Basel ist nicht Zürich

Alex Flach am Montag, den 22. Mai 2017
Es lebt! Basler Nachtleben an der Heuwaage, Früher Techno , heute RnB und Hiphop.

Oft Totgesagte leben öfter länger: Basels Nachtleben lebt!

Im Basler Nachtleben drücken sich Champagnerlaune und Katerstimmung im Wechselspiel die Klinke in die Hand. Derzeit – wegen des Closings der Hinterhof Bar an diesem Wochenende – scheint dort die allgemeine Gemütsverfassung gerade wieder auf «düster» zu stehen. Nicht auf «zappenduster» wie vor rund anderthalb Jahren, als die Basler Nightlife-Affinen fürchten mussten in Bälde ihre gesamte Clublandschaft zu verlieren, aber doch genug, um Thom Nagy und Olivier Joliat zu einem ausführlichen Beitrag in der Basler Tageswoche zu animieren, der auch in der Zürcher Community Aufsehen erregt hat.

Das Problem verorten die beiden Autoren in der Einwohnerzahl Basels: «Im Jahr zwei nach dem grossen Clubsterben spielt das Basler Nachtleben auf Weltklasseniveau. In einer Stadt mit 200’000 Einwohnern ist das ein Problem».

Auch Zürich kann bezüglich Grösse nicht mit Metropolen wie Berlin, Paris oder London mithalten und auch hier stehen die Untergangspropheten an den Clubecken und prophezeihen das nahe Ende. Andere verkünden bei jeder Gelegenheit, wie man es besser machen könnte. In Tat und Wahrheit, gibt es nicht viel zu verbessern: Die Politik ist dem Nachtleben wohlgesonnen wie nirgendwo sonst, nicht wenige behaupten Zürich hätte die grösste Clubdichte Europas und selbst in diesem, bis auf den letzten Platz besetzten, Umfeld kann man mit einer Neueröffnung noch reüssieren, wenn man beim Publikum die richtigen Knöpfe zu drücken weiss – die Macher des Klaus Clubs haben das eben erst eindrücklich bewiesen.

Das Zürcher Nachtleben ist immens facettenreich und vom Ultrakommerz-Club bis zum Musik-Club für höchste Ansprüche, wird hier jeder Gusto bedient. Natürlich: Es ist kein Geheimnis, dass ein paar der Club-Eröffnungen der letzten Jahre Rohrkrepierer waren und dass ein, zwei neue Clubs gerade auf dem «besten» Weg sind welche zu werden. Die Schuld für all diese Havarien ist aber meist nicht bei einem rückläufigen Ausgehbedürfnis des Zielpublikums zu suchen, sondern bei den jeweiligen Betreibern: Oft sind sie Hasardeure mit einer erschreckenden Ignoranz gewissen (sprichwörtlich existenziellen) Punkten wie Rahmenbedingungen oder Finanzplanung gegenüber.

Nichtsdestotrotz: Das Zürcher Nachtleben ist im Markt angekommen, ist ein Teil desselben wie alle anderen Wirtschaftsfelder ebenfalls, und nun spielen halt Angebot und Nachfrage. Wer Rückschlüsse von den aktuellen Zuständen in Basel auf Zürich zieht, der vergleicht Leckerli mit Tirggeln und übergeht auch nonchalant die Tatsache, dass Zürich tatsächlich über doppelt so viele Einwohner verfügt wie die Stadt im äussersten Nordwesten des Landes.

Zudem kämpft Basels Nachtleben mit einem weiteren Standortnachteil, den Nagy und Joliat in ihrem Beitrag nicht erwähnen, einem stark eingeschränkten Einzugsgebiet nämlich. Die Zürcher Clubs würden ohne die Gäste aus dem Aargau, aus Schwyz, Luzern und dem Zürcher Norden nicht laufen. Basler Clubs hingegen haben gegen Norden und Westen kein Publikum, weil sich die Deutschen und Franzosen die hiesigen Eintritts- und Getränkepreise nicht leisten können.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof Basel, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

Der lokale Lauschangriff

Thomas Wyss am Samstag, den 20. Mai 2017

Wir kennen das ja alle: Hocken am Samstagnachmittag mit den Eltern im Honold, mampfen Butterbretzeli, Lachscanapés, Mohrenköpfe (ist es nicht seltsam, dass man diverse Kinderbuch-Klassiker wegen Rassismus umgeschrieben hat, diesen Patisserie-Klassiker-Rassismus aber locker ignoriert, so à la «Isch doch wurscht, Hauptsach, d Vanillefüllig isch fein!») und anderes Köstliches, das der Hausarzt nicht eben wärmstens empfiehlt, und klagt dabei laut über Gott und die Welt, im Stile von «Ich sage euch, unsere Firma wird immer knausriger, jetzt machen die sogar auf ‹Ich bin auch ein Tram›, sprich, die haben uns die Abfallkübel weggespart – und glaubt man dem jüngsten Gericht, ääääh, Gerücht, wirds bald noch vernichtender» (Anmerkung: Das Zitat ist frei erfunden, etwaige Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten wären rein zufällig), und während die Eltern bedächtig nicken – sie haben solchen Quatsch schon oft genug gehört –, werden die Ohren an den Nebenplätzen im selben Verhältnis grösser, wie der Monolog an Brisanz zulegt.

Yep, wir sind beim Thema Lauschangriff – was einerseits eine üble Zürcher Saumode beschreibt und andrerseits eine faszinierende Zürcher Band war. Die vor zehn Jahren am Taktlos-Festival in der Roten Fabrik spielte. In der Vorschau war zu lesen: «Trickreiche und abgefahrene Psychedelik kann in eine Persiflage von Björk münden.» Oder: «Sie fräsen durch ungerade Metren, lassen die Musikgeschichte ungehobelt vorbeiziehen und zerdehnen die Beats wie einst Captain Beefheart und seine Magic Band.» Was zeigt, dass man a) diese Band unbedingt mal hätte live erleben müssen, und dass man b) hierzulande einst ganz ordentlichen Journalismus fabrizierte.

Damit zum Lauschangriff als Unsitte. Die nicht allein im Honold zu beobachten ist, nein: Davon betroffen sind alle In-Bars, Plaudertaschen-Cafés, Gartenbeizen, Szene-Badis, Nobelrestaurants etc. auf Stadtgebiet mit tendenziell leiser Grundgeräuschkulisse, tendenziell interessantem Publikum und tendenziell enger Tischordnung (im Kanton, dies als Randbemerkung, sind Lauschangriffe kaum bekannt; da sorgen Buschtelefone und Stammtische dafür, dass heisses Zeugs die richtigen Empfänger findet). Bene, kommen wir zu vier zentralen Aspekten im Kontext des Zürcher Lauschangriffs.

1. Je teurer und/oder trendiger das Lokal, desto besser die Infos. Konkret: In der Kronenhalle ergattern Lausch­angreifer meist qualitativ guten Gossip; lohnenswerte Lokale sind derzeit auch das Co Chin Chin im Kreis 5 und das Binz & Kunz an der Räffelstrasse.

2. Nicht mehr neu, aber noch immer in 93 von 100 Fällen erfolgreich: Wenn man beim Fremdhören so tut, als sei man grad mit einem guten Kumpel mitten in einem Handygespräch.

3. Früher fragte man enttarnte Lauscher: «Und, alles verstanden? Oder soll ich Ihnen eine Zusammenfassung schicken? Falls ja, bräuchte ich einfach die Adresse.» Heute ists leider gang und gäbe, dem in flagranti ertappten «Sünder» die halbe Zuckerdose übers Cordon bleu zu kippen (souveräner wäre es, sofort nach dem Bemerken Hugo Balls Lautgedicht «Gadji beri bimba» oder Ähnliches zu rezitieren).

4. Menschen, die sichtbar angestrengt in der Gegend rumhorchen, sind im Normalfall keine Lauschangreifer, sie haben wahrscheinlich bloss das Hörgerät zu Hause vergessen.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 19. Mai 2017

«Ich bin auf nichts stolz.»

Was aus dem Tausendsassa Dieter Meier sonst noch hätte werden können: Der Yello-Boss über fiktive Biografien und sein reales Lebenswerk. Das Endresultat heisst «30 Possible Beings», es ist in der Galerie Baviera zu sehen. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Der Fuchs bedeutet etwas Subversives.»

Tausende Pendler fahren in Zürich jeden Tag an dem riesigen Gemälde vorbei. Ein Zeitraffer-Video zeigt die Aktion der Künstlerin Maja Hürst auch bekannt unter ihrem Künstlernamen Tika. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Wir bleiben in der Stadt Zürich präsent.»

Schock an der Bahnhofstrasse. Nach über 100 Jahren: Der Uhren- und Juwelierhändler Türler schliesst im September. Und eine neue Uhren-Boutique zieht ein. Die Swatch Group übernimmt. Dennoch gibt sich Franz A. Türler (auf dem Bild links mit seinem Vater) optimistisch. (Foto: Tamedia) Zum Artikel

 

«Ich will mir in die Augen schauen können.»

Bauer Kurt Brunner züchtet auf seinem Hof in Wernetshausen Hühner. Trotzdem ruft er dazu auf, weniger oder gar keine Eier mehr zu essen – oder massiv mehr dafür zu bezahlen. Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

«Dieser Schwumm war mein Energiestoss.»

Wer wissen will, wie Zürich auch sein könnte, musste am Tag der Saisoneröffnung in die Badi. Wo man dann Leute wie Frau Hefti und Frau Stolz trifft. Oder Frank Koomen im Seebad Enge (nicht auf dem Bild). (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

«Wir sind wie alle anderen.»

Fahrende stoppen in Zürich. Sie kämpfen bis heute mit alten Vorurteilen. Ein Besuch bei einer unsichtbaren Minderheit. Alfred Werro findet, Politik und Gesellschaft ignoriere nach wie vor die Anliegen den Fahrenden. Das müsste nicht sein. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Der Trick mit dem Klick.»

Ganz bitter für die einstige «Brillenkönigin» und «Vorzeige-Unternehmerin» Die Zürcher Prominenten-Optikerin Nicole Diem (auf dem Bild  in einem ihrer Geschäfte im Jahr 1998) muss ins Gefängnis. (Foto: TA) Zum Artikel

 

«Beerli, da muesch jetzt dure.»

Die Jodlerin Luise Beerli (75) wurde in einer Tiefgarage entdeckt. «In Höngg isch öppis los» ist nur ein Highlight ihrer Karriere. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Ich war unterernährt an Aufmerksamkeit.»

Im Nachgang zum Fall Jegge meldeten sich bei einer Zürcher Beratungsstelle weitere Opfer von sexuellen Übergriffen. Darunter auch Joana A. Die Geschichte mit ihrem Lehrer beeinflusste ihr ganzes Leben. (Illustration: Robert Honegger) Zum Artikel

 

«Nierli, Kutteln, diese Schweinereien
schmecken einfach zu gut.»

Der Musiker, Komponist und Musikpädagoge Daniel Fueter auf die Frage, weshalb er kein Veganer ist. (Foto: Sabina Bobst)

Zuerst Fegefeuer, dann Zürichsee

Beni Frenkel am Donnerstag, den 18. Mai 2017

Mit dem Schiff auf dem Zürichsee vom Bürkliplatz Richtung Küsnacht. (Foto: Beni Frenkel)

Vor zwölf Jahren verlobte ich mich. Damals lief auf MTV die Serie «My Super Sweet 16». Die Story: Daddy organisiert eine kleine Geburtstagsparty für die Tochter. Nur die tausend besten Freundinnen sind eingeladen. Das dicke Geburtstagskind kriegt von den Eltern einen pinkfarbenen Porsche und eine Brustvergrösserung.

Ich wollte meinen Gästen auch etwas Besonderes bieten. Darum mietete ich ein Schiff. Mein Geld reichte für das Motorschiff Zimmerberg und für die Strecke Bürkliplatz–Zürichhorn. Auf einen Apéro mussten die Gäste leider verzichten. Das hätte sich finanziell, aber vor allem zeitlich, kaum gelohnt. Die Fahrt dauert nur 13 Minuten.

In den letzten 12 Jahren ging ich dann nie wieder auf ein Schiff.

Warum auch? Sorry, aber ich gehöre zu den 100 coolsten Zürchern. Mich trifft man nicht auf einem ZSG-Schiff, sondern in den angesagten Clubs. Ich bin so cool, ich könnte der nächste Trauzeuge von Melanie Winiger sein.

Trotzdem, am Montagabend wollte ich wieder einmal mit einem ZSG-Schiff fahren. Ich sage zur Ticketverkäuferin am Bürkliplatz: Buchen Sie mir das nächste Schiff nach Küsnacht

Die Menschen stürmen alle aufs Oberdeck. Ich setze mich im Restaurant hin. Ein fröhlicher Kellner quatscht mich an. Ich will ihn loswerden und bestelle einen Kaffee. Er schnattert: und gewiss auch eine Kirschtorte, hahaha! Nein, ich bin Diabetiker. Er entschuldigt sich sofort und schleicht davon

Aber gleich kommt der nächste Komiker angetanzt. Ein Billettkontrolleur. Er schunkelt wie Käpt’n Blaubär von links nach rechts. Warum sind hier alle auf LSD? Hoffentlich ist der Typ nüchtern, der das Schifffährt.

Ich gucke aus dem Fenster. Das Zürichhorn ist längst hinter uns. Als ich noch Primarschullehrer war, da habe ich in der 5. Klasse immer erwähnt, dass Wissenschaftler herausgefunden haben, dass im Zürichsee dreimal die Menschheit Platz fände. So tief ist der Zürichsee. Ich habe während des Unterrichts häufig Blödsinn erzählt. Das Schöne am Unterrichten ist ja, dass dir alle glauben. Du musst nur sagen: «Wissenschaftler haben herausgefunden», und das Publikum gehört dir. Manchmal hatte ich leider kritische Schüler. Sehr unangenehm. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Lehrer drei natürliche Feinde kennen: dumme, kluge und kritische Schüler.

Wir halten in Küsnacht-Heslibach. Niemand steigt ein oder aus. Überhaupt, nur wenige Menschen befinden sich auf Schiff. Eine hübsche Blondine sitzt drei Sitzreihen links von mir. Im Club Es Paradis auf Ibiza würde ich die Lady natürlich ansprechen. Aber sicher nicht in Küsnacht Heslibach.

Nach Erlenbach überqueren wir den See. In der Ferne sehe ich einen Wasserskifahrer. Das sieht toll aus. Als leidenschaftlicher Cineast kommt mir gleich ein Sexfilm in den Sinn. Wie hiess der Film schon wieder? Keine Ahnung. Ich schalte immer den Ton aus. Im Film kommt ein Typ mit Sonnenbrille vor. Er hat eine Jacht mit 20 Frauen, die miteinander schnackseln.

Schäm dich, Beni! Immer diese Gedanken. Hoffentlich kommst du ins Fegefeuer (als Läuterung) und nachher in den Zürichsee (zur Abkühlung).

Travail. Arbeit.

Miklós Gimes am Mittwoch, den 17. Mai 2017

In den Herbst­ferien der vierten Klasse reiste ich mit meiner Mutter nach Yverdon. Mit dem roten Bähnchen fuhren wir hoch nach Sainte-Croix und nahmen dann den Bus nach Auberson, einem gottverlassenen Strassendorf im Jura. Am Ende des Ortes, vor dem Schlagbaum zu Frankreich, stand ein kleiner Gasthof. Auf einem Holzschild im Garten waren ein paar Tannen gemalt: «Auberge aux trois sapins». Wir waren am Ende der Welt.

Dort setzte mich meine Mutter ab und fuhr nach Zürich zurück. Die Wirtsleute sprachen kein Deutsch, ich sprach kein Französisch. Die Idee war, mich ins kalte Wasser zu werfen, damit ich gezwungen bin, mich verständlich zu machen. So hatte ich Deutsch gelernt, als wir in die Schweiz kamen, ein paar Wochen bei einer Gastfamilie hatten genügt – vielleicht würde jetzt auch etwas Französisch hängen bleiben.

Viel später las ich das Buch «Der unwissende Lehrmeister» des französischen Philosophen Jacques Rancière. Rancière beschreibt, wie in Belgien vor 200 Jahren ein französischer Lehrer seine flämischen Studenten Französisch lehrt, ohne ein Wort Flämisch zu können. Der Franzose liess die einheimischen Studenten einen französischen Klassiker lesen, der Text war zweisprachig, die eine Seite französisch, die andere flämisch, die Methode funktionierte, die flämischen Kids brachten sich Französisch bei.

Das Buch von Rancière reiht sich ein in die Literatur über das Mysterium des Lernens, unsere wundersame Aufnahmefähigkeit, die unerklärlichen Vorgänge in unserem Hirn. Wobei, heute weiss man viel mehr darüber als im 19. Jahrhundert. Unumstritten ist, dass Kinder sich unglaublich schnell eine Fremdsprache aneignen können.

Deshalb hat man im Kanton Zürich vor zehn Jahren mit dem Frühenglisch angefangen, als zweiter Fremdsprache in der Primarschule, wir haben damals über den neuen Stundenplan abgestimmt. Doch offenbar waren fantastische Erwartungen ans Frühenglisch geknüpft worden. Es zeigte sich, dass die Sprache an den Kindern nicht einfach kleben bleibt wie Butterbrotpapier. Politische Kräfte haben die Enttäuschung ausgenützt, deshalb stimmen wir am Sonntag darüber ab, ob wir den Kindern mit zwei Sprachen nicht zu viel zumuten. Die Abstimmung ist ärgerlich, denn das Sprachtalent, die Neugier, die Lernlust der Kinder sind weiterhin unbestritten. Doch sie hervorzuholen, ist nicht einfach.

Einer meiner Söhne etwa hatte einen hervorragenden Start ins Frühenglisch, die Kinder schrieben Briefe an eine englische Schulklasse, so wurde der kleine Joshua aus der Karibik der Freund unserer ganzen Familie. Doch dann versiegte die Post, weil die englische Lehrerin in eine andere Stufe versetzt wurde. Oder es gibt all die Beispiele der Zusammenarbeit zwischen Welschen und Deutschschweizer Schulklassen. Eigentlich sollte der Schüleraustausch in der Schweiz obligatorisch sein.

Damals, in Auberson, kannte ich keine Seele im Dorf. Ich fuhr mit dem Velo durch die Gegend, einmal bis nach Frankreich, die Grenzer hatten mich durchgelassen. Am Abend sass ich in der Gaststube und hörte den Gesprächen der Erwachsenen zu, ich kann mich an ein Wort erinnern, das sie häufig erwähnten: Travail. Arbeit.

Stromlinien-Kinder

Réda El Arbi am Dienstag, den 16. Mai 2017
Kinder brauchen die Freiheit, Fehler zu machen.

Kinder brauchen die Freiheit, Fehler zu machen.

«Nein, Max Andreas, das darfst du nicht, da hats ZUCKER drin.»

«Dorothea, du kannst das auch leise sagen. Was haben wir gelernt? Wir DISKUTIEREN, wir streiten nicht unflätig.»

«Noah, zieh deinen HELM an, wenn du das Dreirad nimmst.»

Mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen kommen auch wieder die Eltern mit ihrem Nachwuchs in die Bäckeranlage. Ritter der reinen, pädagogischen Lehre, Kriegermönche der richtigen Erziehung. Bewaffnet mit Zitaten aus hundert Standardwerken der nachhaltigen Manipulation von Kinderpsychen.

Kinder in dieser pädagogisch aufgeklärten Blase dürfen grundsätzlich gar nichts mehr – ausser im genau richtigen Masse klugscheissen, um «smart» zu wirken. Sie dürfen sich nicht prügeln, nicht fluchen, keinen Zucker oder sonst etwas Ungesundes essen, sie dürfen sich keine Schrammen holen und sie müssen eine emotionale Reife zeigen, die man nicht mal als Zen-Mönch vorweisen kann. Verhalten sie sich anders, gehts ab zum Arzt, um mit Ritalin abgefüllt zu werden. Oder aber – beim gesünderen Weg –  ab ins Kindergarten-Yoga, um das Chi wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Und es scheint zu fruchten. Als mir am Nebentisch ein «Ach Scheisse!» herausrutscht, kichert der kleine Mann im Kies nicht etwa über das Pfui-Wort, sondern schaut mich missbilligend an und meint: «Das darf man nicht sagen!»

Kein Wunder haben wir einen so hohen Anteil an depressiven Teenagern. Wenn die Kids nämlich aus ihrer Blase herauswachsen und feststellen, dass die Überlebensstrategien, die ihnen ihre Eltern beigebracht haben, im echten Leben kaum brauchbar sind, brechen sie unter der Realität zusammen. Wenn sie nicht vorher nach einem ersten McDonalds-Burger mit Cola im Zuckerrausch Amok laufen.

Persönlichkeiten entwickeln sich ähnlich wie ein Immunsystem. Man setzt sie kleinen Impulsen aus, sie entwickeln Widerstandskräfte. Verantwortungsgefühl kommt aus Erfahrung. Wenn ich mir mal richtig schmerzhafte Schrammen geholt habe, fahre ich beim nächsten Mal vielleicht vorsichtiger mit meinem Velo. Wenn ich mich mal richtig mit einem Freund gestritten und Sachen gesagt habe, die ich bereue, bin ich das nächste Mal vielleicht etwas zurückhaltender. Wenn ich mich mal jemandem geprügelt habe, finde ich eher heraus, dass das zwar befreiend sein kann, aber keine Lösung bringt. Wenn ich mir den Magen an Süssigkeiten verdorben habe, bin ich vielleicht etwas vorsichtiger mit den Süssigkeiten. Oder auch nicht.

Charakterbildung entsteht aus Erfahrung, nicht aus pädagogischen Imperativen. Natürlich muss man den Kids einen moralischen Werterahmen aufzeigen. Aber wie sollen sie selbst herausfinden, was richtig und falsch ist, wenn sie nicht mehr die Chance bekommen, echte Fehler zu machen? Wie kann ich eine Persönlichkeit entwickeln, wenn ich mich nicht ab und zu selbst zwischen richtig und falsch entscheiden muss?

Die Aufgabe von Eltern ist es nicht, Fehler und Verletzungen um jeden Preis zu verhindern. Ihr Job ist es, nachher für ihre Kinder da zu sein und mit den Kids gemeinsam die richtigen Lehren aus Verletzungen und Fehlern zu ziehen.

Ansonsten stehen wir vor einer Generation richtig gut erzogener, aber völlig lebensuntauglicher junger Menschen, die schon bei der kleinsten Belastung ausserhalb ihre geschützten Blase, in der Lehre, an der Uni, im echten Leben eben, zusammenbrechen.

Die Glitzerfeen

Alex Flach am Montag, den 15. Mai 2017
Findet sich auch am Montag noch im Gesicht: Die Arbeit von Valérie & Valérie

Findet sich auch am Montag noch im Gesicht: Die Arbeit von Valérie & Valérie

Bis vor einigen Jahren, existierte – in Zürich und auch anderswo – die Unsitte Konfetti an die Partys mitzunehmen. Für die Gäste war das Bewerfen von Mitfeiernden mit den kleinen Papierschnipseln ein unbedarfter Spass, für die Angehörigen von Putzequipen so circa das Schlimmste, was man ihrem Berufsstand antun kann: Vermischt sich das Konfetti nämlich auf dem Boden und in den Ecken und Ritzen mit den verschütteten Getränken, entsteht eine klebrige Masse, reinigungsresistenter als ein Rotweinfleck auf einem weissen Laken.

Wer innerhalb des letzten Jahres regelmässig Clubs an der Langstrasse oder in Zürich West aufgesucht hat, dem dürfte das Aufkommen einer neuen Ausgeh-Mode aufgefallen, Clubber und Clubberinnen die in den nächtlichen Strassen funkeln wie Discokugeln. Es sind beileibe nicht nur Frauen, die sich in den Clubs dergestalt herrichten lassen, sondern auch brustbehaarte Tanzflächencasanovas mit Bärten wie Regenwälder.

Erfinderin dieses Trends ist die Visagistin Valérie Caminada, die unter der Woche Gesichter im Time Tunnel im Niederdorf aufpeppt und die die meisten als quirlige Bartenderin des Hive kennen dürften. Ihre Erlebnisse an der Bar des Bienenstocks verarbeitet sie in ihren «OffenBARungen» auf Facebook – in Dialogform verfassten, pointierten Texten mit ihren skurrilsten Erlebnissen mit Clubgästen.

«Angefangen hat alles vor circa einem Jahr, an einer Party im französischen Schloss des Hive-Gründers Nicola Schneider. Dort habe ich erstmals Clubber geschminkt und beglitzert. Mir ist aufgefallen, dass die Leute in den Clubs oftmals ziemlich uniform erscheinen … Alle sind zwar aufgestylt, sehen am Ende aber dann doch irgendwie gleich aus. Das wollte ich durchbrechen». Das ist ihr auch gelungen: Schnell etablierte sich die Berufsbezeichnung ‚Glitzerfee‘.

Caminada ist bereits für Partys im Dezember 2017 als solche gebucht und alleine geht sie ihrer Tätigkeit auch nicht mehr nach. Die Zusammenarbeit mit ihrer Glitzergefährtin Valérie Chavez, verdankt sie einem Zufall: «Ich wurde für den ersten Geburtstag des Klaus-Clubs von dessen Mitarbeiter Carlos Ribeiro als Glitzerfee gebucht. Gleichzeitig hat der Klaus-Mitbesitzer Nici Faerber auch die Kleinkindererzieherin Valérie Chavez angefragt und erst als wir beide dort mit unseren Schminkkoffern auf der Matte standen hat sich herausgestellt, dass Ribeiro und Faerber nicht von derselben Valérie gesprochen haben». Die beiden verstanden sich jedoch ausgezeichnet und beschlossen fortan gemeinsame Sache zu machen.

Aus dem Partygag ist für die beiden sympathischen Zürcherinnen ein einträgliches Geschäft geworden: Ihr Honorar von den Clubs peppen sie mit der sogenannten ‚Glitzertippkasse‘ auf in die zufrieden Glitzernde (in acht Stunden schminken die beiden bis zu 100 Clubber und Clubberinnen) einen Betrag nach Wahl werfen können. Und so ganz nebenbei verleihen die Glitzerfeen dem Zürcher Nachtleben eine zauberhafte Note und haben obendrein einen neuen Berufsstand mit eigenem Namen erfunden.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof Basel, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

This socks!

Thomas Wyss am Samstag, den 13. Mai 2017

Ob Fetisch, Spleen oder Tick lassen wir dahingestellt, das ist letztlich bloss ein Begriff, also eine Frage der Interpretation. Fakt aber ist, dass der hier vorgestellte Fetisch-Spleen- oder-Tick ein reines (oder sagen wir aus Rechtsschutzgründen: ein nicht allzu schmutziges) Frauending ist. Welches – und das macht es für uns interessant – in dieser Stadt offenbar gross im Kommen ist.

Darauf lässt zumindest die aus Lesern dieser Gebrauchsanleitung gebildete Klagemauer schliessen. Von einem dieser Kerls stammt übrigens auch der Titel «This socks!», was kein Vertipper ist, sondern auf originelle Weise andeutet, dass die Problemzone für einmal markant unter der Gürtellinie liegt – es geht, haargenau!, um Socken (abgeleitet vom lateinischen Wort «soccus», was den Schlupfschuh bezeichnete, den Komödiendarsteller im alten Rom auf der Bühne trugen).

Und dabei um die verblüffende männliche Behauptung, dass Zürcher Mittdreissigerinnen in der sogenannten Beuteschemaphase nicht mehr zuerst die Bauchregion (wo übrigens das «Sixpack» gegenüber dem «Dad Bod» weiter an Terrain eingebüsst hat – was witzigerweise vor allem Sixpack-Trinker freuen dürfte), das Gemächt oder den Hintern, sondern eben tatsächlich die Strümpfe abchecken würden… die Gewieftesten, munkelt man, könnten diesen Wäschestücken bereits ähnlich viele Infos entlocken, wie der chinesische Medizinmann bei der Diagnostik der Ohrmuschel.

Unheimlich. Noch unheimlicher jedoch ist, wie perfid die Zürcher Frau bei der Triebbefriedung (Englisch: sock lust) vorgeht. Ein Beispiel: Scheinbar tollpatschig lässt sie das Kafilöffeli oder Zuckersäckli fallen, worauf sie dezent errötend lächelt (was jeden einigermassen normalen Typ aus der Façon bringt), sich runterbückt und so tut, als müsste sie den Löffel oder Zucker suchen – wobei sie da unter dem Tisch nichts anderes tut, als die Socke des Vis-à-vis exakt zu analysieren – notfalls auch, indem sie das Hosenbein hochhebt und dies mit einem «Uiii, tschuldigung!»-Kreischli als weitere süsse Tolpatschigkeit verkauft.

Ja, gegen die gottgegebenen Waffen der Frau ist kein Kraut gewachsen, kein Schild gut genug. Was in seltenen Fällen helfen kann, ist die subtile Prävention. Hier das Wichtigste dazu:

1. Schwarze Socken sind (selbstredend aus Sicht der Frauen) längst nicht mehr Sinnbild für unbeirrbare, klassische Coolness; sie charakterisieren heutzutage vielmehr das, wofür einst der graue Zweireiher stand: saturiert schnarchende Langweile.

2. Bunt ja, aber kein aeschbachersches Grell-Pastell! Und: Originelle Muster sind okay, doch strictly abstract! (also keine Ferrari, keine Banksy-Moral, kein «Che» oder Gandhi!

3. En vogue sind a) Socken mit Löchern (solange sie nicht von Motten stammen, sondern, wie bei den Jeans, artifiziell erzeugt sind) und b) Berliner Arbeitersocken… die das Handicap haben, dass man sie wegen des engen Schnitts nicht schnell vom Fuss bringt; Quickie-tauglich sind sie also nicht.

4. Anders als zu Grossvaters Zeiten sind Stinksocken inzwischen sehr tabu. Da man sie von Auge kaum erkennt, verlangen Frauen beim Hausbesuch die Schuhentfernung. Be prepared! (Das Fuss-Deo gehört fix in den Rucksack.)

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 12. Mai 2017

«Ich bin sehr unverklemmt.»

Nach einem Leben mit Trillerpfeife, roter Weste, Demos und Streiks: Als Unia-Gewerkschafter und SP-Nachwuchsstar kämpfte Patrick Angele für mehr Gerechtigkeit. Nun hat er seinen bisherigen Job an den Nagel gehängt und sorgt neu als ausgebildeter Masseur für lustvolle und sinnliche Erlebnisse. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Meistens fehlt mir die Zeit für ein Tanz.»

Zürich tanzte – und Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) tanzte wacker mit. Dabei ging es ihr nicht nur um die Freude an der Bewegung. Schliesslich steht in der Stadt Zürich die Abstimmung um das Tanzhaus vor der Tür, wo die Stimmberechtigungen über einen jährlichen Betriebsbeitrag von 1,8 Millionen Franken zu entscheiden haben. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Teure Gastronomie und die Bratwurst
müssen sich nicht ausschliessen.»

Marcus Lindner ist nach fünf Jahren zurück in Zürich und hat das Restaurant Sonnenberg auf dem Zürichberg übernommen. Der Spitzenkoch will, dass die Leute aus der Stadt mehr Zeit «hier oben» verbringen. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Die Menschen sind offener geworden.»

Jean Baldo ist blind, Monika Schenk sehbehindert. Die beiden zeigen bei einer Stadtführung, wie sie ihren Alltag meistern. Für die Teilnehmer geht es auch darum, Hemmungen zu überwinden. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Erstaunlich, wie viel Plastik man
in einem Züri-Sack findet.»

Die Baugenossenschaft «Mehr als Wohnen» sagt in ihrer Wohnsiedlung Hunziker-Areal dem Plastikmüll den Kampf an. Einmal pro Woche wird er eingesammelt. Zu verdanken ist das Projekt Dominique Jaquemet (nicht auf dem Bild) und seiner Quartiergruppe. Für die Stadt Zürich hingegen kommt eine flächendeckende Abfuhr von Kunststoffabfall weiterhin nicht infrage. (Foto: Bruno Rosio) Zum Artikel

 

«Dieses Niveau haben wir früher
im Französisch nicht erreicht.»

Primarschüler aus Eglisau treffen nächste Woche in ihrem Lager eine Klasse aus der Romandie. Damit die Fremdsprache zum Erlebnis wird. Markus Bleiker, Lehrer einer 6. Klasse, weiss aus Erfahrung, dass ein Austausch die Schüler fürs Französisch motiviert. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Meine Eltern waren auch keine Akademiker.»

Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) will Massnahmen ergreifen, damit mehr Kinder die Probezeit ins Gymnasium schaffen. Wie das? (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Da bin ich lieber ein
schlechter Mensch, der Fleisch isst.»

Der Zürcher Gemeinderat ist gegen rigide Ernährungsvorschriften in der Gemeindeordnung. Er will gesundes Essen niemandem vorschreiben. SVP-Gemeinderat Roger Liebi kann mit den strengen Ernährungsvorschriften aber gar nichts anfangen.  (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Fahre mit Ohro­pax!»

Die Brüder Diethelm aus Siebnen gehören zu den schnellsten Surfern der Welt. Bei Tempo 70 ist Remo Diethelm beim Rekordversuch gescheitert – weil der Föhn «löchrig» war. Da nützte auch der Ratschlag von Karin Jaggi, 29-fache Weltmeisterin und schnellste Windsurferin der Welt, nichts. (Foto: Ruedi Baumann) Zum Artikel

 

«Zürich nervt nicht, Zürich ist perfekt.»

Die Entertainerin und Prix-Walo-Produzentin Monika Kaelin auf die Frage, wie lange es geht, bis sie sich nach den Ferien in Zürich das erste Mal wieder nervt. (Foto: Sabina Bobst)

Rot ist meine Lieblingsfarbe

Beni Frenkel am Donnerstag, den 11. Mai 2017

Teilnehmer eines öffentlichen Vortrags über Farben in der ETH Zürich. (Foto: Beni Frenkel)

Während meiner Schulzeit war ich nie das beliebteste Kind in der Klasse. Als ich zehn Jahre alt wurde, hat mir meine Mutter ein Freundschaftsbuch zum Geburtstag geschenkt. Die Lehrerin hat reingeschrieben und dann ich. Die anderen Seiten blieben leer. Auf die Frage «Was ist deine Lieblingsfarbe habe ich notiert: «Rot». Frau Bachmann, meine Lehrerin: «Violett».

30 Jahre später ist Rot immer noch meine Lieblingsfarbe. Mit Rot verbinde ich a) feurige Ekstase und b) unzähmbare Leidenschaft. Sogar beim Essen achte ich auf die Farbe. So esse ich meine Pommes frites praktisch nie ohne Ketchup.

Wer sich so intensiv mit Farben beschäftigt wie ich, der ist natürlich dankbar, wenn die ETH Zürich einen öffentlichen Vortrag über Farben anbietet. Am Dienstagabend bin ich zum Hönggerberg gefahren. Der Vortrag hiess: «Geschichte(n) zwischen Grün und Blau – von giftigen Tapeten, blutigen Maya-Ritualen und tibetischen Lebermitteln

Soll ich es verraten? Ja, doch. Bevor ich mich in den 69er-Bus setzte, habe ich im Internet nach «Testen Sie kostenlos Ihren IQ» gesucht. Ich habe zwei verschiedene Tests gemacht. Ich weiss, in der Schweiz redet man nicht gern über das Thema Hochintelligenz. Ich will dieses Tabu heute umstossen: Ich habe einen IQ von 104. Das bedeutet: Ich bin überdurchschnittlich intelligent. Ich darf an die ETH.

Übrigens: Auch Albert Einstein war überdurchschnittlich intelligent. Sowie Mozart, Bundesrat Johann Schneider-Ammann und Stephen Hawking.

Ich gebe aber zu: Ein bisschen Angst hatte ich davor, dass einer der 30 Rentner während des Vortrags Amok läuft. Was mache ich dann? Zum Glück stand auf der Tür des Hörsaals, wie man clever reagiert, wenn plötzlich jemand mit der Axt herumrennt. Der erste Schritt: Türe verbarrikadieren, dann die Alarmzentrale anrufen. Der nächste Schritt: nicht sprechen (also nach dem Anruf ). Der letzte Schritt: Polizeianforderungen befolgen. Mit meinem IQ von 104 habe ich sämtliche vier Schritte verstanden. Aber was mache ich, wenn jemand im Hörsaal herumballert? Dann auch die Tür verbarrikadieren?

Gott sei Dank kam es während des Vortrags aber zu keinen Handgreiflichkeiten. Stattdessen erzählte eine Frau über die geschichtlichen Hintergründe von Grün und Blau. Das hört sich jetzt furchtbar langweilig an. Andererseits: Was kann man Spannendes zwischen 18 und 19 Uhr erleben? Für einen Blitzkrieg gegen Polen ist es längst zu spät und für ekstatische Leidenschaft noch ein bisschen zu früh.

Ich habe zum Beispiel gelernt, dass die Menschen aus Basel tatsächlich nicht unbedingt die Klügsten sind. Sie haben es einfach nicht auf die Reihe gebracht, sich auf eine Tramfarbe zu einigen. Bis 1920 waren die Basler Tram hellgrün, bis 1935 Cellini-Grün, ab dann graugrün, dunkelgrün, mitteldunkelgrün, helleres Grün und seit 2017 mittelgrün. Da ist sogar meine Frau unkomplizierter.

Jeden Abend zwingt sie mich, ihr zuzuhören. Welche Stühle passen zum neuen Tisch? Hm, was denkst du? Buche oder Eiche? Oder lieber einen Farbkontrast? Hm? Es muss auch dir gefallen, Schatz.