Endlos unter Freunden

Alex Flach am Montag, den 5. Dezember 2016
Bis Sonnenaufgang und weiter bis Sonnenuntergang und dann nochmal.

Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang und weiter bis Sonnenuntergang und dann nochmals.

Es war ein Traumwochenende für Zürcher Perpetuum Mobile-Clubber: Um ab Freitagabend bis Montagmorgen durchtanzen zu können, mussten sie gerade ein einziges Mal das Lokal wechseln. Zu verdanken hatten sie dies dem Member-Club Haus von Klaus an der Langstrasse und dem Kauz in der Nähe des Museums für Gestaltung.

Das Haus von Klaus hatte von Freitagabend 23 Uhr bis Sonntagmorgen durchgehend geöffnet und der Kauz ab Samstagabend 21 Uhr bis Montag früh. Das scheint alles in allem einwandfrei geklappt zu haben: Das Haus von Klaus war samstagnachmittags um 5 Uhr jedenfalls voller bestens gelaunter, auffallend grosszügig tätowierter und schöner Menschen. Ins Auge gefallen ist auch die beinahe vollständige Absenz von After Hour-Zombies, von zuckenden Überbleibseln der Nacht zuvor. Gemäss dem Veranstalter seien die spätestens am frühen Nachmittag von dannen getrottet und hätten das Feld für jene geräumt, die irgendwann im Vormittag nach einem gutbürgerlichen Achtstundenschlaf aus den Federn gekrochen sind.

Diese beiden Partys stehen gleich für diverse Entwicklungen und Umwälzungen, die das Nachtleben derzeit prägen. Zum einen wäre da die Abkehr von den institutionalisierten Öffnungszeiten am Donnerstagabend und in den Nächten von Freitag auf Samstag und Samstag auf Sonntag. Afterhours gibt’s in Zürich zwar seit den Anfangstagen des Oxa in Oerlikon, jedoch waren dies sonntägliche Verlängerungen der Partys nachts zuvor und ausschliesslich besucht von Clubbern, die zumindest seit Samstagabend unterwegs waren.

Die genannten beiden Daytimer und auch die Wundertüte- und C’estparat-Partys im Hive, die von den Valmann-Betreibern organisierten Samstagnachmittag-Partys (Sanapa) und die sonntäglichen Schlummis in Friedas Büxe sind keine Auslaufbahnen für Endlose, sondern bedienen das Bedürfnis der rasant wachsenden Gruppe jener, die nicht erst auf ein, zwei Uhr in der Früh in die Clubs gehen und die sich auch nicht den winterlichen Sonntagabend durch die TV-Sender zappen mögen.

Andererseits stehen all diese Partys auch für die Abkehr vom überbordenden DJ-Namedropping hin zu auf Gemeinschaftsgefühl fussenden Feten. Auch wenn an diesen Daytimern bisweilen die Namen international bekannter DJs aus dem Ausland vom Line Up prangen, so spielen sie doch nur eine sehr untergeordnete Rolle und jene des «Feierns unter Freunden» ist ungleich wichtiger. Man stolpert am Samstagnachmittag nicht ins Haus von Klaus wegen eines bestimmten DJs, sondern in der Hoffnung, dort ein paar bekannte Gesichter zu treffen. Das bedeutet natürlich keineswegs, dass da die Musik schlecht wäre: Die Zürcher DJs und Live-Elektroniker befinden sich, auch wegen des steten und seit vielen Jahren gepflegten Austauschs mit den Szenen in Städten wie Berlin, längst auf exzellentem Niveau.

Beide Entwicklungen können dem Nachtleben nur gut tun: Längst überholte Öffnungszeiten werden endlich revidiert und auf die veränderten Wünsche des Publikums abgestimmt, und welche Party ist besser als jene, die man im Kreise jener feiert, die man mag.

alex-flach2-150x150-1-1Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Alträubergeschichten

Thomas Wyss am Samstag, den 3. Dezember 2016

Schaad Märkli bellevue Stehsatz Autor: Thomas Wyss

Eine von italienischen Gastarbeitern in den 60er-Jahren nach Zürich exportiere Weisheit lautet: «Bevor man aus dem Haus geht, zieht man frische Unterhosen an!» Sinngemäss bedeutet das Bonmot, dass man sein Leben stets aufgeräumt haben sollte, da man ja nie weiss, was das Schicksal für einen bereithält.

Wir nehmen uns dies zu Herzen und werden nun bis Ende Jahr offene Themen abarbeiten. Heute zum Beispiel möchten wir aufzeigen, wie sehr es sich lohnen kann, unseren Senioren Gehör zu schenken, wenn sie – klar, bisweilen etwas sprunghaft und je nach Zustand des Gebisses auch ein wenig undeutlich – von früher erzählen: Für solch tolle Alträubergeschichten, die sie gratis und franko preisgeben, müsste man im Buchantiquariat viel Geld hinlegen.

Bestes Exempel dafür war die Lektüre eines Klassentreffens von neun fidelen 80-Jährigen, deren Zeitreise zurück ins Schuljahr 1950 man kürzlich im Tages Anzeiger nachlesen konnte: Wie Pfaffe Hitz den stiernackigen Turnlehrer Maurer holte, um den atheistischen Kommunistenbub Bruno zu verdreschen, wie Schulzahnarzt Joggeli den Eleven ohne Schmerzspritze Zähne ausriss, wie die Erismannhof-«Mafia» ihre Mädchen beschützte oder wie die Chräis-Chäib-Sürmel mit ihrer fanatischen Liebe zum schwarzen Jazz ein Zeichen gegen die «feinen Swing-Pinggel vom Züriberg» setzten – das wäre erstklassiger Drehbuchstoff für Kurt Früh selig gewesen.

Ja, und kaum lag besagte Zeitung vom 21. November im Altpapier, meldeten sich von überall aus der Stadt weitere puurlimuntere Bürger mit Jahrgang 1936 oder älter und schilderten per Leserbrief (alte Schule) oder Drehscheibentelefon (uralte Schule) eigene Episoden aus wilden Jugendtagen. Zwei der originellsten wollen wir hier wiedergeben.

Ein 81-jähriger Mann, der im Friesenberg zur Schule ging, erzählte von einem Klassenkameraden, dessen Vater bei den SBB arbeitete, wodurch er in Kontakt mit US-Soldaten kam. «Die GIs tauschten mit diesem Vater Schweizer Schoggi gegen Kaugummis – die gabs in Zürich noch nicht. Statt die ‹Rarität› zu teilen, kaute sie der egoistische Schulkollege alle selbst. Nach einer Woche konnten wir ihm die durchgekaute Ware aber für zehn Rappen pro Stück abkaufen, um auch noch ein paar Tage darauf herumzukätschen. Es war zwar ein zwiespältiges, aber halt doch auch mondänes Erlebnis.»

Eine 82-Jährige Frau, in Höngg aufgewachsen und zur Schule gegangen, schrieb: «Es gab da diesen etwas jüngeren Buben, der immer an unserem Mädchenhof vorbeiging und uns Schlötterlig wie ‹Alli Wiiiber stinket› zurief. Eines Mittwochnachmittags packten vier Freundinnen und ich das Bürschchen und fesselten es an einen Baum. Dann fuhren wir mit dem Velo in die Stadt, der Frechdachs war bald vergessen. Als wir vor dem Eindunkeln heimkamen, sahen wir, dass er tatsächlich noch immer an den Baum gefesselt war – und bitterlich flennte. Wir lachten, machten ihn los und sagten ihm, wenn er nicht aufhöre mit den Beleidigungen, würde die nächste Strafe noch viel schlimmer sein. Die Folge war, dass uns fortan alle Buben in der Schule mit gehörigem Respekt begegneten. Wir waren also sozusagen die Vorkämpferinnen der Zürcher Frauenbewegung

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 2. Dezember 2016

«Die neuen Schilder werden respektiert.»

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Die Stadt hat ihr Velostrassen-Pilotprojekt gestartet. Der Tages Anzeiger hat die Strecke getestet und da un dort Tücken gefunden. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

«Vollgestopfte Trams nerven mich.»

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Fabienne Louves, Sängerin und Schauspielerin, auf die Frage, wie lange es geht, bis sie sich nach den Ferien in Zürich wieder über etwas so richtig nervt. Louves tritt zurzeit im Musical «Cabaret» in Zürich auf. (Foto: Urs Jaudas)

 

«Das Chaos ist bei uns Programm.»

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Der Autor Domenico Blass hat für die Zürcher Märchenbühne das aktuelle Kindermärchen in ein «Nightmär-chen» für Erwachsene verwandelt. Dabei geht es ab und zu auf der Bühne ganz schön turbulent her und zu. Das ist allerdings beabsichtigt, denn die herzige Märchenwelt wird von den Special Guests aus dem wirklichen Leben ganz schön auf den Kopf gestellt. (Foto: PD)

 

«Oerlikon ist irgendwie ein No-go.»

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Es geht rasend schnell: Kein Zürcher Quartier verändert sich so schnell wie Oerlikon – der neue Bahnhof, der diese Woche eröffnet wurde, beschleunigt den Wandel. Altes wird rar. Charlotte Spindler zog eben vom hippen Zürcher Kreis 4 nach Oerlikon. Was die 70-Jährige mag: Es ist ruhiger. Wovon sie gerne mehr hätte: Kultur. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Als ich reich war, kaufte ich
mir einen Mercedes.»

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Stephan Remmler, der Schöpfer von «Da, da, da», teilt Fahrzeuge lieber, als sie zu besitzen. Das war früher anders. Der Musiker weilte für Dreharbeiten in Zürich. (Foto: Danila Helfenstein) Zum Artikel

 

«Alles was man falsch machen kann,
wurde falsch gemacht.»

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Teddy A. ist von mehreren Zahnärzten fehlbehandelt worden. Er kann nicht mehr richtig essen, nicht mehr gut kauen, ist depressiv und arbeitslos. Die Zahnärzte, die für den Pfusch verantwortlich sind, weigern sich aber, Schadenersatz zu zahlen. (Foto: Giorgia Müller) Zum Artikel

 

«Die Leuchtsäulen erreichen
eine hohe Beachtung.»

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Die Stadt Zürich baut das Angebot der beleuchteten Plakatsäulen auf öffentlichem Raum aus. Die Einnahmen sind beträchtlich. Die Werbewirkung auch. Das Werbeunternehmen Clear Channel betreibt zurzeit 27 Leuchtdrehsäulen in der Stadt. Franziska Givotti hofft nun auf neue Aufträge. (Visualisierung: PD) Zum Artikel

 

«Polizisten müssen sich
an den Datenschutz halten»

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Peter Mathys ist Quartierpolizist in Schwamendingen. Sein erster Krimi erzählt von einem pädophilen Zürcher Richter, den mächtige Leute im Polizeiapparat schützen. Ist das alles nur frei erfunden? (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Ich war überrascht, was wir alles entdeckten.»

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Naomi Eggli (Bild) und Donovan Gregorys Tribeka-Karte weist den Weg zur Schönheit der Stadtkreise 3 und 4. (Foto: Giorgia Müller) Zum Artikel

 

«Momente einfangen, die nicht mehr kommen.»

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Smartphones ersetzen herkömmliche Fotoapparate. Die Ausstellung «iPic» in Begegnungszentrum der HIV-Aids-Seelsorge zeigt, wie sich unser Umgang mit Fotos verändert. Kursleiter Gino Granieri staunte über die Resultate der Kursbesucher. (Foto: Roger Pitschi) Zum Artikel

«Die Stossrichtung stimmt.»

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Dauerärger am Üetliberg: Die geplante Verkehrsregeln gehen den Anwohnern zu wenig weit. Jetzt muss sich die Sicherheitsdirektion von Mario Fehr (SP) damit befassen. Margrith Gysel, Präsident des Vereins Pro Üetliberg, ist gespannt, wie es weitergeht. (Foto: Tom Kawara) Zum Artikel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

«Lebe deinen Traum»

Beni Frenkel am Donnerstag, den 1. Dezember 2016
vortrag

Hörsaal der Universität Zürich: Auf dem Programm stand das Thema «Familienplanung». (Foto: Beni Frenkel)

Die Adventszeit ist auch eine Zeit der Einkehr und der Rückbesinnung. Welche persönlichen Ziele sind im Jahr 2016  erreicht worden und welche nicht? Haben wir aus unseren Fehlern gelernt und ziehen wir die richtigen Schlüsse daraus? Das zu Ende neigende Jahr ermöglicht uns aber auch individuelle Ausblicke für das kommende Jahr zu wagen. Folgende Fragen treten an uns heran : Was können wir anders machen? In welchen Fragmenten unseres Lebens wollen wir uns verbessern?

Ich habe mir diese Frage letzten Sonntag gestellt und vorgenommen, mehr auf mein inneres Ich zu hören. Vielleicht kennen Sie das tiefsinnige Sprichwort: «Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!» Das gefällt mir. In dem Satz verbirgt sich viel Wahrheit.

Konkret habe ich mir vorgenommen, nicht mehr so viel Gewicht auf das Urteil anderer Menschen zu legen. 2017 soll das Jahr der Begegnung mit meinem inneren Ich werden. Die Gedanken meines inneren Ichs möchte ich gerne auf das äussere Ich projizieren. Oder anders ausgedrückt: Mein inneres Ich soll äusserlich auch innerlich wirken. Das Ziel ist also, dass das innere Äussere mit dem äusseren Inneren harmoniert und sich in meinem persönlichen Ich entfaltet. Ab Mitte 2017 will ich dann das äussere Innen-Ich mit dem Du des Ichs verschmelzen.

Wenn man das so liest, denkt man gleich, ich habe Philosophie studiert. Überhaupt gehen alle Menschen davon aus, dass ich irgendetwas studiert habe. Die Leute im Tram sehen meine Brille und meine Glatze und haben dann dieses beschränkte Weltbild: Der sieht intelligent aus, der hat sicher studiert.

Die Wahrheit aber ist: Ja, ich habe studiert, aber nicht zu Ende. Es war Sommer 2002. Ich befand mich im dritten Semester Wirtschaft. Die Prüfungsergebnisse kamen mit der Post: Nicht bestanden in den Fächern Mathematik, Statistik, Mikroökonomie und Rechnungswesen. Theoretisch hätte ich weiter studieren können, aber nicht als Wirtschaftsstudent, sondern eher als Zuhörer. Das wollte ich dann doch irgendwie nicht.

Seitdem habe ich nie wieder die Aula der Universität Zürich betreten. Wenn mich Leute fragen, was ich studiert habe, lüge ich immer: Publizistik. Das einfachste Studium. Und weil das fast alle studieren, muss man keine Fragen beantworten: «Publizistik, dann kennst du sicher Thomas Irgendwas.»

In Ratgeber-Bücher habe ich später gelesen, dass ich nicht weglaufen darf. Du kannst nicht vor dir selber wegrennen. Du bist stärker als du denkst. Die Kraft der positiven Gedanken. Hör auf dein inneres Du und begegne deinem äusseren Du.

Weil gerade Adventszeit ist, ging ich am Montagabend deswegen ohne Plan in das Hauptgebäude der Universität Zürich. Zu lange habe ich mich geschämt, da reinzugehen. Aber gerade in der Konfrontation liegt viel Information (Goethe).

Ich schlenderte durch die vielen Korridore. In den letzten 15 Jahren hat sich wenig verändert.  Es gibt immer noch einen Lichthof und die kleine Mensa. Im ersten Stock sah ich einen offenen Hörsaal und viele Tische mit Salzstangen und Orangenjus. Mut auf, in diese Vorlesung will ich gehen.

Ich setzte mich zuhinterst hin. Und da kam sie wieder, diese bekannte Uni-Schläfrigkeit. Der Hörsaal war nur zu einem Viertel belegt. Und das erst noch mit alten Menschen. Auf einer Leinwand stand: «Familienplanung im Zeitalter des Social Freezings». Wo bin ich hier gelandet?

Eine anscheinend bekannte Sexual-Professorin zeigte auf ein grosses Bild der Vagina und der beiden Eierstöcke. Mir wurde unwohl. Darauf hatte ich jetzt keine Lust.

Wie in guten Studentenzeiten nahm ich ein Sandwich hervor und löste Kreuzworträtsel. Dann spielte ich ein bisschen mit dem Handy und guckte immer auf die Uhr. Nein. die Universität ist doch wirklich nur etwas für Nerds und Streber.

Nach zwanzig Minuten verliess ich den Hörsaal und bediente mich draussen mit Salzstangen und Orangenjus.

Tempel des Fortschritts

Miklós Gimes am Mittwoch, den 30. November 2016

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Vor ein paar Tagen realisierte ich, dass die Fraumünsterpost verschwunden ist. Wobei, es gibt sie noch als Poststelle neben der Brasserie Lipp an der Urania, im ehemaligen Feinkostgeschäft, wo der Traiteur Seiler drin war, aber es ist nicht mehr dasselbe. Die alte Fraumünsterpost war 1891 im Stil eines toskanischen Palazzo erbaut worden; man hat die Schalterhalle vollgestopft mit dem üblichen Postramsch, aber sie erinnerte irgendwie an die Zeit, als die Hauptpost einer europäischen Stadt ein Tempel des Fortschritts war, der weltweiten Kommunikation, des globalen Handels: quasi das Internet des 19. Jahrhunderts.

Meine Mutter hat dort gearbeitet, als ich klein war, im Saal mit den Rechenmaschinen, hinter dem Schalterraum, wo die Einzahlungen addiert wurden. An langen Pulten stand Rechenapparat hinter Rechenapparat, ein riesiger Galeerenraum voller fleissiger Frauen, in dem es endlos ratterte, die Musik des Kapitalismus.

Jetzt kommt dort ein Lidl hinein. Sang- und klanglos, der Auszug der Post war still. Zürich ist eine nüchterne Stadt, pragmatisch, eine Businessstadt, man schaut nach vorne. Der Geist der alten Post wird entschwinden, ins Museum, wenn mal eine Ausstellung über die Gründerzeit organisiert wird.

Dabei macht doch das Nebeneinander und Übereinander verschiedener Zeitebenen die Faszination einer Stadt aus. Der Geist der Gründerzeit gehört nicht ins Museum, sondern dorthin, wo er weiterlebt. Man muss drinstehen in der hohen Schalterhalle und seine Einzahlungen machen. So ein Gebäude ist mehr als eine Hülle, mehr als eine Fassade, bloss um die historische Bausubstanz zu bewahren. So, wie auch der Geist des Mittelalters weiterlebt in der Stimmung der Kathedralen, die noch heute zum Gottesdienst rufen.

Städte haben eine Geschichte, diese braucht Platz, um sich zu manifestieren.

Wenn aber Städte nur noch die grössten Hits der Vergangenheit bewahren, ihre Best-of-Liste, dann verliert sich das Nebeneinander und Übereinander der Zeitebenen, dann dünnen die Städte aus, es gibt nichts mehr zu entdecken. Klar kann man sagen: Megacool, so ein Lidl in der alten Post, das Leben ist Wandel, alles fliesst. Aber irgendwann ist die alte Post vergessen – wer weiss noch, dass die Apotheke am Bellevue mal ein Café war, die verschwundene Hälfte des Odeons? Und das Café Forum an der Badenerstrasse ein Kino, die grösste Revolverküche der Stadt?

Zugeben, man muss das nicht unbedingt wissen. Aber so eine Hauptpost ist das Symbol einer Epoche – was wäre Genf zum Beispiel ohne den Postpalast an der Rue du Mont-Blanc, grösser und feudaler als die Fraumünsterpost?

Übrigens, Genf. Kürzlich war ich dort, und man hat als Besucher das Gefühl, die Stadt sei etwas gemütlicher als Zürich, zugänglicher, lebendiger. Weniger durchgestylt, weniger von Trends getrieben, weniger auf Hype aus, weniger aufgeregt, weniger darauf aus, oben zu bleiben und nichts zu  verpassen, was andernorts läuft.

Aber gut, jetzt kommt Lidl. Logistisch eine gute Wahl. Der Markt am Bürkliplatz liegt in der Nähe, das wird ein lustiger Preisvergleich. Und die Lieferwagen können problemlos in den Hof der alten Post fahren, das weiss man seit dem Raubüberfall von 1997.

Legales Gras

Réda El Arbi am Dienstag, den 29. November 2016
Ihr dürft straffrei bis zu 10 Gramm besitzen. Verbrennen und dran riechen dürft ihr nicht.

Ihr dürft straffrei bis zu 10 Gramm besitzen. Es verbrennen und dran riechen dürft ihr nicht.

Liebe Kiffer, ich hab mich mal schlau gemacht, da ihr wahrscheinlich zu verpennt seid, um euch über die genaue Gesetzeslage bei eurem Gras zu informieren.

Letzte Woche entschied ein Einzelrichter, dass die Polizei sich nicht an die Gesetze hält, wenn sie euch für Cannabisbesitz von bis zu zehn Gramm eine Busse gibt. In Zürich ist das aber gang und gäbe, da kaum einer weiss, dass er sein Gras legal rumschleppt.

Der Artikel 19b des BtmG besagt seit 2013 für die ganze Schweiz  Folgendes: Es ist nicht strafbar, wer nur eine geringfügige Menge für den eigenen Konsum besitzt oder vorbereitet. Die festgelegte «geringfügige Menge» liegt bei maximal 10 Gramm.  Auch die Abgabe zum gleichzeitigen, unentgeltlichen Konsum unter Erwachsenen ist in diesem Rahmen straffrei. Für den Besitz habe ich keine Altersgrenze gefunden.

Nun ist der Konsum aber verboten. Das heisst, ihr dürft das Zeugs auf euch tragen, aber nicht darauf rumkauen oder es rauchen. Wenn ihr das doch tut, dabei erwischt werdet oder es euch per Bluttest nachgewiesen wird, bekommt ihr eine Busse.

Was lustig ist, weil ihr die Busse meist ja sowieso bekommt, wenn man Gras bei euch gefunden hat. Es lohnt sich also gegen Bussen bei reinem Besitz vorzugehen, also schon den Polizisten auf die Straffreiheit von Besitz hinzuweisen und die Busse anzufechten.

Um euch zu büssen muss die Polizei nämlich einwandfrei (per Bluttest oder durch Zeugen) nachweisen, dass ihr konsumiert habt. Und erst dann dürfte euch eine Busse gegeben werden. Die gleiche Busse, die ihr jetzt schon nur für den Besitz bezahlen müsst. Macht keinen Sinn, oder?

Warum die Zürcher Polizisten weiterhin fröhlich Bussen für Besitz verteilen? Der Stadtrat hat bei der Polizei nachgefragt. «Joa, wir haben das immer schon so gemacht, das ist bei uns Usus», war die Antwort der Gesetzeshüter. Klar. Früher wurde man auch ausgepeitscht für bestimmte Übertretungen. An den Pranger gestellt, gehängt, gevierteilt oder ertränkt. War alles mal Usus. Und nach Interpretation der Polizei könnte man das ja immer noch machen, weil sie die aktuelle, geltende Gesetzeslage eher als eine Art «Empfehlung» empfindet, wenn sie ältere, nicht mehr geltende Gesetze für geiler hält.

Und der Stadtrat sieht darin kein Problem. Erst müsse ein Obergericht eine Entscheidung in so einem Fall treffen, bevor die Stadtpolizisten sich an die Gesetze halten müssen. Was absolut keinen Sinn macht, wenn die Bussenverordnung sich so klar die Mühe macht und die Straffreiheit bis aufs Gramm genau definiert.

So nicht, Stadtrat und liebe Stadtpolizisten. Das Gesetz ist in dieser Angelegenheit nicht unklar oder lässt Raum zur Interpretation. Besitz unter 10 Gramm ist straffrei. Punkt. Wenn die Polizei offenbar freie Zeit hat, Fälle zu generieren, bei denen keine Straftat, nicht mal eine Übertretung, vorliegt, müsste man sich wohl mal das Personalbudget genauer ansehen. Ich denke, wir werden da eine politische Lösung finden.

Ach ja: Da der Besitz von unter 10 Gramm straffrei ist, kann diese Menge auch nicht beschlagnahmt werden. Euer Gras ist in keiner Weise mit einer Straftat in Verbindung zu bringen und ihr dürft es auch straffrei verschenken. Nur rauchen dürft ihr es nicht.

Oerlikons Monster ist tot

Alex Flach am Montag, den 28. November 2016
In diesem Loch lebte das Monster jahrelang und frass Millionen.

In diesem Loch lebte das Monster jahrelang und frass Millionen.

Die junge Familie, die während der Bauarbeiten des Bahnhofs Oerlikon in einem kleinen Reiheneinfamilienhaus mit Garten direkt über dem Eingang des Tunnels nach Zürich gelebt hat, wohnt da nicht mehr. Das jahrelange Tosen der Presslufthämmer hat der Mutter chronische Kopfschmerzen beschert und aus ihrem Zuhause einen Ort gemacht, an dem sie sich nicht mehr zuhause fühlen.

Sie sind nicht die einzigen Oerliker, die für den neuen Bahnhof Oerlikon Lebensqualität opfern mussten, all jene die dort abends auf dem Nachhauseweg von den SBB durch einen Irrgarten aus Spanplatten geschickt wurden nicht eingerechnet. Der Umbau des Bahnhofs Oerlikon war ein gefrässiges Monster, das mehr als fünf Jahre und 715 Millionen Franken verschlungen hat. Nun ist es tot und aus seiner Asche ist ein neuer Bahnhof samt Shopville erstanden.

Um dieses Grossereignis, das Hunderttausende betroffen hat und betreffen wird, angemessen zu begehen, konnten die Verantwortlichen der SBB aus zwei Optionen wählen: Wenn sie davon ausgehen, dass alle heilfroh sind, dass der Lärm endlich ein Ende hat, dann lassen sie den Betrieb ohne begleitenden Anlass einfach anlaufen oder aber sie bereiten Oerlikon ein Fest, wie es der Kreis 11 noch nicht gesehen hat – um sich beim Volk für die Geduld zu bedanken und um sich für den ganzen Terror der letzten fünf Jahren zu entschuldigen.

Die SBB tun aber folgendes: Sie organisieren am Donnerstag den 1.12. eine Afterworkparty, tags darauf dürfen die Oerliker die Shops im Bahnhof besuchen und von Sonderangeboten profitieren und am Samstag gibt’s ein «rauschendes» Fest mit Ständen der Quartiervereine, Musik- und Kinderunterhaltung. Das Highlight ist eine Schnitzeljagd durch die Shops des Bahnhofs mit einem Generalabonnement als Hauptpreis. Für die grafische Gestaltung zu diesem atemberaubenden Event hat man sich dann offenbar an einen Zugbegleiter mit mässigem Zeichentalent gewendet und der hat dann in einer Kaffeepause einen kindischen Flyer gekritzelt, auf dem eine Lok in ein Karussell zu donnern scheint. Samt Jahreszeit-gerechtem Laubbaum in voller Pracht im Hintergrund.

Hätten die SBB nur ein Promille der Umbaukosten in der Höhe von 715 Millionen beiseitegelegt, sie hätten Oerlikon die grösste Party seiner Geschichte bereiten und unterstreichen können, wie wichtig dieser Bahnhof für die Region ist. Aber was tun sie? Sie basteln irgendwas Achtelpatziges, das auch noch nach «möglichst-viele-Leute-in-die-neuen-Shops-zwingen» stinkt. Unter all den fähigen Eventmanagern und Grafikern in diesem Land finden sich Dutzende, die mit einem Blatt Papier, einem Bleistift und zehn Minuten Zeit was Anständigeres hingekriegt hätten als diese Beleidigung für Oerlikon und seine Bewohner.

Es bleibt nur ein einziger Schluss: Die SBB wissen haargenau, dass trotzdem viele Leute kommen werden, um den neuen Bahnhof zu begutachten. Und mit dieser lieblosen low cost-Erbärmlichkeit von Eröffnungsfeier kann man den Anwohnern, die man jetzt ein halbes Jahrzehnt getriezt hat, gleich mal ein paar Franken aus der Tasche ziehen.

alex-flach2-150x150-1-1Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

Liebi Meitli,

Thomas Wyss am Samstag, den 26. November 2016

Schaad Märkli bellevue Stehsatz Autor: Thomas Wyss

Liebi Meitli, genau. Und das wars dann auch schon. Im ersten Moment zumindest (doch der dauerte fast dreieinhalb Stunden). Die Krux: Anders als beim Verhaltensappell an die Buben – siehe Gebrauchsanleitung vom letzten Samstag –, wo wir instinktiv die richtigen Themen anpirschten und die Pfeile mitten in die darkdunklen Herzen der Probleme jagten (wie etliche Väter per entzücktem SMS mitteilten), waren wir bei den frühpubertären Girls absolut nicht «fly», um es mit dem Jugendwort 2016 zu formulieren. Für ältere Leser: Wir hatten null Ahnung, welch altklugen Rat man den jungen Meitli in ihren Lebensweg-Rucksack packen könnte.

Einerseits lag das natürlich an der falschen genetischen Stammeszugehörigkeit: Ein Männchen kann ja bestenfalls das Triebverhalten anderer Männchen begreifen, das Wesen des Weibchens zu entschlüsseln, bleibt ihm jedoch verwehrt (gewisse Männchen sagen auch: erspart). Dass das schon vor 790 000 Jahren der Fall war – damals gelang es dem Homo-erectus-Männchen, erstmals ein Feuer zu entfachen, worauf das Homo-erectus-Weibchen aufgeregte Grunzlaute ausstiess, die das Männchen fälschlicherweise als akute Erregung statt als weitsichtige Warnung vor diesem Höllenzeugs deutete, das Weibchen flachlegte und es danach an den Herd (also an die Feuerstelle) befehligte –, macht die Sache fast noch schlimmer.

Anderseits war das Scheitern auch einem Mangel an «Anschauungsmaterial» geschuldet. Konkret: Im persönlichen Umfeld dieser Gebrauchsanleitung existiert gerade mal ein Gör in besagtem Alter; es spielt oft mit einer Selbstdarstellungs-App, findet Buebe «kindisch» und sucht in sozialen Medien nach «BFF» (Best Friends Forever); repräsentativ geht anders.

Und doch: Versprochen ist versprochen. Drum reichen wir das Mikrofon nun in fremde Hände, will sagen, wir rezitieren für den Appell weise Aussagen von vier bedeutenden (Wahl-) Zürcherinnen. Meitli, welche diese Worte beherzigen, werden – im Jugendwortslang gesprochen – Uhrensöhne und derbe Tintlinge künftig zu meiden wissen, auf Banalverkehr oder Vollpfostenantennen verzichten, isso.

1. «Ich habe mich früh für Zeitungen zu interessieren begonnen. Ich weiss, dass ich schon in der zweiten Klasse den ‹Tages-Anzeiger› las.» (Emilie Lieberherr, SP-Politikerin und erste Frau in der Zürcher Stadtregierung)

2. «Heute werden wir Frauen alt, wir werden sehr alt. Wir haben alt zu werden, und dies in einer Welt, die auf ihren Märkten Jugend, Schönheit, Liebe anbietet. Diese Diskrepanz fühlt heute jede Frau, bewusst oder unbewusst, wenn sie 50 Jahre alt geworden ist.» (Laure Wyss, Medienpionierin und Schriftstellerin)

3. «Ich denke, dass wir aufgezeigt haben, dass man einfach machen soll, wozu man Lust hat, auch wenn die Idee keinem Trend entspricht, auch wenn man zu Beginn etwas unbedarft ist. Dieser Do-it-yourself-Geist ist heute vielleicht noch wichtiger als zu unsrer Zeit. Weil man heute nur noch eine Chance hat, wenn man wirklich seinen eigenen Weg geht.» (Marlene Marder, Punkpionierin und Gitarristin bei den Bands Kleenex und Liliput)

4. «Wenn man in gewissen Bereichen diszipliniert und korrekt ist, kann man sich andernorts auch ungehörige Dinge erlauben.» (Ludmila Vachtova, Kunstkritikerin und Publizistin)

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 25. November 2016

«Ich bin der Chef der besten Polizei der Schweiz.»

(Foto: Raida Durandi) Zum Artikel

Der Weihnachtszirkus Conelli auf dem Bauschänzli ist wieder da. An der Premiere freuten sich die Besucher über viel Akrobatik – und das neue Clown-Trio. Natürlich waren auch Promis geladen wie hier auf dem Bild SP-Regierungsrat Mario Fehr, der sich später in der Vorstellung vom Meisterdieb Charly Borra die blaue Krawatte vom Hals weg stehlen liess. Vor der Show war er noch sicher: «Die Polizei ist immer auf alles vorbereitet. (Foto: Raida Durandi) Zum Artikel

«Beim Sadomaso lernt man Seiten kennen,
die vielleicht unangenehm sind.»

(FotoL: Raisa Durandi) Zum Artikel

Sidonia Guyer (links) und Michelina Fuchs veranstalten Partys, bei denen die Sexualität im Mittelpunkt steht. Den beiden Frauen geht es darum, die Komfortzone zu verlassen. Ein mögliches Mittel dazu: Peitschenhiebe. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

 

«Kein linkes Unterhosentheater mehr,
jetzt spielen wir nur noch nackt.»

Die Künstlergruppe "Zentrum für politische Schönheit" performt im Stück "Roger Köppel - Eine Abschiebung", aufgenommen am Freitag, 18. März 2016, in Zürich. (Tages-Anzeiger/Urs Jaudas)

Dem Neumarkttheater war im Zusammenhang mit der “Entköppelungsaktion” von SVP und FDP vorgeworfen worden, dort werde “linkes Unterhosentheater” gespielt. Neumarkt-Schauspieler Simon Brusis konterte an der letzten Generalversammlung auf seine Weise. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

«Wann gibt es wieder eine solche Aktion?»

(Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Der deutsche Finanzberater Joachim Ackva liess diese Woche in Zürich Geld in Form von 10er-Noten vom Zürcher Himmel regen. Er machte mit dieser Aktion darauf aufmerksam machen, dass noch immer mehrere Hundert Millionen Menschen in Armut leben – obwohl der Wohlstand der Privilegierten neue Rekordwerte erreicht. Der Mann, der am meisten Geld erwischte, hatte übrigens keine Ahnung, um was es bei der Aktion ging. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Ob der Niklaus-Meienberg-Weg
je gebaut wird, ist offen»

(Foto: SonntagsZeitung) Zum Artikel

Kurioses aus Oerlikon: Eigentlich hätte neben dem Max-Frisch-Platz ein Niklaus-Meienberg-Weg entstehen sollen. Nun steht ihm aber eine Eventhalle im Weg. Charlotte Koch Keller, die Geschäftsführerin der Strassenbenennungs-Kommission im Sicherheitsdepartement der Stadt Zürich, ist skeptisch, ob ein solcher Weg einst existieren wird. (Foto: SonntagsZeitung) Zum Artikel

«Ich habe eine emotionale Bindung
zu meinen Rechnen.
»

Vintage-Computer-Festival in der Roten Fabrik . 19.11.2016 (Tages-Anzeiger/Urs Jaudas)

Wer sagt da: Alt ist alt. Das Vintage-Computer-Festival in der Roten Fabrik zeigte klar: Auch Laien haben Freude an alten Rechnern. Fast alle Aussteller besassen ihre Vintage-Computer schon als Jugendliche. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«30 bis 50% der geflüchteten Kinder
und Jugendlichen sind gefährdet.»

(Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

Die Psychologin Christina Kohli hat einen Leitfaden für den Umgang mit geflüchteten traumatisierten Kindern und Jugendlichen in der Schule miterarbeitet. (Foto: Urs Jaudas) Zum Artikel

 

«Vor allem Turnlehrer Maurer
hat uns oft verklopft.»

(Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel)

Sie gingen 1950 in die Sek im Zürcher Schulhaus Feldstrasse. Nun, da sie alle ihren 80. Geburtstag feiern, kommen sie wieder zusammen – und tauschen wilde Erinnerungen aus. René Bai erinnert sich vor allem an einen Lehrer und an die Zeiten, als Prügel noch zur Schule gehörte. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Ab vom Schuss.»

(Foto: Heinz Unger) Zum Artikel

Die grossen Hotellobbys dieser Stadt und kaum einer hält sich dort lange auf. Weshalb nicht? Stilkritiker Mark van Huisselings Kommentar zur Lobby im Dolder Grand: Zu weit weg. Und was meint er zu jener im Baur au Lac? “Dort sitzen Frauen, deren Männer die interessanteres Gesprächspartner wären.” (Foto: Heinz Unger) Zum Artikel

 

«Der Mammutbaum muss nicht gefällt werden.»

(Foto: Werner Schüepp) Zum Artikel

Die Bauarbeiten (Strasse wird verbreitert) für die Limmattalbahn hätten für einen der seltenen Mammutbäume in der Stadt Zürich beinahe das Todesurteil bedeutet. Die Banker von der Bank Julius Bär hat sich für den Schutz des Baumriesen eingesetzt. (Foto: Werner Schüepp) Zum Artikel

 

«Unser Baby ist wieder da.»

(Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

Diese Woche ist Bertrand Piccards Weltumflieger Solar Impulse 2 in Dübendorf gelandet – im Bauch eines 747-Superfrachters. Piccard und sein Co-Pilot wurden von einer Zuschauermenge bejubelt. Das Abenteuer Erdumrundung sei nun vorbei, «die Botschaft aber geht weiter», sagte Piccard – nämlich Lösungen gegen die Klimaveränderung zu finden. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Weil ich mich an der Olma in eine
Bratwurst verliebt habe.»

(Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

Daniel Rohr, Theaterleiter und Schauspieler, auf die Frage, weshalb er kein Veganer ist. (Foto: Doris Fanconi)

 

«Es war ein hartes Ringen.»

(Foto: Keystone/Walter Bieri) Zum Artikel

Ein neues Riesenprojekt für 1,8 Milliarden Franken in Zürich: Die SBB räumen entlang der Gleise in Zürich drei grosse Gebiete. Auf 140’000 Quadratmetern werden Wohnungen und Gewerbebauten erstellt. Die Verhandlungen mit den SBB waren gemäss SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch (auf dem Bild mit SBB-CEO Andreas Meyer) nicht immer einfach. (Foto: Keystone/Walter Bieri) Zum Artikel

 

«Meine Qualität ist,
Menschen zusammenzubringen.»

Rolf gerber, Chef des Amtes für Landschaft und Naturschutz beim Kanton Zürich, tritt auf Ende Jahr in den Ruhestand

Rolf Gerber, der erste Chef des Zürcher Amtes für Landschaft und Natur, hat Naturschützer und Bauern gegen sich aufgebracht. Dabei fühlt er sich beiden eigentlich verbunden. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Der Himmel über Zürich hat
plötzlich etwas Magisches.»

(Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

Advent, Advent: Hunderttausende kleine Lichter brennen wieder in Zürichs Gassen und Strassen. Was wäre die Stadt Zürich ohne seine Weihnachtsbeleuchtung namens Lucy an der Bahnhofstrasse. Die Kinder waren verzaubert, eine jüngeren Frau sieht den Himmel über Zürich plötzlich mit anderen Augen. (Foto: Raisa Durandi) Zum Artikel

Wir kleinen Rädchen

Miklós Gimes am Donnerstag, den 24. November 2016

gimes-neu

Das alte Rom hatte im ersten Jahrhundert nach Christus mehr als 1 Million Einwohner – zwischen 1,1 und 1,6 Millionen – die Forscher sind sich nicht einig. Aber jedenfalls eine enorme Menschenmenge, «eine moderne Metropole, ein Turm zu Babel», schreibt Emmanuel Carrère im grossartigen Buch «Das Reich Gottes», einer Geschichte des frühen Christentums.

Rom muss ein Magnet gewesen sein, überschwemmt von Einwanderern, immer neue Gürtel von Elendsvierteln wuchsen «in den Händen von Spekulanten, die sparten, wo sie nur konnten: mit papierdünnen Wänden und Treppenhäusern voller Fäkalien», schreibt Carrère. Die Häuser wurden immer höher und gefährlicher, Kaiser Augustus musste eine obere Grenze festsetzen, acht Stockwerke – eine Verordnung, die «nach allen Regeln der Kunst» umgangen worden sei.

Draussen auf dem Land hätte man für den Preis einer bescheidenen Römer Wohnung ein Anwesen mieten können, schreibt Carrère, doch niemandem wäre es in den Sinn gekommen, wegzuziehen, «denn in Rom passierten die wichtigen Sachen». Wer es in Rom schaffte, schaffte es überall.

Es schaudert einen, wenn man das liest. Arm und Reich, Aufsteiger und Verlierer, Gentrifizierung, Melting Pot, Misstrauen gegenüber den Fremden, alles schon da gewesen. Sogar seinen fremdenfeindlichen Satiriker hatte Rom: Juvenal, «die römische Version des geistreichen Reaktionärs» schreibt Carrère. Dieser Juvenal beklagte das Ende der Sitten unter dem Ansturm der Griechen und Juden. Ihn störte vor allem, dass die Religionen aus dem Orient bei den Jungen mehr Zulauf fanden als die einheimischen Götter.

Dass junge Menschen nach London ziehen, nach Mexiko-Stadt oder Shanghai, weil diese Städte die Labors des Neuen sind, dass die Jungen bescheiden leben, den Gürtel enger schnallen, um dort zu sein, wo es passiert: no news. Städte sind nichts anderes als ewige Maschinen, die irgendwann in grauer Vorzeit aufgezogen wurden, und wir Stadtbewohner sind kleine Rädchen im grossen Uhrwerk. Das gilt für Zürich wie für London.

Vor Wochen, als der Herbst noch mild war, spazierte ich in der Nacht durch Wiedikon. Das Viertel ist malerisch geworden, mit liebevollen Beizen an jeder Ecke, einheimischen Designern, man fühlt sich wie in Berlin oder Wien. Gut, das Quartier wirkt ein bisschen kuratiert, weil ja das Drehbuch an anderen Orten schon geschrieben wurde. Aber immerhin: Der Film spielt hier und jetzt, mit einheimischen Akteuren.

Um Mitternacht überquerte ich den Platz vor dem Bahnhof Wiedikon. Im Licht der Strassenlampe sah ich einen Mann flach auf dem Tramgleis liegen, regungslos, Bauch nach unten, blutige Nase, schiefe Brille, ein älterer Mann in abgewetzter Windjacke, er hatte die Arme neben dem Kopf ausgestreckt, als wollte er nach etwas greifen. Ich ging näher. Ein smarter Deutscher, Finanzbranche vermute ich, hatte den Verletzten schon angesprochen. Ein Junger blieb auch stehen, wir halfen dem Alten auf die Beine, riefen ein Taxi, warteten, bis er eingestiegen war, er wollte partout nicht ins Spital.

Dann ging jeder seines Weges, für einen Moment fiel Zürich aus dem kuratierten Bild. Eine Stadt eben.

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