
Welche Vorstellung gefällt Ihnen besser: Eine 50:50 Chance, 1000 Franken zu gewinnen – oder mit Sicherheit 500 Franken zu erhalten? Wenn Sie sich wie die meisten entschieden, nehmen Sie die 500 Franken. Die Sorge, möglicherweise leer auszugehen, siegt damit über die Verlockung, schnell doppelt so viel Geld zu gewinnen.
Was aber, wenn die Optionen anders gestaltet sind und Sie sich entscheiden müssen, ob Sie eher mit Sicherheit 750 Franken verlieren wollen oder mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent 1000 Franken? Wenn Sie sich auch hier wie die überwiegende Mehrheit verhalten, wählen sie die zweite, riskantere Option.
Es zeigt sich also: Wo es etwas zu gewinnen gibt, meiden die Menschen das Risiko. Und bei Verlusten dreht sich das Sicherheitsdenken um.
Bei Verlusten denkt niemand an die Sicherheit
Diesen Effekt haben schon die Verhaltensökonomen Daniel Kahneman und Amos Tversky beobachtet, an deren Arbeit sich die oben formulierten Fragen anlehnen. Sie haben bewiesen, dass Menschen ihre Optionen nicht am absoluten Ergebnis bewerten, sondern mit einem Referenzpunkt vergleichen. Beim Geld ist diese Referenz in der Regel das, was sie gerade haben. Mehr als das wird als Gewinn begriffen, weniger als Verlust – mit dem einzigen Unterschied, dass Gewinne zwar glücklich machen, aber nicht so stark wie Verluste unglücklich. Und daher sind Menschen in Verlustsituationen bereit, ein höheres Risiko einzugehen.
Was auf den ersten Blick nach etwas sperriger Theorie klingt, wirkt in der Praxis ständig auf die Märkte. Zum Beispiel an der Börse: Dort zeigt sich besonders gut, dass Referenzpunkte keine absoluten Werte sind, sondern sich wandeln. Wenn ein Anleger seine Verluste an der Börse verdaut hat, haben sich auch seine Referenzpunkte angepasst. Er bewertet danach seine Entscheidungen von einer deutlich niedrigeren Ebene aus. Was aber, wenn der Verlust noch frisch ist und besonders schmerzt? Dann neigt er zu hohem Risiko, um sie wettzumachen.
Wer spät investiert, riskiert gerne mehr
Auch das Herdenverhalten kann an den Börsen für zusätzliche Verwerfungen bei den Risikopräferenzen sorgen – selbst bei durchschnittlichen Anlegern, die sich normalerweise von riskanten Werten fern halten. Während Boomphasen etwa verschieben sich mit den Wertzuwächsen allerorten die Referenzpunkte. Alle wollen mitnaschen, alle wollen dabei gewesen sein, alle gehen plötzlich ein Risiko ein, das für sie untern anderen Umständen nie in Frage gekommen wäre. Doch nicht nur das: Gerade Anleger, die erst spät auf einen Boom aufspringen, zocken mit dem höchsten Risiko, weil sie Angst davor haben, dass sie all das Geld nicht gewinnen, das den anderen in der Herde schon in den Taschen zu stecken scheint.
Bei all diesen Generalisierungen darf man aber auch nicht vergessen, dass die Haltung zum Risiko auch ein Persönlichkeitsmerkmal ist, das von vielen weiteren Faktoren geprägt ist. Doch selbst bei diesen lassen sich wiederum Muster erkennen: Junge Menschen etwa sind risikofreudiger als alte. Männer sind risikofreudiger als Frauen, insbesondere in Verlustsituationen.
Risiko ist auch eine kulturelle Frage
Auch kulturelle Besonderheiten wurden in der verhaltensökonomischen Forschung schon ausgemacht: Chinesische Anleger sind Umfragen zufolge risikobereiter als deutsche oder schweizerische. Und eine ganz aktuelle Arbeit hat sogar Hinweise darauf entdeckt, dass auch die Muttersprache eines Menschen seine Bewertung finanzieller Risiken prägt.
An all diesen Erkenntnissen zum Risikoverhalten bei Verlusten zeigt sich einmal mehr, dass alle Marktwerte nicht ausschliesslich von rationalen Faktoren gemacht werden, sondern auch davon, wie Menschen diese Informationen verarbeiten. Ein Anleger kann zweierlei Lehren daraus ziehen: Erstens die nötige Zeit darauf verwenden, seine Risikoprofil besser kennen zu lernen und sein Portfolio daran anzupassen. Und zweitens das typische Risikoverhalten bei Verlusten als Chance begreifen: Irgend etwas muss einen schliesslich im Fall des Falles dazu antreiben, eine persönliche Katastrophe auch noch im letzten Moment abwenden zu wollen.
Schlagworte: Prospect Theory, Risikoverhalten, Verlust
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Gerhard Fehr
Bravo, damit wäre geklärt, dass Investoren durchaus nicht die genialen Anaysten sind, sondern auch nur Menschen mit ordinären Instinkten, Ängsten und Erwartungen. Ich habe jedoch zumindest die Hoffnung, dass diese Investitionen, wenn schon nicht von Vernunft getrieben, doch wenigstens einem Funken Gewissen unterliegen.
Umso mehr macht es mir Sorgen, wenn zu dieser Mischung noch fremdes Kapital beigement wird. Mit dem “Geld anderer Leute” schmeckt weder der Verlust so bitter, noch der Erfolg so süss wie mit dem eigenen Einsatz. Dieses emotionslos investierte Geld verhält sich gleich einem Tsunami, ungebremst und zerstörerisch.
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