Teuflisches Eigentum

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Mithilfe des Teufels wird alles plattgewalzt, was sich in den Weg stellt: Mephistopheles und Faust. Foto: br.de

Vor einiger Zeit hörte ich einen Vortrag des emeritierten HSG-Professors und Doyens der ökologischen Wirtschaftsforschung in der Schweiz, Hans Christoph Binswanger. Der 87-Jährige ist gebrechlich, aber von stupender Präsenz auf der Bühne. Er sprach über ein Thema, dem er schon 1985 sein hervorragendes Buch «Geld und Magie» widmete, und das er in seinem soeben erschienenen Essayband «Die Wirklichkeit als Herausforderung» wieder aufgreift: Goethes «Faust». Binswanger liest die Tragödie als hellsichtige Analyse einer Wirtschaft, die mit des Teufels Hilfe plattwalzt, was sich ihr in den Weg stellt. Die Kernthese des FDP-Mitglieds (!): Die moderne Geldökonomie ist die Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln. Sie «zaubert» Mehrwert scheinbar aus dem Nichts, tatsächlich aber auf Kosten der Umwelt – und davon handelt der «Faust».

Vor allem ein Punkt in Binswangers Analyse löste bei mir einen Aha-Effekt aus: Die Dynamik der modernen Wirtschaft beruht rechtlich auf einem spezifischen Eigentumsverständnis, dem Dominium des römischen Rechts. Es ist das Recht, seinen Besitz zu nutzen, aber auch aufzubrauchen oder zu missbrauchen (ius utendi et abutendi re sua). Ich kann aus meinem Weinglas Wein trinken, kann es aber auch an die Wand schmeissen. Das scheint selbstverständlich: Das Glas gehört mir ja! Im römischen Recht bezog sich das Dominium übrigens ausdrücklich auch auf die Menschen, die einem gehörten: Sklaven und sogar die eigenen Kinder.

Mephisto hat das Papiergeld erfunden

Aber ein solcher Eigentumsbegriff ist weder selbstverständlich noch alternativlos. Das deutet der Satz «Eigentum verpflichtet» der Europäischen Menschenrechtskonvention und des deutschen Grundgesetzes an. So unverbindlich die Formulierung ist, ist sie doch ein Echo eines Verständnisses von Eigentum, das in der Rechtsgeschichte weiter verbreitet war als das Dominium: das Patrimonium. Es versteht Eigentum als Dauerleihgabe auf Lebenszeit. Man darf nutzen, was einem gehört, darf es aber nicht aufbrauchen, sondern gibt es am Ende des Lebens weiter. Das ist ziemlich exakt, was man heute «Nachhaltigkeit» nennt. In vielen Fällen musste man sein Eigentum sogar nutzen: Tat man es nicht, stand es anderen zur Verfügung. Auf einem brachliegenden Feld etwa konnten landlose Viehbesitzer ihre Tiere weiden lassen. (Wenn man heute Hausbesetzer in leer stehenden Häusern gewähren lässt, ist das nichts anderes.) Damit deckt das Eigentumsrecht des Patrimoniums auch die soziale Komponente der Nachhaltigkeit ab.

Wenn heute Politiker gegen Angriffe auf das Eigentum wettern, meinen sie aber das Dominium. Wiederbelebt hat es in der Neuzeit der «Code civil», das Gesetzbuch, das Napoleon 1804 erliess, wenige Jahre, bevor Goethe den ersten Teil des «Faust» veröffentlichte. Nach diesem Recht beansprucht Faust im zweiten Teil der Tragödie den sumpfigen Küstenstreifen, den er mit dem Papiergeld, das Mephisto erfunden hat, vom Kaiser erwirbt und mit Mephistos Hilfe trockenlegt (wobei er die Hütte Philemons und Baucis’ samt ihren Bewohnern niederbrennen lässt).

Hans Christoph Binswanger hat im Vortrag auf eine bittere Pointe hingewiesen, von der in seinem Buch von 1985 noch nicht die Rede war: Fausts rastloses Streben findet (so glaubt er) endlich Erfüllung in seinen Entwässerungskanälen und Deichen. Mit ihnen erreicht er sein erklärtes höchstes Ziel, sie lassen ihn seine letzten Worte ausrufen: «Es kann die Spur von meinen Erdentagen / Nicht in Äonen untergehn. / Im Vorgefühl von solchem hohen Glück / Geniess ich jetzt den höchsten Augenblick.» Heute ist der Klimawandel eine Folge der nicht nachhaltigen ökonomischen Dynamik, die Faust mit seinem teuflischen Helfer lostrat. Der Klimawandel lässt den Meeresspiegel ansteigen – bis das Meer Fausts Lebenswerk verschlingen wird. Es wird nicht Äonen gedauert haben.

24 Kommentare zu «Teuflisches Eigentum»

  • Franz Süss sagt:

    Wow. Ich habe oftmals Mühe mit dem seichten Niveau in den Blogs des Tagi. Aber hier ziehe ich meinen Hut und verneige mich: Danke für einen wunderbaren Beitrag mit Tiefgang!

  • Roland K. Moser sagt:

    Es hat immer Warmzeiten und Eiszeiten gegeben.

    • Marcel Senn sagt:

      Aber noch nie haben 7.4 Mrd Menschen gleichzeitig auf der Welt gelebt und der ganze Planet war schon auf 195 Staaten aufgeteilt!
      Zudem wurde noch nie innert weniger als 200 Jahre über 2’000 Milliarden Tonnen CO2 zusätzlich dem Kreislauf vom Menschen zugefügt und jedes Jahr kommen über 40 Mrd Tonnen CO2 aequivalent dazu.
      Die rund 11 Mrd Menschen die in den letzten 50 Jahre auf der Erde lebten oder leben haben in etwa gleichviele Ressourcen verbraucht (Minerale, Metalle, Biomasse und fossile Brennstoffe) wie die rund 95 Mrd Menschen in den 50’000 Jahren zuvor.
      Die Zeiten als das Patrimonium noch nachhaltig eingesetzt wurde sind in unserer abundanten Konsumidiotengesellschaft wohl zumeist schon längst vorbei – Recycling hin oder her – wir leben einfach massiv über unsere Verhältnisse!

      • Roland K. Moser sagt:

        In der Schweiz lebten auch noch nie 8,5 Millionen Menschen. 40 % mehr, als die Schweiz ernähren kann. Aber da will man seltsamerweise nicht ansetzen.

      • Jan Svoboda sagt:

        Panikmache zur Begründung neuer Steuern, es mag Klimaerwärmung geben,mit Sicherheit aber nicht wegen CO2. CO² bringt es in der Atmosphäre gerade mal auf einen Anteil von vier Zehntausendsteln, und vom gesamten Wärmespektrum der Erde absorbiert CO² nur drei schmale Bereiche und selbst die werden teilweise vom Absorptionsspektrum von Wasserdampf überlagert. Wie soll denn diese winzige Menge des CO2 die enorme Erdabstrahlung aufhalten und Treibhaus bilden?Das einzig wirklich wirksame »Klimagas« ist Wasserdampf. Wie wäre es mit eine Dusche-Steuer? Die Diskussion zeigt wie manche Leute völlig von der „Eco“ Ideologie verblendet werden.Auch die Eisdecke ist nicht geschmolzen, sondern sich nur verlagert vom Nordpol zu Südpol.

      • Jan Svoboda sagt:

        Fortsetzung:
        Laut NASA Studie vom 2015 ist die Eisdecke am Südpol vom 1992 dis 2001 um 112 Milliarden Tonnen zugenommen. Und Laut Uni Illinois hat die Gesamteisdecke der Welt wieder den Stand vom 1979 erreicht. Und jetzt prognostiziert die Uni Newcastle wegen nachlassender Sonnenaktivität sogar eine Klimaabkühlung.
        CO² ist ein natürliches Gas, das seit Millionen Jahren in der Atmosphäre vorkommt. Ohne Kohlendioxid gäbe es kein Leben, wie wir es kennen, denn CO² ist Nahrung und Dünger zugleich. Von der Zimmerpflanze über den Regenwald bis hin zum Getreidefeld kann nichts ohne CO² existieren. Und ohne Pflanzen könnten auch wir nicht existieren. CO² ist also eine unverzichtbare Nahrungsgrundlage für alles Leben auf der Erde. Je mehr CO2 desto bessere Ernte für die wachsende Bevölkerung.

  • Marcel Senn sagt:

    Die Welt ist zum Wachstum verdammt und wird daran scheitern aus verschiedenen Gründen.
    Das Weltbevölkerungswachstum beträgt immer noch rund 1.1% pro Jahr, die gesamte kreditbasierte Verschuldung beträgt schon über 300% des Weltbip, die gesamten Zinslasten drauf über 10% pa desselben. Nur werden aber die Wachstumsprogrognosen zur Zeit permanent nach unten korrigiert – die goldene Aera der 50-70er Jahre mit 4-6% Wachstum ist längst vorbei zumindest in den westlichen Industrieländern.
    Und da immer noch rund 86% unserer Energie auf fossilen Brennstoffen basiert, werden wir diese Ressourcen auch weiterhin zumeist verschwenderisch verbrennen mit den entsprechendem CO2 Ausstoss und den voraussichtlichen Folgen für Klima und Umwelt. Der Point of no Return wurde schon vor längerem überschritten.

    • Manuela Baumann sagt:

      Wo Zürich ist, war vor ein paar tausend Jahren ein Gletscher. Klimaerwärmung gabs auch (fast) ohne Menschen.

      • Marcel Senn sagt:

        Ja ja Frau Baumann „Klimawandel gabs schon immer“ ist doch das ideale Totschlagargument um bedenkenlos weiterhin verschwenderisch zu sauen v.a. mit den fossilen Brennstoffen. Vermutlich werden wir das auch weiterhin tun (müssen), aber die Rechnung wird dann Ihren Enkeln irgendwann präsentiert und die wird vermutlich eher heftig ausfallen.

      • SrdjanM sagt:

        Ja, die gab es.
        Aber dieser Wandel war noch nie so schnell wie aktuell, noch nie war genauer bekannt warum es stattfindet und noch nie waren so viele Menschen deswegen so in Gefahr.
        Klar, es trifft zuerst die anderen, und sowieso, nicht unser Problem.
        Bis es dann wird und es viel zu spät ist…

        Aber, eigentlich ist es bereits viel zu spät und wir müssen uns auf eine um min. 4° wärmere Welt einstellen.
        Auch ein sofortiger Wechsel vom Dominium zum Patrimonium würde kaum etwas ändern… das alles hätte man schon nach dem 2. WK machen sollen.

      • P. Schmid sagt:

        Und selbst wenn Sie sämtliche Kirchen durch Moscheen ersetzen, werden Sie nichts daran ändern können, dass die Ölscheiche nicht ewig liefern können werden.
        D. h. langfristig stehen Effizienzmassnahmen und erneuerbare Energien sowieso alternativlos dar.
        Und wenn zukünftig mehr Geld an den Schweizer Elektriker fliesst, welcher Wärmepumpen und Solaranlagen verbaut, dann ist das primär das Problem des Ölscheichen und nicht Ihres (ausser vielleicht wenn Sie Teil seines Harems sind).

  • Ralf Schrader sagt:

    Die Akzeptanz von Eigentum ist es auch, welche linke Politik identifiziert. Wer privates Eigentum oberhalb einer Unterhose und 3 Paar Socken akzeptiert, ist bürgerlich und jenseits linken Denkens.

    Der nächste Schritt der Menschheit ist die Liquidierung von Staaten und Eigentum. Dies im Rahmen der posthumanen Revolution, welche Menschen an der Spitze der Welt durch eine Software ablöst. Menschen dürfen sich dann mit sich beschäftigen, dürfen spielen und Kunst machen. Aber nicht regieren und auch nicht wirtschaften. Das übernehmen die Maschinen.

    • Stadelman Reto sagt:

      Ich bin mir nicht sicher, ob es sich dabei um eine Utophie oder um eine Dystopie handelt. Ich tippe jetzt aber mal instinktiv eher auf zweiteres…

  • Karl Gruber sagt:

    Endlich wieder ein prominenter Liberaler, der Eigentum und Gemeinwohl miteinander verbindet!

    Karl Gruber

  • Monisa sagt:

    Beängstigend, wie Goethe diese Entwicklung voraussah.

  • Dr. W. Heiz sagt:

    Angenehm… raten Sie wer ich bin! Mephisto mein Name…
    Sehr hellsichtig, der Alte! Und Marcel Hänggi ein Kränzchen dafür, dass er darüber den Blog in so ausgezeichneter Weise verfasst hat. Danke. Das internationale Grosskapital (=Finanzcasino) ist stärker als die Staaten, mischt bei der Politik mit und hält die Staaten im Griff. Obama stand oft auf verlorenem Posten. Devisenhandel, Termingeschäfte und besonders der Handel mit Buchgeld zerstören Werte, verursachen Krieg, halten Transportpreise tief und killen langfristig den Mittelstand.

  • Fridolin Mumenthaler sagt:

    Volk: Versprich mir, Heinrich!

    Faust: Was ich kann!

    Volk: Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?
    Du bist ein herzlich guter Mann,
    Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.

    Faust: Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut;
    Für meine Lieben ließ‘ ich Leib und Blut,
    Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.

    Volk: Das ist nicht recht, man muß dran glauben.

    Faust: Muß man?

  • Manfred Grieshaber sagt:

    Der Konflikt zwischen Patrimonium und Dominium ist in Europa 2.000 Jahre alt. Er war eine der Hauptursachen für den germanischen Aufstand gegen die Römer der zur Varusschlacht führte. Rom versuchte zwischen 16 vor und 9 nach Christi das römische Individualrecht zwischen Rhein und Elbe einzuführen. Das stellte die komplette germanische Stammesgesellschaft auf den Kopf und führte zu heftigen Konflikten. Denn nicht mehr der Clanchef war für das Wohlergehen seiner Untergebenen zuständig sondern irgendein römischer Beamter der von der lokalen Kultur keine Ahnung hatte. Die Menschheit hat seither nicht viel dazu gelernt. Augenfälligste moderne Parallele zum antiken Ereignis ist die französische Niederlage bei Dien Bien Phu 1954 in Vietnam. Da ist praktisch genau das Gleiche abgelaufen.

  • Andi sagt:

    Was man besitzt, besitzt einem. Was man beherrscht, beherrscht einem usw.

  • Roland K. Moser sagt:

    Die überbevölkerte Schweiz gehört auch in den verschwenderischen Lebensstil.

  • Willi sagt:

    Die Fossile Energie und selbst die Atomenergie haben ihre Geschichte. Nicht von ungefähr verlangten SP-Bundesrat Spühler 1964 und der Schweizerische Bund für Naturschutz (heute Pro Natura) 1965 dringend, ‚den Schritt zur Atomenergie zu tun‘. Die Sorge um die Stromversorgung, die Luftverschmutzung (thermische Kraftwerke) und Erhaltung der Landschaft (Wasserkraft) war gross. Philosophin Jeanne Hersch 1986: „Wenn die Energie, und selbst die Kernenergie, wirklich dazu dient, mehr Menschen zu mehr Chancen für die verantwortliche Freiheit und zu intensiverem, echtem geistigen Leben zu verhelfen, dann ist sie gut angewandt“. Und seither wollen immer mehr Menschen ihre Chancen wahrnehmen. BR Spühler, der SBN und die Philosophin konnten die Alternativen noch nicht erahnen …

    • Ruedi sagt:

      @Willi, googeln sie mal: „freie Energie“ die gibt es schon lange.

      Klima unschädliche Vorhandene Unendliche Energie löst aber nicht das Problem der Planetaren Über-Population und in dem zusammenhang der begrenzten Ressourcen, welche der Menschheit oder dessen Freiheit, natürliche Grenzen setzt, die er um überleben zu können, berücksichtigen muss.

Kommentar

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