Plötzlich sieht das Mammut alt aus

A boy looks at the skeleton of a mammoth in the Ice Age Museum in Moscow September 4, 2007. In Siberia's northernmost reaches, high up in the Arctic Circle, the changing temperature is thawing out the permafrost to reveal the bones of prehistoric animals like mammoths, woolly rhinos and lions that have been buried for thousands of years. Picture taken September 4, 2007. To match feature ARCTIC-RUSSIA/MAMMOTHS REUTERS/Sergei Karpukhin (RUSSIA) - RTR1TZ21

Wie alt ist dieses Mammutskelett? Ein Knabe in einem Moskauer Museum. Foto: Sergei Karpukhin (Reuters)

Wer sich mit dem Zustand der Umwelt befasst, hat selten genug etwas zu lachen – der globale Temperaturrekord des vergangenen Monats beispielsweise ist furchterregend. Ich will meinen ersten Umweltbeitrag im Politblog deshalb mit einem Witz beginnen: Fragt der Museumsbesucher den Aufseher, wie alt das ausgestellte Mammutskelett sei. «Hunderttausendundacht Jahre.» – «Woher wissen Sie das so genau?» – «Als ich eingestellt wurde, war es hunderttausend Jahre alt, und ich arbeite jetzt seit acht Jahren hier.»

Der Witz, dem ich übrigens in einer Fachpublikation zur Umweltökonomie begegnet bin, ist lustig, weil der Museumsaufseher zeitliche Grössenordnungen durcheinanderbringt. Ich musste in den letzten Wochen zweimal an ihn denken. Erste Gelegenheit war der Vortrag einer Trendforscherin. Sie sollte auf das Jahr 2035 vorausblicken. «Das sind zwei Jahrzehnte», sagte sie. Schauen wir also zwei Jahrzehnte zurück – und wir erkennen ungefähr die Grössenordnung des Wandels: Der war, trotz Internet und Handys, überschaubar. Die zweite Gelegenheit war die Publikation eines Aufsatzes im Wissenschaftsmagazin «Science» vom Januar über das «Anthropozän». Der Begriff steht für ein neues Erdzeitalter, dessen prägendste Eigenschaft die vom Menschen (griechisch anthropos) ausgelösten Umweltveränderungen sind und das das bisherige Holozän ablöst. Das Anthropozän, postuliert der «Science»-Aufsatz, habe um 1950 begonnen.

Auf den ersten Blick gleicht diese Aussage derjenigen aus dem Witz: Man lässt Erdzeitalter nicht in einem bestimmten Jahrzehnt beginnen. Dagegen macht die Trendforscherin alles richtig, wenn sie zwanzig Jahre Zukunft mit zwanzig Jahren Vergangenheit vergleicht.

Auf den zweiten Blick ist das indes weniger klar. Aussagen über die Zukunft machen zu wollen, indem man die Vergangenheit extrapoliert, war immer schon fragwürdig. Man stelle sich vor, jemand hätte im Mai 1914 nur schon die nächsten paar Monate aufgrund von Erfahrungswerten voraussagen wollen. Oder man stelle sich vor, die Trendforscherin hätte die letzten 20 Jahre in einer chinesischen Stadt erlebt, die in dieser Zeit vom Provinznest zur Millionenstadt angewachsen ist.

Die globalen Umweltveränderungen unserer Zeit machen das Extrapolieren historischer Erfahrung aber in viel grundsätzlicherer Weise unsinnig. Vom Menschen ausgelöste Umweltveränderungen mit oft verheerenden Auswirkungen lassen sich bis in die Jungsteinzeit zurückverfolgen, aber im 20. Jahrhundert haben sie sich derart beschleunigt, dass harmlos erscheint, was vorher war. Der Berner Umwelthistoriker Christian Pfister hat diese Beschleunigung vor allem auf die 1950er-Jahre datiert – also auf die Zeit, die nun als Beginn des Anthropozäns definiert wurde – und dafür vor über 20 Jahren den Begriff des «1950er-Syndroms» geprägt. Und die Beschleunigung geht weiter: Seit 1990 hat die Menschheit ungefähr so viel CO2 aus fossilen Quellen in die Atmosphäre geblasen wie in ihrer gesamten Geschichte zuvor. Die Welt, in die ich vor einem knappen halben Jahrhundert geboren wurde, war nach gewissen Kriterien der Welt vor 200 oder gar 2000 Jahren ähnlicher als der heutigen.

Damit droht historische Erfahrung obsolet zu werden. Viele sagen, man könne aus der Geschichte sowieso nichts lernen – aber woraus wollten wir sonst lernen? Wenn es plötzlich einen Unterschied macht, ob ein Mammut hunderttausend Jahre alt ist oder hunderttausendundacht, macht das Angst. Aber ein klein wenig macht es auch frei, denn wenn alles anders wird, ist vieles möglich. Man müsste sich die Freiheit einfach nehmen, alle Trendforscher verlachen wie den Museumsaufseher aus dem Witz und auf Zukunftsszenarien – beispielsweise zur Zunahme des Verkehrs – pfeifen.

14 Kommentare zu «Plötzlich sieht das Mammut alt aus»

  • Rudolf Wildberger sagt:

    Können wir aus der Geschichte nichts lernen? Doch wir können, nur unter Kontrolle werden wir sie nie bekommen. Wir können mit ein wenig Verständnis bestenfalls deren Dynamik ausnützen; so wie ein Wellensurfer die Dynamik eines nicht beherrschbaren Brechers nutzt. Aber ohne Körperbeherrschung und Verstehen der Wellendynamik wird er nur herumgeschleudert. Analog werden Politiker ohne historisches Wissen durch Tagesereignisse und Medienhypes herugeworfen und verlieren die Orientierung.
    Auf die gleiche Art werden wir die Klimaerwärmung nicht stoppen können, höchstens uns anpassen. Ohne Klimaerwärmung durch den Menschen mit der Erfindung der Landwirtschaft (vor 8000 Jahren) wären wir vermutlich wieder am Beginn einer neuen Eiszeit, was sicher unerfreulicher wäre.

    • David Stoop sagt:

      Kontrolle ist natürlich eine Illusion, aber wir können dennoch wesentlich mehr, als nur die Dynamik ausnützen. Wir haben alle Einfluss auf unsere Welt und formen sie laufend. Unsere Ideen und Taten wirken sich auf andere aus und formen Meinungen sowie Verhalten dieser Menschen.
      Um auf Ihr Beispiel zurückzukommen: Man kann die Welle nicht kontrollieren, aber der Bau eines Wellenbrechers verändert die Welt des Surfers nachhaltig und erlebbar, obwohl es doch nur ein paar aufgeschichtete Steine sind.
      Auf die gleiche Weise können wir Klimaveränderungen per se nicht stoppen, aber wir könnten unseren Anteil daran sehr wohl stoppen. Dies würde die ganze Dynamik der Klimaveränderung in neue Bahnen mit neuen Ergebnissen lenken, was auch eine erlebbar andere Welt zurFolge hätte.

      • Rudolf Wildberger sagt:

        Ein Wellenbrecher ist ein Lokaler Eingriff und verändert das Meer nicht wesentlichich. Die Klimaerwärmung ist aber ein globales Problem, dessen Wirkung höchsteens lokal abgemildert werden kann. Wer bei globalen Problemen auf globale Lösungen hofft, verpasst die lokalen Möglichkeiten.
        Vorschläge zur CO2-reduktion sind aber wie Diättyps. Bei einzelnen können sie wirken aber im allgemeinen sind diese längerfristig wirkungslos, weil die psychologischen bzw. wirtschaftlichen Zwänge stärker sind, egal ob Eneriehunger oder Hunger nach Pommes.
        Von diesen nicht lösbaren Widersprüchen leben eine ganze Diätindustrie und die Umweltschutz-NGOs nicht schlecht.

  • Roland K. Moser sagt:

    Die Schweiz kann 5 Millionen Menschen ernähren. Also ist sie um 3,5 Millionen überbevölkert.
    Seltsamerweise ist dies bei der ganzen Umweltdiskussion nicht wichtig.

    • Rudolf Wildberger sagt:

      Das ist nicht seltsam sondern die Folge politisch korrekter Geschichtserblindung, im Übrigen bin ich auch ihrer Meinung.

    • Mike Helbling sagt:

      Inwiefern bezieht sich Ihr Kommentar auf den Beitrag?
      Die Schweiz könnte viel mehr Menschen ernähren, wenn das nötig wäre. Z.B. indem auf Fleischproduktion verzichtet würde, welche ein x-faches an Ressourcen benötigt im Vergleich zur Gemüseproduktion.
      Aber die Schweizer importieren nicht so viele Lebensmittel weil sie müssen, sondern primär weil sie wollen. Wer will auf Bananen und Ananas, Lachs und Meeresfrüchte verzichten? Liegt doch alles bereit bei den Grossverteilern.
      Nicht die Überbevölkerung ist das Problem, sondern die Verschwendungssucht. Zu viele Lebensmittel landen im Abfall statt auf dem Tisch.

      • Roland K. Moser sagt:

        Die schweizer Landwirtschaft kann 5 Millionen Menschen ernähren, weil es noch 1 Million Hektaren Landwirtschaftsland hat. Wir müssen also für die überzähligen 3,5 Millionen jeden Tag die Lebensmittel importieren, weil diese 3,5 Millionen sonst verhungern.
        Die Schweiz ist überbevölkert.
        Mit 5 Personen pro Hektare betreiben wir recht intensive Landwirtschaft. Würde alles biologisch bewirtschaftet, können noch 4 Millionen ernährt werden.
        Im globalen Schnitt sind die 5 pro Hektare recht heftig, denn im Schnitt werden weltweit pro Hektare nur 1 Person ernährt.
        Und:
        Wenn alle Volkswirtschaften dieses Planeten um 40 % überbevölkert sind wie die Schweiz, ist der Planet um 40 % überbevölkert.
        Bezug zum Artikel: wegen der Überbevölkerung und der damit zusammenhängenden Lebensmittelimporte.

        • Hotel Papa sagt:

          Nach ihrer Logik sind Städte ein Unding. Die können niemals ihre Bevölkerung ernähren.

          Es gibt in einer globalisierten Welt keinen Grund, die Schweiz autonom ernähren zu wollen.

          Auf globalem Massstab betrachtet sieht das selbstverständlich anders aus. Diese Systemgrenze ist nicht so ohne weiteres zu durchbrechen.

    • Emil Eugster sagt:

      Da sollten sie die Schweiz dringendst verlassen Herr Moser, sonst verhungern sie …. äh nein, eigentlich sie sollten schon verhungert sein.
      Die Schweiz produziert auch Erdöl für maximal 0.000001% der Schweizer und ist darum überbevölkert – das hat sie bis jetzt noch nie gestört – seltsam …

    • Christoph Bögli sagt:

      Die Ernährungsfrage an einer völlig willkürlichen Grenze festzumachen, ist und bleibt eine eher absurde Rechnung. Wie viele Menschen kann denn New York City ernähren? Offensichtlich wäre nach dieser Logik das dortige Gebiet um mindestens 8 Mio. Menschen überbevölkert. Aber ist das relevant? Wohl kaum.

      Ökologie, Bevölkerungsdichte und Bevölkerungswachstum, sowieh Nahrungsproduktion ist darum wenn schon etwas, das im globalen Rahmen diskutiert werden muss. Eine virtuelle Linie zu ziehen und so zu tun, als würde alles andere nicht existieren, ist hingegen nicht sehr zielführend..

    • Michael Berger sagt:

      Die Produktion von ausgewählten Gütern taugt nicht dazu, die ideale Bevölkerungsgrösse zu bestimmen. Hinsichtlich Autos, Computer, Erdöl, Uran, ….. wäre die Schweiz bspw. 100% überbevölkert. Da wir nicht in der Steinzeit leben und leben wollen, ist es unsinnig einfach nur die Nahrungsmittel betrachten. Ohne Import von Landwirtschaftsmaschinen, Dünger, Pestiziden, usw. (und Erntehelfer) könnten wir übrigens nicht einmal 5 Mio Menschen ernähren.

    • Hanspeter Müller sagt:

      Herr Moser: Zur Zeit werden in der Schweiz über 1/3 der Nahrungsmittel nicht gegessen, sondern weggeworfen. Wenn Ihre Zahlen stimmen würden, dass aktuell 5 Millionen ernährt werden könnten ohne Importe, würde das bedeuten, dass weitere 1,7 Mio zusätzlich ernährt werden könnten wenn die laufende Verschwenderei aufhören würde. Zudem hege ich den starken Verdacht, dass die vorgeschlagenen 5 Mio keinerlei Zusammenhang mit der Ernährungssituation haben (da gibt es nämlich gar keine so detaillierten Zahlen), sondern aus der Berechnung der Schweizer Bevölkerung mit Schweizer Pass stammen. D.h. Ihr Beitrag hat nichts mit Fakten oder Ernährung zu tun, sondern mit Passfarbe und damit mit Rassismus.

  • John Kipkoech sagt:

    Was die Schweiz und wohl weite Teile Westeuropas betrifft, sind wohl tatsächlich riesige Quantensprünge gemacht worden. Aber in weiten Teilen Russlands, Asiens, Afrikas wird noch gelebt wie vor 60 oder 100 Jahren. Was sich geöffnet hat ist die Zivilisationsschere zwischen „arm“ und „hoch-zivilisiert“ – wobei offen bleiben muss wer gesünder lebt ….

  • Dieter Neth sagt:

    Ach kommen Sie! die Schweiz kann locker die doppelte jetzige Bevölkerung ernähren, wenn erst mal die ganzen Parkplätze, Autobahnen und Einfamilienhausareale unter den Pflug kommen. Das wäre doch mal was für die Bauernpartei SVP, oder? Dank des Klimawandels kann man bald auch in den Freibergen Weizenfelder anlegen, und der östliche Jurasüdfuss eignet sich perfekt für Aprikosen, Pfirsiche und Kiwis, vielleicht auch bald Orangen. Zumindest steht all dies ausser Letzeren hier bei uns in Trimbach rum. Wald gibt es ja sowieso schon zuviel, also weg mit dem Zeug. Die Eschen werden ja sowieso alle gefällt weil sie krank sind. Aber ob die Erträge günstiger sind als die Importware?

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