Was Köln verändern kann

Am Dienstag, 25. November 2014 stand ich frühmorgens mit einer Gruppe SP-Politikerinnen und Politiker vor dem Bundeshaus und verteilte Flugblätter und Gipfeli an Parlamentarier anderer Parteien. Wir wollten damit auf den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen aufmerksam machen. Und endlich mehr Schutz für die Opfer und Massnahmen gegen Sexismus und Gewalt einfordern.

Die gut gemeinte Aktion wurde von Politikern rechts der Mitte mit Unwillen zur Kenntnis genommen und lautstark verhöhnt. Ein SVP-Nationalrat hatte gar eine ziemlich obszöne Geste dafür übrig. Die im Vorfeld angekündigten Journalisten tauchten – trotz Beteiligung von Bundesrätin Simonetta Sommaruga – nicht an der Aktion auf. Der Einsatz gegen Gewalt und Sexismus an Frauen? Nein, das gehörte bisher wahrlich nicht zu den Forderungen rechter Politiker und Medien.

Seit den Übergriffen der Silvesternacht in Köln scheint das anders. Seither wurde öffentlich viel über Sexismus, sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gewalt geschrieben. Dabei lag der Fokus vor allem auf Ausländern, die krimineller seien als «wir Nordeuropäer», die sich gefälligst an «unsere Kultur und Werte» anzupassen hätten und die vor allen Dingen hart angefasst und ausgeschafft werden müssten. Über Lösungen und dringend notwendige Massnahmen im Kampf gegen sexualisierte Gewalt wurde allerdings kaum diskutiert.

Wir müssen die Dinge beim Namen nennen.

Gegen Gewalt an Frauen: Die Aktion «Model für einen Tag» in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Foto: Mauricio Dueñas Castañeda (Keystone)

Gegen Gewalt an Frauen: Ein Opfer eines Säureangriffs lässt sich schminken für die Aktion «Model für einen Tag» in Bogotá, Kolumbien. Foto: Mauricio Dueñas Castañeda (Keystone)

Die Verbrechen von Köln waren in ihrer Vorbereitung und ihrem Ausmass sicherlich besonders gravierend. Diese Taten müssen zügig und umfassend aufgeklärt und die Täter hart bestraft werden. Wenn sexuelle Übergriffe in Zukunft aber verhindert werden sollen, reicht das nicht. Dann müssen wir die Dinge endlich beim Namen nennen.

Sagen, dass 35 Prozent aller Frauen weltweit mindestens einmal in ihrem Erwachsenenleben einen körperlichen oder sexuellen Übergriff erleben und in der Schweiz zwei von fünf Frauen irgendwann in ihrem Leben ein direktes Opfer von Gewalt werden. Dann müssen wir schreiben, dass sexuelle Gewalt ein globales Problem ist, dass Ausländerinnen in der Schweiz überproportional betroffen sind und die Täter Schweizer und ausländische Pässe haben. Und dann müssen wir klar benennen, woran das liegt: an nach wie vor unterdrückenden Rollenbildern, an menschenverachtenden Ehre- und Eigentumsvorstellungen und fehlendem politischem Engagement dagegen.

Hier braucht es unsere Stimme und unsere Tat. Immer, überall und ausnahmslos. Unter dem Titel #ausnahmslos meldeten sich in einem öffentlichen Manifest nach den Kölner Übergriffen Hunderte Feministinnen und Feministen, Kulturschaffende, Politikerinnen und Politiker und Fachleute zu Wort und verlangten den Kampf gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus als politische Priorität.

Die Forderungen sind nicht neu. Aber wenn Köln dazu dienen soll, irgendetwas zu verändern, müssen sie endlich beherzigt werden. Dann braucht es einen besseren Schutz vor häuslicher Gewalt und eine Stärkung der Arbeit der Beratungsstellen – auch finanziell. Dann braucht es mehr öffentliche Aufklärungsarbeit und geschlechtersensible Pädagogik. Und auch die Medien müssen ihre Verantwortung übernehmen, dürfen die Opfer sexueller Gewalt nicht länger verhöhnen, müssen ihre Bildsprache von Sexismus und Rassismus befreien. Sexismus und andere Diskriminierungsformen müssen als Nährboden für Gewalt verstanden und als reale Probleme anerkannt werden.

Allein, mir fehlt der Glaube. Die Heuchler, die sich jetzt lautstark über die Täter von Köln empören und über die patriarchale Struktur anderer Religionen referieren, werden die ersten sein, die den Kampf gegen diese Strukturen verhindern.

Gegen sie, die Rattenfänger und Heuchler, die aus den Kölner Vorkommnissen politischen Profit zu schlagen versuchen, müssen wir genauso kämpfen wie gegen die sexistischen Übeltäter im Kleinen und im Grossen. Sodass in Zukunft endlich gilt, was das #ausnahmslos-Manifest engagiert einfordert: «Alle Menschen sollen sich von klein auf, unabhängig von ihrer Ethnie, sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität, Religion oder Lebensweise, sicher fühlen und vor verbalen und körperlichen Übergriffen geschützt sein: egal ob auf der Strasse, zu Hause, bei der Arbeit oder im Internet. Ausnahmslos. Das sind die Grundlagen einer freien Gesellschaft.»