USRIII für Dummies

Réda El Arbi am Montag, den 23. Januar 2017
Bei einer Ablehnung der USR III landen wir alle arbeitslos in Suppenküchen. Ich schwör!

Bei einer Ablehnung der USR III landen wir alle arbeitslos in Suppenküchen. Ich schwör!

Der Finanzdirektor des Kantons Zürich findet die USR III super. Die Stadtregierung ist nicht so begeistert. Zitat: «Die erwarteten Einnahmeausfälle von rund 300 Millionen Franken werden vom Kanton nur bedingt kompensiert. Um die Defizite zu decken, ist mit einer Steuererhöhung für Private zu rechnen».

Ich bin ja kein Fachmann für Steuern. Ich schaffs gerade mal, meine eigene Steuererklärung auszufüllen. Und trotzdem sitz ich jetzt vor meinen Abstimmungsunterlagen und soll über die USR III entscheiden. Da Steuerrecht nicht meine Stärke ist, hab ich mich mal mit den Argumenten aus der Befürworter-Kampagne auseinandergesetzt. Mit Kommunikation kenn ich mich schliesslich aus.

Zuerst mal wollte ich wissen, warum wir überhaupt eine Unternehmenssteuerreform brauchen. Hm, offenbar sind die EU, die OECD und die G20-Staaten ungehalten über die Steuervorteile, die ausländische Unternehmen in der Schweiz geniessen. Auf deren Druck hin wurde die USR III entworfen. Die wollen kein Geld von uns, die wollen, dass diese Unternehmen mehr Geld an die Schweiz bezahlen.

Augenblick, EU, OECD und G20? Irgendwie hab ich den SVP-Entrüstungssturm über fremde Richter verpasst.

Aber zurück: Die USR III sollte diese Unternehmen stärker besteuern, ohne den Standortvorteil der Schweiz zu schwächen. Das wäre doch eigentlich ein Nullsummenspiel, bei dem am Ende keine Steuerausfälle nötig wären? Aber weiter.

Als Hauptargument führen die Befürworter an, dass diese Unternehmen abwandern, wenn wir die USR III nicht annehmen. Moooooment. Die Unternehmen wollen also unbedingt MEHR Steuern bezahlen, sonst wandern sie ab?

Nein, natürlich nicht.

Zwar behaupten die Fans der USRIII, dass 24 000 Unternehmen in der Schweiz stärker besteuert werden. Das stimmt auf den ersten Blick, stellt sich aber beim zweiten Blick als eigentliche Lüge heraus: Wenn man genauer hinsieht, merkt man, dass zusätzlich zur Besteuerung noch einige, extra auf diese Unternehmen zugeschnittene Hintertürchen geöffnet wurden.

«Patentbox» und «zinsbereinigte Gewinnsteuer» heissen diese Instrumente. Sie sind kompliziert, aber am Ende zählt die Wirkung: Die internationalen Grossunternehmen haben nach der USR III effektiv mehr Gewinne auf dem Konto und zahlen noch weniger an den Staat. Nicht exakt das, was die Weltgemeinschaft fordert. Aber natürlich können wir hoffen, dass die OECD und restlichen Wirtschaftsnationen sehr dumm sind, nichts merken und auf Sanktionen verzichten. Ansonsten müssen wir vor 2021 die USR IV in Angriff nehmen.

Aber schauen wir uns mal die Wirkung für uns Schweizer an: Grossunternehmen zahlen weniger Steuern. In der Stadt Zürich 300 Millionen Franken. Das heisst, die Unternehmen haben nach Steuern 300 Millionen Franken mehr Gewinn.

Nun, wer bezahlt diesen Gewinn? Richtig. Sie. Und ich. Mit unserer Einkommenssteuer. Während die Unternehmen die Gewinne aus Dividenden zu 60 Prozent versteuern, müssen wir unsere Arbeit zu 100 Prozent versteuern und dazu noch eine Steuererhöhung in Kauf nehmen. In Dübendorf würde die Steuererhöhung rund 13 Prozent ausmachen, wie die Gemeinde angibt. Es trifft alle Gemeinden, ausser ein paar Steueroasen, die vielleicht, aber nur vielleicht, neue Unternehmen anziehen können.

Ehrlich, ich hab nichts dagegen, mehr Steuern für unsere Infrastruktur zu bezahlen. Echt nicht. Komisch finde ich es aber, wenn meine Steuern mehr oder weniger direkt auf den Konten von Unternehmen landen. Sie nicht?

Gehen wir zurück zur drohenden Abwanderung:  Die Abwanderungsdrohung ist das Burka-Plakat der Wirtschaftsabstimmungen. Es wird ein Bild der Schweiz gemalt, in der wir alle arbeitslos in Lumpen vor Suppenküchen stehen und Vorbeigehende um einen Job anbetteln.

Hm. Google, als eines der grössten und innovativsten Unternehmen der Welt, hat gerade neue Arbeitsplätze in Zürich geschaffen. Die sind nicht wegen der Steuern hier. Viele andere Grossunternehmen auch nicht. Die Holdings, deren einziger Zweck es ist, andere Firmen zu besitzen, beschäftigen oft nur einen Anwalt, der den Briefkasten leert. Und die Post. Und genau diese Holdings erwirtschaften Gewinne hauptsächlich aus Dividenden und Kapitalgewinnen. Ah ja, Kapitalgewinne werden gar nicht besteuert, Dividenden mit der USRIII dann um einges weniger.

Also, wenn Sie die Gemeinden und den Kanton schwächen wollen, wenn Sie der Stadt Zürich mit ihrem Einkommen die 300 Millionen bezahlen wollen, die die Unternehmen dann mehr auf ihren Konten haben, dann stimmen Sie JA.

Ansonsten schicken Sie dieses Gesetz zurück in den National- und Ständerat.

Vom Glück verlassen

Alex Flach am Montag, den 23. Januar 2017
Als die Welt noch in Ordnung war: Station Club 2014

Als die Welt noch in Ordnung war: Station Club 2014

Vergangene Woche hat in den Räumlichkeiten der ehemaligen Valmann-Bar an der Talstrasse 58 ein neuer Club namens Mini-Cosmos eröffnet, samt konsequent elektronischer Programmierung subkultureller Prägung. Nur ein paar Meter weiter, an der Talstrasse 25, wird demnächst der Club Gallery eröffnen, und zwar in den Räumlichkeiten des ehemaligen Striplokals Kings Club.

Die musikalische Ausrichtung dieser Location wird breiter gefächert und massentauglicher sein als jene des Mini-Cosmos, steht doch mit Paolo Manduca ein Club-Kapitän auf der Brücke, der den meisten als Gastgeber des Alice Choo ein Begriff sein dürfte. Derweil der Mini-Cosmos diesbezüglich aus dem Rahmen fällt, wird sich der Gallery-Club mit seiner Programmierung nahtlos in die Reihe der bisher aktiven Kreis 1-Clubs einfügen: Jade, Vior, Kaufleuten, Hiltl Club und Aura wenden sich an ein Zielpublikum, das nicht (nur) auf harte elektronische Beats steht, sondern auf eine vielfältige Musik-Mixtur der unterschiedlichsten Stile.

Etwas abseits der bereits genannten Innenstadt-Clubs agiert ein Lokal, von dem die meisten annehmen es existiere gar nicht mehr: Der unmittelbar an den Geleisen des Bahnhofs Enge gelegene Gutenberg Club. Dort finden auch in diesen Wochen sporadisch Feten wie sonntägliche Goa Trance-Partys statt, samt ziemlich komplizierten und in holprigem Deutsch abgefassten Sonderangeboten für die Gäste: «1 Freigetränk nach Wahl im Wert von max. 10.-! Bei einem Longdrink wo mehr kostet, verlangen wir die Differenz. Nicht kumulierbar! Gilt nicht bei Free Entry!». Das klingt zwar lustig, aber beim Gutenberg handelt es sich in Tat und Wahrheit um einen der traurigsten Clubs der Stadt: Die Adresse scheint geradezu mit einem Fluch belegt zu sein.

Begonnen hat alles im Frühjahr 2012 und unter dem Namen Station. Angekündigt wurde ein Club mit einem «weltweit einzigartigen Lichtkonzept» und mit Line Ups, die den Clubs an der Langstrasse und in Zürich West Konkurrenz machen – edles Ambiente kombiniert mit Undergroundmusik, ähnlich wie es der Club Bellevue seit einiger Zeit bietet. Die Clubbing-Utopie verkam schnell zur – Dystopie: Bereits ein Jahr später wurde die Station erstmals umgebaut und auf «kommerzielle» Sounds umgestellt.

In der Folge wurde der Club mehrfach umbenannt und avancierte immer zum Versuchslabor für hoffnungsvolle Veranstalter und anverwandte Nachteulen, die aber allesamt bemitleidenswert glücklos agierten. Die einzige gute Nachricht der letzten Jahre kam nun ausgerechnet vom Zürcher Baurekursgericht: Es hat eine Lärmklage der Nachbarn des Gutenberg abgelehnt und zwar mit der Begründung, der Lärm auf der Strasse sei nicht eindeutig dem Club zuzuweisen – es sei kaum denkbar, dass der gesamte Lärm von den Clubbesuchern stamme.

Jedoch hat selbst diese gute Nachricht für die Gutenberg-Betreiber einen bitteren Beigeschmack, denn eigentlich bedeutet das Urteil ja bloss, dass mittlerweile selbst die Richter wissen, dass dort zu wenig los ist, das gegen irgendwelche Lärmvorschriften verstossen könnte. Und ist es nicht bezeichnend, dass hier tatsächlich Zürcher Richter die Klage von Club-Nachbarn zugunsten eines Clubs abgeschmettert haben und dass niemand im Nachtleben von diesem Urteil Notiz zu nehmen scheint?

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 20. Januar 2017

«Du hast Gelübde abgelegt wie wir alle,
vor deinem wahren Wesen.»

Leute aus Zürich ziehen ins Appenzellerland und betreiben dort die okkulte Abtei Thelema. Ein Buch erzählt von den Abgründen der Gemeinschaft des Hermann Metzger. Der deutsche Journalist Horst Knaut hatte 1972 die Rose besucht. Schwülstig berichtete er hernach in der «Neuen Illustrierten Revue» und in «Quick». Von einer «Gruselmesse» war die Rede und von Sexzeremonien. Abgebildet waren nackte Frauen neben einem Sarg. (Foto: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden) Zum Artikel

«Ich habe ein juristisches Rätsel
ans Licht geholt.»

Der Zürcher Michael Lindner hat in München eine Klage eingereicht. Sein Ziel: Er möchte als Ausland-Bayer für ein politisches Amt kandidieren. Geht das überhaupt? (Foto: Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Kaffee ist tatsächlich vergleichbar mit Wein.»

Shem Leupin ist Kaffeeröster, Kaffeekenner und ehemaliger Barista-Schweizer-Meister. In seinem neuen Lokal in Zürich bietet er nur Spezialitäten an – sie sind komplexer als der übliche Espresso. (Foto Sabina Bobst) Zum Artikel

 

«Wir lebten von der Hand in den Mund.»

Der IT-Riese baut in Zürich aus. Google hat diese Woche seine neuen Büros im Gebäude der Sihlpost eröffnet. Urs Hölzle, der Architekt von Googles Rechenleistung, erinnert sich an die Anfänge des heutigen Unternehmen. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Ich bin Fotograf und Landjäger»

Arnold Odermatt wandelte sich vom Nidwaldner Dorfpolizisten zum international gefeierten Fotografen. Obwohl er das eigentlich gar nicht wollte. Jetzt widmet ihm die Photobastei in Zürich eine grosse Retrospektive. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«2013 verdiente ich eine Million Franken.
Jetzt ein Viertel davon.»

Boxtraining, Ballettunterricht – Tausendsassa Iouri Podladtchikov geht für Olympia wieder einmal eigene Wege. Aus gutem Grund: Er will sich überlegen fühlen. (Foto: Tages Anzeiger) Zum Artikel

 

«Die Stadt hat schon mehrfach Liegenschaften
dem Milieu entzogen»

Die Stadt ist in Verhandlungen mit dem Besitzer der drei ehemaligen Problemhäuser im Kreis 4. Über den Preis herrscht Stillschweigen, wie Michael Rüegg, Sprecher des Sozialdepartements der Stadt Zürich, sagt. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Ich schwöre: Rücktritt ist Rücktritt.»

Da gab es schon die eine oder andere Träne: Der amtsälteste Zürcher Gemeinderat, der Alternative Niklaus Scherr (72), trat diese Woche aus dem Stadtparlament zurück. Im Rückblick sagt er, welches seine besten Stadträte waren. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Not bringt Menschen zusammen.»

Im 20. Jahrhundert war das Sanatorium Kilchberg Zufluchtsort für Künstler und Bohème. Jetzt tanken dort die kranken und gestressten Menschen des 21. Jahrhunderts neuen Lebensmut. Sanatoriumsleiter Tobias Ballweg über Burn-out und andere stressbedingte Krankheiten. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Das Handy hätte nicht
erfunden werden müssen.»

Die Architektin Tilla Theus auf die Frage, wann sie es das letzte Mal bedauert hat, das Handy nicht ausgeschaltet zu haben. (Foto: Sabina Bobst)

 

«Chihuahuas werden oft nicht wie Hunde,
sondern wie Spielzeug behandelt.

Der Chihuahua ist Zürichs Modehund Nummer 1. Der Handel mit den Tieren boomt – mit teils unliebsamen Folgen. Chihuahua-Züchterin Carole Mudadu weiss die Hintergründe. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Beim Singen gebe ich Vollgas.»

Der ehemalige TeleZüri-Journalist Benjamin Styger ist jetzt auch noch Countrysänger. Zürichs jüngster Hotelbesitzer fand seine grosse Liebe am Tiefpunkt seiner Karriere. (Foto: Benjamin Styger) Zum Artikel

 

 

Herzlich willkommen in Zürich

Beni Frenkel am Donnerstag, den 19. Januar 2017

(Foto: Urs Jaudas)

Heute möchte ich zuerst meine zahlreichen Leser aus China begrüssen: Takuscha Nasaki! Ich kriege viel Post von meinen chinesischen Freunden: „Hell Flenkel! Wenn wir in die Schweiz kommen, müssen wir immer einer Frau mit Fähnchen folgen. Sie führt uns zu einer abgebrannten Holzbrücke und später auf verschiedene Berge.  Dabei bleibt uns aber nur wenig Zeit, teure Uhren und enge Kleider zu kaufen. Und in Zürich bleiben wir höchstens einen Tag. Wenn wir dann die Hotels verlassen, sind die Minibars erst zur Hälfte geplündert. Hell Flenkel, das ist echt Natuschi Susukuli.

Liebe chinesische Touristen, das muss nicht sein. Heute präsentiere ich euch eine schöne Wanderung durch Zürich. Dauer: 20 Minuten, Schwierigkeitsgrad: leicht. Danach gebe ich euch die Bahnhofstrasse frei. Aber zieht bitte rutschsichere Schuhe an. Denn zurzeit hat es Schneematschi auf den Trottoirs.

Wir beginnen unsere Wanderung beim Zürcher Kunsthaus. Vorsichtig laufen wir die Rämistrasse runter. Wir warten, bis die Ampel grün wird und überqueren den Hirschengraben. Im Laden „Swiss 3D Tech“ kaufen wir einen 3D-Drucker. Noch vor ein paar Jahren war China selbst ein riesiger 3D-Drucker. Mittlerweile habt ihr uns in Sachen Innovation längst abgehängt.

Ihr mögt keine kalten Berge? Ihr wollt Seen? Mir folgen! Der Zürichsee wird euch begeistern. Mit etwas Glück entdeckt ihr ein paar chinesische Mandarinenten. Ein Zürcher Züchter hat einmal zwei Exemplare ausgesetzt. Die hielten sich nicht an die Ein-Kind-Politik. Jetzt haben wir ganz viele dieser wunderschönen Enten.

Viele fragen sich beim Betrachten dieser Vögel: Kann man die auch essen? Ich habe recherchiert:  Ja.  Gemäss Kochbuch schmecken sie zwar nicht superb, aber mit viel Weisswein sind sie – essbar.

Mit vollem Magen schlendern wir durch die Bahnhofstrasse. Was ist schon Luzern? Wir haben dreimal so viele Läden und unsere Brücken sind feuerfest.

Hakatuschi oligata zurigato! Willkommen in Zürich!

 

Der Geist von Zürich

Miklós Gimes am Mittwoch, den 18. Januar 2017

Kürzlich sah ich im Internet den Slogan «Zurich – World Class. Swiss Made». Mit dem Satz sollen Menschen nach Zürich gelockt werden, der Slogan ist seit 2014 die Marke der Stadt. Als ich kürzlich wieder auf ihn stiess, fragte ich mich, woher das kommt, dass wir alles verkaufen müssen? Aus allem eine Marke machen? In eine Stadt, die sich so anpreist, würde ich nie im Leben gehen. Städte, die etwas auf sich halten, brauchen doch keinen Slogan, keine Marke, die sind stolz und ruhen in sich.

Ich erzähle das nur, weil wieder mal diskutiert wird, warum Zürich keine baulichen Ikonen hervorbringt. Keine Tate wie in London und keinen Konzertsaal wie in Hamburg. Wo bleibt der Bürgersinn in dieser Stadt? Der kollektive Wille zum Grossen? Denn wenn wir was richtig Umwerfendes hätten in Zürich, ist die Überlegung, dann kämen die Touristen von selber, dann brauchte es keine Slogans, dann wären wir World Class einfach so.

Die Hauptstadt von Slowenien heisst Ljubljana und ist geprägt vom Architekten Joze Plecnik. Der Mann baute um 1930 herum Brücken, Märkte, Friedhöfe, Hochschulen, die Universitäts­bibliothek, er setzte die Bauwerke zueinander in Beziehung, überzog Ljubljana mit dem Raster seiner verspielten Architektur. Man kann sagen, dass Plecnik die Stadt in den rund zwanzig Jahren seines Wirkens gestaltet hat wie eine einzige grosse Parkanlage, wie einen gigantischen Baukasten, ganz nach seinen Vorstellungen.

Typen wie Plecnik wären in Zürich unvorstellbar. Dass einer kommt und sagt: Ich habe ein paar grosse Ideen, lasst mich machen – und dass man ihn dann machen lässt: nicht zu denken. Dabei gibt es durchaus Architekten,die in den letzten Jahrzehnten Zürich geprägt haben, weil man immer wieder auf sie stösst, weil sie einen Stil geschaffen haben, den man zürcherisch nennen kann. Theo Hotz gehört dazu, Annette Gigon / Mike Guyer, auch Meili Peter oder EM2N, von denen das Toni-Areal ist oder die Viaduktbögen hinter der Röntgenwiese.

Um unsere Stadt zu verstehen, ihren Geist, müsste man diese Bauwerke studieren. Untersuchen, ob sich Gemeinsamkeiten finden lassen ausser der nackten Tatsache, dass sie überhaupt gebaut wurden; dass man die Architekten immer wieder machen liess; dass sie alle möglichen Hürden passierten, Wettbewerbe, Volksabstimmungen, Baubewilligungen, Rekurse.

Man müsste diese Bauten vergleichen mit denen, die nicht gebaut wurden. Mit dem Kongresshaus, dem fünfeckigen Stadion. Oder mit den herausragenden Einzelgängern, wie dem Schulhaus Leutschenbach von Christian Kerez, dem Tamedia-Haus von Shigeru Ban, dem Bahnhof Stadelhofen von Santiago Calatrava, dem Schiffbau von Ortner und Ortner, dem Schulhaus Im Birch von Peter Märkli. Oder aktuell: der Erweiterung des Landesmuseums von Emanuel Christ und Christoph Gantenbein.

Nein, da ist keine Tate darunter und keine Elbphilharmonie, aber schämen müssen wir uns nicht. Und als Trost: Bei der Gotthard-Raststätte auf der A 2 gibt es eine Autobahnkirche des Zürcher Architektenteams Guignard Saner, ein grossartiges, originelles Werk der Ruhe, nicht viel grösser als ein Einfamilienhaus. World Class.

Tibet-Demo nein, aber Nazi-Konzert ja?

Réda El Arbi am Montag, den 16. Januar 2017
Die hätten sich auch diskret treffen können, wie diese Nazis in der Ostschweiz.

Die hätten sich auch diskret treffen können, wie diese Nazis in der Ostschweiz.

Heute verlassen wir mal die Grossstadt Zürich und begeben uns nach Bern, ins politische Herz unseres Landes, in den Hort unserer freiheitlichen Werte, wie es so schön heisst.

Dort wollten einige Tibeter mit ein paar Freunden gegen die Besetzung Tibets demonstrieren. Sie hätten gerne vom Recht auf Versammlungs- und Meinungsäusserungsfreiheit Gebrauch gemacht. Hätten. Konnten aber nicht. Weil sie mit ihrer Meinung das chinesische Staatsoberhaupt gestört hätten, das gerade zu Besuch ist.

Und ehrlich, das wollen wir doch nicht. Wir machen so viele Geschäfte mit den Chinesen, wir können da zu Sklavenbedingungen produzieren, billigst einkaufen und können den neureichen Chinesen auch gleich noch unseren Luxusplunder steuerfrei andrehen. Allein alt Bundesrat Blocher soll (wie er auf seiner Homepage sagt) 117 Fabriken in China haben, seine Tochter schwärmt von den Vorzügen der Einheitspartei.

Das sind BEZIEHUNGEN, die man pflegen muss. Höchst sensible Angelegenheiten, Ehrewort! Da wollen wir doch nicht Dinge wie Menschenrechte, Tibet oder freiheitliche Werte so offen zur Sprache bringen. Da könnte der Chinese sich doch unwohl fühlen.

Nein, das wollen wir sicher nicht. Sonst könnten unsere Prinzipien uns noch Geld kosten. Und da hört also diese sogenannte Freiheit auf! Für Demokratie stehen wir ja schon ein! Aber es darf uns nichts kosten, das ist doch klar. Oder?

Ausserdem: Was sind unsere tiefst demokratischen Werte schon wert? Damit kann man keinen Gewinn machen, die kann ich nicht teuer exportieren. Wir sind schliesslich neutral! Wir haben keine Meinung zu Meinungsfreiheit und Unterdrückung woanders. Schon gar nicht, wenn wir damit Geld verdienen.

Alles war so schön auf das Treffen vorbereitet, mit Röteli und Kirsch! So richtig gmüetlich schweizerisch. Und da kommen diese unhöflichen Tibeter und ihre Freunde (einer wollte sich sogar anzünden, pfui bäh) und wollen uns unanständigerweise mit Plakaten auf Ungerechtigkeiten hinweisen. Das geht doch nicht! Die hätten doch in Zürich demonstrieren können, die Banken da können gut mit solchen Sachen leben.

Dabei sind wir doch eigentlich auf ihrer Seite! Wir gehen als geschlossene politische Gruppe zu Fototerminen mit dem Dalai Lama! Und dann posten wir das auf Twitter und Facebook! Wir haben wirklich Mitgefühl mit den Tibetern und all diesen Leuten. Ehrlich.

Und natürlich dürfen sie demonstrieren und sich versammeln. Aber doch nicht da, wo es wirtschaftlich weh tun könnte! Um Himmels willen, haben die denn kein Gespür für unsere Realitäten?

Diese Tibeter sollen sich ein Vorbild an den Neonazis nehmen! Die haben sich auch irgendwo in Hinteroberpfupfikon versammelt. Da haben sie auch niemanden gestört. Und wir können stolz sagen, dass unsere Meinungsäusserungsfreiheit auch den Hitlergruss, das Hakenkreuz und Nazi-Uniformen schützt!

Also, wenn diese Tibeter auch so anständig wären wie diese Nazis, dann hätte es auch keinen so grossen Polizeieinsatz gegeben! Und alles wäre friedlich und ruhig über die Bühne gegangen, wie es sich hierzulande gehört.

Aus alt mach neu

Alex Flach am Montag, den 16. Januar 2017
Alle Jahre wieder: Kaum Überraschendes am Swiss Nightlife Award.

Ob Babette auch mal einen solchen Uhu gewinnen wird?

Am 21. Februar werden im Komplex 457 in Altstetten abermals die Swiss Nightlife Awards vergeben. Am bisherigen Modus wurde nicht herumgeschraubt, die Kategorien sind dieselben geblieben und unter den vor ein paar Tagen veröffentlichten drei Finalisten je Kategorie finden sich viele bekannte Namen, so auch in den Kategorien «Best Club» (Club Bellevue, Club Bonsoir Bern und Friedas Büxe) und «Best Big Club» (D! Club Lausanne, Hinterhof Bar Basel und Plaza).

Mit einem Kuriosum punktet die Kategorie «Best New Location», denn dort ist nebst tatsächlich neuen Clubs wie dem Haus von Klaus an der Langstrasse und dem benachbarten Lexy auch der Rekordgewinner des Preises für den besten Schweizer Club zu finden, der Basler Nordstern. Begründet wird diese Nominierung vom Komitee mit dem Umzug des Nordsterns von der alten Adresse auf ein Schiff auf dem Rhein.

Ein Club, der 2018 wohl ebenfalls in der Kategorie Best New Location nominiert werden würde ist der neuste Langstrasse-Club namens Babette, der am 3. Februar in den Räumlichkeiten des ehemaligen Café Gold eröffnet. Der Konjunktiv in diesem Satz ist den auf wackligen Beinen stehenden Zukunftschancen des Clubs geschuldet, denn nicht Wenige prognostizieren dieser Adresse keine blühenden Landschaften sondern maximal einen Acker auf dem ein paar traurige Krähen herumhüpfen, die nach Körnern längst vergangener Aussaaten picken.

Dies hat unterschiedliche Gründe und nicht der unwichtigste ist der Vermieter, eine stadtbekannte Figur, die sich in der Vergangenheit nicht eben als karitativer Gutmensch profiliert und die den Vormietern des Babette über 25‘000 Franken Monatsmiete abgeknöpft hat. An der Langstrasse 83 haben im Laufe der Jahre schon zig Clubbetreiber ihre Hoffnung nach kurzer Zeit gegen Desillusion eintauschen müssen und zig ist in diesem Fall gar noch untertrieben: Es waren sämtliche Bisherigen.

Die beeindruckenden Mietkosten sind nicht der einzige Grund, der einige Zürcher Szene-Exponenten veranlasst, Wetten auf das Datum von Babettes Closing abzuschliessen: Die aktuell nicht gerade ermutigende Konkurrenzsituation und das Fehlen eines Zürcher Netzwerks der Club-Betreiberschaft sind weitere. Dem Optimismus von Patrique Etter, dem Kapitän des neusten Zürcher Clubschiffs, tut dies offenbar keinen Abbruch und da Etter im Zuge seiner Tätigkeit für den Luzerner Rok-Club viel Erfahrung sammeln konnte, wird er wohl auch wissen, wie er den einen oder anderen Eisberg umschiffen kann. Match-entscheidend ist wohl die Antwort auf die Frage wie viele der dringendsten Bedenken und pragmatischen Einschätzungen Etter dem ultimativen Veranstalter-Traum, jenem vom eigenen Club, geopfert hat, als er einwilligte Babette mit seinen Partnern ausgerechnet an dieser berüchtigten Adresse zu lancieren.

Zu Etters Daumendrückern dürften auch die Macher des Swiss Nightlife Awards zählen, denn mehr frische Namen bei den Nominierten und Finalisten würden der Preisverleihung gut tun und Babette würde zudem die Award-Verleihung endlich etwas femininer machen, wenn auch auf latent zynische Weise. Und schlussendlich: Auch dem Haus von Klaus wurde bei Eröffnung keine rosige Zukunft prognostiziert und heute können sich die Klausmacher vor Zulauf kaum retten.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Man meide das Wachsheft!

Thomas Wyss am Samstag, den 14. Januar 2017

Wie muss man sich verhalten, damit man an einem Freitag- oder Samstagabend in der Kronenhalle nicht unangenehm (oder noch besser: gar nicht) auffällt?

Eine brillante Frage, denn: In der Kronenhalle fällt grundsätzlich jeder Gast auf, auch unter der Woche (bei einem beachtlichen Teil der Kundschaft ist ja gerade dies das primäre Motiv, da überhaupt einen Tisch zu reservieren; darunter übrigens auch Leute, von welchen man das niemals vermuten würde, wie… wobei, nein, das gehört nicht in die Zeitung, zumindest nicht in diese hier).

Wie gesagt, eine verflixt gute Frage. Nichtsdestotrotz würden wir uns eine hilfreiche Antwort zutrauen. Was wir aber tunlichst bleiben lassen. Weil es dafür zu früh ist. Viel zu früh! Das Wissen um den geheimen Kronenhalle-Verhaltenskodex gilt nämlich als das höchste der Gefühle (gewisse Leute setzen das tatsächlich gleich mit dem Besitz eines fahrtüchtigen Rolls-Royce Silver Dawn, andere wiederum verbinden damit die Illusion vom Erringen des zehnten Dan im Judo und Politvernarrte womöglich die Vorstellung, der Zürcher Gemeinderat sei über mehrere Legislaturen hinweg so dominant in rot-grüner Hand, dass man den durchgängigen Seeuferweg mit allem, was dazugehört – Grundstücksenteignungen an der Goldküste, Seespiegelabsenkung et cetera –, endlich doch noch realisieren könnte). Dass wir da hinwollen, ist klar. Aber das braucht Zeit.

Seis drum. Auf jeden Fall konzentriert sich diese städtische Gebrauchsanleitung wie letzte Woche angekündigt, fortan aufs Vermitteln von Verhaltensregeln. Mit der Absicht, den oft turbulent achterbahnartigen Alltag vieler Menschen ein wenig abzubremsen oder ihnen in gewissen blöden oder gar brenzligen Situation als eine Art Leitplanke oder Sicherheitsgurt zu dienen.

Wobei wir keinen Hehl daraus machen wollen: Der Weg zum Fernziel Kronenhalle wird nicht zur drolligen Ausfahrt im Luxuscar. Nein, passender ist das Bild des «Grünschnabel» genannten jungen Shaolin-Mönchs Kwai Chang Caine aus der Siebzigerjahre-Fernsehserie «Kung-Fu», der auf dem sandigen und tückischen Pfad zur Erleuchtung manche (Rück-)Schläge ein- und wegstecken musste (gespielt wird Gutmönch Caine übrigens von David Carradine, dem ja später weder in «Kill Bill» noch im realen Leben ein souveräner Abgang vergönnt war – was zeigt, dass auch der hochgelobte Buddhismus nicht immer fehlerfrei funktioniert).

So, damit zur ersten Etappe. Die sich, das mag irritieren, dennoch der Kronenhalle widmet. Allerdings «bloss» deren Bar. Welche – ein leidiges Faktum –, anders als zu Dürrenmatts Zeiten, heutzutage von (zu) vielen mediokren Leuten als Eitelkeitsbasar missbraucht wird. Will man nicht zu diesen Plebejersnobs gezählt werden, verzichte man

a) darauf, im Wachsheft des legendären Barchefs Peter Roth (der Ende 2016 in Pension ging) einen eigens kreierten und persönlich betitelten Drink (zum Beispiel «Reuss on the Beach») zu verewigen,

b) auf die Bestellung eines «White Russian», weil man Putin, quasi das lebende Abbild der schrecklichen Mixtur, in jeder Lebenslage meiden sollte, und

c) auf Kulturmonologe (egal wie leise man sie vorträgt), wenn man nicht jedes Gemälde in der Bar binnen zehn Sekunden seinem Schöpfer zuordnen kann.  

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 13. Januar 2017

«Was an den Gymnasien teilweise geschieht,
stört mein Gerechtigkeitsempfinden.»

Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) will den Gymnasien Schülerpauschalen streichen, wenn sie weiterhin so viele Schüler durch die Probezeit fallen lassen. Die Rektoren reagierten empört auf diese Ankündigung. (Foto Tamedia AG) Zum Artikel

 

«Die Jungen wollen es so richtig krachen lassen.»

Haben Sie kürzlich einen Heiratsantrag bekommen? Barn Weddings, Naked Cakes, Tattoo-Spitzen: Es gibt so viele neue Trends rund ums Heiraten. Die Tipps der Hochzeitsbloggerin Chris Libuda. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Bei mir geben die Katzen das Tempo vor.»

Wer hier wohnt, wurde vorbei­gebracht, verstossen oder dem Halter weggenommen. Die Katzenstreichlerin Ursula Meyer spielt, streichelt und schmust mit Katzen im Tierheim des Zürcher Tierschutzes. Der Zweck? Eine bessere Zukunft für die Tiere. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Kleine Parteien entscheiden nach Fakten.»

Der parteilose Gemeinderat Mario Babini befürwortet die Initiative «Jede Stimme zählt». Er glaubt nicht, dass das Parlament durch Kleinstparteien ineffizient wird. Über die Vorlage wird am 12. Februar in Zürich abgestimmt. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Modisches Flair fehlt mir absolut.»

Die Astrologin Monica Kissling auf die Frage, welches ihr liebstes Kleidungsstück in ihrem Schrank sei. (Foto: Doris Fanconi)

 

«Konkurrenz tut der Bahn gut.»

Irgendwann hat sich wohl jeder einmal gefragt, weshalb es in der Schweiz kein Fernbussystem gibt. Das ändert sich. Zürich–Bern für 12 Franken: Roman Schmucki will mit seiner Glattbrugger Carfirma den Fernverkehr aufmischen. Reaktionen der Branche, beispielsweise Peter Füglistaler vom Bundesamt für Verkehr. (Zeichnung: Ruedi Widmer) Zum Artikel

 

«Alleine einen Hirsch zu metzgen,
dauert länger als einen Tag.»

Ein «Tier des Jahres» zu Gesicht zu bekommen, ist schwer. Eines zu essen weniger. Um den Zürcher Tössstock leben 140 Rothirsche. TA-Redaktorin Mirjam Fuchs war auf der Pirsch mit dem Hirsch. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Wir lieben uns alle.»

Die FDP hat ihrem Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger Geld für Prävention und Berater gestrichen. Und bald wird sie ihm erneut die Gefolgschaft verweigern. Sein Verhältnis zur Fraktion bezeichnet er aber als intakt. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Qualität eines Wahrzeichens.»

Zehntausende von Menschen gehen oder fahren jeden Tag an diesem Haus vorbei, doch dürfte es nur die wenigsten so begeistern wie die städtische Denkmalpflege. Alter und Schönheit spielen beim Denkmalschutz keine Rolle. Jüngstes Beispiel ist Schwamendingens markantes Wahrzeichen, wie TA-Redaktor Jürg Rohrer schreibt. (Foto: Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Wer will noch nochmal?»

In einem Jahr wird der Wahlkampf für den Stadtrat in vollem Gang sein. Bisher hat erst einer seine Kandidatur angekündigt. Was ist mit den anderen? Eine Auslegeordnung zum Jahresanfang von TA-Redaktor Thomas Zemp. (Foto: Tamedia AG) Zum Artikel

 

«Viele denken, Präparatoren seien schrullige
Männer mit einem Tick für tote Tiere.»

Hans Peter Walther präpariert in seinem Keller tote Katzen, Rehe und Vögel. Er tröstet Menschen, die ihm ihre Haustiere bringen. Und ärgert sich über jene, die «ausgestopft» sagen. Ein Besuch bei Zürichs letztem Tierpräparator mit eigenem Atelier. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1000 Kalorien in der Hand

Beni Frenkel am Donnerstag, den 12. Januar 2017

Professor Dieter Mersch bei seiner Vorlesung an der Zürcher Hochschule der Künste. (Foto: Beni Frenkel)

Ich habe eine sehr, sehr schöne Stimme. So etwas bleibt in meiner Umgebung natürlich nicht unbemerkt: Menschen, denen ich zehn Franken in die Hand drücke, schwören mir: «Herr Frenkel, ihre Stimme ist auch sehr erotisch.» Etwas muss also an meiner rauchigen Stimme liegen.

Trotzdem habe ich es noch nie ins Radio geschafft. Ich habe mich bei Radio 24 und Radio 1 mehrmals beworben. Doch niemand wollte mich. Roger Schawinski schrieb mir: …Lieber Beni. Sorry, da muss ich leider passen.»

Ich versuche Absagen immer sehr persönlich zu nehmen. Ist meine Stimme vielleicht doch nicht so toll? Es gibt Menschen, die greifen zur Flasche, wenn sie eine Niederlage einstecken müssen. Ich nicht. Ich greife zu Snacks. Und wenn ich dann nichts mehr essen kann, mache ich den Computer an und versuche mich abzulenken. Dabei hatte ich Glück. Eine Anzeige der Zürcher Hochschule der Künste wirkte wie ein Muntermacher: «Anspruch und Unheimlichkeit der Stimme» im 3. K01 Hörsaal 1, Ebene 3.

Also fahre ich zum Toni-Areal. Im 4er-Tram sitzen viel zu viele Studenten. Ich esse im Stehen ein Marsriegel und gucke nach draussen. Ist das hier noch Zürich, wundere ich mich. Endlich sind wir da. Ich renne die lange Treppe hoch, denn ich muss unbedingt auf Toilette.

Der Vortrag beginnt erst in einer halben Stunde. Solche Zeitfenster benutze ich immer zum Essen. In einer kleinen Cafeteria begegne ich meinen Freunden: Balisto, Mars, M&M und Paprika-Chips. Die Preise variieren nach: Studenten, Personal und Externe. Ich überlege kurz, ob ich mich als Professor Dr. Hans Muster ausgeben soll.

Aber der Hunger ist so stark, dass ich ohne Umwege essen will. Mit 1000 Kalorien in der Hand schlendere ich durch die langen Gänge. Da ist ja auch schon der 3.K01 Hörsaal 1, Ebene 3.

Ich setze mich zuhinterst hin und esse. Ein paar Studenten kommen rein. Vielleicht hat jemand Läuse, auf jeden Fall setzen sie sich maximal weit voneinander hin. Vorne steht ein Professor und stellt Professor Dieter Mersch vor.

Mersch beginnt seinen Vortrag so: «Ich habe nicht den Anspruch, dass Sie meinen Gedanken folgen können». Ein schöner Satz. Warum gelingen mir nie solche Sätze? Übrigens habe ich nur diesen einen Satz kapiert. Die anderen waren so lange Ungeheuer mit 20 verschachtelten Nebensätzen. Das überfordert mich total. Langsam fragte ich mich, ob Professor Dieter Mersch mit Walter Moers (Zeichner vom «Das Kleine Arschloch») verwandt ist.

Mit jeder Minute wurde ich nervöser: Mann, wann kommen endlich die Tipps, wie man sie am besten beim Radio bewirbt? Darum bin ich ja gekommen. Aber es wurde leider immer philosophischer.

Oh, Gott, wo bin ich da gelandet? Ich will nur noch Hause. Und so floh ich aus dem Hörsaal. Im Tram sass ich dann am Fenster und lauschte dem Trampilot, wie er die Haltstellen ankündigte. Der hat vielleicht eine sexy Stimme!

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