Glarus braucht keine Visionen

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Sinn für das Machbare: Landsgemeinde in Glarus. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Kein Esprit, keine Träume. Nur Gleichförmigkeit und Stillstand. Schmähschriften wie diejenige von Salome Müller über den Kanton Glarus provozieren meistens Reaktionen, die mehr über die Beschriebenen aussagen als der Text selber. Dieser ist natürlich ein Zerrbild. Doch wer sich darin erkennt, reagiert böse. Einige an die Autorin gerichtete Facebook-Kommentare waren denn auch grenzwertig, andere reagierten einfach beleidigt («Dann bleib doch in Zürich»). SRF-Journalistin Susanne Brunner schrieb im «Tages-Anzeiger», sie fühle ganz anders als Salome Müller. Doch dafür habe es Zeit gebraucht.

Bemerkenswert ist, wie gelassen Medien und Politik in Glarus reagierten. Zum Vergleich: Als ein Journalist im «Tages-Anzeiger» die Krise seines Heimatkantons Graubünden beschrieb, reagierte der Chef der Bündner Lokalzeitung mit einem sehr angriffigen Kommentar, in dem er den Autor lächerlich zu machen versuchte. In Glarus hingegen: Die «Südostschweiz» führte ein witziges Interview mit der TA-Journalistin und verteidigte sie in einem Kommentar. Immerhin habe sie sich die Mühe genommen, nachzudenken, schrieb der Redaktor.

Pragmatisch und fortschrittlich

Sehr toll. Sehr glarnerisch. Im Kanton Glarus hat man selten hoch gewichtet, was Leute sagen und denken. Beispielhaft dafür war die stoische Weigerung der Kantonsregierung, Anna Göldi, «Europas letzte Hexe», zu rehabilitieren. Das Gespött der überregionalen Medien kümmerte am Fusse des Glärnisch wenig. Eine Rehabilitation mache die Frau nicht wieder lebendig, liess der Ratsschreiber verlauten. Zudem wüssten ohnehin alle, dass sie keine Hexe gewesen sei. Auf Geheiss des Parlaments fand die Rehabilitation dann doch statt.

Man kann die Glarner als dumpf ansehen, anspruchslos und ohne Visionen. Falls dem so ist – die Kehrseite dieser Lebenseinstellung wären Sachbezogenheit und Pragmatismus. Eigenschaften, die den Kanton weit gebracht haben. So führte Glarus 1864 das europaweit fortschrittlichste Gesetz zum Arbeitnehmerschutz ein. Erstmals wurde damit die tägliche Arbeitszeit auch für Männer begrenzt. Davor waren nur Frauen und Kinder geschützt. Es war kein Akt der Barmherzigkeit – die Textilindustrie war ein wichtiger Wirtschaftszweig. Wollte man das Humankapital am Leben erhalten, musste man es schützen.

Wenige Jahrzehnte nach der Hinrichtung von Anna Göldi ging der Kanton auch gesellschaftspolitisch voran und trennte in einer neuen Kantonsverfassung Justiz und Politik voneinander. Auch wurden Rechte wie die Meinungsfreiheit eingeführt. Wohl nicht zufällig publizierte im selben Jahr (1836) ein Glarner Hutmacher ein Buch mit dem Titel «Eros – die Männerliebe der Griechen». Der Familienvater plädierte darin für Freiheit in der Liebe. Beides, das Buch und die Kantonsverfassung, waren für die damalige Zeit pionierhaft.

Und so ging es weiter. Aus 25 Gemeinden wurden drei. Jugendliche dürfen in Glarus schon mit 16 abstimmen. Fast hätte die Landsgemeinde auch Ja gesagt zum Gratis-ÖV. Ein altes linkes Anliegen – mit ein paar Händen mehr wäre es in Glarus wahr geworden. Einfach so, ohne viel Gerede.

Es braucht keine Visionen. Der Sinn fürs Machbare und demokratisches Bewusstsein genügen.

3 Kommentare zu «Glarus braucht keine Visionen»

  • echli "Heiwehglarner" sagt:

    Und fäschte chönds halt super.
    Und der Oscar geht an die Glarner!!

  • Christoph Bögli sagt:

    Als Nicht-Glarner ist es ja schon nur faszinierend, irgendetwas über Glarus zu lesen. Man vergisst ja leicht, dass dieser Kanton überhaupt existiert, geschweige denn, dass dort echte Menschen leben, die sich sogar noch Gedanken machen über so Sachen wie Glarus. Irgendwie putzig und herzerwärmend..

  • w grämer sagt:

    Der Kanton existiert schon noch Herr Bögli.Mindestens mit ehemaligen Spitzensportler .F.Künzli .Fischli.Botteron Fussball.Freuler Rad.Vreni Schneider +Küng Weltmeister Ski. Nur um einige zu nennen die Glarner sind.Auch sind wir stolz auf unseren Glarner Ziger,Glarner Pastete und die Chalberwürste im kulinarischen Bereich.

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