Die Halbwertszeit von langfristigen Anlagen wird immer kürzer. Auf sicherem Boden steht dabei nur, wer mit zielsicheren Entscheiden das Management der Extreme beherrscht.
1990 lag die durchschnittliche Haltedauer von Aktien weltweit bei zwei Jahren, Ende 2011 bei sieben Monaten. Das globale Aktienvolumen hat sich in den letzten 20 Jahren um den Faktor fünf erhöht, der Aktienhandel um den Faktor 15. Umschichtungen werden heute dreimal schneller vorgenommen als vor 20 Jahren. Neuigkeiten – börsenrelevante und zu solchen künstlich gemachte – sind simultan und en masse auf der ganzen Welt verfügbar.
Das Neuigkeiten-Paradoxon
Paradoxerweise besteht zwischen der Menge an Information und deren Nutzwert ein negativer Zusammenhang. Je schneller alle dieselbe Information haben, desto kleiner ist der Wert für den Einzelnen. Analysen benötigen Zeit. Ist diese nicht verfügbar, wird reflexartig gehandelt. Dabei müsste im Zuge der zunehmenden Komplexität Differenzierung angesagt sein.
Hierin zeigt sich das heutige Grundproblem beim Anlegen: In immer kürzerer Zeit ist immer mehr Information mit weniger Nutzwert bei höherer Komplexität zu verarbeiten. Von Informationen profitiert nur, wer in der Lage ist, die richtigen Entscheide innert kurzer Frist zu fällen. Somit gilt umgekehrt, dass verzögertes Handeln ohne analytisch generierten Mehrwert keinen Nutzen bringt.
Das magische Fünfeck
Wer versucht, in jedem Moment richtig zu liegen, läuft Gefahr, nie in der Realität anzukommen. Die Vergangenheit nachvollziehen ist nicht gleichbedeutend mit die Zukunft vorbereiten. Letzteres bedarf des Bewusstseins, dass es die langen Wellen sind, welche über Erfolg und Misserfolg einer Anlagestrategie entscheiden. Somit braucht es eine Standfestigkeit der eigenen Überzeugungen, insbesondere dann, wenn die vertretenen Positionen über eine längere Frist in Frage gestellt werden. Um Sicherheit zu erhalten, empfiehlt sich die periodische Überprüfung dieser Positionen anhand der fünf Ausprägungen des magischen Fünfecks:
1. Risikobudget
Ausgangslage jeder Anlagestrategie ist die Definition von Anlageziel, Zeithorizont und Risikobudget. Die Vorstellung von sicheren Werten und Erträgen ist unrealistisch. Die Vergangenheit zeigt, dass dort die grössten Verluste drohen, wo die grössten Sicherheiten vermutet werden. Als Beispiel seien die Obligationen erwähnt. Staatsverschuldung, Finanzkrise und drohende Inflation zeigen plakativ auf, dass sich das Risiko von Verlusten bei Obligationen deutlich erhöht hat. Risiko ist keine statische Grösse, sondern verändert sich fortlaufend. Somit braucht es ein Risikobudget, welches die Schwankungsbreite definiert, mit der man umgehen kann, ohne die Nerven zu verlieren. Das Management der Extreme hat einen wesentlichen Einfluss auf den Erfolg. Zocken im Aufwärtstrend verändert das Risikoprofil ebenso nachhaltig wie Affekthandlungen in der Krise.
2. Denken in Szenarien
Hierbei geht es um das Variantendenken. Erfolg hiess schon immer, sich nicht überraschen zu lassen. Somit müssen beim Denken in Szenarien verschiedene Entwicklungen diskutiert werden. Aus heutiger Optik sind beispielsweise folgende Szenarien denkbar: a) Die Verschuldungsprobleme werden nicht gelöst, sondern ausgesessen; b) die Probleme spitzen sich zu, und es kommt zu Verteilungskämpfen; c) die Probleme werden mittels Währungsreformen und Schuldenschnitte gelöst. Je nachdem, welches Szenario eintritt, ist eine völlig andere Zusammensetzung des Portfolios opportun. Daher ist es wichtig, das Vermögensportfolio nicht nur auf ein Szenario auszurichten, sondern mehrere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.
3. Ausgewogenheit der Strategie
Jede der drei Anlageklassen Aktien, Obligationen und Immobilien hat ihre ureigene Daseinsberechtigung. Aktien stehen für Volatilität und Wertmehrung, Obligationen für Sicherheit und Stetigkeit, Immobilien für Sachwerte und langfristige Stabilität. Diversifikation war schon immer das beste Mittel der Werterhaltung. Es ist nicht sinnvoll, die Wirkung dieser drei Grundpfeiler zu transformieren. So eignen sich Obligationen schlecht zum Spekulieren. Eine grosse Bedeutung bei der Vermögenssicherung kommt Anlagen mit Realwertcharakter zu, insbesondere Aktien. In Krisen verlieren zwar auch diese an Wert. Aktien mit klaren und gut nachvollziehbaren Geschäftsmodellen erholen sich jedoch schneller von Krisen und erweisen sich als resistent gegen Inflation.
4. Kennen der Wirkungsweise
Der zentrale Entscheid für die künftige Rendite eines Portfolios ist die Festlegung des relativen Verhältnisses von Aktien versus Obligationen und Inlandanlagen versus Ausland. Alle anderen Entscheide sind diesen Verhältnissen nachgelagert. Insbesondere ist Komplexität kein Renditetreiber, weshalb auf strukturierte Produkte und komplexe Finanzinstrumente weitgehend verzichtet werden kann. Ursache und Wirkung in einem Portfolio zu verstehen ist wichtig. Die Komplexität eines Portfolios ist somit tief zu halten, die Transparenz hoch. Dies bedingt ein Portfolio, bei welchem Markt-, Unternehmens-, Inflations-, Bonitäts-, Zins-, Liquiditäts- und Währungsrisiken erkennbar bleiben.
5. Handlungsfreiheit
Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Sowohl im privaten Umfeld wie an den internationalen Finanzmärkten sind immer Entwicklungen denkbar, welche ein Eingreifen in die Portfoliostruktur notwendig machen. Damit dies nicht zur Unzeit passiert, sollte bei allen Entscheiden eine grosszügige Sicherheitsmarge eingebaut werden. Zudem empfiehlt es sich, einen ansprechenden Teil der Anlagen in liquider Form zu halten.
Die neue Relativität eines Zeithorizonts
Eine Anlagestrategie, welche nicht regelmässig auf ihre Funktionstüchtigkeit hin überprüft wird, verkommt zum starren Gebilde. Wenn immer sich relevante Veränderungen ergeben, sind diese im Portfolio nachzuvollziehen. Die Betonung liegt hier auf „relevante“ und nicht auf „Veränderungen“. Um nicht falschen Signalen aufzusitzen, empfiehlt sich ein strukturierter Prozess unter Beizug eines vertrauensvollen Sparring Partners. Während in einer gleichbleibenden Umwelt über Monate und Jahre hinweg keine Anpassung erforderlich sind, müssen in einer sich wandelnden Umwelt stetige Anpassungen vorgenommen werden. Der Zeithorizont von Entscheidungen wird somit zu einem relativen Begriff.
Haben Sie diese Beiträge schon gelesen?
Börsen auf Höchstständen: Wie weiter?
Wer sich bei seinen Anlageentscheiden ausschliesslich am Trend orientiert, läuft weniger Gefahr, zum falschen Zeitpunkt ein- oder auszusteigen. … Mehr
Donnerstag, 16. Mai 2013
Anlagefonds: Faule Eier und Kapitalfresser gehören nicht ins Depot
Von Anleihen der Eidgenossenschaft bis hin zu Aktien aus Schwellenländern kann heute alles mit Fonds investiert werden. Doch … Mehr
Dienstag, 7. Mai 2013
Turbulente Märkte nutzen und mit dem Cost-Average-Effekt investieren
Wer davon ausgeht, dass die Aktienkurse in den nächsten Monaten grösseren Schwankungen unterliegen, hat gute Chancen auf attraktive … Mehr



Christof Strässle
Aw, this was a really quality post. In theory I’d like to write like this too – taking time and real effort to make a good article… but what can I say… I procrastinate alot and never seem to get something done.