 4750 Franken) eine ganze Zeile der Innenstadt mit Beton überzogen, ohne auf die reale Nachfrage im Wohnungsmarkt zu achten. Büroräumlichkeiten ohne Ende, und das, obwohl in der ganzen Stadt Büroflächen brach liegen. Man baut dafür Swissmill und Prime Tower als phallische Prestigeobjekte für Zürcher mit kleinem Selbstwertgefühl und grosser Profilneurose. Im Seefeld bauen Spekulanten Liegenschaften um, indem sie aus kleinen Familienwohnungen grosse Hipsterlofts machen. Kein Schwein hat sich da wirklich für verdichtetes Wohnen und notwendigen, bezahlbaren Wohnraum in der Stadt interessiert.

Das Problem mit Städteplanern ist, dass sie sich ein Denkmal setzen wollen. Selten wird jemand Städtepläner, weil er das Stadtbild erhalten will. Meist wählt man diesen Beruf, weil man kleine Modelle von futuristischem StahlGlasBetonklötzen im Kopf hat, weil man eigentlich eine ganz neue Stadt entwerfen will und sich vorstellt, wie die übernächste Generation eine Strasse nach einem benennt.

Die ganze Stadtentwicklung der letzten 20 Jahre schreit «Wir wären eigentlich lieber London City oder Berlin Mitte, weil wir nicht die geringste Ahnung haben, was Zürich eigentlich ausmacht.» Das ist bei einem durchschnittlichen Architekten ja noch erträglich, auch wenn dadurch vereinzelt hässliche Denkmäler fürs künstlerische Ego dieser kreativen Reissbretttäter die Stadt verschandeln.

Steht unter Schutz: Das Globus-Provisorium

Steht unter Schutz: Das Globus-Provisorium

Bei der Städteplanung sollten aber Menschen beschäftigt sein, die sich bewusst sind, dass die Identität einer Stadt in ihrer Geschichte wurzelt. Und diese Geschichte soll sichtbar bleiben, da sie sonst vergessen geht. Die Städteplaner sind laut Artikel überzeugt, dass sie dem Stadtbild bereits genug Sorge tragen. Was für sie wohl bedeutet, dass man das Globus-Provisorium unter Schutz behält, aber das alte Gebäude vom stadtprägenden Vorderen Sternen am Bellevue abreissen liess.

Irgendwie bin ich beruhigt, dass der Bund nun ein Auge auf Zürich und seine Architekturgeschichte hat. Überlässt man den Schutz den Leuten, die einfach gerne bauen und planen, ist das grundsätzlich ein Interessenkonflikt.

Natürlich werden mir jetzt einige Architekturfuzzis und visionäre Städteeinstampfer reaktionäres Gedankengut vorwerfen. Ich mein da nur: Der Prime Tower oder das neue Landesmuseum geben der Stadt keine Identität, die helfen nur einigen Möchtegern-Metropolisten über ihre Minderwertigkeitskomplexe hinweg.

Die Identität der Stadt kommt von den Gebäuden, die ohne Probleme hundert Jahre überdauert haben. Und mit jedem abgerissenen Strassenzug reisst man ein Loch ins Langzeitgedächtnis der Stadt. Denkt doch daran, liebe Städteplaner, wenn ihr wieder was plant. Und falls es euch an Raum fehlt: Reisst doch bitte die Europaallee ab. Das städtische Kurzzeitgedächtnis ist nicht so wichtig.

Der lästige Gast

Alex Flach am Montag, den 23. Mai 2016

DJ-Neu

Letzten Freitag beklagten sich im 20minuten unter der Überschrift «Clubber haben von DJ-Kultur meist keine Ahnung» die DJs Doobious, Whizkid und Ray Douglas über Clubgäste, die während ihrer Sets zu ihnen in die Kanzel kommen, um sich Songs zu wünschen.

Einzig der ebenfalls zitierte DJ Muri zeigte sich generös: «Wenn es passt, dann sage ich nicht Nein. Die meisten DJs sind ja immer noch Dienstleister. Wenn ich aber House spiele und Du kommst mit einem Schlagerlied-Wunsch, dann hast Du einfach nicht begriffen, wo Du bist». Damit trifft Muri gleich mehrere Nägel auf den Kopf, wenn wohl auch unabsichtlich.

Ray Douglas und Doobious spielen Open Format, Whizkid legt EDM auf. Musikstile, die häufig bei den kommerziellen Radiosendern, in den Charts und auch auf vielen weiteren Kanälen rauf- und runtergespielt werden: «Open Format» bedeutet, dass dieser DJ querfeldein Pop, Rock, House, RnB, etc. zusammenmixt. EDM wiederum ist Charts-affiner und mit Beats unterlegter Leistungspop. Die Leute im Club kennen also in der Regel die Songs, die gespielt werden. Das verleitet sie wohl dazu, dass sie weitere ihnen bekannte Lieder hören möchten und beim DJ danach fragen.

Ganz anders sieht es bei den subkulturell orientierten House- und Techno-DJs aus. Diese Jockeys spielen nicht Lieder von Hitparadenstars, sondern Produktionen von Berufskollegen, sprich anderen DJs, Produzenten und Clubmusikern. Bei diesen Songs geht es meist nur sekundär um den Wiedererkennungswert (selbst wenn auch der Underground seine Hits vorweisen kann), sondern darum, dass sie sich nahtlos und stimmungsvoll ins Set und in dessen Dramaturgie einfügen. Kurzum: Wenn der DJ keine EDM- oder andere Hits spielt, sondern die Gäste mit Techno und House vor sich hertreibt, dann kommen diese seltener in Versuchung sich Songs zu wünschen.

Jedoch müssen die Gäste der Undergroundclubs mit einem anderen Vorwurf seitens «ihrer» DJs und Veranstalter leben und zwar jenem, dass es den Clubbern egal sei, wer da gerade an den Plattentellern stehe und, dass sie in der Regel ein Set von Ben Klock nicht von einem Oliver Koletzki-Mix unterscheiden können (für Rockfans: das ist in etwa dasselbe wie die Musik von Metallica und jene von Coldplay nicht unterscheiden können).

Das mag sehr häufig stimmen, aber die Nightlife-Macher vergessen dabei, dass ihre meist arbeitstätigen Gäste nicht annähernd so viel Zeit in das Anhören von Neuveröffentlichungen investieren können wie sie. Die Clubber erfüllen bereits mit dem Besuch eines bestimmten Clubs oder Veranstalters ihre «fachlichen Pflichten», denn die meisten Lokale und Partylabels in diesem Bereich haben einen musikalischen Fingerabdruck und die Gäste besuchen sie im Wissen, dass ihnen dort die Musik gefällt – mehr kann und sollte man nicht erwarten.

Auch wenn viele DJs dem Statement ihres Kollegen Muri, dass die meisten DJs immer noch Dienstleister seien, vehement widersprechen und sich zu Recht als Clubmusiker sehen… ihr Job ist auch dann noch zumindest Teil eines Dienstleistungsgewerbes.

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Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 20. Mai 2016

«Ein gutes Zeichen. Da sind
bestimmt viele Leute auf dem Stuhl gesessen.»

Serie Zürcher Begegnungen: Martin Candrian, Chef der Candrian-Gruppe Zürich, 10.5.2016

Martin Candrian ist der Kopf der Candrian Catering AG. Das Familienunternehmen – Umsatz gut 100 Millionen Franken pro Jahr – betreibt das Gros der Restaurants im HB Zürich und etliche Renommierlokale. Der Mann steht ihm Ruf, dass ihm nichts entgeht. Und er merkt sofort, dass der Stuhl des TA-Journalisten beim Interview wackelt. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

«In Deutschland vermisse ich den sauberen Zürichsee.»

Laura de Weck

Laura de Weck, die Zürcher Schauspielerin und Autorin, die in Hamburg lebt, hat gerade ein Buch mit gesammelten Kolumnen aus dem Tages Anzeiger veröffentlicht. Wenn sie in Hamburg lebt, vermisst sie den Zürichsee am meisten. (Foto: Bruno Schlatter).

 

«Ich muss im Kanton vor einer Million Steuerpflichtigen geradestehen und nicht nur vor den Jungunternehmern.»

Jungunternehmer drohen mit Wegzug: Zürcher Start-ups und deren Investoren ächzen unter hohen Steuern. Nun fordern sie ultimativ Entlastung. Doch Finanzminister Ernst Stocker (SVP) pocht auf Steuergerechtigkeit und warnt vor überstürzten Entscheidungen. (Foto: Ennio Leanza/Keystone) Zum Artikel

Jungunternehmer drohen mit Wegzug: Zürcher Start-ups und deren Investoren ächzen unter hohen Steuern. Nun fordern sie ultimativ Entlastung. Doch Finanzminister Ernst Stocker (SVP) pocht auf Steuergerechtigkeit und warnt vor überstürzten Entscheidungen. (Foto: Ennio Leanza/Keystone) Zum Artikel

 

«Du musst bereit sein, das Spiel mitzuspielen.
Und das war ich nicht.»

(Foto: Urs Jaudas)

Die Zürcher Mundart-Rap-Legende E. K. R. hat ein monothematisches Album aufgenommen. Darauf geht es um Liebe und Beziehungen. Und natürlich auch um ihn. Und im Interview verrät er auch, weshalb er mit dem Mainstream so absolut gar nichts am Hut hat. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Ich verfolge die Proteste der Taxifahrer
mit einem gewissen Erstaunen.»

(Foto: Reto Oeschger)

Uber-Schweiz-Chef Rasoul Jalali reagiert erstaunt auf die Kritik des Taxigewerbes. Er sagt, sein Dienst schaffe zusätzliche Verdienstmöglichkeiten für professionelle Fahrer. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Traditionell bedeutet nicht rückständig.
Ohne solides Handwerk geht nichts.»

Bastion der Tradition: Die Gilde etablierter Schweizer Gastronomen funktioniert nach dem Prinzip einer Zunft. Das mag rückständig klingen, verdient aber gerade in der heutigen Zeit Anerkennung. Jackie Donatz vom Restaurant Sonnenberg, ist zwar selber nicht Mitglied der Gilde, unterhält aber freundschaftliche Beziehungen zur Vereinigung. Seine Meinung: Kulinarisches Know-how zu sichern, ist die wichtigste Aufgabe von Vereinigungen wie der Gilde. (Foto: Tages Anzeiger)

«Ich hoffe, meine Kinder sind beim nächsten Event schon 14 Jahre alt.»

(Foto: Doris Fanconi)

Die Stars aus Youtube waren in Zürich. Auf ihrer Bühnentour verkaufen sie ihren jungen Fans ein Gefühl der Nähe. In Wirklichkeit sind sie aber ganz weit weg. Und eine Mutter freut sich, wenn ihre Tochter endlich das Alter erreicht, wo sie alleine solche Events besuchen kann. Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Lehrlinge haben mir einen Stoffleu als Zeichen für den Kampfeswillen geschenkt.»

(Foto: Reto Oeschger)

Kampfansage aus der Schreinerwerkstatt: Aus Spargründen will der Regierungsrat einen Musterbetrieb der Stadt Zürich schliessen. Die Betroffen wehren sich – mit Unterstützung des Gewerbeverbands. Markus Bosshad, Leiter der betroffenen Lehrwerkstätte für Möbelschreiner, kann auf die Unterstützung seiner Schützlinge zählen. (Foto: Reto Oeschger)

 

«Eine Prognose des genauen Geburtstermins
ist schwer möglich.»

(Foto: Reto Oeschger)

Der Zürcher Zoo bereitet sich auf eine Elefantengeburt vor: Farha (links) ist zum ersten Mal trächtig. Vater ist der junge Bulle Thai. Zoodirektor Alex Rübel will nicht über den Geburtstermin spekulieren. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

 

 

 

 

 

 

Ein Tässchen Atommüll

Réda El Arbi am Montag, den 16. Mai 2016
Ein Tasse Atommüll pro Kopf. Reicht, um deinen Stadtteil umzubringen.

Ein Tasse Atommüll pro Kopf. Reicht, um deinen Stadtteil umzubringen.

Fünfzehn Prozent des Atommülls von Gösgen gehören den Stadtzürchern. Also, eigentlich gehört dieser Anteil am Atomkraftwerk Gösgen den Stadtzürchern. Aber wenn man ehrlich ist, besitzt dann auch jeder Stadtzürcher auch einen kleinen Anteil am tödlichen, nuklearen Output.

Im Zusammenhang mit der Atomausstiegs-Abstimmung für Zürich am 5. Juni wollte ich mich mal informieren, wie viel  Atommüll der Stadtzürcher sein Eigen nennen darf. Aber das ist gar nicht so einfach. Offenbar gelten die genauen Zahlen zum Müll von Gösgen als «sensible Information». Auf der Seite des Atomkraftwerks Gösgen wird man auf eine allgemeine Seite der Atomindustrie verlinkt. Dort findet man die neckische Aussage, dass man inzwischen pro Kopf eine Espresso-Tasse voll höchstradioaktiven Atommüll pro Bewohner der Schweiz hat. Herzig, nicht? Gemeinsam mit der dann ebenfalls verstrahlten Verpackung für die Endlagerung ist es dann schon eine Literflasche. Ein Energy-Drink, der es in sich hat.

Herzig, nicht? Eine kleine Tasse voll Atommüll.

Herzig, nicht? Eine kleine Tasse voll Atommüll.

Irgendwie erwähnen die Atomtypen dann nebenbei, dass diese Tasse voll nuklearen Materials einem Gewicht von einem halben Kilo allertödlichstem Material entspricht. Jeder Schweizer hat also das Anrecht auf ein halbes Kilo hochradioaktiven Mülls, mit dem er sein ganzes Quartier auf Jahrhunderte hinaus tödlich verstrahlen kann. Jeder Terrorist wäre glücklich, wenn er auch sowas hätte, um einige schmutzige Bomben zu bauen.

Weiter liest man auf der Seite etwas zu Zeitverständnis der Atomlobby:

«Sie (Radionuklide) sind in den ersten 100 bis 200 Jahren für die hohe Strahlung verantwortlich. Diese nimmt aber rasch ab.»

Rasch abnehmende Strahlung. Nur so 100 bis 200 Jahre. Nach 1000 Jahren nur noch normal tödlich.

Rasch abnehmende ultrakrasse Strahlung. Nur so 100 bis 200 Jahre. Nach 1000 Jahren nur noch normal tödlich.

Kurz zum Zeitverständnis: Vor 200 Jahren gabs die Schweiz noch nicht in der heutigen Form. Es gab noch keinen Benzinmotor, oder verbreitete Elektrizität. Alles was wir an Technologie heute benutzen, gabs damals noch nicht.

Oh, stimmt nicht ganz. Das Modell der Atomkraftwerke, die wir heute benutzen, stammt aus dieser Zeit. Für Technologiemuffel: Ein Atomkraftwerk ist im Prinzip nichts anderes als eine Dampfmaschine. Wasser wird erhitzt, der Dampf wird in Turbinen geleitet, daraus wird Strom gewonnen. Aber anders als bei den Dampfmaschinen-Baukästen unserer Kindheit wird das Wasser nicht mit einer Kerze, sondern mit einer verlangsamten Atombombe erhitzt. Einer Atombombe übrigens, die wir starten, aber nicht stoppen können. Wir können sie nur abbremsen. Und das auch nur unter idealen Bedingungen, und nur, indem wir weiteres Material verstrahlen.

Aber zurück zur Abstimmung vom 5. Juni. Zürich will alle Beteiligungen an Atomkraftwerken bis 2034 abgeben. Selbstverständlich sollen wir bis dahin auch keine Energie aus Atomkraftwerken mehr beziehen. Das wär ja mal ein erster Schritt. Obwohl ich glaube, dass Zürich sich etwas beeilen sollte – jetzt nachdem die geleakten Lobby-Unterlagen des Atombetreibers Alpiq erst kürzlich verdeutlicht haben, dass nicht mal die Bertreiber selbst an die Zukunft ihrer Atomruinen glauben und diese und die Folgekosten auf den Steuerzahler abwälzen wollen. Und das ist doch erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die meisten Mitarbeiter der Kontrollbehörde ENSI aus der Atomindustrie stammen und grundsätzlich hinter dem Betrieb solcher Kraftwerke stehen.

Jetzt werden mir gewisse Leute vorwerfen, ich sei technologiefeindlich. Bald seien die ultrasauberen Fusionskraftwerke da und dann gäbe es keinen Müll mehr. Darum solle man jetzt nicht aus dem Geschäft mit den nuklearen Antiquitäten aussteigen.

Ehrlich, ich bin ein wirklich krasser Technologiefan. Trotzdem würde ich mein GA nicht zurückgeben, weil ich hoffe, dass ich mich bald an meinen Arbeitsplatz beamen kann. Ich bin Fan von existierender, zukunftsweisender Technologie. Müllfreie Atomkraftwerke werde ich sofort unterstützen, sobald sie existieren. Bis dahin lese ich Science Fiction.

Wir haben schon einmal auf die Zukunft gewettet. Damals, als wir die ersten Atomkraftwerke bauten und uns darauf verliessen, wir fänden dann schon ein Endlager für das tödliche Gift. 50 Jahre Atomkraft und kein Gramm Atommüll ist in einem Endlager. Aber die Nagra ist zuversichtlich, in den nächsten Jahren die Lösung präsentieren zu können. Ich schwör.

Gras frässe

Thomas Wyss am Samstag, den 14. Mai 2016

Schaad Märkli bellevue StehsatzAutor: Thomas Wyss

Die zweitwichtigste Aussage dieser Woche kam von Max Bösiger. Er teilte mir in einem Leserbrief mit – übrigens: Das Gefühl, in der Ära der täglichen Mailüberflutung ein solch mit realer blauer Tinte beschriebenes Papier in den Händen halten zu dürfen, ist ähnlich erschütternd schön, wie wenn man bei Puls 180 wider Erwarten den happigen Aufstieg von Muottas Muragl zur Chamanna Segantini
geschafft hat, dort oben, auf 2731 m. ü. M., zufällig den letzten Nussgipfel ergattert und dem Hüttenwart vor lauter Glück glatt um den Hals fallen möchte; ja, wir Zürcher sollten häufiger wandern, es würde uns devoter machen –, dass man den von mir in der Gebrauchsanleitung vom 9. April als «Nastüechliweg» charakterisierten Panoramaweg seit seiner Jugend auch als «AHV-Piste» kenne und dass er nun, im Alter von 82, wisse, wie treffend diese Bezeichnung sei.

segantini_hütte_2Damit zur wichtigsten Aussage der Woche. Sie lautete: «Gras frässe… ich sägs immer wieder: Mä muess Gras frässe.» Sie stammt von Ancillo Canepa, er sprach die Worte am Mittwoch zu bitterer und später Stunde ins SRF-Mikrofon, und als er redete, sah er aus, als habe er nicht Gras, sondern Sauerampfer gefressen; sein Gesicht erinnerte an ein verzweifeltes Emoji.

Aufgrund des blutleeren Auftritts des FCZ hätte ich einen Appell fürs Fleischfressen irgendwie adäquater gefunden, dennoch dachte ich spontan: Hey, mal echt was Gesundes aus dem Munde des Präsidenten! Zumal die Idee perfekt zu Zürich als Trendsettercity passt: Dank Zwingli waren wir bei der Reformation ganz vorne mit dabei, wir haben 1939 in Form von Hans Corays «Landi-Stuhl» einen internationalen Designstandard gesetzt, 1951 braute Maria Düring in einem Keller am Bucheggplatz das erste Entkalkungsmittel des Festlands namens Durgol, in den 90ern galten wir als Techno-Hauptstadt Europas, und mit den VBZ haben wir den besten öffentlichen Verkehr des Planeten (im privaten Verkehr, dem Beischlaf, siehts allerdings weniger rosig aus, laut einer EU-Studie liegen wir da auf Rang 59; knapp vor Ankara). Weshalb also sollten wir nicht in die Pionierrolle der ersten konsequenten Grasfresser Europas schlüpfen?

Fünf Pro-Argumente: 1. Die vegane Küche ist bei uns eh am Boomen, der Schritt zum Gras wäre entsprechend klein. 2. Gras ist laktosefrei und auf Wiesen in (oft erstklassiger Qualität!) üppig vorhanden. 3. Rolf Hiltl, der bereits das Gemüsetatar erfand, würde die Gras-Blutwurst erfinden. 4. Sogar beim Anstieg des Meeresspiegels wird es noch Gras geben (es gedeiht nämlich auch unter Wasser). 5. Gras kann man nicht nur frässe, sondern auch suufe – beispielsweise als Heuschnaps.

HeuschnapsNatürlich ist es aber möglich, dass sich der aufgewühlte Herr Canepa am Mittwoch einfach sprachlich vertan (wie einst der grosse Horst Hrubesch, der unfreiwillig kalauerte, man müsse «das Spiel nochmals Paroli passieren lassen») – und vielmehr hatte sagen wollen: «Gras rauche… ich sägs immer wieder: Mä muess Gras rauche.»

In Anbetracht des dünnen Nervenkostüms der Spieler wäre ein entspannt- lustiges Kollektiv-Kiffen auf der Allmend Brunau unter Anleitung von Neo-Motivator Forte die allenfalls noch smartere Idee; die Südkurve würde das Gras bestimmt umsonst liefern.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 13. Mai 2016

«Ich profitiere in der Politik von der Ausdauer, die ich im Sport gelernt habe.»

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Er läuft Triathlons und ist passionierter Velofahrer. Und diese Sportbegeisterung mochte der 47-jährige SVP-Gemeinderat Roger Bartholdi auch am bisher wichtigsten Tag seiner Politkarriere nicht verstecken: Kaum hatte ihn das Stadtparlament zum neuen Ratspräsidenten gewählt, rannte der höchste Stadtzürcher vom Rathaus bis in seinen Wohnort Albisrieden, um dort an seiner Wahlfeier teilzunehmen. Dabei war er schneller, als das Spezialtram mit Politikern drin. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

«Ich habe immer Eier und Milch,
das gibt mir die nötige Kraft.»

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Der Zürcher Albert Walter aus dem Kreis 4 ist der Weltrekordhalter im Zerreissen von Telefonbüchern, die er vernichtet, wie andere Leute Papierfötzel entsorgen. (Foto: Doris Fanconi)

«Bei den Schiffsführern
nimmt der Stress laufend zu.»

Roman Knecht, Direktor ZSG Zürich, 9.5.20156

Roman Knecht, Chef der Zürichsee-Schiffe, sagt, dass die Kapitäne bei Verspätungen aufs Tempo drücken. Als Hauptverantwortlicher für die Zürichsee-Flotte steht Knecht immer wieder in der Kritik. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

«Von Form und Wirkung wird es so aussehen.»

Neubau Kunsthaus Zürich - Kleinbaute mit Fassadenmustern - am 9. Mai 2016

Chipperfield lässt grüssen: Seit die Turnhallen am Pfauen verschwunden sind, ist das Fassadenmodell des geplanten Erweiterungsbaus gut sichtbar. Es sei nicht gesagt, dass die Fassade am Ende exakt so aussehe werde wie das Modell, sagt Franziska Martin, Sprecher des Hochbaudepartements. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

«Wir sind verpflichtet, die Stimme zu erheben.»

Vize-Kirchpflegepräsident von Kilchberg, Markus Vogel Kilchberg, 10.5.2016

Markus Vogel, Vizepräsident der Kirchenpflege Kilchberg, sagt, weshalb die Kirche einer abgewiesenen tschetschenischen Familie Asyl gewährt. (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

«Da hat es Fett drin.»

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Zum Circus Knie gehört auch in Zürich ein Zoo. Löwen bietet er nicht. Aber man kann doch ein Kamel oder ein Lama von nahe sehen – und Kinder lieben das Ponyreiten. Und ein Vater erklärt seinem Sohn, was es mit den Doppelhöckern von Kamelen auf sich hat. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

«Mich inspiriert dieses Vibrieren
zwischen den Städten.»

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Die Zürcherin Alexandra Bachzetsis experimentiert in ihrem neusten Stück mit Geschlechterrollen. Dabei inspirieren sie ihre Wurzeln genauso wie aktuelle Themen. (Foto: Blommers-Schumm)

«Wisst ihr, wie Froschlachen funktioniert?»

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Die spassigste Zürcher Demo: Mit schallendem Gelächter ist kürzlich die 10. Lachparade durch die Innenstadt von Zürich gezogen. Einige Passanten reagierten konsterniert, abweisend oder ratlos. Andere liessen sich durch das Lachen anstecken.(Bild: Urs Jaudas) Zum Artikel

«Es ist sowieso schon teuer hier in Wipkingen?»

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Die Rosengartenstrasse in Zürich soll in eine Quartierstrasse mit Tempo 30 verwandelt werden. Nicht alle Anwohner freuen sich darüber. Und ein Wirt, der 20 Jahre im Quartier wohnt, glaubt nicht, dass nachher, wenn der Rosengartentunnel gebaut ist, die Mieten aufschlagen. (Foto: Emanuel Ammon/Aura) Zum Artikel

Start der Outdoor-Saison

Alex Flach am Montag, den 9. Mai 2016
Der Saisonstart mit grossem Andrang beim «Rakete».

(Bild Mandy von Zu) Der Saisonstart mit grossem Andrang beim «Rakete».

Wer die heutige Einstellung der Zürcher Clubber zur Street Parade kennt mag kaum glauben, dass der Lastwagen-Umzug mal das grosse Sommer-Highlight im städtischen Partykalender war. Afterpartys wie die Zoom des Nachtleben-Originals und erfolglosen Stadtrat-Kandidaten Etienne Rainer genossen Kultstatus und vermochten die Raver in Massen zu mobilisieren. Die heutige Street Parade ist ein Volksfest und der Clubber feiert lieber woanders.

Seit einigen Jahren sind sogenannte Daytimer die Publikumsmagneten, sommerliche Outdoor-Anlässe, die nicht in der Nacht stattfinden sondern sinngemäss tagsüber. Zwei der erfolgreichsten auf diesem Gebiet, das Opening des Flussbads Oberer Letten und die Rakete im Seebad Mythenquai, haben vorgestern Samstag stattgefunden. Die Durchführung der beiden Events am selben Tag hat viele Partygänger in arge Entscheidungsnöte gebracht.

Luca Müller, Veranstalter des Oberer Letten-Openings: «Ein dummer Zufall. Wir wollten den Anlass im Vorfeld nicht gross kommunizieren, da wir erfahrungsgemäss alleine mit Mundpropaganda überrannt werden. Also haben wir alles still und heimlich vorbereitet. Ebendies haben aber auch die Macher der Rakete getan. Erst als sie DJ Reto Ardour für ihre Party im Mythenquai verpflichten wollten und er ihnen beschied, dass er bereits für unser Opening gebucht sei, kam heraus, dass wir uns beide den 7. Mai für unsere Events auserkoren haben».

Zumindest dem Publikumszuspruch der Rakete hat dies nicht geschadet: «Letztmals habe ich eine solche Warteschlange gesehen, als ich in Berlin für den Berghain-Club angestanden bin», liess ein geduldserprobter Clubber verlauten. Diesen Eindruck bestätigt der Mitveranstalter Luke Dyer-Smith: «Wir haben zwischen 2‘600 und 2‘800 Leute eingelassen. Vor allem kurz nach Türöffnung am Mittag war der Massenauflauf an unserer Kordel sehr beeindruckend.» Obschon den Frischluft-Ravern mehr Bars zu Verfügung standen als an den letzten Ausgaben, verging einem mit einem Blick auf die Menschentrauben an den Zapfsäulen bisweilen gar der Durst.

Beim Oberen Letten hingegen hat die Party etwas langsamer an Fahrt aufgenommen als auch schon. Luca Müller ist das aber nur recht: «In früheren Jahren war’s bisweilen ja beinahe klaustrophobisch. Voll war’s auch in diesem Jahr, aber man hatte nie das Gefühl demnächst zerquetscht zu werden – ich denke den Leuten hat’s sehr gut gefallen.»

Der einzige Negativpunkt, den sich beide Events teilen, war das Littering. Insbesondere bei der immensen Warteschlange für die Rakete-Party lag zwischenzeitlich sehr viel Müll am Boden. Auch wenn die Veranstalter mit ihrer Erfahrung für eine rasche und restlose Entsorgung garantieren: Es wäre schön, wenn die Clubber ihre Umwelt nicht als mit Bass unterlegten Abfalleimer sehen würden. Ein deutscher Clubber, der gestern mit mir über die prächtige Wiese der Badi Mythenquai samt freiem Blick über den See und aufs Alpenpanorama geschlendert ist: «Sehen diese Litterer überhaupt noch, wie wunderschön der Ort ist an dem sie leben dürfen?»

Alex-Flach2-150x150Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Kokain & die Alt-Szenis

Réda El Arbi am Sonntag, den 8. Mai 2016
Selbstwert in kristalliner Form.

Selbstwert in kristalliner Form.


Zürich ist bekannt für seinen Kokainkonsum. Das hat wohl damit zu tun, dass Kokain noch immer mit Erfolg gleichgesetzt wird. Dabei ist Kokain eine Verliererdroge. Und nicht nur das. Wie wir diese Woche erfahren haben, besteht Koks inzwischen meist mehr aus Tiermedikamenten, Psychopharmaka, Mehl und dünn geriebenem, übersteigertem Geltungsdrang.

Damals, in den 80ern und 90ern, wurde Kokain von Bankern, Werbern und Künstlern als Macher-Droge, als Statussymbol für die Erfolgreichen gehyped. Natürlich war das damals schon Bullshit, da die Glitzerlinie auf dem Weg in die Nase eigentlich nur aussagte, dass man den Druck seines Yuppie- oder Szeni-Lebens ohne Substanz nicht aushielt und seine Fantasiepersönlichkeit nicht ohne aufrechterhalten konnte. So gesehen ist Koks eine Droge für Möchtegern-Narzissten, deren Ego nicht ohne pharmazeutische Flügel über die Menge abheben kann.

In meinem Alter begegnet man heute dem Koks in Zürich meist bei Alt-Szenis, die das Pulver aus Angst rupfen, von den jungen Clubhipstern vom Coolness-Thron gestossen zu werden. Koks hilft noch immer, um bei jungen Partyhühnern zu punkten, oder um sich auch mit Ü35 noch sexy zu fühlen. Koks ist kein Statusstatement mehr, es ist eher eine Art Viagra für das Ego, der pulverisierte Porsche für die Midlife Crisis von Berufsjugendlichen.

Männer, die nur noch einmal im Monat abfeiern können, weil sie an den anderen Wochenenden die in den 00ern gezeugten Kinder aus den drei an Koks gescheiterten Beziehungen bei sich haben, schalten mit neidischem Blick auf die Energie der 25-Jährigen den Pulverturbo rein. Frauen, die sich früher nur mit abweisender Arroganz vor der Aufmerksamkeit der Männer retten konnten, frieren sich heute mit Schnee die Herablassung ins Gesicht, mit der sie die 20 Jahre jüngere Konkurrenz für ihre Frische strafen. Pärchen, bereits lange in der selbst erzeugten Eigenheimhölle mit Leasingverträgen, halten auf dem Schneeberg Hof, um sich von anderen Pulvernasen huldigen zu lassen. Ex-Kreative spinnen nochmals eine Nacht lang geile Projekte, die sie aus ihren realen Buchhaltungsaufgaben der eigenen Agenturen entführen.

Mit Kokain ist der Bruch zwischen den einstigen Hollywood-Träumen und dem unspektakulären, aber eigentlich guten Mittelstandsleben der jetzigen Realität besser auszuhalten. Wenigstens für ein paar Stunden. Spass macht Kokain nicht, es beschleunigt, bläst auf, zentriert auf den eigenen Bauchnabel. So sieht die Welt im Vergleich nicht mehr ganz so gross aus. Kokain wirkt wie eine Intimrasur, lässt das eigene Ding grösser, die eigene Sexyness jünger erscheinen.

Jüngere Clubbesucher ziehen meist chemische Stimulanzien vor, um – ach, schöner alter Euphemismus – ihr Bewusstsein zu erweitern. Nicht, dass dies gesünder oder vernünftiger wär, aber Jugend entschuldigt so manches. Die Wahl der Droge sagt aber auch etwas über das Selbstbild aus. Während die jungen MDMA-Hippies und die Acid-Freaks nach einer emotionalen, mit spirituellem Brunz verbrämten Erfahrung (So tiefe Liebe! oder So tiefes Verständnis von allem!) suchen, sind Kokser eigentlich nur auf ihren Selbstwert fixiert. Sie müssen einfach geile Siechen sein, auch wenn sie dafür wegen der tiefen Halbwertszeit des Kokains alle halbe Stunde nachladen müssen. Natürlich gibts auch Jüngere, die sich mit Koks aufblasen. Sie versuchen die Persönlichkeit vorzutäuschen, die sie in zehn Jahren gerne wären.

Also, meine lieben, alten Freunde, bitte ruft mich nicht mehr montags an und jammert mir vor, dass ihr nie mehr Drogen nehmen wollt. Quält euch gefälligst gemeinsam mit den Ecstasy-Kids durch eure drogeninduzierte Wochenanfangsdepression. Lasst mich damit in Ruhe. Vielleicht habt ihr ja Glück, und euer Pulver war mit Antidepressiva für Elefanten gestreckt.

PS: Ja, die Koksnasen dürfen mir jetzt gerne Intoleranz, fehlendes Verständnis und Lustfeindlichkeit vorwerfen. Mein Ego hält das aus. Auch ohne Koks.

Hier ein Lied, in dem es um Kokain geht:

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