Erstaunlich pragmatisch

Ren Jianxin, Chairman of ChemChina (China National Chemical Corporation), left, and Michel Demare, Chairman of the Board, right, spaek during the annual press conference of agrochemical company Syngenta in Basel on Wednesday, February 3, 2016. Syngenta announced that ChemChina has offered to acquire the company at a value of over US Dollars 43 billion. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Ren Jianxin von Chemchina (links) und Michel Demaré bei der Pressekonferenz zur Syngenta-Übernahme am 3. Februar. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Die geplante Übernahme von Syngenta durch Chemchina wird das Image der Schweiz als Investitionsstandort in Peking verändern. Chemchina ist eines der grossen staatlichen Unternehmenskonglomerate, welche die Expansionspolitik der chinesischen Regierung umsetzen. Schule macht das Syngenta-Beispiel in China, weil bisher fast ausschliesslich privat kontrollierte mittelständische Unternehmen und aggressive Private-Equity-Gesellschaften den Schritt ins Ausland gewagt haben. Beim Schritt eines chinesischen Unternehmens ins Ausland von einem Paradigmawechsel zu sprechen, wäre falsch. Der Paradigmawechsel liegt anderswo.

In der Schweiz befinden sich schon die Uhrenmarken Eterna und Corum in chinesischer Hand. Der Kupferspezialist Swissmetal wurde 2013 von der mittelständischen Hightech-Gruppe Baoshida übernommen. Die in den letzten Jahren stark gewachsene Jingsheng-Gruppe hat Saurer in der Textilmaschinenindustrie auferstehen lassen. Alle Schweizer Beispiele haben Gemeinsamkeiten: Nicht chinesische Manager führen die Unternehmen. Die Marken konnten gestärkt werden und die Produktion findet weiterhin in der Schweiz statt.

Die chinesische und die Schweizer Mentalität ähneln sich erstaunlicherweise in verschiedenen Punkten: Chinesischen Unternehmen sind reine Finanzkonstrukte suspekt. Sie handeln pragmatisch und suchen den Return on Investment in erster Linie, indem sie den chinesischen Markt für die übernommenen Unternehmen durchlässiger machen. Dies macht durchaus Sinn: Europäischen Managern sind viele Möglichkeiten verbaut, wenn sie sich in China ohne chinesische Sparringspartner bewegen. Denn die kulturellen Hürden liegen in Mainland China und machen den Markt weiterhin schwierig. Die pragmatische Art, wie Investitionen gemacht werden, darf nicht mit dem Verhalten der neuen chinesischen Mittelklasse verwechselt werden. Sie gilt als sehr risikofreudig und verschuldet sich beispielsweise für Börsenspekulationen. Als Unternehmer handeln Chinesen anders.

Die Syngenta-Übernahme kann aus zwei Gründen als Paradigmawechsel Schule machen: Erstens wegen der neuen Grössendimension. Und zweitens wegen der Tatsache, dass ein staatliches Konglomerat und nicht ein privat finanziertes und unabhängig geführtes Unternehmen als Käufer auftritt. Regierungskreise werden Syngenta als Testfall ansehen. Die wachsende Kritik aus der Schweiz dürfte in Peking auf Unverständnis stossen. Andererseits ist sich die politische Führung bewusst, dass die chinesische Volkswirtschaft nicht ohne weitere Öffnung wachsen kann. Für die internationale Expansion ist insbesondere die Personaldecke in der chinesischen Industrie zu dünn. Kaum ein Topmanager der 100 grössten chinesischen Unternehmensgruppen verfügt über Auslanderfahrung. Dies wird sich erst ändern, wenn die Generation der heute 30- bis 40-Jährigen in die entscheidenden Positionen gelangt. Diese ambitionierten Manager sprechen Englisch und haben sich im Ausland ausbilden lassen. Viele von ihnen bleiben jedoch dort, weil Karrierechancen und Lebensqualität als besser erachtet werden.

Daher dürfte in naher Zukunft die internationale Expansion von chinesischen Unternehmen eine der wenigen Möglichkeiten bleiben, um die chinesische Wirtschaft nachhaltig zu entwickeln.

Wachstum durch Auslandexpansion gilt auch für den chinesischen Banken- und Finanzsektor. Als traditioneller Finanzplatz dürften dabei Schweizer Banken im Fokus von Peking stehen. Bis jetzt hat sich der Schweizer Regulator standhaft gewehrt, chinesischen Investoren Einlass zu gewähren. Dazu zählen die Versuche der diskreten Übernahme von kleineren Schweizer Privatbanken. Staatliche Unternehmen und noch mehr private chinesische Unternehmen und Familien versuchen, im Ausland möglichst eigenständig und unabhängig vorgehen zu können. Deshalb spielen bei den bekannten Übernahmen in der Schweiz kantonale oder überregionale Standortförderungen keine Rolle. Eine Tatsache übrigens, der sich Bund und Kantone nicht verschliessen sollten.