Das grosse Stinken

Vielleicht wird das Ausstossen von Abgasen dereinst so schambehaftet sein wie die körperlichen Ausscheidungen? Foto: Mike Blake (Reuters)

Im Sommer 1858 stank es in London. Das war an sich nichts Besonderes: Alle grossen Städte stanken zum Himmel. Aber wenn ein Sommer unter dem Namen «The Great Stink» in die Geschichte eingeht, muss es schon besonders fürchterlich gestunken haben.

Londons Haushalt- und Industrieabwässer gelangten damals über ein primitives Kanalsystem in die Themse – respektive an deren Uferböschungen. Eine aussergewöhnliche Wetterlage hinderte die schlechte Luft im Sommer 1858 daran, abzuziehen. Wer konnte, floh aufs Land. Spitäler versuchten, den Gestank mit kampfergetränkten Vorhängen fernzuhalten. Man glaubte, der Gestank selbst – die «Miasmen», wie man es nannte – löse Krankheiten aus; eine Theorie, die falsch ist. Aber dass die unzureichende Wasserentsorgung Cholera begünstigt, hatte man richtig erkannt.

Die Themse und ihr kranker «Nachwuchs»: Illustration aus dem 19. Jahrhundert. (Quelle: Wikipedia)

Nun war die Politik endlich bereit, den Bau einer modernen Abwasserkanalisation zu finanzieren, die schon länger geplant war und die die Abwässer mithilfe von Pumpstationen aus dem Stadtgebiet hinausleitete. Es war eines der grössten städtischen Infrastrukturprojekte des 19. Jahrhunderts. Andere Städte folgten dem Beispiel Londons. Der «Grosse Gestank» von 1858 markiert einen Wendepunkt in der Umweltgeschichte, und heute kann man sich als Europäer kaum mehr vorstellen, in einer Stadt zu leben, durch deren Gassen die Abwässer fliessen (obwohl das in vielen Grossstädten des globalen Südens nach wie vor Realität ist).

Neues Schamgefühl

Doch wenn wir uns die Zustände von damals auch nie mehr zurückwünschen: Ohne Widerstände gelang die Modernisierung nicht. Basels Stimmbürger stimmten 1876 und 1881 gegen die moderne Abwasserentsorgung, Winterthur führte eine solche gar erst 1950 ein. In Zürich halfen der Stadtregierung eine Typhus- und eine Choleraepidemie zum richtigen Zeitpunkt dabei, die entsprechende Volksabstimmung von 1867 zu gewinnen. Laut dem Historiker Martin Illi war aber nebst den Epidemien vor allem ein verändertes Schamgefühl Auslöser der Kloakenreformen des 19. Jahrhunderts: Kot und Urin gehörten nicht mehr in die Öffentlichkeit. Aber dass der Staat den Bürgern die Verfügungsgewalt über ihre Fäkalien wegnehmen wollte, sahen einige als unbotmässige Einmischung in die individuelle Freiheit (zumal man die Fäkalien als Dünger verkaufen konnte). Ganz so, wie heute manch ein Autofahrer in der städtischen Verkehrspolitik eine antifreiheitliche Anmassung sieht.

Apropos Auto: Könnte es sein, dass wir heute in einer Zeit leben, in der immer mehr Menschen den Motorverkehr in Städten als Plage sehen, so wie in jenen Zeiten die Abwässer als Plage erkannt wurden? Noch erscheinen mit Autos zugemüllte Strassen als normal, so wie der Gestank einst normal war, aber diese Normalität wird brüchig. Hört man rechten Verkehrspolitikern im Gemeinderat zu, ist Zürich eine autofeindliche Stadt, aber andere europäische (und ein paar lateinamerikanische) Städte sind in ihren Bemühungen, den Autoverkehr zurückzudämmen, viel weiter. Vielleicht wird das Ausstossen von Abgasen dereinst so schambehaftet sein wie die körperlichen Ausscheidungen?

Der Platz, der frei würde

Natürlich hinkt jeder historische Vergleich. Autos töten in unseren Städten weit weniger Menschen als einst die Cholera (obwohl der Blutzoll des Autoverkehrs global betrachtet exorbitant ist). Und der Gestank hatte, bei allen Widerständen gegen die moderne Stadtentwässerung, keine Lobby, wie die Autos sie haben; es wird gegen den Autoverkehr also härterer Kämpfe bedürfen. Aber wenn man sich nur schon den Platz vorstellt, der frei würde, stünden keine Blechkisten mehr herum – der Zugewinn an städtischer Lebensqualität wäre vergleichbar mit dem des Baus moderner Stadtentwässerungen.

Und wenn die Kämpfe dereinst ausgestanden sind? Ich glaube, die Menschen werden genauso ungläubig auf unsere Zeit, die ihre schönsten Städte dem Motorverkehr opferte, zurückblicken, wie wir auf die Zeiten des grossen Stinkens. Und niemand wird sich den heutigen Zustand zurückwünschen.

20 Kommentare zu «Das grosse Stinken»

  • Roland K. Moser sagt:

    Wie es der Autor wohl mit der überbevölkerten Schweiz hält? Pro Tag müssen zwingend sämtliche Lebensmittel für 4 Millionen Menschen aus der ganzen Welt importiert werden. Das stinkt in doppelter Hinsicht zum Himmel.

    • Paul Levi sagt:

      Sie haben erstaunliche Ausdauer mit Ihrer menschenverachtenden Utopie, bei der Sie alle Ausländer und sämtliche Eingebürgerte aus dem Land schmeissen wollen. Erinnert einem an die Roten Khmer, denn die wollten ihren Staat auch mit Gewalt zurück zu einem Bauernstaat bringen, nur dass Sie nicht rot sind, sondern braun. Was würde eigentlich mit Mischehen passieren? Müsste dann der ausländische Teil das Land verlassen?
      Wieso beschränken Sie sich auf den Import von Lebensmittel? Bei der Energie sieht es noch viel drastischer aus. Damit die Schweiz wirklich autark leben kann, dürften ca. nur noch 2 Mio Leute hier leben.
      Wer macht dann eigentlich die „Drecksarbeit“, wenn alle Ausländer weg sind? Gehen Sie dann die Büros, Schulen und Pärke putzen?

      • Roland K. Moser sagt:

        Überbevölkerung wird aufgrund der vorhandenen Nahrungsmittel definiert. Die Schweiz ist um 40 % überbevöllkert, weil mit der 1 Millionen Hektaren Landwirtschaftsland nur 5 Millionen Menschen ernährt werden können.
        Nun wenden Sie das mal auf den Planeten an, wenn Sie zu solchen Gedanken-Gängen fähig sind. Woher kommt dann das Essen? Von einem transzendenten Wesen?

        • Marcus Ballmer sagt:

          Als Überbevölkerung wird ein Zustand umschrieben, bei dem die Anzahl der Lebewesen die ökologische Tragfähigkeit ihres Lebensraums überschreitet. Die Definition über die Nahrungsmittel ist Ihre eigene Erfindung, um Ihre Abneigung gegen Fremde zu untermauern.

        • Kurt Leutenegger sagt:

          Herren Levi und Eugster, wenn jemand die Übersicht hat, dann ist es Herr Moser. Es ist doch nicht normal, das ein Land derart Übervölkert ist damit es Lebensmittel über tausende von Kilometer herbei gekarrt werden müssen um die Bevölkerung ernähren zu können. Am meisten stört mich das wir den armen Ländern die Lebensmittel wegessen, so z.B. Frühkartoffeln aus Ägypthen od Tomaten aus Marokko etc. etc.
          Meine Herren mit ihrem Befürworten der Übervölkerung sind ihr einverstanden dass wir den armen Ländern die Lebensmittel einziehen, und das soll Gerecht sein?

          • Paul Levi sagt:

            @Kurt Leutenegger: Wie viele Hungertote gibt es denn in Ägypten oder in Marokko? Ich wüsste von keinem. Wir essen niemanden etwas weg, denn schliesslich bekommen die Länder ja dafür Devisen mit denen sie selber wieder Lebensmittel kaufen können.
            Die Schweiz hat schon seit über 100 Jahren mehr Bewohner als die Landwirtschaft ernähren kann und das war bisher nie ein Problem.
            Jetzt sind Sie echt dafür, dass 3-4 Mio Ausländer und Schweizer ausgeschafft werden? Aber aus ökologischen Gründen (die Leute lösen sich aber nicht auf) oder aus fremdenfeindlichen Gründen (wie Hr. Moser)?
            Ich bin absolut für eine gerechte Verteilung, doch das löst man nicht mit Ausschaffungen. Ich wäre aber sofort dabei, wenn alle 10% vom Einkommen für die Armen geben würde. Das würde mehr bringen.

        • Paul Levi sagt:

          Jetzt wird es interessant. Wie wollen Sie denn das angebliche Überbevölkerungsproblem global lösen? Wenn man die Schweizer Bevölkerung auf 5 Mio reduzieren würden, dann wären die 3 Mio ja einfach irgendwo anders, also wäre damit kein einziges Problem gelöst. Oder ist Ihnen dann plötzlich egal was ausserhalb der Schweiz passiert? Und wie wollen Sie die Bevölkerung auf 5 Mio reduzieren?
          Wieso spielt es überhaupt eine Rolle wo jemand wohnt, solange es weltweit genügend Lebensmittel gibt? Denn Lebensmittel gibt es genügend für alle. Die Hungersnöte entstehen eher wegen Kriegen und Wirtschaftsproblemen.
          Ich bleibe dabei, Ihre Idee ist eine menschenverachtende Utopie. Das zeigt sich ja schon daran, dass sowas Abstruses niemand unterstützt. Viel Spass beim Unterschriften sammeln.

    • Emil Eugster sagt:

      Sie haben ein echtes Problem Herr Moser.

    • JUERGEN BAUMANN sagt:

      War am Wochenende Wandern in der übervölkerten Schweiz und traf kaum eine Menschenseele. Offenbar gibt es mindestens zweimal die Schweiz.
      Herr Moser, gehen Sie auch mal raus !?

  • Dominique Boeckli sagt:

    Werter Herr Hänggi, aber da ging doch tatsächlich der „Great Smog“ in London vergessen: 5. bis zum 9. Dezember 1952, 12’000 Menschen fanden den Tod.

  • stef sagt:

    Ein Vergleich ist nicht zwingend ein guter, nur weil er hinkt.

  • Martin sagt:

    Ihr Vergleich stinkt! Ein Auto ist ein Kutschenersatz und hat somit einen wirklichen Nutzen für den Menschen. Oder kann Ihr Kot Sie nach dem Kino bzw. Theaterbesuch nach Hause fahren? Wohl kaum. Menschlicher Kot als Dünger zu verwenden ist verboten, da menschlicher Kot Ammoniak enthält und das ist giftig und kann u.a. zu Atembeschwerden führen. Der „Gestank“, ist heute nur noch in ländlichen Gegenden zu finden, wenn die Bauern im Sommer die Gülle auf den Feldern austragen. Zudem zieht Kot Ratten an, welche bekannt sind, Krankheiten zu übertragen. Ein Auto zieht keine Ratten an und es stinkt auch nicht, wenn es bloss rumsteht. Es gibt dann noch die Lärmbelästigung, welche auch vom ÖV wie Tram, Bus und Zug ausgehen kann.

  • Dani Keller sagt:

    In wenigen Jahren werden Autos ganz einfach nicht mehr „stinken“, weil E-Autos. Aber solche Trends hat der Umweltjournalist wohl übersehen. Hauptsache Auto-Bashing.

    • JUERGEN BAUMANN sagt:

      Das Fahrzeuge nicht mehr stinken, stimmt heute schon teilweise. Allerdings liegt der Bestand der elektrisch angetriebenen Fahrzeuge unter 1%. Bei einer typischen Nutzungsdauer von bis zu 15 Jahren wird das noch ein bisschen dauern.
      Aber selbst wenn alle auf Elektromobilität umstellen, bleibt es voll in der Innenstadt. Vielleicht werden ja die modernen Fahrzeuge schnell selbstfahrend. Dann macht es nur noch bedingt Sinn eines zu besitzen. Man kann es dann mit dem Handy rufen und sich heimfahren lassen.
      Grüsse von einem BMW i3 Fahrer

    • I. Bissig sagt:

      Das hat sich schon in den letzten 40 Jahren drastisch geändert. Merkt man immer wieder, wenn man hinter einem Young- oder Oldtimer herfährt. Die sind, neben dieselbetriebenen deutschen Edelstinkern, noch die letzten Karren die intensive Gerüche absondern.

    • Peter Sieber sagt:

      Dani Keller hat vollkommen recht. Sind die Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren dereinst verschwunden werden sich die Umweltjournalisten etc mit vollem Genuss auf die e-Autos stürzen, denn deren Produktion ist relativ ressourcenintensiv. Sie werden erst dann Ruhe geben, wenn alle nur noch Velo fahren, zu Fuss gehen oder zuhause sitzen, denn auch Flugzeuge und Schiffe sind bei ihnen verpönt. Vielleicht kommt dann die Renaissance der Pferdekutschen, welche dann genauso schnell kritisiert werden wegen dem Methan ihrer „Abgase“ und den Rossbollen. Leider hat sich der Tagi seit geraumer Zeit auf die Fahne geschrieben, nur noch Umweltschützerartikel bzw Anti-Auto Artikel zu publizieren.

  • Röschu sagt:

    „Aber wenn man sich nur schon den Platz vorstellt, der frei würde, stünden keine Blechkisten mehr herum – der Zugewinn an städtischer Lebensqualität wäre vergleichbar mit dem des Baus moderner Stadtentwässerungen.“

    Stelle ich mir vor und sehe darin keinen Vorteil. Für mich im besteht ein Mehrwert darin, dass ich auch in der Stadt mit dem Auto unterwegs sein kann und mir somit u.a. das Fahren im überfüllten ÖV und das mühsame Schleppen schwerer Lasten sparen kann.

    Unterschiedliche Menschen haben nun mal unterschiedliche Bedürfnisse und problematisch wird es immer dort wo einige für alle entscheiden wollen, was gut ist und was schlecht.

  • Monique Schweizer sagt:

    Für die einen muss es fürchterlich stinken damit was passiert, für andere brauchts erst Typhus & Cholera. Nur damals konnte man das noch entschuldigen, denn das Wissen war auch noch nicht so gross & präventives nachhaltiges Denken noch in den Kinderschuhen.
    Nur 2017 mit all den Informationen sei es mit der Energiewende oder auch dem vermutlich vom Menschen mitverursachten Klimawandel könnte man doch mal proaktiv werden und die Dinge angehen bevor der Oelpreis bei 1000$/Fass erreicht oder wir jedes Jahre Hitzewellen über 40 Grad & noch mehr Ueberschwemmungen haben werden.
    Nur dann werden dieselben Kleingeister wie beim verhinderten Waldsterben durch Kalkung & konsequentem Einsatz von Schwefeldioxidfilftern am Ende behaupten das Waldsterben sei nur eine Erfindung der Oekos gewesen.

    • Martin sagt:

      @Schweizer: Damals gab es noch keine Autos. Heute kann jeder der sich dafür interessiert, bei geringer Nachforschung, feststellen, dass Ölheizungen in der Schweiz genau so viel Öl verbrauchen, wie der Individualverkehr. Natürlich lässt man seine Wut gerne am Autofahrer ab, da man diese sieht. Würden die Ökofreaks nicht alle im Einklang mit der Natur und ganz nahe am Wasser leben wollen, würde die Flussläufe auch nicht verbaut werden und es gäbe natürliches Geschiebe. Das Problem mit der ganzen öko-Regenbogen-Hipster-Alternativen-Bewegung ist, dass sie alles will, aber keine Zugeständnisse machen möchte. Deswegen haben Ökofreaks bei mir einen schweren Stand! Es ist einfach, anderen sagen zu wollen, wie sich zu verhalten haben. Es gibt aber auch nicht-öko Bedürfnisse, wie bspw. Fleisch essen

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