Mehr Künstler braucht das Land!

In der Rubrik Bildung des Politblogs geht es um aktuelle Themen der Bildungspolitik. Autoren sind Andreas Pfister (Leitung), Philipp Sarasin, Patrik Schellenbauer und verschiedene Gäste.

Fangen wir mit zwei Ereignissen an, die ganz offensichtlich oder zumindest scheinbar nichts miteinander zu tun haben.

Ereignis #1: Während des 2. Weltkrieges setzte die amerikanische Regierung eine geheime Armee-Spezialtruppe ein, die später unter dem Namen «Ghost Army» bekannt werden sollte. Diese 1100 Mann starke Truppe bestand fast ausschliesslich aus Künstlern, Designern und Architekten. Ihre Aufgabe war, durch neuartige und unerwartete Aktionen den Feind zu verwirren. Sie simulierte mit Attrappen grosse Militärverbände an unterschiedlichen Orten vor und täuschte so die deutsche Armee über die wahre Stärke und Konzentrierung der US-Truppen. Die strategische Bedeutung der «Ghost Army» war so gross, dass ihr Bestehen bis 1996 geheim gehalten wurde (offenbar hielt man sie auch im Kalten Krieg als strategische Waffe bereit).

Ereignis #2, 2016: Vor wenigen Wochen stand in der «Zeit» zu lesen, dass die Arbeitslosigkeit von Kunsthochschul-Absolventen/-innen zwei Jahre nach Abschluss des Studiums bei 1,9 Prozent liegt (die Zahlen stammen vom Bundesamt für Statistik). Das ist die Hälfte der gesamtschweizerischen Arbeitslosenquote.

In ausserordentlichen Zeiten braucht die Gesellschaft Menschen, die ausserordentlich zu denken und zu handeln vermögen.

«Anytghing to Say?»: Skulptur in Genf zum Whistleblower-Skandal.(Keystone)

«Anything to Say?»: Skulptur in Genf zum Whistleblower-Skandal.(Keystone)

Was wäre aus diesen Fakten zu lernen? Ereignis #1 zeigt, dass die Regierung einer Weltmacht ein ausgeprägtes Gespür, ja ein Wissen davon hat, dass in ausserordentlichen Zeiten die Gesellschaft Menschen braucht, die ausserordentlich zu denken und zu handeln vermögen.

Ereignis #2 ist ein Hinweis darauf, dass es ganz offensichtlich auch heute, und mehr denn je, einen gesellschaftlichen Bedarf an Menschen gibt, für die das Aussergewöhnliche das Normale ist. Menschen, die entschieden haben, das Gängige zu hinterfragen, gegen den Strich zu bürsten und Neues experimentell zu erproben und zu schaffen.

In der rohstoffarmen Schweiz ist oft die Rede davon, dass im digitalen Zeitalter der einzige Rohstoff der Schweiz Bildung und Wissen sei. Für ein Zeitalter, in dem jene Formen von Arbeit, wie sie heute vor allem in «creative industries» zu besichtigen sind, gesellschaftlich immer bedeutender werden, sind Kunsthochschul-Absolventen/-innen bestens gerüstet: sie haben ihre Kreativität praktisch und theoretisch erprobt und ausgelotet, sie haben gelernt, in Alternativen zu denken und zu handeln, sie sind gewohnt, Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und sie zu reflektieren, sie verfügen über Umsetzungskompetenzen für ihre Ideen, sie sind flexibel (in vielfacher Hinsicht), sie haben gelernt, Entscheidungen zu fällen, und, vielleicht das Wichtigste: Sie haben eigene Ideen entwickelt, immer kritisch, ausserhalb, gegen und in Auseinandersetzung mit dem Mainstream.

En bref: Will die Schweiz die Anforderungen der Zeit meistern, gilt: mehr Künstler/-innen braucht das Land! «Krumme» Biografien von Leuten wie Steve Jobs, Mark Zuckerberg oder Jaron Lanier sind Beispiele dafür, dass ein Denken und Handeln auf der Höhe der Zeit geeignete Umgebungen für die produktive Entwicklung individuellen Potenzials voraussetzt. Umgebungen, wie sie Kunsthochschulen einzigartig zur Verfügung stellen und immer schon gestellt haben.