Schluss mit dem Wachstumswahn!

Die Wirtschaft und deren Politiker möchten ein möglichst starkes Wachstum der Wirtschaft. Darum sind sie an möglichst vielen Einwohnern interessiert. Denn Unternehmen, Banken und Versicherungen können mit 12 Millionen Einwohnern Umsätze erzielen, die ein Drittel grösser sind als mit 9 Millionen Einwohnern. Von Migros oder Coop über die Bauwirtschaft bis zu Versicherungen und Banken profitieren alle. Denn wenn sich mehr Menschen hier ansiedeln, können sie mehr von ihren Lebensmitteln, Möbeln, Immobilien oder Medikamenten verkaufen, mehr Häuser und 6-spurige Autobahnen bauen. Damit erzielen sie höhere Umsätze und Gewinne, ohne sich anstrengen zu müssen.

Pro Kopf gerechnet bliebe das Bruttoinlandprodukt (BIP) allerdings unverändert. Der grössere Kuchen würde einfach auf 12 statt auf 9 Millionen Menschen aufgeteilt. Bereits seit dem Jahr 2000 wächst die Wirtschaft zu mehr als der Hälfte nur «dank» dem Wachstum der Bevölkerung. Doch das wachsende Bruttoinlandprodukt verbessert die Lebensqualität vieler Menschen schon lange nicht mehr. Im Gegenteil: Mehr Wohnlagen mit Lärm, zersiedelte Landschaften, längere Reisen zur Arbeit, längere Wege in die Natur, weniger Bewegung, mehr Stress. «Die Bevölkerungszunahme hat zwei Drittel der Bevölkerung nicht reicher, sondern ärmer gemacht», bilanzierten die Wirtschaftsautoren Philipp Löpfe und Werner Vontobel in ihrem Buch «Aufruhr im Paradies».

Die Wirtschaft träumt von einer ewigen Steigerung der Konsumausgaben.

Die Wirtschaft träumt allerdings nicht nur von einem ewigen Wachstum der Bevölkerung. Sie träumt auch von einer ewigen Steigerung der Konsumausgaben pro Person. Erfreulicherweise gelingt es dem Erfindergeist, dass wir die gleichen Waren und Dienstleistungen mit immer weniger Arbeit herstellen können. Man nennt das Produktivitätsfortschritt. Dieser erlaubt uns, ENTWEDER für die gleichen Bedürfnisse weniger zu arbeiten, ODER gleich viel zu arbeiten und dafür immer mehr Produkte zu kaufen. Die Konzerne möchten das Zweite: Wir alle sollen unseren Konsum möglichst steigern. Euphorisch meldet die Tagesschau, die Wirtschaft sei jetzt um 1,8 statt «nur» 1,2 Prozent gewachsen. WAS denn genau gewachsen ist, wird nicht erwähnt. Den Wachstumspredigern ist es egal, ob mehr Häuser energetisch saniert oder mehr Zweitwohnungen gebaut wurden, ob mehr Velos oder mehr benzin- und rohstofffressende Offroader verkauft wurden. Hauptsache, die Wirtschaft und das BIP wachsen.

Diese Verschwendungswirtschaft der Industriestaaten ist schon längst nicht mehr enkeltauglich. Selbst die bereits lebenden 3,5 Milliarden Menschen in China, Indien und Afrika könnten unmöglich so leben wie wir. Trotzdem sollen wir jedes Jahr noch mehr konsumieren und noch mehr Energie, Rohstoffe und fruchtbares Land für uns beanspruchen. Die Wachstumspolitik der Industriestaaten hinterlässt dem Rest der Welt und den eigenen Nachkommen einen geplünderten Planeten, hochradioaktiven Atommüll und einen riesigen finanziellen Schuldenberg.

Zum Glück spüren immer mehr Menschen, dass ein blinder Wachstumswahn unsere Lebensqualität und diejenige unserer Nachkommen verschlechtert. Eine konsequente Raumplanung, einen besseren Landschaftsschutz, eine ökologische Steuerreform, Kostenwahrheit im Verkehr, Einschränkungen für Wegwerfprodukte, das Abschaffen der Mengenrabatte beim Stromverbrauch und so weiter haben die Mehrheiten in unseren Parlamenten und im Bundesrat bisher bekämpft und verhindert. Das Verbot von Zweitwohnungen hebeln sie praktisch aus. Für alle diese Anliegen hatten sich die meisten Ecopop-Initianten und -Sympathisanten eingesetzt, jedoch vergeblich.