Taxi fahrende Philosophen

Per Gosche

Hätt ich doch was Anständiges studiert… Foto: Per Gosche, Flickr.com

Die Argumente gegen die Ausbildung von mehr eigenen Akademikerinnen und Akademikern sind zahlreich. Besonders beliebt sind diese beiden: Erstens: Wir brauchen nicht generell mehr Akademiker, nur in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Zweitens: Die Geisteswissenschaftler(innen) sind nur deshalb nicht arbeitslos, weil sie in irgendeinem Job landen, für den sie völlig überqualifiziert sind.

Was ist dran an diesen Vorwürfen? Das Bundesamt für Statistik (BFS) hält ein paar Zahlen bereit. Die sogenannte Ausbildungsadäquanz gibt an, ob man im Job seine Ausbildung braucht. Laut BFS arbeiteten 2013 vier von fünf Uni-Masterabsolventen (-innen) in einem Job, für den es einen Hochschulabschluss braucht. An der Spitze liegt die Medizin (98 Prozent), dicht gefolgt von Recht (94 Prozent). Es folgen unter anderem Naturwissenschaften (86 Prozent), Wirtschaftswissenschaften (82 Prozent), Geistes- und Sozialwissenschaften (78 Prozent) und interdisziplinäre Wissenschaften (75 Prozent). Das heisst: Knapp ein Viertel der Geistes- und Sozialwissenschaftler(innen) braucht die Hochschulausbildung nicht für den Job.

Weil der Anteil der Frauen in den Geistes- und Sozialwissenschaften drei Viertel beträgt und zum Beispiel in Wirtschaftswissenschaft nur ein Viertel, sind auch mehr Frauen als Männer davon betroffen.

60 Prozent der Geisteswissenschaftler arbeiten im öffentlichen Sektor, die Hälfte von ihnen als Lehrerinnen und Lehrer. In der Privatwirtschaft arbeiten 40 Prozent, und genau von diesen sind nach fünf Jahren 42 Prozent überqualifiziert. Kein Wunder also, entsteht in der Privatwirtschaft das Bild überqualifizierter Geisteswissenschaftler.

Ist das nun ein alarmierender Befund? Zuerst stellt sich die Frage, was in den Geisteswissenschaften überhaupt «überqualifiziert» bedeutet. Die Geisteswissenschaften sind keine Ausbildungen, die präzise auf einen Beruf hinsteuern. Ist der Journalist, der zunächst in einer Regionalzeitung seine Sporen abverdient, bevor er zu einer Qualitätszeitung wechselt und dort Ressortleiter wird, die ersten fünf Jahre überqualifiziert?

Es soll hier nichts schöngeredet werden. Doch eine Erweiterung der Perspektive lohnt sich. In Europa ist die Schweiz das Land, in dem am wenigsten Akademikerinnen und Akademiker überqualifiziert sind. Zudem ist in einem liberalen Bildungsverständnis die Bildungsrendite nicht das einzige Kriterium bei der Studienwahl. Ein Studium ist mehr als ein rein ökonomisches Mittel zum Zweck. So wie ein Mensch mehr ist als blosses Humankapital. Ein Studium ist eines unserer höchsten kulturellen Güter. Gerade die Geisteswissenschaften haben einen viel weiteren Horizont als die aktuelle Verwertbarkeit. Sie müssen nicht genau zur wirtschaftlichen Nachfrage passen, sie haben eigene Ziele. Dass es gerade diese Diskrepanz ist, diese vermeintliche Nutzlosigkeit, welche wiederum zu Innovation und Flexibilität für die Zukunft führt, ist eine schöne utilitaristische Pointe.